Geh weg, alter Mann, geh doch weg. Ich habe dieses Garten­haus nicht gemietet, um von dir be-​lästigt zu wer­den. Wer bist du über­haupt? Wäre ich ehrlich, so müsste ich sagen, ich kenne von dir nur den Schat­ten. Schat­ten­wer­fer. In diesen Tagen, so lang sie auch dauern mögen, wün­sche ich nie­man­den zu sehen. Es war schwer genug, die Ver­mi­eterin zu vertreiben. Dieser Weg ist mein Weg, der Kies, der unter meinem Schritt knirscht, ist mein Kies. Ich lasse ihn knirschen, ich habe noch viel mit ihm vor. Er scheint es zu ahnen, so wie er da liegt. Er sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Er bekommt auch keins, Strenge muss sein. Kies bleibt Kies.

Wann, wenn nicht jetzt, wäre es an der Zeit, mich… wie sagt man… anzu­bi­eten? Dem Arbeits­markt zuführen, her­rliche Phrase. Eine stör­rische Ziege, nicht leicht zu hand­haben, aber mit ein wenig Zure­den geht es. Ich mache Kar­riere. Die Agen­turen locken, an mir kommt keine vor­bei. Ich muss nur die Hand ausstrecken, schon ändern die Ange­bote den Kurs und stürzen auf mich zu. Warum mich ver­ber­gen? An allen Kiosken liegt mein Gesicht aus, ich sehe es den Verkäufern an, prüfend schie­len sie zu mir herüber, die Frauen lächeln ein wenig mitlei­dig, aber das kennt man. Geteiltes Leid ist dop­pel­ter Ein­trag. Übri­gens kaufe ich prinzip­iell keine Hefte, die sich mit mir befassen. Ich lehne das ab. Schon im voraus weiß ich, dass der Ver­rückte dahin­ter sein Unwe­sen treibt. Er hasst mich, er will mich fassen. Ich kön­nte ihm ent­ge­hen, wie nicht, nie würde er mich aus­findig machen, gäbe ich ihm nicht hin und wieder ein Zeichen. So halte ich ihn unter Dampf. Unser Spiel dauert, es ist zäher als so manche Beziehung, ich habe das vorher nicht gewusst. Jetzt weiß er, dass ich es weiß. Komis­cher­weise scheint er daran nichts Anstößiges zu finden – im Gegen­teil, langsam wächst der Ver­dacht, meine Schritte kön­nten vorab seine Bil­li­gung finden. Das allein reicht, um ihre Zahl zu ver­dop­peln. Immer werde ich ihm voraus sein, mag er doch glauben, was er will. Übri­gens glaube ich, dass auch er – auch er! – unter seiner Mut­ter lei­det. Er weiß es nur nicht. Er glaubt, er sei seines Vaters Sohn. Das glaube ich nicht. Der Mann, gegen den er sich sperrt, ist nicht sein Vater. Das müsste ich wis­sen. Der Mann, gegen den er sich sperrt, ist seine Mut­ter. Sie hat ihn aufge­zo­gen, nun läuft er herum. Sie bleibt unsicht­bar, sie hat die Hände im Spiel, das weiß doch jede.

Eingek­lemmt sitze ich zwis­chen Büch­ern. Links stapelt sich Frauen­lit­er­atur, was immer das heißen mag, rechts der Rest: über dem boden­deck­enden, aber unles­baren Fou­cault Musils Mann ohne Eigen­schaften, Célines vir­ile Kitschnum­mer und Svevos Senil­ità, der unver­mei­dliche Brod­key und schließlich Updike, wohin das Auge blickt – die san­fteste Intel­li­genz, die mir je zwis­chen Buchdeck­eln zugelächelt hat, vielle­icht täusche ich mich auch. Ich kön­nte die Stapel ver­rücken, es mir bequem machen, aber das kommt nicht in Frage. Ich will es so, wie es ist. Es ist recht. Ich weiß, das stimmt so nicht, aber es macht mir nichts aus. Es macht mir nichts aus. Außer­dem wüsste ich nicht, welcher Stapel mich mehr bedroht: der linke oder der rechte. Entschei­den kann ich das nicht, höch­stens durch Ein­sturz. Noch bin ich beweglich genug, noch schlüpfe ich zwis­chen bei­den hin­durch. Ob ich da oder weg bin, die Stapel küm­mert es nicht.

Oder doch? Schließlich bin ich die ide­ale Leserin, bringe meine Erfahrun­gen ein, will etwas her­aus­bekom­men, ohne zu wis­sen was. Manch­mal, während ich sin­nend in der Lek­türe ver­harre, ertappe ich mich dabei, dass ich mir Flechten ins Haar drehe. Ein Wun­der. Ich habe recht, das ist bil­lig, ich habe recht. Einer um den anderen gibt mir recht, das muss eine Epi­demie sein, ich nicke ihnen auf­munternd zu, nehme ihre Huldigun­gen ent­ge­gen, ern­sthaft, wie es sich gehört, auch wenn das Kich­ern sich in mir Bahn zu brechen ver­sucht, hin­ten, im Kehlkopf, ich lass es nicht durch, stelle immer neue Warn­schilder auf, die es ablenken und ver­wirren sollen, im Grunde Ein­schüchterung, grauen­haft hört sich das an, aber so ist es nicht. So ist es nicht. Eher bin ich ver­legen, weiß nicht, was ich dage­gen tun kann. Eigentlich sollte ich es gewähren lassen, es ist meine älteste Fre­undin, Feindin sowieso, ich weiß gar nicht, warum es so herz­drück­end wichtig ist, dass es jetzt keine Chance bekommt. Das ist es: keine Chance.

Vor mir ein aufgeschla­gener Band, darin eine Grafik: Holz– oder Linolschnitt, ich kann das nicht entschei­den. Ich meine: nicht wirk­lich. Ich starre ihn an, denn da gibt es etwas zu sehen. Etwas wie ein Regal, dreimal drei offene Fächer, das ergibt neun, ragt aus etwas, das ein Fluss sein kön­nte, wäre es nicht auf allen vier Seiten beschnit­ten. In den qua­dratis­chen Fäch­ern – ich weiß nicht, ob sie qua­dratisch sind, aber ich nehme es ein­mal an – sitzen nackte Fig­uren, mit Aus­nahme einer weinen­den Mag­dalena im Mit­telfach, die ihren Kopf ver­hüllt und ein kurzes Kleid zu tra­gen scheint – ich weiß nicht, warum ich sie ›weinende Mag­dalena‹ nenne, aber sie kommt mir so vor –, mit dieser Aus­nahme also sind alle Fig­uren nackt, vielle­icht machen sie sich nichts vor, das kön­nte sein. Bes­timmt soll es so sein, denn ein Paar so eben noch aus dem Wasser ragen­der Beine zeigen an, dass hier ger­ade jemand ins Wasser geht, und das hat immer etwas zu bedeuten. Was also bedeutet der Mann oben links, dem Inhalt der anderen Waben zuge­wandt, in die er wahrschein­lich gar nicht hinein­blicken kann? Er sitzt auf einer Art Schemel und stützt sich den Kopf mit der rechten Hand, er grü­belt also, aber es ist kein ein­wärts gewandtes Grü­beln, son­dern eines, das den anderen Waben gilt, in denen eine Galerie junger Frau sich in unter­schiedlichen Posen mit ihren Kindern beschäftigt – bei der let­zten Wabe, rechts unten, bin ich mir nicht sicher, ob es eine Frau ist, ehrlich gesagt, halte ich diese Figur eher für einen Mann, die Beine sind eckig gehal­ten und die ganze Figur wirkt gelöst und ver­schlossen in einem, das reicht doch fast fürs Geschlecht, oder? Der Kün­stler, den ich nicht kenne, lebt in New York, das macht aus dem liegen­den schwarzen Quadrat den Hud­son, aus den offe­nen Waben Apart­ments in einem Hochhaus – hun­derte, tausende, die Infor­ma­tion verzig­facht das zu Sehende.

Nach den Zehen zu urteilen ist die Figur, die ins Wasser taucht, ein Mann, und ich bin dem Kün­stler dankbar, dass er offen lässt, ob es aus sportiver oder final­isieren­der Absicht geschieht. Nach und nach gehen mir die Sym­me­trien auf, die das Bild durchziehen: die im Wasser ver­schwinden­den Beine sind die des darüber sitzen­den Mannes unten rechts, nur gespiegelt: Ist es sein Kon­ter­fei, das vergeht? Ist es er selbst, eine Szene später? Wo ist das Kind hingekom­men? Oder han­delt es sich um den Ein­samen oben links? Ziehe ich die Per­spek­tive mit in Betra­cht, so vol­lzieht sich der Unter­gang unmit­tel­bar zu Füßen der trauern­den Mag­dale­nen­figur: Ver­hüllt sie deshalb ihr Gesicht? Vielle­icht ist der Ein­same nicht so ein­sam, wie er sich vorkommt, min­destens zwei der so eifrig mit der Kinderpflege befassten Müt­ter nehmen auf ihn – rein for­mal, will mir scheinen – irgend­wie Bezug; das schot­tet die Waben nicht weniger ab, aber eine Art Fin­gerzeig wird es sein. Wie Kün­stler so sind. Der Mann hinge­gen mit dem Kind auf den Knien, er kommt mir immer mehr vor wie eine Chronos-​Figur, einer, der seine Kinder frisst, jeden­falls über­schle­icht mich ein krummes Gefühl, wenn ich ihn ansehe.

Im Zen­trum, von allen Seiten umschlossen, sitzt die Trauernde, die mich, vielle­icht zu Unrecht, an eine Mag­dalena erin­nert. Plöt­zlich fällt mir auf, dass ihre Zelle als einzige eine Öff­nung besitzt: ein Git­ter­fen­ster, das auf den Chronos-​Typ geht, von dem sie sich aber abge­wandt hat. Um wen also mag sie weinen: um den Ertrink­enden? Um das Kind, das vom Vater ver­schlun­gen wird? Warum glaube ich, dass sie weint? Sie hält die Hand vors Gesicht: erschrocken also, entsetzt? Vielle­icht kommt das Entset­zen von innen und nichts von dem, was um sie herum vorgeht, kommt in sie hinein? Mir fällt das Eck­ige, wie abgeschnit­ten Wirk­ende ihrer Schul­ter auf. Schon wächst meine Antipathie: Was ist das für eine? Was will sie? Worauf sinnt sie? Wie sieht ihr Stück vom Kuchen aus und wie will sie an ihn her­ankom­men? Vielle­icht täuscht sie mich, vielle­icht täuscht sie alle, vielle­icht hat sie Grund, ihr Gesicht zu ver­ber­gen? Vielle­icht ist es Scham, die sie bewegt. Worüber? Über das, was vor ihren Augen geschieht? Vielle­icht will sie ein­fach nicht hin­se­hen, das kön­nte ich ver­ste­hen. Über­haupt ver­stehe ich gut. Ich hasse sie.

Ich hasse sie. Mag sein, dass ich mich hasse, aber soweit will ich nicht gehen. Diese Phrase, sie bedeutet mir nichts, sie macht mich taub. Selb­sthass, was soll das sein. Vielle­icht hasse ich mich in der Frau auf dem Bild, aber – sie ist ein Bild, nicht wirk­lich, und vor allem: sie ist nicht ich. Keine Rolle, ein Bild. Aus meiner Rippe geschnit­ten, ein Sitz­bild. Nie wird sie auf­ste­hen, das unter­schei­det uns. Eine Menge unter­schei­det uns. Da wäre zum Beispiel… Während ich nach­denke, kön­nte ich schnell einen Kaf­fee kochen, was hältst du davon? Draußen reg­net es Bind­fä­den, wie meine Mut­ter immer sagte, solange sie noch etwas sagte, da wärmt man sich besser von innen. Du kannst einen brauchen, ich seh es dir an. Ich auch, aber davon ein­mal abge­se­hen, frage ich mich, was ich mit all den Noti­zen hier anfan­gen soll. Wenn du willst, kannst du sie mit­nehmen und zer­stück­eln. Den Rest musst du dann ver­bren­nen, Ehren­wort? An meiner statt. Das wäre doch ein lustiges Autodafé, ich stelle mir vor, wie ich langsam in Rauch aufgehe… an das andere will ich nicht denken, das ist ekel­haft. Ich bin im Nach­denken weiter gekom­men, ja, ich bin weiter gekom­men. Ich erkenne mich nicht in der Trauern­den, das ist der Punkt. Meine Trauer – wenn man davon sprechen will –, sitzt woan­ders, ich möchte nicht sagen tiefer, das wäre nur eine Phrase, es ist nicht soviel um sie herum, sie sitzt eher am Rande, ein wenig abseits, ein wenig daneben – ja, daneben, das ist das Wort, warum bin ich nicht gle­ich darauf gekom­men. Meine Trauer ist ein wenig daneben, sie sitzt dort, wo bei anderen die Lebenslust sitzt oder was sie dafür hal­ten. Im Sitzen, ja, im Sitzen kommt sie der anderen gle­ich. Sie ist eine sitzende Trauer, das kön­nte doch für sie ein­nehmen, oder? Die Lust auf Neues, sie ist mir zur Trauer gewor­den, so kann ich es sagen. Vielle­icht liegt da auch der Grund, dass ich mich nicht in der Trauern­den auf dem Bild erken­nen kann: was mich von ihr unter­schei­det, ist ger­ade das.

Ja, ich bin eine Trauernde. Wenn ich mich frage, worum ich trauere, ver­schwimmt das Bild. Das ist vielle­icht nicht schade, aber es behin­dert mich. Ja, es behin­dert mich. Ich komme mir älter vor, aber nicht reifer, abgeschoben, obwohl ich es so gestellt habe. Aber das ist nicht wahr, es wurde gestellt. Vielle­icht: Es hat sich gestellt. Höre ich meine Land­sleute im Osten reden – ich höre sie über­all, im Radio ebenso wie an der Super­mark­tkasse –, so denke ich: Es hat sich gestellt. Es geht euch wie mir. Man denkt, es geht los – das eigene Leben, die eigene Zeit –, aber es stellt sich nur um. Du wirst neu grup­piert, das gibt dir ein luftiges Gefühl. Der Schreck geht tief, du wirst dich von ihm nicht mehr lösen. Dabei ver­misse ich nie­man­den. Nur abgeschnit­ten zu sein, die Empfind­ung geht mit. Ein stiller Begleiter. Ungestillt, aber das wird sich legen. Ein Stiller. Um meine Tochter tut es mir leid. Ich ver­misse sie, wir hät­ten uns gut ver­standen, ich kön­nte dem Arzt die Augen ausstechen, aber ich gestehe, er kann nichts dafür. Er am wenig­sten, obwohl… er geht nach Hause wie die anderen – deswe­gen, nur deswe­gen musste er mich so anse­hen. Rasende Weiber. Wollen alles sofort, müh­e­los, dafür gehen sie weit. Zu weit, sagte sein Blick, aber ich halt mich da raus. Sie sind mit der Macht im Bund, deshalb halt ich mich raus. Aus ihren Augen strahlt dieses Ver­trauen auf ferne Instanzen, teils irrsin­nig, teils gerecht­fer­tigt, auf so einen Tanz kann ich mich nicht ein­lassen. Hat er Recht? Hat er Unrecht? Sind wir Geze­ich­nete der Macht? Unberührbare? Das wäre absurd. Ander­er­seits: ich habe Michael an seine Mut­ter ver­loren – so etwas soll vorkom­men, so etwas gibt es im Leben, aber das hier ist nicht das­selbe. Ich habe ihn ver­loren, weil keine Macht da war, die sie… die sie… ach, es ist auch egal. Sie ist eine Frau, ich bin es auch. Ich hätte sie aushe­beln kön­nen, aber um welchen Preis. Um mich an ihre Stelle zu set­zen? Um einen Auto­maten zu kom­mandieren? Um eine Satrapie zu ver­wal­ten? Meine mir von der Gesellschaft zur Plün­derung über­lassene Satrapie? In welche Tyran­nei sind wir da hineingeglit­ten, ohne es wahr zu haben, ohne es wahr haben zu wollen?

Macht, Magie der Gesellschaft. Dieses Huschen, hier­hin und dor­thin, die Leichtigkeit, mit der Stel­lun­gen genom­men, die für andere völ­lig unein­nehm­bar sind, Posen zur Schau gestellt wer­den, die, sollte man meinen, ein ganzes Leben in etwas anderes, ein trans­porta­bles Gemälde zum Beispiel, ver­wan­deln. Tierchen im Klet­terg­erüst, an drei Stellen fix­iert, der vierte Greifer hat frei, schein­bar, das ist der Spiel­trieb, der nach Höherem langt oder etwas Fes­tem, das es nicht gibt, das es nicht geben kann, denn der Druck ist all­ge­gen­wär­tig. Klet­ter­wand über der Kippe, von Laut­sprech­ern beschallt, hur­tige Spiele.

Ich leide, ich bin eine Frau. Nein: ich leide, ich bin ein Men­sch. Das ist eine Tat­sache, keine Ver­hand­lungs– oder Gerichtssache, keine Verschluss-​Sache, nur bei einem Glas Cognac zu öff­nen; sie setzt eine Tat voraus, eine Eingangs-​Tat, einen Mord vielle­icht, irgen­dein Mord wird es sein, so wie alle darüber reden oder auch schweigen, wird es ein Mord sein, aber ich bin nicht dafür gemacht, mich davonzustehlen. Friedenss­chluss über erkalten­dem Leich­nam: Men­sch. Über Sip­pen­gren­zen hin­weg: Men­sch. Über Staats– und Sys­tem­gren­zen: Men­sch. An der Geschlechts­grenze stockt der Fuß; Mut­ter, im Schmud­del­parka, pfeift ihre Hündin zurück. Zu spät, das Unglück ist schon geschehen. Welches Unglück? Ich drehe mich um, sehe hin­ter mich, da liegt schon das Elend, im Blick, worin sonst? Gestern war alles Auf­bruch, die Grenze, ger­ade diese, vol­lkom­men unsicht­bar, von bei­den Seiten, woher der Drahtver­hau? Nur zu bluten ergibt keinen Sinn. Sex ist kein Ersatz. Oder doch? Aber dann, wenn das so ist, stellt sich die Frage: Für wen? Zu wessen Vorteil? Wie lädiert muss man sein, um daraus seinen Vorteil zu ziehen?

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