28.

Dem Greifenden ist meist For­tuna hold. – 1725, den zweiten April – als hätte der erste um jeden Preis ver­mieden wer­den müssen – in Venedig geboren, aufgewach­sen, in Padua zum Dok­tor bei­der Rechte pro­moviert, Dichter, Abbé und Lebe­mann, erste Reisen nach Korfu, Kon­stan­tinopel, Rom, Neapel, Mai­land, Genf, Prag, Dres­den, Wien – der kleine Zyk­lus, Fahrten, die stets an ihren Aus­gang­sort zurück­führen, die Mitte, Venedig, das Maß – bis er sich eines Nachts, nicht ganz zwan­g­los, zu einer anderen Fahrt entschließt, zur Reise ins Innere der Biber­re­pub­lik, an ihr heim­liches Zen­trum: Am 25. Juli 1755 befindet sich Gia­como Giro­lamo Casanova – bek­lomme­nen Gemüts, wie er später schreibt, und wir haben, so ver­sich­ern uns jeden­falls neuere Biographen, kaum jemals Grund, an seinen Worten zu zweifeln – auf dem Weg in die Bleikam­mern, das Staats­ge­fäng­nis, denun­ziert als der, der er ist und wohl einiges mehr. Als er es knapp einein­halb Jahre später – von selbst gefer­tigten Spießen, gereimten Kas­si­bern, dumm­boshaften Helfern und tölpel­haften Auf­se­hern geht da die Rede, von durch­broch­enen Däch­ern, gigan­tis­chen Leit­ern, aber­gläu­bis­chem Schnickschnack, schier über­men­schlichem Ein­satz und, wie anders, von nichtsahnend-​erbarmungsvollen Frauen­hän­den – auf ungewöhn­lichen Wegen ver­lässt, ist ein Mythos geboren, und der for­tan, uner­müdlich die Kar­ren­furchen und Schlaglöcher der Alten Welt erprobend, die Län­der Europas wie Bein­klei­der wech­selt, weiß, dass die Empfehlungss­chreiben und Schmäh­briefe, diese fliegen­den Blät­ter des Ruhms, schon bere­itliegen, wohin er sich immer wen­det: ein Emi­grant, der auf die Insti­tu­tio­nen seiner Vater­stadt nichts kom­men lässt, ein lebendi­ger Garant überdies für die Richtigkeit seiner Botschaft, dass die Welt keine Mauern hat, den einzel­nen, der weiß, was er will, und der die Gele­gen­heit zu ergreifen ver­steht, an der Aus­führung seiner Pläne zu hin­dern – die Frauen vor allem hören es gern, und die Wis­senden schweigen. Ein Emi­grant aus der Reihe derer, die, unter den Bedin­gun­gen des Exils, sich ihrer Prov­inzial­ität zu entledi­gen wis­sen um der Durch­führung der Per­son willen – »voraus­ge­setzt, man beginnt rechtzeitig und hat eine feste Konstitution.«

29.

Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen. – Paris und Bern, Avi­gnon, Nizza, Mar­seille, Genua und Wolfen­büt­tel, Lon­don, Berlin, Warschau, Köln, Peters­burg und Madrid, Saragossa, Mont­pel­lier, Wien – über­all Beziehun­gen; glanzvolle Auftritte, Tri­umphe und Ausweisun­gen. Ein solches Leben muss ein Geheim­nis bergen, muss seine Hin­ter­gründe haben, weil es soviel Vorder­grund bietet. Welchen anderen Zweck ver­folgt also wohl, neben dem der Selb­st­darstel­lung, jene mon­u­men­tale His­toire de ma vie, die ero­tis­che Lebens­be­ichte, als den, beiläu­fig abzu­lenken von den obskuren Geschäften, den geheimen Aufträ­gen und ver­schwiege­nen Dien­stleis­tun­gen, den großen Intri­gen und kleinen Machen­schaften, Sta­tio­nen einer Kar­riere im Ver­bor­ge­nen, im Schat­ten der Mächte, deren Effizienz er an sich so ein­drucksvoll hatte erfahren dür­fen? Ein Lib­ertin auf Abruf, sozusagen. Man muss nur die Pro­por­tio­nen zurechtrücken, die Hin­weise dechiffrieren und die Gerüchte, die ihn umgeben, als Teil des Rufs nehmen, der ihm vorau­seilt und die Großen und Hal­b­großen wis­sen lässt, an wem sie sind, welche Art von Umgang mit ihm sich emp­fiehlt, von geschäftlichem Umgang, so wie man mit Pfan­dlei­h­ern verkehrt. In der Tat: sein stets wacher Blick, seine Men­schenken­nt­nis, seine Umar­mungstak­tik, sein moralisch-​technisches Geschick, seine sozialen Vor­lieben – schwer zu entschei­den, in welchen Kreisen er sich lieber aufhält: unter Leuten von Stand oder solchen, die sie mimen –, dies alles, zusam­menge­hal­ten mit seinen unbe­stre­it­baren, gren­züber­schre­i­t­en­den Erfol­gen, qual­i­fiziert ihn, vor jeder bes­timmten Hand­lung, zum Spion in einem Jahrhun­dert, klatschsüchtig und geheimniskrämerisch, uni­ver­sal und sesshaft wie das seinige. Ganz außer Zweifel ist die Aura des Zweifel­haften, die ihn umgibt und die selbst das Unbezweifel­bare durchtränkt, sein For­mat. Der Ruf dieses Mannes ist sein Charak­ter. Zwis­chen den Ochsenkar­ren der Händler, Schausteller­fuhren und gele­gentlichen Equipa­gen die eige­nen Mit­tel von Post­sta­tion zu Post­sta­tion über­schla­gend, reiht er sich in den nie ver­siegen­den Strom aus dien­st­fer­ti­gen Mil­itärs, skru­pel­losen Aben­teur­ern und undurch­sichti­gen Agen­ten, der die Res­i­den­zs­traßen des alten Europa wässert und die Häuser der Mächti­gen netzt, ein Mann des Zwielichts. Schließlich, so haben wir ihn am lieb­sten: mutig und beschla­gen, häu­fig im Unklaren über das Gewicht seiner Erken­nt­nisse, präzise und anmaßlich, den aben­teuer­lichen Zug seiner Erkun­dun­gen eitel her­ausstre­ichend, wirk­liche Gefahr dabei eher weg­w­er­fend behan­delnd, stets sug­gerierend, im Mit­telpunkt der Ereignisse ges­tanden zu haben, ein Spion, unserer vielle­icht, seiner Zeit, Fre­und oder Feind?

30.

Wenn er dir steht, so hast du’s weit gebracht. – Seine Moral ist die seiner Zeit, und dieser Gemein­platz hört auf, einer zu sein, sobald man sich klar­ma­cht, dass es tat­säch­lich eine Moral der Gemein­plätze ist, in der er sich sanft und sicher bewegt, eine Moral, wie sie die Spatzen von den Däch­ern schreien – und er hat ein waches Ohr für der­lei Geschrei –, eine Moral, in der es Tölpel und Intri­g­an­ten, Nar­ren und Weise, Ver­führer und Ver­führte, Aris­tokraten und Gauner gibt, auch Welt­flucht, gewiss, doch nicht jenes ein­wärts gekehrte Sich-​in-​sich-​selbst-​Fühlen des isolierten Gemüts, das jeden Augen­blick ein moralis­ches Uni­ver­sum pos­tuliert, weil ihm das natür­liche abhan­den gekom­men ist – eine Moral ohne Moral­ität, dieses Marken­ze­ichen des bürg­er­lichen Zeital­ters. Die moralis­che Defizienz des Wirk­lichen ist kein Gedanke, der Casanova beun­ruhigt, er kennt ihn nicht und wüsste mit ihm nichts zu begin­nen. Seine Beutezüge gel­ten dem Sta­tus quo, der noch zu seinen Lebzeiten zum Sta­tus quo ante wird: In ihm sam­melt sich die Weltken­nt­nis des Ancien régime, um in einer nut­zlosen, doch lustvoll über­liefer­ten Anstren­gung zu ver­puffen. Über die Franzö­sis­che Rev­o­lu­tion spricht er nie anders als über ein ver­dammenswertes Ver­brechen, sie liq­ui­diert seine Moral. Gle­ich­wohl gehört er zu den Gestal­ten, welche die Irri­ta­tio­nen einer neuen Epoche in die alte Gesellschaft hinein­tra­gen. Der Kava­lier, der Spieler, der homme de let­tres sind Ver­mum­mungen des Erfol­gs­men­schen Casanova, der seine Erfolge der Spezial­isierung ver­dankt, einer Tugend im Wer­den. Wenn, nach dem Urteil eines späten Lieb­habers alteu­ropäis­cher Adelsethik, es den Aris­tokraten vom Bürger unter­schei­det, dass man fragt, was er ist, und nicht, was er kann, so trifft das den Nicht­bürger Casanova, der zu sein prä­tendiert; was er kann, steht außer Frage, gericht­sno­torisch sind die Zweifel an seiner schillern­den Exis­tenz. Zum Dubiosen, das ihn umgibt, gehört der alchimistis­che Hokus­pokus, der seine Opfer ein­lullt und ihm die Taschen füllt – hier plün­dert er Rest­bestände eines älteren Wis­sens, eines älteren Wis­senschaft­sty­pus. Voraus­deu­tend sind seine medi­zinis­chen Ken­nt­nisse und der ful­mi­nante Gebrauch, den er von ihnen macht: »Ich fühlte mich immer für das andere Geschlecht geboren, daher habe ich es immer geliebt und mich von ihm lieben lassen, so viel ich nur kon­nte.« Der Satz enthält das naive Selb­st­porträt dessen, der mit seiner Begabung ernst gemacht hat. Das Studium des Kör­pers geht dem Studium der Kör­per voraus. Der Spezial­ist erkun­det seinen Gegen­stand und prüft seine Instrumente.

31.

Gern biss’ ich hinein, doch ich schau­dre davor. – Das ländliche Milieu, Grafen und Gräfinnen, hält die Topoi des Liebesspiels schon bereit: Eine Pächters­frau, neu­ver­mählt und, wenn man’s glaubt, auf­fal­l­end durch ihren Man­gel an sozialer Intel­li­genz, über die Casanova nichts geht, erregt die Neugier des Siebzehn­jähri­gen; ein sachkundi­ges Pub­likum applaudiert und ermuntert, nur die Schöne ver­sagt sich; gle­ich schwillt der Kamm, wird der Ver­fol­ger zum Ver­fol­gten. Die Heim­fahrt von einer Lust­par­tie, aufziehen­des Gewit­ter, weib­liche Hys­terie und entschlossenes Zugreifen, flüchtig als Galanterie getarnt, entschei­den das Spiel zu seinen Gun­sten. Es ist sein Gesel­len­stück. Später wird die Sache leichter, doch auch gefährlicher: von einem Casanova ver­langt man, dass er Erwartun­gen erfüllt, und er wäre der let­zte, sich zu ver­weigern. – Ein groteskes Bild: die zwis­chen Blitzen dahin­ras­sel­nde Kutsche, peitschen­schwin­gend der Kutscher und über die vor Entset­zen und aus anderen Grün­den erstar­rte Dame sich krüm­mend der Held, mit einer Hand den von Wind und Regen gebeutel­ten Man­tel mehr alle­gorisch als tat­säch­lich über die Szene bre­i­t­end, eine Szene an der Grenze zur Verge­wal­ti­gung, eine soziale Verge­wal­ti­gung, immer­hin, und nach Fahrtende das Trinkgeld für den Kutscher. Es ist eines der Bilder, in denen sich die Zeit bespiegelt, und wie sie, gestochen von der Hand sachkundi­ger Meis­ter, in den Kabi­net­ten adliger Samm­ler zu vorg­erück­ter Stunde, ken­ner­haft zwis­chen Dau­men und Zeigefin­ger gedreht und gewen­det, aufmerk­same Blicke und anek­doten­re­iche Kom­mentare auf sich zogen. Eine Szene, ver­gle­ich­bar der berühmteren, die den Aben­teurer anlässlich der Hin­rich­tung des Königsat­ten­täters Damiens am 8. März 1757 in Paris in der Rolle des Zuschauers zeigt. Casanova hat, dem Brauch fol­gend, Fen­ster­plätze gemietet. Während drun­ten auf dem Mark­t­platz das Opfer königlicher Rachejus­tiz von glühen­den Zan­gen zer­ris­sen wird, hebt der Begleiter des Chro­nis­ten der leicht erhöht vor ihm ste­hen­den, mit ver­schränk­ten Armen auf die Fen­ster­bank gestützt unver­wandt dem Spek­takel bei­wohnen­den Dame die Röcke zu einem lang­wieri­gen Akt ohne Worte, dessen Höhep­unkte der amüsierte Tatzeuge akribisch verze­ich­net: »Ich bewun­derte seinen der­ben Appetit und, mehr noch, die schöne Erge­bung der from­men Dame.« Als das Stück aus ist, sind die Gesicht­szüge des Herrn unverän­dert fröh­lich und frisch, die der Dame eine Spur nach­den­klicher als sonst. Das war’s. Der dop­pelte Tabubruch und seine Genüsse dik­tieren die Rollen; das Entset­zliche kul­miniert mit dem Lächerlichen.

32.

Mordgeschrei und Ster­bekla­gen! /​Ängstlich Flügelflat­ter­schla­gen. – Nie zetert Casanova hem­mungsloser, als wenn sich ihm eine Frau aus moralis­chen Grün­den ver­sagt. Diesen Trick hat er den Aufk­lär­ern abgeschaut und ins Per­sön­liche gewen­det: seine Lei­den­schaft, seine Begier, das ist der Ruf der Natur, sich ihm zu ver­weigern ist Unnatur – kalte Berech­nung und schnöder Eigen­nutz im einen, fin­sterer Aber­glaube und kindis­che Gespen­ster­furcht im anderen Fall. Im ersten Fall ist die Frau – er wird nicht müde, es zu beteuern – ein Mon­strum, aller Ver­ach­tung wert, im zweiten ein Opfer, bedauern­swert, dun­kler Mächte und Ver­schwörun­gen: die Jesuiten sind’s, die Antipo­den, die der lachende Freimau­rer in jedem der ver­meintlichen Tugend, das heißt dem Vorurteil abge­lis­teten Geschlecht­sakt übertölpelt – das ist sein Stil, großer Stil, der es ablehnt, mit trügerischen Ver­sprechun­gen, der es vorzieht, mit hand­festen Erfül­lun­gen zu argu­men­tieren. So im Fall der schö­nen Nichte, der fleis­chge­wor­de­nen Unschuld, der, kaum aus dem klöster­lichen Gewahrsam ent­lassen – auch sie in jesuit­is­chen Hän­den –, bin­nen eines halb­stündi­gen Gesprächs am Kam­in­feuer, nur halb­wegs wis­send, wie ihr geschieht, die Ehre wider­fährt, den Samen des Unbekan­nten von ihren Fin­gern wis­chen zu dür­fen, wenige Schritte von der kon­ver­sieren­den Tante ent­fernt – sie habe nun, doziert der Aufk­lärer, eine bes­timmte Anschau­ung von etwas bekom­men, das ihr bisher nur als nebel­hafte Vorstel­lung geläu­fig gewe­sen sei; »eine sehr bes­timmte Anschau­ung«, antwortet sie und beugt sich zum Feuer, um als­bald den prüfenden Griff des Dok­tors an ihrem Geschlecht­steil zu spüren: »Sie stand voll Würde auf, set­zte sich wieder hin und sagte sanft und mit vielem Gefühl, sie sei ein Mäd­chen von Stand und glaube Achtung beanspruchen zu dürfen«;dieses Mäd­chen, Stand hin, Stand her, schreibt ihm wenige Tage später einen Brief, in dem sie ihm die Ehe anträgt, um der Zwang­sheirat mit einem Kauf­mann zu ent­ge­hen, den sie nicht kennt – einen Brief, der ihn rührt, ein Ange­bot, das er unmöglich auss­chla­gen kön­nte, es sei denn, die Umstände zwän­gen ihn dazu – tat­säch­lich tun sie’s. »Bleiben Sie ruhig und lassen Sie den Kauf­mann nur kom­men. Sie kön­nen unter allen Umstän­den auf mich zählen. An dem Tag, für den man die Ver­trag­sun­terze­ich­nung ansetzt, wer­den Sie nicht mehr im Haus Ihrer Tante sein.« Damit sind die Regeln gek­lärt, und die Lieben­den versinken in Wol­lust. Die Philoso­phie – wohlge­merkt: Casanovas – unter­bricht nicht das Geschlechter­spiel, son­dern schme­ichelt es seinem Höhep­unkt zu; sie vertreibt die Gespen­ster und schüt­telt die Bet­ten auf.

33.

Unschätzbar ist, was niemals wiederkehrt. – In die klas­sis­che Helden­vita – Auf­stieg und Nieder­gang, Tri­umph und Fall – wählt Casanova den Nebenein­gang. Der Heros erscheint mit Ver­spä­tung, vielmehr, er ist bere­its da, bevor er bemerkt wird, bevor er bemerkt wer­den kann – ein blödes Kind, das spät begreift, doch dann umso rascher, um bin­nen kurzem die Gle­ichal­tri­gen zu über­flügeln, so, als müsste das Genie erst ges­taut wer­den, bevor es mit Macht her­vor­bricht. Lap­i­dar teilt der Bio­graph das Datum seiner zweiten, seiner geisti­gen Geburt mit: »Das Organ des Gedächt­nisses entwick­elte sich bei mir Anfang August 1733; ich war damals acht Jahre und vier Monate alt.« – Das ›Organ des Gedächt­nisses‹ gilt als der Ort des Begreifens – eine zweite, erhöhte Lebens­bühne, auf der der Schaus­pieler zwis­chen Req­ui­siten selbst Regie führt. Man ahnt unschwer die kün­fti­gen Hyper­tro­phien dieses Organs, von denen sich die Eit­elkeit des Schrift­stellers nährt, seine let­zte Potenz. Aus erin­nerungslosem Dunkel tritt der kindis­che Genius über­gangs­los in die Taghelle des erin­nern­den Bewusst­seins. Sogle­ich liefert er Proben einer umfassenden Denkkraft. Der ger­ade Neun­jährige – es ist sein Geburt­stag – macht eine Schiff­s­reise auf dem Brentakanal. Schlaftrunken erliegt er dem Wahn, die das Ufer säu­menden Bäume seien über Nacht ins Laufen ger­aten. Von der Mut­ter darüber aufgek­lärt, dass, ganz im Gegen­teil, er sich mit­samt dem Schiff fort­be­wege, während die Bäume ruhig an ihrem Fleck ver­har­rten, schließt er sofort, über­raschend und per analo­giam, dann sei es wohl möglich, »dass auch die Sonne sich nicht bewegt, vielmehr unsere Erde von Osten nach Westen rollt«: Nichts gerin­geres als die Kopernikanis­che Ein­sicht, den staunen­den Erwach­se­nen – die in ihr, mit Aus­nahme eines Poeten und ›freien Geistes‹, noch keineswegs zu Hause zu sein scheinen – aus dem Kin­der­mund souf­fliert, ver­mag die Größe des Vor­gangs zu illus­tri­eren. Die Ent­deck­ung gle­ich­sam nachent­deck­end, in der, als in ihrem Ursprung, sich die neuzeitliche Ver­nunft bespiegelt, ent­deckt sich der neue Heros der Welt, der Mem­oiren­schreiber der Nach­welt. Die Fackel der Ver­nunft wirft den Glanz magis­cher Illu­mi­na­tion – ein alter Mann, ver­sunken ins Zer­e­moniell des Gedenkens – als sei er der gewe­sen, von dem geschrieben steht –, entwirft in seinen Gedächt­nisübun­gen plan­mäßig den Helden der Epoche und über­liefert ihn dem Gedächt­nis der Menschheit.

34.

Die Stel­lung, seh’ ich, gut ist sie genom­men. – Schaus­pielerin­nen, Pros­ti­tu­ierte, Damen in Geld­not und auf dem Weg ins gesellschaftliche Abseits – zweitk­las­sige Eroberun­gen, wie Ernst Jünger meint, der den Rat gibt, sich dann doch eher an das Vor­bild Lord Byrons zu hal­ten; dort finde man die Ero­tomanie mit Dis­tink­tion gepaart. Der Dichter, für den das Studium der Stamm­bäume dem sex­uellen Rap­port voraus­geht, er irrt, wie die Forschung dankenswert­er­weise enthüllt. Casanova beschläft auch, wenn er ver­schweigt. Diskre­tion ist Standessache. Doch in der Tat lassen nicht die Begehrlichkeiten des Snobs diesen Mann hand­grei­flich wer­den, son­dern die des Reisenden; da gibt es Unter­schiede. – Die Kutsche steht bepackt, die Gäule wer­den eingeschirrt, Casanova in Reisek­lei­dern, let­zte Ver­hand­lun­gen mit dem Wirt, als der Kutscher sich nähert und unter Bück­lin­gen, stock­end erst, dann flüs­siger redend, dem Ersuchen einer frem­den Dame sein Wort leiht, einer Dame, die bit­ten lasse, den frei gebliebe­nen Kutschen­platz beset­zen zu dür­fen, welchem Wun­sch sie mit finanziellen Ange­boten Nach­druck zu geben wisse, aus einer wirk­lichen Not­lage her­aus, weswe­gen es wohl ange­bracht sei, ihm stattzugeben … Man erregt sich, forscht weiter, beruhigt sich; die Unbekan­nte ist schön, ihr Begleiter abhan­den oder im Begriff abhan­den zu kom­men, schon rollt die Kutsche, noch wer­den erste höfliche Floskeln getauscht, als der reisende Kava­lier sich bere­its ent­flammt sieht; er wird die schöne Unbekan­nte besitzen, und das darf er dann auch, zu wech­sel­seit­igem Entzücken, bis ihn die Verpflich­tun­gen des Aben­teur­ers aufs Neue ein­holen und er die Geliebte, die Ange­betete, die Göt­tin einem befre­un­de­ten Baron in reiferem Alter verkup­pelt – »wie hätte ich den Bedürfnis­sen meiner Göt­tin auf die Dauer Rech­nung tra­gen, wie also hätte ich sie an mein unstetes Leben fes­seln kön­nen, ohne mich an ihr zu verge­hen?« In ver­schiede­nen Vari­anten kehrt diese Geschichte wieder, eine sim­ple Geschichte, mit Traum­resten behaftet und erzählt in einem heiter-​elegischen Ton­fall, im Ton­fall dessen, den unter seinen Geschichten diese vielle­icht am ungreif­barsten ver­rät. Wem sie zu schlicht klingt, der lese sie als Alle­gorie: Während die dis­tin­guierten Wahrheiten von Staat und Reli­gion hin­ter gelassener Maske unruhig die Ankunft des Aufk­lär­ers erwarten – mis­strauis­che, in die Jahre gekommene Schön­heiten –, durchträumt dieser das Märchen von einer neuen Wahrheit, einer, die sich seiner Sinnlichkeit unverse­hens enthüllt, und die er doch wird abtreten müssen – der Schrift­steller als Vorkoster der Mächti­gen, kein unalltäglicher Fall.

35.

Ein schön Gebild, das sich so zier­lich regt. – »Gegen Ende Sep­tem­ber 1763 machte ich die Bekan­ntschaft der Charpil­lon, und an diesem Tage begann mein Ster­ben.« Der dies schreibt, schickt sich an, die Geschichte einer Begeben­heit aufzuze­ich­nen, die er ›entset­zlich‹ nennt, die Chronik eines befremdlichen, lang­wieri­gen und stum­men Kräftemessens mit einer Lon­doner Pros­ti­tu­ierten, in dem er immer neu unter­liegt, bis zur let­zten Demü­ti­gung, dem Entschluss zum Selb­st­mord. Sein ›guter Genius‹, ein befre­un­de­ter Kava­lier, führt den Schwank­enden – in seinen Taschen die Bleikugeln, sich zu ertränken – vom Them­seufer fort und in das Lokal, in dem, vor aller Augen, die tot Geglaubte (tot durch seine Schuld) ein Menuett tanzt und es ihm, endlich, wie Schup­pen von den Augen fällt. Es ist die Geschichte von Hybris und Sturz des Erfol­gsver­wöh­n­ten, der sich erlaubte, eine Geliebte öffentlich zu annoncieren, und dem nun das Schick­sal selbst in Gestalt eines weib­lichen ›Dämons‹ in den Weg tritt. Hier ist alles bedeut­sam: der Schau­platz, die ›Riesen­stadt Lon­don‹, die Schuh­schnallen, welche die Siebzehn­jährige, einemakel­lose Schön­heit‹, bei der ersten Begeg­nung trägt – Casanova hat sie ihr drei Jahre vorher, unter ganz anderen Umstän­den, gön­ner­haft zum Geschenk gemacht –, die Vordeu­tun­gen, die Erin­nerun­gen. Der erste Akt dieser klas­sis­chen Tragödie ist die Geschichte eines Gele­gen­heit­skaufs, bei welchem dem hochfahren­den, bere­its gewarn­ten Cheva­lier ein Miss­geschick unter­läuft: Er hat die Ware bezahlt, ohne sie zu bekom­men, sein sportlicher Ehrgeiz erwacht. Der zweite Akt spielt, zu neuen Kon­di­tio­nen, im Haus der Ware: Eine lange Liebesnacht hin­durch – zu der die Mut­ter der Dirne die Kissen geschüt­telt und die Decken gelegt hat – ver­harrt sie unverän­dert in einer Pose, in der sie, »zusam­mengekauert, mit gekreuzten Armen, den Kopf auf die Brust gelegt, in ihr langes Hemd eingewick­elt«, den zunächst liebevollen, schließlich bru­talen Attacken des Bettgenossen trotzt. – Gele­gen­heit­shure, ehrbare Dirne, Mätresse und Dame Schäferin – in jeder dieser Rollen per­fekt, reizt sie den Gele­gen­heitscheva­lier auf bis zur Besin­nungslosigkeit, um ihm das Eine, Entschei­dende, zu ver­weigern, die Pen­e­tra­tion. Nur ein­mal, als sie ihn auf­sucht, ganz anspruch­slose Geliebte, sperrt er sich – eine ver­passte Gele­gen­heit, so meint er später, ein Zwis­chenidyll. In der stren­gen Folge der Auftritte, der Serie von Demü­ti­gun­gen, hat das Mobil­iar seine eigene Stelle; so haftet am Ende das Bild eines Lehn­stuhls, den man für Casanova her­an­schafft, um den Wider­stand der Charpil­lon auf mech­a­nis­chen Wege zu brechen: ein sin­nre­ich erfun­denes Möbel­stück voll ver­steck­ter Fed­ern, die sich lösen, »sobald ein Men­sch sich hinein­setzt. Der Vor­gang vol­lzieht sich sehr schnell – zwei Fed­ern umk­lam­mern die Arme, zwei weit­ere bemächti­gen sich der Knie und spreizen die Schenkel, die fün­fte hebt den Sitz kräftig an«. Casanova verzichtet, doch ist die Beschrei­bung für unsere Ken­nt­nis des Erfind­ungsre­ich­tums in einem Jahrhun­dert, das die Frei­heit erfand, unschätzbar.

36.

Die bloße Wahrheit ist ein sim­pel Ding. – Wäre es nötig, die Begeg­nung Casanova – Voltaire mit einem Emblem zu bedenken, es wäre das von Hahn und Pfau. Tre­f­fender kön­nte das Arrange­ment nicht sein: vom milden Haller kom­mend wen­det sich das Aben­teuer dessen uner­schöpflichem Thema zu, den berühmten Mann in Les Délices auf­suchend, sich ihm stel­lend inmit­ten eines Hof­s­taats von Kava­lieren und Damen – sie sollen auf ihre Kosten kom­men. Was auf­fällt, ist dieses unge­meine Sich­spreizen bei­der Parteien; es zeigt, worauf Casanova von Anfang an aus ist, und auch, dass Voltaire die Her­aus­forderung rou­tiniert annimmt – da ist keiner, der dem anderen den Vor­tritt lassen möchte, genau darum geht es. Und alles ist The­ater: drei Tage Tragödie, die Helden schla­gen sich um die höch­sten Werte Europas – das Gewicht eines Ariost-​Verses hier, eines Tassoni-​Wortes dort –, und dann das Satyr­spiel, der oblig­ate Dis­put über die Men­schen­natur und den Aber­glauben, diese ›Bestie‹, wie Voltaire ihn nennt, welche das Men­schengeschlecht zu ver­schlin­gen dro­hte, worauf Casanova ent­geg­net, sie ver­schlinge nie­man­den, sei vielmehr notwendig zum Beste­hen der Men­schheit – über diese, Voltaire zufolge, ›furcht­bare Lästerung‹ also wech­selt man For­mulierun­gen aus der Kladde: Hobbes und Locke, Notwendigkeit und Frei­heit, der Sou­verän und die Stände. »Und Sie gehören doch zum Volk«, ruft Voltaire aus – Sie sind doch Volk, soll das heißen –, als Casanova die Monar­chie vertei­digt, die in den Augen des anderen ein Despo­tismus ist, unverträglich mit den Frei­heit­srechten der Völker. Zwar speist man gut beim Dichter nach des Gasts Bemerkung, doch diesen Früchten vom Baum der Erken­nt­nis fehlt es an Frische des Geschmacks. Der Leser, beun­ruhigt, nimmt Zuflucht zu einer Hypothese: Aus welchem Grunde wohl provozierte Casanova diesen dür­ren Dis­put – denn das tut er, in der Tat –, einen Dis­put, in dem er sich darauf beschränkt, dage­gen zu hal­ten, wenn nicht eben das seine Absicht wäre: den anderen vorzuführen, späte, sub­tile Rache für erlit­tene Unbill in diesem Tre­f­fen der Eit­elkeiten zu üben. Die Miniatur des Philosophen, der nicht in Form ist, mit spitzem Pin­sel ent­wor­fen und sorgsam einge­fügt in die Bestand­sauf­nahme der alten Gesellschaft, wie sie der Mem­o­rist erfahren hat und zu ver­ste­hen glaubt, sie denun­ziert den Denkstil des Antipo­den als thetisch und rev­o­lu­tionär und erfahrungs­blind; man kennt die Gle­ichung. Seine Form, fast über­flüs­sig zu sagen, stellt er, Casanova, solange der Besuch dauert, all­nächt­ens ver­schwen­derisch unter Beweis – ein wohlgenährter Gast im Stall Epikurs.

37.

Wie das Gek­lirr der Spaten mich ergetzt! – Gia­como Giro­lamo Casanova, genannt Jacques, Sohn der Zanetta Farussi und des aus Parma gebür­ti­gen Schaus­piel­ers Gae­tano Guiseppe Casanova oder des venezian­is­chen Edel­manns Michel Gri­mani, Raupe oder Schmetter­ling, stirbt am vierten Juni des Jahres 1798 als Bib­lio­thekar des Grafen Wald­stein, eines Nach­fahren Wal­len­steins, auf Schloss Dux unweit von Teplitz, nach jahre­langer angestrengter Schrift­stellerei – unter den Resul­taten ein lateinis­ches Epi­taph auf den Tod seines Fox­ter­ri­ers Melampyge, auch die Mitar­beit am Libretto des Don Gio­vanni ist ver­bürgt – infolge einer nicht diag­nos­tizierten Krankheit, nach­dem er sich ein Leben lang mit Diag­nosen her­vor­ge­tan hat: Mate­r­ial für Biographen, die durch seine Mem­oiren dazu ange­hal­ten wer­den, ein Gle­iches zu ver­suchen – sein oder ihr Leben, wer weiß das schon. Das uner­hört Grif­fige dieser Mem­oiren dürfte nicht zuletzt darauf beruhen, dass der größte Teil ihres Mate­ri­als Anek­doten sind, – Anek­doten, die durch vielfach wieder­holtes Erzählen in die präg­nan­teste Form gebracht, zugeschlif­fen wur­den, längst bevor ihnen der Autor ihren Ort im imag­inierten Lebens­gang zuwies. Sie sind das Handgeld des Aben­teur­ers, der für seine Gegen­wart mit klin­gen­der Münze bezahlt. Manche der Anek­doten darf der Leser im Entste­hen erhaschen, wenn der Held bei Tisch, vor gereiftem Pub­likum, über den Fort­gang seiner aktuellen Amouren berichtet. Doch man täusche sich nicht: Dieser Mann reist mit Papieren, in lit­er­arischer Absicht, er treibt seine Stu­dien, er ver­liert keine Zeit, es ist ihm Ernst. Stücke wie die Flucht aus den Bleikam­mern sind Vor­griffe in strate­gis­cher Absicht, zweifel­los wichtig, sie geben Kon­tur – doch zur geschmei­dig­sten aller Gat­tun­gen wird die Auto­bi­ogra­phie im Riesen­ge­bilde der His­toire, in Wahrheit einem Kom­pendium der Gat­tun­gen, deren Kon­ven­tio­nen der Autor gekonnt umspielt; der erfahrene Erotiker kennt auch hier die Neben– und Hauptzugänge und weiß sich ihrer sou­verän zu bedi­enen. Ein Meis­ter der Vari­a­tion, nicht der Nuance; ein böh­mis­cher Bib­lio­thekar am Ende, sich katzbal­gend mit dem Gesinde, die der­ben Scherze seines ein­fälti­gen Herrn fas­sungs­los, doch mit Würde ertra­gend, Pan­dek­ten ord­nend, hier und da zwis­chen den Bestän­den einen Platz reservierend für Kün­ftiges, die Werke des Cheva­lier de Seingalt.

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