1.

Mein Men­schen­bild ist das der Literatur.

2.

Das klingt, fürs erste, nach einer Ein­schränkung und einer Lizenz. Die Ein­schränkung (›Lit­er­atur‹) scheint jenem weitesten Aus­blick zu wider­sprechen, den Herder dem Men­schen einst attestierte und der Wis­senschaft vom Men­schen, der Anthro­polo­gie, als Anfang emp­fahl. Hinge­gen scheint die Lizenz unmit­tel­bar aus dieser Ein­schränkung her­vorzukom­men. Schließlich ist die Lit­er­atur, wenn nicht die Mut­ter, so die Ver­bre­i­t­erin aller Welt– und Men­schen­bilder. Ohne sie ent­behrte die Welt des Lichts und der Wärme: so dachten die Aufk­lärer, während der eine oder andere Roman­tiker ger­ade Zeiten, die ohne sie auskom­men mussten, von einem edlen Men­schen­tum bewohnt sein ließ, das durch ihr Auf­tauchen in ern­ste Gefahr kom­men sollte. Die Dif­ferenz ver­dankt sich weniger dem Bild des Men­schen als dem der Lit­er­atur, manche sagen, der Schrift, und ver­weisen in dem Zusam­men­hang auf die seit Pla­ton durch die Texte geis­ternde Vor­liebe für mündliche Kom­mu­nika­tion, für Oral­ität, also für eine sprach­liche Kom­mu­nika­tions­form, die ohne das Sub­sti­tut der Schrift und des Aufgeschriebe­nen auskommt.

Die Lit­er­atur, das deutet sich hier bere­its an, besitzt kein Men­schen­bild. Aber sie trans­portiert sie alle. Auf diesem Trans­portweg geschehen selt­same Dinge. Das liegt zum Teil daran, dass sie das Zurück­kom­men auf das, was bere­its ein­mal ver­han­delt wurde, unge­mein erle­ichtert und unge­mein erschw­ert. Erle­ichtert, weil sie das Gedächt­nis ent­lastet und einen gewis­sen Schutz gegen das Vergessen bietet (natür­lich kön­nen auch Texte vergessen wer­den), erschw­ert, weil, sobald irgendwo ein Text sich ein­schiebt, man leichter auf ihn als auf die Sache zurück­kommt, um die es in ihm geht. Der Text schiebt sich ein: er lässt sich her­aus­holen, aus­bre­iten, unter­suchen, während die Besin­nung auf die Sache noch schweigt oder Zeit braucht. Der Text geht der Sache voraus. Dadurch erzeugt er eine Art fort­laufender Iter­a­tion, an der sich das Ver­ste­hen von Mal zu Mal, und zwar jedes­mal anders, formt. Er selbst redet und schweigt, gibt und ver­weigert Auskunft – jeden­falls diejenige, die jeder Sprecher redend den anderen und sich selbst gibt und die sich in der hochrituellen Formel kund­tut: »Ich denke (meine, glaube, bin der Überzeu­gung etc.), dass…« Man missver­steht diese Formel, wenn man sie als let­ztlich redun­dan­ten Hin­weis auf den per­for­ma­tiven Akt des Redens oder die logis­che Form des Urteils nimmt. Wirk­lich deutet sie auf einen Stand der Gedanke­naus­bil­dung, der sich nicht zwin­gend dem aktuellen Sprecher ver­dankt, ihn aber nötig hat, um sich kundzutun.

Ein als unver­rück­bar geset­zter Glaube unter­liegt nicht allein der Ero­sion in der Zeit. Genau betra­chtet verbindet er sich in jedem Denkakt mit neuen Inhal­ten und geht als ein anderer aus dieser Verbindung her­vor. Dieser an sich ein­fache Sachver­halt wird dadurch ver­dunkelt, dass Glaubens– und Überzeu­gungssätze sich per se der Iter­a­tion ver­danken. Im Fluss des sich immer­fort neu an den Welt­gegeben­heiten ori­en­tieren­den Über­legens sind sie das­jenige, worauf man zurück­kommt oder zurück­zukom­men wün­scht, und zwar durch Besin­nung, also Rück­ver­sicherung: durch Rück-​Bindung. Doch gle­ichgültig, ob das Geglaubte assozia­tiv oder kon­trol­liert, unmerk­lich oder in forcierten Akten der Neuori­en­tierung mit neuen Inhal­ten zusam­mengeht, der Effekt ist immer der­selbe: Nie­mand steigt zweimal in densel­ben Fluss.

Der Satz des Her­ak­lit ist ein schla­gen­des Beispiel für das, was wir eine durch Über­legung, also durch Nach­denken gewonnene Überzeu­gung nen­nen. Lei­der lässt sich der Weg nicht rekon­stru­ieren, auf dem der Philosoph zu seiner Überzeu­gung kam. Für die später Gekomme­nen reduziert sich daher seine Bedeu­tung auf die eines Aper­cus. Als solches allerd­ings ent­fal­tet er eine Kraft, die an die Präge­funk­tion von Lit­er­atur denken lässt, zu deren mon­u­men­talen Frühzeug­nis­sen er gehört. Bekan­ntlich steht diese Kraft in einem gewis­sen Kon­trast zur Gedanken­losigkeit, mit der sich jeder ein­mal geprägte und in der kul­turellen Über­liefer­ung bere­itliegende Satz gebrauchen lässt. Das gilt nicht allein für geprägte Sen­ten­zen, son­dern für das Mate­r­ial einer Sprache ins­ge­samt, die, als »gebildete«, nach dem Aus­druck Goethes, »für dich dichtet und denkt«.

3.

Ver­wen­den wir also, bevor wir die schwierige Arbeit der Men­schen­bil­dung in den Blick nehmen, ein paar Über­legun­gen auf die Bil­dung der Gedanken und des Medi­ums, in dem sie sich bilden: die Sprache. In der Sprache liegen die Hauptele­mente der Bil­dung bereit. Sie liegen in ihr, doch nicht, um ihr ent­nom­men und ander­weitig ver­wen­det zu wer­den. Ver­füg­bar sind sie nur im Modus des weit­er­sprechen­den Zurück­kom­mens auf etwas, das in kul­tureller Hin­sicht gar nicht vorhan­den ist, solange es in Bib­lio­theken und anderen nur von Spezial­is­ten began­genen Auf­be­wahrung­sorten niedergelegter und nachge­lassener Zeug­nisse von Kul­tur sich selbst über­lassen bleibt – auch wenn enorme Sum­men in diese Ein­rich­tun­gen fließen und rund um sie die bemerkenswertesten Sym­posien stattfinden.

Im Weit­er­sprechen ist nicht die mech­a­nis­che Rep­e­ti­tion des Immer­gle­ichen, son­dern das Wei­t­er­denken gefragt. Aus einer älteren Sprech­weise geläu­fig ist dafür die Formel von der ›schöpferischen Weit­er­en­twick­lung der Ideen und Ideen­poten­ziale‹. Doch man ent­deckt schnell die leere Iter­a­tion in dieser Art von voll­mundi­gem Verbal-​Progressivismus. Es scheint, dass, was dabei ›Idee‹ genannt wird, sich zwar im Gang des Denkens wan­delt – im Fluss bleibt, um mit Her­ak­lit zu reden –, aber nicht im direk­ten Zugriff ›weit­er­en­twick­elt‹ wer­den kann. Beze­ich­nen­der­weise fällt die Bedeu­tung des Wortes ›entwick­eln‹ an dieser Stelle auf eine ältere Stufe zurück. Eine Idee entwick­eln bedeutet: sie ent­fal­ten, aus­fal­ten, darstellen, nicht aber: sie auf einen neuen Stand brin­gen. Manchen Ohren mag das befremdlich klin­gen, vor allem dort, wo die ver­bale und gedankliche Gle­ich­set­zung von ›Idee‹ und ›Konzept‹ als unverzicht­bares Kul­turgut gilt, es ist auch nicht erzwing­bar, es liegt, wie eine Reihe ver­gle­ich­barer Schwierigkeiten, im kul­turellen Bestand als Schwelle bereit, als Uneben­heit des Sprechens, über die sich hin­we­gre­den lässt oder nicht, auf die sich aber, wie gesagt, zurück­kom­men lässt.

Wie der Satz des Her­ak­lit gehört auch das Wort ›Idee‹ zum Grund­in­ven­tar einer Kul­tur, die zwar nicht als Weltkul­tur auftreten kann, in der diese aber vorgedacht und in gewisser Weise her­beige­führt wurde. Ich erwähne das, weil neben den pla­tonis­chen Klas­sik­ern des Guten, Wahren und Schö­nen und, als ihrer christlich-​modernen Ergänzung, der Frei­heit auch diese ›Welt‹ in den Kreis der ele­mentaren Ideen gehört. Und wie beim Satz des Her­ak­lit, auf den in gewisser Weise die Ideen­lehre Pla­tons antwortet, insofern sie das, was im Fluss mit sich iden­tisch bleibt, gedanklich zu isolieren ver­sucht, erzeugt auch hier die Iter­a­tion, das Wieder-​Holen des ein­mal Gedachten, das volle Sinnspek­trum von der sorgfälti­gen Rekon­struk­tion des ein­mal niedergelegten Gedankens – bis zu den Ein­fällen, die jeman­dem durch den Kopf schießen, gle­ichgültig, ob das, was da schießt, stets die Min­i­malan­forderun­gen erfüllt, die sich mit dem Begriff ›Denken‹ in the­o­retis­cher Hin­sicht verbinden.

Auch der Gedanke ›Idee‹ ist frei, entwick­elt zu wer­den, er konkretisiert sich in ständig wech­sel­nden Bezü­gen und unter­schei­det sich darin nicht von anderen Gedanken. Vielle­icht wäre es sin­nvoll, ihn von der Idee der Idee zu unter­schei­den, die mehr ein aufzusuchen­der Gedanken-​Ort als ein konkreter Gedanken-​Inhalt wäre, obwohl dieser Gegen­satz natür­lich nur als dif­fer­enter Gedanken­in­halt existiert. Hier kommt es darauf an, die Zurück­ge­bo­gen­heit des Denkens zu markieren, seine Fähigkeit, die bere­its eine Notwendigkeit impliziert, auf ein­mal Gedachtes zurück­zukom­men, ohne es jemals repro­duzieren oder wieder­erste­hen lassen zu kön­nen, gle­ichgültig, ob die his­torische Dis­tanz 5000 Jahre oder eine Sekunde beträgt.

4.

Die Idee eröffnet den Eigen-​Sinn von Kul­tur. Das gilt nicht generell und es gilt nicht über­all, aber es gilt über­all dort, wo mit dem Vorhan­den­sein von Ideen gerech­net wird. Sicher lassen sich ele­mentare Kul­turen denken, in denen die Kon­stanz der lebens­bes­tim­menden Vorstel­lun­gen so groß ist, dass das Iden­tis­che im Wech­sel durch das Totem oder den Rhyth­mus der Jahreszeiten aus­re­ichend repräsen­tiert erscheint. Den­noch muss über­all, wo auch nur rudi­men­täre Auf­schreibesys­teme vorhan­den sind, mit Wech­sel gerech­net wer­den, weil diese Form des Fes­thal­tens die dif­fer­ente Form des Zurückkommens-​auf erzwingt. Die Ungreif­barkeit der Schrift, die Notwendigkeit, sie zu lesen, ihren Zeichen Bedeu­tung zu geben und diese Bedeu­tung zu rein­te­gri­eren, das heißt dem eige­nen Denken in einem sach­lich bes­timmten, also wieder­hol­baren, und ereignishaften, das heißt prinzip­iell unwieder­hol­baren Zusam­men­hang als Infor­ma­tion zuzuführen, erzeugt die Fremd­heit des Ver­gan­genen als reflex­ion­slo­gisch zu deu­tende Dis­tanz, das heißt als Voraus­set­zung seiner Aneig­nung. Sie erzeugt aber auch – gle­ichgültig, wie hoch die Schwierigkeiten sich in hart­näck­i­gen Fällen tür­men – auf Grund der Ding­haftigkeit der Zeug­nisse wie ihrer generellen Entz­if­fer­barkeit etwas, das mehr ist als Nähe oder Ver­trautheit, näm­lich die Mit­ge­gen­wart eines Abwe­senden, das damit gle­icher­maßen ver­gan­gen und präsent ist. In diesem Sinn fig­uri­ert bere­its ein Amulett als Teil und Repräsen­tant eines Auf­schreibesys­tems, das der Sprache kor­re­spondiert und ihre Möglichkeiten über bloße Oral­ität hin­aus erweit­ert. Schrift und Kul­tur gehören insofern zusam­men, als die mon­u­men­tale Über­höhung des All­t­ags durch die Schrift die Anam­ne­sis, also das ans Erin­nerungsver­mö­gen von Einzel­nen gebun­dene Wieder­erken­nen der Ideen, in einen gemein-​kulturellen Vor­gang ver­wan­delt, genauer, in Kul­tur als Vor­gang und Vorgängiges: ein Effekt, der in der Wis­senschaft wie in den Lit­er­a­turen und ihrer dif­fer­enten Geschichte obe­nauf liegt, dessen all­t­agsprä­gende Gewalt aber nicht unter­schätzt wer­den sollte.

5.

Über­all dort, wo vom Men­schen und seiner Kul­tur die Rede ist, stellt sich die Frage nach dem All­tag und seiner Praxis. Nicht sel­ten entspricht ihm ein forciertes Praxis-​Bewusstsein, dem es vorkommt, als sei jede spezial­isierte kul­turelle Praxis bere­its ein Abfall von den Forderun­gen, eine Art Ver­rat am wirk­lichen Men­schen und seinen Prob­le­men, wie die all­ge­gen­wär­tige Rede vom Elfen­bein­turm ein­drucksvoll unter­stre­icht. Die vor-​terminologische, sich oft poli­tisch ver­ste­hende Rede von ›Gesellschaft‹ stellt diesen Wirk­lichkeit­sanspruch des Zusam­men­lebens und seiner impliziten, von jed­er­mann zu beherrschen­den Regeln her­aus. Der Men­sch ist über­all auf Gesellschaft angewiesen: das ist eine, eher kon­ser­v­a­tiv anmu­tende Deu­tung dieses Anspruchs. Die andere, allzu ver­traute, erkennt in der Gesellschaft oder, noch all­ge­meiner, in der Kom­mu­nika­tion die her­vor­brin­gende Instanz nicht allein dif­fer­enter Men­schen­bilder, son­dern des Men­schen selbst. Das würde bedeuten, dass die Weise des Zusam­men­seins den Men­schen definiert – mit der Folge, dass über­all dort, wo die Kunde von der Unhin­terge­hbarkeit der Dif­ferenz angekom­men ist, die Ent­larvung der Men­schen­bilder als nahezu müßiger Kod­i­fizierun­gen unter­schiedlicher und im Ern­st­fall unvere­in­barer Praxen rit­uellen Charak­ter annimmt. In solchen Diskursen bedeutet ›Kul­tur‹ kaum mehr als die Maske, die sich eine Gesellschaft vorhält, um ein unerk­lär­liches, aber ›reales‹ Bedürf­nis nach Iden­tität zu befriedi­gen, wohlwol­lend inter­pretiert ein Mit­tel zur Selb­st­beobach­tung und –steuerung, also zur Abwehr exis­ten­zieller Gefahren, die sich aus den blinden Flecken und toten Winkeln ergeben, wie sie die Per­spek­tive der Han­del­nden mit sich bringt.

Ver­steht man allerd­ings Kul­tur als Objek­tivierung der Struk­tur der Denkens, von der vorhin die Rede war, dann enthält ihre Inter­pre­ta­tion als Mit­tel zur Selb­ster­hal­tung sozialer Sys­teme einen Denk­fehler. Kul­tur erschließt sich nur unter gemein­schaftlichen Aspek­ten: der geteilte Fund, die geteilte Über­liefer­ung, der geteilte Fun­dus, das Zurückkommen-​auf sind stets auch Kom­mu­nika­toren, über die der Einzelne der Vere­inzelung ent­geht – mit allen lebensweltlichen Kon­se­quen­zen. Selb­ster­hal­tung ist dabei nur im Spiel, sofern der Aus­fall dieser Kom­mu­nika­tion den Tota­laus­fall jenes Selb­stver­hält­nisses zur Folge hätte, das hier über­all ›Denken‹ genannt wird und das wir, man­gels anderer prag­ma­tis­cher Bezugs­größen, mit der Gat­tung Men­sch zu verbinden gewöhnt sind. So betra­chtet ist Kul­tur nir­gends Mit­tel, son­dern die Sache selbst. Es sei denn, man bewegt sich kon­se­quent auf einer Ebene der Begrif­flichkeit, auf der mit ›Leben‹ nichts anderes gemeint ist als eine spez­i­fis­che Form der Selb­ster­hal­tung physikalisch-​chemischer Aggregatzustände.

6.

Begreift man Kul­tur als die men­schliche Weise, beisam­men zu sein, dann ver­steht man auch, dass der Begriff ›Par­tizipa­tion‹ nur eine Seite ihres Funk­tion­sspek­trums umschreibt. Wenn die men­schliche Weise, beisam­men zu sein, aus der Logik ele­mentarer Denkvol­lzüge her­vorgeht, wenn also die gedankliche Erzeu­gung von Dif­ferenz durch Dis­tanz den biol­o­gisch deter­minierten Zusam­men­prall der Einzel­we­sen min­dert und in gewisser Weise aufhebt, dann lässt sie zugle­ich jene imag­inären Kon­tin­uen entste­hen, in denen der Einzelne, das men­schliche Indi­viduum, sich gegen das Leben der Anderen absetzt und definiert, das heißt ›umgrenzt‹. Imag­inär sind diese Kon­tin­uen deshalb, weil sie den physikalis­chen Raum und die physikalis­che Zeit in einen Erleb­nis­raum und eine Erleb­niszeit über­set­zen – und über­set­zend fortwährend inter­pretieren –, die zwar nur in der Vorstel­lung des Einzel­nen existieren, aber so, dass ihr Vorhan­den­sein nicht nur das Imag­i­nar­ium, son­dern das konkrete Weltver­hält­nis all jener Einzel­we­sen deter­miniert, die zusam­men die Gesellschaft ausmachen.

Kants Formel von der unge­sel­li­gen Gesel­ligkeit des Men­schen bildet dieses Ver­hält­nis recht genau ab. Kant selbst leitet sie aus dem Zusam­men­spiel von Bedürfnis­sen und Inter­essen ab, das durch den Interessen-​Antagonismus der Einzel­nen deter­miniert wird. Dieser Kampf der Inter­essen, der bei Marx ein­er­seits als Konkur­renz der Kap­i­taleigner, ander­er­seits als Klassen-​Antagonismus wiederkehrt und in mod­er­nen Mark­t­the­o­rien als Glücks– und Erfol­gsstreben des Homo oeco­nom­i­cus fest­geschrieben ist, entspricht dem ele­mentaren Sachver­halt, dass jene imag­inären Kon­tin­uen ein­er­seits ›Welt‹ erzeu­gen (in dem Sinn, dass ihr Ver­lust den eines jeglichen Wirk­lichkeitsver­hält­nisses nach sich zieht), ander­er­seits aber keineswegs zusam­men die Welt bilden, son­dern zueinan­der auf Dis­tanz bleiben. Die Indi­viduen sind genötigt, diese Dis­tanz zu leben und aus ihr her­aus ihre Bedürfnisse zu definieren und durchzuset­zen, was im Grunde nichts anderes bedeutet, als dass sie ihre Welt, sprich: ihr unablös­bares In-​der-​Welt-​Sein leben müssen, gle­ichgültig darum, dass es für andere, um nicht zu sagen für die anderen, in einem ele­mentaren, durch die gemein­same Rede­praxis sofort ver­schleierten Sinn nichts anderes ist als ein Hirnge­spinst. Wenn also Gesellschaft ein­er­seits als Kom­mu­nika­tion definiert wer­den kann, so bleibt sie ander­er­seits jenes Sys­tem konkur­ri­eren­der Bedürfnisse, als das sie Hegel einst konstruierte.

Im Kern ist daher der Kampf der Inter­essen mit jenem Kampf der Göt­ter iden­tisch, in dem sich für Max Weber die his­torische Exis­tenz des Men­schen real­isierte. Denn voraus­ge­setzt, dass die Artiku­la­tion selbst ele­men­tarster Bedürfnisse ans Imag­i­nar­ium des Einzel­nen gebun­den ist, auch wenn die Spiel­räume in bes­timmten, biol­o­gisch oder materiell deter­minierten Bere­ichen eng bleiben, so kann es zwar Inter­essen­ver­bünde auf Zeit (und zu definierten Zwecken) geben, aber weder einen generellen und umfassenden Inter­essen­ab­gle­ich noch jene unver­brüch­lichen For­men der Sol­i­dar­ität des Meinens und Wol­lens, die von bes­timmten Glaubens– und Überzeu­gungs­ge­mein­schaften regelmäßig einge­fordert wer­den. Das macht ver­ständlich, dass nach jedem proklamierten Ende der Geschichte der Kampf der Göt­ter respek­tive Weltan­schau­un­gen wieder auf­flammt und die Geschichte ihren Fort­gang nimmt. Der mate­ri­ale Friedenss­chluss zwis­chen Inter­essen, das heißt zwis­chen Inter­essen­trägern, ver­dankt sich nicht in der utopis­chen Men­schenge­mein­schaft, son­dern dem Recht, und das gilt, wie alle Beteiligten wis­sen, zwis­chen Rechtssub­jek­ten und auf Zeit, also für ein bes­timmtes his­torisches Personal.

Der­selbe Gedanke führt zu der Über­legung, dass jedem Gesellschafts– und Rechtsver­hält­nis etwas Unabge­goltenes innewohnt, etwas, das die Empfind­ung reizt, es müsse doch möglich sein, die Dinge anders und besser, sprich: für den Einzel­nen befriedi­gen­der und für das Gemein­we­sen ertra­gre­icher zu ord­nen und zu gestal­ten. Die Härte des Rechts spürt neben dem, den sie trifft, auch der, den es bet­rifft, vor allem aber der, den es nicht bet­rifft, wenn er aus dem sicheren Abstand der Zeiten und der Kul­turen auf andere Recht­szustände blickt. Auch diese Empfind­ung ist unver­mei­d­bar, sie gehört zur Kul­tur und sie erk­lärt sich aus der Ein­sicht, dass Kul­tur kein Luxus ist, den sich Gesellschaft leis­tet, son­dern das, worauf sie über­all fußt. Was für das Recht gilt, gilt für die Lebensver­hält­nisse all­ge­mein, die es regelt. Der Gedanke eines hier und jetzt erre­ichten Opti­mums ist, sofern er sich nicht dem Dik­tat der Macht– und Mehrheitsver­hält­nisse oder ide­ol­o­gis­cher Verblendung ver­dankt, der Besorg­nis geschuldet, es könne nicht nur anders, son­dern immer auch schlechter kom­men. Darin liegen real­is­tis­ches Kor­rek­tiv und Gedanken­läh­mung dicht beieinander.

7.

Anders als das Recht, das den Par­tial­frieden zwis­chen den divergieren­den Inter­essen stiftet und bewahrt, dient Bil­dung der Homogenisierung und Aus­d­if­feren­zierung der Imag­i­nar­ien, also jener Welt im Kopf, die der Einzelne mit sich trägt und die ihn mit seines­gle­ichen verbindet. Bil­dung geht daher immer auf Kul­tur und kul­turelle Poten­tiale und erst in zweiter Linie auf Gesellschaft und gesellschaftliche Ist-​Stände. Dieser ele­mentare Sachver­halt wird von zwei Seiten ver­dunkelt: erstens durch das Inter­esse von Gesellschaft an Bil­dung, die sie, nicht ohne Grund, als unab­d­ing­bar für das eigene Fortbeste­hen und Über­leben begreift, zweit­ens durch einen inte­gralen Begriff von Gesellschaft, der sie umstand­s­los mit dem realen Leben wenn schon nicht des Einzel­nen, so doch der Gat­tung gle­ich­setzt. So kann es – the­o­retisch und ver­mut­lich auch prak­tisch – geschehen, dass eine forciert auf Inno­va­tion und Ent­fal­tung kreativer Poten­zen fokussierte Erziehung tat­säch­lich Anpas­sung und Wieder­hol­ungszwänge gener­iert, weil sie jene von vorn­herein als gesellschaftliche Aktiv­itäten definiert, das heißt an die Erfol­gskri­te­rien und Beloh­nungsmech­a­nis­men aus­liefert, die dem Selb­stre­pro­duk­tion­swillen oder dem Trägheits­ge­setz einer Gesellschaft entsprechen.

In gewisser Hin­sicht ist dieser Effekt nicht zu ver­mei­den. Das Inter­esse von Gesellschaft an Bil­dung kann sich nur in einem Prämien­sys­tem man­i­festieren, in dem der soziale Rang bzw. der in Aus­sicht gestellte Auf­stieg an erster Stelle steht, zwangsläu­fig gefolgt von den materiellen und imma­teriellen Zuwen­dun­gen, die sich aus der erre­ichten bzw. zu erre­ichen­den Posi­tion ergeben. Solange Bil­dung bloß ein Mit­tel ist, diese Ziele zu erre­ichen, und vielle­icht nicht ein­mal das erfol­gver­sprechend­ste, bleibt es nicht aus, dass die ›Auszu­bilden­den‹, wie wir sie mit leisem Spott in der Stimme nen­nen kön­nen, sich nur so weit auf sie ein­lassen, wie es für das Erre­ichen des Ziels erforder­lich scheint, dass sie also, wie es in einem gewis­sen Jar­gon heißt, Bil­dungsinhalte als Bil­dungsange­bote ver­ste­hen und ›ratio­nal‹, das heißt auss­chließlich zweck­be­zo­gen selek­tieren. Das einzige Mit­tel, Bil­dung zum Selb­stzweck zu machen und so der Ver­mit­tlung von Bil­dungsin­hal­ten eine gewisse Eigen­sta­bil­ität zu ver­lei­hen, besteht darin, ein insti­tu­tion­sin­ternes Prämien­sys­tem anzu­bi­eten, das von der sim­plen, aber offen­bar kaum verzicht­baren Notenge­bung über die Aus­bil­dung von Grup­pen– und Korps­geist bis zur kas­tenähn­lichen Über­höhung des Lehrer– bzw. Dozen­ten­berufs reicht, die mit einer herrschaft­sähn­lichen Nobil­i­tierung von Verabre­ichungsmustern und –gesten ein­herzuge­hen pflegt.

Bekan­ntlich zählt der Begriff des Selb­stzwecks im Bil­dungszusam­men­hang zu den meistver­pön­ten: non scholae sed vitae discimur – so lern­ten es die Schüler des alten human­is­tis­chen Gym­na­si­ums und machten sich darüber lustig wie heutige Päd­a­gogen über wil­helminis­che Bil­dungsat­titü­den. Denn natür­lich wussten sie – oder die Intel­li­gen­teren unter ihnen –, dass dieser Satz zwar dem Kosten/​Nutzen-​Kalkül von Staat und Gesellschaft entspricht, ganz zu schweigen vom Bedarf der Wirtschaft an gut, das heißt für ihre Ein­satzz­wecke aus­ge­bilde­ten Absol­ven­ten, dass er aber mit­nichten die volle Wahrheit repräsen­tiert. Es gab und gibt eine informelle Gesellschaft der Gebilde­ten, die sich teils an einem gewis­sen Sig­nale­ment, teils an den geteil­ten Bil­dungsin­hal­ten erkennt, eine Gesellschaft in der Gesellschaft, wenn man so will, die sich weniger über die Zuge­hörigkeit zu gemein­samen Insti­tu­tio­nen als über den Typus von Insti­tu­tio­nen, weniger über den gemein­samen Beruf als über die Klasse von Berufen findet, und deren Entzücken über ent­deckte Gemein­samkeiten durch Exotik und Ander­sheit eher gesteigert als abgekühlt wird. Der klas­sis­che Reis­ero­man ist voll solcher unver­hoffter Begeg­nun­gen und die gesellschaftlich wenig einge­bun­dene Exis­tenz des Schrift­stellers scheint dafür prädes­tiniert zu sein, sie her­auszu­locken und ihre Bedeu­tung für das, was hin und wieder ebenso lakonisch wie präg­nant ›Men­sch­sein‹ genannt wird, vor den Augen aller auszubre­iten, die durch eine solche Lek­türe affiziert wer­den können.

Auch hier liegt der Selb­stzweck nicht in den Bil­dungsin­hal­ten, wohl aber in der Bil­dung selbst, in der Tat­sache des Gebildet­seins im Verein mit der Fähigkeit, Bil­dungser­leb­nisse zu teilen und den gemein­samen Umgang selbst als Bil­dungser­leb­nis zu genießen. Die gegen­wär­tig in der akademis­chen Aus­bil­dung­spraxis als Non­plusul­tra der Bil­dung gel­tende Fähigkeit, kom­plexe Sit­u­a­tio­nen zu erken­nen, zu analysieren und, falls nötig, angemessene Hand­lungsvorschläge zu erar­beiten, ist in der Gesellschaft der Gebilde­ten mehr oder min­der immer vorhan­den. Aber sie wird voraus­ge­setzt und berührt nicht den Kern dessen, was ger­ade angesichts eines fehlen­den Ter­mi­nus ›Umgang‹ genannt wurde.

8.

Was zeich­net diesen Umgang aus? Was wäre so ungewöhn­lich an ihm, dass es einer eige­nen Analyse bedürfte? Vielle­icht wenig, vielle­icht nichts, voraus­ge­setzt, man bewegte sich in einer Gesellschaft, die nicht ger­ade an dieser Stelle von einer pein­lichen und gele­gentlich pein­vollen Gedächt­niss­chwäche befallen wäre. An neueren Stu­dien einer zur stab­brechen­den Instanz über die Geschichte verkomme­nen Kul­tur­wis­senschaft zum George-​Kreis und dem dort herrschen­den Umgang zwis­chen dem ›Meis­ter‹ und seinen Jüngern lässt sich able­sen, wie an der bewussten Stelle eine bedeu­tungss­chwan­gere ›Lücke‹ entsteht, die anschließend mit den üblichen Unter­stel­lun­gen und Verdäch­ti­gun­gen des Tages­geschäfts gefüllt wird. Der ekla­tante Unwille zu ver­ste­hen, was diese längst in his­torische Dis­tanz entrückte, sich für den heuti­gen Geschmack unan­genehm elitär und män­ner­bünd­ner­isch insze­nierende Per­so­n­en­gruppe allen banalen Widrigkeiten zum Trotz über so viele Jahre miteinan­der ver­band, besitzt ein Fun­da­ment in den gegen­wär­ti­gen kom­mu­nika­tiven Struk­turen, über das sel­ten angemessen gere­det wird. Der Wille, sich unter Gle­ich­gesin­nten zu bewe­gen, erschöpft sich nicht im sozialen oder poli­tis­chen Kampf, schon gar nicht im Ausleben einer sex­uellen Ori­en­tierung. Er wird erst dort erfasst, wo das eigene Weltver­hält­nis als Grund­lage men­schlichen Miteinan­ders unter kein Tabu gestellt wird.

Nochmals: Was zeich­net die zwis­chen Gebilde­ten herrschende Art des Umgangs aus? Und: Lassen sich Gründe finden, die es nahele­gen, darin eine Weise des Miteinan­der zu kon­sta­tieren, deren Ver­bre­itung in gewisser Weise unhin­terge­hbar ist und deren ver­such­sweise struk­turelle und gewalt­same Unterbindung schwere Ver­w­er­fun­gen im Selb­stver­ständ­nis und in der Bere­itschaft zur Ver­ständi­gung über Nor­men und Leben­sop­tio­nen inner­halb einer Gesellschaft zur Folge hat?

Ein Missver­ständ­nis meldet sich in den öffentlichen Bil­dungs­de­bat­ten in schöner Regelmäßigkeit zu Wort: als liege in der Förderung und Aus­bil­dung des Denkens bere­its eine ein­seit­ige Entschei­dung für eine von allem sinnlich-​praktischen Engage­ment abstrahierende ratio­nale Ver­standeskul­tur mit fatalen Kon­se­quen­zen für Nähe, Wärme, Sen­si­bil­ität und ästhetis­chen Sinn. Sym­bol­isch steht dafür die gefühlte Ver­drän­gung der musis­chen Fächer bzw. Fachanteile zugun­sten gefräßiger ›exak­ter‹ Fächer wie Math­e­matik und Physik in den Lehrplä­nen der Schulen. ›Denken‹ im ein­gangs skizzierten Sinn ist zwar nichts völ­lig anderes als die Erar­beitung math­e­ma­tis­cher oder chemis­cher Formeln, aber es bliebe weit­ge­hend unterbes­timmt, wenn es nichts anderes als diese Tätigkeit meinte. In einem sehr ele­mentaren Sinn beginnt Denken in allen Sin­nen, soll heißen, in den kom­plexen und zu großen Teilen sub­ku­ta­nen, soll heißen, unter­halb und am Rande der Wahrnehmung ablaufenden Infor­ma­tions– und Entschei­dung­sprozessen, die den Organ­is­mus in seiner Umwelt ver­ankern. Wie immer Bewusst­seins­mod­elle kon­stru­iert sind, ihnen allen ist gemein­sam, dass sie eine Antwort auf die Frage bere­i­thal­ten müssen, wie das, was die empiris­tis­che Linie der Philoso­phie als Sin­nes­daten beze­ich­net, ins Bewusst­sein tritt und auf welche Weise es dort ver­ar­beitet wird. Die zweite Welt des Bewusst­seins ist zugle­ich die erste, in der alles, was anson­sten draußen oder dazwis­chen bliebe, die Form des Gedankens gewinnt und dadurch auch emo­tional ›greif­bar wird.

Die Lust an der freien, nicht mit aktuellen Entschei­dungsnöten befrachteten Denk­tätigkeit nimmt im gebilde­ten Umgang nicht ab, son­dern zu. Sie ist und bleibt dem Mod­ell des Aus­tausches auch dort verpflichtet, wo, wie im ästhetis­chen ›Werkschaf­fen‹ – ein son­der­bar altväter­licher Aus­druck für eine noch immer pres­tigeträchtige Tätigkeit –, der oder die Part­ner imag­inäre oder ent­gren­zte Züge annehmen. Man kön­nte, in Analo­gie zur spielerischen Erprobung diverser Kör­per­funk­tio­nen, jene Lust als Funk­tion­slust beze­ich­nen und sich damit einer Bedeu­tung des Schiller-​Satzes bemächti­gen, der da lautet: »Der Men­sch ist nur da ganz Men­sch, wo er spielt«. Fragt sich nur, wo er so spielt, dass die über­grif­fige Formel aufgeht. Der Formel vom ›ganzen Men­schen‹ wird sie kaum ansatzweise gerecht. Zu viele Annah­men, the­o­retis­che und prak­tis­che, auch wider­sprüch­liche, drän­gen sich auf diesem Gelände. Eines scheint sicher: ohne die Rede vom Selbst und dem anhän­gen­den Selb­st­genuss bliebe die vorzunehmende Bes­tim­mung Stück­w­erk. Real ist aber auch das Unbe­ha­gen, das einen angesichts dieser Rede beschle­icht: zuviel wis­sen wir über die Brüchigkeit des Selbst in prak­tis­cher und the­o­retis­cher Hin­sicht, um es an der Stelle als Let­ztin­stanz ste­hen zu lassen.

9.

Ver­suchen wir es anders. Wenn Denken lustvoll ist, warum bedarf es dann der Prämien­sys­teme, um den Einzel­nen in Bil­dung­spro­gramme hineinzu­locken und dort, wenig­stens eine Zeit­lang, bei der Stange zu hal­ten? Warum, wenn Denken notwendig inte­gri­ert, fällt es dem Einzel­nen immer wieder schwer, Wis­senss­chwellen zu nehmen und Eng­pässe im Denken zu über­winden? Die Fra­gen von Tal­ent und Begabung ein­mal bei­seite gelassen, ergibt sich hier ein Prob­lem, über das nachzu­denken sich lohnt. Was ver­gan­gene Epochen Trägheit des Geistes nan­nten, lässt sich durch Fleiß über­winden. Aber der Fleiß ist selbst eine zweifel­hafte Größe, insofern der Mix aus Anstel­ligkeit und Sturheit gegen sich selbst darauf aus­gerichtet ist, die im Raum ste­hen­den Prämien zu kassieren, und damit nur erneut auf das Aus­gang­sprob­lem ver­weist. Ohne Fleiß geht es nicht – dieser Satz ist grosso modo gle­ichbe­deu­tend mit der resig­nierten Ein­sicht, dass im – sagen wir – intellek­tuellen Bere­ich ohne Prämien kein Durchkom­men ist.

Die Rich­tung weist vielle­icht ein Wort, das, eher absicht­s­los, bere­its fiel, als es darum ging, die all­ge­meine Schwierigkeit zu skizzieren: Schwelle. Schwellen­er­leb­nisse, Schwellen­er­fahrun­gen sind, grob gesprochen, lebens­gliedernde Ele­mente, in denen sich reale Ereignisse mit einem Wan­del von Bewusst­seins­for­men, also Ein­stel­lun­gen, Überzeu­gun­gen, Hand­lungs­dis­po­si­tio­nen verbinden. Schwellen­er­fahrun­gen kön­nen spon­tan, wie im Märchen, auftreten und dem indi­vidu­ellen Leben eine andere Rich­tung, einen anderen Rich­tungssinn geben, sie kön­nen, auf der anderen Seite, sich so eng mit gesellschaft­skon­for­men Lebens­mustern verbinden, dass die entsprechen­den Gesellschaften ein reich­haltiges Arse­nal an Riten und Rit­ualen bere­it­stellen, um sie zu begleiten, zu akzen­tu­ieren und – dies wäre der hier inter­essierende Aspekt – zu erle­ichtern. Über­gangsriten hät­ten also im all­t­agsweltlichen Ambi­ente eine ähn­liche Funk­tion wie Prämien­sys­teme im bil­dungsweltlichen Gefüge und manch­mal erscheinen sie ein­trächtig auf ein und dem­sel­ben Tableau, bei Schu­la­b­schlussfeiern etwa oder anlässlich der Ver­lei­hung eines Dok­tor­grades ›im feier­lichen Rah­men‹, wie die ein­schlägige Sprachregelung lautet.

Schwellen­er­fahrun­gen im Bil­dungs­bere­ich fallen primär in den Bere­ich stark per­son­al­isierter Bil­dung. Das ist beson­ders dort zu beobachten, wo sie einen emphatis­chen Anstrich bekommt, also in religiösen, eso­ter­ischen, gehe­im­bünd­ner­ischen oder generell bünd­ner­ischen Kon­tex­ten. Das pietis­tis­che Erweck­ungser­leb­nis, die Ini­ti­a­tion­sstufen der Freimau­rer, die diversen Pfade und Grade östlicher Weisheit­slehren, der Homo novus des sozial­is­tis­chen Kollek­tivs bieten dafür anschauliche Exem­pel. Sie alle beto­nen irgen­deine Form von Gemein­schaft: auf Ini­ti­a­tion beruhende Bil­dung besitzt eine stark verge­mein­schaf­tende Kom­po­nente, die nicht allein Gebildete anderer Couleurs auss­chließt, son­dern regelmäßig die Frage nach der einen wahren Bil­dung aufwirft. In der Gesellschaft der Gebilde­ten stellt sich diese Frage nicht oder nur in den Gren­zen wech­sel­seit­iger Scho­nung. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Man darf dem anderen nicht zu nahe treten, will man das Beste, was der Umgang mit ihm zu bieten hat, die eigene Welt­sicht, nicht leicht­fer­tig aus dem Spiel wer­fen. Bil­dungs­ge­mein­schaften wollen mehr, oft zum Ver­druss ihrer Mitwelt. Anders die Bil­dung des Herzens, der eine umfassende, das Bil­dung­spriv­i­leg und den Gesin­nungsrig­oris­mus unter­laufende Men­schenge­mein­schaft gedanklich zugrunde liegt: wer ihr das Wort redet, unter­stre­icht die Par­tizipa­tion­srechte ger­ade der min­der Geförderten oder der Armen im Geiste. Poli­tis­che Erweck­ungs­mata­dore wiederum scheinen den priv­i­legierten Feind schon aus strate­gis­chen Grün­den zu benöti­gen und zu pfle­gen, gle­ichgültig, ob sie ihn als Reak­tion, als mei­n­ungsmo­nop­o­lis­tis­chen Vertei­di­ger des Beste­hen­den oder als Zer­störer von Sitte und Anstand ins Visier nehmen.

10.

Es fällt nicht schwer, die Pro­dukte der Schriftkul­tur, genauer: die Sed­i­mente stattge­habter Kul­tur­prozesse, als eine Vielzahl von Schwellen anzuse­hen, angesichts derer das Weit­er­spin­nen der eige­nen Gedanken ins Stocken gerät und an seine Stelle jene ein­holende Bewe­gung tritt, die wir als ›Ver­ste­hen‹ beze­ich­nen, ohne ganz in das Innere dieses Vor­gangs einzu­drin­gen. Jeder Ver­ste­hensvor­gang wird von der Sorge oder Angst begleitet, nicht zu ver­ste­hen oder fehlzu­ver­ste­hen, jeden­falls dann, wenn mit Sank­tio­nen zu rech­nen ist. Schrift­gestütztes Ler­nen fällt immer zu leicht und zu schwer: zu leicht, weil das mech­a­nis­che Repetieren, als Primär­form des Wieder­holens, teils prämiert, teils als ungültig bei­seit­ege­tan wird, zu schwer, weil der biographis­che Anreiz, zu diesem bes­timmten Zeit­punkt diese bes­timmte Ver­ste­hensleis­tung zu erbrin­gen und damit ein Stück Kul­tur zu entz­if­fern, in den wenig­sten Fällen sub­jek­tiv erkennbar oder über­haupt gegeben ist. Ein nicht geringer Teil der realpäd­a­gogis­chen Anstren­gun­gen richtet sich fol­glich auf diesen Punkt: die Schwellenangst oder –unlust auszuschal­ten bzw. durch ein lust­be­tontes Navigieren im Über­gang, ver­gle­ich­bar den rites de pas­sage, zweck­mäßig zu betäuben.

Wie bedeut­sam dieser Zusam­men­hang für unser Kul­turver­ste­hen ist, ver­rät die Promi­nenz des Pla­tonis­chen Höh­len­gle­ich­nisses, in dem die Pas­sage, das Ver­lassen des anges­tammten Platzes in der Gesellschaft, die Umkehr des Blicks und der Gang ins Freie als der zen­trale Bil­dungsvor­gang die Gestalt einer Kun­st­mythe angenom­men hat. Lassen wir ein­mal die mythen­the­o­retis­chen und gnose­ol­o­gis­chen Prob­leme bei­seite, die dieser Text seinen philosophis­chen Auslegern aufgibt, dann bleibt für einen mod­er­nen Leser der verblüf­fende Ein­druck von zuviel Wis­sen und Aktiv­ität im Hin­ter­grund, ange­fan­gen bei der Schürung des Feuers über das Schat­tenthe­ater bis hin zur Kon­struk­tion der Höhle selbst und den dadurch ermöglichten ›gelenk­ten‹ Auf­stieg – kurz gesagt von zuviel manip­u­la­tiver Energie und wirk­licher Manip­u­la­tion im Dienst der Ideen. Dieser Ein­druck entsteht nicht zufäl­lig, er entspricht unserer kul­turellen Sit­u­a­tion. Wir meinen die Schat­ten­spieler zu ken­nen, ebenso das Per­sonal derer, die nichts sehn­licher wün­schen, als uns die Binde abzunehmen, und wir fra­gen nicht nur, was sie daran ver­di­enen, son­dern auch, in wessen Auf­trag sie möglicher­weise han­deln und welche Art von Wirk­lichkeitsver­fälschung dadurch entsteht. Wer Wis­sen leicht zu machen ver­spricht, ist gle­ichzeitig willkom­men und verdächtig: das gilt ange­fan­gen bei der Spiel– und Spaßpäd­a­gogik über die method­is­chen Sicherun­gen der Wis­senschaft bis hin zu den notorischen Augenöffn­ern, die gern unter dem Stich­wort ›Ver­schwörungs­the­o­retiker‹ zusam­menge­fasst wer­den. Der Pla­ton der Politeia, sein Text zeigt es, ist selbst ein gewaltiger Ver­schwörungs­the­o­retiker, nicht anders als die Aufk­lärer, die das Mod­ell des Höh­len­gle­ich­nisses auf den Gang der Wis­senschaften und den gesellschaftlichen Prozess umlegten, nicht anders als die Aufk­lärungs­geg­ner des neun­zehn­ten Jahrhun­derts, nicht anders als Marx und Engels, die im gesellschaftlichen Bewusst­sein die pla­tonis­che Höhle neu ent­deck­ten, nicht anders als Freud, der eine nicht unbe­trächtliche Anstren­gung unter­nahm, die verdeck­ende Instanz zu ent­per­son­al­isieren, um die method­is­che Aufk­lärungsleis­tung als Stärkung der Ich-​Position zu glo­ri­fizieren, nicht viel anders schließlich als jede Horde von Schulkindern, die froh ist, der Höhle der Klassen-​Situation für ein paar Stun­den ins Freie zu entkom­men, um sich spielerisch anzueignen, was sie wirk­lich inter­essiert und, wie sie finden, ihre Welt ausmacht.

11.

Es gibt, heißt das, angesichts der vie­len kul­turellen Schwellen, die genom­men wer­den wollen, außer den Hemm­schuhen Scham und Angst auch gute, von Mis­strauen gespeiste Gründe, dem Mitgenom­men­wer­den durch die kul­turellen Instanzen und ihre Ausle­gung­spraxen einen gewis­sen Wider­stand ent­ge­gen­zuset­zen. Bleibt der Wider­stand ger­ing, so entste­hen jene angepassten Wesen, deren ›Kul­tur‹ sich auf dem Niveau von Wasserträgern bewegt, über­schre­itet er ein gewisses Maß, wächst die Gefahr, dass die Aneig­nung unterbleibt und, außer den im Wortsinn Unge­bilde­ten, jene ter­ror­is­tis­chen Grup­pen von schein­bar unangepassten, in Wirk­lichkeit die Ver­weigerung als Mit­tel der Selb­stin­sze­nierung und als Machtin­stru­ment benützen­den Indi­viduen Zulauf erhal­ten, die ich an anderer Stelle die ›unbe­lasteten Beobachter‹ genannt habe und die in prak­tisch jeder gesellschaftlichen Posi­tion … sagen wir: ein gewisses Prob­lem darstellen. Unter Net­zbe­wohn­ern hat sich für sie der Aus­druck ›Trolle‹ eingebürgert.

In gewisser Hin­sicht ist die gebildete Weise des Umgangs zwis­chen Indi­viduen vom pla­tonis­chen Mod­ell der Umwen­dung nicht zu tren­nen. Die, an welcher Stelle auch immer, über­wun­dene Schwelle zwis­chen Nichtwissen und Wis­sen ist als Kerbe im Bewusst­sein mitan­we­send und stim­uliert die latent gegebene Bere­itschaft, im Über­schre­iten neuer Gren­zen diesen quasi-​mythischen Vor­gang zu wieder­holen und damit den Prozess der Selb­stver­ständi­gung in Gang zu hal­ten, der jetzt als offen und mit den Inhal­ten der Kul­tur ver­mit­telt erfahren wird. Die Verän­derung gegenüber dem pla­tonis­chen Mod­ell besteht darin, dass die Erleuchteten unter den Gebilde­ten eine mit min­destens ebenso­viel Mis­strauen wie Respekt bedachte Son­der­gruppe darstellen. Der Grund, man muss es kaum erwäh­nen, liegt darin, dass die kul­turellen Inhalte im Umgang mit ihnen im Wesentlichen nicht ver­han­del­bar sind und damit die Ergeb­nisof­fen­heit ent­fällt, die erst aus ihnen eine Sache aller macht, die etwas von der Sache verstehen.

Was lässt diese Weise des Umgangs und damit das Mod­ell einer informellen Gesellschaft in der Gesellschaft in kul­turell aus­d­if­feren­zierten Zonen unhin­terge­hbar wer­den? Offenkundig der ele­mentare Mech­a­nis­mus des kul­turellen Kom­pe­ten­z­er­werbs selbst. Was par­tiell gegen die Rich­tung des Selbst und damit gegen Wider­stände erwor­ben wurde, die sich aus der Sicher­heit des eige­nen Weltver­hält­nisses her­schreiben und let­zteres unwider­ru­flich mod­i­fizieren, kann nur in jener spez­i­fis­chen Offen­heit gelebt wer­den, die als Kennze­ichen des sich seiner Bezüge ver­sich­ern­den Denkens den kul­turellen Gewinn für das Indi­viduum schlechthin bedeutet. Die Gesellschaft – oder das die Para­me­ter set­zende poli­tis­che Sys­tem – tut also gut daran, ihre Gebilde­ten, gle­ichgültig, ob es sich um Wis­senschaftler, Kün­stler oder Pub­lizis­ten han­delt, gut zu behan­deln, will sie sich nicht den mor­bus intel­lec­tus ein­fan­gen, den kollek­tiven inneren oder äußeren Exi­tus der Eliten und jene let­ztlich tödliche Gle­ichgültigkeit gegen ihre Leitvorstel­lun­gen und Werte, so ehren­wert sie an sich sein mögen, unter deren Maske jed­erzeit Ver­ach­tung und ein durch nichts zu beu­gen­der Verän­derungswille auf­brechen kön­nen. Gegen diesen basis­lib­eralen Grund­satz wurde in der Ver­gan­gen­heit immer wieder vehe­ment ver­stoßen. Die Fol­gen sind bekannt. Man darf darüber stre­iten, ob die Lek­tion wirk­lich so dauer­haft im poli­tis­chen Gedächt­nis des West­ens ver­ankert ist, wie stets beteuert wird.

12.

Es gibt eine Kul­tur der Ver­weigerung, die auf die Ver­weigerung von Kul­tur hin­aus­läuft; sie besitzt eine sub­jek­tive und eine objek­tive Real­ität. Die sub­jek­tive Seite kann (rand)gruppenspezifische, fun­da­men­tal­re­ligiöse oder radikalpoli­tis­che Wurzeln haben, sie kann auch durch kul­turelle oder pop­kul­turelle Reizüber­flu­tung aus­gelöst wer­den: lauter Gefahren, die gern bere­det wer­den und deren pro­fes­sionelle Bekämp­fung Ein­gang in die päd­a­gogis­chen Mainstream-​Konzepte gefun­den hat. Sel­tener kommt in bil­dungs­the­o­retis­chen und bil­dungspoli­tis­chen Räson­nements die objek­tive Seite vor – was nicht ver­wun­dert, da sie in der Regel, dank einem gewis­sen Denk-​Automatismus, mit einem als kon­ser­v­a­tiv ver­schriee­nen Wertekanon und rück­wärts­ge­wandten poli­tis­chen Leitideen assozi­iert wird. Empirisch lässt sich das bis zu einem gewis­sen Grade nachvol­lziehen – obwohl auch ein spez­i­fisch linker, pro­gres­sivis­tis­cher Bil­dungskon­ser­vatismus zu existieren nie aufge­hört hat –, aber es ist in der Sache nicht richtig.

Jedem Bil­dungssys­tem, das bes­timmte Tugen­den oder ›Fähigkeiten‹ forciert, wohnt die Ten­denz inne, über falsche Prämierun­gen (oder, vor­sichtiger gesagt, prob­lema­tis­che Neben­wirkun­gen eingeschlif­f­ener Prämien­sys­teme) ein soziales Type­n­raster zu erzeu­gen, in dem die Gebilde­ten struk­turell in der Min­der­heit bleiben. Bezo­gen auf die Gesamt­bevölkerung ist das kaum zu ver­mei­den. Dafür sorgt zuver­läs­sig, auch wenn das viele Men­schen bedauern, die reale Berufs– und Freizeitwelt. Heikel wird es in den klas­sis­chen Bil­dungs­berufen, zu denen man den des Poli­tik­ers nicht zu zählen wagt, obwohl in der Poli­tik die Entschei­dun­gen über die Zukunft der Bil­dung fallen – nach Kri­te­rien, die einer Mehrheit ein­leuchten müssen, auch wenn sie sich im eige­nen Lebens­gang von ihnen nicht beein­drucken lässt. Let­zteres ist der Grund, aus dem die Bil­dungspoli­tik den dou­ble­s­peak liebt: nir­gends klaf­fen die Motive, aus denen gel­ernt oder nicht gel­ernt wird, und das admin­is­tra­tiv ver­hängte Ange­bots­de­sign sicht­barer auseinander.

In mancher Hin­sicht bleibt es gle­ichgültig, ob Bil­dungspakete so oder so geschnürt wer­den, ob es ein wenig mehr tech­nikkon­formes Wis­sen oder emanzi­pa­tive Per­son­bil­dung sein darf, ob die musis­chen oder die natur­wis­senschaftlichen Fächer nach vorn geschoben, ob Bil­dungs­stan­dorte vertei­digt oder innere Werte gestärkt wer­den. Auch die Zahl der The­ater pro Region ist kein zuver­läs­siger Indika­tor für Bil­dung, obwohl die an ihnen Beschäftigten das naturgemäß anders empfinden. Nicht die Bil­dungss­teuerung ist schuld an der Miss-​Bildung, nicht das Fehlen von Bil­dung ist die Ursache, warum Bil­dung ver­fehlt wird, so wie Abwe­sen­heit nicht den Man­gel erk­lärt, allen­falls das Aus­bleiben von Abhilfe. Am Ende bes­timmt die Kul­tur der Bil­dung die Bil­dung der Kul­tur, unab­hängig davon, ob sie von den Inter­essierten als herrschend oder mar­gin­al­isiert, als beson­ders wertvoll oder als belan­g­los ange­se­hen wird.

13.

Nicht nur die Öffentlichkeit ist es gewöhnt, im Bil­dungs­bere­ich hin­ters Licht geführt zu wer­den, son­dern auch der Einzelne. Die leere Attitüde, die hohle Phrase enthal­ten die Auf­forderung, es sich bequem zu machen: Schlum­mern Sie sanft! Und auch das ist nur in Gren­zen richtig. Die Mehrheit der Bil­dungsak­tiv­itäten wird immer unter dem Ver­dacht des Als-​ob ste­hen und den Arg­wohn beflügeln, die Zahl der Lebenslü­gen zu ver­größern. Zur Bil­dung gehört unab­d­ing­bar die Fall­höhe. Das Ela­bori­erte und die Plattheit haben einan­der zuviel zu sagen, als dass sie ihr Gespräch zu irgen­deinem Zeit­punkt ein­fach ein­stellen kön­nten. Es würde ihnen auch nicht bekom­men. Zur Bil­dung gehört die gelebte Dis­tanz, die per­son­ale Kom­mu­nika­tion erst ermöglicht und auch Nähe bedeutet. Daran ist nichts pein­lich, es sei denn der Hochmut dessen, der unbe­d­ingt auf der sicheren Seite angetrof­fen wer­den möchte und deshalb die Kon­t­a­m­i­na­tion scheut. Massenkom­mu­nika­tion hinge­gen hat die Ten­denz zur absoluten Dis­tanz. Das Sym­bol dieser absoluten Dis­tanz ist die Scheibe, auf der die Botschaft der anderen Seite erscheint, ohne dass der Empfänger sie durch sein Ver­hal­ten in irgen­deiner Form mod­i­fizieren kön­nte (es sei denn, er schal­tet den Appa­rat aus). Nur wer sich abso­lut nicht beein­drucken lässt, bewahrt sich den Hauch einer Chance, der Ver­wand­lung von Kom­mu­nika­tion in Kon­sum zu ent­ge­hen. In der Praxis entsteht daraus ein Zwit­ter­ver­hal­ten, das ebenso kor­rupt wie unbelehrbar dem Schein von Kom­mu­nika­tion huldigt und in dauern­der Gefahr steht, mehr von sich preiszugeben, als die Regeln der Umsicht und einer klu­gen Lebens­führung erlauben.

Aus solchen in den Tiefen­schichten der Gesellschaft aus­ge­bilde­ten Dis­po­si­tio­nen speist sich der Siegeszug jener unbe­lasteten Beobachter, die man auch als Hinzutre­tende beze­ich­nen kön­nte, um anzudeuten, dass sie gel­ernt haben, das Spiel nicht mitzus­pie­len und mit­spie­lend zu verän­dern, son­dern es im Hinzutreten in Frage zu stellen und dadurch prinzip­iell zu entwerten, nach­dem ein­mal der Fehler began­gen wurde, sie hinzuzuziehen. Bezo­gen auf die Sit­u­a­tion der Philoso­phie habe ich diesen Typus in einer früheren Pub­lika­tion ein­mal wie folgt beschrieben:

Der unbe­lastete Beobachter ist nicht notwendig eine Per­son, die den The­o­riebe­stand eines Fachs von außen mustert. Man käme auch rasch in Schwierigkeiten, wollte man dieses ›von außen‹ genauer beschreiben. Vielmehr ist er eine Kun­st­figur: ein Habi­tus, der dazu dient, eine vorge­fun­dene Sit­u­a­tion willkür­lich zu verän­dern. Um ihn anzunehmen, ist nichts weiter erforder­lich als der Entschluss, Wis­senschaft – oder jede andere Tätigkeit – als Spiel zu begreifen. Der unbe­lastete Beobachter sieht den Mit­spiel­ern auf die Fin­ger, er wirkt zer­streut, solange sie bei der Sache sind, er lauscht, aber er hört nicht zu, er ver­größert auf jede erden­kliche Weise den Abstand, der ihn von den anderen trennt. Zu einem bes­timmten Zeit­punkt unter­bricht er das Spielgeschehen. Er hat etwas mitzuteilen. Hat er ein­mal das Wort ergrif­fen, prof­i­tiert er von der Zer­streutheit der anderen, die nicht wis­sen, wie ihnen geschieht. Im Grunde kön­nten sie end­los weit­er­spie­len, sie kön­nen es nach wie vor, solange sie nicht berührt, was der unbe­lastete Beobachter zu berichten weiß: dass näm­lich ihr Spiel auf einer falschen Voraus­set­zung beruht und deshalb nur einen imag­inären Gewinn abw­er­fen kann. Tat­säch­lich dauert es eine Weile, bis die Botschaft sich durch­setzt.
Doch das Spiel bleibt gestört, man ist nur noch halb bei der Sache. Wie viele unbe­lastete Beobachter verträgt es? Eines ist sicher: sobald sich die Waage dem neuen Typus zuneigt, ist die Ein­heit der Diszi­plin nur noch ein leeres Wort. An ihre Stelle tritt eine sek­tiererisch sich ent­fal­tende Mime­sis, und es ist vol­lkom­men belan­g­los, welches Spiel sie von Fall zu Fall unter­bricht. Wer über die rechte Ein­stel­lung ver­fügt, ist um Argu­mente sel­ten ver­legen, vor allem, wenn sie auf »harten Fak­ten« basieren. An diesen wiederum herrscht kein Man­gel. Es kommt nur darauf an, sich ihrer ökonomisch zu bedi­enen. Also lautet die philosophis­che Maxime, die sich in der Figur des unbe­lasteten Beobachters ver­birgt: mul­tum non multa. Der kle­in­ste Stein verur­sacht das größte Getöse.

Was hier in Bezug auf eine akademis­che Diszi­plin gesagt wird, lässt sich müh­e­los auf alle Bere­iche über­tra­gen, in denen Kul­tur ver­mit­telt und gelebt wird. Schwellen­ver­weigerung bedeutet etwas grundle­gend anderes als Leis­tungsver­weigerung. So kann es kom­men, dass sich ger­ade in dieser Gruppe Leis­tungsträger finden, deren spez­i­fis­che Leis­tung die der anderen nicht nur über­strahlt, son­dern zur Recht­fer­ti­gung ihrer Entwer­tung dient. In gewisser Weise stellen sie mimetisch die sich in umwälzen­den Ent­deck­un­gen und Erfind­un­gen man­i­festierende, anson­sten auf zähe und langsame Akku­mu­la­tion hin­aus­laufende Kul­turbe­we­gung in ihrer Per­son zur Schau: Ich habe das, was ihr sucht (oder wissentlich aus­blendet).

14.

Diese Tech­nik des Infragestel­lens besitzt eine ide­ol­o­gis­che Vorgeschichte, die vielle­icht noch ein­mal geschrieben wird. Sie besitzt auch eine prak­tis­che Vorgeschichte in den alter­na­tiven Protest­for­men der sechziger Jahre des let­zten Jahrhun­derts. Ihr offenes Geheim­nis ist die Macht­frage, die sie in alle Ver­hält­nisse hinein­trägt, zu Aufk­lärungs– und Emanzi­pa­tion­szwecken, wie sie behauptet, da sie ohne­hin allen Ver­hält­nis­sen inhärent sei. Reak­tionär ist bekan­ntlich immer die Macht der anderen, aber auch die der Diskurse, die gebrochen wer­den müssen, damit endlich Licht am Ende des Tun­nels auf­scheint. Nichts fällt leichter als einen ›Diskurs‹ zu kon­stru­ieren, in dem sich der Kon­struk­teur nicht aufge­hoben fühlt und den er deshalb dem Hohn und der destruk­tiven Gewalt des Pub­likums auszuliefern sich berechtigt fühlt. Das mag im Einzelfall berechtigt sein, doch die Fol­gen der ein­mal etablierten Massen­praxis sind desas­trös. Die Kürze der The­o­rie, die nötig ist, um das Spiel zu spie­len, garantiert die Abwe­sen­heit jeden weit­erge­hen­den Sach­in­ter­esses, die Beliebigkeit des Ver­fahrens seine uni­verselle Ver­füg­barkeit im Dienst als real angenommener Inter­essen. Anders als Leute, die, auch unter Hin­tanstel­lung ihrer per­sön­lichen Belange, die richti­gen Fra­gen zu stellen ver­mö­gen, zeich­nen sich Trolle unter anderem dadurch aus, dass sie den per­sön­lichen Vorteil nie aus dem Auge ver­lieren, dass sie Aufmerk­samkeit, Pres­tige, Kar­riere, Einkom­men, und ihr Pro­fil mehr oder min­der auf­fäl­lig den Gegeben­heiten anzu­passen wis­sen. Dass sie über­haupt ins Zen­trum der bil­dungs­the­o­retis­chen Aufmerk­samkeit aufrücken kon­nten, hängt auch mit dem Umstand zusam­men, dass ihre allzu schlichte, keinem Gesellschafts­glied gän­zlich ferne Erfol­gsskala irgend­wann kurz­er­hand von den pla­nen­den und steuern­den Instanzen zu Selek­tions– und Förderzwecken über­nom­men wurde.

Gesellschaftliche Prozesse sind zäh, sie haben kein erkennbares Ende – geschweige denn Ziel – und bleiben, aufs Ganze gese­hen, uner­gründlich. Nicht sel­ten ist die beste Meth­ode, sich einer Gefahr zu erwehren, die Nobil­i­tierung: wer etwas zu ver­lieren hat, lernt das Regel­w­erk der Gesit­tung in einer Nacht. So entste­hen mitunter irreale Auf­stiegsmuster, die zur Nachah­mung ein­laden und für den Einzel­nen oder die Gesellschaft im Desaster enden. Eine ratio­nale Maxime müsste daher lauten: Ent­fernt die Trolle! Oder, da sich der fromme Wun­sch ohne­hin nicht ver­wirk­lichen lässt: Schafft die konzep­tionellen und praktisch-​empirischen Voraus­set­zun­gen, um die Entste­hung, Ver­mehrung und wun­der­same soziale Kar­riere dieses Bil­dungsphänomens einer einge­hen­den Beobach­tung, Analyse und Bew­er­tung zuzuführen, um es irgend­wann wirk­sam einzudämmen.

Den sozialen Online-​Netzen ist etwas Bemerkenswertes gelun­gen. Sie haben scho­nungs­los die mikrokom­mu­nika­tiven Dimen­sio­nen des Prob­lems aufgedeckt und quan­ti­ta­tiv über­wälti­gend doku­men­tiert. Eine Stunde Face­book–Lek­türe leis­tet in diesem Feld mehr Aufk­lärung über Bil­dungszustände als manche minu­tiöse Aufar­beitung eines Pisa-​Berichts. Angesichts dieses Ozeans an Infor­ma­tio­nen sollte es möglich sein, Beschrei­bungsraster und Analysemeth­o­den auszuar­beiten, die es erlauben, nicht nur Pro­file von Kon­sumenten und poten­ziellen Straftätern zu erstellen, son­dern auch kul­turelles Ver­hal­ten und kul­turelle Strate­gien zu durch­leuchten, die in den ver­schiede­nen Bere­ichen der Gesellschaft Effekt machen. Es ist wenig sin­nvoll, ger­ade dieses Medium für ein­schlägige Kom­mu­nika­tions­de­saster ver­ant­wortlich zu machen und ihm damit die Schuld an etwas zuzuschieben, dessen Ursprung, zumin­d­est teil­weise, im Bil­dungssys­tem selbst zu suchen wäre.

Respekt ver­di­ent das Medium schon deshalb, weil es, aus gegebenem Anlass, erst­mals dem Phänomen einen pop­ulären Namen gegeben hat. Ein gewisses Befrem­den kön­nte dem Arg­wohn entwach­sen, mit der genan­nten Maxime werde wom­öglich zu einer Art umge­drehter Men­schen­jagd geblasen. Men­schen­jagd als die dun­kle Seite dessen, was Strate­gen dieser Prozesse ›Schwarmintel­li­genz‹ nen­nen, ist, seit die Kumu­la­tion­sef­fekte der Netze ins all­ge­meine Bewusst­sein gedrun­gen sind, ein heißes Thema, das sich mit dem angeschnit­te­nen mehr als flüchtig berührt. Troll-​Verhalten – oder, um zur vorgeschla­ge­nen Ter­mi­nolo­gie zurück­zukehren, die Strate­gie des unbe­lasteten Beobachters – lässt sich ganz gut als schein­per­son­ales Ver­hal­ten beschreiben. Das kön­nte die Fehlein­schätzung erk­lären, der erliegt, wer in ihm nur eine Äußerungs­form des ebenso banalen wie legit­i­men Bedürfnisses von Indi­viduen zu erken­nen wün­scht, ihr Leben zu leben und es auf der sozialen Leiter so weit wie möglich zu brin­gen. Betra­chtet man es unter dem Aspekt kul­tureller Schwellen­ver­weigerung, dann ver­fliegt der Anschein, hier würde der legit­ime Selb­stver­wirk­lichungswun­sch von Per­so­nen markiert und mit einem eher elitärem Kul­turver­ständ­nis entsprin­gen­den Straf­zoll belegt.

15.

Eine ange­le­sene Assozi­a­tion: Hätte jemand angesichts des ersten Surf­bretts auf dem Auto­dach eines Jun­glehrers, der von der let­zten Unter­richtsstunde in die Ferien startete, Alarm geschla­gen, weil er eine tödliche Gefahr für das kul­turelle Sys­tem her­aufziehen sah, so wäre manches anders gekom­men. Aber selb­stver­ständlich hätte sich so ein Jemand, und zwar zu Recht, nur lächer­lich gemacht. Den­noch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die forcierte Kon­sum– und Freizeit­ge­sellschaft das schon länger beste­hende Bil­dung­sprob­lem in eine neue Ord­nung ver­schoben hat. Da es in nie­man­des Macht stand, sie aufzuhal­ten, beschäfti­gen sich sei­ther Bil­dung und Bil­dungsver­mit­tlung damit, sich zu ihr zu ver­hal­ten. Eine frühe Weise, sich zu ver­hal­ten, wurde, wie erwähnt, ›poli­tisch‹ genannt: eine Ver­weigerung­shal­tung, die sich nicht auf die Schwellen­er­fahrung der Kul­tur, son­dern auf den Kon­sum bezog – das Kon­sum­id­io­ten­tum, wie es in jenen Jahren gern genannt wurde. Man muss sich unseren mit­tler­weile an der Pen­sion­s­grenze angekomme­nen Jun­glehrer als wack­eren Kämpfer gegen die Kon­sum­id­i­otie vorstellen, anders täte man ihm ver­mut­lich Unrecht. Sein Anspruch auf unge­brem­ste Erleb­n­is­freizeit ist zwar Teil der Kon­sum­land­schaft, aber er siedelt in einem sen­si­blen Gelände: die Auszeit von der Kul­tur ist ein aus den Zeiten der Aufk­lärung ver­trautes Phan­tasma gemeineu­ropäis­chen Ursprungs. Selb­stver­ständlich wurde es stets kul­turell flankiert gedacht.

Der Reise– und Freizeitin­dus­trie gelang der Coup, Tarzan mit Robin Hood zusam­men­zus­pan­nen und in die Fab­rika­tion­sstät­ten einzuschleusen, in denen, nach fast ein­hel­liger Überzeu­gung der Beschäftigten, Bewusst­sein pro­duziert wird. Bewusst machen, Bewusst­sein erzeu­gen, Bewusst­sein verän­dern: damit wer­den ganze Indus­triezweige aus­ge­lastet, ohne dass in ihnen der selt­same Stoff Bewusst­sein, aus dem das selt­same Pro­dukt Bewusst­sein gewon­nen wird, unter anderen als Veränderungs-​Gesichtspunkten über­haupt ins Blick­feld geri­ete. In unserem Fall heißt das: an die Stelle falschen, auf den pas­siven Kon­sum der all­ge­gen­wär­ti­gen pop­kul­turellen Ange­bote eingestell­ten Bewusst­seins soll, durch päd­a­gogis­che Magie, richtiges Bewusst­sein gesetzt wer­den. Das erin­nert nicht grund­los an klas­sis­che Dystopien von Sam­jatin bis Orwell. Doch natür­lich ist alles anders gemeint. Denn dieses richtige Bewusst­sein ist, von Haus aus oder durch den Willen seiner Pro­duzen­ten, kritisch.

Worauf will das hin­aus? Natür­lich nicht auf eine Apolo­gie unkri­tis­chen Bewusst­seins, eher schon auf eine Befra­gung dessen, was hier ›Bewusst­sein‹ genannt wird. Aber gle­ichgültig, was eine solche Befra­gung ergäbe: nach jahrzehn­te­langer Erprobung sind wenig Zweifel geblieben, dass der switch zwis­chen richtigem und falschem, zwis­chen unkri­tis­chem und kri­tis­chem Bewusst­sein eine innerkon­sum­istis­che Dimen­sion besitzt, vor der früh gewarnt und die sei­ther selbst zum Objekt päd­a­gogis­cher Gegen-​Anstrengungen wurde. Auch kri­tis­ches Bewusst­sein muss jene kul­turellen Schwellen passieren, um wirk­liches, sich in Bezü­gen seiner Kul­tur real­isieren­des Bewusst­sein zu wer­den und nicht in der Rolle des unbeteiligten Beobachters zu posieren oder in Zonen aktiven Ter­rors abzu­driften. Es ist nicht über­flüs­sig, der­gle­ichen zu bemerken, weil es noch immer den Schlüs­sel zur intellek­tuellen Biogra­phie der heute Aktiven liefert und in gewisser Weise den Türöffner für ähn­liche Phänomene spielte. Denn gle­iches gilt für den switch zwis­chen einer unter­stell­ten Bil­dung­sid­i­otie, die sich an die einge­fahre­nen Verabre­ichungswege von Kul­tur hält, und dem aktuellen Ideal des selb­st­bes­timmten Kul­tur­aneign­ers, der sich sein Wis­sens– und Bil­dung­spro­gramm auf dem Tablet nach Wun­sch und antizip­ierter Eig­nung zusam­men­stellt, gle­iches, um vom For­mal­is­mus der Bil­dungskonzepte zum For­mal­is­mus der Bil­dungsin­halte überzuwech­seln, für den an die Stelle der realen Geschichte einer realen Men­schheit geset­zten switch von einer trau­ma­tis­chen und trau­ma­tisieren­den Ver­gan­gen­heit zu einer ther­a­peutis­chen und gle­ich­sam bergen­den Gegen­wart, gle­iches für den switch zwis­chen falschen und richti­gen Frauen­bildern, falschen und richti­gen Annah­men über die soziale Natur des Men­schen bis zum lach­muskel­reizen­den Kitsch der jew­eils neuesten, dem Zwang zur Akquise geschulde­ten Forschungsergeb­nisse über die ver­hal­tens­bi­ol­o­gisch und gehirn­phys­i­ol­o­gisch begrün­dete Unfähigkeit men­schlicher Sex­u­al­part­ner zur Monogamie. Und es gilt, nicht zu vergessen, für den switch zwis­chen dem herkömm­lichen, ein­seitig einer falschen Sach-​, also Frem­dori­en­tierung ver­schriebe­nen Selb­st­bild des Wis­senschaftlers und dem kar­ri­ere­be­ton­ten, selb­stver­mark­ten­den, kap­i­taler­tragss­teuergeprüften Wissenschaftlerinnen-​und-​Wissenschaftler-​Idol, das zwis­chen zwei Drittmit­te­lanträ­gen ein Sinn-​Vakuum erlei­det, wie es nur, nun ja, durch Kul­turkon­sum gefüllt wer­den kann.

16.

Bil­dungsrede bleibt unvoll­ständig, solange sie das ästhetis­che Ter­rain – und damit die Pro­jek­tions– und Pro­jek­t­fläche der Kunst – nicht in ihre Über­legun­gen ein­bezieht. Dass Kunst – ästhetis­che Kunst, denn es gibt auch andere – von Haus aus pro­jek­t­för­mig gedacht wer­den muss, wird klarer, wenn man das beson­dere Ver­hält­nis bedenkt, das sie an den Bere­ich der Mythen und Mythen­darstel­lung fes­selt: Wo Mythos ist, muss Kunst wer­den – das wäre eine beson­dere Form des ästhetis­chen Imper­a­tivs, die sich nur dadurch vom – reich­lich löchri­gen – Verdikt des pla­tonis­chen Sokrates über das Wis­sen des Mythos unter­schei­det, dass sie das pro­duk­tive Wech­selver­hält­nis zwis­chen bei­den Seiten ins Licht stellt. Wie und warum Kunst sich vom Mythos geschieden hat, ist eine Frage. Die andere wäre, wie und mit welchen Mit­teln sie die Schei­dung aufrecht erhält, ohne ihr Son­derver­hält­nis zum Mythos oder zur mythis­chen Welt­sicht aufzugeben. Die Antwort lautet: durch ihre Projektform.

Es ist das her­stel­lende, sprich: ›tech­nis­che‹ Ver­hält­nis zu dem, was Hegels Enzyk­lopädie–Para­graph 560 etwas brüsk, aber in der Sache völ­lig kor­rekt den Gott nennt, in dem der Pro­jek­tcharak­ter der Kunst grün­det. Ein Teil der Sci­en­tific com­mu­nity hat sich angewöhnt, die großen Men­schheits­find­un­gen, also Reli­gion, Kunst, Philoso­phie, Wis­senschaft, selbst die Tech­nik Pro­jekte zu nen­nen. Das entspricht dem Selb­stver­ständ­nis der darin Täti­gen nur zum Teil. Solange das Selb­st­bild der Wis­senschaft vom Methoden-​Paradigma durch­drun­gen war, scheint ihr mehr an sta­bilen Ergeb­nis­sen gele­gen gewe­sen zu sein als an unaus­geschöpften Inno­va­tionspoten­zialen, die durch ein fixes Meth­o­d­enideal eher verdeckt wer­den. Vom Kün­stler als, mit Hegel gesprochen, »Meis­ter des Gottes« wird dage­gen erwartet, dass er das Staunen­erre­gende, das Uner­wartete und Uner­wart­bare an die Stelle des gewohn­ten Anblicks der Dinge setzt, so wie die Dich­tung aus einer gewis­sen Per­spek­tive als Prozess der per­ma­nen­ten Neuerfind­ung der Mythen mit anderen Mit­teln in Wech­sel­beziehung zum jew­eils gülti­gen Stand der Kul­tur ange­se­hen wer­den kann.

Kunst und Lit­er­atur gel­ten daher seit jeher als bevorzugte Liefer­an­ten von Schwellen­er­fahrun­gen. Bere­its die hel­lenis­tis­che Antike erkennt daran, ob und wie sich jemand ihren Gebilden gegenüber aus­drückt, die typ­is­chen Anze­ichen von ›Kul­tur‹. Das ist bis heute, allen Unken­rufen und Mord­ab­sichten zum Trotz, so geblieben. Nicht geblieben, soweit Doku­mente sprechen, ist die Dichte der jew­eili­gen Erfahrung und das soziale Pres­tige, das sich an die präzise Artiku­la­tion dieser Erfahrung heftet. Es ist schon eine Weile her, seit ein Werk wie Adornos Ästhetis­che The­o­rie ein gesellschaftliches Raunen erzeu­gen kon­nte. Immer­hin han­delt es sich um einen über­schaubaren Zeitraum, so dass die Ursachen dafür dur­chaus in den Eigen­tüm­lichkeiten der Kul­tur gesucht und gefun­den wer­den kön­nten, von denen hier die Rede war.

Die eigen­tüm­liche Schwind­sucht der Poe­sie, vielfältig abzule­sen am Wan­del der, soweit noch vorhan­den, ein­schlägi­gen Regale der Buch­hand­lun­gen, der The­men und Gegen­stände der Kri­tik und der Absatz­zahlen der Ver­lage, aber natür­lich auch der Schriftsteller-​Attitüden und dem, was man, mit dem bekan­nten Kafka-​Wort, ihre Laufrich­tung nen­nen kön­nte – nicht zu sprechen davon, dass bere­its das Wort ›Dich­tung‹ in der gegen­wär­ti­gen Lit­er­atur­wis­senschaft zu einem Unwort her­abge­sunken ist –, hat unter­schiedliche Gründe. Eine Ursache der Mis­ere liegt in einer tech­nol­o­gisch induzierten und indizierten kul­turellen Zan­gen­be­we­gung: ein­er­seits dem Auszug vieler, nicht: Leser, son­dern Lesee­in­stel­lun­gen, darunter ger­ade der wacheren, aktiv­eren, keine Such­be­we­gung scheuen­den, neuheitssüchti­gen und durch Design, sprich Ästhetik ver­führbaren, aus dem gedruck­ten Medium, ins­beson­dere dem Buch als der promi­nen­ten Verabre­ichungs­form von Lit­er­atur, ander­er­seits der gegen­läu­fi­gen, damit kor­re­spondieren­den, the­o­retisch wohlfundierten, aber in der Praxis ver­heeren­den Abkehr vom Glauben an die Buch­för­migkeit der Welt – zumin­d­est ihrer Deu­tun­gen. Die zugrunde liegende, den Natur– und Sozial­wis­senschaften seit län­gerem geläu­fige Ein­sicht ist, wie der let­zte Schlagab­tausch über den kul­turellen Eigen­wert des Buches und der Buchkul­tur aus­re­ichend belegt, in der lit­er­arischen Welt nie recht angekom­men. Das hat, außer der dort anzutr­e­f­fenden sen­ti­men­talen Nei­gung zu einer gewis­sen heili­gen Ein­falt, vielfältige kul­turelle Gründe, unter denen die Buchre­li­gion als kul­turelle Grün­dungs– und Fundierungsin­stanz mehr als gle­ich­berechtigt neben der säku­laren Verehrung für Erstaus­gaben und Klas­siker­bib­lio­theken steht. Ein Haupt­grund liegt in der dis­trib­u­tiven Unumgänglichkeit der Buch­form in den Jahrhun­derten nach der Gutenberg-​Revolution. Doch es gibt andere, raf­finiert­ere Gründe. Ein Buch zu schreiben bedeutete für den lit­er­arischen, noch nicht zum Unter­hal­tungss­chrift­steller verküm­merten Autor, die Welt nicht nur dem Inhalt nach, son­dern auch for­mal zu deuten und als gedeutete zu gestal­ten. Die umschließende und auszugestal­tete Form dafür war nun ein­mal lange Zeit das Buch. Es ist viel Witz, Erfind­ungs­freude und Tief­sinn in die damit gestellte Auf­gabe hineingeflossen.

Lange vor der Erfind­ung des Com­put­ers und der durch ihn geschaf­fe­nen pro­duk­tiven wie dis­trib­u­tiven Möglichkeiten beginnt der Auszug der ästhetis­chen Lit­er­atur aus der for­menden und deut­baren Hülle des Buches. Prousts À la recherche du temps perdu lässt sich dieser Abset­zbe­we­gung ebenso zuord­nen wie Der Mann ohne Eigen­schaften. Was bei Musil man­gels medi­aler Alter­na­tiven als Nach­lass blankliegt, scheint erst durch die dig­i­tale Edi­tion eine befriedi­gende Form zu finden. Wenn dabei auch ökonomis­che Fak­toren eine Rolle spie­len, zeigt sich daran nur ein weit­eres Mal, dass die Tage der Buchver­lage als Schalt­stellen der lit­er­arischen Kul­tur wohl gezählt sind. Ein Medium, dessen Zauberkraft ver­schwun­den ist, das die for­male Neugier der Schreiben­den nicht mehr zu binden ver­steht – ganz zu schweigen davon, dass seine primären, sprich dis­trib­u­tiven Qual­itäten den Ver­gle­ich mit dem Pferdekutschen-​Zeitalter nahele­gen –, kann und wird als ästhetis­ches Faszi­nosum nicht fortbeste­hen – außer im anti­quar­ischen Sinn.

Keine Bil­dung ohne ästhetis­che Bil­dung: dieser Gemein­platz wenig­stens wird sich erhal­ten. Ihn voraus­ge­setzt und aus­gerüstet mit der in den let­zten Jahrzehn­ten wieder gewach­se­nen, keineswegs res­ig­na­tiven Ein­sicht, dass die dig­i­talen Kom­mu­nika­tion­s­me­dien nicht etwa das Ende der Schriftkul­tur bedeuten, wohl aber ihre tief­greifende Restruk­turierung mit heute noch nicht wirk­lich abzuse­hen­dem Aus­gang, sind wir gut beraten, die Sache der Lit­er­atur nicht fal­l­en­zu­lassen und an die his­torische Diskur­s­analyse zur Nach­be­hand­lung zu über­weisen oder im ökonomis­chen Über­leben­skampf der Buchver­lage zu ver­schleud­ern. Nicht etwa, weil es so schön wäre, im neuen Medium auch eine Lit­er­atur zu besitzen, son­dern weil die Kul­tur ohne sie sowohl nach ihrer äußeren wie nach ihrer inneren Dimen­sion unvoll­ständig bliebe.

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