1.

Dem raf­fenden Leser entspricht der zeilen­schin­dende Autor. Beide messen mit ein­er­lei Zeit­maß, sie bewohnen, wenn schon nicht dieselbe, so doch die gle­iche Zeit. Sie ken­nen einan­der im voraus, sie belauern sich in ihren Gewohn­heiten und sie wis­sen, sie sind vom gle­ichen Schlag. ›Lies mich‹, drängt der Ver­fasser, ›das hier ist guter Stoff, der präzise jeder deiner schlechten Gewohn­heiten folgt. Ich ver­spreche dir, du wirst keine bösen Über­raschun­gen erleben. Wenn du den Buchdeckel schließt, dann im Bewusst­sein, deine Zeit ver­dop­pelt und ver­dreifacht zu haben: durch diese sparsame und gle­ichzeitig effiziente Art von Lek­türe, durch die Überzeu­gung, etwas kul­turell unge­mein Wertvolles geleis­tet zu haben (immer­hin, du hast ein Buch gele­sen), schließlich durch die beruhi­gende Erfahrung, damit nichts Beson­deres getan zu haben, vielmehr nur in dem fort­ge­fahren zu sein, was dich auch sonst umtreibt. Der Voyeur in dir darf sich schme­icheln, Ein­blick genom­men zu haben: in was auch immer, wie auch immer, das tut nichts zur Sache. Und, gib’s zu: nichts anderes hast du erwartet. Wäre ich dir anders gekom­men, hätte ich dich zu einer umständlicheren Form der Lek­türe ange­hal­ten, dann hättest du das Buch nach den ersten zwei oder zwanzig Seiten aus der Hand gelegt. So sind wir beide zufrieden – ich, weil du mein Buch gekauft hast und deinen Fre­un­den weiter empfehlen wirst, du, weil ich dir bewiesen habe, dass Bücher kein Kopfzer­brechen bere­iten müssen, sie vielmehr die natür­lich­ste Sache der Welt sein können.‹

Dieser Schrift­steller schreibt ja wie ein nor­maler Men­sch. Ich hätte das nicht geglaubt.
Aber das ist es ja: Zeigen Sie uns einen nor­malen Men­schen, der so schreibt!

›So weit, so gut. Wir, das heißt du, Leserin oder Leser und ich, der Autor, haben uns ein Stück weit ken­nen gel­ernt, man kön­nte fast sagen, aneinan­der gewöhnt, nun gilt es Abschied nehmen: für mich, weil ich zwar nicht am Ziel meiner Wün­sche, wohl aber mit meinem Pen­sum am Ende bin und wieder anders kön­nen möchte, für dich, weil von mir nichts mehr kommt was dich ein­er­seits erle­ichtert, ander­er­seits ent­täuscht. Diese Ent­täuschung, diese notwendige Enttäuschung enthält die Quin­tes­senz unserer Beziehung. Ich habe dir, als du das Buch auf­schlugst, etwas vorgemacht, du hast dir etwas vor­ma­chen lassen, wie gesagt, nichts Beson­deres, aber darin liegt das Beson­dere, denn hin­ter den Fas­saden, den Gebär­den, den Aus– und Ein­las­sun­gen, dem Gerede, das dich hin­hält und immer fort geht, liegt bei dem, was ich dir in die Hand gegeben habe, nicht das Andere, Unge­se­hene, Unkon­trol­lierte und Bedrohliche, son­dern ein harm­loser Ein­band, der leicht aufruht. Es ist nichts dahin­ter: diese im Leben wie in der Kunst beruhi­gende Fest­stel­lung hat dich während des Lesens nie ver­lassen, selbst an Stellen nicht, an denen du deine Fin­gernägel zu zerkauen oder dir die Haare zu ver­drillen begannst. Natür­lich habe ich dir etwas vorgemacht, aber das geschah in unser bei­der Ein­ver­ständ­nis, es war ein Spiel, ein Wür­fel­spiel, bei dem man niemals weiß, wohin der Wür­fel rollt – du wusstest nicht, womit ich dich eine Seite weiter nar­ren würde, ich, ob du die Seite, die ich da ger­ade ausheckte, über­haupt lesen, ob du sie nicht vielle­icht überblät­tern, über­schla­gen oder in einem Zus­tand völ­liger Gedanken-​, ja Hirn­losigkeit über­fliegen oder über­lesen würdest oder ob nicht vielle­icht im Gegen­teil der Fluss deiner Assozi­a­tio­nen just hier so stark, so dicht wer­den würde, dass das Geschriebene darin wie in einem Nebel zer­fließt oder sogar untergeht. Ich weiß es wohl: um solcher Momente willen – unvorherse­hbar, uner­schreib­bar – liebst du meine Bücher, bewahrst du die Erin­nerung an sie, auch wenn du die Titel vergessen hast und die Inhalte längst mit denen irgendwelcher Filme und der Spur, die das unen­trinnbare Nunc stans des Fernse­hens in dir hin­ter­lässt, zusam­menge­flossen sind. Nicht dass du dich erin­nertest – an sie und damit an dich –: dazu sind sie zu dif­fus, zu wenig eigen und, um ehrlich zu sein, vergessener von Anfang an als jeder andere Erin­nerungsstoff. Woran du dich erin­nerst, ist das unbes­timmte Bewusst­sein, unter­hal­ten zu wer­den, das sich während dieser Lek­türen aus­ge­bildet haben muss, und das woll­ten wir zwei doch, nicht wahr?‹

2.

So redet der zeilen­schin­dende Autor und er weiß sich dop­pelt im Recht – mit dem, was er aus­plaud­ert und mit dem, was er ver­schweigt. Denn natür­lich kön­nte man darauf hin­weisen, dass die Zeit, die er vertreibt, nicht per se leere Zeit ist, die darauf wartet, ver­trieben zu wer­den, er also ein Dieb, ein Zeit­dieb ist – ohne Rück­sicht darauf, dass seine Leser mit der Zeit, die die Lek­türe seiner Bücher beansprucht, etwas Besseres hätte anfan­gen kön­nen, etwas Besseres als eine Lek­türe: darin liegt die Dif­ferenz. Gibt es Besseres als eine Lek­türe? Kann es Besseres geben als eine Lektüre?

An dieser Frage schei­den sich die Geis­ter, aber nicht wirk­lich: an ihr sind sie geschieden – von Anfang an. Lassen wir also diejeni­gen ziehen, für die es Besseres gibt als eine Lek­türe. Ger­ade ihnen tritt, sobald sie sich frei wäh­nen, der zeilen­schin­dende Autor in den Weg, um den Obo­lus einzu­fordern. Denn die Lek­türe ist… unauswe­ich­lich. Wenn es etwas Besseres oder Schlechteres gibt als eine Lek­türe, dann eine Lektüre.

Es gibt die Lek­türe und es gibt die bessere Lek­türe – so wie es immer etwas Besseres gibt, etwas höher Gestelltes, in dessen Besitz es einen nach den Niederun­gen gelüstet oder zumin­d­est nach ihren Auf­blicken. Die Niederun­gen der Lek­türe sind blick­los, ein geschlossenes Uni­ver­sum mit trans­portablen Gren­zen, uner­messlich in seiner Fähigkeit, sich zu erneuern und aktuell zu wirken. Den Lesern ein X für ein U vor­ma­chen: darin liegt seine Ver­führungskraft, die sich bestens ger­ade an solchen Stellen bewährt, an denen es dem Ver­fasser bit­ter­ernst wird. Der Schalk ist das Genre und das Genre ist das Uni­ver­sum der Redun­danzen, das jede Art von Überzeu­gun­gen aus­brütet, Über–Zeu­gun­gen, Zeu­gun­gen jen­seits des zu Bezeu­gen­den, Apoth­e­o­sen des leeren Gere­des, Häu­tun­gen eines imag­inierten Heute, einer Instanz, die niemals war und niemals sein wird, obwohl sie sich als das Beste­hende und die Kri­tik daran aufspielt.

Die Lit­er­atur der Niederun­gen erkennt man am sich­er­sten daran, dass sie Ansprüche stellt. Ein Leser, der nicht bereit ist, ihr in jede Dummheit zu fol­gen, kann kein ide­aler Leser sein. Im Ernst, man muss ihn ver­fol­gen – womit? Mit Ansprüchen, womit denn sonst. ›Das ist anspruch­slose Kost‹, ver­rät die Schöne unge­fragt, sobald das Leser-​Auge wohlge­fäl­lig auf dem glänzen­den Ein­band der Konkur­renz ver­weilt, ›was ich dir biete, geht weit darüber hin­aus, aber natür­lich setzt meine Lek­türe voraus, dass du nicht zu den ersten besten gehörst, son­dern dich zu ori­en­tieren ver­stehst‹. Ger­ade das heißt ›im Bilde sein‹ – wer nicht im Bilde ist, ließe sich fol­gern, gehört auch nicht hinein, er weiß gar nicht, wovon die Rede ist, er ist kein Leser, son­dern ein Bar­bar in einem Garten, einer, dem das Buch nichts sagt, vielle­icht ja nur, weil er seinen nichtssagen­den Charak­ter ganz richtig erkannt hat.

Was nicht automa­tisch heißt, dass er, bekäme er erst das richtige Lese-​Futter vorge­setzt, ein richtiger Leser wäre. Der richtige Leser ist, wie der falsche, ein Trug­bild. Der abgerichtete Leser, der dressierte Leser, der müde, der unaufmerk­same, der blasierte Leser, der Leser ohne Lek­türe, der unen­twegt die Seiten eines Inneren umwen­det, die vielle­icht die seini­gen sind oder von ihm han­deln, der scharfe, geban­nte, übernächtigte, der gesät­tigte, hyper­n­ervöse und ver­let­zte Leser, sie alle fließen zusam­men in dem einen, dem wirk­lichen Leser – par­don, der Leserin –, der oder die als Per­son nicht existiert und auch nicht zu existieren braucht, weil es unmen­schlich und wahrhaft ›kon­trapro­duk­tiv‹ wäre, als Leser zu existieren. Nun, in den Niederun­gen der Lit­er­atur wird der Leser voraus­ge­setzt und alle stürzen auf ihn zu, ohne ihn erre­ichen zu kön­nen. Die Rede vom Leser ist die blanke Waffe, die der Autor auf die Kri­tik, der Lek­tor auf den Autor, die Kri­tik auf Autor und Pub­likum richtet, eine Weise, in Abwe­sen­heit einer Autorität zu reden, die, wäre sie vorhan­den, unbe­d­ingt die eigene wäre.

Was die bessere Lek­türe von der schlechteren unter­schei­det, entschei­det sich zwis­chen den Zeilen, dort, wo sie zu Hause ist: nie ganz Buch, nie ganz das pas­sive Tätig­sein, das man ›Lesen‹ nennt, nie ganz abhängig vom Gele­se­nen oder Gele­sen­wer­den, nie ganz unab­hängig davon, niemals ganz ›Stoff‹ und niemals ganz ›Vol­lzug‹. Es entschei­det sich in den aus­gedehn­ten Momenten, in denen der Leser sich teils inner­lich, teils äußer­lich ent­fernt, sei es, dass ein Bedürf­nis ihn heim­sucht – der Aus­löser sind viele –, sei es, dass er sich nicht gefordert oder – dass er sich gefordert sieht.

In solchen Zwis­chen­zeiten entschwebt die ›Fik­tion‹, diese per­ma­nente Auf­forderung an den Leser, sich etwas vorzustellen. Was davon noch in der Luft liegt, ist keineswegs ›die Sache selbst‹. Von dem, was nun in den Vorder­grund tritt, weiß man nicht, ob man es besser den Unter­schied nen­nen sollte oder das Unun­ter­schei­d­bare – je nach­dem, ob man den Akzent auf die Unmerk­lichkeit des Über­gangs oder auf die Heftigkeit des Phänomens legt. Im Unun­ter­schei­d­baren liegt der Unterschied.

In solchen Momenten wird die Zeit nicht mehr ver­trieben. Sie bleibt und sie grup­piert sich neu. Die nie ganz zu recht­fer­ti­gende Abschwei­fung des Lesens findet ins Ziel. Kein einge­bilde­ter Leser mit seinen Gelüsten und seinem erschreck­enden Bedürf­nis nach ›Unter­hal­tung‹ schiebt sich mehr zwis­chen das Buch und den, der liest.

Der let­zte Reiz der Lek­türe liegt nicht im effek­tiv ver­schwen­derischen Umgang mit der ver­füg­baren Leben­szeit. Er liegt in ihrer rig­orosen Ver­wand­lung und, was auf das­selbe hin­aus­läuft, der ›unwider­ru­flichen‹ For­mung dessen, der ihr erliegt. Bücher sind Anord­nun­gen zur Ver­wand­lung von Bewusst­sein in Bewusst­sein. Es gibt Bücher, die schmecken leicht, fast ein wenig leer, sie gle­ichen Zeigern.

3.

Die besseren Bücher, also diejeni­gen, die dem gesam­melten Ernst des Lesens stand­hal­ten und genü­gend Anreize bieten, um in erneuter Lek­türe zu ihnen zurück­zukehren, bedi­enen eher das Spek­trum der Auf­fas­sun­gen, zu denen die Men­schen im Lauf ihres Lebens neigen, als dass sie ihnen wirk­lich Neues zu sagen hät­ten. Wirk­lich neue Gedanken treten zu sel­ten ins Blick­feld, als dass sie den Reiz des Lesens begrün­den kön­nten. Dazu kommt, dass sich das Neue daran, weit davon ent­fernt, den Leser unmit­tel­bar anzus­prin­gen, erst in müh­samen Prozessen immer erneuten Über­lesens und Über­denkens her­auss­chält. Das Neue, was immer es sei, tritt dem Leser nicht als Neuheit ent­ge­gen, son­dern als das Neue einer Ver­gan­gen­heit, die nicht ver­gan­gen genug ist, um nicht zur Erk­lärung oder Begrün­dung von etwas Gegen­wär­tigem herange­zo­gen zu wer­den. Das war damals ein bahn­brechen­der Gedanke‹ heißt fast immer: ›Auf dieser Bahn bewe­gen wir uns noch heute‹ oder, falls ger­ade nicht: ›Heute wis­sen wir es besser‹. In diesem Besser-​Wissen steckt die ver­gan­gene Auf­fas­sung, sie ist in das ›bessere‹ Wis­sen einge­gan­gen und nur um den Preis des Nichtver­ste­hens aus ihm zu ent­fer­nen. Soll heißen: wer sagt, etwas sei neu oder dann und dann neu gewe­sen, glaubt damit etwas zu ver­ste­hen – und nicht etwa nur zu wis­sen. Was wir ver­ste­hen, das ist der Gedanke, der uns aufgeht, der in uns aufgeht und den wir deshalb ›neu‹ nen­nen. Das gilt für Gedanken, aber es gilt auch für Gegen­stände: eine Erfind­ung würdi­gen – und sei es die des Rades – heißt, eine anfängliche Welt entwer­fen, in der ger­ade dieser ›Ein­fall‹ (sic!) das Momen­tum repräsen­tiert, den nicht weiter qual­i­fizier­baren Sprung zwis­chen dem, was bis dahin galt und sich nun unwider­ru­flich zurückzieht, weil seine ver­fü­gende Kraft gebrochen ist, und dem, was sich spon­tan oder in lan­gen Prozessen zu einer ›neuen Welt‹ zusam­men­schließt, in der die Grenze zwis­chen dem Wirk­lichen, dem Möglichen und dem Unmöglichen anders, aber ähn­lich ein­deutig ver­läuft. Das scheint über­trieben, aber dem scheint nur so, weil die Ver­wech­slung von Sache und Deu­tung Teil der Deu­tung und damit unhin­terge­hbar ist. Das unbe­deu­tende Neue, die kleine Find­ung, die kleine Erfind­ung – das klingt bere­its nach Cap­ta­tio benev­o­len­tiae, nach dem Eingeständ­nis der Unsicher­heit, ob es auch erlaubt sei, das Deu­tungss­chema des ›Neuen‹ dort anzuwen­den, wo man es ger­ade ver­sucht. ›Ver­suchen wir’s doch mal!‹ – dieser älteste Habi­tus, den vielle­icht zuerst die Philoso­phie in die Praxis der Welt­deu­tung hineinge­bracht hat, während er vorher der Welt des Schmeck­ens und Tas­tens und ihrem spez­i­fis­chen Wage­mut zuge­hörte, ist aus der Annoncierung des Neuen aber nicht wegzu­denken, und ger­ade die ›Größe‹ der Neuheit, der Ver­such, an dieser Stelle die Spreu vom Weizen zu son­dern, ist wenig mehr – näm­lich nichts – als eine Waffe im Streit der Deu­tun­gen, in der Konkur­renz der Genealo­gien und, nicht zuletzt sei es gesagt, der Archäologien.

4.

Die Archäolo­gie des Wis­sens, dieser selt­same Fou­caultsche Topos, lebt von einer pro­fil­süchti­gen Umkehrung – ›Doku­mente zu Mon­u­menten‹ –, für die ein Preis zu entrichten ist. Das Zurück­bet­ten der Quellen in die Anonymität der Diskurse hon­ori­ert die Unempfind­lichkeit der wis­senschaftlichen Plebs gegen die emi­nente Einzelleis­tung und ver­siegelt das Gedächt­nis lebendi­ger kul­tureller Ein­heiten. Damit schärft es die Dichotomie von ›totem Wis­sensstoff‹ – den unver­daulichen Wis­senssteinen, die der mod­erne Men­sch Niet­zsche zufolge mit sich herumträgt – und ›lebendi­gem Wis­sen‹ um eine weit­ere Kom­po­nente an.

Demge­genüber gewinnt das prak­tis­che Ergänzungsver­hält­nis, in das die reale Grabungstätigkeit zum Zeug­nis der schriftlichen Quellen ein­tritt, seinen Charme nicht so sehr durch Mis­strauen gegenüber den Quellen, son­dern durch den Glauben an ihre wörtliche und keineswegs sprich­wörtliche Zuver­läs­sigkeit. Ver­ständlicher­weise tritt dieser Glaube weniger dort in Erschei­n­ung, wo in nor­mal­wis­senschaftlicher Rou­tine For­ma­tion um For­ma­tion erschlossen, soll heißen fleiß– und detail­gerecht reg­istri­ert und gesichert wird. Mehr davon findet sich in den freibeu­ter­ischen Zugrif­fen Einzel­ner, die sel­ten wirk­lich Einzelne sind – obwohl der ewige Schlie­mann in allen Köpfen spukt –, vielmehr ent­deck­ung­shun­grige Rudel, die allerd­ings durch einen Riss in der Wahrnehmung Einzel­ner auf den Weg gebracht werden.

Hans Peter Duerr, der Eth­nologe der Traumzeit, gibt in dem Buch Rung­holt. Die Suche nach einer ver­sunke­nen Stadt eine plas­tis­che Beschrei­bung dieses Vor­gangs und der heiklen Kon­stel­la­tion, in die ein Wis­senschaftler ger­aten kann, der sich auf einen solchen Weg beg­ibt. Der Riss, der die offen­bar notwendige Dis­tanz zur Diszi­plin, zur Arbeit­sumge­bung und den landläu­fi­gen Inter­pre­ta­tio­nen von Quellen und Befun­den her­stellt, lässt den freibeu­ter­ischen Zugriff als etwas erscheinen, das er wahrschein­lich in hohem Maße auch ist, aber anders, als es die Unter­stel­lung will. Die Sucht, das Neue in der pro­fa­nen Wiedergewin­nung des mit­tels autori­ta­tiver Deu­tun­gen sakral­isierten Alten zu suchen, enthält das Motiv der Ich-​Sucht oder Ich-​Suche auch und ger­ade dort, wo sie sich darauf nicht reduzieren lässt. Das anspruchsvolle Freibeuter-​Ich weiß sich durch prim­i­tive Schatz­suche, der das Aben­teuer und der glitzernde Reich­tum als Abschluss und Beloh­nung genügt, stets über­holt, es weiß die Orte, die es auf­sucht, im voraus geplün­dert, aber eben geplün­dert, das heißt ohne Sinn und Ver­stand, unter Hin­ter­las­sung weit­erer iden­ti­fizier­barer Spuren, um ihren vorder­gründi­gen materiellen Wert gebracht, zu dem sich der wis­senschaftliche nur zu leicht hinzugesellt.

Die Zeit, in der das Neue im Dien­ste der Wis­senschaft ent­deckt, rubriziert und prä­pari­ert in den Schautruhen des all­ge­meinen Bewusst­seins abgelegt wurde, neigt sich erkennbar dem Ende zu. Das hat weniger damit zu tun, dass Ent­decken ins­ge­samt eine müh­samere und sel­tener vom Erfolg gekrönte Tätigkeit gewor­den ist, als dies dem durch­schnit­tlichen Wissenschaftler-​Ego zuzu­muten wäre (denn auch das Gegen­teil, die unglaub­hafte Leichtigkeit des Ent­deck­ens im Bann geziel­ter Förderung, scheint der Fall zu sein), als damit, dass es mit der Dien­st­barkeit in der Wis­senschaft wie ander­swo eine andere Rich­tung genom­men hat als dies die klas­sis­chen Texte, etwa Max Webers oblig­ater und obsti­nater Vor­trag Wis­senschaft als Beruf, unge­fragt ver­sich­ern. Ob sich die Zahl der Erken­nt­nisse, also des ›ver­füg­baren Wis­sens‹, in zwei, vier oder zehn Jahren ver­dop­pelt, ob seine Halb­w­ertzeit dabei rapide gegen Null tendiert oder nicht, ist vielle­icht nicht so wichtig wie die unüberse­hbare Tat­sache, dass es vor allem da zutage gefördert wird, wo es, nun, wo es gefördert und nachger­ade gefordert wird:

»Das Umschreiben eines Forschungsantrages als Resul­tat des Besuches eines Wis­senschaftlers bei den entsprechen­den Stellen in Wash­ing­ton bein­hal­tet meist mehr als ein Umän­dern des Titels. Es heißt, dass eine Neukonzep­tu­al­isierung wesentlicher Teile des Inhaltes der geplanten Forschung vorgenom­men wer­den muss. Ein Wis­senschaftler, der seine Ver­fahrensweisen umstellt, um so der Ori­en­tierung des Vor­stands eines Insti­tutes zu entsprechen, an dem er sich um eine Posi­tion bewor­ben hat, ändert damit auch die zukün­fti­gen Ergeb­nisse dieser Forschung. Und Unter­suchun­gen, die je nach der perzip­ierten Reak­tion der Indus­trie, mit der man einen Forschungskon­trakt hat, ver­folgt oder aufgegeben wer­den, kön­nen ein ganzes Forschung­spro­gramm in die eine oder andere Rich­tung steuern.«1

Das ›geforderte‹ Wis­sen aber – ist es das neue, das klein oder sogar groß geschriebene Neue? Gäh­nend wen­det sich die cupi­ti­das rerum novarum vom indus­triell gestützten Wis­sensprozess ab und ver­langt umge­hend nach dem Neuen. Der indus­trielle Freibeuter, der Mit­tel und Wege findet, eine nur weni­gen zahlungskräfti­gen und sys­tem­starken Kun­den vor­be­hal­tene Tech­nolo­gie quasi über Nacht einer Massenkund­schaft zu erschließen, und darüber nicht nur uner­messlich reich, son­dern zur plan­e­tarischen Kult– und Has­s­figur wird, der wis­senschaftliche Freibeuter, der unbeküm­mert auf Reich­tum und Ruhm aus ist und, gle­ich ob es sich um die Entschlüs­selung der DNA, um Klima– oder Gehirn­forschung han­delt, entschlossen eines der Traumpro­jekte der Men­schheit so zurecht­definiert, dass seine Erfül­lung ›kontin­gen­ter­weise‹, wie es sich gehört, mit dem erfol­gre­ichen Abschluss des eige­nen drittmit­tel­ge­förderten Forschungszyk­lus zusam­men­fällt – sie beide han­deln weder im Dienst der Men­schheit noch in dem der Erken­nt­nis, sprich: der Wis­senschaft. Sie han­deln aus einem intu­itiven Wis­sen darum, dass das Sub­jekt, anders als avancierte The­o­rien vom Neukan­tian­is­mus über den logis­chen Pos­i­tivis­mus bis zum Post­struk­tu­ral­is­mus und darüber hin­aus immer wieder sug­gerieren, nicht im ›gesicherten Gang der Wis­senschaft‹, im uner­messlichen, aber nicht unendlichen Vor­rat ›sin­nvoller Sätze‹ oder in der umschließen­den ›Epis­teme‹ his­torischer Kom­mu­nika­tion­s­ge­mein­schaften aufgeht, son­dern in der ebenso flüchti­gen, ›periph­eren‹ wie sta­bilen Berührung des Einzel­nen mit dem Neuen seinen Ort hat.

5.

Es gibt das Neue, kein Zweifel. Oder: ein Narr, wer daran zweifelt. An der­lei Nar­ren lei­det die Welt keinen Man­gel, sie bilden den Chor, der den Welt­prozess begleitet. Wer annimmt, dass in ihm die Ent­täuschten das Wort führen, wird wohl nicht ganz falsch liegen. Daraus zu schließen, dass Enttäuschung als Rit­ual mit dem Zweifel an der Neuheit des Neuen im Bunde steht, liegt nahe. So kon­nte es geschehen, dass auch das ›schlechthin Neue‹, das Erlö­sungswerk des Gekreuzigten, von dem her sich Welt­geschichte als Heils­geschichte kon­stru­ieren ließ, den Glauben der Men­schen ver­ließ und unter seinen pro­fes­sionellen Hütern ins deut­bare Irgend­wie dif­fundierte. ›Wir wur­den getäuscht‹ – dieser Satz gilt (unter den Bedin­gun­gen des Auf­bruchs aus der selb­stver­schulde­ten Unmündigkeit, die in der Kri­tik von Anfang an als fremd­ver­schuldete erscheint) immer und nir­gends, denn der Weg der Ent­täuschung, des Sich–Enttäuschens im Sinne des Sich-​Entschlagens steht jed­er­mann über­all frei — was den Glauben ans Neue und den Glauben ans Wun­der­bare oder an das Wun­der in enge Nach­barschaft rückt. Ein Wun­der ist es, wenn sich der erste Men­sch in die Lüfte erhebt, ein Wun­der ist es, wenn die erste men­schliche Stimme über den Atlantik dringt, ein Wun­der ist es, obzwar ein fürchter­liches, wenn der Knopf­druck eines Men­schen Städte ver­nichtet und Land­striche ver­wüstet, ein Wun­der ist es, wenn der erste Kreb­spa­tient von seiner Krankheit gen­est – es ist aber kein Wun­der, es ist das banale Gewusst-​Wie, dem die dichte, nicht abzustel­lende Reihe von Ver­such und Irrtum voraus­geht und folgt. Kein Wun­der also, dass fast jede ›bedeu­tende‹ Erfind­ung zu ver­schiede­nen Zeiten oder wenig­stens an ver­schiede­nen Orten für unter­schiedliche ›Erfinder‹ reklamiert wird. Der Sta­tus der Neuheit, so para­dox das klingt, setzt Deu­tung­shoheit voraus.

Das wahrhaft Neue fällt (oder ›steigt‹) vom Him­mel – was die Frage aufwirft, wie es dort hin­aufge­langt ist. Ger­ade diese Frage stellt man an Wun­der, es ist vielle­icht der Kern des Sich-​Wunderns. ›Das wäre doch etwas Neues – etwas ganz Neues‹, sagt die Empfind­ung, ›sehen wir ein­mal nach, was dahin­ter steckt.‹ Dass das Neue im Gewand des ›ganz Neuen‹ daherkommt und als solches sich die Entza­uberung gefallen lassen muss, ist nicht so sel­ten und eher das Gegebene. Denkbar wäre, immer­hin, dass die Entza­uberung nicht gelingt. Aber alle, die sich pro­fes­sionell mit diesen Din­gen befassen, wis­sen, dass das Spiel so nicht läuft. ›Es ist nicht zu fassen‹, sagt der gemeine Ver­stand, und der auf diese Dinge trainierte antwortet ihm gut mephistophe­lisch: Zu fassen ist es wohl, allein es fehlt die Neuheit. Die Neuheit des Neuen findet sich an der Grenze zwis­chen ertüftel­ter Möglichkeit und Ereig­nis – wenn sie sich denn findet, was die Frage war. Nicht das Ereig­nis selbst ist neu – sonst wäre, da Ereignisse Sin­gu­lar­itäten sind, alles neu, was geschieht –, son­dern das, was mit ihm ein­tritt: die nun­mehr ver­bürgte Aus­sicht, dass das, was sich da ereignet, immer und immer wieder geschieht oder zu geschehen ver­mag. Es kann gar nicht anders sein, wenn das Neue einen alter­na­tiven Weltzu­s­tand anzeigt, in dem es ken­ntlich wird, während es in einem anderen als ›bloße‹ Sin­gu­lar­ität vielle­icht vorhan­den, aber nicht als solches erkennbar ist. Nicht jedes Neue tritt mit der welth­is­torischen Präg­nanz ins Dasein, an die sich ›die Welt‹ – ein medial erzeugtes und ver­mit­teltes Ganzes – spätestens seit den ersten Atom­bomben­ab­wür­fen gewöhnt hat. Schon die Erfind­ung des Schießpul­vers ver­liert sich in den zeitlichen Tiefen eines unspek­takulären – Mil­itärs wür­den vielle­icht sagen: inadäquaten – Gebrauchs, in dem sich ihre weltverän­dernde Potenz nicht ohne weit­eres zu erken­nen gibt.

Falls dem so ist, falls, im ein­fach­sten Fall, das Vorhan­den­sein einer Klasse von Gegen­stän­den oder Geschehnis­sen von einem bes­timmten Zeit­punkt an als das gilt, was man als ›neu‹ beze­ich­net, so erhebt sich die weit­erge­hende Frage, ob es denn so etwas wie neue Gedanken gibt und geben kann. Wenn es etwas gibt, dessen Vorhan­den­sein in der Welt schlech­ter­d­ings nicht kon­trol­lier­bar ist, dann sind es Gedanken – jeden­falls solange sie bloß als Gedanken und nicht in Form von ›Konzepten‹existieren, deren bindende Kraft insti­tu­tionell erprobt und genützt wird. Ein solches Konzept ist, wie bekannt, die Reli­gion, und wenn langfristige Bindewirkung einen ihrer Hauptvorzüge darstellt und deshalb ruhig als Teil des Konzepts ange­se­hen wer­den kann, so darf doch angesichts der Geschichte der Reli­gio­nen, ihrer Schis­men und Ket­zereien nicht aus­geschlossen wer­den, dass auch im Hor­i­zont dieses Konzepts sich hin und wieder Neues zu Wort meldet – angesichts allfäl­liger Sank­tio­nen in der Regel wohl mit – wenig­stens unmit­tel­bar – eher neg­a­tiven Auswirkun­gen auf das Zusam­men­leben in der Gemein­schaft, in deren Mitte es Gehör findet. Was ›die Men­schen‹ sich bei alle­dem denken, ins­beson­dere in den durchritu­al­isierten Peri­o­den, aus denen ›nichts Neues‹ zu berichten ist, bleibt nicht erst dann außer Betra­cht, wenn die ›reser­va­tio men­talis‹, die ›pri­vate Überzeu­gung‹, die nie­man­den etwas angeht, selbst explizit zu einem Teil des Konzepts wurde. Dass zur Gedanken­frei­heit die Pub­lika­tions­frei­heit hinzutreten muss, um die Abwe­ichung sicht­bar zu machen, ist ein aufk­lärerisches Konzept, das den Gedanken der – nun­mehr pos­i­tiv ver­merk­ten – Neuheit eines Gedankens mit dem exis­ten­tiellen Ein­satz der Per­son im Namen des Neuen verbindet. ›Denker‹ ist, wer es untern­immt, die ›Gel­tung‹ eines Gedankens im Kampf um Anerken­nung zu ›erstre­iten‹: in der ›Wis­senschaft‹ erhält die Wech­sel­beziehung zwis­chen dem ›iter­a­tiven‹ Denken, in dem der Gedanke in der ›Wieder­hol­ung‹ eines Gedachten besteht, und dem ›inno­v­a­tiven‹ Denken eine feste Form, insofern die Inno­va­tion sich durch­set­zen muss, um als solche zu gelten.

Der Aus­druck ›Konzept‹ wurde mit Bedacht gewählt, weil er einer von denen ist, die zwis­chen den ›Diszi­plinen‹ – oder ›The­ma­tisierung­shin­sichten‹ – ste­hen und eigentlich ein Kon­strukt von Kon­struk­ten meint, und zugle­ich in einer Art fließen­den und schrof­fen Über­gangs einen Anspruch und eine Auf­forderung an den Einzel­nen bein­hal­tet, der ›sich‹ ein­mis­cht oder ›ein­bringt‹ – sei es in wis­senschaftlichen, sei es in poli­tis­chen, tech­nis­chen oder ökonomis­chen Angele­gen­heiten. Worterk­lärun­gen, die zwis­chen ›Begriff‹, ›Entwurf‹, ›Plan‹, ›Idee‹ und anderen Sub­sti­tuten schwanken, ver­mei­den in der Regel die Auseinan­der­set­zung mit der Dynamik, die neueren Ver­wen­dungsweisen innewohnt. Wer eine Schneise in den Dschun­gel möglicher Vorge­hensweisen schla­gen, einen Antrag stellen, ›seine Rich­tung‹ markieren, ›seine Vorstel­lun­gen erläutern‹, ›präzisieren‹, ›aus­bauen‹ soll, sieht sich in einer anderen Lage als jemand, der ein ›Gebiet‹ bear­beitet, auf dem auch andere tätig sein kön­nen, und damit einen ›Beitrag‹ zu was auch immer leis­tet: er wählt eine Art der Kartierung (oder wird dazu genötigt), die den gegen­wär­ti­gen ›Aufen­thalt­sort‹ als Aus­gangspunkt eines Unternehmens ver­ab­so­lu­tiert, das in Angriff genom­men wer­den und gemäß einer zu explizieren­den Kosten-​Nutzen-​Rechnung bewältig­bar sein oder scheinen muss. ›Ein Konzept haben‹ kann ebenso fatale Fol­gen zeit­i­gen wie das Gegen­teil, es bleibt aber der ›Schlüs­sel zum Erfolg‹, um im Bere­ich der banalen Reden­sarten zu bleiben, die eben­falls Schlüs­sel­funk­tion besitzen. Dass ein Konzept ›sich durch­setzt‹, ist die gängige, die aktuelle Vorstel­lung des Neuen, der die Rede von den ›neuen Her­aus­forderun­gen‹ zur Seite geht, denen man – selb­stre­dend – mit neuen Konzepten zu begeg­nen hat. Ein solches – erbrütetes, ertüfteltes – Konzept muss aber, wie jed­er­mann weiß oder zu wis­sen glaubt, ›umge­setzt‹ wer­den, um sich durchset­zen zu kön­nen – eine eigen­tüm­liche Vok­a­bel, ebenso geeignet, das Mys­terium des Neuen zu beherber­gen, wie der Stall von Beth­le­hem, in dem zweifel­los auch ›etwas umge­setzt‹ wurde. Man sollte, wie angedeutet, die Funk­tion der christlichen Erfol­gsstory, die, nach­dem das Dogma in den Hin­ter­grund getreten ist, weit­er­hin Wis­senschaftler– wie Schauspieler-​Viten prägt, nicht ger­ingschätzen. Das Neue ist das Neue, solange der Sym­bol­is­mus des Novum Tes­ta­men­tum nicht aus der Welt ver­bannt ist.

Unter dem primären Ein­druck der nation­al­sozial­is­tis­chen Juden­ver­nich­tung und der ›Unglaublichkeit‹ der Berichte angesichts dessen, was da zu berichten war, hat Han­nah Arendt einen para­doxen Sachver­halt for­muliert: je sin­gulärer ein Geschehen ist, je entsch­iedener es die Maßstäbe dessen sprengt, was jed­erzeit geschieht oder wovon bere­its ander­norts oder zu einer anderen Zeit die Rede war, desto eher steht der Bericht davon unter dem Ver­dacht der Lüge und desto mehr wird die per­sön­liche Glaub­würdigkeit des Bezeu­gen­den zu einer hand­lungslei­t­en­den Größe. In einer Sit­u­a­tion, in der Wahrheit und Lüge für die sin­niger­weise ›außen­ste­hend‹ Genan­nten prinzip­iell nicht zu unter­schei­den sind, ver­schmilzt das, was die ›Wahrheit‹ der Tat­sachen heißt, mit der Fak­tiz­ität des Bezeu­gens. Jean-​François Lyotard geht einen Schritt weiter, wenn er das Dilemma wie folgt beschreibt: »›Tat­säch­lich und mit eige­nen Augen eine Gaskam­mer gese­hen‹ zu haben wäre die Bedin­gung für die Autorität, ihre Exis­tenz zu behaupten und den Ungläu­bi­gen zu belehren. Zudem muss man beweisen, dass sie in dem Augen­blick tod­brin­gend war, als man sie sah. Der einzig annehm­bare Beweis für ihre tödliche Wirkung besteht darin, dass man tot ist. Als Toter aber kann man nicht bezeu­gen, dass man in einer Gaskam­mer umgekom­men ist.« Dem steht allerd­ings der alltägliche und his­torische Begriff von Zeu­gen­schaft klar ent­ge­gen: Zeuge ist, wer von einem Vorge­fal­l­enen auf­grund eigener ›Wahrnehmung‹ berichten kann, nicht nur, wer selbst in das Vorge­fal­l­ene involviert ist. Arendts Über­legun­gen sind genauer als die Lyotards – absolute Zuver­läs­sigkeit besäße, wie jedes andere, nicht ein­mal das Zeug­nis des Getöteten. Der reale Gang der his­torischen Forschung, so ließe sich anfü­gen, kann zwar die Para­doxa der Gewis­sheit nir­gends außer Kraft set­zen, wohl aber den Zweifel an dem, was geschehen ist, begrün­dungspflichtig machen und damit zerstreuen.

Aus der radikalen Notwendigkeit des Bezeu­gens hat sich eine Gedenkkul­tur entwick­elt, deren eigene Para­doxa heute für jeden Ein­sichti­gen auf der Hand liegen. Das meint nicht das spez­i­fisch jüdis­che Gedenken, son­dern jene beson­dere Präsen­ta­tions­form des Novum Novum Tes­ta­men­tum, das die ›fak­tis­che‹, aber natür­lich in Deu­tun­gen präsente Zurück­nahme des christlich oder utopisch bes­timmten Erlö­sungswerks durch das Geschehene pos­tuliert: die willkür­liche und inhu­mane Duplizierung der Ver­nich­tungs­maschinerie, als die sich die Geschichte dem von kein­er­lei tran­szen­den­ten Motiven getrübten nat­u­ral­is­tis­chen Blick auf die ›Gegeben­heiten‹ darstellt, im Zen­trum und mit den Mit­teln der ›Kul­tur‹. Für sie wird – was im Kon­text dieser Kul­tur ›Sinn macht‹ – der Sta­tus des Neuen, des Niedagewe­se­nen reklamiert. Der inzwis­chen eben­falls ›Geschichte‹ gewor­dene west­deutsche His­torik­er­streit der achtziger Jahre war auch Aus­druck des Dilem­mas, in das eine Geschichtss­chrei­bung zwangsläu­fig gerät, die für diese Art des ›abso­lut Neuen‹ von ihrer Methodik und ihrem Selb­stver­ständ­nis her nicht zuständig ist (eine vornehme Umschrei­bung des Umstands, dass sie ja in ihrer spez­i­fisch ›mod­er­nen‹ Form unter anderem aus dem Kampf gegen christliche Mythen­bil­dun­gen und Leg­en­den her­vorge­gan­gen ist), sich ihm aber aus Grün­den, die ebenso im Ethis­chen wie im Bere­ich der poli­tis­chen Kul­tur liegen, nicht ver­schließen kann und will.

Beze­ich­nen­der­weise sind die His­toriker, die damals ver­stärkt begonnen haben, die Frage nach der Ver­ant­wor­tung für das Mor­den in Rich­tung auf Teilaspekte des einiger­maßen kom­plexen Geschehens und die dazuge­hörige Entwick­lung und Real­isierung von Konzepten zu erweit­ern und zu konkretisieren, rasch auf das gestoßen, was man ›Kar­ri­ere­muster‹ nennt: der ›neue Mann‹, der ›Mann der Stunde‹ ist einer, der die sit­u­a­tion­s­gegebe­nen Möglichkeiten erkennt und ›pro­duk­tiv‹ zu wen­den ver­steht. Das ist, angesichts der gegen­wär­ti­gen, in den Geschlech­ter­diskurs einge­bun­de­nen Idol­a­trie der ›Kar­riere‹ und, para­dox­er­weise damit eng ver­bun­den, des ›neuen‹, ›unver­brauchten‹ Denkens, ein bedenkenswertes und beun­ruhi­gen­des Ergeb­nis – vor allem, wenn man beachtet, dass das Abse­hen von und in der Folge das Wegse­hen als inte­graler Bestandteil dessen fungiert, was man gemein­hin ›Konzep­tu­al­isierung‹ nennt, während die rit­uelle Beteuerung des Gegen­teils der ver­balen Absicherung dient. Wie das funk­tion­iert, lässt sich in jeder Talk­show besichti­gen. Der Zuschauer hat die Wahl: er kann die ›unkon­ven­tionellen Prob­lem­löser‹ einer mörderischen Ver­gan­gen­heit als Menetekel der von den Teil­nehmern ›bewusst katas­trophisch‹ akzen­tu­ierten Gegen­wart ver­ste­hen – oder als all­t­agsweltlich konzip­ierte Geschöpfe einer his­torischen Phan­tasie, die das nach wie vor Unbe­grei­fliche einer von der his­torischen Erfahrung radikal geschiede­nen Mitwelt ›nahe­brin­gen‹ sollen. Denkbar, wen­ngle­ich wenig überzeu­gend, wäre auch die dritte Vari­ante: die ›klammheim­lich‹ sich aus­bildende Überzeu­gung, dass ›nichts Neues unter der Sonne‹ geschieht. Sie unter­bi­etet das Prob­lem, das darin besteht, dass der Sys­te­mort des Neuen sich wohl ver­schieben, aber nicht eli­m­inieren lässt – jeden­falls solange man mit Indi­viduen rech­nen muss, die einen Sinn dafür haben, dass mit ihnen die Welt neu ersteht und sich aufs Neue verbraucht.

6.

Der zuletzt genan­nte ›Sinn‹ kann im Einzel­nen mehr oder weniger aus­geprägt sein, er kann, je nach­dem, ob die Umwelt ihn fördert oder unter­drückt, zu unter­schiedlicher Aus­prä­gung gelan­gen. Die zwei See­len in der Brust des mod­er­nen Men­schen, Kon­ser­vatismus und Pro­gres­sivis­mus, begin­nen ihr inniges tête-​à-​tête dort, wo ihm eine kul­turelle Leit­funk­tion zuteil wird. Darüber ist viel geschrieben wor­den, es ist eines der Lieblings­the­men der Lit­er­atur. Eine bekan­nte, durch Goethes Wil­helm Meis­ter inspiri­erte Stelle in Hegels Vor­lesun­gen über die Ästhetik han­delt von nichts anderem. Dort findet sich die Formel von den »mod­er­nen Rit­tern«, denen es nicht oder allen­falls cum grano salis gelingt, »ein Loch in diese Ord­nung der Dinge hineinzus­toßen, die Welt zu verän­dern, zu verbessern oder ihr zum Trotz sich wenig­sten einen Him­mel auf Erden her­auszuschnei­den«, denn: »das Ende solcher Lehr­jahre besteht darin, dass sich das Sub­jekt die Hörner abläuft, mit seinem Wün­schen und Meinen sich in die beste­hen­den Ver­hält­nisse und die Vernün­ftigkeit der­sel­ben hinein­bildet, in die Ver­ket­tung der Welt ein­tritt und in ihr sich einen angemesse­nen Stand­punkt erwirbt«. Der Akzent liegt auf den ›beste­hen­den Ver­hält­nis­sen‹, die von der Dynamik des Geistes ja nicht aus­geschlossen sind, aber gegenüber dem Indi­viduum die Art von Härte, Undurch­dringlichkeit und Sprödigkeit beweisen, die Sys­te­men nun ein­mal eigen ist oder zu sein scheint. Unter Sys­temthe­o­retik­ern läge der ratio­nale Kern dieser sub­jek­tiv grundierten Attribute der kün­stlichen Wirk­lichkeit in der Indif­ferenz der Sys­teme gegen ihre biol­o­gisch oder, all­ge­meiner, materiell definierten Träger. Deren ›Ein­tritt‹ in die ›Ver­ket­tung der Welt‹ verän­dert diese nicht oder doch so unmerk­lich, dass ihnen als Indi­viduen gar nichts Neues gelin­gen kann außer der Ein­nahme des ›angemesse­nen Stan­dorts‹ oder die Erbeu­tung einer oberen Sprosse auf einer der viel­er­lei hinge­hal­te­nen Karriereleitern.

Das Indi­viduum ist das Neue. Aber darin liegt nichts Neues, auch wenn es selbst das Unver­brauchte seiner Exis­tenz leb­haft empfindet.

›Homines novi‹ nan­nte das antike Rom seine sozialen Auf­steiger, wenn es ihnen gelang, die Sen­a­toren– oder Kon­sular­würde zu erre­ichen. Dem Par­v­enue sig­nal­isiert die Neuheit des erwor­be­nen Sta­tus, dass der Kampf um Anerken­nung beliebig lang und beliebig oft geführt wer­den kann, ohne je zu ein­deuti­gen Resul­taten zu führen. Das Neue bleibt Segen und Fluch zugle­ich. Für den christlich inspiri­erten Abschied vom ›alten Adam‹ gilt das nicht min­der, mit dem Unter­schied, dass hier die Unun­ter­schieden­heit in Christo für die Masse der Gläu­bi­gen zum gelebten Prob­lem wird. In den Worten des heili­gen Paulus: »Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schand­bare Worte aus eurem Munde; belügt einan­der nicht; denn ihr habt den alten Men­schen mit seinen Werken aus­ge­zo­gen und den neuen ange­zo­gen, der erneuert wird zur Erken­nt­nis nach dem Eben­bild dessen, der ihn geschaf­fen hat. Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnit­tener oder Unbeschnit­tener, Nicht­grieche, Skythe, Sklave, Freier, son­dern alles und in allen Chris­tus.« Wieviel Dif­ferenz, wieviel Alter­ität ist nötig, um den neuen Men­schen vom alten, den geläuterten Per­sön­lichkeit­san­teil vom nat­u­ralen zu son­dern? Die auf Augusti­nus fol­gende Beken­nt­nis­lit­er­atur hat diese Frage mehr oder weniger erfol­gre­ich, mehr oder weniger erfol­g­los zu beant­worten gesucht. Wie immer man die Para­me­ter stellt: der Aus­trei­bung des alten Adam folgt die neue Kor­rup­tion auf dem Fuß. Daran ändert sich auch im Zeichen des Kom­mu­nis­mus und alter­na­tiver Lebens­for­men, etwa im Gefolge der ´68er-​Revolte, nichts.

Die welth­is­torisch so erfol­gre­iche Kon­struk­tion des Homo novus (ohne die es vielle­icht keine ›Welt­geschichte‹ gäbe) stellt das Indi­viduum in ein merk­würdi­ges Span­nungsver­hält­nis. Als Teil der sym­bol­is­chen Ord­nung – oder Unord­nung, was in diesem Zusam­men­hang keinen Unter­schied macht – nimmt sie teil an der Indif­ferenz der ›Ver­hält­nisse‹ gegenüber den Einzel­we­sen. In ihrem appella­tiven Charak­ter geht sie über die ›nor­malen‹ Anmu­tun­gen der Sym­bol­welt deut­lich hin­aus. Das Indi­viduum, von Kindes­beinen auf damit befasst, Sym­bole als Insignien zu ver­wen­den, die dazu dienen, seinen – mit Hegel zu reden – als ›angemessen‹ betra­chteten ›Stand­punkt‹ im Leben zu erbeuten, zu doku­men­tieren und zu vertei­di­gen, sieht sich durch die gän­zlich andere Bil­dung des neuen Men­schen vor eine kom­mu­nika­tive Schranke geführt, die nur um den Preis der Selb­stauf­gabe zu über­winden bleibt. Bekan­ntlich ist der Weg­bere­iter des Homo novus einer, der selbst nicht in Betra­cht kommt und ger­ade darin sich seine Rolle sichert. Das gilt bere­its für die ein­fach­ste Form der Weg­bere­itung, das Darüber-​Reden. Die Hegel-​Stelle über Wil­helm Meis­ter illus­tri­ert diese Schranke recht gut, vor allem deshalb, weil in ihr der Goethesche Typus des Homo novus, der durchge­bildete Men­sch, gar nicht vorkommt, sie stattdessen sich gän­zlich auf das als wiederkehrend pos­tulierte prak­tis­che Resul­tat des Bil­dung­sprozesses kapriziert. Dass vom Bil­dungs­bürger eine neue Praxis aus­ge­hen kön­nte, inner­halb deren die alteu­ropäis­che Formel vom ›Welt­lauf‹ eine erhe­bliche Plau­si­bil­ität­sein­buße erfährt, geht in die zitierte Reflex­ion nicht ein, was einen ger­ade im Hegelschen The­o­riem­i­lieu ver­wun­dert. Das legt den Gedanken nahe, in ihr eine Art von ›reflex­hafter Abwehr‹ am Werk zu sehen, die aufs Eng­ste mit jener exis­ten­tiell bedrohlichen Indif­ferenz ver­bun­den ist.

7.

Gesellschaften, die den ›neuen Men­schen‹ zum Garan­ten ihrer Exis­tenz oder ihres Fortbe­standes erk­lären und durchzuset­zen ver­suchen, lassen ihre Glieder den Preis fortwähren­der Mobil­isierung bezahlen, etwa in Form per­sön­lichen Unglücks oder neu­ro­tis­cher Fehlgänge. Die ver­langte novi­tas ist, da zur sym­bol­is­chen Ord­nung gehörig, für nie­man­den als Per­son erre­ich­bar, sie deter­miniert aber den All­tag aller, und zwar als Kampf und als Lüge. Das hat der ›sozial­is­tis­che Men­sch‹ ebenso erfahren müssen wie die Kreuzrit­ter des Mit­te­lal­ters oder die Frauen­be­we­gung des zwanzig­sten Jahrhun­derts. Das unver­mei­dliche Sich-​Hineinfinden der Ange­höri­gen einer Gruppe, einer Gesellschaft, einer Kul­tur in die Spiel­regeln, wie immer sie ausse­hen mögen, unter­hält Anpas­sung­sprozesse, die zwar etwas pro­duzieren, was dem ›neuen Men­schen‹ nahezukom­men pflegt, aber doch nur, um ihn sig­nifikant zu ver­fehlen. Der Homo sovi­eti­cus hat das in schön­ster Präg­nanz gezeigt und es zeigt sich täglich in allen möglichen famil­iären Sit­u­a­tio­nen. Solche Anpas­sung­sprozesse wirken sowohl auf der indi­vidu­ellen wie auf der kollek­tiven Ebene sub­ku­tan, ihre Ver­läufe und Resul­tate sind der Plan­barkeit radika­lent­zo­gen – soll heißen an jener Wurzel, auf die das Reis des Neuen aufge­propft wer­den soll.

Von den schein­bar sub­lim­sten bis zu den abstoßend­sten For­men dieser Vari­ante des ›learn­ing by doing‹, den Umerziehungslagern, die den Sklaven– und Ver­nich­tungslagern – ten­den­ziell und realiter – vor­ange­hen, zieht sich der gle­iche rote Faden aus inhärenter Per­fi­die und Mis­ser­folg. Die ›Lagergestalt‹ des Men­schen, geformt durch die Aus­löschung der Pri­vat­sphäre, das Aus­geliefert­sein an regel– und zügel­lose Gewalt und die min­imierte Aus­sicht, ›mit dem Leben davonzukom­men‹, ist das Pro­dukt einer Strate­gie, der das Scheit­ern inhärent ist. Als solches trotzt sie den Anforderun­gen der Sys­teme, die ihren Opfern ›das Let­zte‹ abzuzwin­gen bereit sind. »Das Lager repräsen­tiert den Nieder­gang des zoon poli­tikon durch den homo faber. Es repräsen­tiert die Praxis einer poiesis, die nicht auf die Pro­duk­tion von Gebrauchs­ge­gen­stän­den gerichtet ist, son­dern vielmehr auf die Pro­duk­tion einer einzel­nen, über­greifenden Iden­tität, gewon­nen durch eine undif­feren­zierte men­schliche Masse, die zu einer Art Roh­ma­te­r­ial reduziert wurde.« Die zynis­che Über­be­to­nung der Form­barkeit des Men­schen zielt, wo immer sie freie Bahn bekommt, auf die Aus­löschung der Per­son. Das gibt dem peri­odis­chen Gerede über das Ende des Sub­jekts und des ›anthro­pol­o­gisch gedeuteten‹ Men­schen seine per­hor­reszierende Note.

Gior­gio Agam­ben, der römis­che Philosoph, ver­ficht die Hypothese, ›das Lager‹ repräsen­tiere den Aus­nah­mezu­s­tand – »in dem wir leben« – und der ›Musel­mann‹, der Typus des Lager­be­wohn­ers im let­zten Sta­dium der Entkräf­tung und der ›Entsub­jek­tivierung‹, sei als der spez­i­fis­che Beitrag der als unbezeug­bar bezeugten Real­ität des Lagers zur Erken­nt­nis des Men­schen anzuse­hen: »Nur weil es möglich war, im Men­schen einen Musel­mann zu isolieren, nur weil das men­schliche Leben wesentlich zer­stör­bar und teil­bar ist, kann der Zeuge den Musel­mann über­leben. Das Über­leben des Nicht­men­schlichen durch den Zeu­gen ist Funk­tion des Über­lebens des Men­schlichen durch den Musel­mann. Was gren­zen­los zer­stört wer­den kann, ist das, was sich gren­zen­los über­leben kann.« Angesichts der religös-​fundamentalistisch motivierten Her­aus­forderung des West­ens nach der Auflö­sung des sow­jetis­chen Sys­tems wer­den die Fäden, die hier zwis­chen einem bei Levi und anderen Über­leben­den bezeugten Aus­druck des nation­al­sozial­is­tis­chen Lager­jar­gons, der einen Zus­tand weit­ge­hen­der Apathie, ›Geis­tesab­we­sen­heit‹ und ›Wil­len­losigkeit‹ vor dem Ein­tritt des Todes benennt, dem US-​amerikanischen ›Krieg gegen den Ter­ror‹ und seiner an Orten wie Guan­tá­namo geübten Entrechtlichung des Geg­n­ers, der Praxis der organ­is­chen Lebenser­hal­tung in den Ein­rich­tun­gen der mod­er­nen Medi­zin und dem Oszil­lieren des ›mod­er­nen‹ Staates zwis­chen Phasen und Zonen gel­tenden und ver­min­derten Rechts gewoben wer­den, Aus­druck einer unaus­ge­sproch­enen – vielle­icht unaussprech­lichen – Hypothese. Ist es sin­nvoll, ist es möglich, die nach west­lichem Muster als ›ter­ror­is­musverdächtig‹ inter­pretierte mus­lim­is­che Iden­titäts­figur der ›Erge­bung in Gott‹ und die von Agam­ben diag­nos­tizierte Wiederkehr des auf das nackte Leben reduzierten ›Homo sacer‹ in Gestalt der Expa­tri­ierten, der Flüchtlinge und der ›kün­stlich‹ am Leben Erhal­te­nen, die die sub­jek­tive Bedin­gung der Teil­habe nicht mehr erfüllen, in der Extrem­figur des ›Musel­manns‹ zu bün­deln? Das ist die Frage. Eine Antwort darf das ›radikal‹ Neue nicht außer Acht lassen, in dessen Namen sich die Fig­uren auch, ist man ver­sucht zu sagen, bei Agam­ben zusam­men­fü­gen – also etwa die ›Konzep­tion‹ des ›reinen Rechts‹, von dem am Ende des Buches über den Aus­nah­mezu­s­tand die Rede ist. Das reine Recht wäre das Recht, in dem der »Bezug zwis­chen Gewalt [vio­lenza] und Recht rück­gängig« gemacht ist. Das radikal Neue zeigt sich hier wie ander­norts als das radikal Andere, dem gegenüber der alte Adam (die alte Eva nicht zu vergessen) wie eh und je sein Recht behauptet: das ›Recht aufs Dasein‹, in dem die Bere­itschaft, Gewalt zu üben und zu erlei­den, mit­ge­setzt ist.

Was für die gewalt­same Her­stel­lung des neuen Men­schen gilt, scheint ganz all­ge­mein auf das Phan­tasma einer ›schla­gen­den‹, wie der Ben­jamin­sche Aus­druck lautet, Kon­ver­sion der men­schlichen Dinge zuzutr­e­f­fen: man hat genü­gend Auf– und Niedergänge aus ›selb­stver­schulde­ten Unmündigkeiten‹ gese­hen, um zu kon­sta­tieren, dass es nicht funk­tion­iert – was in inter­essierten Kreisen am Ende den Auss­chlag geben dürfte. ›Lager‹ – reale und ide­ol­o­gis­che – pro­duzieren, und sie gle­ichen darin den Gesellschaften mit inten­siviertem Bedarf an Neuem, die sie her­vor­brin­gen, aufs Haar – jene spez­i­fis­che Form des Unglaubens, die der Sys­temthe­o­retiker Hel­mut Wilke in seinem Buch Dystopia unter dem Stich­wort ›sys­temis­che Ironie‹ streift, um sie – zu ver­fehlen. Der ›sys­temis­che Ironiker‹ stellt sich, so Wilke, der radikalen Ein­sicht, »dass die Unvoll­ständigkeit jeder Möglichkeit des Wis­sens sich nicht erst im evo­lu­tionären Zeitablauf als Rel­a­tiv­ität von Überzeu­gun­gen und Aspi­ra­tio­nen erweist, son­dern dass die eige­nen Überzeu­gun­gen und Aspi­ra­tio­nen tat­säch­lich kontin­gent in dem Sinne sind, dass sie hier und heute weder notwendig noch unmöglich sind, dass sie unter densel­ben Bedin­gun­gen anders aus­fallen kön­nten, dass sie so, wie sie sich mir darstellen, zwar möglich sind, aber genau­sogut auch anders möglich wären und ich nicht wis­sen kann, welche Umstände mich zu anderen Möglichkeiten brin­gen kön­nten.« Das ist das zur indi­vidu­ellen Maxime gewor­dene Konzept radikaler Kontin­genz, wobei die Radikalität darin besteht, dass der nicht so heim­liche Wider­part von Kontin­genz, das Apri­ori, nicht gedacht, son­dern nur bekämpft wird. Der radikal Ungläu­bige glaubt aber nicht an die Kontin­genz seiner Überzeu­gun­gen, son­dern wird von ihr heimge­sucht – und zwar umso radikaler, je überzeugter er sich gibt oder je inten­siver er sich der Arbeit an der Überzeu­gung hin­gibt. ›Beziehungskrisen‹, die sich aus solchen Heim­suchun­gen entwick­eln (Stich­worte: heim­liche Aussprachen, Ver­schwörun­gen, Fluchtgedanken), enthal­ten in sich die Möglichkeit des Über­gangs zu neuen Überzeu­gun­gen, deren Neuheit auss­chließlich sub­jek­tiven Charak­ter besitzt, während über ihre objek­tive Neuheit schlech­ter­d­ings nichts aus­ge­sagt wer­den kann. (Übri­gens dürfte hier, dies nur am Rande, einer der ›Attrak­tion­s­gründe‹ für mod­erne Fun­da­men­tal­is­men liegen, in deren motivieren­der Kraft vor allem die Stärke des Wun­sches, dem unaufheb­baren Unglauben zu entrin­nen, zutage tritt.) Ich nenne solche Krisen ›Beziehungskrisen‹, um anzudeuten, dass dabei das Ver­hält­nis der Per­son zu einem fordern­den Gegenüber eine tra­gende Rolle spielt, das keine Per­son sein, aber, wenig­stens in seinen Repräsen­tan­ten, men­schliche (oder unmen­schliche) Züge tra­gen muss. Das kommt daher, dass das sym­bol­is­che Kon­strukt des Homo novus nicht direkt auf den Einzel­nen wirkt, son­dern, vor­sichtig aus­ge­drückt, einge­bet­tet in soziale Inter­ak­tion, wie schon das Genre der pietis­tis­chen Auto­bi­ogra­phie zeigt, in dem die ›Erweck­ung‹ zwar eine Sache zwis­chen dem Einzel­nen und seinem Gott ist, aber durch Boten ini­ti­iert und durch die Auf­nahme in die Gemeinde feier­lich ›befes­tigt‹ wird. Dass Erweck­ungs­bi­ogra­phien in der gegen­wär­ti­gen Gesellschaft andere Ver­läufe zu nehmen pfle­gen, rührt natür­lich daher, dass die Gemein­dekom­mu­nika­tion in gesellschaftliche Kom­mu­nika­tio­nen anderen Charak­ters ver­woben ist und ihre Poli­tik der Abgren­zung im Hin­blick auf let­ztere je dif­fer­ent gehand­habt wird, also let­ztlich aus der dif­fer­en­tia speci­fica zu ver­ste­hen ist.

Wenn daher Für­sprecher der mod­er­nen ›Wis­sens­ge­sellschaft‹ einen adäquaten neuen Men­schen­ty­pus pos­tulieren, dessen Ressource, so Wilke, nicht das Herkom­men darstellen soll, also das ›Wis­sen des Wis­sens‹, son­dern die Zukunft, genannt das ›Wis­sen des Nichtwissens‹, das nach Art des Derivate­han­dels der Bör­sianer unter die Leute gebracht und zur Grund­lage der sozialen und men­talen Exis­tenz des Einzel­nen gemacht wer­den soll, dann ist das ein­er­seits eine Banal­ität, weil damit nur die gegebene Struk­tur des Wis­sens an einem Punkt in markige Worte gefasst wird, ander­er­seits ein weit­erer aus der Reihe der Angriffe auf den alten Adam (und die alte Eva), deren größte Idi­o­tien man unter gewalti­gen Men­schenopfern ger­ade abgewehrt glaubte. Der Ruf nach ›Nor­mal­ität‹, der nichts weiter meint als ein Unter­brechen der Kette der Mobil­isierun­gen (der »Kette der Demü­ti­gun­gen«, wie der Autor Botho Strauss aus schein­bar ger­ingfügig anderem Anlass schrieb), wird auch den Homo novus novus oder Homo oeco­nom­i­cus glob­alis ereilen. Da wäre schon ein wenig Exper­tise gefragt. Insofern waren die Bücherver­nich­tun­gen, die das Ende der sozial­is­tis­chen Ära in Deutsch­land markierten, vielle­icht etwas vor­eilig, jeden­falls Fanale eines offen­bar unau­flös­lichen Hochmuts, der heute auf den Namen des West­ens hört.

8.

Der Leses­toff besitzt die Eigen­schaft, den Hunger zu stillen oder doch zu überlis­ten, also von Objekt zu Objekt mit immer neuen Ver­heißun­gen in die Weite zu locken und let­zten Endes in die Irre zu führen. Allerd­ings macht sich, wer den Hunger kennt, sowohl über das Ende wie über die Irre Gedanken, die nicht nach jed­er­manns Geschmack sein müssen. Aber nicht davon sei hier die Rede, vielmehr von der Lek­türe selbst. Wie viele verir­rte Lek­türen sum­mieren sich im Laufe eines Leser-​Lebens? Auf welchem Gedächt­nis­bo­den set­zen sie sich ab? Welche Erin­nerungsstöße oder –stürme wirbeln sie auf – und davon? Welche Luft – Atem­luft, leben­snotwendige Luft – wurde von ihnen geschwängert? Und welche Art von Schwängerung ist da im Spiel? Wäre der Einzelne die Summe seiner Lek­türen, er erwiese sich als ein Wesen mit ebenso überzäh­li­gen wie unvoll­ständi­gen Orga­nen: unfähig zu jeder Form autonomer Fort­be­we­gung und unkundig des reglosen Bei-​sich-​Seins. Nicht im Lesen, son­dern im Weiterlesen scheint die von der Lit­er­atur angestoßene und unter­hal­tene Tätigkeit zu bestehen.

Die Behaup­tung, die Lit­er­atur sei tot, unterge­gan­gen in den seichten Gewässern der Unter­hal­tung und ein Opfer verän­derter Rezep­tion­se­in­stel­lun­gen, läuft dem­nach auf die Unter­stel­lung hin­aus, auf das Weit­er­lesen sei nicht länger Ver­lass – eine exo­tis­che Annahme, für die nichts spricht und die durch den Augen­schein spie­lend wider­legt wird. Denn gle­ichgültig, in welchem ›Stoff‹ es sich vol­lzieht, das Weit­er­lesen lässt sich nicht unter dem Stich­wort ›Unter­hal­tung‹ rubrizieren, jeden­falls dann nicht, wenn das Abgründige in allen For­men des Zeitvertreibs nicht mitbe­dacht wird. Eher locken die Aus­drücke ›Sucht‹, ›Manie‹, ›Krankheit‹, solange sie nicht den Gedanken des Entzugs und der Heilung nahele­gen. Aber vielle­icht liegt in let­zterem die fre­undliche Überre­dungskunst des Lamen­tos: die Lit­er­atur ist tot und wir leben – man müsste blind und taub sein, um den Zusam­men­hang nicht mit Hän­den zu greifen. Vielle­icht hat keine Gen­er­a­tion vor uns so sehr gelebt, dass sie auf die Lit­er­atur hätte verzichten kön­nen. Lit­er­atur ist Sur­ro­gat – sie hat es oft genug bekun­det, in gewisser Weise hat sie niemals von etwas anderem gehan­delt als von ihrem Sur­ro­gatcharak­ter: draußen das Leben, machtvoll, gewalt­tätig, lustvoll, hier das stille Leben, kraft­los, fried­fer­tig und sub­lim, Nature morte, eine andere Welt, errichtet auf dem ruhen­den Gesäß des Lesenden.

Die von der Lit­er­atur gere­inigte Welt ist dem­nach die Welt, in der alle zu Akteuren gewor­den sind. Wer mit­spie­len darf, muss nicht länger Zuschauer sein. Er darf das Buch zuk­lap­pen: alles ist wirk­lich und jeder darf zeigen, aus welchem Stoff er gemacht ist. Kein abwe­sender Autor hält ihn im Bann: alle Ver­let­zun­gen, alle Trä­nen, alle Glücksmo­mente sind wirk­lich, nein, sie sind wirk­lich wirk­lich, denn wirk­lich sind jene anderen auch, wen­ngle­ich auf eine unwirk­liche Art und Weise, wenn man so sagen darf: her­vorgerufen durch Illu­sio­nen, von denen sich die wirk­lichen Dinge und Ver­hält­nisse durch ihr körniges und wider­ständi­ges Dasein scharf abheben. Die wirk­liche Welt ist die wahre: dieser Satz steht hin­ter der heuch­lerischen Klage, keine Zeit mehr für die Lit­er­atur zu haben, im Grunde schade, man wäre so gern Kind geblieben – … Leben wir also in einer endlich erwach­sen gewor­de­nen Welt? Dumme Frage, natür­lich, wer spricht so? Im Ern­st­fall ein Leser, der die Span­nung zwis­chen seiner Lek­türe und den Phasen dazwis­chen als zu groß empfindet – er möchte sie teilen, das geht nur mit anderen Lesern.

Es geht nur mit anderen Lesern. Um aber an sie her­anzukom­men, ist es nötig, die Lek­türe zu unter­brechen, das Laster zu züchti­gen: das geschieht durch Unter­schei­dung. Die wahre Lit­er­atur, das wäre zweifel­los diejenige, die das Recht hätte, jeden Zeitaufwand von uns zu fordern, also ger­ade das­jenige, was wir nicht leis­ten kön­nen. So kann die Lek­türe, über der wir uns ertappt fühlen – und zwar von uns selbst, lange bevor ein Drit­ter sie uns stre­itig macht –, nur die falsche sein, untergeschoben, um die richtige weiter hin­auszuschieben. Die wirk­liche Lek­türe ist die falsche, und also ist die Lit­er­atur, die man aus dem Regal holt, um sich in ihr zu ver­fan­gen, notge­drun­gen etwas ganz anderes als die wahre, von der man nur den Aufwand kennt, den man scheut, weil er sich auf keine vertret­bare Weise eindäm­men lässt. Die wirk­liche Lit­er­atur zehrt das wirk­liche Leben auf wie das wirk­liche Leben die wirk­liche Lit­er­atur: Also müssen wir uns entschei­den. Wofür aber kön­nte man sich, ern­sthaft gesprochen, wohl entschei­den, wenn nicht für das Leben selbst, das, anders als jedes Buch, keineswegs gewillt ist zu warten, und gegenüber jeder begonnenen Lek­türe den Vorteil besitzt, dass es, wie das Fernse­hen, von allein weit­er­läuft. Die man­i­feste Dro­hung, nicht mitzubekom­men, was da läuft, schwebt über jeder ›abge­hobe­nen‹ Lek­türe und degradiert sie zur falschen, weil in der Regel kein Leser gewillt ist, vor sich selbst als lebens­fremd dazustehen.

Dabei ist ger­ade dies ver­lorene Liebesmüh, da er, als Leser, in den Augen der anderen bere­its ver­loren hat. Kein Außen­ste­hen­der unter­schei­det so scharf, dass er die Dif­ferenz, auf die der Leser so großen Wert legt, tat­säch­lich in Anschlag brächte. Im Gegen­teil, erfreut, über­haupt einem Leser zu begeg­nen, wüsste er nicht, weshalb er ihm das gefürchtet­ste aller Kom­pli­mente voren­thal­ten sollte, einer der weni­gen zu sein, die noch wirk­lich zu lesen wüssten, also so, wie er selbst lesen würde, wenn das Leben nicht anderes von ihm forderte. Nein nein, wird der Leser, vielle­icht ein wenig hastig, jeden­falls aber ver­legen antworten, daran sei gar nicht zu denken, er habe den Band ohne­hin nur zur Hand genom­men, um sich davon zu überzeu­gen, dass dieser das Weit­er­lesen nicht lohne. Jetzt aber habe er sich in der Zeit ver­tan, und es sei höch­ste Zeit, damit aufzuhören. Den Außen­ste­hen­den kann diese Auskunft nicht befriedi­gen – ein­er­seits gibt sie ihm das beruhi­gende Bewusst­sein, einem Leser vom gle­ichen Schlag begeg­net zu sein, ander­er­seits lässt sie ihn mit dem Arg­wohn allein, vom Geheim­nis jener Lek­türe aus­geschlossen zu bleiben und damit eine der sel­te­nen Gele­gen­heiten ver­patzt zu haben, ein Gespräch über Lit­er­atur zu führen und so dem Geheim­nis der wirk­lichen, ihm außeror­dentlich rät­sel­haft erscheinen­den Lek­türe ein wenig näher zu kommen.

Je nach Sit­u­a­tion ist jeder Leser und Außen­ste­hen­der, kennt fol­glich beide Seiten des Rit­u­als. Was lernt er daraus? Offen­sichtlich nicht aus­re­ichend viel, um es zu durch­schauen. Denn dann müsste er sich eingeste­hen, dass jene utopis­che Lek­türe, deren Vorstel­lung ihn durchgeis­tert, sobald er eines ver­sunke­nen Lesers ansichtig wird, sein eigenes Lesev­er­hal­ten nur deshalb zu beschä­men ver­mag, weil sie es als Form der Versenkung fest im Griff hat. Die Unruhe des Lesers, sein ungestümer oder schle­ichen­der Wun­sch weit­erzule­sen entwertet das bere­its Gele­sene. Sie entwertet es in einem solchen Maß, dass es dem Lesenden im Moment des Auf­blick­ens so vorkommt, als habe er nichts gele­sen, buch­stäblich nichts oder jeden­falls nichts Erwäh­nenswertes – als habe er seine Zeit ver­tan, als sei sie ohne ihn ver­gan­gen, obwohl sie doch, streng genom­men, in ihm zum Still­stand gekom­men ist. Wer sein Buch zuk­lappt, hat es gewöhn­lich eilig (falls er nicht sanft entschlum­mert), er hat es deswe­gen eilig, weil er sich den Ver­such schuldig zu sein glaubt, das Ver­säumte nachzu­holen, und zwar – darauf kommt es an – weit­ge­hend unab­hängig davon, was er während des Lesens ver­säumt zu haben glaubt. Der Umstand, dass er nichts Bes­timmtes ver­passte, zeigt zur Genüge, was man von dieser Art Hast zu hal­ten hat: sie gilt dem falschen Umgang mit der Zeit, der sich zweifel­los rächen wird und in gewisser Weise bere­its gerächt hat, weil man sich selbst darüber angetrof­fen hat, seine Zeit zu vertrödeln, soll heißen, mit Abgelebtem zuzubrin­gen. Der Lock­ruf des Lebens enthält einen moralis­chen Imper­a­tiv: Ver­giss nicht zu leben! Ver­giss es niemals, zu keiner Zeit!

Wie nennt man den, der nicht vergessen darf?

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