1. Die Enden der Parabel

An einem Tag im Mai 2000 drang in dem nor­wegis­chen Städtchen Hjelme­land ein mit einem Luft­gewehr bewaffneter Mann in einen Kinder­garten ein und dro­hte damit, Geiseln zu töten und das Gebäude in die Luft zu spren­gen. Der Neu­nund­dreißigjährige begrün­dete die Geisel­nahme per Tele­fon im Fernse­hen damit, dass er von den Behör­den beim Entzug des Sorg­erechts für zwei Kinder ungerecht behan­delt wor­den sei. Er richtete einen Appell an die Behör­den, ihm bei der ›Lösung seiner Prob­leme‹ zu helfen. Den Geiseln wolle er nichts tun, solange die Polizei den Kinder­garten nicht stürme. Kom­men­tar des Polizeis­prech­ers: »Nun hat er ja Gele­gen­heit gehabt, sein Anliegen vorzubringen.«

The 2011 Nor­way attacks were two sequen­tial ter­ror­ist attacks against the gov­ern­ment, the civil­ian pop­u­la­tion and a Work­ers’ Youth League (AUF)-run sum­mer camp in Nor­way on 22 July 2011.
The first was a car bomb explo­sion in Oslo within Reg­jer­ingskvar­talet, the exec­u­tive gov­ern­ment quar­ter of Nor­way, at 15:25:22 (CEST). The bomb was made from a mix­ture of fer­tiliser and fuel oil and placed in the back of a car. The car was placed in front of the office of Prime Min­is­ter Jens Stoltenberg and other gov­ern­ment build­ings. The explo­sion killed eight peo­ple and injured at least 209 peo­ple, twelve of them seri­ously.
The sec­ond attack occurred less than two hours later at a sum­mer camp on the island of Utøya in Tyrifjor­den, Buskerud. The camp was orga­nized by the AUF, the youth divi­sion of the rul­ing Nor­we­gian Labour Party (AP). A gun­man dressed in a home­made police uni­form and show­ing false iden­ti­fi­ca­tion gained access to the island and sub­se­quently opened fire at the par­tic­i­pants, killing 69 of them, and injur­ing at least 110, 55 of them seri­ously; the 69th vic­tim died in a hos­pi­tal two days after the mas­sacre. Among the dead were per­sonal friends of Prime Min­is­ter Jens Stoltenberg and the step­brother of Norway’s crown princess Mette-​Marit.
It was the dead­liest attack in Nor­way since World War II, and on aver­age 1 in 4 Nor­we­gians knew a vic­tim affected by the attacks. The Euro­pean Union, NATO and sev­eral coun­tries around the world expressed their sup­port for Nor­way and con­demned the attacks.
The Nor­we­gian Police arrested Anders Behring Breivik, a then 32-​year-​old Nor­we­gian right-​wing extrem­ist, on Utøya island and charged him with both attacks. The main court trial began on 16 April 2012, and as at all his remand hear­ings Breivik admit­ted to hav­ing car­ried out the actions he was accused of, but denied crim­i­nal guilt and claimed the defence of neces­sity (jus neces­si­tatis).1

Exzess. 3 Thesen

  1. Exzesse sind Überschreitungen.
  2. Exzesse sind nicht zus­tim­mungs­fähig, es sei denn, es geschieht aus sub­jek­tiver Verblendung.
  3. Exzesse rufen nicht-​diskursive Gegenin­stanzen auf den Plan.

Zur Rhetorik der Überschreitung

  1. Über­schre­itun­gen sind entweder pos­i­tiv oder neg­a­tiv konnotiert.
  2. Über­schre­itun­gen sind kul­turelle Vorkomm­nisse. Sie zie­len auf das Selb­stver­ständ­nis einer Gruppe, einer Gemein­schaft, der Gesellschaft.
  3. Exzesse sind neg­a­tiv kon­notierte Überschreitungen.
  4. Exzesse sind ›Auss­chwei­fun­gen‹. Sie führen seitab: ins Gelände, in die Niederun­gen, ins soziale Chaos, ins Verder­ben. Sie sind sozial, rechtlich, kul­turell ›nicht hinnehmbar‹.

Zu (a) Über­schre­itun­gen besitzen eine starke Wertkom­po­nente. Das bedeutet nicht, dass sie automa­tisch verurteilt wer­den: im ›gelun­genen‹ Fall pro­duzieren sie Staunen, pos­i­tive Erre­gung, Bewun­derung, Nachah­mung. Entsprechend groß ist die Band­bre­ite möglichen Scheit­erns. In der Über­schre­itung treten Indi­vid­ual– und Kollek­tivver­hal­ten in einen unüberse­hbaren Gegen­satz. Der Akteur, gle­ichgültig, ob Indi­viduum oder Teil­gruppe, setzt sich in einen par­tiellen oder totalen Gegen­satz zur Gruppe und ruft ihren Wider­stand her­vor. Das kann um gemein­sam for­mulierter Ziele willen geschehen, es kann auch auf naiven oder kom­plexen oder bizarren Annah­men über die wirk­lichen (›wahren‹) Ziele oder Werte der Gemein­schaft beruhen, es kann auch den gemein­samen Ver­ständ­nis­rah­men quit­tieren, wie das bei Deser­teuren oder Auswan­der­ern der Fall ist. Zeigt sich kein Wider­stand, so wird er imag­iniert. Ich habe Gott da draußen nicht gese­hen, sagt der Leg­ende gemäß der erste Men­sch im All, die Spitze gegen die Reli­gion, das heißt das Vorurteil derer, die unten geblieben sind, ist unüberhörbar.

Zu (b) Kul­turell bedeutet Über­schre­itung: Aufkündi­gung des Selb­stver­ständlichen. Ein als gegeben ange­se­hener Ori­en­tierungsraum wird zugun­sten einer par­tiell oder voll­ständig dif­fer­enten Ori­en­tierung ver­lassen. Zum Beispiel ist die Geste der ›Hin­ter­fra­gung‹ auf kul­turelle Über­schre­itung hin angelegt. Das Selb­stver­ständliche weniger selb­stver­ständlich machen, darin besteht die Grund­norm der Über­schre­itung, die ihrer­seits Züge des Selb­stver­ständlichen annehmen kann.

Für die antike Reli­giosität ist Über­schre­itung Hybris. Um das zu ver­ste­hen, genügt es, sich die Funk­tion der Göt­ter im griechis­chen Mythos in Erin­nerung zu rufen: was für die Men­schen gesetzt ist, ohne ihrem Verän­derungswillen zu unter­liegen, das wurde von den Göt­tern über sie ver­hängt. Wer sich diesen Gren­zen nähert oder sie zu übertreten ver­sucht, der nähert sich dem Ver­häng­nis oder liefert sich ihm aus. Hybris ist also eine Art Wette auf die Duld­samkeit der Göt­ter: Reagieren sie oder reagieren sie nicht?

Kul­turell etablierte Hybris ist insti­tu­tion­al­isierte Reli­gion­skri­tik: Reli­gion wird zurückge­drängt auf das immer kleiner wer­dende (oder erscheinende) Reser­vat dessen, was (noch) nicht verän­dert wer­den kann. In säku­laren Gesellschaften erwächst daraus die Notwendigkeit für die Reli­gio­nen, die daraus entste­hen­den Kon­flikte in sich selbst auszu­tra­gen.

Zu © In einer Kul­tur der per­ma­nen­ten Über­schre­itung gilt Reli­gion dann als ›fun­da­men­tal­is­tisch‹, wenn sie den etablierten Mech­a­nis­mus der Über­schre­itung als Exzess brand­markt – das heißt, wenn sie die gängi­gen Wertvorze­ichen umkehrt. Dabei ist Reli­gion keineswegs der Feind jeder Über­schre­itung. Eher scheint sie (vor­sichtiger gesprochen: scheinen bes­timmte Reli­gion­stypen) das oder zumin­d­est ein Muster säku­larer Über­schre­itungside­olo­gien vorzugeben. Es han­delt sich also um eine gen­uine Deu­tungskonkur­renz, die sich im gegebe­nen Fall zur Zwill­ingskonkur­renz steigern kann.

Zu (d) Im Begriff des Exzesses fallen religiöse und säku­lare Deu­tung von Trans­gres­sion zusam­men. Was dem säku­laren Deu­tungs­be­trieb zu weit geht, geht für den religiösen auf gar keinen Fall et vice versa. Die Pointe liegt in der unter­schiedlichen Begrün­dung: während die fun­da­men­tal­re­ligiöse Deu­tung den Exzess der Kul­tur der Über­schre­itung selbst zuord­net, bemüht diese im Ern­st­fall lieber psy­chi­a­trische Erk­lärungsmuster. Beze­ich­nen­der­weise erscheint der religiöse Begriff des Bösen hier auf bei­den Seiten des Grabens – als spon­tane und bizarre Erschei­n­ung des ›Anderen‹ auf der einen, als fatale Kon­se­quenz des dom­i­nan­ten Mod­ells auf der anderen Seite.

3 Fra­gen

  1. Warum wird das Intol­er­a­ble einer trans­gredieren­den Praxis in der Regel nur im Exzess sicht­bar, sprich: in der ver­dammenswürdi­gen Tat?
  2. Worin genau liegt das Tol­er­a­ble einer trans­gredieren­den Praxis und wo ver­laufen seine Grenzen?
  3. Wer bes­timmt diese Grenzen?

Entwurf

  1. Der Entwurf ist die trans­par­ente Botschaft, der Exzess die Ver­schlusssache der Überschreitung.
  2. Der Entwurf gilt als ›ein­se­hbar‹, daher ratio­nal, der Exzess ›ist nicht einzuse­hen‹, daher irrational.
  3. Let­zteres gilt, solange ein Entwurf als ›tol­er­a­bel‹ ange­se­hen wird. Intol­er­a­bel ist immer der Exzess.

Exkurs: Unfall vs. Exzess

Man kann den Exzess als Unfall betra­chten: als Fall, der aus der Mehrzahl der Fälle einer gelin­gen­den Praxis her­aus­fällt.

Bekan­ntlich kön­nen Men­schen nicht fliegen. Darin, dass sie Flugzeuge dafür benützen, liegt eine zutiefst befriedi­gende Über­schre­itung eines fort­dauern­den Unver­mö­gens. Fliegen ist eine Praxis, die in sta­biler Weise das natür­liche Unver­mö­gen zu fliegen unter­läuft, beste­hend aus einem Bün­del tech­nis­cher Maß­nah­men, der Aktivierung eines sozialen Ver­hal­tens­musters und der per­son­alen Affir­ma­tion des Unmöglichen: ›Ich fliege!‹ In dieser Hin­sicht ›fliegt‹ ein Gepäck­stück nicht, obwohl es für die Crew oder für die Tech­nik im Hin­blick auf das Fliegen keinen Unter­schied macht, ob das Flugzeug mit Pas­sagieren oder Fracht­stücken unter­wegs ist.

Flugzeuge, das weiß jedes Kind, fliegen nicht ›von Natur‹, son­dern inner­halb bes­timmter physikalis­cher Gren­zen, inner­halb eines ›definierten‹ Kor­ri­dors aus Geschwindigkeit, Steig­winkel, Kur­ven­ra­dien etc. Sobald sie diesen Kor­ri­dor ver­lassen, ver­lassen sie auch den Bere­ich definierter Flugzustände, sie ger­aten ins Trudeln etc., also in eine Folge von Abläufen, an deren Ende mit einer gewis­sen Wahrschein­lichkeit der Absturz steht.

Der Absturz ist der Exzess des Fliegens, die Black Box seine Dokumentation.

Die Black Box enthält die tech­nis­chen Daten, aus denen sich ein Absturz rekon­stru­ieren lässt. Diese Daten sind nicht für die fliegende Crew bes­timmt, son­dern für die Diag­nose im Nach­hinein, die Licht in das Dunkel des Unfallgeschehens brin­gen soll. Let­zteres ist ein Pro­dukt der Kul­turtech­nik ›Fliegen‹. Für jeman­den, der darauf besteht, dass ›der Men­sch‹ nicht fliegen kann, gibt es dieses Dunkel nicht.

Der Kon­trol­lver­lust leitet ein, was man gemein­hin Exzess nennt.

Anders als beim sich anbah­nen­den Unfall entsteht beim Exzess der Kon­trol­lver­lust im Kon­text eines Entwurfs. Die Praxis pla­nen­den Tran­szendierens tran­szendiert sich selbst als Praxis, d.h. als kon­trol­lierte, erfol­gsori­en­tierte, in definierten Bah­nen aus­geübte Kulturtechnik.

Der Exzess ist die sich ent­gren­zende Überschreitung.

Die innere Dra­matik des Entwurfs

Der Begriff ›Entwurf‹ (›Pro­jekt‹) bedeutet: jemand nimmt sich etwas vor, aber nicht als Zweck, son­dern als Mit­tel. Das Mit­tel ist dem Zweck gegenüber kontin­gent, dabei ambiva­lent: ob es Pres­tige, Geld, Macht oder eine andere Art der Befriedi­gung ein­trägt, hängt daran, wie gut der Entwurf ist, ob er ›trägt‹, ob er ›durchkommt‹, ob er ›real­isier­bar‹ ist oder ob er nicht let­ztlich ›an Wider­stän­den scheit­ert‹ oder auf dem Müll­haufen des verge­blich Ersonnenen landet.

Am Entwurf ist nicht die Zweck-​Mittel-​Relation entschei­dend, son­dern die Praktikabilität.

Die Entwürfe eines Auto­mo­bils, einer Fab­rikhalle, einer gesellschaftlichen oder lit­er­arischen Praxis liegen, einen bes­timmten technisch-​zivilisatorischen Stand voraus­ge­setzt, nicht weiter auseinan­der als die entsprechen­den Praxen des Auto– oder Fab­rik­baus, des sozialen ›Umgangs‹ oder der lit­er­arischen Pro­duk­tion. Was die Entwürfe von den Praxen unter­schei­det, verbindet sie untere­inan­der als Entwürfe. Die Kop­pelung an kur­rente Ideen und Pla­nungsmeth­o­den legt die Ver­mu­tung nahe, dass Entwürfe generell nicht so weit auseinan­der­fallen wie die dazuge­höri­gen Praxen.

Entwürfe müssen prak­tik­a­bel sein. Das heißt, sie dür­fen den gängi­gen Sachver­stand nicht über­fordern, ausgenom­men in dem einen Punkt, der ihren Entwur­fcharak­ter aus­macht: dass sie keine gängige Praxis beschreiben.

Ein Entwurf, der sich mehr oder min­der maßstab­s­ge­treu ›in die Wirk­lichkeit‹ über­tra­gen lässt, mag eine große tech­nis­che Prob­lemtiefe besitzen, aber seine kul­turelle Präg­nanz ist gering.

Kul­turell präg­nant wäre ein Entwurf zu nen­nen, der auf bedeu­ten­den kul­turellen Wider­stand trifft.

Kul­turell prä­gend wäre ein Entwurf zu nen­nen, der diesen Wider­stand kalkuliert und mit ihm ›spielt‹. Hier beginnt das Spiel der Wissensfiktionen.

Es lassen sich drei Entwurf­stypen unterscheiden:

  1. Prag­ma­tis­cher Entwurf: gilt als kontin­gent, aber ›hier und jetzt‹ nützlich.
  2. Anthro­pol­o­gisch begründeter/​emanzipatorischer Entwurf: gilt im Hin­blick auf das Gat­tungswe­sen Men­sch als bedeut­sam.
  3. Utopis­cher Entwurf: gilt als Plan­spiel mit Möglichkeiten ohne akute Aus­sicht auf Realisierung.

Ver­mu­tung: Mit dem Wider­stand gegen die Real­isierung von Entwür­fen wächst die Ten­denz, sie anthro­pol­o­gisch zu recht­fer­ti­gen (Beispiele wären die generelle Aufhe­bung von Leben­snöten, die Besei­t­i­gung von materiellem Elend und Aus­beu­tung, der Ver­weis auf die gefährde­ten Lebens­grund­la­gen der Gattung).

Begrün­dung: Die anthro­pol­o­gis­che Recht­fer­ti­gung besitzt gegenüber anderen den Vorteil der Flex­i­bil­ität und virtuellen Ent­gren­zung. Das ›nicht fest­gestellte Wesen‹ Men­sch erlaubt im Prinzip jede Aus­sage über sich, sofern sie dem Pro­jekt dien­lich ist. Seit Pla­tons Höh­len­gle­ich­nis hilft dabei das Mod­ell der Ent­fes­selung: die wahren Hand­lung­sop­tio­nen der Gat­tung sind durch die Vielfalt der Stim­men und Mei­n­un­gen, aber natür­lich vor allem der gängi­gen Praxen ver­stellt und müssen, wie Pla­tons Höh­lenin­sassen, freige­setzt werden.

Der anthro­pol­o­gisch begrün­dete bzw. gerecht­fer­tigte Entwurf gilt daher von Haus aus als emanzi­pa­torisch: wer immer ihm wider­spricht, muss mit der Auf­forderung rech­nen: Mach dich frei!

Die Frei­heit, die Dinge so zu sehen, wie der Entwurf sie vor­sieht, ist der imag­inäre Beginn einer Welt, in der die Dinge sich nach den Vor­gaben des Entwurfs ordnen.

Die Frei­heit, die Dinge nicht so zu sehen, wie der Entwurf sie vor­sieht, gilt als Unfrei­heit und muss bekämpft werden.

Zur Dynamik anthro­pol­o­gis­cher Entwürfe gehört der Kampf der Fiktionen.

Ein Entwurf kann an inneren Unstim­migkeiten und Wider­stän­den scheit­ern. Dage­gen kann er, streng genom­men, nicht wider­legt werden.

Die äußere Dra­matik des Entwurfs

Entwürfe von großer Reich­weite rufen viele unter­schiedliche Akteure auf den Plan: sie gel­ten als ›gesellschaftlich rel­e­vant‹. Der Gesicht­spunkt der Prak­tik­a­bil­ität ver­lagert sich damit auf zwei Bere­iche: auf

  1. pro­jek­tex­terne Voraus­set­zun­gen (›nicht gegeben‹) und
  2. nicht-​intendierte Fol­gewirkun­gen (›nicht hinnehmbar‹).

Der Wahl der Mit­tel fällt dabei die Schlüs­sel­po­si­tion zu.

Diese Mit­tel kön­nen real oder irreal sein.

Als Faus­tregel gilt: je höher das Inter­esse an der Real­isierung eines Entwurfs ange­setzt wird, desto ›robuster‹ fällt die Wahl aus.

Die unmit­tel­bare Folge lautet: die Grenze zwis­chen realen und irrealen Mit­teln ist beweglich. Sie fällt selbst in den Bere­ich der Fik­tion, d.h. sie kann durch Pro­jekte ver­schoben werden.

Sicher­heits­fik­tio­nen

Anschläge, die das ›Unmögliche‹ oder ›Unwahrschein­liche‹ real­isieren, decken die Sicher­heits­fik­tio­nen auf, unter denen Men­schen nor­maler­weise leben. Sicher­heits­fik­tio­nen sind Erwartungsreg­u­la­toren, sie garantieren in der Pro­jek­tkul­tur das alltägliche Über­leben (gewis­ser­maßen die sta­bile Fluglage) der Vie­len – Katas­tro­phen ausgenom­men. Je höher das all­ge­meine Inter­esse an einem Pro­jekt ver­an­schlagt wird, desto mehr wächst die Bere­itschaft der Beteiligten, Sicher­heits­fik­tio­nen auszubeuten, das heißt, an die Gren­zen ihrer Belast­barkeit zu gehen, soweit sie dem Pro­jekt dien­lich, und ihren trügerischen Charak­ter her­auszustellen, soweit sie ihm hin­der­lich sind.

Eine libertär-​emanzipatorische Kul­tur ist eine Kul­tur, in der ›mit Anschlä­gen gerech­net wer­den muss‹. Sie sind, so wird gesagt, der Preis der Frei­heit, soll heißen: sie bezeu­gen die Frei­heit des Entwer­fens. Über den Grad an realer Frei­heit sagen sie allerd­ings nichts aus.

Die unsicht­bare Hand

Die Vorstel­lung, dass Pro­jekte scheit­ern kön­nen, gehört zum Ein­maleins des Pro­jek­tierens. Aber woran scheit­ern Projekte?

  1. Pro­jekte scheit­ern, das weiß man, an kleinen Din­gen: an Ver­rat, Pan­nen, tech­nis­chen und men­schlichen Unzulänglichkeiten.
  2. Pro­jekte scheit­ern, das weiß man, am entsch­iede­nen Ein­satz derer, die ihren Erfolg zu ver­hin­dern trachten.
  3. Pro­jekte scheit­ern, auch das weiß man, an ihrer Maßlosigkeit: alles Mon­ströse fällt irgend­wann in sich zusammen.

Diese drei Antworten argu­men­tieren prag­ma­tisch: pragmatisch-​technisch, pragmatisch-​politisch, pragmatisch-​ethisch. Kon­sta­tiert wird jedes­mal ein Übergewicht des Realen gegenüber der fik­tion­s­getriebe­nen Real­ität des Pro­jekts.

Eine vierte Antwort kön­nte lauten:

  1. Pro­jekte scheit­ern, weil ihr Ansatz falsch ist.

Das ist die Stimme der Konkurrenz.

Keine dieser Stim­men ist im Pro­jekt selbst repräsen­tiert. Sie sind aber mitan­we­send: als Ein­spruch des niemals auszuschließen­den Unglaubens an die eigene Sache.

Die starke Mitan­we­sen­heit der Idee des Scheit­erns forciert ein Pro­jekt: soll heißen, sie erzeugt seine innere Gewalt­samkeit, die in der Pla­nung, der Aus­führung, schließlich in der par­tiellen oder totalen Ver­schließung der Akteure gegen die eigene ursprüngliche Moti­va­tion oder die ›innere Stimme‹ der Ver­nunft oder des Gewis­sens ihren Nieder­schlag findet.

Die Wahrschein­lichkeit, dass ein Pro­jekt auf Grund man­gel­nder Erfol­gsaus­sichten aufgegeben wird, sinkt mit dem Zuwachs an interner Gewaltsamkeit.

Par­al­lel dazu wächst die Frag­würdigkeit der einge­set­zten Mittel.

Par­al­lel dazu wächst die Bere­itschaft der Beteiligten, das Schick­sal entschei­den zu lassen. Nur die unsicht­bare Hand der Göt­ter darf das Spiel been­den. Das Pro­jekt wird zum Drama.

Das Ende selbst ist die mythis­che Größe, das Schick­sal, das jeder Auf­führung innewohnt.

Die innere Grenze oder der Zwilling

Die Logik der Über­schre­itung drängt zum Exzess. Der Exzess ist die Selb­stüber­schre­itung des Entwurfs, die kon­se­quente Nich­tan­erken­nung der Möglichkeit des Scheit­erns oder der Endlichkeit des Entwurfs über jede real­is­tis­che Hand­lung­sop­tion hinaus.

Ich nenne das ›sekundäre Über­schre­itung‹ (›Phase 2‹).

Diese Rede setzt voraus, dass inner­halb des Pro­jekts eine Grenze existiert.

Das ›ursprüngliche‹ Pro­jekt kennt keine solche Grenze. Sie muss also durch die Auf­nahme prinzip­iell kontin­gen­ter, aber poten­tiell pro­hib­i­tiver Fak­toren erst hineinkom­men. Solche Fak­toren erscheinen im ›ratio­nalen‹ Pro­jek­t­sta­dium (Phase 1) durch das Auf­tauchen von ›Wider­sach­ern‹ und sich entwick­el­nde Geg­n­er­schaften, vor allem aber durch die ein­set­zende Rezep­tion konkur­ri­eren­der Entwürfe, die in der sekundären Über­schre­itung zu feindlichen Instanzen wer­den. Das Pro­jekt, so ließe es sich in der Sprache René Girards for­mulieren, erschafft sich einen feindlichen Zwill­ing, dessen Inten­tion dahin geht, die Real­isierung des Pro­jekts zu vere­it­eln, um sich selbst zu real­isieren.

Es ist nicht nötig, dass der Zwill­ing in der realen Welt existiert. Entschei­dend ist die Erweiterung der Pro­jek­t­fik­tion: die Zahl der zu erre­ichen­den Ziele erhöht sich um die Maß­gabe, einen aus analo­gen Fig­uren erbauten Geg­ner niederzurin­gen und auszuschalten.

Das bedeutet: der Zwill­ing schiebt sich vor das zu erre­ichende, wom­öglich in weite Ferne gerückte Ziel und mod­i­fiziert die Ausführungsparameter.

Die sekundäre Über­schre­itung ist ten­den­ziell eliminatorisch.

Zwill­ings­fik­tio­nen

Zwill­ings­fik­tio­nen sind Fik­tio­nen, in denen die Möglichkeit des Scheit­erns inten­tional fix­iert und damit äußer­lich und inner­lich dimen­sion­iert wird. Eine bekan­nte Zwill­ings­fik­tion ist der Sün­den­bock, bei dem die irreale Zuschrei­bung über­wiegt. Als Figur der All­t­agswahrnehmung ist er prak­tisch omnipräsent. Den­noch bleibt er eine Möglichkeit unter anderen. Anthro­pol­o­gisch fundierte bzw. emanzi­pa­torische Pro­jekte sind nicht zwin­gend auf die Exis­tenz von Sün­den­böcken angewiesen, wenn es darum geht, Stock­un­gen und Nieder­la­gen zu erk­lären. Es genügt die sym­metrische Ver­dopplung: die Erzeu­gung und Inten­sivierung (virtueller) Feind­schaft mit­tels mehr oder min­der willkür­licher Hypothe­sen und Pro­jek­tio­nen. Im Zweifel bleibt nicht allein unentschei­d­bar, wie weit ihnen ›reale‹ (erwiderte) Feind­schaft entspricht, son­dern auch, ob die betr­e­f­fende Per­so­n­en­gruppe bzw. das betr­e­f­fende Pro­jekt über­haupt existiert. So sind die unter Stalin oder Mao willkür­lich (zum Teil in Erfül­lung vorgegebener Quoten bzw. Kenn­zahlen) aus der Masse her­aus­ge­grif­f­e­nen Sys­tem­feinde im stren­gen Sinn keine Sün­den­böcke, weil die Opfer­ausze­ich­nung, anders als bei der Ver­fol­gung vorgängig beze­ich­neter Opfer­grup­pen (Juden, ›Zige­uner‹, Homo­sex­uelle etc.), in actu vorgenom­men wird.

In dieser Art Feind­kul­tur spie­len ›Dossiers‹, ›Pro­file‹, ›Doku­men­ta­tio­nen‹, Renegaten­berichte eine promi­nente Rolle. Sie sollen bele­gen, was im Zweifels­fall nicht zu bele­gen ist: dass die ›andere Seite‹, weit davon ent­fernt, sich mit der Rolle des sach­be­zo­ge­nen Konkur­renten oder Kri­tik­ers zu beg­nü­gen, in geheimen Machen­schaften unter­wegs ist, die der Unter­minierung des bere­its Erre­ichten dienen und um (fast) jeden Preis unter­bun­den wer­den müssen – was der Argu­ment­lage nach ein aus­sicht­sloses Unter­fan­gen darstellt.

2. Gewalt

Im Juni 2011 trat die Lei­t­erin eines Stock­holmer Kinder­gartens, in dem nach Presse­berichten das geschlechtsspez­i­fis­che Per­son­al­pronomen abgeschafft ist und die Kinder frei von Gen­der–Zuord­nun­gen aufwach­sen sollen, im Früh­stücks­fernse­hen des schwedis­chen Senders TV4 auf. Sie erk­lärte dort, dass es nicht die Kinder seien, die verän­dert wer­den müssten. Vielmehr müssten die Erzieher an sich selbst arbeiten, um nicht in altes Rol­len­denken zu ver­fallen. Sie erk­lärte auch, dass sie keines­falls das biol­o­gis­che, nur das soziale Geschlecht ändern wolle. Der Spiegel berichtete: »Es nützte nichts. Die Proteste gin­gen weiter. Der Volvo bran­nte. Die recht­spop­ulis­tis­che Partei der Nation­aldemokraten griff auf ihrer Web­site das Thema auf.« (Der Spiegel vom 8. August 2011)

Gen­der

Brand­s­tiftung an Pri­vat­fahrzeu­gen wird als ille­git­ime, wen­ngle­ich gele­gentlich effek­tive Form des poli­tis­chen Protestes wahrgenom­men. Der Straf­barkeit wegen bleibt die Tat meist ins Dunkel der Anonymität gehüllt. Im deutschen Strafrecht etwa liegt die Strafan­dro­hung bei Sachbeschädi­gung an frem­dem Eigen­tum gemäß § 303 StGB bei bis zu zwei Jahren Frei­heitsstrafe (oder Geld­strafe). In Fällen, bei denen Autos angezün­det wer­den, liegt eine Brand­s­tiftung nach § 306 StGB vor. Hier lautet die Strafan­dro­hung auf Frei­heitsstrafe von min­destens einem Jahr bis zu zehn Jahren. Die Straftat stellt ein Ver­brechen dar. Sicht­bar ist allein das Opfer: in der Regel eine Per­son des öffentlichen Inter­esses, deren Auftreten die Öffentlichkeit ›spal­tet‹ – starken pos­i­tiven Reak­tio­nen ste­hen (min­destens) ebenso starke neg­a­tive gegenüber, die in abfäl­li­gen Kom­mentaren, Beschimp­fun­gen, Belei­di­gun­gen und Dro­hun­gen man­i­fest wer­den. Die Zuge­hörigkeit des Opfers beziehungsweise seiner Ver­fol­ger zu einer poli­tis­chen Min­der­heit ist ein häu­fig anzutr­e­f­fendes, aber nicht zwin­gen­des Merk­mal. In der Regel dis­tanzieren sich die Vertreter des poli­tis­chen oder weltan­schaulichen Milieus, in dem der oder die Täter ver­mutet wer­den, von der Tat. Dabei schwankt die Art der Dis­tanzierung zwis­chen Abscheu vor der Tat und heim­licher oder laut­stark vertretener Zus­tim­mung zu den Motiven.

Der oder die Täter wollen dem Opfer schaden. Es genügt ihnen nicht, anderer Mei­n­ung als ihr Opfer zu sein und diese laut­stark zu vertreten. Dabei steht in der Regel nicht der materielle Schaden im Vorder­grund. Gewollt ist die Ein­buße an sozialem bzw. sym­bol­is­chem Kap­i­tal: das Opfer wird markiert und man erwartet, dass seine pri­vaten und öffentlichen Gön­ner sich ›vor­sichtig‹ von ihm zurückziehen. Sol­i­dar­ität mit Flügelleuten des ide­ol­o­gis­chen Geschäfts ist im All­tag rar. Das wis­sen die Angreifer. Die gesellschaftliche ›Alle­in­stel­lung‹ des Opfers enthält, als mehr oder min­der konkrete Dreingabe, auch eine Todes­dro­hung. Das Fahrzeug steht als pars pro toto für die Per­son. Es gilt die Logik des krim­inellen Unter­grunds: Dies­mal haben wir uns damit beg­nügt, dein Auto abz­u­fack­eln. Das näch­ste Mal gehen wir weiter.

Iden­tität

Das soziale Geschlecht gehört, neben Herkunft (Fam­i­lie), Glauben­srich­tung (Reli­gion), Kollek­tivzuge­hörigkeit (Nation), Schicht (Klasse) und Beruf zu den stärk­sten Prä­gun­gen über­haupt. Wer sich hier ange­grif­fen fühlt, fühlt sich in der Regel als Per­son ange­grif­fen, ver­höhnt, verun­stal­tet. Ein gewisses Maß an Selb­st­be­herrschung, gesellschaftlichem Wis­sen, Reflex­ions­bere­itschaft oder erprobter Lei­dens­fähigkeit ist nötig, einem solchen Angriff standzuhal­ten, ohne sein­er­seits Rol­lenkon­ven­tio­nen zu verletzen.

Das gilt für ver­bale wie non­ver­bale Akte belei­di­gen­der, ver­höh­nen­der, generell her­ab­set­zen­der Art, die als sex­is­tisch, blas­phemisch, xeno­phob, ras­sis­tisch etc. von der Gesellschaft gebrand­markt und gegebe­nen­falls juris­tisch ver­folgt wer­den. Es gilt aber auch – und hier kom­plizieren sich die Ver­hält­nisse –, wenn auf offener gesellschaftlicher Bühne fun­da­men­tale Wer­tentschei­dun­gen debat­tiert und zur Dis­po­si­tion gestellt wer­den. Dabei ist Ratio­nal­ität kein sicherer Ver­hin­derungs­grund für emo­tionale Reak­tio­nen. Im Gegen­teil: sie kann Abwehrreflexe und –hand­lun­gen bei Men­schen her­vor­rufen, die sich argu­men­ta­tiv unter­legen fühlen oder sich im Besitz gefühlter Gründe wissen.

Allerd­ings gehört es zum Charak­ter öffentlicher Debat­ten, dass sie nicht wirk­lich ratio­nal geführt wer­den. Jede Art von Polemik spielt schließlich den­jeni­gen in die Hände, die ohne­hin nicht gewillt sind, sich dem Richter­spruch der Ver­nunft zu unter­w­er­fen. Das gilt erst recht in Bere­ichen, in denen Ein­stel­lun­gen aus gutem Grund kon­tro­vers sind und deshalb im Bedarfs­fall Entschei­dun­gen auf der Basis von Reg­u­lar­ien und Mehrheiten gefällt wer­den, die der Sache äußer­lich bleiben.

In einem solchen Kon­text lässt die Frage, wer sich als Per­son ange­grif­fen fühlt, sich zwar mit den üblichen Hin­weisen auf ›man­gel­ndes Selb­st­be­wusst­sein‹, ›ide­ol­o­gis­che Verblendung‹ oder die Zuge­hörigkeit zu bes­timmten poli­tis­chen Rich­tun­gen abtun. Beant­wortet ist sie damit nicht. Es scheint sich um einen Bere­ich zu han­deln, in dem keine objek­tiven Kri­te­rien existieren. Vielle­icht ist die Frage auch falsch gestellt. Wenn primäre Prä­gun­gen Automa­tis­men darstellen, die vor jeder Reflex­ion in Aktion treten, dann ist das Mal­heur schon immer passiert. Im einge­trete­nen Fall bleibt der betr­e­f­fenden Per­son nichts weiter übrig, als den Schaden zu begren­zen, indem sie ihre Betrof­fen­heit ver­birgt, kanal­isiert, rhetorisch überblendet, vielle­icht auch ein­fach leugnet.

Das gilt für die aktiven Teil­nehmer der Diskurse. Ebenso gilt es für diejeni­gen, die sich pas­siv ver­hal­ten, inner­lich auf Dis­tanz gehen, Reserve gegen Per­so­nen und Grup­pen oder weit­erge­hende Abwehrhal­tun­gen aufbauen.

Wer argu­men­tiert, will in der Regel auch sich selbst überzeu­gen. Wer polemis­chen Druck gegen andere auf­baut, nährt den Ver­dacht, selbst unter Druck zu stehen.

Wer im gesellschaftlichen Raum primäre Prä­gun­gen zur Dis­po­si­tion stellt, muss gegen starke eigene Wider­stände ange­hen. Hier gibt es Weisen der stum­men Kor­re­spon­denz mit der anderen Seite, man kann auch sagen: der dop­pel­ten Buch­führung, die Geg­n­er­schaft in der Sache leicht in per­sön­lich gefärbte Abnei­gung oder Hass mit dem Risiko unkalkulierter und unkalkulier­barer Hand­lun­gen umschla­gen lässt.

Der Aus­druck ›primäres Selb­st­wert­ge­fühl‹ lei­det, wie der des Selb­st­wert­ge­fühls über­haupt, unter einer gewis­sen Unge­nauigkeit. Da jedes Gefühl Ein­fluss auf den ›Selb­st­wert‹ ausübt, lassen sich weder auf der Gefühls– noch auf der Rol­lenebene klare Gren­zen zwis­chen mar­ginalen, selb­st­wertrel­e­van­ten und primär selb­st­wertrel­e­van­ten The­men ziehen. In gewisser Weise bes­timmt die Per­son diese Gren­zen selbst, und zwar umso aus­geprägter, je aus­geprägter die Per­son in ihrem Han­deln und in ihrem Selb­stver­ständ­nis erscheint. Daraus folgt aber nicht, dass sie ver­schwinden, nur weil die betr­e­f­fende Per­son es so will. Genau­sowenig folgt daraus, dass ihre Unschärfe bedin­gungs­los zunimmt, je dif­fuser eine Per­son in ihrem All­t­agsver­hal­ten erscheint.

Wahrnehmungsmuster

Brand­s­tiftung als klammheim­licher Aus­druck von Gender-​Protest, eine erpresserische Geisel­nahme in einem Kinder­garten aus ent­täuschter Vater­schaft und ein ras­sis­tisch motiviertes Doppel-​Attentat mit 77 Todes­opfern sind krim­inelle Hand­lun­gen unter­schiedlich­ster Gewalt­di­men­sion, die entsprechend unter­schiedliche öffentliche Reak­tio­nen erzeu­gen. Beachtet man die Dif­ferenz zwis­chen Ver­ste­hen und Bil­li­gen, so reicht die Skala von ›irgend­wie ver­ste­hen, aber nicht bil­li­gen‹ im Fall der Brand­s­tiftung bis zu völ­ligem Unver­ständ­nis, gepaart mit Abscheu im Fall der Anschläge von Oslo und Utøya. Entsprechend unter­schiedlich zeigt sich die Wahrnehmung der Motive.

  1. Offen­bar erle­ichtert der glimpfliche Aus­gang der Geisel­nahme die Wahrnehmung einer psy­chis­chen Not­si­t­u­a­tion auf seiten des Täters. Dem entspricht die von den Medien gepflegte Vorstel­lung, einem pri­vaten ›Drama‹ beizu­wohnen, in dem der Täter in sub­jek­tiv als auswe­g­los emp­fun­dener Lage operiert, also selbst Opfer­sta­tus beanspruchen kann. Brachiale oder feinsin­nige ›poli­tis­che‹ Deu­tun­gen wer­den damit nicht ausgeschlossen.
  2. Unver­ständ­nis und Abscheu über­tra­gen sich unmit­tel­bar auf die Motive des Mörders von Oslo und Utøya. So jeden­falls lassen sich Teile der Berichter­stat­tung über den Breivik-​Prozess deuten. Hier rührt die foren­sis­che Frage nach dem Geis­teszu­s­tand des Täters offenkundig an das Selb­st­bild der betrof­fe­nen Gesellschaft. Der Täter han­delt als ›selb­ster­nan­nter‹ Repräsen­tant einer Gegen-​Gesellschaft, sein Mor­dan­schlag auf die poli­tis­che Nach­wuch­selite eines Lan­des richtet sich gegen die herrschen­den Repräsen­ta­tionsver­hält­nisse und den mit ihnen verknüpften gesellschaftlichen Kurs. Der per­sön­liche Repräsen­ta­tion­sanspruch ist hier im Kern maß­los: die Feind­schaft gilt dem Sys­tem als solchem und wird mit dem Ver­dacht beant­wortet, es mit einer pathol­o­gis­chen Per­sön­lichkeit zu tun zu haben.
  3. Im Fall der Brand­s­tiftung aus poli­tis­cher Miss­bil­li­gung enthält die Hal­tung des irgend­wie Ver­ste­hens, aber nicht Bil­li­gens die Annahme, ein von öffentlichem Applaus und and­min­is­tra­tivem Wohlwollen begleit­etes päd­a­gogis­ches Exper­i­ment könne dur­chaus unter Umstän­den in der Bevölkerung krasse und ›exzes­siv‹ wirk­ende Reak­tio­nen her­vor­rufen. Die anonyme Täter­schaft bedarf keiner beson­deren per­sön­lichen Ver­strick­ung. Das päd­a­gogis­che Exper­i­ment kon­fligiert mit spon­tan­päd­a­gogis­chen Ein­stel­lun­gen und ver­mut­lich auch Ver­hal­tensweisen, deren Nor­ma­tiv­ität für einen Teil der Bevölkerung außer Frage steht. Es han­delt sich also, gebil­ligt oder nicht, um eine Tat mit stel­lvertre­ten­dem Anspruch, der auf der Gegen­seite ein auf die Gesellschaft im Ganzen bezo­gener Verän­derungswille entspricht.

Über­schre­itung

Auch wenn man den von den Tätern in Anspruch genomme­nen oder ihnen unter­stell­ten Poli­tik­be­griff mit einem Frageze­ichen ver­sieht, bleibt – und zwar in allen drei Fällen – ein poli­tis­cher Hin­ter­grund. Es sind gesellschaft­spoli­tis­che The­men – und nicht nur ›Gegeben­heiten‹ –, vor deren Hin­ter­grund die Gewalt­taten gese­hen wer­den wollen. In allen drei Fällen wer­den demon­stra­tiv rechtliche und ethis­che Gren­zen um der Durch­set­zung bes­timmter Ziele willen ver­letzt. Gle­ichgültig darum, welche Bedeu­tung dem eige­nen Vorteil dabei zukommt, gilt die Demon­stra­tion aus Täter­sicht einem Gut, das die Ver­let­zung von Recht­snor­men und selbst den Anschlag auf Leben und kör­per­liche Unversehrtheit Drit­ter – (ethisch?) – recht­fer­tigt. Jeden­falls lässt sich das an den Ver­laut­barun­gen der Täter mit unter­schiedlicher Deut­lichkeit able­sen. Die non­ver­bale Geste des Bran­dan­schlags scheint dem Täter oder den Tätern selb­sterk­lärend zu sein. Am unver­ständlich­sten bleibt, für sich genom­men, das Geschehen von Utøya: hier setzt der Täter explizit darauf, den Gerichtssaal zur Tribüne in eigener Sache zu verwandeln.

Die Ver­let­zung ist also eine Über­schre­itung: die Rel­a­tivierung der rechtlich-​ethischen Grenze soll als Teil des Vorhabens und damit als per se gewollt ange­se­hen wer­den. Das Ziel ist in allen Fällen die wil­lentliche und demon­stra­tive Ver­let­zung eines kollek­tiven Hand­lungsrah­mens sub specie sub­jek­tiv als höher­w­er­tig ange­se­hener Ziele.

Muster

Erkennbar han­delt es sich um ver­schiedene Muster von Überschreitung:

  1. Über­schre­itung rechtlich geset­zter Handlungsgrenzen,
  2. Über­schre­itung des pri­vaten Kom­pe­ten­zrah­mens in Rich­tung auf Hand­lun­gen mit repräsen­ta­tivem Anspruch,
  3. Über­schre­itung einer kollek­tiven Praxis als Antizipa­tion einer künftigen,
  4. Über­schre­itung als pseudokriegerische Hand­lung in einem imag­inierten Bürgerkrieg,
  5. nicht zu vergessen die moralis­che ›Übertre­tung‹, die, da sie im sub­jek­tiven Bewusst­sein ›richti­gen‹ oder zumin­d­est ›gerecht­fer­tigten‹ Han­delns geschieht, eben­falls zu den Über­schre­itun­gen gezählt wer­den darf.

Gle­ichzeitig besitzen alle Hand­lun­gen Ahn­dungscharak­ter: die Täter proklamieren den Entschluss, ein aus ihrer Sicht vor­liegen­des ›Unrecht‹ bzw. ›Übel‹ nicht länger zu dulden, in dem sie ihrer­seits eine Über­schre­itung zu erken­nen glauben, und nehmen für sich das Recht in Anspruch, gewalt­sam dage­gen vorzuge­hen. Ger­ade darin folgt ihnen die Gesellschaft nicht, wenn sie die Über­schre­itung als Exzess brandmarkt.

Auch hier gibt es Abstu­fun­gen: wenn für eine ein­deutige Mehrheit das, was der Geisel­nehmer von Hjelme­land an jenem für ihn und andere ganz beson­deren Tag treibt, ›nicht geht‹, dann erweist sich diese Floskel wiederum als bei weitem zu schwach, um die Über­schre­itung des Massen­mörders Breivik zu charak­ter­isieren, die die stärk­sten Ver­dammungs­formeln auf sich zieht.

Hybris

Warum diese Gewalt? Warum jetzt? Warum an dieser Stelle? Die Liste der aus juris­tis­cher, psy­chol­o­gis­cher, sozi­ol­o­gis­cher Sicht aufzuw­er­fenden Fra­gen mag erhe­blich länger aus­fallen, doch diese drei umreißen ein bes­timmtes the­o­retis­ches Interesse.

Im Begriff des Exzesses, so wurde gesagt, fallen religiöse und säku­lare Deu­tung neg­a­tiver Trans­gres­sion zusam­men. Der gemein­same Begriff, über den dies gelingt, ist der des Bösen. Das Böse als der absolute Wider­sacher des Guten im Men­schen ist ein­er­seits eine the­ol­o­gis­che Figur, ander­er­seits ein Pro­dukt jener sekundären Über­schre­itung, die das ursprünglich ratio­nale Pro­jekt gesellschaftlicher Emanzi­pa­tion in den Bere­ich der Zwill­ings­fik­tio­nen hinein­treibt. Der Atten­täter als das per­son­ifizierte Böse ist eine Fik­tion, die von ›der Gesellschaft‹ und dem Atten­täter geteilt wird – mit dem kleinen, aber gewichti­gen Unter­schied, dass let­zterer die Prädikate ›gut‹ und ›böse‹ ver­tauscht, ohne jedoch ihre primäre Zuord­nung gän­zlich aufzuheben. Sein Han­deln (ver­mut­lich schon seine Exis­tenz) erscheint ihm daher gut und böse, und zwar ohne jede Rel­a­tivierung: vor Gericht gestellt weigert er sich, mildernde Umstände für seine Tat in Betra­cht kom­men zu lassen, er fordert für sich gle­ichzeitig die volle Härte des Geset­zes und – den Freis­pruch. Man denkt unwillkür­lich an die Figur des schwarzen Rit­ters bzw. Ret­ters aus dem Pop­u­larkino Hol­ly­woods, der die gesellschaftliche Verken­nung braucht, weil sie Teil seiner Iden­tität ist. Dass die eher sym­pa­thisch geze­ich­nete Batman-​Figur ihrer­seits zum Aus­gangspunkt realer Gewalt wer­den kann, gehört zu den unfass­baren Real­itäten der dream soci­ety.

Durch die unfass­bare Tat sieht sich die Gesellschaft in ihrem Selb­st­bild ver­letzt. Was bedeutet das? Ein Selb­st­bild ist kein intak­ter Kör­per, dem durch äußere Ein­wirkung Schaden zuge­fügt wird. Im Gegen­teil: dem Selb­st­bild muss das Ver­let­zende bere­its innewohnen (z. B. im Modus der Aus­gren­zung bzw. ›Ver­drän­gung‹), um durch die akute Ver­let­zung, d.h. Ver­voll­ständi­gung her­vorge­holt und kom­mu­niziert wer­den zu kön­nen. Das im Atten­täter per­son­ifizierte Böse ist der selb­ster­schaf­fene Zwill­ing, dessen imag­inierte Exis­tenz das Scheit­ern des Pro­jekts ins Unab­se­hbare pro­longiert. Der reale Atten­täter geht auf diese Rolle ein, sie reizt ihn, aus welchen Grün­den auch immer, und er ist unter Umstän­den sogar bereit, die ›ver­ruchten‹ oder ›ver­schrobe­nen‹ Insignien, mit denen die kollek­tive Phan­tasie den Zwill­ing ausstat­tet, sich auch physisch anzueignen. Die pop­uläre Maske des bizarr Bösen erscheint ihm zwin­gend genug, um die anderen erken­nen zu lassen, wer er sei.

Drei Antworten

  1. Nie­mand erschrickt angesichts der bloßen Möglichkeit eines Exzesses – es sei denn im Sinn eines Erschreck­ens über die Welt, in der solche Dinge möglich sind. Der Exzess gilt als das Unvorherse­hbare schlechthin, es scheint aus­sicht­s­los zu sein, ihn antizip­ieren zu wollen, etwa zu Ver­hin­derungszwecken. Das Erschrecken über den Exzess ist daher ein Erschrecken über den Zus­tand der Gesellschaft, der sich in ihm bekun­det. Dieses Erschrecken kann im Einzelfall hil­f­los sein, weil zwis­chen der Tat und dem gesellschaftlichen All­tag keine Verbindung zu existieren scheint. Umso selt­samer muss es erscheinen, dass die Ikono­gra­phie des Bösen bere­its fer­tig vor­liegt, wenn erst das ver­dammenswürdige Geschehen seinen Lauf nimmt. Ein Exzess, der aus Zwill­ings­fik­tio­nen her­vorgeht, lässt sich als Para­bel über die Gren­zen der Tol­er­anz in einer trans­gredieren­den Praxis lesen, das heißt über die innere Grenze, jen­seits derer die Ratio­nal­ität der kollek­tiven Prozesse erkennbare Ein­bußen erleidet.
  2. Das Tol­er­a­ble einer trans­gredieren­den Praxis unter­schei­det sich von der in einer Gesellschaft herrschen­den Tol­er­anz nach Maß­gabe der Dif­ferenz des Sakralen und des Pro­fa­nen. Tol­er­a­bel ist, was den Bestand des Heili­gen unange­tastet lässt. Das kann im Ern­st­fall mit der im zivilen Zusam­men­leben gebote­nen Tol­er­anz kon­fligieren. Das Indi­viduum ist der Schau­platz dieses Kon­flikts. Man kann auch sagen: es wird durch ihn kon­sti­tu­iert. Wer das Selbst als Waffe ein­setzt, setzt eine Grenze des Tol­er­a­blen und er setzt sie abso­lut. Eine Gesellschaft, die auf diesen sakral­isieren­den Akt mit ›zivilen‹ Mit­teln (z.B. denen des Rechtsstaats) antwortet, lässt die durch ihn aufge­wor­fene Kern­frage unbeant­wortet – sie hält sich inner­halb der Gren­zen der Pro­fan­ität und entrichtet damit den Preis der Frei­heit. Eine Gesellschaft, die auf ihn mit einem elim­i­na­torischen Pro­gramm antwortet, befindet sich im Aus­nah­mezu­s­tand: sie führt einen ›heili­gen Krieg‹. Auch sie bezahlt für ihren Ein­satz, indem sie, zumin­d­est in Teilen, die Frei­heit preisgibt.
  3. In Wis­senschaft als Beruf (1922) spricht Max Weber vom ›Kampf der Göt­ter‹, den keine Wis­senschaft schlichten könne. Der unaufheb­bare Plu­ral­is­mus der Werthal­tun­gen erzeuge Geg­n­er­schaften, die notwendi­ger­weise aus­ge­tra­gen und gelebt wer­den müssten. In diesen notwendi­gen Auseinan­der­set­zun­gen wird der Feind primär als Träger von Werthal­tun­gen wahrgenom­men. Anders steht es um den Zwill­ing, der als ver­hin­dernde Instanz ins Spiel kommt und dessen Ziel daher automa­tisch ›wert­los‹ ist. Der Zwill­ing, so lässt sich kon­sta­tieren, ist der durchgestrich­ene Feind: der Feind, dem die Anerken­nung als Feind ver­sagt wird. Able­sen lässt sich dies etwa an der öffentlichen Figur des ›Ter­ror­is­ten‹.
    Der Ter­ror­ist ist der Zwill­ing, dessen Exis­tenz prinzip­iell den Ein­satz jedes Mit­tels erlaubt.
    Der Ter­ror­ist ist eine Figur der exzes­siven Enthemmung.

Kul­tureller Taumel

Sechs The­sen:

  1. Emanzi­pa­tion­skul­turen sind Projektkulturen.
  2. Emanzi­pa­tion setzt über­all einen Rich­tungssinn voraus.
  3. Die Plu­ral­ität emanzi­pa­torischer Pro­jekte negiert den Rich­tungssinn von Kul­tur. Sie macht sie ten­den­ziell sinn-​los.
  4. Die ein­fache Konkur­renz der Pro­jekte schafft Sinn durch Verähnlichung.
  5. Die Zwill­ingskonkur­renz der Pro­jekte schafft Sinn durch Ohn­macht. Der Geg­ner stellt die eige­nen Anstren­gun­gen auf Dauer und ver­hin­dert ihren Erfolg.
  6. Die ohn­mächtige Seite träumt von der Elim­i­na­tion des Zwill­ings. Die (all)mächtige Seite weiß um die Nüt­zlichkeit des Zwill­ings und ist bestrebt, ihn in engen Gren­zen zu erhalten.

Die innere Unerr­e­ich­barkeit der Beschreibung

1912 reiste der im Ersten Weltkrieg gefal­l­ene franzö­sis­che Sozi­ologe Robert Hertz in die Alpen, um eth­nol­o­gis­che Feld­stu­dien zu betreiben. Car­los Mar­ro­quin erin­nert daran in seinem Auf­satz Mythos ver­sus Fiktion:

Er reg­istri­ert in der erforschten Region eine zweifache Tra­di­tion: Eine dop­pelte Leg­ende, die gelehrte und die volk­stüm­liche Ver­sion von Saint-​Besse; zwei Sym­bole, das Kreuz und den Felsen und zwei unter­schiedliche Sys­teme, den Katholizis­mus und den Kult des heili­gen Felsen. Nach der katholis­chen Ver­sion der Leg­ende war Saint-​Besse ein Fremder, der mit dem Ziel in die Bergre­gion kam, die dort leben­den Bauern und Hirten zu chris­tian­isieren. Nach der volk­stüm­lichen Leg­ende war Saint-​Besse ein Ein­heimis­cher, der entweder von frem­den Sol­daten oder von anderen nei­dis­chen Hirten umge­bracht wurde, und zwar dort, wo der Felsen sich erhebt. Die erste Leg­ende erin­nert die Men­schen an den Ursprung ihres Glaubens, die zweite an ihre ver­traute Welt und an die Zeichen einer gemein­samen Tradition.

Die am Beispiel Saint-​Besse ent­deckte Dop­pelkodierung eines regionalen Brauch­tums ver­all­ge­mein­erte Hertz, soweit ihm dafür Zeit blieb, zu einer The­o­rie kul­tureller Gegeben­heiten – mit eher unaus­geloteten Fol­gen für die The­o­rie von Kul­turen, die aus dem Mythos der Emanzi­pa­tion weit­ge­hende Verän­derungsrechte gegenüber jew­eils aktuellen men­talen Besitzstän­den ableiten. Eine dieser Kon­se­quen­zen kön­nte darin beste­hen, den in den Zwill­ings­fik­tio­nen zutage liegen­den Aspekt gesellschaftlicher Desin­te­gra­tion als Moment pro­jekt– und mythenori­en­tierter Mod­elle gesellschaftlicher Praxis präziser zu bes­tim­men, als die pro­fane Lesart von Gesellschaft dies erlaubt. In let­zerer ist die Aus­gren­zungsar­beit immer schon geleis­tet, die als Hypothek der Igno­ranz auf der anderen Seite lastet. Solange die Analyse »die Exis­tenz jener neg­a­tiven Fak­toren, die die Gebrech­lichkeit der sozialen Kohä­sion, der Iden­tität und der Sol­i­dar­ität offen­baren« als dem Entwurf äußer­lich, als Wider­ständigkeit einer durch geschickte Anpas­sung auszus­teuern­den ›Umwelt‹ voraus­setzt, ent­geht ihr wom­öglich die zen­trale Ein­sicht, »dass die wahre Natur des sozialen Ban­des nicht zu begreifen ist, ohne zuvor eine genaue Ken­nt­nis dessen zu erlan­gen, was geschieht, wenn dieses Band zerreißt.«

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