1.

›Refor­mge­sellschaft‹ ist ein oft gebrauchter, aber keineswegs fest umris­sener Begriff. Das mag erstaunen, wenn man die jahrzehn­te­lange Präsenz des Reformthe­mas in Poli­tik und Gesellschaft bedenkt. Vielle­icht liegt darin auch bere­its eine Art Begrün­dung: benannt wird, was man pro­jek­tiert oder was man hin­ter sich lässt. Pro­jek­tiert wurde einst im Westen die ›Bürg­erge­sellschaft‹, der die heutige Zivilge­sellschaft gle­icht wie ein Expor­tapfel einem gemal­ten. Zurück­ge­lassen wur­den, um deutsche Weg­marken aufzuzählen, die ›sozial­lib­erale Ära‹, der ›Reformkon­ser­vatismus der Ära Kohl‹, das ›rot-​grüne Pro­jekt‹, aber nicht die auf den Begriff ›Reform‹ gestellte Gesellschaft. Erst angesichts eines auf admin­is­tra­tive Durch­set­zung leicht durch­schaubarer Inter­essen gestell­ten, inhalt­sar­men und ambiva­len­ten Reform­be­griffs wächst die Sehn­sucht nach einer Gesellschaft, die den Begriff der Reform nicht kennt, sei es, dass sie ihn nicht mehr nötig hat, um ihre Ziele zu benen­nen, sei es, dass sie ver­ab­scheuen gel­ernt hat, was aus ihr unter diesem Etikett einen Sucht­pa­tien­ten gemacht hat. Es kön­nte daher sein, dass die Refor­mge­sellschaft sich allmäh­lich als ein his­torisches Ganzes abzuze­ich­nen beginnt – fast zwanzig Jahre nach dem Ende des Rev­o­lu­tion­s­mythos, dem sie sich einst ent­ge­gen­stellte, ein über­fäl­lig scheinen­des, beinahe notwendi­ges Ereignis.

Rück­blick­end lassen sich drei Sta­dien der Refor­mge­sellschaft unter­schei­den: ein ethisch-​humanitäres (1), ein ethisch-​ökonomistisches (2), ein neo– oder libertär-​ökonomistisches (3). Ein Missver­ständ­nis sollte ver­mieden wer­den: gemeint sind nicht Phasen sozialdemokratis­cher Regierungspoli­tik, auch wenn, jeden­falls in den Anfän­gen, es sich um ihr Pro­jekt han­delt. Die Refor­mge­sellschaft stellt aber mehr dar als ein Pro­jekt. Ein­mal etabliert, erzeugt sie eine Parteien und Poli­tik über­greifende Wirk­lichkeit sui generis. Als solche ruft sie Inter­pre­ta­tio­nen her­vor, in denen sich die Gesellschaft als ganze oder jeden­falls in ihrer über­wälti­gen­den Mehrheit erkennt. Diese Wirk­lichkeit kennt viele Facetten und Übergänge. Die vorgeschla­gene, an poli­tis­chen Entschei­dun­gen ori­en­tierte Peri­o­disierung kön­nte daher leicht als willkür­lich ange­se­hen wer­den. Aber sie ist plau­si­bel, wenn man den jew­eili­gen Wech­sel der Haup­tak­teure und die Schwierigkeiten ins Auge fasst, in welche die Inter­pre­ta­tion des Reform­pro­jekts an den Übergän­gen von einem Sta­dium ins näch­ste gerät. Was die Poli­tik rit­uell mit der navalen Meta­pher des ›Ums­teuerns‹ beze­ich­net, zeigt mehr an als eine Episode. Es liegt ein ›Abfall‹ darin, ein – wie die schrillere Vok­a­bel lautet – ›Ver­rat‹, der allerd­ings mehr über die aufge­baute Span­nung zwis­chen Pro­jekt und Real­ität ver­rät als über die jew­eili­gen Loy­al­itätsver­hält­nisse. In Bezug auf das dritte Sta­dium deutet das Prä­fix ›neo‹ – öffentlich präsent in den Beze­ich­nun­gen ›Neolib­er­al­is­mus‹ und ›Neokon­ser­vatismus‹ – schon ver­bal an, dass die Neuerung auf Erneuerung zielt, also auf eine Wiedergewin­nung (nicht Wieder­hol­ung): in diesem Fall des ökonomisch gedachten Sinns von Gesellschaft.

2.

Auf­bruch, Kor­rek­tur, Wende – die pop­ulären Aus­drücke geben erste Auf­schlüsse über das jew­eils Gemeinte. In ihnen verbinden sich Poli­tik­in­halte mit Poli­tik­stilen. Ihre Sym­bole sind jed­er­mann in der Gesellschaft geläu­fig, so wie ihre Repräsen­tan­ten selbst zu Sym­bolen wur­den. Europa, das sein poli­tis­ches Imag­i­nar­ium gern mit US-​amerikanischem Per­sonal bere­ichert, hat sich die ungle­ichen Präsi­den­ten­paare Kennedy/​Reagan und Clinton/​Bush erwählt, um an ihnen das Drama von Reform und Kon­ter­reform in Stein zu meißeln. Die Namen Olof Palme, Willy Brandt, Hel­mut Schmidt ste­hen für sozialdemokratis­che Per­spek­tiven, die zwar Ver­gan­gen­heit, aber nicht ver­gan­gen sind. Es scheint, als habe die jüng­ste ›Refor­mära‹ in Deutsch­land bisher keine halt­bare Sym­bo­lik her­vorge­bracht, jeden­falls keine, die über die tage­spoli­tisch übliche Karika­turen­bil­dung hin­aus­ginge. Was daran liegen kön­nte, dass die neolib­erale Wende, anders als in den angel­säch­sis­chen Län­dern oder in den Reform­län­dern Mit­tel– und Osteu­ropas der Fall, noch immer von großen Teilen der deutschen Bevölkerung eher durch inter– und transna­tionale Entwick­lun­gen oktroyiert und nicht als freies Ergreifen gestal­ter­ischer Möglichkeiten gese­hen wird. Mag sein, dass dem eine per­spek­tivis­che Verken­nung zugrunde liegt. Ver­wun­der­lich ist es nicht, da sich während der als erfol­gre­ich emp­fun­de­nen Phasen (1) und (2) feste Loy­al­itäten auf­bauen kon­nten, die nicht so leicht preis­gegeben wer­den. Verän­derun­gen in der Altersstruk­tur, die bes­timmten Jahrgän­gen ein Über­maß an öffentlicher Präsenz beschert, und die speziellen Refor­mvorstel­lun­gen, die sich an die Auflö­sung der DDR knüpften, wirken in ähn­liche Rich­tun­gen. Der Neoökonomis­mus steht bei vie­len für ent­täuschte Erwartun­gen und soziale Misere.

3.

Darin liegt auch der Ansatz zu einer ersten Dif­feren­zierung von Wahrnehmungslin­ien. Lieb­haber des Mark­tes, die gern den ›ursprünglich ökonomis­chen‹ Sinn von Gesellschaft reklamieren, finden für ihre Sicht der Dinge, sofern sie es noch für nötig hal­ten, Belege in der philosophis­chen Tra­di­tion: »Die Schöp­fung der bürg­er­lichen Gesellschaft gehört übri­gens der mod­er­nen Welt an … In der bürg­er­lichen Gesellschaft ist jeder sich Zweck, alles andere ist ihm nichts. Aber ohne Beziehung auf andere kann er den Umfang seiner Zwecke nicht erre­ichen; diese anderen sind daher Mit­tel zum Zweck des Beson­deren. Aber der beson­dere Zweck gibt sich durch die Beziehung auf andere die Form der All­ge­mein­heit und befriedigt sich, indem er zugle­ich das Wohl der anderen mit befriedigt…« So Hegel in § 182 der Vor­lesun­gen zur Philoso­phie des Rechts. Näher am Betra­chter liegt Bill Clin­tons Wahlkampf­s­lo­gan von 1992, »It’s the econ­omy, stu­pid!« mit­samt zuge­höriger und, in mehrfach mod­i­fizierter Form, anhal­tender Praxis. Diese Rede – wenn es denn über­haupt sin­nvoll ist, in Ursprungs­geschichten zu reden – unter­schei­det sich mehr oder weniger strikt von jener, die einen ursprünglichen ökonomis­chen Sinn von Gesellschaft kennt oder zu ken­nen vorgibt und der Vorstel­lung von einer anderen Ökonomie das Wort erteilt. Der alteu­ropäisch inter­pretierte ›ursprüngliche‹ Sinn von Ökonomie wurde bekan­ntlich vor mehr als einem hal­ben Jahrhun­dert von Otto Brun­ner auf den sug­ges­tiven Begriff des ›ganzen Hauses‹ (griech. oikos) gebracht. Die darin voraus­ge­set­zte Sozial­ität entspricht allerd­ings so wenig der unserer ›Gesellschaft‹, dass man besser beraten ist, dafür den Dis­tanz schaf­fenden aris­totelis­chen Aus­druck poli­tikē koinonia zu ver­wen­den – ein Ter­mi­nus, der meist mit ›Gemein­schaft‹ wiedergegeben wird, ungeachtet der his­torischen Kon­no­ta­tio­nen, die vor dem Gebrauch des Wortes zurückschrecken lassen kön­nen. Das ›gemein­same Wirtschaften‹ entspricht – Glob­al­isierungskri­tik­ern nicht immer gegen­wär­tig – einem Herrschaftsmod­ell, das, in den Anfän­gen aus­drück­lich kos­mol­o­gisch gedacht, die Ele­mente einer ›natür­lichen‹ Sozialord­nung enthält. Wie jede Natur bleibt auch diese inter­pretier­bar – von Fall zu Fall, von Herrschen­den zu Herrschen­den. So markiert es in der The­o­rie eher das eine Ende einer Skala, an deren anderem Ende das lib­erale und neolib­erale Wirtschaften steht. In ihm set­zen diejeni­gen, die da wirtschaften, auf den wohltuen­den Effekt der Bere­icherung – mit einer gewis­sen hin­ter­sin­ni­gen Naiv­ität, die einem in der gegen­wär­ti­gen Kli­made­batte ein­mal mehr den Atem ver­schlägt. Den­noch scheint es bei alle­dem, dass der the­o­retis­che Kern des Neoökonomis­mus weniger in der Dif­feren­zierung der Gesellschaft ent­lang der Reich­tumsskala zu finden ist als in der funk­tionalen Autonomie des ökonomis­chen Han­delns, das keine ›sach­frem­den‹ Ein­griffe hin­nehmen will.

4.

Stellt man den ›ursprünglich poli­tis­chen‹ Sinn des ökonomis­chen Han­delns gegen den ›ursprünglich ökonomis­chen‹ Sinn des poli­tis­chen Han­delns – aris­totelisch gesprochen: die poli­tikē koinonia gegen den oikos, dann trennt man damit, was Aris­tote­les zufolge zusam­men gehört. Aber wenn darin ein Abfall liegt, dann eher ein Abfall der Wirk­lichkeit – einer sehr alten Wirk­lichkeit – von der The­o­rie. Das Motiv des Abfalls ist dem des Ursprungs seit alters inhärent, insofern kann die Gesellschaft gut mit ihm leben. Noch besser die Geschichtss­chrei­bung, die in Zer­fall und Streit zwis­chen ursprünglich zusam­menge­höri­gen Parteien ihr primäres Erzählmuster erkennt. Solche Ursprünge sind ver­schieb– und erneuer­bar, es sind wan­dernde Bezugspunkte des berich­t­en­den Erzäh­lens, das dar­legen soll, wie alles gekom­men ist. Insofern existieren sie nur im Plural. Aber natür­lich ist das nur die halbe Wahrheit. Es gibt eine Gle­ich­heit in den Ursprün­gen, die es denen, die sich auf sie berufen, erst möglich macht, sie als solche her­anzuziehen. Sie alle besitzen die Eigen­schaft, mit dem Endzu­s­tand der Entwick­lung zu kom­mu­nizieren, für die sie in Anspruch genom­men wer­den, also irgen­deine Art von Kon­ti­nu­ität zu bezeu­gen – eine höchst all­ge­meine Eigen­schaft, die jedoch so stark gedacht sein muss, dass sie die markierten Pas­sagen aus der gle­ichgülti­gen Reihe his­torischer Abläufe – dem all­ge­meinen nexus dessen, ›was sich beg­ibt‹ – her­aushebt und ihnen eine Art nor­ma­tiver Ausze­ich­nung ver­leiht. Ursprungs­geschichten wer­den als fak­tisch ver­standen und als primär prä­gend: einen Sachver­halt als ursprünglich zu beze­ich­nen heißt, ihn mit einer Bedeu­tung auszus­tat­ten, die sowohl erk­lärt, warum es zu dem als final oder aktuell beschriebe­nen Zus­tand kom­men kon­nte, als auch, wie seine Defizite behoben wer­den kön­nen. Die Ursprungs­geschichte des aktuellen Neo-​Ökonomismus ist ver­hält­nis­mäßig kurz. Sie lebt von der Annahme, dass die ökonomis­che Dok­trin der mit­tleren Reform­phase, der Key­ne­sian­is­mus, den Grund­charak­ter des kap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaftens zumin­d­est in Teilen verkennt. Damit geht sie ein Stück­weit kon­form mit der marx­is­tis­chen Dok­trin, die sie in den soge­nan­nten Reform­län­dern so ein­drucksvoll ersetzt. Was sie gegen let­ztere setzt, ist die Überzeu­gung, eine Real­ität zu beherrschen, an der jene gescheit­ert ist.

5.

Die erfol­gre­icheren unter den Ursprungs­geschichten, denen sich der über­wiegende Teil der Men­schheit seit län­gerem aus­ge­setzt sieht, arbeiten mit dem Begriff der Mod­erne. Lässt man die Erzäh­lun­gen bei­seite, in denen vom Aben­teuer oder vom Ver­häng­nis der Mod­erne gesprochen wird, als han­dle es sich um den per­ma­nen­ten Auf­bruch in ein unbekan­ntes Uni­ver­sum oder um eine antike Tragödie von den inneren Dimen­sio­nen des Pelo­pon­nesis­chen Krieges, so bleiben andere, in denen die Mod­erne sich auf ein Gewebe von Zwangsläu­figkeiten und ein Men­schheitsver­sprechen reduziert. Let­zteres, nach Kants wirk­samer Formel der »Aus­gang des Men­schen aus seiner selb­stver­schulde­ten Unmündigkeit«, ist der Maßstab, an dem sich die Ver­hält­nisse der Gegen­wart und der Ver­gan­gen­heit messen lassen müssen. Als Prozess der Emanzi­pa­tion ist die Mod­erne an jenen Fort­gang der Kün­ste und Wis­senschaften gefes­selt, von dem bere­its in Rousseaus erstem Dis­cours die Rede ist, also all das, was die geläu­fige Rhetorik als wissenschaftlich-​technologischen Fortschritt beze­ich­net. Sie ist an ihn gefes­selt – merk­würdig genug für einen Befreiung­sprozess –, aber sie fällt nicht mit ihm zusam­men. Im Gegen­teil, kön­nte man sagen: die mit den Zuwäch­sen in den Bere­ichen des Wis­sens und der Naturbe­herrschung – auch im sozialen Bere­ich – ver­bun­de­nen Ambivalen­zen provozieren regelmäßig erhe­bliche und keineswegs unnötige Steuerungs­diskus­sio­nen, gle­ichgültig, wie man zu deren Resul­taten im einzel­nen ste­hen mag.

6.

›Mod­ernisierung‹ lautet das Schlüs­sel­wort, das die Selb­stverpflich­tung der Refor­mge­sellschaft umschreibt, an bes­timmten Ursprungs­geschichten der Mod­erne festzuhal­ten und bei Bedarf weit­ere zu ersin­nen. Darin liegt – was sonst? – eine Entschei­dung. In der Etholo­gie, in Gen– oder Gehirn­forschung ste­hen ein­flussre­iche the­o­retis­che Instanzen bereit, die sich dem Mod­ernedik­tat ganz oder teil­weise entziehen. Wesentliche Fragestel­lun­gen und Fortschritte dieser Diszi­plinen ver­danken sich explizit oder implizit dem im Lauf der Jahrzehnte immens gewach­se­nen Bedarf der Refor­mge­sellschaft, Auf­schluss über ele­mentare Bedin­gun­gen der Verän­der­barkeit des Men­schen in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft zu gewin­nen. Zwis­chen Bedin­gun­gen und Gren­zen ver­läuft dabei eine zarte the­o­retis­che Linie, an der ent­lang einige bemerkenswerte Schlachten geschla­gen wur­den. Während Gren­zen – jeden­falls dann, wenn es sich um natür­liche, sprich: unver­rück­bare han­delt – einge­hal­ten wer­den müssen (bei Strafe irgendwelcher unvorstell­barer oder auch voraus­sag­barer Katas­tro­phen), soll­ten Bedin­gun­gen beachtet wer­den, jeden­falls dann, wenn man bes­timmte Ziele erre­ichen will. Bei Nicht­beach­tung dro­hen Effekte, die den angestrebten Ertrag reduzieren oder zunichte machen oder um unge­wollte Erträge anre­ich­ern könnten.

Es leuchtet ein, dass die aktive Reform­frak­tion der Gesellschaft eher der Rede von Bedin­gun­gen als der von Gren­zen gewogen ist. Doch wäre es falsch, hier eine strikte ›Grenze‹ zu set­zen. Ein Beispiel böte die Gewalt­diskus­sion der Sechziger und Siebziger Jahre (im Kern eine Auseinan­der­set­zung darüber, ob Gewalt als Mit­tel, bes­timmte gesellschaft­spoli­tis­che oder ganz all­ge­mein emanzi­pa­torische Ziele zu erre­ichen, gerecht­fer­tigt sei), in der die Formel der Gewalt­losigkeit sich in bei­der­lei Gestalt präsen­tierte: als absolute Grenze, die zu über­schre­iten automa­tisch (aus Grün­den einer vorgängi­gen Moral) zum Auss­chluss aus der lib­eral und demokratisch ver­fassten Gesellschaft führt, und als kalkuliertes Ver­hal­ten, das der nüchter­nen Analyse des aktuellen und akuten Hand­lungsrah­mens inner­halb des am Ende doch zu mod­i­fizieren­den Sys­tems entspringt. Dieser ›grundle­gende Dis­sens‹ schien in der jüng­sten Beg­nadi­gungs­diskus­sion um die noch ein­sitzen­den RAF-​Veteranen hin­ter­gründig wieder aufzu­flam­men – bei deut­licher Unlust aller Teil­nehmer, sich erneut mit ihm zu befassen.

7.

Die Gren­zen des eige­nen Han­delns immer wieder in den Hor­i­zont ver­schieben – dieses Wort eines ehe­ma­li­gen Kan­zlers ist geeignet, den imag­i­na­tiven Kern eines Denkens aus– oder zumin­d­est anzuleuchten, das ver­mut­lich nicht zu den Ini­tia­toren des Reform­pro­jekts – jeden­falls in seiner ersten Phase – zählt, aber rück­blick­end diese Ära charak­ter­isiert: ange­fan­gen bei frühen, linksu­topis­tisch geprägten Parolen wie ›Seid real­is­tisch, ver­sucht das Unmögliche‹, bis hin zur voll­mundi­gen Ver­sicherung der drit­ten Phase, es gelte den Kap­i­tal­is­mus neu zu erfinden, um das unver­rück­bar fest­ge­hal­tene Emanzi­pa­tion­sziel mit den Lebens­be­din­gun­gen auf dem Plan­eten in Übere­in­stim­mung zu brin­gen. Man kann also vielle­icht sagen: Dort, wo die Denk­figur der Poli­tisierung aller Lebens­bere­iche, also die Überzeu­gung, jeder Aspekt der Gesellschaft (und der per­sön­lichen Lebens­gestal­tung) lasse sich in den Bere­ich poli­tis­chen Han­delns und damit der Verän­der­barkeit ver­schieben, die tra­di­tionellen Grenzziehun­gen zwis­chen einem pro­gres­siven und einem kon­ser­v­a­tiven Lager über­windet und weit­ge­hend gegen­stand­s­los macht, ist die Refor­mge­sellschaft ›in den Köpfen‹ angekommen.

Offenkundig wirkte das nicht auf eine Partei beschränkte ›grüne‹ Pro­jekt, das seit seinen Anfän­gen kon­ser­v­a­tive und pro­gres­sivis­tis­che Ten­den­zen miteinan­der verbindet, in dieser Hin­sicht als Katalysator. Stärker als seine klas­sis­chen Konkur­renten und in direk­tem Gegen­satz zum Wirtschaft­slib­er­al­is­mus alter Schule setzt es auf Verän­derun­gen im Bere­ich des pri­vaten Ver­hal­tens – soll heißen, auf den san­ften und zugle­ich, um das Weber-​Wort ein­mal mehr zu zitieren, ›stahlharten‹ Zwang eines durch Gesin­nung ges­teuerten, geset­zlich abgesicherten und und ökonomisch prämierten Wohlver­hal­tens seit­ens der Einzel­nen. In der durchge­bilde­ten Refor­mge­sellschaft steuert ein medial repro­duziertes, in Öffentlichkeitsin­seln und Grup­pen­stilen über die Gesellschaft ver­bre­it­etes, in seinen Motiven und Aus­fächerun­gen schwer durch­schaubares Wohlmeinen, also eine Moral der Men­schheit­sziele, das indi­vidu­elle Leben ebenso effek­tiv wie die Poli­tik der ökonomis­chen Anreize. Es steuert auch die Poli­tik bis hin zu bürokratisch verord­neten oder dem jour­nal­is­tis­chen Gesin­nungs­de­sign unter­wor­fe­nen Sprachregelun­gen, deren Ver­let­zung empfind­liche Kon­se­quen­zen für den Einzel­nen nach sich ziehen kann. Es scheint, als markiere das auf Dauer gestellte Gezänk um polit­i­cal cor­rect­ness die über­aus bewegliche Grenze, die das zur beherrschen­den gesellschaftlichen Real­ität gewor­dene Reform­par­a­digma von im Ansatz kollek­tivis­tis­chen, über das Rev­o­lu­tion­spar­a­digma definierten Gesellschaft­stypen trennt.

8.

Beschrei­bungsver­suche wie dieser bedür­fen einer method­is­chen Ergänzung. Der über­gangslose Wech­sel zwis­chen dem ein­fachen Auss­chreiben all­seits bekan­nter Motive und einer nicht weiter explizierten Rhetorik des Vor­be­halts charak­ter­isiert sie als polemisch. Sie arbeiten mit der starken Annahme, dass die Gesellschaft das gemein­same Unhin­terge­hbare darstellt, über das man nur genü­gend in Erfahrung zu brin­gen brauche, um es ›vernün­ftig‹ zu trans­formieren. Die Gesellschaft, das ist der empirische Men­sch. Der Gedanke der ›vernün­fti­gen Trans­for­ma­tion‹ aller Lebens­bere­iche siedelt hinge­gen in einer offe­nen Mei­n­ungszone, in der dif­fer­ente Beiträge willkom­men sind, solange und soweit sie dem Refor­m­denken verpflichtet bleiben. Willkom­men ist jeder Beitrag, sofern er hier und jetzt dem Motiv des Auf­bruchs aus der selb­stver­schulde­ten Unmündigkeit sym­bol­is­che Präsenz verschafft.

Unter dem Reform­par­a­digma, so lautet offen­sichtlich die zugrun­deliegende Überzeu­gung, vere­int sich das empirische Wis­sen um die Men­schheit ebenso selb­stver­ständlich wie effek­tiv mit dem Wis­sen um die richti­gen Men­schheit­sziele und die angemesse­nen Strate­gien, sie zu erre­ichen. »Was kön­nen wir tun?« fragt die Mod­er­a­torin ihre Stu­dio­gäste, gle­ich, ob die näch­ste Nahost-​Verhandlungsrunde ange­sagt wurde oder die neuesten Berech­nun­gen der Kli­maforschung auf dem Tisch liegen. Das ist in die Gesellschaft hineinge­sprochen. Es bezieht jeden Einzel­nen ein, es hält ihn gegebe­nen­falls an, sein Ver­hal­ten zu ändern (»Wir müssen uns ändern«), und leitet wie von selbst zur Diskus­sion der zu ergreifenden geset­zlichen und admin­is­tra­tiven Maß­nah­men über. Kein Gast wirkt befremdet, alle beziehen Posi­tion. Das Pub­likum beklatscht zu gle­ichen Teilen den Frei­heitsvor­be­halt und die Rhetorik des admin­is­tra­tiven Durch­greifens. Mit Leichtigkeit und Vehe­menz scheint die unsicht­bare Hand der pro­porzgestärk­ten Ver­nunft den Hia­tus zwis­chen dem Glück der Vie­len und dem sich fortschreiben­den, wel­tumspan­nen­den Reformwillen der Organ­i­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen zu minimieren.

9.

Dass die Leute gel­ernt haben, die rhetorischen Grund­la­gen des Reform­par­a­dig­mas im Großen und Ganzen wider­spruch­s­los zu akzep­tieren und die entsprechende, in ihren Grundzü­gen durch jahrzehn­te­lange Praxis bekan­nte Poli­tik mit den üblichen Zus­tim­mungsquoten zu verse­hen, kann im Prinzip zwei Gründe haben: über­bor­dende Zufrieden­heit oder ein einge­spieltes Wis­sen darum, wie man mit ihnen ›im All­tag zurechtkommt‹. Dass Zonen öffentlichkeitswirk­samer Unzufrieden­heit vor allem in den spät und unter beson­deren Bedin­gun­gen ges­tarteten post­sozial­is­tis­chen Län­dern anzutr­e­f­fen sind, spricht für einen gesun­den Mix aus bei­den Annah­men. Man kön­nte auch sagen, die Zufrieden­heit rührt daher, dass sich die Men­schen im Reform­par­a­digma ein­gerichtet haben. Es ist eine Art Heim für sie gewor­den, mit einer aus­ge­bilde­ten Bin­nen­praxis und einem Fun­dus aus Recht­fer­ti­gungs– und Moti­va­tion­s­geschichten, aus­re­ichend groß und durchge­bildet, um jede Art denkbarer Lebensläufe zu tra­gen und gedanklich abzu­sich­ern. Daher ver­wun­dert es nicht, dass der Begriff der Wis­sens­ge­sellschaft, der ten­den­ziell etwas anderes meint, so elek­trisierend auf seine Repräsen­tan­ten wirkt. Die möglichst ›bar­ri­ere­freie Bere­it­stel­lung‹ und der durch insti­tu­tionelle Anreize beschle­u­nigte ›Umsatz‹ von Wis­sen, die ›unsere Gesellschaft fit machen für das 21. Jahrhun­dert‹ oder wie die Phrasen heißen, gel­ten vorder­gründig einer gren­zen­los gedachten (und ähn­lich gren­zen­los kri­tisierten) Ökonomie. Als Inno­va­tion­s­mo­tor der Gesellschaft wirken sie wie ein Per­petuum mobile der Reform, die in diesem Licht mehr und mehr als reine Umset­zung von Wis­sen unter den Bedin­gun­gen weltweiter Konkur­renz erscheint. Die ethisch-​existenziellen Grund­la­gen von Entschei­dun­gen treten demge­genüber in den Hin­ter­grund. Und das scheint gut so. Es legt Zeug­nis ab vom Erreichten.

10.

Das Thema der gescheit­erten Reform beginnt nicht, wie vielle­icht zu erwarten wäre, beim Scheit­ern von Geset­zesvor­la­gen oder –inia­tiven, es beginnt nicht dort, wo die Umset­zung beschlossener Refor­men uner­wün­schte Neben­wirkun­gen zeit­igt, die den gewoll­ten Ertrag in Frage stellen, es beginnt auch nicht bei der ret­ro­spek­tiven Betra­ch­tung ›refor­munwilliger‹ oder ›refor­mun­fähiger‹ Gesellschaften. Vielmehr ist das Motiv des Scheit­erns dem Reform­par­a­digma inhärent – ähn­lich wie dem der Rev­o­lu­tion, aber auf andere Weise und in anderen Dimen­sio­nen. Beispiele gelun­gener Refor­men sind das Schmier­mit­tel der Refor­mge­sellschaft, sie besitzen den Rang mythis­cher Para­beln, aus­ges­tat­tet mit sym­bol­is­chem Mehrw­ert und ikono­graphis­cher Omnipräsenz. Beispiele miss­lun­gener Refor­men erfüllen ihren gesellschaftlichen Zweck in den Auseinan­der­set­zun­gen zwis­chen poli­tis­chen Parteien und Zweck­ver­bän­den, die bes­timmten Grup­pen­in­ter­essen verpflichtet sind. Anson­sten bilden sie einen der Grund­stoffe des pri­vaten Geredes.

Die Reform­bere­itschaft, das nor­ma­tive Rück­grat der Refor­mge­sellschaft, ist ohne Zweifel ihr bedeu­tend­stes Pro­dukt. Sie ist, um es eigen­williger zu sagen, gle­icher­maßen Erzeu­gen­des und Erzeug­nis. Refor­munwilligkeit gilt unter diesen Umstän­den als andauernde, dabei weit­ge­hend imag­inäre Bedro­hung der Refor­mge­sellschaft. Sie erin­nert, vielle­icht nicht ohne Grund, an das Kon­strukt des Klassen­fein­des in der unterge­gan­genen sozial­is­tis­chen Gesellschaft. Die Reform des empirischen Men­schen scheit­ert in Per­ma­nenz, weil die immer notwendige Mod­ernisierung der Gesellschaft keinen Auf­schub und keine Ruhep­ausen erlaubt und sich die Aus­gangssi­t­u­a­tion der Reformbedürftigkeit an jeder Stelle wieder­her­stellt. Zufrieden­heit über das Erre­ichte gilt, wird sie ein­mal aus­gestellt, als Hochglanz– oder Pro­pa­gan­darede. Zu Recht, denn es pflegt, wie das Eis in der Sonne, sogle­ich zu zer­rin­nen. Die Refor­mge­sellschaft ähnelt daher, von einer anderen Warte aus betra­chtet, einer Repräsen­ta­tion von Gesellschaft über­haupt, soweit sie als selb­stre­pro­duzieren­des und als solches in per­ma­nen­tem Wan­del befind­liches Sys­tem gedacht wird. Das lit­er­arische Bild der Über­fahrt ohne erre­ich­bares oder auch nur angeb­bares Ziel, eines der Sinnbilder der Mod­erne, ist vor allem ein Bild der Gesellschaft – von Men­schen­fressern, um an das schöne Bild aus einer kleinen Schrift von Deleuze zu erinnern.

11.

Es gibt eine Praxis der Reform und es gibt Prak­tiken der Refor­mge­sellschaft. Die eine ist eher im poli­tis­chen und bürokratis­chen Bere­ich, die andere im All­tag der Leute zu suchen, die man sta­tis­tisch mit dem Begriff der Bevölkerung erfasst. Das Leben unterm Reform­par­a­digma bringt seine para­doxen Kon­stel­la­tio­nen her­vor, wie jeder aus pri­vater und beru­flicher Erfahrung weiß. Das ist zunächst ein­mal nichts Beson­deres, es trifft prima vista auf jede Gesellschaft zu. Auf­fäl­lig wäre, dass die Zukun­fts­ge­sellschaft sich zuse­hends um ihren Nach­wuchs sorgt. Sieht man näher hin, so grup­pieren sich die Para­dox­ien der Refor­mge­sellschaft um etwas, das man die per­spek­tivis­che Bere­ini­gung der Refor­mziele (Gle­ich­heit, Gerechtigkeit, verbesserte Lebens– und Arbeits­be­din­gun­gen, Mobil­ität etc.) nen­nen kön­nte. So gewinnt die klassisch-​revolutionäre Unter­schei­dung von Nah– und Fernzie­len inner­halb des Reform­par­a­dig­mas eigene Züge. Offen zutage liegt das in der Dauer­be­wirtschaf­tung emanzi­pa­torisch sen­si­bler Bere­iche, zum Beispiel der Frauen– und Fam­i­lien­poli­tik, in denen der gesellschaftliche Lern­prozess dem, was im Leben der Einzel­nen unauswe­ich­lich zu leis­ten ist, kon­stant hin­ter­her­hinkt. Doch es gibt andere, weniger im Fokus der öffentlichen Aufmerk­samkeit liegende Prozesse. Die Zer­störung der Lit­er­atur, ein dif­feren­zierter Prozess, in dem das Urhe­ber– und Ver­lagsrecht mit Men­tal­itätswan­del und Förder­praxis zusam­men­spielt, die Abschaf­fung der all­ge­meinen Schreib­sicher­heit durch eine auf Per­ma­nenz gestellte Rechtschreibre­form, die anonym und zwang­haft sich vol­lziehende Reduk­tion von Sprach­präg­nanz und Idiomatik durch Pastiche-​Techniken (local­iza­tion) und kon­se­quente Nor­mung, für Vor­denker sicher peanuts, sind bekan­nte Felder pri­vater und öffentlicher, vol­lkom­men wirkungsloser Klage, für Lit­er­atur– und Medi­en­wis­senschaftler naturgemäß Objekte gesteigerter Aufmerk­samkeit. Das dem Reform­par­a­digma eignende aleatorische Moment tritt hier auf­fäl­lig zutage – ver­mut­lich, weil diese Bere­iche in der Hier­ar­chie der kollek­tiven Auf­gaben ohne­hin als mar­ginal ange­se­hen wer­den. Per­spek­tivis­che Bere­ini­gung bedeutet grosso modo die aus der Reli­gion­s­geschichte bestens bekan­nte Umstel­lung von Nah– auf Fern­er­wartung, die Her­stel­lung von ›Hand­lungssicher­heit‹ als – rel­a­tivem – Selb­stzweck, die per­ma­nente Auss­chau nach möglichen Feldern sym­bol­is­chen Han­delns, eine einge­spielte Praxis der Reform der Reform und schließlich das Spiel willkür­licher Fest­set­zun­gen, das sich hin­ter der Formel ›Kein Zurück!‹ ver­birgt und der Nei­gung in der Bevölkerung ent­ge­gen­tritt, eine Reihe von All­t­agsprob­le­men als ›gemacht‹ anzuse­hen, d.h. als Pro­dukt der all­ge­gen­wär­ti­gen Reform und nicht als ihr Auslöser.

12.

Der Gedanke, eine Gesellschaft durch die in ihr herrschende Form des Unglaubens zu charak­ter­isieren, mag selt­sam erscheinen, vor allem, da es naturgemäß schw­er­fällt, in diesem Bere­ich annäh­ernd objek­tive Daten zu erheben. Wenn man, um die nicht pro­gram­ma­tisch ges­teuerten gesellschaftlichen Prozesse zu durch­leuchten, den Begriff der ›Prak­tiken‹ ver­wen­det, der die Weisen des indi­vidu­ellen Zurechtkom­mens in einer Gesellschaft beze­ich­net, dann kommt dem Unglauben an gesellschaftliche Ziele (oder die in ihr herrschen­den Ver­fahren, sie zu erre­ichen) darin eine wesentliche Bedeu­tung zu. Während Funk­tio­nen wie Vertrauen/​Misstrauen sich stärker auf einzelne Sachver­halte bzw. Ange­bote beziehen, beze­ich­net dieser Begriff gesellschaftlichen ›Unglaubens‹ etwas, das man mit Fou­cault und anderen als ›Dis­pos­i­tiv‹ beze­ich­nen kön­nte. Das wäre die all­ge­meine Nei­gung, Entschei­dun­gen eher so als anders zu fällen und sich darin durch ratio­nale Ange­bote – darunter fallen auch Deu­tungsange­bote – wenig beir­ren zu lassen. Der in einer Gesellschaft herrschende Unglaube wäre dem­nach eine eher ver­steckte Größe, auf die man in weit­ge­hend unspez­i­fis­cher Weise Bezug nimmt. Was zum Beispiel in Mei­n­ung­sum­fra­gen ›in schöner Regelmäßigkeit‹, wie es selb­st­bezüglich heißt, als Anse­hens– oder Glaub­würdigkeits­de­fizit ›der Poli­tiker‹ (weniger häu­fig: ›der Poli­tik‹) aus­gewiesen wird, deutet in der Analyse des gesellschaftlichen Par­a­dig­mas weniger auf eine Gefährdung des Sys­tems durch seine unwilli­gen Bewohner hin als auf Fig­uren der Dom­i­nanz. Man hat sich ein­gerichtet, soll heißen, man hat eine – dif­fuse – Vorstel­lung davon, wie sich die Ankündi­gun­gen der Poli­tik ›am Ende‹ auf die eige­nen Lebensver­hält­nisse auswirken, Gewin­n­mit­nah­men inclu­sive. Im Zweifels­fall gilt: Man beschließt, was man hin­tertreibt. Das Schick­sal der inte­gri­erten Gesamtschule, eines klas­sis­chen Pro­jekts der Refor­mära, böte in diesem Zusam­men­hang ver­mut­lich ein lohnen­des Unter­suchung­sob­jekt, ein anderes ergiebiges Feld bes­timmte Streuwirkun­gen einer immer defiz­itär gedachten Umweltpolitik.

13.

Falsch wäre es, den herrschen­den Unglauben auss­chließlich auf die Poli­tik und ihre Auswirkun­gen auf den Einzel­nen zu beziehen. Einen großen Teil lenken die Medien auf sich, die am kom­plexen Funk­tion­szusam­men­hang der Refor­mge­sellschaft so großen Anteil haben. Gemäß ihrer dop­pel­ten Rolle als Fil­ter und Objekte der Wahrnehmung sind sie von Haus aus Insti­tu­tio­nen des Glaubens. In ihnen gelangt zur Erschei­n­ung, was man cum grano salis das Selb­st­bild der Gesellschaft nen­nen kön­nte. Die immer­währende medi­ale Epiphanie der Gesellschaft erzeugt jene oft beschriebe­nen Vir­tu­al­isierungsef­fekte, denen gemäß das, was im Medium geschieht oder sicht­bar wird, den Sta­tus einer höheren Wirk­lichkeit zuge­sprochen erhält und für wirk­licher ›ange­se­hen‹ wird als die eigene gemeine Leben­sre­al­ität. Selb­stver­ständlich ist dieser beherrschende Glaube nicht dicht, son­dern folgt der Dialek­tik des Glaubens, ver­mut­lich sogar in diversen christlichen Spielarten. Selt­samer­weise erwecken aller­lei neuere Ver­suche, die neo­marx­is­tis­che Kri­tik an der Kul­tur– resp. Bewusst­seinsin­dus­trie mit Hilfe von Ver­satzstücken aus gängi­gen The­o­rien des Virtuellen zu erneuern, den Ein­druck, mehr Teil­nehmer dieses Spiels zu sein als schlüs­sige The­o­rien zu liefern. Stumpf bleibt auch die uni­ver­sal­isierte Fetischismus-​Kritik, die Hart­mut Böhme als vorge­blich ›andere The­o­rie der Mod­erne‹ aus­geschrieben hat – schon deshalb, weil auch sie entschlossen ein Phänomen beim jew­eils Anderen in der Gesellschaft diag­nos­tiziert, das sie selb­stver­ständlich durch­schaut. An diesem Durch­schauen dürften Zweifel ange­bracht sein, allein deshalb, weil es die intellek­tuelle Haupt­tätigkeit in der entwick­el­ten Refor­mge­sellschaft darstellt. Man kön­nte auch sagen, die Refor­mge­sellschaft existiert, weil sie ihre Real­ität jed­erzeit als pro­duzierte, aber in diesem Pro­duziert­sein die verän­dernde Potenz jeden Einzel­nen ebenso her­aus­fordernde wie abso­lut über­steigende vor Augen hat. Was sich auf der anderen Seite der Scheibe abspielt, ist das Spiel der ver­mit­tel­ten Wirk­lichkeit mit ihren Akteuren, von denen, wenn die Lam­pen aus­ge­hen, der ein­fache fernse­hende Men­sch übrig bleibt, wie promi­nent er auch sein mag. Reform ist hier die Formel für einen von Mod­er­a­toren gefäl­lig kon­turi­erten Ein­satz, der zuver­läs­sig ins Leere geht.

14.

Der Unglaube, gegen den herrschen­den gesellschaftlichen Glauben gesetzt, steht als Motor hin­ter Prak­tiken, mit deren Hilfe die Bevölkerung die indi­vidu­ellen Leben­sauf­gaben unter dem Reform­par­a­digma meis­tert. Näher betra­chtet, han­delt es sich um eine kom­plexe Größe, der man mit rol­len­sozi­ol­o­gis­chen oder moti­va­tion­spsy­chol­o­gis­chen Kon­struk­tio­nen allein nicht son­der­lich gerecht wird. Evi­dent ist der kulturwissenschaftlich-​anthropologische bzw. reli­gion­swis­senschaftliche Zusam­men­hang. Die Ent­fal­tung dieser Evi­denz führt allerd­ings in Zonen der Nach­den­klichkeit, die der gesellschaftliche Diskurs eher aus­nahm­sweise berührt. Für die Refor­mge­sellschaft gilt wie für jede Gesellschaft, dass sie nicht aus sich selbst her­aus ver­ständlich gemacht wer­den kann. Was soll das heißen? Fasst man, einer gängi­gen Praxis gemäß, die Def­i­n­i­tion von Gesellschaft so weit, dass Kom­mu­nika­tion und Gesellschaft ineins fallen, dann bringt man sich um die Pointe, die darin besteht, dass das eine wie das andere Inter­pre­ta­tio­nen sind, die immer auch anders aus­fallen kön­nen, und sei es nur, weil die Real­itäten, die sie beze­ich­nen, bei aller Sta­bil­ität ihren flüchti­gen Charak­ter bewahren, der jeder Def­i­n­i­tion über kurz oder lang ein san­ftes Ende beschert. Die wun­der­same the­o­retis­che Ver­wand­lung von Gesellschaft in Kom­mu­nika­tion über­haupt – eine Tour de force für die his­torische Forschung – begleitet in praxi eine Ten­denz, die ihr Ende in sich trägt. Zeigen lässt sich, dass die Refor­mge­sellschaft in dem Maß, in dem sie beansprucht, Gesellschaft über­haupt zu repräsen­tieren, d.h. jede andere Form von Gesellschaft als defiz­itär konzip­iert, aufhört, Gesellschaft zu sein. Es kann nicht ver­bor­gen bleiben, dass der Begriff der Refor­mge­sellschaft sich an dieser Stelle mit Bedeu­tun­gen auflädt, die im Schat­ten der Refor­mde­bat­ten ein gewöhn­lich unbeachtetes Dasein fristen.

15.

Die intellek­tuelle Basis der Refor­mge­sellschaft ist die Mod­erne, soll heißen, die wie auch immer instru­men­tierte Vorstel­lung von einem Riss oder Schnitt, der die Men­schheit in einen vor­mod­er­nen und einen mod­er­nen Teil trennt, eine Teilung, die sowohl diachron als auch – Begriffe wie ›Entwicklungs-​‹ oder ›Schwellen­län­der‹ deuten es an – syn­chron gedeutet wer­den kann. Selbst hierzu­lande ist es nicht ver­bor­gen geblieben, dass diese Vorstel­lung seit Jahrzehn­ten seit­ens ver­schiedener Diszi­plinen heftiger Kri­tik unter­liegt. Wir sind nie mod­ern gewe­sen lautete der Titel eines klu­gen Buches, in dem das Konzept ›Mod­erne‹ mit plau­si­blen Argu­menten als Sys­tem von Täuschun­gen resp. Selb­st­täuschun­gen einer europäisch– west­lichen Elite beschrieben wird. Solche Über­legun­gen mögen zeitweise als poli­tisch missliebig gel­ten, ohne dass sich dadurch an ihrer sach­lichen Brisanz etwas ändert. Mod­erne ist, wie Bruno Latour und andere schlüs­sig aus­ge­führt haben, zunächst (und vor allem) ein Supe­ri­or­ität­skonzept, das auf Reini­gung­sprak­tiken beruht: Natur und Gesellschaft gel­ten darin, anders als bei den ›Vor­mod­er­nen‹, als getren­nte Instanzen. Ihre Ent­mis­chung ist – wenn man so will – die mod­erne Tätigkeit, ihr Instru­ment die Kri­tik oder, schär­fer, die Denun­zi­a­tion. Die para­doxe Ver­fass­theit ökol­o­gis­cher Sachver­halte, etwa der glob­alen Erwär­mung, zugle­ich Men­schen­werk (und damit verän­der­bar) zu sein und natür­lichen (ver­mut­lich unbee­in­fluss­baren) Zyklen zu fol­gen, fasst wie in einem Bren­n­glas die Para­dox­ien der Natur und der Gesellschaft zusam­men, die an den Begrif­fen des Exper­i­ments, des Beobachters, des aus­geschlosse­nen (Latour schreibt ›ges­per­rten‹) Gottes etc. oft­mals demon­stri­ert wor­den sind. Auf­schlussre­ich ist ein kur­renter Aus­druck wie ›die Bedro­hung der natür­lichen Lebens­grund­la­gen‹, weil die Bedro­hung dabei sowohl von der Gesellschaft aus­geht wie von der Natur selbst, genauer: vom nur teil­weise zu klären­den Zusam­men­spiel bei­der, das der Idee gesellschaftlicher Autonomie ekla­tant wider­spricht. Angesichts der auf­fäl­li­gen Zunahme solcher ›mon­ströser‹ Hybrid­kon­struk­tio­nen besteht Latour auf einer ›sym­metrischen Anthro­polo­gie‹, die neben den sicht­baren Reini­gung­sprak­tiken die im Norm­be­trieb abge­dunkel­ten Ver­mit­tlung­sprak­tiken in den Blick zu nehmen rät, ohne die jene anderen nicht leb– oder gestalt­bar wären. Was immer man dem rit­u­al­na­hen Begriff­s­paar Reinigung/​Vermittlung an the­o­retis­cher Durch­dringung zutraut – das Plä­doyer dafür, die kün­stliche und nicht zu recht­fer­ti­gende Dif­ferenz, in der sich die Mod­erne situ­iert, aus dem kul­turellen Selb­stver­ständ­nis zu eli­m­inieren, wirkt deut­lich genug.

16.

Die Behaup­tung, ›wir‹ seien nie mod­ern gewe­sen, ist aus nahe­liegen­den Grün­den para­dox. Sie setzt aber die bei­den Glieder der Aus­sage, das ›wir‹ wie das ›mod­ern sein‹, einer Reihe von Fra­gen aus, die an die Grund­la­gen des Reform­par­a­dig­mas rühren. Wenn die Refor­mge­sellschaft als Gesellschaft schlechthin, sozusagen als die, ein­mal gefun­den, unumgängliche Form von Gesellschaft gilt, dann lässt sich die Zunahme der ›Mon­stren‹, soll heißen zwin­gend gegebener, aber nicht lös­barer Refor­mauf­gaben, deren Bewäl­ti­gung von Leg­is­laturpe­ri­ode zu Leg­is­laturpe­ri­ode weit­erg­ere­icht und fak­tisch der the­o­retis­chen oder prak­tis­chen Phan­tasie kom­mender Entschei­dungsträger, am Ende der Inge­nieure und Wirtschafts­fach­leute über­ant­wortet wird, nicht ein­fach der Phan­tasielosigkeit oder dem Zynis­mus der Herrschen­den in Poli­tik, Ver­wal­tung, Ökonomie anlas­ten. Vielmehr kann sie als Anzeige des para­doxen Sachver­halts gel­ten, dass es möglich ist, unter dem Reform­par­a­digma zu leben, ohne es zu leben, soll heißen, all jene Zugewinne an Autonomie, Sozial­ität, Leben­squal­ität etc. zu real­isieren, von denen die befrag­baren Glieder der Gesellschaft augen­schein­lich überzeugt sind.

Man muss nicht in die Behand­lungsz­im­mer der Ther­a­peuten oder in die Altenheime gehen oder die neuesten Armutssta­tis­tiken auswerten – Aktiv­itäten, die in den Bere­ich der Empörung fallen und zu den erprobten Schmier­mit­teln der Reform zählen -: auf­schlussre­icher ist das Schick­sal der Ökolo­giebe­we­gung, die zugle­ich als Kind und als Wider­lager der Refor­mge­sellschaft auftritt und über­all dort, wo sie Regierungsver­ant­wor­tung übern­immt, das Regieren lernt, aber nicht, den eige­nen Anspruch zu real­isieren, der die Möglichkeiten der Reform her­aus­fordert und über­fordert. Die the­o­retis­che Versenkung in die Lebens­grund­la­gen des Plan­eten und der eige­nen Gat­tung gebiert Unge­heuer, deren ebenso zweifel­haftes wie unbezweifel­bares Vorhan­den­sein die Ratio der Reform von einer Ver­legen­heit in die andere stürzt.

17.

Auch die Ökolo­giebe­we­gung ver­schiebt die Gren­zen des Han­delns in den Hor­i­zont gesellschaftlicher Wün­schbarkeiten. Insofern sollte man Bere­iche nicht außer Acht lassen, in denen das klas­sis­che Refor­mziel der Emanzi­pa­tion zu Kon­stel­la­tio­nen geführt hat, in denen es als gle­icher­maßen real­isiert und ver­fehlt besichtigt wer­den kann. Anders als das Schick­sal der Arbeit­erk­lasse, deren Emanzi­pa­tion ins sta­tis­tis­che Ghetto und in die gesellschaftliche Mar­gin­al­isierung resp. Aus­lagerung führte, ist das der Frauen­be­we­gung – repro­duk­tions­bi­ol­o­gisch plau­si­bel – anhal­tend unklar. Das zuver­läs­sig Empörung aus­lösende Konzept der ›unsicht­baren Grenze‹, an der die rechtliche und soziale Emanzi­pa­tion der Frauen weniger scheit­ert als dauer­haft labori­ert, stat­tet den Imper­a­tiv »Du musst dein Leben ändern« mit einer tief ins Leben vieler Men­schen ein­greifenden Überzeu­gungskraft aus. Entsprechend ist die Emanzi­pa­tions­be­we­gung für die sub­jek­tive Wahrnehmung in erster Linie eine Erweck­ungs­be­we­gung mit Kon­se­quen­zen, wie sie bei der­lei Bewe­gun­gen generell zu beobachten sind: über­starke Akzen­tu­ierung des Vorher-​Nachher-​Effekts, die Überzeu­gung, einen Zus­tand der Gnade oder der Erleuch­tung erlangt zu haben, der es erlaubt, die Lebens­dinge in den richti­gen Pro­por­tio­nen wahrzunehmen und anzuge­hen, entsprechende, über gemein­same Gesin­nung ver­mit­telte Grup­pen­bil­dung und –instruk­tion, ver­tiefte Dis­tanz zum all­ge­meinen, mehr oder weniger drastisch als böse klas­si­fizierten gesellschaftlichen Umfeld, die sich in der Nahumge­bung entsprechende Sün­den­böcke greift, schließlich, als unumgängliche, weit in die Mitte hinein­re­ichende Ran­der­schei­n­ung, die unge­hemmte Vorteil­snahme durch Indi­viduen, die gel­ernt haben, welche Vorzüge es für den Einzel­nen haben kann, his­torisch oder fördertech­nisch auf der richti­gen Seite zu stehen.

Die geset­zge­berische, recht­sprecherische, pop­ulär­wis­senschaftliche und ver­wal­tung­stech­nis­che Gle­ich­stel­lungsin­dus­trie besitzt, zum bit­teren Gaudium des Pub­likums, eine ange­bot­sori­en­tierte Kom­po­nente, die dem Antidiskri­m­inierungs­grund­satz in der Anwen­dung gewisse Antin­o­mien ent­lockt und ihn für Schnäp­pchen­jäger attrak­tiv macht. Die sys­tem­a­tis­che Ver­dunkelungsar­beit – mit Latour zu reden – gilt dem allen Beteiligten auf anderen Ebe­nen und in anderen Kon­tex­ten wohlver­trauten Umstand, dass unter den Bedin­gun­gen rechtlich-​formeller Gle­ich­heit der Geschlechter die Frauen­frage eine Kinder­frage ist. Eine Gesellschaft, die auf die Ent­deck­ung, keine hin­re­ichen­den Antworten auf die Frage zu besitzen, woher die Kinder kom­men, mit der Forderung nach höherer Inte­gra­tion der Frauen in die Beruf­swelt reagiert, darf – angesichts ihres Anspruchs auf Uni­ver­sal­ität – schon als recht eigen gestrickt gel­ten. Der religiöse Fun­da­men­tal­is­mus als Wun­schfeind kommt da, neben­bei, wie gerufen. Wie auch immer: die Erfind­ung der Frau aus der Retorte des frei flot­tieren­den Emanzi­pa­tion­sid­eals gehört zum Per­petuum mobile der Refor­mge­sellschaft und bietet ein drastis­ches Beispiel für die Ver­schiebung der indi­vidu­ell zu leis­ten­den Ver­mit­tlun­gen in den Bere­ich dessen, was kri­tis­che Pub­likum­sor­gane ebenso rit­uell wie selb­stre­f­eren­ziell den ›ungelüfteten‹ oder ›dumpfen‹ Teil des gesellschaftlichen Lebens nen­nen – und der Gerichte. Man wird die massen­hafte Pro­duk­tion von Gericht­surteilen, die sich mit mit­tel­baren oder unmit­tel­baren Lüf­tungs­fol­gen befassen, wohl oder übel unter die Hybrid­bil­dun­gen oder Mon­stren rech­nen, mit denen ein nicht ein­lös­barer gesellschaftlicher Anspruch das Leben unter dem Reform­par­a­digma sprenkelt.

18.

Auch Meta­phern tendieren, wie Bewe­gun­gen, zur Radikalisierung: die der drit­ten Phase zuge­hörige Vok­a­bel vom ›Umbau‹ der Gesellschaft resp. ihrer grundle­gen­den Insti­tu­tio­nen – Zeitung lesenden Sozialempfängern und Ange­höri­gen der akademis­chen Elite gle­icher­maßen ver­traut – sig­nal­isiert, dass die funk­tion­al­is­tis­che The­o­rie der Gesellschaft bei den Entschei­dungsträgern angekom­men ist, und zwar sub utraque specie — in bei­der­lei Gestalt: als Inter­pre­ta­tion einer his­torischen Gesellschafts­for­ma­tion – der eige­nen – und von Gesellschaft schlechthin. Dass let­zteres immer mit­ge­meint wird, erhellt der Umstand, dass Gesellschafts­deu­tung prinzip­iell als Selb­st­deu­tung angelegt ist: Wir, die wir unter dem Funk­tion­spar­a­digma ste­hen, kom­men nicht umhin etc. Gesellschaft ist, auch wenn das nicht so for­muliert wird, ver­hängt und par­tizip­iert insofern an den Antin­o­mien der Mod­erne und des Emanzi­pa­tion­s­gedankens. Die Idee, dass eine funk­tional gedeutete Gesellschaft sub specie des Funk­tion­spar­a­dig­mas zum Umbau freigegeben ist, löst bei den Betrof­fe­nen bekan­ntlich Wider­stände aus. In der Regel operieren sie mit Iden­titäts­grün­den unter­schiedlicher Herkunft, aber ver­gle­ich­barer Verbindlichkeit: auf dem Spiel ste­hen wech­sel­weise die ›Kul­tur‹ der Gruppe, des Lan­des, der Nation, das gewor­dene Indi­viduum und die vorgängige Verbindlichkeit ein­mal gefun­dener Lebens-​, Denk– und Empfind­ungsweisen, kurz, das Arse­nal dessen, worin die Gegen­seite leicht den irra­tionalen Boden­satz einer über ihre Grund­la­gen nicht hin­re­ichend ver­ständigten und daher zu Priv­i­legierun­gen neigen­den bürg­er­lichen Gesellschaft diag­nos­tiziert. Doch auch das ist Polemik. Nicht die herge­brachte, zum Bettvor­leger für ängstliche Zeitgenossen degener­ierte bürg­er­liche, son­dern die ›mod­erne‹ Zivilge­sellschaft bringt die eine Argu­men­ta­tion mit der anderen hervor.

Die zivile, dem freien Spiel der Inter­essen verpflichtete Gesellschaft pro­duziert Grup­pene­go­is­men, die sich mit Iden­tität­sar­gu­menten tar­nen – darin besteht, kurz gesagt, die funk­tion­al­is­tis­che Kul­tur­the­o­rie. Der Gegen­satz der Posi­tio­nen scheint unau­flös­bar. Zumin­d­est tendiert er zur hem­mungslosen Selb­stre­pro­duk­tion. Er ist aber, mit Hegel gesprochen, bloßer Schein: einig findet man beide Parteien darin, dass sie einen Gegen­satz von Kul­tur und Gesellschaft kon­stru­ieren, der jew­eils auf dem Boden der Kul­tur oder der Gesellschaft gelöst wer­den soll. Dieser Gegen­satz hat Tra­di­tion. Er tritt, wie wir wis­sen, über­all da zutage, wo die Mod­ernisierungs­frak­tion als siegre­iche Geschichtspartei und aggres­sive Okku­pa­tion­s­macht, als Pfahl im Fleis­che wahrgenom­men wird. Die Iden­tität­s­the­o­rie als eine Art sekundärer Reflex der Mod­ernisierungs­the­o­rie ist selbst funk­tion­al­is­tisch: Die Zer­störung indi­gener Kul­turen verbindet sich mit der Andro­hung äußer­ster Übel, weil in ihnen ange­blich ein Max­i­mum der Anpas­sung an ganz spez­i­fis­che, in ihrer vollen Dif­feren­zierung unaussprech­lich bleiben­den Über­lebens­be­din­gun­gen erre­icht ist. Der Funk­tion­al­is­mus des Erreichen-​wollens dort, des Erreicht-​habens hier zeigt sich auf der einen Seite vol­lkom­men inter­es­sen­ges­teuert, auf der anderen Seite den Apor­ien der Mündigkeit ver­haftet, die dem über­höhten Selb­st­bild der Mod­erne entsprechen.

19.

Die funk­tional durchge­bildete Zivilge­sellschaft unter­steht dem Reform­par­a­digma, solange sie als eine im Entste­hen begrif­f­ene Gesellschaft betra­chtet wird – durch­setzt von und behaftet mit struk­turellen Resten älterer Gesellschafts­for­ma­tio­nen, die es sukzes­sive abzus­treifen gilt. Die sach­lich begren­zte und strikt dem einzel­nen Miss­stand gel­tende Reform gibt das Par­a­digma nicht her, weil sie keine Aus­sagen über die Gesellschaft als ganze erlaubt. Das Unbe­ha­gen in der Gesellschaft pro­duziert, ungle­ich dem von Freud diag­nos­tizierten ›Unbe­ha­gen in der Kul­tur‹, keine Gesellschaftsmüdigkeit, son­dern den beglei­t­en­den Ver­dacht, es mit einem Phan­tom zu tun zu haben, hin­ter dessen ehrfurcht­ge­bi­eten­dem Äußeren Strate­gien der Erbeu­tung und Erhal­tung von Macht, des konkur­ri­eren­den Vol­lzugs im weitesten Sinn famil­iärer Bindun­gen und der Pro­duk­tion von etwas, das im gesellschaftlichen Rah­men ›Sinn‹ genannt wird, aus einem etwas anderen Gesichtswinkel hinge­gen als ›Reli­gion‹ und ›Kunst‹ erscheint: ambiva­lente Ein­heiten von Praxis und Poiesis, die zwar als vol­lkom­men ökonomisch ver­mit­telt, aber gle­ichzeitig – wie der gesellschaftliche Aus­druck lautet – als ›feu­dal‹ betra­chtet wer­den. Entsprechend pro­duzieren die im Zen­trum des Reform­par­a­dig­mas ste­hen­den Ver­suche, den Staat oder die Fam­i­lie – den Fam­i­lien­ver­band – auf dem Boden der Gesellschaft ›neu zu erfinden‹ oder wie die Aus­drücke lauten, den Dauerver­dacht, Wind­mühlen zu zausen. In der hart­näck­i­gen Per­sis­tenz indi­vidu­ellen Leids und der ihm eingeschriebe­nen Tri­umphe auf hohem oder niedrigerem Niveau wird so etwas wie das feu­dale Dreieck der Gesellschaft sicht­bar, das man besser als Sys­tem fortbeste­hen­der kul­tureller Abhängigkeiten beschreibt.

20.

Der Begriff der Zivilge­sellschaft (›soci­etas civilis‹) tradiert Erin­nerun­gen an die dif­fer­enten Sta­tus der am Gesamt­spiel Beteiligten, deren prak­tis­che Nega­tion im Zen­trum der Refor­mge­sellschaft steht. Das ist, mit Man­fred Riedel gesprochen, der die begriff­s­geschichtlichen Zusam­men­hänge in den Siebzigern unter­sucht hat, ein in die ›aris­totelis­che‹ Vor­mod­erne zurück­weisender Gedanke. Die Refor­mge­sellschaft als die Zivilge­sellschaft, die über den aufk­lärerischen Gedanken der Per­fek­tibil­ität hin­aus Kants Vorschlag einer Geschichte in welt­bürg­er­licher Absicht anhängt, in der die Gesellschaft als let­zter welth­is­torischer Akteur fungiert, hebt mit der Mehrzahl der Akteure auch den Sta­tus­gedanken auf. Deut­lich wird das in Bezug auf die Funk­tion und das Selb­stver­ständ­nis der Parteien im Staat, sollte heißen: in der Gesellschaft, aber z. B. auch im Hin­blick auf die Def­i­n­i­tion der Fam­i­lie und das Instru­men­tar­ium, mit dessen Hilfe sie zielkon­form inter­pretiert und manip­uliert wird. Diese Sisyphosar­beit kann, je nach Blick­winkel, als Befreiungs– oder Lei­d­mas­chine wahrgenom­men wer­den. Entschei­dend ist, ob der Stolz auf das Erre­ichte – und noch zu Erre­ichende – oder die Demü­ti­gung, die Ent­täuschung, das Spiel der Täuschun­gen und Selb­st­täuschun­gen und die unver­mei­dlichen Katas­tro­phen obe­nan ste­hen. Eine Schlüs­selbe­deu­tung fällt dabei der fes­ten Ord­nung der Reform­schritte zu. Sie muss eine his­torisch sin­nvolle Abfolge ergeben, um das Inte­gra­tions– und Beteili­gungsszenario der Gesellschaft zu legit­imieren. Reform­par­a­digma und Posthis­toire schließen einan­der aus. Aber genau­sogut bedin­gen sie einan­der, insofern beide das Märchen vom let­zten uni­ver­salgeschichtlichen Gedanken transportieren.

21.

Gesellschaft entsteht und real­isiert sich in der Bewe­gung ihrer Glieder. Die Refor­mge­sellschaft ver­steht sich – jeden­falls in den­jeni­gen, die an ihrem Zus­tandekom­men beteiligt sind und sich als Beteiligte ver­ste­hen – als Gesellschaft in Bewe­gung, als eine, die gewillt ist, die Dialek­tik der Frei­heit in der Bewe­gung in Aktion zu set­zen. Sie pro­duziert dabei eine Reihe von Para­dox­ien. Deren erste lautet, dass sie, um zu existieren, Garantien benötigt. Wenn Gesellschaft auf Voraus­set­zun­gen beruht, die sie nicht selbst pro­duziert, aber nur als Selb­st­pro­duzierte annehmen kann, dann sind Zahl und Art der Reform­schritte unter Erfol­gs­gesicht­spunk­ten notwendig durch diese Grenze lim­i­tiert. Gle­ichzeitig sind ihnen – nach Zahl und Art – bei steigen­der Mis­ser­fol­gsquote keine Gren­zen gesetzt, so dass irgend­wann auch die Zurück­nahme von Refor­men den Stem­pel der Reform tra­gen kann – voraus­ge­setzt, es gelingt, die asymp­to­tis­che Annäherung an einen Zus­tand, der nicht weit von der ver­rufe­nen ›totalen Verge­sellschaf­tung‹ ent­fernt liegen kann, sicht­bar zu machen. Dem Design der Refor­mge­sellschaft, die ›in den Köpfen‹ ›etwas bewe­gen‹ will, entspricht diese Sicht­bar­ma­chung. Der pro­gram­mierte Mis­ser­folg in der Sache lässt sie als das Wesentliche der Bewe­gung, als Illu­sion­sthe­ater her­vortreten, dessen Teil­nehmer zugle­ich Akteure und Zuschauer sind, gläu­big Ungläu­bige auf bei­den Seiten. Schein­bare Epiphänomene wie die Mode oder die eige­nen Geset­zmäßigkeiten unter­liegende massen­medi­ale Präsenz wer­den dadurch zu Instanzen der Ver­mit­tlung. Sie füllen den zwis­chen Illu­sion und kor­re­spondieren­dem Misslin­gen ges­pan­nten gesellschaftlichen Raum mit mehr oder min­der flüchti­gen Artiku­la­tio­nen, sprich: Leb­barkeiten an.

22.

The­o­riekon­strukte, die darauf zie­len, die virtuelle Real­ität der Medien als ›die‹ Real­ität der postin­dus­triellen etc. Gesellschaft zu analysieren oder, all­ge­meiner, Per­for­manz– und Real­ität­skonzept miteinan­der zu ver­schmelzen, ver­ber­gen, um es ein wenig boshaft auszu­drücken, einen Moti­va­tion­sstau. Sie beschreiben die gesellschaftliche Arbeit der Unsicht­bar­ma­chung jener Garantien, von deren Erhalt ihr Fortbe­stand abhängt, als garantiere just diese Arbeit ihren Bestand. Das ist, wie gese­hen, nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig. Es ist der Ver­such, einer vorüberge­hen­den — von einer sehr hohen Warte aus gese­hen: flüchti­gen, an bes­timmte Auf­bruch­ser­fahrun­gen gebun­de­nen – Moti­va­tion­slage einen fixen Weltzu­s­tand zu unter­legen, von dem manche hof­fen oder fürchten, dass er gnädig – oder ungnädig – vor­beige­hen werde. So repro­duzieren sich Irra­tional­is­men. Dage­gen kön­nte eine neue Aufmerk­samkeit gegenüber der Mode – der immer auf­schlussre­ichen Klei­der­mode wie dem vollen Spek­trum wech­sel­nder Ver­satzstücke, Kon­sumgesten, Attitü­den, Sprachregelun­gen, dom­i­nan­ten The­o­rien, Auf­bruchs– und Abgrund­phan­tasien, inner­halb dessen sich regelt, was ger­ade geht und was nicht geht – Bewe­gungsarten ent­decken, die sich weniger dem ›Alles geht‹ ver­danken als dem unerträglichen Selb­st­wider­spruch der Gesellschaft, das Ende von etwas zu sein und weiter existierend sich entwer­fen zu müssen.

Diese Pointe sollte sich nie­mand ent­ge­hen lassen: die Refor­mge­sellschaft, die dem Indi­viduum mit dem Pathos der Exis­tenz auf und davon gegan­gen ist, lebt von der Gut­gläu­bigkeit des Indi­vidu­ums, dem sie vorhält, was sie mit ihm vorhätte, wenn es denn auf es ankäme, was nicht der Fall ist, da das, was es sein kön­nte, in täglicher Abstim­mung auf sie über­tra­gen wird. Sie hat keine Kul­tur, sie muss sie ablehnen, weil sie das, was in ihr als Bil­dungs­geschichte und per­son­aler Rück­halt angelegt ist, umzuset­zen, gesellschaftliche Wirk­lichkeit wer­den zu lassen gewillt ist, und fällt ihr unabläs­sig anheim, weil sie ihrem Per­sonal keine andere Wahl lässt als die der Pointe, die sich, wie bekannt, erst dann ganz erschließt, wenn es gegan­gen ist. Das kön­nte auf einen Über­gang deuten: nahe den Katarak­ten wächst die Unruhe, während die Bere­itschaft – oder Fähigkeit – zur Empörung abnimmt.

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