Der Hunger nach Identität ist der zweitgrößte.

1

Clandestino stand am Ufer des trägen Flusses und blickte hinüber aufs Land No-Ku-La.

»Was erwartet mich dort drüben? Wird etwas darunter sein, was ich hier noch nicht kannte?«

So dachte er, neben anderem mehr.

Es erwarteten ihn aber

– ein dürres Weiblein,

– eine Spinne beiderlei Geschlechts und

– ein großes Huhn, das aus einem Topfe zu picken versuchte, den das dürre Weiblein auf dem Rücken hinter sich herschleppte.

Unruhig lief Clandestino, dem die Gene seiner Vorgestrigen den Blick in die Zukunft verwehrten, am Ufer des trägen Flusses hin und her, her und hin, hin und her.

Nach und nach bemächtigte sich seiner die große Stille.

»Das ist die Stille der Kaha, die eintritt, wenn der Mond über die Ufer tritt und die Felder des mächtigen Fleißes bewässert. Das geschieht nur, wenn viele einer Meinung sind, was nicht oft vorkommt und meist nichts Gutes bedeutet, es sei denn, die große Kaha weilt unter ihnen. Dann aber ist es ein göttliches Zeichen und es bedeutet: Die Zeit ist reif.«

Reif wofür? Er betrachtete die Zeichen. Die Zeichen schwiegen, nicht anders als er, der gern geredet hätte.

Er wusste aber nicht, wen er hätte ansprechen sollen.

 

2

Sie schwiegen noch immer.

Ein Stein traf Clandestinos Rücken und gleich darauf ein zweiter.

Ein dritter zerkratzte seinen Fußknöchel und brachte ihn zu Fall.

Da wurde ihm bewusst, dass er unter die Räuber gefallen war.

Er sah sich um, fand aber nur einen.

Der kam ihm sattsam bekannt vor.

Clandestino wunderte sich.

Vermeinte zu träumen.

»Rapolter! Du? Welch Irrwitz kam über dich? Geschah dir irgendein Unrecht, das über Nacht zum Räuber dich umschuf? Dich veranlasst, deinen Uhul zu plündern am Ufer des reißenden Flusses? Da du doch viel bequemer sein Haus hättest plündern können? Wo blieb dein Räbäh? Erkennt denn dein Ustur nicht, dass es gerade zu dieser Stunde auffallend leer steht?«

Doch auch Rapolter war nicht aufs Maul gefallen.

»Nichts erkennt mein Ustur weiter als einen Häbäh, einen Unterdrücker und Sohn eines Unterdrückers. Habt ihr nicht unser Land gedemütigt? Habt ihr uns nicht die Würde genommen? Gebt ihr uns nicht die schmutzigsten Jobs und die schlechtesten Löhne? Sind eure Gesichter nicht verhärtet? Ist eure Rede nicht brutal? Sind eure Gedanken nicht schmutzig? Jahre und Jahrzehnte sind vergangen, in denen ich an nichts anderes denken konnte als daran, meine Wunde und die meiner Mähnä an dir und deinesgleichen zu rächen. Die Zeit ist reif und ich mähe, wie meine Vorgestrigen es mich gelehrt haben.«

»Deine Vorgestrigen haben dich gelehrt, mich mit Steinen zu bewerfen?«

Aus dem Staube wiedererstand Clandestino, gerade noch schmerzgekrümmt, und staunte zu Rapolter hinauf. Er war nämlich anderthalb Köpfe größer.

Jahrhunderte hatten beide gelehrt, den Kopf schief zu halten.

Es war ein Gebot.

Wirke nie herablassend, wenn du dich mit einem Kurzlebigen zu einem Gespräch über Bäume herbeilässt.

 

3

Rapolter, unfähig, den Kopf zu bewegen, ohne dass es ihm Schmerzen verursachte (er hatte vor Jahren ein Schädeltrauma erlitten und sich standhaft geweigert, einen Arzt zu konsultieren), entblößte die Zähne und hob den nächsten Stein.

»Sprich nicht über meine Vorgestrigen! Sprich niemals über meine Vorgestrigen, du Sohn einer … naja, lassen wir das. Kreiste ein Tropfen ihres Blutes in deinen Adern, so wüsstest du, dass deine Zeit abgelaufen ist und der reißende Fluss sich deiner Glieder bemächtigen wird, ehe der Ugur den Schnupuul berührt und das Abba sich meldet, denn seine Ankunft ist uns verkündet seit altersher.«

»Wunderlich, dich so reden zu hören.«

Aus weiter Ferne hörte sich Clandestino so reden. Das Sprechen wurde ihm schwer wie ein Sack Kartoffeln vor dem Pawalterfest, zu dem alle auf dem Schnoppkut zusammenkommen, um den Zackab zu begehen.

»Ich wusste ja gar nicht, wie sehr es dich bewegt, einer der ihren zu sein. Ehrlich gesagt, habe ich dich für meinesgleichen gehalten und meine Grütze weigert sich jetzt noch, die Botschaft deiner Worte zu vernehmen, während ich dich noch in eben der Gestalt vor mir sehe wie letzthin, da wir am Zaun standen und die Lerche uns ein Abendlied flötete.«

»Das war nicht die Lerche«, höhnte Rapolter, der von einem Fuß auf den anderen stieg und dabei den Stein senkte und hob, als beschäftige ihn das Ergehen seiner Muskulatur mehr als das seines Gegenüber.

 

4

Es war aber die dreizehnte Stunde des Huba.

Rapolter musste sich entscheiden.

Alle bisher gesprochenenen Sätze hatte er heimlich einstudiert – im Schlafzimmer vor dem Spiegel seiner Frau. Er hätte sie auch im Schlaf aufsagen können, wäre er einer Sibala begegnet oder einem Ermlu.

Clandestinos letzte Bemerkung hatte ihn aus dem Konzept gebracht.

Am liebsten hätte er losgeplärrt: »Wer bist du, der du den Lauf meiner Schritte hemmst und eine Amsel nicht von einer Lerche unterscheiden kannst? Welche Mammalone hat sich deiner erbarmt, als du zwischen Kurikeln und Kot das Licht deiner erbärmlichen Welt erblicktest und nicht wusstest, wo links und wo rechts ist und wo der Schreiner das Loch gelassen hat, damit du verschwinden kannst, wann immer mir der Sinn danach steht?«

Doch so rasch fielen ihm all diese Worte nicht ein. Als sie sich endlich einstellten, tipp-tapp, eins nach dem anderen, geschah es so langsam und schwerfällig, dass er sich schämte, sie über die Lippen treten zu lassen. Denn seine Erregung hatte den Siedepunkt noch nicht erreicht, an dem sie und ihresgleichen aus ihm herausströmten wie die Zummeln beim ersten Strumpuk.

Stattdessen fasste er sich an den Schädel und begann zu wimmern.

Clandestino, verwirrt von soviel Schicksal am Nachmittag, hob ihn auf wie eine Feder, setzte ihn, nachdem er den Staub fortgeblasen hatte, auf einen Feldstein und betrachtete seine Pupillen. Er konnte aber nichts darin sehen als einen Staubfaden, eine winzige Portion Krötendreck und eine Dschamba. Er hatte noch nie in seinem Leben eine Dschamba gesehen und betrachtete sie voller Sorgfalt.

»Was erblickst du in meinem Auge?« stammelte Rapolter besorgt. »Ist es die Zukunft?«

»Nein. Eher die Vergangenheit und auch die nur bruchstückhaft.«

Und Clandestino hob den Finger, um sich Stille zu erbitten.

 

5

Die Dschamba hatte ihn mittlerweile entdeckt und musterte ihn vorwurfsvoll.

»Wie konntest du es zulassen«, schien sie sagen zu wollen, »dass dieser Trottel mich wie seinen Augapfel hütet, so dass ich bisher noch keine Gelegenheit gefunden habe, ihm zu entwischen?« Fast schien es Clandestino, als wolle sie sich ereifern. »Nicht doch, meine Schöne, wir kennen uns noch kaum und du stellst schon Ansprüche? Das kann ich nicht zulassen. Rapolter mag ein alter Ganove sein, aber ein Zuhälter ist er nicht. Du bist eine freie Dschamba, so frei, wie Alala dich schuf, damals, als sie am Hexentisch stand und die Lieder unserer Jugend sang. Denn wisse, ich bin ein Verehrer Alalas, der Göttlichen. Sie hat mir manche Stunde meiner Jugend entwendet und später die Anzahlung auf meine Altersversorgung, aber im Großen und Ganzen sind wir quitt.«

 

6

Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, warfen

– das dürre Weiblein,

– die Spinne beiderlei Geschlechts und

– das große Huhn sorgenvolle Blicke hinaus auf die Flut. Der reißende Strom der Zeit näherte sich in Windeseile den Stromschnellen von Rapur, hinter denen der mächtige Wasserfall lauert, dem nichts Lebendiges entgeht, und von Hinkeputze, dessen Ankunft ihnen für heute verkündet war, war weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen näherte sich ihnen…

– aber das ist eine weitere Geschichte, deren Ankunft sich noch verzögert, denn soeben (»Was ist so’eben?« fragt die Kleine mit Kulleraugen im Halbtraum und schlingt die Ärmchen um Großmutters Hals) brach im Lande No-Ku-La eine Revolution aus: eine Revolution insofern, als Revolutionen in No-Ku-La gemeinhin nicht ausbrachen, weil sie von der Verfassung nicht vorgesehen und von der Mehrzahl seiner Bewohner nicht gebilligt wurden, die man deshalb im Planetensystem als die No-Revolutionairs zu bezeichnen pflegte.

 

7

Woran erkennt man einen No-Revolutionair? Man erkennt ihn von weitem. Im Näherkommen verschwindet das Bild und macht einem Menschen Platz, einem Menschen wie du und ich. Denn die No-Revolutionairs sind Menschen. Jedenfalls hat man sich im Planetensystem auf diese Bezeichnung geeinigt. Die einzigen, die damit fremdeln, sind die No-Revolutionairs selbst. Sie nennen sich Apophysiker, es sind aber auch andere Bezeichnungen im Umlauf. Der erste Apophysiker im Leben eines schwarzen Schwans entscheidet, wie man zu sagen pflegt, über sein Schicksal: da er kein weiteres hat, muss er es annehmen, so oder so.

Angenommen … der Mensch, der gerade ins Bild schneit – von links nach rechts, das gehört zur Aufnahme –, gerade dieser Mensch wäre vom Schicksal auserkoren, heute Schicksal zu spielen – er wäre es, denn noch ist nicht sicher, ob er es auch ist –, so wäre es bedeutsam zu erfahren, ob es sich bei ihm um einen Apophysiker ersten, zweiten oder dritten Grades handelte.

Warum?

Weil nur Apophysiker ersten und zweiten Grades Zugang zum Schicksal, Apophysiker zu sein, besitzen, während Apophysiker dritten Grades wohl mit dem Schicksal hadern, es aber nicht in die eigene Hand nehmen dürfen. Es bleibt ihnen daher nichts anderes übrig, als die Welt davon zu überzeugen, dass sie ihr Schicksal kennen und damit umzugehen wissen.

Die Welt schätzt ihre Überzeugungsarbeit.

Ansonsten gehen sie ihr auf den Sack.

 

8

»Siehst du«, spottete die Dschamba, »mich kannst du nicht fassen. Hast du es je versucht? Hast du ein einziges Mal in deinem versifften Privatleben versucht, meiner habhaft zu werden? Natürlich nicht. Ich kenne dich, dich und deinesgleichen. Wart ihr nicht drei? Ich kannte euch schon, als ihr noch Skat im Leid eurer Mammalone spieltet, die nicht Weibs genug war, euch aus der Hütte ihres Begehrens hinauszuwerfen, stattdessen euch aufzog, als vagabundierten nicht genug euresgleichen durch die siderische Welt? Ich für meine Person habe es ihr nie verziehen. Aber ich verzeihe euch, denn, unter uns, was bleibt mir anderes übrig? Im Auge des Trottels zählt jede Patrone.«

 

9

Hinkeputze, der große Hinkeputze, wie seine Ogalunken ihn nannten, wenn er in ihrem Kreise den Ogalù tanzte und ihnen seinen Kot ins Gesicht warf, dass es nur so spritzte, Hinkeputze, der seinen Traum lebte wie kein anderer sonst im beweisbaren All (es gab noch ein weiteres, hinten im Bauch der Berechnungen, der selten geöffnet wurde), hatte ein Date, ohne zu wissen mit wem.

Das wurmte ihn, denn im Herzen gebot ihm die Schlange Higip Klarheit: Klarheit des Denkens, Klarheit des Fühlens, Klarheit des Drumrum.

Gehörte ein Date zum Drumrum? Er hätte es gern gewusst. Sonderbarerweise – alles, was ihm im Leben geschah, trug diesen Index, den S*-Index, wie er ihn bei sich nannte, den Sonderbarkeitsindex –, sonderbarerweise schwieg die Schlange Higip seit Tagen. Genauer gesagt schwieg sie seit jener Stunde, in der er ihr sein Geheimnis entdeckte und von ihr Aufschluss verlangte. »Was kommt auf mich zu? Was soll ich tun? Wie soll ich mich kleiden?«

Das waren die Fragen, die er ihr entgegenschleuderte. Higip aber schwieg.

Und es schummerten die Garambas, es katarakteten die Quadorzen, es schufteten die Katabasen. Doch keine Silbe trat über Higips schlüpfrige Zunge den Weg in die Zoralaxis an, in der Hinkeputzes Gedanken kreisten, wie er noch immer gedankenlos unterstellte, wo doch längst bewiesen war, dass sie sich spiralförmig fortbewegten oder sogar, wie radikalere Köpfe vermuteten, geschossartig.

 

10

Pourparlozzi der Radebrecher schipperte im strategarischen Goldregen den Embedemba hinauf, als ihm vom Ausguck

– ein dürres Weiblein,

– eine Spinne beiderlei Geschlechts und

– ein großes Huhn gemeldet wurden. Sogleich befahl er, das Sonnensegel zu reffen und Vorkehrungen zu treffen, um an Land zu gehen. »Was bist du doch für eine Orbitusse«, murmelte er zwischen den Fasern seines Bartes, »was gehen dich meine Mejuskeln an, während ich die Zweiser verweikere. Das wird dich böses Blut kosten, Wackertinchen, so wahr mich meine Phieben verbrasseln.« Dann rollte er seine Vebresen zusammen, steckte sie sich in die Erberinen und stukkerte an Deck.

»Hippippurra!« schmetterten

– das dürre Weiblein,

– die Spinne beiderlei Geschlechts und

– das große Huhn, das sich seine besseren Tage aus dem Topf des dürren Weibleins vergoldete. Denn es hatte sie, wie man unter Unguriten zu sagen pflegt, wenn die *innen aushäusig schlafen, durchaus gesehen.

Pourparlozzi der Radebrecher hamperte einer Wasseranbieterin, die ebenso zahl- wie gnadenreich zu ihm aufblickte, den Flaschenkorb aus der Hand, trat ihn über Bord, furzte ihr ins Gesicht und verduftete in die Kombüse.

»Hippippurra!« schmetterten

– das dürre Weiblein,

– die Spinne beiderlei Geschlechts und

– das große Huhn.

Im Hintergrund – ach der.

 

11

Banzekut I., Herrscher von Priborawien, angetan mit Burnus und Sonnenbrille, raste, eingerastert in Sirenengeheul, die Avenida Katara entlang, als ein fataler Zufall sich den Weg in sein absolut Innerstes bahnte. Sogleich schon musste er sich übergeben und starb. Die Sirenen heulten, die Bäume, welche die Avenida säumten, schossen vorbei (wen hätten sie treffen sollen an diesem heiteren Vormittag im Angesicht all der zusammengeströmten Opfer von Willkürherrschaft und Gewalt, jedes die geballte Faust in der Tasche und ein fröhliches Taschentuch in der Winke-Hand?), Banzekut I. hustete, er hustete ohne Unterlass, all seine physischen Reserven lösten sich in Husten auf, immerfort ausgehusteten und von hintenherum sich erneuernden Husten, Husten vorn und Husten hinten, Husten oben und Husten unten, Husten zu allen Seiten, er hustete gleichsam lichterloh, als…

»Nein!« schlug der Redakteur seinem Testbesten das Heft aus der Hand: »Womit willst du schneiden, wenn der Winter kommt und die Suppe im Ofen gefriert? Es ist besser, das Messer schmort in der verborgenen Gluthitze deiner Tichuwambeln und kein blinkendes Fitzelchen kommt davon ans Licht dieses Welt-Tags – denn dein ist die Welt, spricht die Blut-Motte unseres Gewerbes ––«

 

12

»Der Motto«, meldete sich ein Stimmchen aus weißer Seide und verhaspelte dabei den Kotau, »Anweisung vom intergalaktischen Feen…«

»Geschenkt. Die Kerle sollen kenntlich gemacht werden bis ins dritte Glied, das ist mir bewusst. Was mir bewusst ist, das weiß ich besser als jedes zusammengelaufene… Löschen Sie das, sind Sie wahnsinnig? Schnappen Sie Ihren Samofang und verpissen Sie … was wollen Sie noch?«

»Verzeihung, das ist nicht gemeint. Anweisung vom Intergalaktischen Feenkonvent: Das dritte Glied ist verboten.»

»Ab sofort?«

»Ab sofort.«

»Das ist doch Scheiße. Löschen Sie das. Was ist, wenn ich mein zweites Glied verliere? Gibt es dafür Ersatz? Oder ist das auch verboten?«

»Die Regierung berät die Ausgabe von Ersatzscheinen. Allgemein erwägt das Ministerium, aufs zweite Glied umzustellen. Es gilt als verlässlicher.«

»Das will ich meinen.«

»Verzeihung, das ist nicht gemeint.«

»Was dann?«

»Anweisung vom Intergalaktischen Feenkonvent: Alle Versuche, vom zweiten ins erste Glied vorzustoßen, werden ab jetzt unterbunden.«

»Dürfen wir das bringen?«

»Anweisung vom Intergalaktischen Feenkonvent: –«

»––!!«

»–›–›«

 

13

An einem Tag wie diesen…

An einem Tag wie diesem hatte Clandestino zur Welt kommen wollen. Sie kam aber zu ihm und fragte ihn, was er hier wolle.

Seither haperte es bei ihm mit der Sprache.

»Syntax ist Mist, Mist ist Syntax, Syntax ist Rubikon. Warum Rubikon? Dieser kleine teure Schuppen gleich hinter den Kolonnaden, nein, auf der linken Seite, wenn ich’s Ihnen sag, gehen Sie nicht auf die rechte Seite, da verlaufen Sie sich, halten Sie sich links, biegen Sie dreimal ab, selbstverständlich links, einmal rechts, wenn ich’s Ihnen sag, da finden Sie es: Rubikon. Im Rubikon finden Sie alles, was Freude macht.«

»Woher wissen Sie, was mir Freude macht?«

»Ooch, das weiß hier herum jeder.«

 

14

In ihren Gemächern rauschte Nd’ora, unsere mächtige Nd’ora, wie sie in der Hofsprache hieß, die Dürreprophetin unter den Wasserhaltigen, als hätte jemand vergessen, den Hahn zuzudrehen, vielleicht war er, nach all den Jahren, auch nicht mehr aufzufinden oder so eingerostet, dass jeder Versuch, ihn zu bewegen, das Gegenteil ausgelöst hätte, das ewige Fortrauschen der Nd’ora, die jetzt Banzekut I. entgegenrauschte, ein Fest der Freude, ein rauschendes Freudenfest, das jäh an der Nachricht zerbrach, dass Banzekut I. soeben, hustend am ganzen Körper, verschieden sei.

»Wieso verschieden?« bellte Nd’ora. Sie leckte gern Blut und hasste Verschiedenheit, die sie nicht bestellt hatte.

Er sah zufrieden aus, als sie einander trafen.

Sein Gesicht hatte man eilig mit Wasser benetzt, damit es so aussehen konnte, als habe Nd’oras Anblick ihn aufs neue belebt. Nur dass er es nicht für nötig befand, sich aus seiner Ruhelage zu erheben, als sie das Wort an ihn richtete, befremdete sie. Doch rechtzeitig fiel ihr wieder ein, wie hoch dieser Mann in seiner Hemisphäre gehandelt wurde und wie wichtig es für ihn sein mochte, der titanischen Bewegung seines Geistes nicht noch die seines zerbrechlichen Körpers hinzuzufügen.

An diesem Punkt ihrer Überlegungen angekommen, fing sie an zu lachen.

Banzekut I. schien zu lauschen geneigt. Jedenfalls zeigte er keine Regung des Unwillens, so dass sie im Lachen fortfuhr. Denn sie verfügte (im Gegensatz zu dem, was ihre Untertanen von ihr in den Abendnachrichten zu hören glaubten) über eine glockenhelle Stimme und hatte ganz früher Sprachballett studieren wollen, bevor die Wogen der Politik sie davontrugen. Sie lachte so, wie Banzekut I. kurz vorher gehustet hatte, von innen heraus, mit einem Schuss Koketterie im oberen Stimmbereich, dort, wo die Hustenstimme des Verblichenen nicht hingereicht hätte, so dass hier unbedingt sie das Sagen hatte, an dem ihr so viel gelegen war.

Sie hatte es wirklich, sie hielt es fest in ihrem Arm wie ein Hühnchen oder, sagen wir, wie einen Hamster im Hamsterrad.

 

15

Die Dschamba war frei und tanzte den Dschamba-Schamba. Sie schlüpfte aus ihrem Ongatanga und warf ihre Obeiras, so weit sie ausschlugen. Und sie schlugen weit. Sie aberaskierte die Wikipingas, sie schabranierte die Ubelubus und perpokatierte die Pingineras. Jedenfalls zeigte sie keine Scheu, sich permanent perkutanesk zu zeigen, wo andere abalatierten.

Derart wuchs sie binnen kurzem hinein in die Arbeit, die vor allen zu leisten sie sich geschworen hatte und die sie groß machen sollte. Clandestino, den sie nicht von der Seite ließ, fiel fast vom Stuhl, als sie ihm erklärte, sie sei jetzt so weit, vor Nd’ora, unserer mächtigen Nd’ora, den Baloo zu singen, den seit hundert Jahren niemand mehr öffentlich zu singen wagte, denn es galt als mörderisch und als eine Spezialität von *innen, die keine Lust zu arbeiten hatten, keine öffentliche Anstellung fanden und sich daher gezwungen sahen, ihre Babaluzzis zu effizieren.

»Du weißt, das Absingen von Baloos in geschlossenen Räumen ist nicht gestattet?«

»Dann singe ich eben im Freien.«

»Du weißt, dass niemand frei ist, der sich unserer mächtigen Nd’ora auf weniger als fünfhundert Meter nähert?«

»Ich weiß es und der Gedanke amüsiert mich zu sehen, wie es sein wird, wenn eine die Schranke hochzieht.«

»Willst du, dass ich mitkomme?«

»Ich will es nicht nur, ich befehle es dir.«

»Teufel auch.«

»Nein. DS.«

 

16

Der vierzehnte Stamm der No-Revolutionairs, die Babeluken (nicht zu verwechseln mit den Kaireshiten, ihren Spiegelwesen aus der hyperkondurischen Sphäre), hatte sich diesseits der großen Brücke, also auf der no-ku-laischen Seite des Embedemba, auf freiem Felde versammelt, zertrampelte den Unutzi, schüttete sich das Bier in seine Ororos, bretzelte seine Wurstikosen und hampeldustete über die Strokkopolleren, die im Gelände verstreut herumlagen und Akkadoikern die Zufahrt zublocken sollten. Denn es war vorgekommen –

 

17

… aber wozu abschweifen? Hören wir einfach hinein:

»Ein psychisch gestörter Akkadoiker, die Hände starr ums Lenkrad gekrallt, blutige Blicke auf das vor ihm liegende Menschengewühl schleudernd –(ja, er schleudert sie, als müsse er sie, wie einen lästigen Pullover, fortschleudern, um angesichts dessen, was jetzt auf ihn zurast, ganz bei sich selbst zu sein, andererseits auch ganz bei der Tat, also außer sich), ein psychisch gestörter Akkadoiker, sage ich, mit nichts weiter im Hirn als seinem beschissenen ›Auftrag, zusammengetakkert aus ein paar pabloiden Aufrufen zu, sagen wir, extramuranischem Ungehorsam im Feindesland, so ein psychisch gestörter Akkadoiker, ich sagte es bereits, ich ließ mich hinreißen, es zu erwähnen, so ein Mensch, über den wir hier in der Sendeanstalt bisher nichts in Erfahrung bringen konnten außer vielleicht, dass sein Vater nicht begreifen kann, was da abgeht, während offenbar seine Mutter gerade mit einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus eingeliefert wird, so ein Mensch also, bis dato unauffällig, jedenfalls sagt uns das KKL nichts anderes, so ein Mensch steuert gerade, was ––

Oh mein Gott, was geht da vor?«

 

18

»Sei kein Frosch«, blaffte der Köter, dem es am Allerwertesten fehlte, und ließ sich seitwärts in den vorbeiplappernden Bach plumpsen.

 

19

»Sei keine Frösch*in«, notierte sich das dürre Weiblein auf den Spiegel, auf dem es sich fertigmachte, bevor es in den Plenarsaal ging und geradewegs auf das Pult zu, hinter dem das große Huhn, die Flügel plustrig gespreizt, bereits seinen Platz eingenommen hatte. »Du machst das«, flüsterte das große Huhn und angelte sich, da das dürre Weiblein ihm den Rücken zukehrte, ein paar Körner aus seinem Topf, »du machst das ganz ganz großartig. Pass auf, deine Redezeit beginnt.«

 

20

Am Ufer des Embedemba, im Schatten einer Krchtsche, lagerte Rapolters Verwandtschaft und ließ sich einheizen.

»Die Babaluken haben keine Ehre im Leibe.«

»Wer mag schon Babaluken? Sie sind schlecht, sie haben keine Literatur.«

»Wir auch nicht, sind wir deswegen besser?«

»Was ist Literatur?«

»Bücher, in denen wir schlecht gemacht werden.«

»Hau’s wech!«

»Dieser Clandestino muss auch wech.«

»Die ganze Sippschaft muss irgendwann wech.«

»Führen sich auf, als gehörte ihnen das Land.«

»Rassistenpack.«

»Kefferen.« (Was eine Beleidigung war.)

 

21

In der bitteren Sphäre, dort, wo Hahn und Huhn auf ewig geschiedene Wege gehen, stand das dürre Weiblein am Pult und klagte an:

»Glauben Sie nicht, dass Sie mit Ihren Lügen davonkommen werden!«

»Welche Lügen?« ereiferte sich Altamira, die Abgeordnete mit dem leuchtenden Haarschopf rechts von der Mitte. »Ich war doch noch gar nicht dran.«

»Darauf muss ich nicht eingehen«, schrillte das dürre Weiblein und sammelte seine Papiere ein. Es blickte unruhig, denn es wusste nicht, wieviel Zeit ihm noch blieb.

Das große Huhn sah auf die Uhr und senkte beruhigend die Flügel.

Das dürre Weiblein straffte sich.

Ein Leuchten ging von ihr aus.

»Wir wollen Menschen vor dem sicheren Tode retten und Sie wollen sie nicht retten. So ist das.«

»Genau anders herum!«

»Sie wollen sie absaufen lassen, jawohl. Sie wollen sie absaufen lassen. Das ist eine Schande für dieses Land.«

»Sie wollen, dass dieses Land absäuft. Schande!«

»Schande!«

»Schande!«

»Schande!«

»Schande!«

»Schande!«

»Schande!«

»Schande!«

»Schande!«

Gleich hinter dem großen Huhn, an der Stirnwand des Hohen Hauses, hing der große Hahn, flach wie ein Pfannkuchen, und musterte die Versammlung. Die Krallen hielt er gesenkt, als wollte er sagen: Das können jetzt andere besser.

 

22

Pourparlozzi der Radebrecher ließ sich bewundern.

Die Spinne mit den zwei Geschlechtern gesellte sich zu ihm und zeigte ihre Kunststücke.

Sie wickelte ihn ein, schnürte ihn zu einem Paket und warf ihn in den Fluss. Es war nicht der Embedemba, aber nass war er auch. Als es Mittag schlug und die Rettungswagen anrückten, ließ sie sich an einem Seil in den Fluss hinab und holte ihn wieder herauf. Sie wickelte Pourparlozzi aus und er war trocken, als habe er nie im Wasser gelegen. Auch hatte er noch genügend Luft in der Lunge, um dreimal zu niesen. Er sagte, er habe da unten eine schöne Zeit gehabt und nun wolle er sich dafür revanchieren. Er packte die Spinne an ihren beiden Geschlechtern, warf sie in die Luft und ließ sie sicher auf seinem Rücken landen.

Das imponierte ihr und sie verlangte nach einer Wiederholung. Diesmal drehte er ihr den Rücken zu und ließ sie zu Boden plumpsen. Doch hatte sie sich im Fallen ein Seil geflochten und spuckte Pourparlozzi, als sie an seinem Gesicht vorbeisegelte, ins rechte Auge. Der Saft brannte, Pourparlozzi schäumte vor Wut und verlangte die Herausgabe eines ihrer Geschlechter, von dem er behauptete, es gehöre ihm.

»Welches verlangst du?« fragte ihn die Spinne mit den zwei Geschlechtern und stellte sich, als gehe sie auf sein Begehren ein.

Pourparlozzi trug nach jedem ihrer Geschlechter Verlangen.

Sie zog einen Leporello auf, der anschaulich eine Vielzahl von Geschlechtern beschrieb, eins verlockender als das andere, ermunterte Pourparlozzi, sich zu äußern, und seine Begierde stieg stetig. Als ihm die Zunge bis zum Boden hinunterfloss, durchstach sie sie mit einer Nadel, führte ihren Faden hindurch und zog ihn hinter sich her. Manchmal versuchte er sie zu greifen, doch sie huschte vor ihm davon, so dass Pourparlozzi nichts anderes übrigblieb, als ihr immer und überallhin zu folgen.

Überdies kriegte er das Maul nicht mehr zu.

 

23

Hinkeputze, der große Hinkeputze, wie seine Ogalunken ihn nannten, traf in der Hauptstadt ein und stellte Bedingungen. Er war jetzt überzeugt, dass nur eine einzige Person für ein Date mit ihm in Frage komme und stimmte seine Umgebung ausgiebig auf die unausweichlich bevorstehende Zusammenkunft ein.

Die Ogalunken, bekannt dafür, dass sie jeden seiner Aussprüche wörtlich nahmen und immer noch eins draufpackten, radopontierten von Kneipe zu Kneipe. Auf Schritt und Tritt wurden sie von den Agenten Nd’oras verfolgt, die über jeden seiner Schritte im Bilde war. Allerdings hatte auch Hinkeputze seine geheimen Leute vor Ort (teils mitgebracht, teils bereits vor Jahren vorsorglich installiert). So sah man oft beide Parteien, die einander noch aus den gemeinsamen Ausbildungszeiten kannten, bei einer Partie Skat oder einem Glas Roten beieinander sitzen.

»Die Weißen erkennt man am Roten und die Roten erkennt man am Weißen.« So schwatzte das müßige Hauptstadtvolk, das immer eine Pointe auf Lager zu haben glaubt.

Das beruhigte die Naiveren unter den No-Revolutionairs, weil sie glaubten, dass dort, wo das Geheime obenauf liegt, die Regel gilt: Kommt Zeit, kommt Rat.

Es stimmt aber genau andersherum.

Auch das stimmt nicht immer.

 

24

Die Zirkophanten epigenierten sich nicht schlecht, als Rapolter, die Hände stolz an den Hosengurt gelegt, mit einwärts gedrehten Daumen den langen Teppich entlangbalatourte, den die Hotelverwaltung Hinkeputze für die Zeiten spendiert hatte, zu denen er Hof hielt.

Viel hat Rapolter sich vorgenommen für diesen Tag, den Tag des Festes, den Tag der Befreiung, den Tag der Erlösung, den Tag der Tage. An diesem Tag muss er taff sein, damit die Enkelkinder die richtigen Geschichten zu hören bekommen werden von ihrem Großvatervater, der ein großer Maxe gewesen ist in der Welt der Großen und kein Klabaffe.

Hinkeputze, übel gelaunt, spielt mit dem Gedanken, die Sache hier sausen zu lassen, denn draußen, das hat er gerade per Boten erfahren, der es in Form der zerknitterten SMS aus dem Hosensack klaubte, draußen brennt’s.

Es ist richtig Feuer im Busch, die Mannschaft hat geschlossen die Identität gewechselt, sie bekennt sich jetzt zum Stamme der Fakematrosen, also seiner erbittertsten Feinde, und plündert die Whisky-Vorräte.

»Scheiß auf die Vorräte«, kritzelt er auf einen Bogen Papier, dessen Anblick sein Zakkamat, wie stets leicht gebeugt links hinter ihm stehend, in die Zentrale streamt, wo die Kerle mit den richtigen Beulen in den richtigen Hosen an den richtigen Bildschirmen sitzen, um die richtigen Entscheidungen in den richtigen Momenten richtig umzusetzen.

Hinkeputzes Geduld ist am Ende.

»Scheiß auf die Vorräte!« blafft er Rapolter an, der sich im Teppich verfängt und fast zu Boden geht. Nur sein Sinn für Devotion hält ihn aufrecht.

Rapolter ahnt die Tiefe des Satzes, der sich wie ein Blitz seiner Seele bemächtigt hat, er kennt jetzt seinen Platz in der Geschichte, bescheiden und würdevoll, er sieht den langen Zug seines stolzen Volkes von den Bergen hernieder in die Ebenen und wieder hinauf zu den Höhen und begreift.

Scheiß auf die Vorräte.

 

25

»Wenn’s aber keiner hat, wer hat es dann?«

Es quaranteten die Katurken, es parlotteten die Pribesen, es octoponierten die Schwamschlotten, mit einem kleinen Knicks im Pardon.

»Wenn’s aber keiner hat, wer hat es dann?«

Hat Nd’ora, unsere mächtige Nd’ora, den Satz gesagt? Kann sie ihn gesagt haben? Zweifellos muss sie ihn gesagt haben, denn alles, was von ihr berichtet wird, ist wahr. Nicht alles, was über sie berichtet wird, ist wahr, das ist wahr, aber alles, was aus ihrem Munde hervorgeht, trägt den Stempel einer Wahrheit, die niemals unwahr sein kann.

»Wenn’s aber keiner hat, wer hat es dann?«

Wenn Nd’ora heute im Gespräch eine Bemerkung fallen lässt wie: »Ich bin mir nicht sicher, dass ich diesen Satz gesagt habe, ich bin mir wirklich nicht sicher, ich würde ihn jedenfalls dahingehend verändern, dass ich manches, was ich gesagt habe, so heute nicht mehr wiederholen würde, obwohl ich weiterhin dazu stehe«, dann macht es klickerdieklick in den Hirnen, tooktoktoktooktoktok in den öffentlichen Gesprächsrunden und hasperdieplasper in den Klatschkolumnen der Klatschbasen von der siebenten Querschlägerfront.

So ein Satz verändert das Wesen der Republik.

Jedenfalls behaupten das Leute, die sonst gern fragen: »War’s das?« und ihren Füllfederhalter mit dem dezenten Platinhauch schließen. Auf ihren Platinen zirkulieren die Plattitüden, sie merken aber nichts davon, denn sie sind Hi-Tec und bescheren andere Sorgen.

An diesen Sorgen trägt Nd’ora, anders als ihre platinierten Platoniker, schwer. Gern wüsste sie mehr darüber. Doch es hat keinen Sinn, mit ihr darüber zu reden.

»Haben wir’s oder haben wir’s nicht?«

»Dass ist nicht so einfach zu sagen.«

»Also haben wir’s nicht?«

»In der Theorie ja, in der Praxis: nein.«

»Dann machen Sie die Praxis zur Theorie und die Theorie zur Praxis.«

»Haben wir alles versucht.«

»Raus mit der Sprache. Haben Sie sich bekleckert?«

»Wir suchen noch nach dem Leck.«

»Sagen Sie einfach, was fehlt.«

»Wir wissen es nicht.«

»Wer könnte es haben?«

»Wir wissen es nicht.«

»Wenn’s aber keiner hat, wer hat es dann?«

 

26

In jenen luziferischen Breiten, allwo das Böse wabert und zwischen den Kesseln, in denen die Unbedarften brutzeln, weil die Unaufgeregten sie wegen Aufgeregtheit ins Unglück stürzten, das üble Gespenst Pratomaso sein Unwesen treibt, in jenen Breiten fanden Hinkeputzes Agenten den Schamanesen Perma-der-Nenz. Sie agnoszierten ihn ohne Seil in einer überhängenden Wand neben einem vertrockneten Schubur, der sich beim Sturz in einem Lianenbündel verfangen hatte.

»No risk no fun«, sagte der Agent zur Linken.

Er sagte es etwas zu laut, denn aus der Höhe echote es: »No fun no risk.«

Da wussten sie, dass sie den Rechten gefunden hatten. Sie banden ihn an den Fußknöcheln, holterpolterten ihn in den Laderaum ihres Trucks und donnerten zu Tal.

»Warum?« fragte Hinkeputze ihn barsch.

»Das ist eine lange Geschichte.«

Drei Tage und drei Nächte lang redete Perma-der-Nenz sich die Seele aus dem Leib. Tagsüber traktierten sie ihn mit Kerzenschein und nachts setzten sie ihm mit Scheinwerfern zu, leuchtstark genug, ein Fußballstadion bis in den letzten Winkel hinein zu platterplurieren. Hinckeputzes Agenten standen bereit zum Waterboarding. Aber sie bekamen keine Gelegenheit, ihr Können an ihm zu erproben. Perma-der-Nenz redete in einem fort. Nickte er vor Erschöpfung ein, so genügte es, das letzte von ihm gesprochene Wort zu wiederholen und er sabberte, leichten Schaum vor dem Mund, weiter, als habe er nie geträumt.

Er sprach von einem Traum.

Der Traum, olala, hieß Nd’ora.

Ein Löffel steckte in diesem Traum. Das war er.

Vor der Tür grölten die Futomanen:

Wir lassen uns die Wörter nicht verbieten

lassmernich, lassmernich, lassmernich

 

27

Siebeier sind die besten. Draußen, unter der Zirkuskuppel, stratefunkelte der Kongress der Müden Augen. Die Müden Augen waren ein Hockeyclub, dem vor langer Zeit die Schläger ausgegangen waren. Statt neue zu besorgen, setzte man sich damals zusammen und besprach die Lage. So war die Lage noch immer.

»Ich sagte Rubikon, nicht Bubikon. Hören Sie mir überhaupt zu?«

»Dasselbe könnte ich Sie fragen. Was mich aber interessiert –:« Der Blick verriet den Physiker. Es konnte aber auch umgekehrt sein. »Wo kommt dieser Schwarm, wie Sie ihn nennen, denn her? Wer oder was hat ihn provoziert? Das erste Orbitalereignis dieses Sommers, ich bitte Sie. Mir wird ganz nass bei dem Gedanken.«

»Bleib fair, alter Schwertaal. Falscher Hals, nehme ich an. Ich möchte den Kollegen hier in jedem Punkt unterstützen. Trotzdem, in einer Sache muss ich ihm widersprechen. Sie gestatten doch, Kollege…«

»Ich gestatte gar nichts. Ich bin auch nicht Ihr Kollege. Sie wissen das.«

»Kommen Sie mir nicht mit dieser Schote. Wir sitzen jetzt seit vierzehn Jahren zusammen und reden und reden und… ja? Stellen Sie das Bier dahin. Außerdem ist es viel zu warm.«

»Wo waren wir stehengeblieben? Rubikon statt Bubikon. Ich persönlich … aber bitte … worum geht’s denn?«

»Im Rubikon findet sich alles, was Freude macht.«

»Das ist bekannt.«

»Im Rubikon tanzt die Dschamba.«

»Ist bekannt. Habe schon Karten bestellt.«

»Sie singt den Baloo.«

»Erste oder dritte Fassung? Ich meine…«

»Sie singt den Baloo.«

»Das haben wir verstanden. Kommen Sie doch einmal zur Sache, Kollege. Die Zeit ist ein kostbares Gut, sie läuft dahin und dorthin, man sollte meinen, sie zerläuft, aber das tut sie nicht, tut sie nicht. Nicht wahr? Das tut sie nicht. Was tut die Zeit? Was zum Teufel tut die Zeit? Ich frage Sie: Was tut die Zeit? Ich meine, was tut die Dschamba da?«

»Starke Frau.«

»Soso. Und das tut sie?«

 

28

An der Erlebnisfront tat die Dschamba stark. Unter allen Epheberiten der Nacht und des späteren Nachmittags, die sie nach und nach durchprobierte, gefielen die Walabamben ihr bei weitem am besten. Anders stand es um die Akklimazeuten, die Paraspadastiker und die Pullemazosen, die nachts ihre Kreise um das Rubikon bollerten. Aus irgendeinem Grund lehnte sie sie ab.

»Das Leben ist so scharf«, sagte sie, »man muss sich keine Klinge durch die Nase ziehen.«

Den größten Krach verursachten die Pullemazosen.

Vor dem Rubikon grölten die Futomanen:

Spitzen wir das Leben an,

bis es nicht mehr laufen kann

 

29

Clandestino hatte sich zurückgezogen und las ein Buch.

Das Buch hieß No-La und fesselte ihn. Die Verfasserin gehörte der No-Land-no-Border-Schwesterbruderschaft an, die im Augenblick viel von sich reden machte. Sie hatte beschlossen, den Planeten in ein Tollhaus zu perfidieren und setzte dazu verschiedene Mittel ein. Zum Beispiel aphalangierten sich ihre Aktivisten und Anhänger in zwei Kneifbacken, Flügel genannt, die einander ununterbrochen bis aufs Blut perkutierten.

Zwischendurch gingen sie einen miteinander heben.

Die einen nannten sich »Land-without-Border«, die anderen »My-Border-my-Country«.

Wo es ging, malfixierten ihre Anhänger die Umgebung. Sie fuhren auf Sattelschleppern gegeneinander vor und ließen die Bässe wummern. Sie reckten Plakate empor, auf denen alles auch andersherum einen Sinn bekam – nach dem allseits bekannten Muster:

»Falsch ist richtig, richtig ist falsch.«

»Wer Recht hat, hat Schuld.«

»Unrecht bezahlt sich selbst.«

Mütter mit Kinderwägen stakateten in das Inferno. Die Therapiestunden für die Gören blabberten in weiter Zukunft.

Hinter vorgehaltener Hand flüsterte man, an der Gelenkstelle zwischen den Kneifbacken, dort, wo sie auseinander- und wieder zusammenstreben, sitze Nd’ora, unsere mächtige Nd’ora, und spinne ihr Garn.

Clandestino schloss die Fensterläden seines gemieteten Bungalows.

Die Sommerglut war unerträglich geworden und konterfiktierte Schlagzeilen wie: »Wassersperre für Warmduscher!«

»Wir wollen unser Klima wieder haben!«

»Wer dreht an der Klimaschraube, bis wir ersticken?«

»Die Erdachse bricht – und keiner tut was!«

Welcher Trottel ließ da seine Balkontür offen?

Aus der Tür stolperte Perma-der-Nenz, gefolgt von zwei Agenten der berüchtigten Drumba, Hinkeputzes Geheimpolizei, die ihn vorwärts prügelten, bis er am Geländer stand und die Arme ausbreitete, vermutlich, um sich festzuhalten, doch so, eine Vogelskulptur der alten Inkas, mit erhobenen Armen, schienen ihn die Agenten fixieren zu wollen, denn sie riefen ihm etwas zu und er erstarrte in der Bewegung.

 

30

Wenn ein Mensch in der Bewegung erstarrt, dann gewöhnlich, weil er sich etwas davon verspricht oder weil er nicht bemerkt werden will oder weil ihm heiß ist oder weil er im nächsten Augenblick zum Killer wird. Es kann auch sein, dass er einem Befehl Folge leistet, vor allem dann, wenn er sich oder einen aus dem Kreis der Seinigen an Leib und Leben bedroht weiß. Desgleichen kann es sein, dass er jemanden ablenken oder verwirren möchte. Menschen erstarren sehr selten in der Bewegung, vor allem ohne Ankündigung und gegen alle Erwartung.

Kann sein, dass der Mensch, der in der Bewegung erstarrt, der aktivere ist.

Clandestino beschloss messerscharf, keiner dieser möglichen Hypothesen fürs erste Beachtung zu schenken und zog die Flügel ins Schloss.

Der Mensch verdaut viel.

Ein Digestif ist schon eine feine Sache.

 

31

»Wenn ich deinen A*** hätte, was würde ich damit für Kohle machen.«

»Mit Sternchen verdient man gar nichts«, entgegnete schmallippig die Dschamba und extrapunktierte eine Patarka.

Kat-o-Klaster, die Sylphide von nebenan mit dem noch unentdeckten Geschlecht, löffelte ihren tataratesken Taschbaja auf Dill-Depperding-Sauce mit diesem Schuss Origami, protubitanisch verbrämt mit einer Schopokolone di Gamba oder di Gambia, wer mag das wissen. Im Kissen der Hitze verflirrt sich manch stilvoller Bissen, Regen liegt im Trend.

Doch der Sturm, der Sturm steht noch aus.

»Die Revolution«, stichelte Kat-o-Klaster, den A*** der Dschamba keinen Augenblick aus den Augen verlusternd, »die Revolution ist ein Hitzegewitter am Rande der Legislaturperiode, definiert als Pi x Nd’ora unter Berücksichtigung des Mobilitätskoeffizienten der Bevölkerung und ihrer Arbeitszeiten. Ich will dabeisein, ach ich will dabeisein. Einmal das Maul vollnehmen und für voll genommen werden, das stelle ich mir superb vor.«

»Quatsch.«

»Beschäftige dich mal mit der Zukunft.«

»Hab keene Zeit.«

»Wenn du weggehen willst, ich komm mit.«

»Nee, lass mal.«

»Sprich nicht so ordinär. Du redest wie eine Assimilierte. Wo hast du denn das her?«

»Hertie, dritter Stock. Aber nicht weitersagen.«

»Konsequent sein.«

Die Dinge treiben aufeinander zu.

Manchmal treiben sie auch voneinander weg.

Drunten am Fluss blöken die Futomanen:

Willst du noch heute strunzen

dann her mit den Penunzen

 

32

Legen Sie die Zeitung auf den Tisch.

Kein Mensch tut so etwas heute noch, aber das ist ein Befehl.

Schlagen Sie die Zeitung auf, wählen Sie eine Doppelseite, schneiden Sie alles weg, was Sie nicht interessiert: Werbung, Kleinanzeigen, Todesanzeigen, Wetterbericht, Horoskop, Unfälle, Mode, brutale Morde, Politik, Kino, Neues aus der Wissenschaft.

Nehmen Sie, was übrigbleibt, und schneiden Sie alles weg, was auf der linken Seite, also links vom Falz steht.

Nehmen Sie, was übrigbleibt, und schneiden Sie alles weg, was auf der rechten Seite, also rechts vom Falz steht.

Das Ergebnis sollte Sie beruhigen.

Erwogen: Ode an den Falz. Verworfen.

Lies keine Oden, mein Freund, lies den Falz.

 

33

Mit einem Mal steht Nd’ora im Raum. Sie ist nicht die Schreckliche, sie ist nicht die Übergewichtige, sie ist die Federleichte mit der Glöckchenstimme, ein paar Stühle sind rasch beiseite geräumt, niemand soll Anstoß nehmen, niemand soll verbittert nach Hause gehen, weil eine unglückliche Frisur oder ein Hinterteil ihm den Ausblick versperrte. An diesem Abend im Rubikon sind alle im Bilde, alle sind glücklich, alle sind gespannt, alle sind, händchenhaltend, eine lächelnde Familie von Gleichgesinnten, Gleichgeschulten, Gleichgewichtigen, nun gut, ein, zwei Ausnahmen sind gestattet, aber der Rest – easy. Randnuss, gefüllt mit Kicherschmerzen, rezitiert das Schicksal der Arbetreiden, aber leise, drin im Mund, es könnte auch ein Kaugummi sein oder ein Drop. Diana, die Inhaberin, wunderbart vor sich hin, ihr geschmeidiger Gang durchläuft das Etablissement von vorn bis hinten und wieder zurück, so dass keiner weiß, wo er anfängt und wo er aufhört. Das wahre Wunder der Allgegenwart allerdings vollbringt Nd’ora, die, das weiß sie aus vielen Jahren, dazu keinen Fuß rühren und kein Händchen heben muss, sie tut es aber trotzdem, jedenfalls gelegentlich, einfach so, zum Zeitvertreib.

Die Dschamba singt den Baloo. Anfangs verhalten, sie weiß, was sie der Pflegekatze der Oberschicht schuldig ist, die ein Polster in der ersten Reihe belegt und aufmerksam die Runde studiert, sie singt ihn so unfassbar verhalten, dass Putzi Paronga von Stamme der Ponga die Tränen kommen, weil bei ihr alles Erinnerung wird, sofort und unerbittlich wie ein Sahnetörtchen, das zwischen Lippe und Zunge zerrinnt, doch alle wissen natürlich, dass der Baloo, einmal entfacht, auf und davongeht, auf und davon, nur wann, das weiß keiner, es sei denn die Dschamba. Und sie hält es, ihr größtes Geheimnis, fest an sich gepresst und gibt es nicht frei.

 

34

Bevor alles Baloo wird, denkt sich der steinerne Gast, Clandestino mit dem traurig entspannten Herzen, sollte ein Zwischenfall… Da springt schon die Tür auf und herein drängen die auf rechts gewendeten Spartakaster der Einheitsfront, denen Hinkeputze die Macht im Staate verdankt, allerdings nicht in diesem (wo liegt der Unterschied, scheint sich der eine oder andere im Raum zu fragen), ihnen folgen die Appretisten, die Schervögte und Zackappisten, also bereits höheres, grimmig dreinblickendes Volk, dann die Tamtamisten und Solubristen, die Sideristen und Extragalvanisten, die Ubiquisiter und Tartaronten, leicht erkennbar an ihren ernst-gesammelten Mienen, auf denen ein Lächeln spielt, dann…

Nd’ora, unsere mächtige Nd’ora, eingehüllt in den verwunschenen Baloo, aber doch wachen Sinnes, jeder Gefahr aus der Kulisse gewärtig, hat sich noch nicht entschieden:

Soll sie sitzenbleiben und Hinkeputze, der gleich erscheinen muss, als stumme, aber freundliche Platzanweiserin das Placet geben, sich neben ihr niederzulassen, oder soll sie ihm entgegenschreiten, eine zweite Kleopatra, zu beiden Seiten ihre unauffällig im Raum verteilte Jung*engarde sammelnd und an sich ziehend, und damit aller Welt zu erkennen geben, dass es doch Wichtigeres gibt als den Baloo, den unvergleichlichen Baloo, dem nichts Menschliches fremd ist und dem keine subsiderische Seele widerstehen kann, selbst wenn er durch Gift und Aufruhr zu neuen Ordnungen treibt?

Das, denkt Clandestino, ist hier die Frage. Vielmehr: er denkt es nicht, der Raum brütet die Frage aus, der Baloo selbst scheint sie hervorzutreiben, sie steht, ein weißer Elefant, zwischen den Gästen, die sich zunehmend von den schiebenden und drängenden Ankömmlingen umzingelt sehen und auf Abhilfe zu sinnen beginnen: Wo sind die Notausgänge?

Sind sie noch erreichbar?

 

35

Die Dschamba singt den Baloo. Sie weiß, was sie der Anwesenheit Nd’oras schuldet und schöpft aus ihr eine Kraft, die tieferen Quellen entspringt als die Kraft der Vergeltung für erlittenes Herzeleid oder verjährte Sklavendienste, auch wenn der Herr der Sklav*innen gleich in der Tür stehen wird.

Nd’ora beobachtet, wie die Dschamba sich singend verzehrt. Staunend sieht sie zu, wie sie schrumpft und bereits auf Gnomgröße agiert.

Sie sollte jetzt aufstehen und die Szene beenden.

Aber es geht nicht.

Noch steht Hinkeputze aus.

Unter den ersten Schranzen breitet sich Ratlosigkeit aus. Ein zuckendes Auge, ein versteckter Griff nach der Waffe oder dem Programmheft, ein misstrauischer Blick auf die zuckende Tänzerin mit der überschlagenden Stimme: Was geht hier vor? Was geht mich das an?

Jetzt nicht in den abgezocktesten aller Fehler verfallen, denkt Clandestino. Auch ihn berührt der Baloo. Mehr allerdings berührt ihn das Schicksal der Dschamba, die bald wieder jene Korngröße annehmen wird, die sie besaß, als sie einander fanden. Wo mag der Grobschmied Rapolter stecken? Dumme Frage. Rapolter steckt da, wo man ihn braucht. Hinkeputze dagegen… Wer braucht Hinkeputze? Hinkeputze ist da, wo er die Massen vermutet. Aber er ist nicht da, wo ihn die Massen vermuten.

 

36

»Es ist nicht die Demut, die zählt, sondern das Verlangen«, doziert Hinkeputze, den Arm um die Hüfte der feschen Lola gelegt. Sie lächelt nur eine Spur zu intensiv, weil ihr sein Mundgeruch auf die Nerven geht. Andererseits: Welch ein Mann! Gleich daneben wetzt Lollobrizita ihr Gebein an einem Frontmann der ersten Stunde, der sich oben behaglich den Met einflößen lässt, der ihn unten verlässt, ein paar Schritte weiter lacht sich die Monruine, die große Monruine persönlich, das Seelchen aus den Kurvungen ihres geschmeidigen Leibes, während Madonna und Kontramadonna, von der herrlichen Zecchinella und der unvergleichlichen Wurlizza ans Abrakadabra gedrängt und zur Truppenbetreuung abkommandiert, die Anstrengungen eines langen Jahrhunderts am liebsten mit einer Mütze Schlaf dekorieren würden. Nichts da! Wenn Hinkeputze in die Hände klatscht, fliegt das Strickzeug ins Eck und die Erregung ist da.

Es ist nicht die ganz große Erregung. Es ist aber die größte, die der Zirkus zu bieten hat, mit einem Schuss Staatsreligion obendrauf. Hinkeputze legt Wert darauf, immer und überall seriös aufzutreten, seine Stimmbänder liefern den Sound, er braucht den Baloo nicht, ihm genügt der älteste Gassenhauer –

Proliferánza,
Proliferánza –

um obenauf zu liegen, und die Lola, die fesche Lola, liegt ihm am nächsten, das liegt an den Gliedmaßen. Gern würde er einmal eine Rede über Lolas Gliedmaßen halten, eine Ansprache an sein Volk, es würde ihm, darin ist er sich sicher, auch in dieser Sache stürmischen Beifall zollen. Aber die Weltpresse, nein, sie lässt es nicht zu.

Lässt es einfach nicht zu.

Obwohl –

 

37

Hokopatisten sind Antistambianer mit einem Hang zur Flatulenz. Zwei von ihnen begegneten Pourparlozzi und der Spinne mit den vielen Geschlechtern im Morgengrauen unter den Brücken. Pourparlozzi, mit seinem Schicksal versöhnt, trug ein Halsband, das entfernt an jene Rosetten aus bemaltem Weißblech erinnerte, wie sie in einem anderen Jahrhundert den Eintritt der Ofenrohre in den Kamin dekorierten. Er beherrschte jetzt die Kunst, sich zügig auf allen Vieren zu bewegen, und permaskierte hinter der Spinne her, dass es eine Lust war. Ein paar Meter weiter entdeckten sie Vito, den Etruskologen mit der sanften Stimme, die zu jeder Grabinschrift passte, ohne Hosen, allerdings mit durchschnittener Kehle.

»Wieso Vito«, fragte Hokopatist I, den sie auch den Zweitligisten nannten, weil er… Muss man eigentlich alles erklären?

»Nein, keineswegs.«

 

38

Gleich schlendern sie weiter, Hokopatist I und Hokopatist II, händchenhaltend, es graut noch immer, der Morgen naht wie eh und je, die Brücken überspannen den Fluss, weil sie einfach nicht wegkommen, die Stadt hüllt sich in Geräusche, die kein Ich und kein Du zu unterscheiden vermag. In der Ferne rauschen die Stromschnellen von Rapur, hinter denen der große Wasserfall lauert. Aber es steckt mehr dahinter, nicht alles dreht sich ums Wasser.

Ein knuspriges Häuschen in einem zuckrigen Südchen unter klitzekleinen Sternelein, die so flitzerig blinkern:

So stellen sich Hokopatist I und Hokopatist II ihre Zukunft vor.

Wer wollte sie denn daran hindern?

 

erschienen als:

Clandestino (Acta Litterarum)

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