Monika Estermann: Bücher

©Monika Estermann 2020

 

Es ist… Was ist? Es ist nicht leicht, zu drängeln, zu schieben, zu drücken, auf Schultern zu klopfen, wie es sich auf dem Bauernmarkt nun einmal gehört, oder der Nachbarin, weil sie sich heimlich vorgedrängt hat, ein unfreundliches Wort ins Ohr zu zischen – es ist nicht leicht, sage ich, wenn alle Besucher die vorgeschriebenen eineinhalb Meter Abstand halten müssen, und das in alle Richtungen gegen jedermann. Man stelle sich das nur einmal vor! Niemand weiß, wie so etwas gehen soll. Der Mensch ist kein Kreisel, er ist auch kein Quadrat, das sich wie in einem Schiebespiel hin und herdrücken lässt. Der Mensch ist ein hochbewegliches Wesen auf zwei Beinen, der erstaunlichsten Wendungen und Windungen fähig, von den Möglichkeiten der Beschleunigung und Verlangsamung bis zum abrupten Stehenbleiben einmal ganz abgesehen. Und er kommt selten allein! Emotionen lenken seine Schritte, Verdichtungen ziehen ihn an, Gesichtswahrnehmungen aller Art – ein Zucken, ein Blinzeln, ein Schmollmund – verändern seinen Kurs auf weite Entfernungen hin und sorgen dafür, dass jeder einzelne für sich, auch wenn er sich für die Gerade entscheidet, eine Schlängellinie hinlegt. Wenn dann die Frühkartoffeln und die Gemüseauslagen dazukommen, wenn Erdbeeren und Spargel­bündel winken, wenn Käuferschlangen die Begehrlichkeit wecken, dann, ja dann…

Der Bauernmarkt, so betrachtet: ein Experiment. Ein Experiment, sage ich, aber kein gewöhnliches. Auf dem Bauernmarkt entscheidet sich das Schicksal der Welt. Da lachen Sie lustlos, klopfen mir auf die Schulter, als hätte ich einen abgestandenen Witz gemacht und sollte es nun gut sein lassen. Ich aber stehe vor Ihnen, breitbeinig, den Kopf eingezogen, und fühle das Unglückliche meiner Rolle; viel würde ich darum geben, in eine andere schlüpfen und den Zampano geben zu können. Wie gesagt, nichts würde ich lieber tun, aber die Dinge stehen nun einmal so und ich muss Ihnen reinen Wein einschenken, selbst wenn Sie mich dafür aus Ihrer Gesellschaft verstoßen sollten, an der mir so unendlich viel liegt, dass ich im Prinzip zu allen Narrenspossen bereit wäre.

Dabei habe ich schon übertrieben – nicht viel, im Wesentlichen liege ich richtig, doch wenn Sie unter der Welt zum Beispiel das Weltall verstehen, die Milchstraße oder auch nur das Artengewimmel auf unserem Planeten, den sie den blauen nennen, dann, ja dann … unerheblich ist des Menschen Existenz, das liegt am Zufall seiner Geburt und, weiter, an den Zufällen, die über sein Wohl und Wehe entscheiden, bis der Zufall eines unendlich banalen Todes ihn aus der Mitte der Seinen holt, das heißt aus der Mitte derer, die noch ein bisschen länger der Zufallsspur folgen, bis auch diese… Da werden Sie doch gleich melancholisch, zücken Ihre Taschentücher und beginnen sich zu schneuzen: Nicht hier, ich bitte Sie, gleich neben dem Bauernmarkt, auf offener Straße –! Sehen Sie nicht das Polizeiaufgebot gleich nebenan, diese strammen Leiber in ihren schneidigen Uniformen – was denken Sie, warum die dort stehen, unbeweglich, eine Kette des Schweigens und der Erwartung, doch keiner passiven, nein, keiner passiven.

Die Welt, sie steht ja noch, dieweil wir hier plaudern und uns die Zeit verrinnt, gleich nebenan, im Rinnstein oder der Gosse, wie man früher dazu sagte, da rinnt sie hin, man fragt sich, ob die Kanalisation der großen Stadt, die vordergründig ganz andere Stürme überstanden hat, sie wird aufnehmen können, so stürzt sie, so rauscht sie … dahin, wie ich schon sagte, bitte lassen Sie mich von etwas anderem reden, ich bin ohnehin schon nervös genug. Und nicht nur ich: Schauen Sie sich um, schauen Sie die Besucher an, schauen Sie! Besucher, so nennt man sie doch, das hört sich so an, als würden sie hier etwas suchen, das bloß auf sie gewartet hat, um sich zu offerieren, dieses ganze Angebots-drum-und-dran, das auf die Nachfrage wartet wie der ausgedörrte Buchsbaum auf den erlösenden Strahl aus der Gießkanne, das netzende Nass. All diese Besucher nun mit ihren Tüchlein, die züchtig Mund und Nase bedecken, sie gehen ja nicht, sie schieben und drängeln nicht, sie klopfen sich nicht auf die Schultern, sie blicken starr geradeaus und wer ihre Blicke zurückverfolgte bis dorthin, wo sie, noch ganz gedankenverloren und doch bereits konzentriert auf das Wesentliche, entstehen, der sähe in ihnen ein Maßband glitzern und auf seiner Skala die fatalen eineinhalb Meter, die zu bewältigen sie sich heute, an diesem feuchten, die Tüchlein im Handumdrehen tränkenden Mittwochmorgen vorgenommen haben, so wie mancher sich vornimmt, den Weg zum Verfassungsgericht anzutreten, um einen Termin wahrzunehmen, den man nur einmal wahrnimmt, der niemals in diesem Leben wiederkehren wird…

Genug geschwätzt. Was Sie hier sehen, sind Figuren auf einem Schachbrett, unter der Illusion stehend, sie bewegten sich, dem überwältigenden Gesetz von Angebot und Nachfrage folgend, aus eigenem Antrieb, und wirklich sind ihre Bewegungen ziemlich echt, wenngleich all diesen Menschen schon bewusst ist, dass eine gewaltige Faust sie hierhin und dorthin lenkt. Gespielt wird um hohe Einsätze, die höchsten überhaupt, wie Insider zu wissen glauben, es geht um Wohl und Wehe, um Gedeihen und Tod Vieler, vielleicht Aller, das ist mehr, als das All der Astrophysiker gemeinhin zu bieten hat, es geht um Macht und Ohnmacht, um viel Macht, um sehr viel Macht, um alles, was lachen und weinen macht, denn auch das ist … Macht, was sonst, vielleicht die höchste überhaupt. Vom Reichtum rede ich nicht, davon verstehen andere mehr, sollen sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, ich wünsche ihnen ein langes, geruhsames Fortkommen.

Begreifen Sie, was hier gespielt wird? Dort drüben tut sich etwas, die Polizisten spritzen hinein in die Menge, sie gehen mit Stöcken dazwischen, wo immer Menschen beisammenstehen, sie notieren jede Distanzunterschreitung und werfen den Delinquenten, gleich ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, zu Boden, um ihn zu fesseln und abzuführen, nachdem er sich, noch benommen und wie trunken wirkend, wieder zur anfänglichen Größe aufgerichtet hat. Die Polizisten, sie wissen genau, was sie tun, ihre Gesichter wirken gerötet vom Ernst ihrer Aufgabe und ihre Augen … schauen Sie ihnen nicht in die Augen, das könnte Folgen haben, Folgen für Sie und andere, denn, wie soll ich es sagen, in diesen Augen leuchtet das Feuer derer, die entschlossen sind, die Welt – sagte ich Welt? – bis zum letzten Atemzug vor sich selbst zu bewahren. Sie glauben mir nicht? Sie wollen nicht glauben, was sich vor Ihren Augen abspielt? Glauben Sie mir, ich würde es selbst nicht glauben, käme es hier aufs Glauben an, was aber nicht der Fall ist. Nein, nicht der Glaube rettet die Welt, deshalb bleiben in dieser überaus ernsten Zeit auch die Gotteshäuser geschlossen. Gerettet wird sie durch jene anderthalb Meter, genauer gesagt – um endlich zum Kern der Geschichte vorzustoßen –, vom Geschick dieser Marktbesucher, immer und überall, während ihrer unendlichen Drehungen und Wendungen, ihres scheinbar planlosen, in Wahrheit von komplizierten Selektionsmechanismen getriebenen Vorwärts und Rückwärts, ihres Schlangestehens, Auswählens und Bezahlens, von der Auffüllung ihrer mitgebrachten Jutetaschen ganz abgesehen, zu niemandem hin die anderthalb Meter zu unterschreiten und dadurch die Weltkatastrophe heraufzubeschwören, den großen Kladderadatsch.

Ja, liebe Genossinnen und Genossen, wir haben uns den großen Kladderadatsch ganz anders vorgestellt. Insgeheim, ganz im Geheimen haben wir sogar gehofft, er würde uns und unseren Nachfolgern erspart bleiben. Woher die Zuversicht? So, anderthalb Meter vom Untergang entfernt, der doch so oder so eintreten wird, erkennen wir mit äußerster Klarheit, worauf es ankommt: Entweder es gelingt den Mächtigen, die Menschheit vor ihrem biologischen Sein zu bewahren, oder … nichts wird es aus der großen Umkehr, der Rückholung unserer Flotten aus den Tiefen des Universums, der Errichtung einer neuen chinesischen Mauer, dem paradiesischen Zugewinn an freier Zeit im Zeichen der Harmonie, und wir werden alle sterben, früher oder später, jeder zu seiner oder einer anderen Zeit. Sehen Sie, diese ›Besucher‹, wie ich sie gerade noch nannte – recht betrachtet handelt es sich um Besucher von einem anderen Stern, jedenfalls haben sich welche unter sie gemischt und einzelne von ihnen in Besitz genommen, keiner weiß, welche, es sei denn, die Götter in Weiß, die im Prinzip alles wissen, aber augenblicklich mit ihrem Wissen nicht nachkommen. Wenn also … wie gesagt, es ist eine Theorie, die empirische Basis ist nach wie vor dünn, aber sie verfestigt sich von Tag zu Tag – wenn also gelingt, was hier gelingen soll, wenn also … unterbrechen Sie mich nicht, Sie! … wenn also auf diesem Markt, zu dieser Stunde, die Kette des Unheils…

*

Nein, ich habe es, an diesem diesigen, einsamen Vormittag inmitten eines Trubels, der keiner war, inmitten von Geschäften, die keine waren, umringt von Ordnungshütern, die einer auch ihnen bis dahin unbekannten Ordnung dritten Grades Geltung verschafften, soweit ihr starker Arm und ihre Ratlosigkeit dies vermochten, nicht geschafft, die Herrschaften zu überzeugen. Ein blasierter Zug ging durch ihre Körper, sie strafften sich unter den Mänteln, als müssten sie gleich davonfliegen oder irgendeinem anderen natürlichen Bedürfnis nachgeben. Währenddessen blickten sie auf ihre Uhren und versicherten mir, diese seien nach einem Fahrplan gestellt, den sie unbedingt einhalten müssten, was hier ablaufe, erinnere sie lebhaft an frühere Bubenstreiche des Systems – sie verschwiegen mir vornehm, was sie unter letzterem verstanden, als verstünde es sich von selbst –, obwohl sie zugeben müssten, dass es sich diesmal um eine ganz ausgemachte Sch** zu handeln scheine, doch man müsse nun einmal nicht in jede Sch** treten, und wenn doch, dann sei es (im Großen und Ganzen) vernünftig, zumindest die Abstandsregeln einzuhalten, die ohnehin das Leben in der Zivilisation von anderen Stufen des gattungsgeschichtlichen Miteinanders unterschieden, um die Distanzlosigkeit des submikroskopischen Gewimmels erst gar nicht zu erwähnen … sie gaben noch mancherlei von sich, womit sie sich mehr und mehr von den ganz unparadiesisch um ihr Leben, ihre Gesundheit und ihr Auskommen fürchtenden Bauern und ihrer Kundschaft entfernten, bis sie zur Gänze verblassten und aus meinem, zugegeben, zu diesem Zeitpunkt nicht sehr aufgeräumten Gesichtskreis verschwanden.

 

erschienen als:

Die Sterbequote vom Bauernmarkt (Acta litterarum)

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