12.

Was ist das: eine Realität im Werden? So lautete die Frage in allen Ländern, in denen der Auszug aus dem real existierenden Sozialismus die Gegenwart der anderen zur eigenen Zukunft stilisierte: eine Welt also, die sich selbst Zukunft nur nach dem Maß ihrer Wandlungsfähigkeit zuspricht. Abgesehen von dem vielleicht kleinlichen Bedenken, dass es neben dem erfolgreichen Kapitalismus auch den erfolglosen gibt, und dem nie ganz auszuräumenden Verdacht, beide könnten auf eine untergründige Weise zusammenhän­gen, abgesehen also von der Frage nach dem politi­schen, ökonomischen und sozialen Erfolg des not­wendig gewordenen Exodus bleibt die andere nach der Zwischen-​­ oder Schemenwelt selbst. Nach einer Welt also, die, bevölkert von den Lemuren des Übergangs, der Phantasie nur dazu dient, die erhoffte neue Realität zu gebären, sich als Humus für die künftige Erfolgs­story zu verbrauchen. Nicht die vorausgegangene, schon Lichtjahre entfernte – diese Welt wird bleiben, weil sie vergeht. Sie wird bleiben, indem sie vergeht, ein Reservoir subkutaner Zuckungen, welche die Epoche prägen werden; künftiger Obsessionen. Sie wird der kommenden Gesellschaft die Züge eines Ver­sagens einzeichnen, das unausbleiblich ist, weil der künftige Erfolg selbst es enthält. Von ihm zu sprechen wird billig sein, solange nicht davon die Rede ist, dass an seinem Anfang – wie an dem eines jeden Versagens – eine Versagung stand. Die versagte oder verweigerte Realität, unscharf dort, wo die biblische Metapher der ›Rückkehr‹ nach Europa nostalgische Dunstschleier über die Szene legt, scharf und transparent dort, wo der nicht umsonst so genannte Vollzug der Einheit, die Verschmelzung zweier Frontstaaten am Ende des Kalten Krieges mit dem realistischen Zweck, gleiche Lebensbedingungen herzustellen, das überschießende Motiv einer Einheit mit hervortreibt, in der die einsti­gen Parteigänger einander ein ›offenes‹ oder freies Weltverhältnis attestieren. Diese Einheit ist ein seltsames Ding.

13.

Nicht die Politik hat darüber entschieden, was die Deutschen füreinander sind und geraume Zeit bleiben werden, sondern der Augenblick. Genauer: jener Blick, den sie in den Tagen der Grenzüberflutung aufeinander warfen. Der unvermeidbare, nicht zurückholbare Blick zweier Kollektiv-​Wesen, noch unverschleiert und unverwandelt durch eine alsbald den Mund versiegelnde Diskretion. Dieser Blick hat sich eingesenkt. Er prägt die unvermeidlichen Lern­-​und Anpassungs-​Prozesse auf beiden Seiten. Und er bestimmt, wenn nicht das Ziel, so doch die Fortbewegungsart auf der Reise ins Ungewisse. Er definiert, was auf dem Weg in die Zukunft möglich und unmöglich sein wird. Die Erfahrung muss es zeigen: sehr wohl, denn der Gang der Realität wird die Auslegung dessen sein, was dieser Blick aufnahm. Das aber heißt: Das intendierte freie Weltverhältnis findet seine Grenze an der Stelle, an der eine Grenze verschwand, und es sind keineswegs die aus dem Verlust des Alten erwachsenen Phantomschmerzen – wie die schnell gezimmerte Phrase von der ›Mauer in den Köpfen‹ suggerieren sollte –, die ihre Annullierung vereiteln.

14.

Ein freies Weltverhältnis – was ist das? Die Frage pro­voziert die Gegenfrage: Was wäre ein unfreies Welt­verhältnis? Die Antwort darauf kann nicht zweifelhaft sein. Angenommen, die Aufgabe, vor die sich die gegenwärtige deutsche Gesellschaft gestellt sieht – und mit ihr in gewisser Weise alle Gesellschaften, die durch den Ost­-​West-​­Konflikt dominiert wurden –, sei der Aufbruch aus einem unfreien in ein freies Welt­ verhältnis, so zeigt sich das erstere in der einge­schränkten Souveränität des Blicks auf die jeweils andere Seite und in der verminderten Urteilsfähigkeit, die unmittelbar daraus folgt. Die Beispiele liegen bereit. Und reicht nicht der plötzliche Übergang von der eingeschränkten zur vollen Souveränität des Blicks als Faktum vollkommen hin, um das rauschhafte Empfinden der ersten Wochen und Monate nach dem Zurückweichen des Grenzregimes, dieses kollektive Erhobensein an Haupt und Gliedern und die mit ihm einhergehende sprachlose Sprechbereitschaft der ›Betroffenen‹ beiderseits der Grenze zu erläutern? Wer wäre nicht betroffen gewesen.

Doch in dieser Bestimmung lauern bereits alle Dä­monen des Übergangs, der sich nach und nach als Übergang ohne Ende enthüllte. Denn die unendlich konkrete Spontaneität des freien, durch den Einsturz der Regeln freigestellten Blicks war mit Sprachlosig­keit geschlagen – dem deutlichen Mal einer unauflös­baren Abstraktheit. Keineswegs maßen sich da diesel­ben Blicke am jeweils anderen und aneinander. Was sie aber in jeder Rede voraussetzten, war eine Un­unterschiedenheit der Wahrnehmung, angesichts derer alle eingeübten Unterscheidungen zerronnen schienen und für den Moment wirklich zerronnen waren.

15.

Wohl selten hat sich soviel kollektiver Artikulations­drang mit so wenigen gestanzten Sätzen begnügt wie die ›deutsch­deutschen‹ Annäherungen der ersten Stunde. Spürbar herrschte Mangel an Parolen, die der Indifferenz der Wahrnehmung genügten – wenn man den obligaten Ausruf »Wahnsinn« einmal beiseiteließ. Jeder Versuch, über sie hinauszugehen, war dazu angetan, die Vergangenheit zurückzubringen und das Einvernehmen so folgenlos zu beeinträchtigen wie der Flug einer Fledermaus einen strahlend schönen Son­nentag. Dass der andere aus Erfahrungen kam, die ihn zu einem andersartigen Wesen machten, zum An­gehörigen eines fremden ›Stammes‹, dies lag so offen vor Augen, dass darüber reden nur heißen konnte, ihn zu beleidigen. Es war das, was sich von selbst verstand. Was man als ebenso selbstverständlich voraussetzte, war die Fähigkeit des anderen, über seine Grenzen hinauszugehen und sich im Fluidum der jeweils eigenen Wahrnehmung zu bewegen: zu sehen, was ist. Die Überschätzung der Elastizität der Person und, damit einhergehend, die Verblendung der Nation gegenüber ihrem Charakter, waren das Gebot des Tages.

16.

»Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.« »Die Mauer in den Köpfen muss weg.« – Mit diesen beiden Sentenzen bemächtigte die westdeutsch geprägte Poli­tik sich des Innenlebens des revolutionären Subjekts. Sie bilden die Henkel des Korbes, in dem stöbern muss, wer über das mentale Schicksal der Revolution im Einigungsprozess Aufschluss erhalten möchte.

Dass der rasch aufbrechende Vereinigungskritizis­mus, diese Blüte der unwahren Empfindung, die Brandtsche Gewächshaus­-​Metapher alsbald als Huldi­gung – horribile dictu – an einen objektivistischen und nationalistischen Geschichtsaberglauben anzuschwär­zen versuchte, besaß den Charme des gewollten Miss­verstehens. Zu offensichtlich bezeichnete sie die Art von ökonomischer, sozialer und kultureller Verflech­tung, die, nach eingeschliffener publizistischer Sprach­regelung, dafür sorgt, dass ›Europa‹ oder ›die Welt‹ jahraus jahrein ohne Unterlass ›zusammenwachsen‹. Ein programmatisches Minimum also, das geeignet war, in dieser historischen Stunde eine wahrhaft magnetische Wirkung zu entfalten – wahrscheinlich, weil es die ohnehin vorhandene Emotion weltbürger­lich überzuckerte und kommende Schwierigkeiten entschlossen ins zweite Glied schob.

Unverblümt lautete die Botschaft, die politische Form der Einigung sei nur ein technisches Problem, das die Spezialisten des Status quo unter sich zu be­wältigen hätten. Der Zug der Zeit, durch die spontane und unbeirrbare Solidarität der Bevölkerungen unter Dampf gehalten, werde schon dafür sorgen, dass die Techniker der Macht in die richtige Richtung gedrängt werden würden. Die zivilisatorische Richtung auf die eine Menschheit – ein Prozess, unumkehrbar, unauf­haltsam, allenfalls an Krisenpunkten zu verlangsamen – werde also künftig auch die Nation mitnehmen, die bislang durch ein doppeltes Sonderschicksal die Teilung der Welt und die Vorläufigkeit aller Schritte zu ihrer Überwindung symbolisierte. Die Gegenwart im Bewusstsein gewinnen: So hätte die Losung heißen können, wenn sich die Formulierung angesichts des zu erwartenden Kopfschüttelns derer, die ohnehin nur in der Gegenwart zu Hause zu sein pflegen, nicht von selbst verboten hätte.

Diese Gegenwart aber, das sollte sich rasch zeigen, setzte dem unitaristischen Zug zur ›einvernehmlichen Regelung aller Belange‹ eine entschiedene Tendenz zur Sonderung, zur Herausarbeitung der Differenzen – alter wie neuer – entgegen. Die Verblüffung darüber, verbunden mit dem administrativen Bedürfnis, zu dif­famieren, was sich da unvermutet in den Weg stellte, erfand die ›Mauer in den Köpfen‹ und forderte dazu auf, sich ihrer doch ebenso spielerisch wie der anderen Mauer zu entledigen – umsonst, wie wir wissen.

17.

Fällt es wirklich so schwer, zu begreifen, dass vermut­lich niemand, der in der DDR bis zum Ende und über das Ende hinaus gelebt hat, mit Ausnahme der ganz Jungen und der ganz Alten, aus ihr herausgetreten ist und aus ihr nur heraustreten konnte ohne ein leises Gefühl des Verrats – woran? Am Sozialismus, am sozialistischen Vaterland, an was auch immer. Wie sollte es anders sein? Darf man die Spuren gering­ schätzen, die dieser deutsche Gesinnungsstaat in den Seelen seiner Untertanen hinterließ? Doch da auch dieses Mal nicht sein kann, was nicht sein darf, ver­spricht gerade hier das vorerst bestgehütete Geheimnis des neuen Gemeinwesens seinen Platz zu nehmen.

Nicht die Gesinnung hielt den Verrat vor, sondern ein allgemeiner sozialpsychologischer Mechanismus. Verrat, an was auch immer: Wesentlich daran blieb das elementare Gefühl des Verraten­, des Sichvergangenhabens. Wodurch? Durch Nichtstun, durch Gewährenlassen, vielleicht sogar – bei einigen Bürgerrechtlern – durch den kleinen Anschub, den man der Wirklichkeit gab, die sich dann Bahn brach, ohne lange nach den Motiven von Hinz oder Kunz zu fragen. Sie blendete den einzelnen, weil sie die klei­nere, vertrautere, die ewig gestrige Realität verzehrte, ohne sich groß vor der individuellen Lebensgeschichte zu legitimieren. Eines waren die Wurzeln dieses Mementos, ein anderes seine Wirkungen. Sie fanden sich überall: im Lebensgefühl, in der Lebensäußerung, im Alltagsverhalten und in der Krise.

18.

Wie immer gab es zwei Arten, mit ihm umzugehen. Einmal die des ›Renegaten‹, der den begangenen Verrat immer wieder rechtfertigen musste – durch sein Tun, durch seine Art zu denken, durch die Art, sei­ nesgleichen zu betrachten: als zu Enttarnende. Er war der Warner, der seine neuen Freunde – schließlich waren sie naiv – zur Wachsamkeit aufrütteln musste vor dem, was er über seinesgleichen wusste – schließ­lich kannte er sie von innen – und was ihn sie auch tatsächlich fürchten ließ. Nicht etwa, weil er die Lage realistisch einschätzte, sondern weil er nicht begreifen konnte, dass sie geradeso vereinzelt waren wie er selbst. Für ihn bildeten sie eine verschworene Gemein­schaft, aus der er ausgebrochen war. Irgendwann, wer weiß, würden ihn ihre Sanktionen treffen. Warum? Weil sie ihn treffen könnten, wenn… wenn es die von ihm instinktiv unterstellte Verschwörung wirklich gäbe. Und gab es sie nicht? War dies nicht ein gewalt­tätiges Land? Und war die Bürokratie nicht geblieben, was sie schon immer gewesen war: undurchsichtig? Was knackte in der Leitung, wenn sie nicht gerade tot war? Wieso übrigens tot? Wer garantiert denn, dass niemand meine Briefe liest? Sind sie mit einem Mal so uninteressant? So der im Westen von Anfang an ge­schätzte und geringgeschätzte Typus, der Mitmacher.

Schwerer zu beschreiben ist der andere Typus. Jede Beschreibung übertreibt notwendig. Am nächsten kommt ihm die Vorstellung eines verschwiegenen Ordens – so verschwiegen, dass er sich ausschließlich in der isolierten Psyche der ihm ergebenen Subjekte organisierte. Die Ordensregel hieß Treue. Sie galt nichts Bestimmtem, sondern den harmlosen und weni­ger harmlosen Dingen, die den einzelnen mit dem untergegangenen Staat verbanden. Im nachhinein ver­banden: Zu Zeiten der DDR hatten die meisten keinen Anlass für dergleichen gesehen, und die reale Treue­forderung dieses Staates hatte für sie stets etwas uneingestanden Obszönes besessen. Das Bestehende verächtlich finden – nicht sehr tief, im Grunde ohne Überzeugung: Diese Disposition brachten sie in die neuen Verhältnisse mit. Wann immer im Gespräch das Wort ›Verachtung‹ fiel, war Aufmerksamkeit geboten. ›Den Westen‹ oder ›das Neue‹ verächtlich finden: das war’s.

Vermöge solcher Mechanismen verkaufte sich der realsozialistische Staat teurer, als er es jemals auf dem Verhandlungswege hätte tun können. Der DDR die Treue halten: Dies entwertete die eigene Existenz bis in die Gegenwart hinein und über sie hinaus und ließ das eigene Leben doch so unendlich kostbar aufblit­zen, weil es damit eine Innenseite bekam, unangreifbar durch das, was dem einzelnen geschah und was über­haupt geschieht. Diese Unangreifbarkeit ging dem Westmenschen naturgemäß ab. Das machte ihn zu einem scheinbar ganz und gar äußerlichen Wesen, verächtlich eben. Der Westmensch bemerkte die Ge­nugtuung, die in dieser Einschätzung lag, er verstand sie nicht ganz und gönnte sie dem anderen – nicht ohne Kopfschütteln, doch wer mochte da rechten. Et semper idem: das steigerte sich aneinander.

19.

Die öffentliche Stasi­-​Jagd legte den Angstgrund bloß, in dem sich beide Haltungen Ost entfalteten und gegeneinander inszenierten. Angesichts unermesslicher Märchen fiel es dem Außenstehenden gelegentlich schwer, sich zu erinnern, dass dies alles kein Märchen sei. Ruhenlassen oder aufarbeiten: Welche Haltung der einzelne einzunehmen sich nötigte, stets fielen die Gegenargumente hinreichend ins Gewicht, um ihn ins Unrecht zu setzen. Was für die einen ein intellektuelles Spiel war, wurde für die anderen zum Ausdruck realer Zerrissenheit.

20.

Der Templer fürchtete den Renegaten in sich, der Re­negat den Templer. Die Gründe waren zwiespältig. Einerseits materiell: Die Wucht des Anpralls der dop­pelten Emotion zeigte jedem die Gefahr, die von denen ausging, in denen sie gleichfalls wütete. Andererseits symbolisch: Auf welche Seite man sich auch schlug oder schon geschlagen hatte, man spürte, wie rasch die mühsam behauptete oder gewonnene Identität zerstie­ben konnte.

Es kam also darauf an, Verbündete zu gewinnen. Der Templer suchte sie auf seiten der Öffentlichkeit oder der Intelligenz, der Renegat auf seiten der Büro­kratie und der Wirtschaft. Beide jagten nach einer Gewissheit, die ihnen keiner geben konnte, nämlich der, zu stehen und nicht zu fallen. Der Wunsch, kein Dossier zu haben oder es – zumindest – in die Hand zu bekommen, entsprach dem vergeblichen Verlangen, den symbolischen Kampf ein für allemal entschieden zu sehen und dadurch Luft zum Atmen zu bekommen. Sie blieb knapp.

21.

Im neuen Staat war diese Mentalität besser aufgeho­ben, als es die Sorge um die politische Reputation auszusprechen gebot. Denn auch der Westen hielt sich bedeckt, wenn er seinen eingefleischten Unglauben an das halb bürokratisch, halb verlegen so genannte ›Bei­trittsgebiet‹ und seine Bewohner einmal mit ökonomi­schen, einmal mit weltbürgerlichen Gesinnungen drapierte. Man kommt seinen Motiven näher, lässt man die westlichen Kommentare zum Verlauf der ›fried­lichen Revolution‹ von 1989 noch einmal Revue passieren. Zwar dürfte zu den damaligen Ereignissen alles gesagt worden sein, was aus der Berufsper­spektive bundesdeutscher Journalisten und Zeithistori­ker gesagt werden konnte. Doch in der Öffentlichkeit verdichteten sich rasch einige wenige Auslegungen zur allgemeinen Überzeugung, die das Geschehene inzwi­schen fast bis zur Unkenntlichkeit verdeckt.

Zu ihnen gehört die Legende von der ›abgetrie­benen‹ Revolution. Ihr Haupt­ und Prunkstück ist der Parolenwechsel auf den Leipziger Montagsdemon­strationen von »Wir sind das Volk« zu »Wir sind ein Volk«. Mit ihm, so wird unterstellt, sei die Sache der Bürgerrechtler verraten und der Liquidation der DDR, ihrer Auslieferung an das ›System‹ der Bundesrepublik und den Ehrgeiz der Bonner Politikerkaste der Boden bereitet worden. In dieser Überzeugung flossen die Enttäuschung der Bürgerrechtler, die einer besseren DDR den Weg zu bereiten gedachten, die letzten Zuc­kungen des staatssozialistischen Macht­ und Mei­nungsmonopols – »faschistische Schlägerbanden mar­schieren« – und allerlei wohlmeinende Affekte der westdeutschen Zivilgesellschaft zwanglos zusammen. Müßig zu erwähnen, dass auch eine rechte Auslegung mit dieser Lesart gut zurechtkommt. Dass eine andere, zivile und sogar liberale Lesart denkbar und plausibel gewesen wäre, eine, in der sich der politisch bewusste Teil der DDR-​­Bevölkerung nicht um seine Revolution hätte betrogen fühlen müssen, stand sichtlich keinen Augenblick zur öffentlichen Diskussion.

Wie mochte eine solche Lesart aussehen? Sehen wir zu. Die erste Parole lebt von der Zweideutigkeit. Sie nimmt eine offizielle Sprachregelung auf und wendet sie gegen das Regime: Wir sind das Volk. Offenbar handelt es sich um ein marxistisches Lehrstück der pfiffigeren Art: Das revolutionäre Subjekt, das sich da konstituiert, ist dem Revolutions-​Bilderbuch der Partei entsprungen und möchte nicht mehr zurück. Das ist die Revolution. Ein Verwirrspiel: Was will dieses Volk, das von sich behauptet, das Volk zu sein, und damit einem Revolutionsmythos die Ehre gibt, gegen dessen späte Resultate es geradewegs angeht?

Die zweite Parole bereitet der Zweideutigkeit ein Ende. In ihr gibt sich der Wille des revolutionären Subjekts einen entschiedenen Inhalt. Mit der Annahme dieses Inhalts aber verwirft es unwiderruflich die Vorgaben der Partei. Es verlangt nicht weniger, aber auch nicht mehr als die Abschaffung des sozia­listischen Vaterlandes, das Ende des marxistischen Experimentsauf deutschem Boden. Das revolutionäre Subjekt reicht den Mythos der Revolution an seine Urheber zurück und erklärt die eigene Sonderrolle vor der Geschichte für beendet. An die Stelle des revolu­tionären Mythos tritt der Mythos der Normalität. Wir sind es leid, die Versuchskaninchen der Geschichte zu spielen. Wir haben die gleichen Bedürfnisse wie die Leute im Westen – also lasst uns leben wie sie. Hier bereits den ›Anschluss‹ herauszuhören, gehörte zu den polemischen Übungen notorischer Übersprecher. Proklamiert wurde das Ende eines Ausschlusses, der in der Erfindung der sozialistischen Nation programmati­schen Ausdruck gefunden hatte.

Man begreift, was die Annahme dieser Lesart im Westen vereitelte. Auf der Skala der gängigen politi­schen Begriffe rangiert der des revolutionären Subjekts in unmittelbarer Nachbarschaft eines ungeteilt zu denkenden Menschheitsinteresses. Im allgemeinen reicht es, sich den revolutionären Volkswillen so vorzustellen, als sei er in und durch sich beseelt und genüge sich selbst. Ein bestimmtes Ziel schadet da eher, als dass es nützt. Das ist auf die revolutionäre Situation gemünzt; sobald sie vergeht, wird man wei­tersehen. Zu guter Letzt entscheidet sich das Schicksal einer Revolution, sofern sie nicht ins Fahrwasser mörderischer Radikalismen gerät, an der Frage, welche der von der aufgeklärten Publizistik am Tisch der Geschichte zugelassenen Fraktionen die entscheiden­ den Punkte macht und damit das Spiel für sich gewinnt. Keinesfalls aber darf die neu oder wieder zu gewinnende Nation das revolutionäre Interesse okku­pieren – das ist neunzehntes Jahrhundert, bürgerlich, das hatten wir schon.

22.

So dachte, so denkt die politische Öffentlichkeit West­deutschlands noch immer. Deshalb war für sie das Spiel zu Ende, als kragenlose Proleten, ›Rowdies‹ nach einer Sprachregelung des Stasi­-​Staates, die bei der Gelegenheit den Weg ins westdeutsche Polit­Idiom fand, mit jenem »Wir sind ein Volk« der ›spontanen‹ Volksbewegung ihre definitive Richtung gaben. Vom demonstrierenden Volk war in den Medien hinfort nicht mehr die Rede. Jeder sortierte seine Schäfchen und bezichtigte nebenher die Konkurrenzpartei, mit den Wölfen zu heulen. Der Witz, der sofort die Runde machte und doch nur die Betonung änderte: »Wir sind ein Volk«, brachte die elektronisch bebilderte Wahr­nehmung prägnant zum Ausdruck: Der Ossi war ge­boren, und die Massen, die sich alsbald, von einem alten Mann im Osten Berlins mit Verbalinjurien bedacht, durch die Kaufhäuser des Westens wälzten, glichen aufs Haar dem grauen Heer der in ruhmloser Schlacht Geschlagenen, die von nun an die Folgen ihres ehrlosen Tuns zu erdulden haben würden.

23.

Staat und Gesellschaft Westdeutschlands haben sich an der Frage der deutschen Einheit auf eine unvorhersehbare Weise auseinandergelebt. Ohne Zweifel werden sie wieder zusammenfinden. Doch vorderhand sieht sich die Gesellschaft einem Staat gegenüber, den sie nur noch teilweise als den ihren erkennt. Dieser Staat hat in einer historischen Situation gehandelt, ohne lange nach den Bedürfnissen seiner Bürger zu fragen. Der Liebesentzug schmerzt noch immer. Dem Bürger stand der Sinn nach Palaver, nicht nach Handeln; bis heute kann er nicht erkennen, was daran falsch gewesen sein soll. Während der Staat die Losung vom einen Volk unverzüglich als Offerte begriff, die überraschend eine im Grundgesetz vorbedachte Situation herbeiführte und nur durch eine dem dort festgeschriebenen ›Auftrag‹ entsprechende Politik korrekt beantwortet werden konnte, nahm die Gesellschaft das Einschneidende dieser Politik vorwiegend als Verletzung fremder und eigener Interessen zur Kenntnis. Der Staat – so die westdeutsche Sicht – weitete seine Handlungsräume aus. Das war ein ungebührlicher Vorgang, der den gesellschaftlichen Lernprozess der letzten dreißig Jahre zu Makulatur werden zu lassen drohte.

›Anschluss‹, ›DM-​­Imperialismus‹ – der kritische Gebrauch solcher analogieträchtiger Vokabeln musste sofort absurd erscheinen und tat es auch. Sie erfreuten sich einer trotzigen Beliebtheit, weil sie das staatliche Muskelspiel dem schaudernden Publikum ins Genre des historischen Horrorfilms übersetzten. Sie rückten ein Dilemma ins Bild, das darin bestand, dass man die eigene Regierung zwar verdächtigen, ihr aber nicht viel vorwerfen konnte, es sei denn, man schob ihr sinnloserweise die Verantwortung für den Weltlauf zu, in dem ein Großreich auseinanderfiel und seine zer­sprengten Glieder sich vor den Trümmern der gemein­samen Vergangenheit in Sicherheit zu bringen ver­suchten. Die Lösung dieses Dilemmas hieß: Der Staat wird an den Folgeaufgaben scheitern, die er sich durch sein Handeln auflädt. Er wird eine Wüste enttäuschter Hoffnungen hinterlassen. Das war vollkommen richtig gedacht, vorausgesetzt, die Gesellschaft begriff das staatliche Handeln als das einer projektiven Okkupati­onsmacht, deren ›Maßnahmen‹ von den unterworfenen Subjekten kühl als Ausfluss mangelnder Effizienz und steigender Hilflosigkeit taxiert werden würden. Politik, als Zoo begriffen: Die politische Klasse, gegen ein geringes, an jedem Kiosk zu entrichtendes Eintrittsgeld zu besichtigen, geriet zur beklemmenden Lachnummer, weil sie so menschenähnlich agierte, ohne zu bemerken, dass ihr das Entscheidende fehlte, das überlegene Gehirn des distanzierten Betrachters.

24.

Einmal angenommen, die damals vielgescholtene ›kleine Lösung‹, der Beitritt der östlichen Länder zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes, sei nicht nur aus parteistrategischen Erwägungen, sondern aus einer richtigen Einschätzung der beteilig­ten und zu gewärtigenden Kräfte hervorgegangen, dann hätte sich an ihr nicht, wie stets unterstellt, die Stärke, sondern eine Schwäche des westdeutschen Staates gezeigt: zwar nicht gegenüber den ostdeut­schen Verhandlungspartnern – wie hätte sie sollen –, wohl aber gegenüber der eigenen Gesellschaft.

Denn der Verzicht auf den symbolischen Teil der Vereinigung – Wahl einer verfassunggebenden Ver­sammlung, Aufhebung beider Teilstaaten durch die Annahme einer gemeinsam erarbeiteten Konstitution – wog und wiegt noch immer schwer. Rechtfertigen ließ er sich nur, wenn der andere Weg nach realistischem Kalkül zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Zum Scheitern? Allerdings. Dann aber wäre die Vereini­gung auf ›kaltem‹, sprich, nur legalem Wege von den westlichen Akteuren der Macht aus dem Bewusstsein betrieben worden, dass der politisch urteilsbildende Teil der Gesellschaft, die sie vertraten, den Gegenstand ihres Handelns – die ›Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands in Freiheit‹ – als illegitim ansah. Außenpolitische Erwägungen mochten im Spiel sein. Doch dies war eine zu ernste Entscheidung mit unüberschaubaren Folgen, um ausschließlich durch an der aktuellen Konstellation maßnehmende Opportunitätsgedanken bestimmt zu werden.

Man muss hier sorgfältig ›Gegenstand‹ und ›Ziel‹ auseinanderhalten. Lange Zeit galt die Wiedervereini­gung im Westen als eine Sache ›aller Deutschen‹, die am besten im Urteil jedes einzelnen aufgehoben war und aufgehoben bleiben sollte. Ob sie noch als Ziel der Bonner Politik gelten durfte oder längst stillschwei­gend kassiert worden war und welche Folgen sich daraus ergaben, ob sie durch historische Schuld als ›verspielt‹ zu gelten habe, darüber ließ sich trefflich und ergebnislos streiten. Jeder Gedanke, den man dar­auf verwendete, war von vornherein verloren. Aber er wärmte das Gemüt.

Sie zum Gegenstand aktuellen staatlichen Handelns zu machen hieß demnach, die Zuständigkeit der Ge­sellschaft für beendet zu erklären. Die Regierung ›zog die Frage der deutschen Einheit an sich‹ – ein kurioser, aber ins Schwarze treffender Vorwurf. Die Schwäche der ostdeutschen und die Stärke der westdeutschen Gesellschaft entpuppten sich gleichermaßen als Garanten für die angebliche ›Roheit‹ resp. ›Gefühllosigkeit‹ der Bonner Politik auf dem Wege nach Berlin. Voka­beln, die den Eindruck hervorriefen, Regierungs­handeln sei allenfalls geeignet, Angst und Entsetzen bei denen hervorzurufen, die sich sogleich zur Ge­meinde der Geschädigten formierten, auch wenn das Geschehene ihnen satte Gewinne in die Taschen spülte.

25.

Was ist ein freies Weltverhältnis? Es stellt sich her oder nicht – im individuellen wie im kollektiven Bereich. Es bedeutet, die Gegenwart als meine Ge­genwart zu begreifen. Die Chancen dazu sinken für den, dem es nicht gelingt, das eigene Haus in Ordnung zu halten. Die Übersetzung ins demokratische Idiom kann nicht schwerfallen. Der wiedererstandene Drang der Deutschen, Hoffnungen vornehmlich als ent­täuschte zu goutieren und der Enttäuschung das Bild der Gegenwart abzuverlangen, verwahrt die Rechnun­gen, statt sie zu begleichen. Ein freies Weltverhältnis? Selbst wenn sie es besäßen, würden sie es nicht merken. Darin zumindest gleichen sie aufs Haar den Bewohnern jener Republik ohne Republikaner, die als Opfer einer sich selbst verschlingenden Staatshysterie in die Geschichte der Monstrositäten dieses Jahrhun­derts einging. Ein Satyrspiel? Hüten wir uns, es so zu sehen.