12.

Was ist das: eine Real­ität im Wer­den? So lautete die Frage in allen Län­dern, in denen der Auszug aus dem real existieren­den Sozial­is­mus die Gegen­wart der anderen zur eige­nen Zukunft stil­isierte: eine Welt also, die sich selbst Zukunft nur nach dem Maß ihrer Wand­lungs­fähigkeit zus­pricht. Abge­se­hen von dem vielle­icht klein­lichen Bedenken, dass es neben dem erfol­gre­ichen Kap­i­tal­is­mus auch den erfol­glosen gibt, und dem nie ganz auszuräu­menden Ver­dacht, beide kön­nten auf eine unter­gründige Weise zusammenhän­gen, abge­se­hen also von der Frage nach dem politi­schen, ökonomis­chen und sozialen Erfolg des not­wendig gewor­de­nen Exo­dus bleibt die andere nach der Zwischen-​­ oder Schemen­welt selbst. Nach einer Welt also, die, bevölk­ert von den Lemuren des Über­gangs, der Phan­tasie nur dazu dient, die erhoffte neue Real­ität zu gebären, sich als Humus für die kün­ftige Erfolgs­story zu ver­brauchen. Nicht die voraus­ge­gan­gene, schon Licht­jahre ent­fer­nte – diese Welt wird bleiben, weil sie vergeht. Sie wird bleiben, indem sie vergeht, ein Reser­voir sub­ku­taner Zuck­un­gen, welche die Epoche prä­gen wer­den; kün­ftiger Obses­sio­nen. Sie wird der kom­menden Gesellschaft die Züge eines Ver­sagens einze­ich­nen, das unaus­bleib­lich ist, weil der kün­ftige Erfolg selbst es enthält. Von ihm zu sprechen wird bil­lig sein, solange nicht davon die Rede ist, dass an seinem Anfang – wie an dem eines jeden Ver­sagens – eine Ver­sa­gung stand. Die ver­sagte oder ver­weigerte Real­ität, unscharf dort, wo die bib­lis­che Meta­pher der ›Rück­kehr‹ nach Europa nos­tal­gis­che Dun­stschleier über die Szene legt, scharf und trans­par­ent dort, wo der nicht umsonst so genan­nte Vol­lzug der Ein­heit, die Ver­schmelzung zweier Frontstaaten am Ende des Kalten Krieges mit dem real­is­tis­chen Zweck, gle­iche Lebens­be­din­gun­gen herzustellen, das über­schießende Motiv einer Ein­heit mit her­vortreibt, in der die einsti­gen Parteigänger einan­der ein ›offenes‹ oder freies Weltver­hält­nis attestieren. Diese Ein­heit ist ein selt­sames Ding.

13.

Nicht die Poli­tik hat darüber entsch­ieden, was die Deutschen füreinan­der sind und ger­aume Zeit bleiben wer­den, son­dern der Augen­blick. Genauer: jener Blick, den sie in den Tagen der Gren­züber­flu­tung aufeinan­der war­fen. Der unver­mei­d­bare, nicht zurück­hol­bare Blick zweier Kollektiv-​Wesen, noch unver­schleiert und unver­wan­delt durch eine als­bald den Mund ver­siegel­nde Diskre­tion. Dieser Blick hat sich einge­senkt. Er prägt die unver­mei­dlichen Lern­-​und Anpassungs-​Prozesse auf bei­den Seiten. Und er bes­timmt, wenn nicht das Ziel, so doch die Fort­be­we­gungsart auf der Reise ins Ungewisse. Er definiert, was auf dem Weg in die Zukunft möglich und unmöglich sein wird. Die Erfahrung muss es zeigen: sehr wohl, denn der Gang der Real­ität wird die Ausle­gung dessen sein, was dieser Blick auf­nahm. Das aber heißt: Das intendierte freie Weltver­hält­nis findet seine Grenze an der Stelle, an der eine Grenze ver­schwand, und es sind keineswegs die aus dem Ver­lust des Alten erwach­se­nen Phan­tom­schmerzen – wie die schnell gez­im­merte Phrase von der ›Mauer in den Köpfen‹ sug­gerieren sollte –, die ihre Annul­lierung vereiteln.

14.

Ein freies Weltver­hält­nis – was ist das? Die Frage pro­voziert die Gegen­frage: Was wäre ein unfreies Welt­verhältnis? Die Antwort darauf kann nicht zweifel­haft sein. Angenom­men, die Auf­gabe, vor die sich die gegen­wär­tige deutsche Gesellschaft gestellt sieht – und mit ihr in gewisser Weise alle Gesellschaften, die durch den Ost­-​West-​­Konflikt dominiert wur­den –, sei der Auf­bruch aus einem unfreien in ein freies Welt­ ver­hält­nis, so zeigt sich das erstere in der einge­schränkten Sou­veränität des Blicks auf die jew­eils andere Seite und in der ver­min­derten Urteils­fähigkeit, die unmit­tel­bar daraus folgt. Die Beispiele liegen bereit. Und reicht nicht der plöt­zliche Über­gang von der eingeschränk­ten zur vollen Sou­veränität des Blicks als Fak­tum vol­lkom­men hin, um das rauschhafte Empfinden der ersten Wochen und Monate nach dem Zurück­we­ichen des Gren­zregimes, dieses kollek­tive Erhoben­sein an Haupt und Gliedern und die mit ihm ein­herge­hende sprachlose Sprech­bere­itschaft der ›Betrof­fe­nen‹ bei­der­seits der Grenze zu erläutern? Wer wäre nicht betrof­fen gewesen.

Doch in dieser Bes­tim­mung lauern bere­its alle Dä­monen des Über­gangs, der sich nach und nach als Über­gang ohne Ende enthüllte. Denn die unendlich konkrete Spon­taneität des freien, durch den Ein­sturz der Regeln freigestell­ten Blicks war mit Sprachlosig­keit geschla­gen – dem deut­lichen Mal einer unauflös­baren Abstrak­theit. Keineswegs maßen sich da diesel­ben Blicke am jew­eils anderen und aneinan­der. Was sie aber in jeder Rede voraus­set­zten, war eine Un­unterschiedenheit der Wahrnehmung, angesichts derer alle eingeübten Unter­schei­dun­gen zer­ronnen schienen und für den Moment wirk­lich zer­ronnen waren.

15.

Wohl sel­ten hat sich soviel kollek­tiver Artikulations­drang mit so weni­gen ges­tanzten Sätzen beg­nügt wie die ›deutsch­deutschen‹ Annäherun­gen der ersten Stunde. Spür­bar herrschte Man­gel an Parolen, die der Indif­ferenz der Wahrnehmung genügten – wenn man den oblig­aten Aus­ruf »Wahnsinn« ein­mal bei­seit­eließ. Jeder Ver­such, über sie hin­auszuge­hen, war dazu ange­tan, die Ver­gan­gen­heit zurück­zubrin­gen und das Ein­vernehmen so fol­gen­los zu beein­trächti­gen wie der Flug einer Fle­d­er­maus einen strahlend schö­nen Son­nentag. Dass der andere aus Erfahrun­gen kam, die ihn zu einem ander­sar­ti­gen Wesen machten, zum An­gehörigen eines frem­den ›Stammes‹, dies lag so offen vor Augen, dass darüber reden nur heißen kon­nte, ihn zu belei­di­gen. Es war das, was sich von selbst ver­stand. Was man als ebenso selb­stver­ständlich voraus­set­zte, war die Fähigkeit des anderen, über seine Gren­zen hin­auszuge­hen und sich im Flu­idum der jew­eils eige­nen Wahrnehmung zu bewe­gen: zu sehen, was ist. Die Über­schätzung der Elas­tiz­ität der Per­son und, damit ein­herge­hend, die Verblendung der Nation gegenüber ihrem Charak­ter, waren das Gebot des Tages.

16.

»Jetzt wächst zusam­men, was zusam­menge­hört.« »Die Mauer in den Köpfen muss weg.« – Mit diesen bei­den Sen­ten­zen bemächtigte die west­deutsch geprägte Poli­tik sich des Innen­lebens des rev­o­lu­tionären Sub­jekts. Sie bilden die Henkel des Korbes, in dem stöbern muss, wer über das men­tale Schick­sal der Rev­o­lu­tion im Eini­gung­sprozess Auf­schluss erhal­ten möchte.

Dass der rasch auf­brechende Vereinigungskritizis­mus, diese Blüte der unwahren Empfind­ung, die Brandtsche Gewächshaus­-​Metapher als­bald als Huldi­gung – hor­ri­bile dictu – an einen objek­tivis­tis­chen und nation­al­is­tis­chen Geschichtsaber­glauben anzuschwär­zen ver­suchte, besaß den Charme des gewoll­ten Miss­verstehens. Zu offen­sichtlich beze­ich­nete sie die Art von ökonomis­cher, sozialer und kul­tureller Verflech­tung, die, nach eingeschlif­f­ener pub­lizis­tis­cher Sprach­regelung, dafür sorgt, dass ›Europa‹ oder ›die Welt‹ jahraus jahrein ohne Unter­lass ›zusam­menwach­sen‹. Ein pro­gram­ma­tis­ches Min­i­mum also, das geeignet war, in dieser his­torischen Stunde eine wahrhaft mag­netis­che Wirkung zu ent­fal­ten – wahrschein­lich, weil es die ohne­hin vorhan­dene Emo­tion weltbürger­lich überzuck­erte und kom­mende Schwierigkeiten entschlossen ins zweite Glied schob.

Unverblümt lautete die Botschaft, die poli­tis­che Form der Eini­gung sei nur ein tech­nis­ches Prob­lem, das die Spezial­is­ten des Sta­tus quo unter sich zu be­wältigen hät­ten. Der Zug der Zeit, durch die spon­tane und unbeir­rbare Sol­i­dar­ität der Bevölkerun­gen unter Dampf gehal­ten, werde schon dafür sor­gen, dass die Tech­niker der Macht in die richtige Rich­tung gedrängt wer­den wür­den. Die zivil­isatorische Rich­tung auf die eine Men­schheit – ein Prozess, unumkehrbar, unauf­haltsam, allen­falls an Krisen­punk­ten zu ver­langsamen – werde also kün­ftig auch die Nation mit­nehmen, die bis­lang durch ein dop­peltes Son­der­schick­sal die Teilung der Welt und die Vor­läu­figkeit aller Schritte zu ihrer Über­win­dung sym­bol­isierte. Die Gegen­wart im Bewusst­sein gewin­nen: So hätte die Losung heißen kön­nen, wenn sich die For­mulierung angesichts des zu erwartenden Kopf­schüt­telns derer, die ohne­hin nur in der Gegen­wart zu Hause zu sein pfle­gen, nicht von selbst ver­boten hätte.

Diese Gegen­wart aber, das sollte sich rasch zeigen, set­zte dem uni­taris­tis­chen Zug zur ›ein­vernehm­lichen Regelung aller Belange‹ eine entsch­iedene Ten­denz zur Son­derung, zur Her­ausar­beitung der Dif­feren­zen – alter wie neuer – ent­ge­gen. Die Verblüf­fung darüber, ver­bun­den mit dem admin­is­tra­tiven Bedürf­nis, zu dif­famieren, was sich da unver­mutet in den Weg stellte, erfand die ›Mauer in den Köpfen‹ und forderte dazu auf, sich ihrer doch ebenso spielerisch wie der anderen Mauer zu entledi­gen – umsonst, wie wir wissen.

17.

Fällt es wirk­lich so schwer, zu begreifen, dass vermut­lich nie­mand, der in der DDR bis zum Ende und über das Ende hin­aus gelebt hat, mit Aus­nahme der ganz Jun­gen und der ganz Alten, aus ihr her­aus­ge­treten ist und aus ihr nur her­aus­treten kon­nte ohne ein leises Gefühl des Ver­rats – woran? Am Sozial­is­mus, am sozial­is­tis­chen Vater­land, an was auch immer. Wie sollte es anders sein? Darf man die Spuren gering­ schätzen, die dieser deutsche Gesin­nungsstaat in den See­len seiner Unter­ta­nen hin­ter­ließ? Doch da auch dieses Mal nicht sein kann, was nicht sein darf, ver­spricht ger­ade hier das vor­erst best­ge­hütete Geheim­nis des neuen Gemein­we­sens seinen Platz zu nehmen.

Nicht die Gesin­nung hielt den Ver­rat vor, son­dern ein all­ge­meiner sozialpsy­chol­o­gis­cher Mech­a­nis­mus. Ver­rat, an was auch immer: Wesentlich daran blieb das ele­mentare Gefühl des Verraten­, des Sichver­gan­gen­hab­ens. Wodurch? Durch Nicht­stun, durch Gewähren­lassen, vielle­icht sogar – bei eini­gen Bürg­er­rechtlern – durch den kleinen Anschub, den man der Wirk­lichkeit gab, die sich dann Bahn brach, ohne lange nach den Motiven von Hinz oder Kunz zu fra­gen. Sie blendete den einzel­nen, weil sie die klei­nere, ver­trautere, die ewig gestrige Real­ität verzehrte, ohne sich groß vor der indi­vidu­ellen Lebens­geschichte zu legit­imieren. Eines waren die Wurzeln dieses Memen­tos, ein anderes seine Wirkun­gen. Sie fan­den sich über­all: im Lebens­ge­fühl, in der Leben­säußerung, im All­t­agsver­hal­ten und in der Krise.

18.

Wie immer gab es zwei Arten, mit ihm umzuge­hen. Ein­mal die des ›Renegaten‹, der den began­genen Ver­rat immer wieder recht­fer­ti­gen musste – durch sein Tun, durch seine Art zu denken, durch die Art, sei­ nes­gle­ichen zu betra­chten: als zu Ent­tar­nende. Er war der Warner, der seine neuen Fre­unde – schließlich waren sie naiv – zur Wach­samkeit aufrüt­teln musste vor dem, was er über seines­gle­ichen wusste – schließ­lich kan­nte er sie von innen – und was ihn sie auch tat­säch­lich fürchten ließ. Nicht etwa, weil er die Lage real­is­tisch ein­schätzte, son­dern weil er nicht begreifen kon­nte, dass sie ger­adeso vere­inzelt waren wie er selbst. Für ihn bilde­ten sie eine ver­schworene Gemein­schaft, aus der er aus­ge­brochen war. Irgend­wann, wer weiß, wür­den ihn ihre Sank­tio­nen tre­f­fen. Warum? Weil sie ihn tre­f­fen kön­nten, wenn… wenn es die von ihm instink­tiv unter­stellte Ver­schwörung wirk­lich gäbe. Und gab es sie nicht? War dies nicht ein gewalt­tätiges Land? Und war die Bürokratie nicht geblieben, was sie schon immer gewe­sen war: undurch­sichtig? Was knackte in der Leitung, wenn sie nicht ger­ade tot war? Wieso übri­gens tot? Wer garantiert denn, dass nie­mand meine Briefe liest? Sind sie mit einem Mal so unin­ter­es­sant? So der im Westen von Anfang an ge­schätzte und ger­inggeschätzte Typus, der Mitmacher.

Schw­erer zu beschreiben ist der andere Typus. Jede Beschrei­bung übertreibt notwendig. Am näch­sten kommt ihm die Vorstel­lung eines ver­schwiege­nen Ordens – so ver­schwiegen, dass er sich auss­chließlich in der isolierten Psy­che der ihm ergebe­nen Sub­jekte organ­isierte. Die Orden­sregel hieß Treue. Sie galt nichts Bes­timmtem, son­dern den harm­losen und weni­ger harm­losen Din­gen, die den einzel­nen mit dem unterge­gan­genen Staat ver­ban­den. Im nach­hinein ver­banden: Zu Zeiten der DDR hat­ten die meis­ten keinen Anlass für der­gle­ichen gese­hen, und die reale Treue­forderung dieses Staates hatte für sie stets etwas uneinge­s­tanden Obszönes besessen. Das Beste­hende verächtlich finden – nicht sehr tief, im Grunde ohne Überzeu­gung: Diese Dis­po­si­tion brachten sie in die neuen Ver­hält­nisse mit. Wann immer im Gespräch das Wort ›Ver­ach­tung‹ fiel, war Aufmerk­samkeit geboten. ›Den Westen‹ oder ›das Neue‹ verächtlich finden: das war’s.

Ver­möge solcher Mech­a­nis­men verkaufte sich der real­sozial­is­tis­che Staat teurer, als er es jemals auf dem Ver­hand­lungswege hätte tun kön­nen. Der DDR die Treue hal­ten: Dies entwertete die eigene Exis­tenz bis in die Gegen­wart hinein und über sie hin­aus und ließ das eigene Leben doch so unendlich kost­bar aufblit­zen, weil es damit eine Innen­seite bekam, unan­greif­bar durch das, was dem einzel­nen geschah und was über­haupt geschieht. Diese Unan­greif­barkeit ging dem West­men­schen naturgemäß ab. Das machte ihn zu einem schein­bar ganz und gar äußer­lichen Wesen, verächtlich eben. Der West­men­sch bemerkte die Ge­nugtuung, die in dieser Ein­schätzung lag, er ver­stand sie nicht ganz und gön­nte sie dem anderen – nicht ohne Kopf­schüt­teln, doch wer mochte da rechten. Et sem­per idem: das steigerte sich aneinander.

19.

Die öffentliche Stasi­-​Jagd legte den Angst­grund bloß, in dem sich beide Hal­tun­gen Ost ent­fal­teten und gegeneinan­der insze­nierten. Angesichts uner­messlicher Märchen fiel es dem Außen­ste­hen­den gele­gentlich schwer, sich zu erin­nern, dass dies alles kein Märchen sei. Ruhen­lassen oder aufar­beiten: Welche Hal­tung der einzelne einzunehmen sich nötigte, stets fie­len die Gege­nar­gu­mente hin­re­ichend ins Gewicht, um ihn ins Unrecht zu set­zen. Was für die einen ein intellek­tuelles Spiel war, wurde für die anderen zum Aus­druck realer Zerrissenheit.

20.

Der Tem­pler fürchtete den Renegaten in sich, der Re­negat den Tem­pler. Die Gründe waren zwiespältig. Ein­er­seits materiell: Die Wucht des Anpralls der dop­pelten Emo­tion zeigte jedem die Gefahr, die von denen aus­ging, in denen sie gle­ich­falls wütete. Ander­er­seits sym­bol­isch: Auf welche Seite man sich auch schlug oder schon geschla­gen hatte, man spürte, wie rasch die müh­sam behauptete oder gewonnene Iden­tität zerstie­ben konnte.

Es kam also darauf an, Ver­bün­dete zu gewin­nen. Der Tem­pler suchte sie auf seiten der Öffentlichkeit oder der Intel­li­genz, der Renegat auf seiten der Büro­kratie und der Wirtschaft. Beide jagten nach einer Gewis­sheit, die ihnen keiner geben kon­nte, näm­lich der, zu ste­hen und nicht zu fallen. Der Wun­sch, kein Dossier zu haben oder es – zumin­d­est – in die Hand zu bekom­men, entsprach dem verge­blichen Ver­lan­gen, den sym­bol­is­chen Kampf ein für alle­mal entsch­ieden zu sehen und dadurch Luft zum Atmen zu bekom­men. Sie blieb knapp.

21.

Im neuen Staat war diese Men­tal­ität besser aufgeho­ben, als es die Sorge um die poli­tis­che Rep­u­ta­tion auszus­prechen gebot. Denn auch der Westen hielt sich bedeckt, wenn er seinen einge­fleis­chten Unglauben an das halb bürokratisch, halb ver­legen so genan­nte ›Bei­trittsgebiet‹ und seine Bewohner ein­mal mit ökonomi­schen, ein­mal mit welt­bürg­er­lichen Gesin­nun­gen drapierte. Man kommt seinen Motiven näher, lässt man die west­lichen Kom­mentare zum Ver­lauf der ›fried­lichen Rev­o­lu­tion‹ von 1989 noch ein­mal Revue passieren. Zwar dürfte zu den dama­li­gen Ereignis­sen alles gesagt wor­den sein, was aus der Berufsper­spektive bun­des­deutscher Jour­nal­is­ten und Zeithistori­ker gesagt wer­den kon­nte. Doch in der Öffentlichkeit verdichteten sich rasch einige wenige Ausle­gun­gen zur all­ge­meinen Überzeu­gung, die das Geschehene inzwi­schen fast bis zur Unken­ntlichkeit verdeckt.

Zu ihnen gehört die Leg­ende von der ›abgetrie­benen‹ Rev­o­lu­tion. Ihr Haupt­ und Prunk­stück ist der Parolen­wech­sel auf den Leipziger Montagsdemon­strationen von »Wir sind das Volk« zu »Wir sind ein Volk«. Mit ihm, so wird unter­stellt, sei die Sache der Bürg­er­rechtler ver­raten und der Liq­ui­da­tion der DDR, ihrer Aus­liefer­ung an das ›Sys­tem‹ der Bun­desre­pub­lik und den Ehrgeiz der Bon­ner Poli­tik­erkaste der Boden bere­itet wor­den. In dieser Überzeu­gung flossen die Ent­täuschung der Bürg­er­rechtler, die einer besseren DDR den Weg zu bere­iten gedachten, die let­zten Zuc­kungen des staatssozial­is­tis­chen Macht­ und Mei­nungsmonopols – »faschis­tis­che Schläger­ban­den mar­schieren« – und aller­lei wohlmeinende Affekte der west­deutschen Zivilge­sellschaft zwan­g­los zusam­men. Müßig zu erwäh­nen, dass auch eine rechte Ausle­gung mit dieser Lesart gut zurechtkommt. Dass eine andere, zivile und sogar lib­erale Lesart denkbar und plau­si­bel gewe­sen wäre, eine, in der sich der poli­tisch bewusste Teil der DDR-​­Bevölkerung nicht um seine Rev­o­lu­tion hätte bet­ro­gen fühlen müssen, stand sichtlich keinen Augen­blick zur öffentlichen Diskussion.

Wie mochte eine solche Lesart ausse­hen? Sehen wir zu. Die erste Parole lebt von der Zwei­deutigkeit. Sie nimmt eine offizielle Sprachregelung auf und wen­det sie gegen das Regime: Wir sind das Volk. Offen­bar han­delt es sich um ein marx­is­tis­ches Lehrstück der pfif­figeren Art: Das rev­o­lu­tionäre Sub­jekt, das sich da kon­sti­tu­iert, ist dem Revolutions-​Bilderbuch der Partei entsprun­gen und möchte nicht mehr zurück. Das ist die Rev­o­lu­tion. Ein Ver­wirrspiel: Was will dieses Volk, das von sich behauptet, das Volk zu sein, und damit einem Rev­o­lu­tion­s­mythos die Ehre gibt, gegen dessen späte Resul­tate es ger­adewegs angeht?

Die zweite Parole bere­itet der Zwei­deutigkeit ein Ende. In ihr gibt sich der Wille des rev­o­lu­tionären Sub­jekts einen entsch­iede­nen Inhalt. Mit der Annahme dieses Inhalts aber ver­wirft es unwider­ru­flich die Vor­gaben der Partei. Es ver­langt nicht weniger, aber auch nicht mehr als die Abschaf­fung des sozia­listischen Vater­lan­des, das Ende des marx­is­tis­chen Exper­i­mentsauf deutschem Boden. Das rev­o­lu­tionäre Sub­jekt reicht den Mythos der Rev­o­lu­tion an seine Urhe­ber zurück und erk­lärt die eigene Son­der­rolle vor der Geschichte für been­det. An die Stelle des revolu­tionären Mythos tritt der Mythos der Nor­mal­ität. Wir sind es leid, die Ver­such­skan­inchen der Geschichte zu spie­len. Wir haben die gle­ichen Bedürfnisse wie die Leute im Westen – also lasst uns leben wie sie. Hier bere­its den ›Anschluss‹ her­auszuhören, gehörte zu den polemis­chen Übun­gen notorischer Über­sprecher. Proklamiert wurde das Ende eines Ausschlusses, der in der Erfind­ung der sozial­is­tis­chen Nation programmati­schen Aus­druck gefun­den hatte.

Man begreift, was die Annahme dieser Lesart im Westen vere­it­elte. Auf der Skala der gängi­gen politi­schen Begriffe rang­iert der des rev­o­lu­tionären Sub­jekts in unmit­tel­barer Nach­barschaft eines ungeteilt zu denk­enden Men­schheitsin­ter­esses. Im all­ge­meinen reicht es, sich den rev­o­lu­tionären Volk­swillen so vorzustellen, als sei er in und durch sich beseelt und genüge sich selbst. Ein bes­timmtes Ziel schadet da eher, als dass es nützt. Das ist auf die rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion gemünzt; sobald sie vergeht, wird man wei­tersehen. Zu guter Letzt entschei­det sich das Schick­sal einer Rev­o­lu­tion, sofern sie nicht ins Fahrwasser mörderischer Radikalis­men gerät, an der Frage, welche der von der aufgek­lärten Pub­lizis­tik am Tisch der Geschichte zuge­lasse­nen Frak­tio­nen die entscheiden­ den Punkte macht und damit das Spiel für sich gewinnt. Keines­falls aber darf die neu oder wieder zu gewin­nende Nation das rev­o­lu­tionäre Inter­esse okku­pieren – das ist neun­zehntes Jahrhun­dert, bürg­er­lich, das hat­ten wir schon.

22.

So dachte, so denkt die poli­tis­che Öffentlichkeit West­deutschlands noch immer. Deshalb war für sie das Spiel zu Ende, als kra­gen­lose Pro­leten, ›Row­dies‹ nach einer Sprachregelung des Stasi­-​Staates, die bei der Gele­gen­heit den Weg ins west­deutsche Polit­Idiom fand, mit jenem »Wir sind ein Volk« der ›spon­ta­nen‹ Volks­be­we­gung ihre defin­i­tive Rich­tung gaben. Vom demon­stri­eren­den Volk war in den Medien hin­fort nicht mehr die Rede. Jeder sortierte seine Schäfchen und bezichtigte neben­her die Konkur­ren­z­partei, mit den Wölfen zu heulen. Der Witz, der sofort die Runde machte und doch nur die Beto­nung änderte: »Wir sind ein Volk«, brachte die elek­tro­n­isch bebilderte Wahr­nehmung präg­nant zum Aus­druck: Der Ossi war ge­boren, und die Massen, die sich als­bald, von einem alten Mann im Osten Berlins mit Ver­bal­in­jurien bedacht, durch die Kaufhäuser des West­ens wälzten, glichen aufs Haar dem grauen Heer der in ruhm­loser Schlacht Geschla­ge­nen, die von nun an die Fol­gen ihres ehrlosen Tuns zu erdulden haben würden.

23.

Staat und Gesellschaft West­deutsch­lands haben sich an der Frage der deutschen Ein­heit auf eine unvorherse­hbare Weise auseinan­dergelebt. Ohne Zweifel wer­den sie wieder zusam­men­finden. Doch vorder­hand sieht sich die Gesellschaft einem Staat gegenüber, den sie nur noch teil­weise als den ihren erkennt. Dieser Staat hat in einer his­torischen Sit­u­a­tion gehan­delt, ohne lange nach den Bedürfnis­sen seiner Bürger zu fra­gen. Der Liebe­sentzug schmerzt noch immer. Dem Bürger stand der Sinn nach Palaver, nicht nach Han­deln; bis heute kann er nicht erken­nen, was daran falsch gewe­sen sein soll. Während der Staat die Losung vom einen Volk unverzüglich als Offerte begriff, die über­raschend eine im Grundge­setz vorbe­dachte Sit­u­a­tion her­beiführte und nur durch eine dem dort fest­geschriebe­nen ›Auf­trag‹ entsprechende Poli­tik kor­rekt beant­wortet wer­den kon­nte, nahm die Gesellschaft das Ein­schnei­dende dieser Poli­tik vor­wiegend als Ver­let­zung fremder und eigener Inter­essen zur Ken­nt­nis. Der Staat – so die west­deutsche Sicht – weit­ete seine Hand­lungsräume aus. Das war ein unge­bührlicher Vor­gang, der den gesellschaftlichen Lern­prozess der let­zten dreißig Jahre zu Maku­latur wer­den zu lassen drohte.

›Anschluss‹, ›DM-​­Imperialismus‹ – der kri­tis­che Gebrauch solcher analo­gi­eträchtiger Vok­a­beln musste sofort absurd erscheinen und tat es auch. Sie erfreuten sich einer trotzi­gen Beliebtheit, weil sie das staatliche Muskel­spiel dem schaud­ern­den Pub­likum ins Genre des his­torischen Hor­ror­films über­set­zten. Sie rück­ten ein Dilemma ins Bild, das darin bestand, dass man die eigene Regierung zwar verdächti­gen, ihr aber nicht viel vor­w­er­fen kon­nte, es sei denn, man schob ihr sinnloser­weise die Ver­ant­wor­tung für den Welt­lauf zu, in dem ein Großre­ich auseinan­der­fiel und seine zer­sprengten Glieder sich vor den Trüm­mern der gemein­samen Ver­gan­gen­heit in Sicher­heit zu brin­gen ver­suchten. Die Lösung dieses Dilem­mas hieß: Der Staat wird an den Fol­geauf­gaben scheit­ern, die er sich durch sein Han­deln auflädt. Er wird eine Wüste ent­täuschter Hoff­nun­gen hin­ter­lassen. Das war vol­lkom­men richtig gedacht, voraus­ge­setzt, die Gesellschaft begriff das staatliche Han­deln als das einer pro­jek­tiven Okkupati­onsmacht, deren ›Maß­nah­men‹ von den unter­wor­fe­nen Sub­jek­ten kühl als Aus­fluss man­gel­nder Effizienz und steigen­der Hil­flosigkeit tax­iert wer­den wür­den. Poli­tik, als Zoo begrif­fen: Die poli­tis­che Klasse, gegen ein geringes, an jedem Kiosk zu entrich­t­en­des Ein­tritts­geld zu besichti­gen, geriet zur bek­lem­menden Lach­num­mer, weil sie so men­schenähn­lich agierte, ohne zu bemerken, dass ihr das Entschei­dende fehlte, das über­legene Gehirn des dis­tanzierten Betrachters.

24.

Ein­mal angenom­men, die damals vielgescholtene ›kleine Lösung‹, der Beitritt der östlichen Län­der zur Bun­desre­pub­lik nach Artikel 23 des Grundge­set­zes, sei nicht nur aus parteis­trate­gis­chen Erwä­gun­gen, son­dern aus einer richti­gen Ein­schätzung der beteilig­ten und zu gewär­ti­gen­den Kräfte her­vorge­gan­gen, dann hätte sich an ihr nicht, wie stets unter­stellt, die Stärke, son­dern eine Schwäche des west­deutschen Staates gezeigt: zwar nicht gegenüber den ostdeut­schen Ver­hand­lungspart­nern – wie hätte sie sollen –, wohl aber gegenüber der eige­nen Gesellschaft.

Denn der Verzicht auf den sym­bol­is­chen Teil der Vere­ini­gung – Wahl einer ver­fas­sunggeben­den Ver­sammlung, Aufhe­bung bei­der Teil­staaten durch die Annahme einer gemein­sam erar­beit­eten Kon­sti­tu­tion – wog und wiegt noch immer schwer. Recht­fer­ti­gen ließ er sich nur, wenn der andere Weg nach real­is­tis­chem Kalkül zum Scheit­ern verurteilt gewe­sen wäre. Zum Scheit­ern? Allerd­ings. Dann aber wäre die Vereini­gung auf ›kaltem‹, sprich, nur legalem Wege von den west­lichen Akteuren der Macht aus dem Bewusst­sein betrieben wor­den, dass der poli­tisch urteils­bildende Teil der Gesellschaft, die sie ver­traten, den Gegen­stand ihres Han­delns – die ›Wieder­her­stel­lung der staatlichen Ein­heit Deutsch­lands in Frei­heit‹ – als ille­gitim ansah. Außen­poli­tis­che Erwä­gun­gen mochten im Spiel sein. Doch dies war eine zu ern­ste Entschei­dung mit unüber­schaubaren Fol­gen, um auss­chließlich durch an der aktuellen Kon­stel­la­tion maßnehmende Oppor­tu­nitäts­gedanken bes­timmt zu werden.

Man muss hier sorgfältig ›Gegen­stand‹ und ›Ziel‹ auseinan­der­hal­ten. Lange Zeit galt die Wiedervereini­gung im Westen als eine Sache ›aller Deutschen‹, die am besten im Urteil jedes einzel­nen aufge­hoben war und aufge­hoben bleiben sollte. Ob sie noch als Ziel der Bon­ner Poli­tik gel­ten durfte oder längst stillschwei­gend kassiert wor­den war und welche Fol­gen sich daraus ergaben, ob sie durch his­torische Schuld als ›ver­spielt‹ zu gel­ten habe, darüber ließ sich tre­f­flich und ergeb­nis­los stre­iten. Jeder Gedanke, den man dar­auf ver­wen­dete, war von vorn­herein ver­loren. Aber er wärmte das Gemüt.

Sie zum Gegen­stand aktuellen staatlichen Han­delns zu machen hieß dem­nach, die Zuständigkeit der Ge­sellschaft für been­det zu erk­lären. Die Regierung ›zog die Frage der deutschen Ein­heit an sich‹ – ein kurioser, aber ins Schwarze tre­f­fender Vor­wurf. Die Schwäche der ost­deutschen und die Stärke der west­deutschen Gesellschaft ent­pup­pten sich gle­icher­maßen als Garan­ten für die ange­bliche ›Roheit‹ resp. ›Gefüh­llosigkeit‹ der Bon­ner Poli­tik auf dem Wege nach Berlin. Voka­beln, die den Ein­druck her­vor­riefen, Regierungs­handeln sei allen­falls geeignet, Angst und Entset­zen bei denen her­vorzu­rufen, die sich sogle­ich zur Ge­meinde der Geschädigten formierten, auch wenn das Geschehene ihnen satte Gewinne in die Taschen spülte.

25.

Was ist ein freies Weltver­hält­nis? Es stellt sich her oder nicht – im indi­vidu­ellen wie im kollek­tiven Bere­ich. Es bedeutet, die Gegen­wart als meine Ge­genwart zu begreifen. Die Chan­cen dazu sinken für den, dem es nicht gelingt, das eigene Haus in Ord­nung zu hal­ten. Die Über­set­zung ins demokratis­che Idiom kann nicht schw­er­fallen. Der wieder­er­standene Drang der Deutschen, Hoff­nun­gen vornehm­lich als ent­täuschte zu goutieren und der Ent­täuschung das Bild der Gegen­wart abzu­ver­lan­gen, ver­wahrt die Rechnun­gen, statt sie zu begle­ichen. Ein freies Weltver­hält­nis? Selbst wenn sie es besäßen, wür­den sie es nicht merken. Darin zumin­d­est gle­ichen sie aufs Haar den Bewohn­ern jener Repub­lik ohne Repub­likaner, die als Opfer einer sich selbst ver­schlin­gen­den Staat­shys­terie in die Geschichte der Mon­strositäten dieses Jahrhun­derts eing­ing. Ein Satyr­spiel? Hüten wir uns, es so zu sehen.

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