1.

Gemessen an den sozialen und ökonomis­chen Maßstä­ben plan­e­tarischer Nor­mal­ität – und woran dürfte man messen? – ist die deutsche Vere­ini­gung nach vier Jah­ren weit davon ent­fernt, ihr poli­tis­ches Ziel zu verfeh­len. Dies gilt ungeachtet eines sich allerorts hinein­ mis­chen­den Wiedergänger­tums, das mit einem ge­wissen schmerzhaften Recht daran erin­nert, dass das, was sich abspielt, eine Wiedervere­ini­gung ist, der über­raschend ein Glied abhan­den gekom­men ist – ein Bindeglied zwar nicht dem lexikalis­chen, wohl aber dem psy­chol­o­gis­chen Sinn nach. Das aus­ges­per­rte ›wieder‹ ist das – mit gutem Grund – ein weit­eres Mal Aus­ges­per­rte. Es rüt­telt an den Sicher­heit­szäunen und pinkelt in die Vorgärten der politisch­moralischen Rep­u­ta­tion, ohne viel mehr zu bewirken als die Identi­tätsfestigung des ›guten‹ Bürg­ers, der keineswegs immer der anständige, wohl aber – so wollen wir hof­fen – der auf Anstand hal­tende Bürger ist. Nicht, weil es ihm im Blut läge – darauf allein wäre wenig Ver­lass. Aber in einem sta­bil organ­isierten Gemein­wesen wirken kausale Mech­a­nis­men, in denen sich Lebens­geschichten auf unbe­queme Weise ver­fan­gen kön­nen. Die muf­fige Anerken­nung dieser ele­mentaren ›Tat­sache‹ prägt für jeden, der Ohren hat zu hören, den unver­wech­sel­baren Klang des Wortes Rechtsstaat, der seit ›der Ein­heit‹ im Volk gang und gäbe ist. Der berühmt gewor­dene Beifall, den die Brand­s­tifter von Licht­en­hagen seit­ens der ›ser­iösen‹ Nach­barn erhiel­ten, kam nicht ohne Grund von einer des­ori­en­tierten Bevölkerung, welche die ersten Schritte auf dem Weg der Anerken­nung noch vor sich hatte. Der Wet­t­lauf der Medien war daher leicht zu begreifen. Schließlich galt es, den sel­te­nen Augen­blick nicht zu ver­passen, in dem die Bestie eine ihr unver­hofft zuge­fal­l­ene Frei­heit schnup­pert und diese sich in eine als­bald zer­stiebende Illu­sion verwandelt.

2.

Man kon­nte vorausse­hen, dass eine stille Unredlichkeit, die sich zu Beginn des ›Eini­gung­sprozesses‹ eine Zeit­lang ins Spiel brachte, dazu verurteilt sein würde, im Gang der Dinge der Lächer­lichkeit und dem Ver­gessen anheimz­u­fallen. Das Ver­lan­gen einer kleinen Zahl östlicher Schreiber, von west­lichen Wochenblät­tern unter der Rubrik ›San­ft­mut des Zorns‹ einer bre­it­eren Öffentlichkeit vorgelegt, die Ein­heit müsse die Integrität der vorher getren­nten Glieder bewahren, entsprang einem intellek­tuellen Eskapis­mus, der das Scheit­ern der poli­tis­chen Ein­heit aus dem Scheit­ern der Getren­ntheiten her­aus­las wie vorzeiten die Unbeir­rbarkeit des Sozial­is­mus aus dem Kaf­feesatz der späten Honecker­Ära. Doch unverkennbar nahm es eine sozialpsy­chol­o­gis­che Funk­tion wahr. Es steigerte das angesichts dessen, was geschah, erstaunliche Trost­bedürf­nis des Dop­pelvolkes – ein Bedürf­nis, das nicht durch Fak­ten gestillt wer­den kon­nte, weil es sich in der Klage um einen Ver­lust erneuerte, der unaus­sprechlich war und sein musste, wenn anders die Klage fort­dauern sollte.

Die erste Unredlichkeit zog eine zweite nach sich. Sie unter­stellte, das, was jetzt im Osten zugrunde ging, sei ger­ade das gewe­sen, um dessen willen die fried­liche Rev­o­lu­tion sich dort ent­fal­tet habe. Zwar fand sich unter den Nör­glern nie­mand, der in allem Ernst befriedi­gende Lösun­gen des einen oder anderen sozia­len Prob­lems im kap­i­tal­is­tis­chen Orkus ver­schwinden sah, Vorzeigestücke also der wahrhaft befriede­ten Gesellschaft: So weit mochte man die Iden­ti­fika­tion denn doch nicht treiben. Stattdessen erwies sich die Behaup­tung des Gegen­teils als frucht­bar: Im Man­gel lag das Rezept. Das brüchige Erbe der DDR, es sollte ger­ade durch seine Inkon­ti­nenz durch­läs­sig geblieben sein für eine Zukunft, in der die richtige Inten­tion nicht länger für ihre falschen oder das Absurde streifenden Real­isate hätte haft­bar gemacht wer­den dür­fen. Zahllose ›Errun­gen­schaften‹ des realsozia­listischen All­t­ags erstrahlten aus dieser Sicht in einem Glanz, der sich nicht ihrer eher dürfti­gen Alltags­beschaffenheit, son­dern dem dün­nen Fir­nis der Utopie verdankte.

3.

Das war so triftig wie falsch. Triftig, weil diese Rede einer bren­nen­den Emo­tion Aus­druck gab, falsch, weil erst der Augen­blick des Zer­falls die Behaglichkeit eines in Strudeln versink­enden All­t­ags her­vortreten ließ. Die Abwe­sen­heit der ord­nen­den Hand hin­ter dem einst fest­ge­fügten All­tag ließ die Frag­mente einer repres­siven Ord­nung als Ele­mente einer Ord­nung in Frei­heit erscheinen, die als möglich und unmöglich zugle­ich in den Köpfen spukte: Die Anar­chie beerbt die Dik­tatur.

Vielmehr, sie hätte sie beerbt (so der hal­b­gar gedachte Gedanke), wären nicht neue Machthaber auf den Plan getreten, Repräsen­tan­ten einer frem­den, von einer gewis­sen Klien­tel – »Wir sind das Volk« – ins Land gerufe­nen Besatzungs­macht. Die Rede vom Utopiev­er­lust diag­nos­tizierte das Ver­sagen der über das falsche Ver­gan­gene hereinge­broch­enen neuar­ti­gen Wirk­lichkeit angesichts der unver­hofft wiederent­deckten Ide­ale der unterge­hen­den Funk­tionärsklasse des Arbeiter-​­ und­ Bauern­staates. Es war dieselbe, die in ihren täti­gen Glanzzeiten das Geschäft der Des­illusionierung nicht der Bevölkerung (die sich wohl nie son­der­lichen Illu­sio­nen hingab), son­dern der ihr gle­ich­wohl mehr oder weniger treu ergebe­nen Schicht von Kul­turschaf­fenden betrieben hatte – mit dem zwiespälti­gen Erfolg, den die Rev­o­lu­tion schließlich an den Tag brachte.

4.

Wer Utopie sagt, lügt: Der Ein­druck, zwin­gend für jeden, der im Zeichen der Wende die Gren­zlinie von West nach Ost über­querte, ohne durch frühere Ge-​­ und Ver­wöh­nun­gen kor­rumpiert wor­den zu sein, markiert die Gren­zscheide zwis­chen den zwei Bevölkerun­gen, die sich nach der Wende auf dem Ter­rain des ver­schlissenen Real­sozial­is­mus begeg­neten. Zutage lag die Lüge bei denen, die der Schnittmenge aus bei­den zuge­hörten, den Vertretern der sich aus den Cliquen der alten Gesellschaft rekru­tieren­den Schieberge­sellschaft. Ihr Inter­esse an poli­tis­cher Reflex­ion er­ schöpfte sich darin, das eigene Schäfchen so rasch wie möglich ins trock­ene zu brin­gen. Für sie funk­tion­ierte die Rede von der unverzicht­baren Utopie wie eine spanis­che Wand, mit­tels derer sie ihre Geschäfte gegen die Öffentlichkeit abzuschir­men gedachten. Sie rede­ten kaum, und wenn, dann in Andeu­tun­gen, die das auss­parten, worüber zu reden gewe­sen wäre. Sie ließen reden; ihre ange­bliche Ent­täuschung über den Gang der Rev­o­lu­tion, deren Anfänge sie selbstver­ständlich mit­ge­tra­gen haben woll­ten, tru­gen sie als Ausze­ich­nung am modisch-​­soignierten Revers.

Anders diejeni­gen, die rede­ten, obwohl sie es besser hät­ten wis­sen müssen: Ihre Ver­ach­tung für das Volk, das spon­tan begriff, als es galt, sich zwis­chen dem besseren und dem denkbar besten Leben zu entschei­den, und mit seiner Entschei­dung keinen Augen­blick zögerte, reichte tief und war keineswegs gespielt. Diese durch die Ereignisse von der Ver­ant­wor­tung für das Ganze freigestellte leisure class der Über­gangs­ge­sellschaft vertei­digte mit vor­wurfsvollen Hin­deu­tun­gen auf eine ger­aubte Zukunft den eige­nen All­tag – im nach­hinein noch von Priv­i­legien zu reden wäre ver­mut­lich obszön –, der ihr im Zuge der einen oder anderen Abwick­lung abhan­den zu kom­men dro­hte. Damit aber fand sie – wen­ngle­ich selt­sam ver­wor­rene – Worte für etwas, das nicht nur sie, son­dern auch die ver­achtete Gegen­partei betraf: den Ver­lust an Sta­bil­ität, mit dem der ein­mal gezo­gene Wech­sel auf die andere Zukunft bezahlt wurde und wird.

5.

Der Real­itätssinn des einzel­nen, ein Kon­glom­erat unter­schiedlich­ster Erwartun­gen an den näch­sten und näch­st­fol­gen­den Tag, ver­langt eine gewisse Quote an geräuschloser Erwartungser­fül­lung. Sie darf nicht zu niedrig und nicht zu hoch sein, andern­falls wird sie zu einer Quelle der Irri­ta­tion. Ein Zus­tand des Sub­jekts, in dem alte durch neue Erwartun­gen schroff über­lagert und beide gle­icher­maßen über einen lan­gen Zeitraum ent­täuscht wer­den, ist einer der abhan­dengekomme­nen Real­ität. In ihm wiegt selbst die angenehme Enttäu­schung nicht den peini­gen­den Ver­lust an greif­barer Wirk­lichkeit auf, son­dern ver­mehrt die Defizite. Alles ist darin möglich und nichts wahrschein­lich. Der einzelne sieht sich in ein anderes Uni­ver­sum mit frem­den Geset­zen geschleud­ert. Die Dinge sind in Bewe­gung, aber nichts geschieht wirk­lich. »So haben wir uns das nicht vorgestellt«: Die osti­nate Klage der ›Betrof­fe­nen‹ meint keineswegs etwas Bes­timmtes, son­dern den Zus­tand der Unbes­timmtheit. In ihm wächst die Nei­gung, sich als Objekt fin­sterer Machen­ schaften zu wäh­nen. Etwas geht vor (so die Niemands­rede). Offen­sichtlich soll ich von ihm nichts wis­sen, da keine Infor­ma­tion, die man mir zus­pielt, mir hilft, mich dem Sog zu entziehen, in dem das Ver­traute nach und nach ver­schwindet.

In solchen Zeiten haben die soge­nan­nten ›realen Nöte‹ Kon­junk­tur. Dies keineswegs deshalb, weil die Not stets so real wäre, wie es die Erbit­terung ver­muten ließe, mit der sie in die Öffentlichkeit getra­gen wird. Die Crux besteht darin, dass jede augen­blick­liche Schwierigkeit sich mit den meta­ph­ysis­chen Schrecken der Unbes­timmtheit auflädt. Vielle­icht war dies die let­zte Geis­tesver­fas­sung, in der die ehe­dem proletari­schen Massen auf dem Weg in die plu­rale Gesellschaft miteinan­der im Gle­ich­takt kom­mu­nizierten. Vielle­icht sogar die erste: So hätte die einst kon­se­quent die Real­ität des sozial­is­tis­chen Gemein­we­sens ver­fehlende Phrase im nach­hinein ihren Sinn gefunden.

In dieser Ver­fas­sung also lagen die Ursachen bereit, die dafür sorgten, dass die Rede vom Utopiev­er­lust, und so, vielle­icht ein let­ztes Mal, die über Nacht gedächt­nis­los gewor­dene Elite von gestern das Ohr des Volkes fan­den. Dabei durfte diese den Real­itätsver­lust am wenig­sten zugeben, da das mis­strauis­che Volk – ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt – ihr dur­chaus zutraute, mit den neuen Gegeben­heiten besser zurecht­ zukom­men als die da unten.

6.

Es war ein Abschied, in dem manches durcheinander­ ging. Zu Zeiten des Real­sozial­is­mus galt die Suche der Intellek­tuellen Ost, wenn sie nicht ger­ade in Aufträ­gen unter­wegs waren, einem Staat, der geneigt war, auf sie zu hören. Dass und wie er es tat, sollte ihnen erst im nach­hinein pein­lich wer­den. Schließlich war ihre Stimme Volkes Stimme – das Volk hätte ihnen schon aufs Maul schauen müssen, um zu erfahren, was in ihm vorg­ing. Das Wun­der geschah, als sich das Volk der ver­trauten Zielvor­gaben entledigte. Für einen Augen­blick schienen beide Stim­men zu einer zu ver­ schmelzen. Aus einer zur Real­ität umgel­o­ge­nen Utopie entwick­elte sich unver­hofft ein Stück Wirk­lichkeit. Zwar zeigte sich das proklamierte Ende der Unmün­digkeit in der Schlussphase der DDR zunächst als Kon­vergenzpunkt der einan­der rasch wider­sprechen­den rev­o­lu­tionären Inter­essen von Volk und Bürgerrechts­bewegung. Zu der aber zählte sich der schreibende Tross kraft Natur­rechts von einem bes­timmten Zeit­punkt an sou­verän hinzu. Das war gut, das war nüt­zlich für beide Seiten. Und als nach dem Ende der DDR der gewohnte Griff nach der lei­t­en­den Hand ins Leere ging, begann das zuse­hends irri­tierte Volk für eine kleine Weile in die Parolen seiner ehe­ma­li­gen Vor­denker einzustimmen.

Der Ein­klang war und blieb abstrakt. Jener ›Utopiev­er­lust‹ der Massen entsprang der ganz anders erträumten Einkehr des West-​­Alltags. Was sich ein­stellte, war ein Nich­tall­tag, in dem die eigene Erfah­rung ertrank, ohne in ihm aufzuge­hen. Der Utopie­verlust der weni­gen hinge­gen spiegelte ein gelebtes Abstrak­tum: ein Spiel zweifel­los, aber ein bitter­ ern­stes. Das intellek­tuelle Ego, bisher dem allzu eng angelegten sozial­is­tis­chen Exper­i­ment in – objek­tiv? sub­jek­tiv? – unbe­que­mer Loy­al­ität verpflichtet, probte vor neuem Pub­likum. Das Spiel hieß Ein­spruch; Be­gründungen ließen sich finden. Ein Spiel, das zu DDR­ Zeiten genügt hatte, um die ver­fol­gende Staats­macht auf den Plan zu rufen und über der Frage in Ver­wirrung zu stürzen, worin eigentlich das Delikt bestand. Nun lag die Medi­en­bahn offen; es war die Zeit, sich zu verkaufen. Mancher kon­nte es besser.

Intellek­tuelle sind Reser­vat­be­wohner. Die einzige durch die gesellschaftliche Diszi­plin der DDR nicht her­metisch ver­schlossene Gesin­nungsreser­va­tion war die soziale Utopie, das Nochnicht­ganz der real existie­renden sozial­is­tis­chen Gemein­schaft. In ihm war man daheim. Dass es sich bin­nen kurzem in Rauch aufzu­lösen begann, sig­nal­isierte einen Ver­lust an Sub­stanz, dem nur die Ein­sicht in eine Sub­stan­zlosigkeit von Anfang an das Bedrohliche hätte nehmen kön­nen. Doch der­lei Lern­prozesse dauern länger. Überdies hatte man Kon­takte in den Westen, wo schon länger alle möglichen Durch­hal­teparolen in den Zweideutig­keiten des utopis­chen Denkens gehärtet wor­den waren. Solche Fre­unde ent­täuscht man ungern.

7.

Dass die kul­turelle Elite der let­zten Honecker-​­Jahre die Mauer ebenso spielerisch-​­folgenlos über­winden durfte wie die Rent­ner, dies hat, wie weniges sonst, das Innen­leben des so ver­wöh­n­ten Sub­jekts infiziert. Die über Gebühr prak­tisch gewor­dene Denk­figur der ›Gren­züber­schre­itung‹, mit­tels derer das Sub­jekt sich zum Ganzen öffnet, kon­nte zu Kuri­erzwecken zwi­schen Ost und West abgerichtet und aufge­braucht wer­den und jene Kul­tur der Begeg­nun­gen hervorbrin­gen, in der die Kul­tur­na­tion sich bewegte wie die Wet­ter­fahne im Fall­wind. Die Kul­tur­na­tion blieb das uneigentliche oder gemütliche Utopia der ost­deutschen Intel­li­genz. Sie gab ihr den ver­brieften Rechts­grund, in den Auss­chüssen und Unter­auss­chüssen des inter­nationalen Kul­turkri­tizis­mus dabeizusitzen, für den alle Katzen grau sind. Die Gren­züber­schre­itung der Massen hat dieses Utopia zer­stieben lassen. Die prompte Kon­fu­sion von All­t­agswelt und Besuch­swelt ließ die allzu lange ges­tun­de­ten Rech­nun­gen mit einem Schlag fäl­lig wer­den. Sie ver­hieß den im voraus Ver­ständigten eine heiße Konkurrenz.

8.

Sen­tenz eines alten Mannes, aufgeschnappt in einem Leipziger Café nach der Wende: »Wir müssen nicht mehr in den Westen fahren, der Westen ist jetzt hier. Der Kaf­fee schmeckt und die Mäd­chen sehen hüb­sch aus.« Was dieser unver­hüllt preis­gab, grundierte die Rede der anderen. Immer daran denken, nie davon sprechen. Wer sah, wie sich einige Monate lang die Kul­tur­ma­cher West bei den Kul­turschaf­fenden Ost die Klinke in die Hand drück­ten, der ver­stand sich rasch darauf, auf den Gesichtern der let­zteren den Aus­druck des Rentner­-​Entzückens zu buch­sta­bieren. Und zwar ungeachtet des Grol­lens, das sich ihren gepressten See­len, dur­chaus funk­tional übri­gens, entrang – schließlich bildete es das Beha­gen ihrer alt­neuen Ver­mark­ter, welche den Hin­ter­grund­charme des ›DDR­-​typischen Ver­falls‹ längst unter den Aktiva ihrer Ein­heits­bi­lanz eingestellt hat­ten. Endlich suchte man sie heim. Das hob die eigene Bedeu­tung ballon­gleich ins Unge­heure… im gle­ichen Augen­blick, in dem sie sich ins Unge­fähre ver­flüchtigte und halt­los davon­trieb. Eine Ahnung, etwas könne falsch sein an der Präsentierteller-​­Existenz, blieb dem Bewusst­sein der eige­nen Wichtigkeit beigemis­cht. Sie erzeugte jene sub­jek­tive Aura der Ver­lassen­heit, in welcher der unbe­friedigte Wun­sch nach mehr Betreu­ung sich regte und zur Reife ent­fal­tete. In ihr wurde jede von der anderen Seite erfahrene Zuwen­dung irgend­wann als heuch­lerische Attacke emp­fun­den. Rasch war die soli­daritätsfordernde Schmäh-​Attitüde zur Stelle. Ihren sin­n­fäl­li­gen Aus­druck fand sie in dem gewiss unaus­räumbaren Vor­wurf, die andere Seite könne schließ­lich, wann immer es ihr passe, »wieder nach Hause: So hätte ich’s auch gern.« Wo ich zu Hause wäre (im geregel­ten, ›west­lichen‹ Dasein), dort bin ich’s nicht; wo ich zu Hause war (ohne jemals Herr im Haus gewe­sen zu sein), dort bin ich’s nicht mehr.

9.

Auch das war eine Lesart der Sehn­sucht nach der ver­lorenen Utopie. Sie galt der Trauer um das ver­lorene Paradies des umstand­slosen Beisich­seins, zu dem die repres­sive Nor­mal­ität den einzel­nen erzo­gen hatte, ein Zus­tand, den Vok­a­beln wie ›Rück­zug‹ und ›Nis­che‹ nur unzure­ichend beschreiben, da sie sich einer gesell­schaftlichen Topik bedi­enen, die die Möglichkeit von Bewe­gung voraus­setzt, einen Ausweg nach innen zumin­d­est, eine Emi­gra­tion. In Wirk­lichkeit han­delte es sich um einen Zus­tand pro­gres­siver Indif­ferenz, der von schlichter gestrick­ten Gemütern im nach­hinein müh­e­los als einer des Wartens, des Ab­ oder Zuwar­tens gedeutet wer­den kon­nte. »Darauf haben wir vierzig Jahre lang gewartet.« Ein solcher Satz aus dem Mund eines Dreißigjähri­gen nach der Gren­zöff­nung mochte im ersten Moment verblüf­fen, doch er brachte die Sache auf den Punkt. Lei­der ver­säumte der junge Mann hinzuzufü­gen: Nur dass wir gestern noch nichts davon gewusst haben.

Das Reisepriv­i­leg der weni­gen, das auch eine Selb­stverpflich­tung dem gewähren­den Staat gegenüber enthielt, hatte nicht etwa den grauen Heili­gen­schein der impas­sion­ierten Selb­stver­sunken­heit annul­liert. Es hatte ihn – im Westen – zum Marken­ze­ichen einer Kul­tur gemacht, deren reisende Ange­hörige gegenein­ander wie gegen die anderen in anstren­gungsloser Reserve ver­har­rten. Funk­tion­s­los gewor­den, wurde dieselbe indif­fer­ente Gemütsver­fas­sung nun­mehr als Außer­sich­sein erfahren, als ein Zus­tand des Ausge­sperrtseins von den Real­ität­sräu­men, in denen das Selbst sich zu real­isieren ver­mochte, als erlebter Autismus: Wir sind die anderen. DDR­-​Gestein. Es wird nicht leicht sein, uns zu brechen.

10.

Die einen und die anderen: Dem Gast aus dem Westen kam es bisweilen vor, als gebe es für den Neubürger Ost keinen Blick auf seine Ver­hält­nisse, in den nicht der West­men­sch als Strich­män­nchen ein­ge­lassen wäre wie das Fadenkreuz ins Zielfer­n­rohr eines Atten­täters. Stets schien das anvisierte Ziel schon bevölk­ert von jenen Wesen, denen ›Selb­st­sicher­heit‹ zu attestieren zum guten, zum resig­nierten Ton gehörte, weil es ein Ziel benan­nte – als Wun­schziel, nicht als Objekt einer beson­deren Anstren­gung. Das war ver­quer, aber es leuchtete ein. Schließlich beze­ich­net Selb­st­sicher­heit die feste Rela­tion des einzel­nen zur ihn umgeben­den Wirk­lichkeit, die mit der Wirk­lichkeit ent­glitt. In der Schemen­welt wurde sie zur mys­tis­chen Aura der ande­ren, die sich im eige­nen Land bewegten, als sei es das ihre – nicht eigentlich arro­gant (wenn, dann als Typ, den man kennt – ›Wir sind ein Volk‹), aber unangreif­bar. Das machte den Kinder­wun­sch unab­weis­lich, das Objekt der Begierde zu zer­legen, um nachzuse­hen, wie es drin aussieht. Man unter­warf den West­ler experi­mentellen Bedin­gun­gen, unter denen er sich beweisen musste. Er erwies sich, notge­drun­gen, als West­ler, als jemand, der keine Ahnung hatte, wie es wirk­lich war.

Reflex auch das. Die da in starken, schnellen Wagen das Land durch­pflügten, aus­gerüstet mit Funk­tele­fo­nen und mit märchen­haften Entschädigun­gen gegen seine Unwirtlichkeit gepol­stert, zeigten sich durch das, was sie vor­fan­den, wenig affiziert. Allen­falls waren sie es durch Pro­jekte oder die schiere Aus­sicht auf sie. Die Erwartun­gen und Pläne der ande­ren Seite bedeuteten dabei nicht mehr als Roh­ma­te­r­ial – im Regelfall den Sand, der zwis­chen eige­nen und frem­den Fin­gern ver­rinnt, während die Zeit der Wün­sche vergeht. Im Bere­ich der staatlichen Insti­tu­tio­nen beze­ich­neten Regievok­a­beln wie ›Abwick­lung‹ und ›Warteschleife‹ als­bald eine Gesellschaft im Wer­den, in welche die abgestell­ten west­lichen Fach­leute einen Real­itätssinn hinein­tru­gen, der sich unbe­trof­fen wusste durch den Wan­del, als dessen Exeku­toren sie sich im Land bewegten.

11.

Es war ihre Funk­tion, die solche Unbe­trof­fen­heit her­vorbrachte. Das Land kor­rumpiert, oder, in den Worten eines der ihren: »Es ist nichts, wie es scheint.« So ließ sich der wohl unver­mei­dliche, aber wütend in Abrede gestellte Kolonisatoren­re­flex deuten, dessen pri­vate Kom­po­nente lautete: Ich will zurück. Seine habituelle Kon­se­quenz lag in der Abgren­zung: kein Umgang mit den anderen außer dem, den der Dienst ver­langte und in dem man natür­lich seine Erfahrun­gen machte. Gewisse Lokale, eigene Klün­gel nach Feier­abend: Dies war die schle­ichende Kor­rup­tion, das Hine­in­gleiten in eine Lebensweise, mit der sich der Zugereiste an einer Real­ität schad­los hielt, die seine Funk­tion­stüchtigkeit beein­trächtigte, weil es sowohl am Zu­-​wie am Abfluss haperte, ohne die seine präten­dierte Macherqual­ität nichts weiter war als ein toter Darm. Was er sah, genügte ihm. Darüber tauschte er sich mit seines­gle­ichen aus. Doch die Real­ität, die seinem prüfenden Blick nicht stand­hielt, besaß Augen, sie blickte ihn an, sie blickte ihm nach. Er genoss die­ sen Blick, den Blick einer Unbekan­nten, von der er nicht wusste, ob sie sich ihm ver­sagen würde, wenn er sie später aufs Zim­mer bäte. Natür­lich schwant ihm, dass sie nicht kom­men würde. Auch würde er es nicht darauf ankom­men lassen. Doch hier, in diesem Büro, in diesem Restau­rant schme­ichelt der Blick, der nicht von ihm loskommt, schme­ichelt die Macht, die dieser Blick ihm zus­pricht. Schon redet er von Illu­sio­nen, die er zer­stören muss – »Sie machen sich ja keinen Begriff« –, von Schick­salen, für die er Ver­ant­wor­tung trägt, ohne sie zu ken­nen, von der notwendi­gen Härte, während ring­sum die Gespräche ein­sil­biger wer­den und die Blicke sich senken.

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