Die fol­gen­den Aufze­ich­nun­gen ent­standen in den Jah­ren 1991­-​94. Ihren Stoff beziehen sie aus kur­sorischen Lek­türen, aus Gesprächen – darunter zur Unzeit abge­brochenen –, aus Augen­blicken, die es wert schienen, verze­ich­net zu wer­den. Sie bleiben so sub­jek­tiv, wie es nötig ist, um ihres Gegen­standes hab­haft zu wer­den. Das schließt Objek­tiv­ität nicht aus. Im Gegen­teil: Sie ist das Ele­ment, das sie auf­suchen und in dem sie sich zu hal­ten wün­schen. Die neuer­nan­nten – und altbe­kannten – Schar­frichter in Gesin­nungs­fra­gen wer­den also wenig Stoff für ihre Recherchen finden. Es sei denn, sie finden es beden­klich, wenn hier nie­man­dem Ver­ant­wor­tung für Dinge aufge­bürdet wird, die ge­schehen sind und noch geschehen. Doch nie­mand – sie mögen es bedenken – ist eine Figur, ohne die kein Fortkom­men wäre: kein guter Rat, dem nicht eine Befra­gung dieser Stimme voranginge.

Das Ver­ant­wor­tungslose – manche wer­den sagen: das Unver­ant­wortliche – ist der Gegen­stand dieser Noti­zen, der Welt­ und Traum­stoff, an dem sie sich ver­suchen. Sie sprechen von einer Denk­ und Wahr­nehmungsfigur, die den Prozess der deutschen Ein­heit in vie­len Win­dun­gen und Brechun­gen durchzieht: dem Scheit­ern. Sie sprechen ihm zu, so wie man einem ver­ängstigten Tier zus­pricht, damit es sich zeigt, unge­achtet der Frage, ob es sich dieses oder irgen­deines Zus­pruchs über­haupt bedürftig erweise. Dabei ist das Scheit­ern weder ökonomis­cher Illu­sio­nen noch per­sönlicher Leben­spläne im großen Umbruch ihr eigent­liches Thema. Auch sprechen sie nicht von der Zer­störungdes ›großen Traums‹ – kann man Träume zer­stören? Sie sprechen vom Scheit­ern, wie es inmit­ten der Vielfalt öffentlicher Bedenken beinahe unbe­merkt davonkommt und sich dies­seits aller das Mal der Ver­mei­d­barkeit tra­gen­den Unfälle ent­fal­tet. Man mache sich da nichts vor: In toto repräsen­tieren diese nicht mehr und nicht weniger als das Unver­mei­dliche inmit­ten der ein­mal in Gang gekomme­nen Umwälzun­ gen. Angesichts so vieler leb­hafter und in der Erre­gung beträchtliche Ver­führungskräfte entwick­el­nder Kas­san­dren kann es sich schw­er­lich zu etwas anderem entwick­eln als zur neuen deutschen Nor­mal­ität. Der Lärm der Affären überzieht die Inkom­mod­itäten des All­t­ags mit einer Folie von Ver­rück­theit, unter der sie zu funkeln begin­nen: schöne Bescherung.

Die Deutschen lieben das Scheit­ern. Sie lieben es über das Maß hin­aus, in dem es sich ihnen über­lässt. Fast eben­sosehr lieben sie die Ein­heit – falls es eine ist, die sie jen­seits allen real­is­tis­chen Urteils erwartet. Sie lieben sie als sozial und plan­e­tarisch gedeutete ›Idee‹. Infolgedessen begeg­nen sie mit strengem Arg­wohn den konkreten und daher immer zu kurz greifenden Anstren­gun­gen, die die Nation untern­immt, sie zu real­isieren. Es wäre ein eigener Fall, wenn die Idee dies­mal an der Wirk­lichkeit zer­bräche und also scheit­erte. Davon sind wir weit ent­fernt. Das Scheit­ern einer Idee zeigt stets einen Lern­prozess an. Solange die Wirk­lichkeit an der Idee zer­bricht, scheit­ert das Scheit­ern: der Fall kommt weit häu­figer vor. Doch da die Wirk­lichkeit sich weniger wirk­lich darstellte, wäre sie nicht von Ideen durch­wirkt und bis an die Gren­zen des in ihr Möglichen ges­pannt, bleibt es eine eigene Auf­gabe, den Span­nun­gen und Verspan­ntheiten nach­ zuge­hen, denen jed­er­mann sich in einer his­torischen Stunde aus­ge­setzt weiß. Dieses Wis­sen, ein wahres Nie­mandswis­sen, findet nur schwer, und dann spät, zur Sprache. Die Han­del­nden sind immer schon auf und davon.

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