1.

Immer stand während dieser Tage fest, dass sie sich erneut bei Gesù tre­f­fen wür­den, sobald die ersten Ein­drücke sortiert und die unmit­tel­baren Nach­wirkun­gen auskuri­ert wären, also zirka fünf Wochen nach ihrer Heim­reise. So über­raschte es keinen, als Dieter sie per Run­druf einbestellte (was man so aus­drücken darf, insofern es sich um sein Stamm­lokal han­delte). Und alle kamen – bis auf einen, mit dem auch nie­mand so richtig gerech­net hatte, obwohl weiter keine Infor­ma­tio­nen durch­gesick­ert waren –, sie kamen aus Neugier und sie kamen, weil sie nun eine Clique waren, zusam­mengeschweißt fürs Leben. Einer kam, weil er an diesem son­ni­gen Tag nichts anderes vorhatte und die Fam­i­lie »ins Grüne« gefahren war, ein Aus­druck, der son­der­bare Ekel­ge­fühle in ihm auf­steigen ließ, die er früher so nicht gekannt hatte, ein anderer, weil der Pal­men­garten geschlossen hatte, in dem er sich heim­lich noch ein­mal eine eher unschein­bare Flecht­e­nart anse­hen wollte. Eigentlich aber kamen alle, weil es sich so gehörte und die Etikette es erforderte.

Dieter eröffnete das Gespräch mit eini­gen fre­undlichen Erkundi­gun­gen. Er wirkte niedergeschla­gen und verkrampft. Als die fra­gen­den Blicke der anderen über­hand­nah­men, drückte er auf den Wieder­gabeknopf eines Kas­set­tengerätes, das er fast unbe­merkt aus der Hand auf den Tisch hatte gleiten lassen – direkt neben sein Glas Aquabona, wenn das ein Wink sein sollte. Die aus dem Gerät auf­steigen­den Stim­men – unheil­dro­hend, bei­der­lei Geschlechts – krächzten ein biss­chen, vor allem Dieters eigene war kaum wiederzuerken­nen, aber was sie sprachen, ließ wenig Spiel­raum für Deutungen.

2.

– Wie kon­ntet ihr ihn nur da oben zurück­lassen? Das war schon ein dreistes Stück.

– Wir haben ihn nicht zurückgelassen.

– Also. Was dann?

– Er war schon weg, als wir zurückkamen.

– Und? Wo haben sie ihn hingeschafft?

– Wir wis­sen es nicht.

– Das ist ja lächer­lich. Ihr müsst euch doch um ihn geküm­mert haben.

– Haben wir, haben wir. Wir haben getan, was wir für jeden getan hätten.

– Und ihr habt keine Spur mehr von ihm gefun­den? Wie vom Erd­bo­den verschluckt?

– So kann man es ausdrücken.

– Aha. Die Führer auch, nehme ich an. Vom Erd­bo­den ver­schluckt. Wer nennt die Namen etc. Ihr hal­tet mich also für ganz blöd.

– So kann man es nicht ausdrücken.

– Wie dann?

– Ich darf dich mor­gen zurück­rufen, oder? Ich habe gerade…

3.

Ste­fan löste die Span­nung, indem er nach vorn glitt und in der Bewe­gung die Hände über dem Tis­chtuch fal­tete. Er zückte die Lip­pen – »un pochissimo«, wie der stäm­mige Wirt gesagt hätte, der sich neugierig in der Nähe herumtrieb –, und aus seinem Kehlkopf lösten sich köstliche Laute, standen milde und nobel im Raum, bevor sie ver­pufften. »Wir hät­ten es für jeden getan. Wir haben uns da nichts vorzuw­er­fen, Fre­unde, es hätte jeden von uns tre­f­fen kön­nen. Und in gewisser Weise« – er hob das Gesicht, es glänzte hell – »haben wir es für jeden von uns getan. Sehen wir uns doch an: alle haben wir zusam­men­gelegt. Was immer er jetzt treibt, er treibt es als Teil von uns. Ich jeden­falls weiß, dass ich daran beteiligt bin, ich spüre es. Und es tut gut, das zu spüren.«

Zusam­menge­sunken stocherte Wolf­gang in der Vor­speise: »Die ganze Kacke wäre doch nicht passiert, wenn dieses abso­lut däm­liche Papier nicht aufge­taucht wäre. Ich fand’s gle­ich Schwachsinn. Wer hat sich das eigentlich aus­gedacht? Gut gut, ich will nicht nachkarten. Wenn hier einige immer noch nicht begrif­fen haben, was der Zeiger geschla­gen hat, dann bitte: Ich bin dabei. Das ist ja schon prak­tisch eine Frage der Ehre. Ich sage nur: Glück­wun­sch! Das Spiel kann begin­nen.« Ein ein­samer Tropfen rann ihm durch das Gesicht.

»Welcher Zeiger?« erkundigte sich Werner irritiert.

Bern­hard schnüf­felte: »Er meint Ham­mer. Das ist ein Zitat, aber er kennt es nicht.«

»Willst du ihn nicht aufklären?«

»Das wäre gefährlich, die Lek­türe kön­nte ihm das Geschäft ruinieren.«

»Er wäre der let­zte nicht.«

»Eben. So schon eher. Außer­dem würde er nichts erfahren, was er nicht schon wüsste. Der Autor wäre von ihm entzückt.«

Ste­fan ver­har­rte beim Thema. »Hat einer Kontakt?«

»Sei­ther nicht mehr.«

»Ganz sicher?«

Etwas bohrend, wie er das machte.

Dieter griff in die Jack­en­tasche und holte eine leicht zer­fled­derte Ansicht­skarte her­aus: »Das hat mir der Wirt vorhin am Tre­sen gegeben.«

Auf der Bild­seite gab es nichts zu ent­decken außer einem Nashorn, das ein ver­wirrter Hob­by­fo­tograf auf den Kibosat­tel retuschiert hatte und das den Betra­chter anglotzte, als halte es ihn für einen soeben mate­ri­al­isierten Orang-​Utan. Das Mach­w­erk leuchtete bon­bon­far­ben. Ein übler Scherz. Immer­hin deck­ten die Kehr­seite aller­lei Schriftze­ichen, welche Bern­hard nun nach und nach für die Gemeinde entz­if­ferte, wobei er die halb aufgeklappte Brille von einem Auge zum anderen und wieder zurückbewegte.

Ihr seid also ver­sam­melt, schön. In meinem Namen, so gehört es sich. Ihr wollt wis­sen, ihr brennt darauf, zu wis­sen – für einen Moment hielt der Vor­leser inne und ließ seinen Blick von unten her­auf im Kreis laufen –, wie es mir geht. Wie es mir geht? Witzig, sehr witzig. Ich kenne dieses »es« nicht, man hat es mir nicht vorgestellt. Egal. Ich will davon nichts wis­sen. Der Berg, das ist eine Sache. Ich habe meine Por­tion Wasser mit herun­terge­bracht… Ein Fleck, ein Wasser­fleck, wie man annehmen kon­nte, hatte die Schrift an dieser Stelle ver­dor­ben. Es ging aber weiter.

»Ob er davon getrunken hat?« fragte Ste­fan. »Der Stil ist so seltsam.«

… endgültig. Jetzt weiß ich, was ich schon seit län­gerem ahnte, aber man­gels Beweisen nicht auf­schreiben kon­nte: Petrarca war nicht oben. Warum? La neve, lo stom­aco. Es ging nicht. Sem­pre lo stom­aco. Der halbe Bericht an den Fre­und ist erfun­den, und zwar die entschei­dende Hälfte. Und, da wir ger­ade dabei sind: wer ist schon Petrarca? Ein Anfang, nur ein Anfang… Ein an den Rand gedrängtes Geschreib­sel ließ sich mit einigem Wohlwollen als Gruß an Elsa deuten, aber diese Lesart ging in ener­gis­chen Unmut­säußerun­gen der Anwe­senden unter.

Es fol­gte, was immer und über­all auf die Mit­teilung bedeut­samer Ein­sichten folgt: Schweigen.

»Ich weiß über­haupt nicht, was ihr habt. Was ist denn passiert? Dieses Papier existiert doch gar nicht. Wer es besitzt, möge es auf den Tisch legen. Ich für meine Per­son kenne kein Papier. Alles, was existiert, existiert hier drin­nen« – wie einen Pis­tolen­lauf set­zte Werner den Fin­ger an die Schläfe –, »jeder muss das mit sich allein aus­machen. Vielle­icht hat er uns nur zum Nar­ren gehal­ten und euch plagt der Katzen­jam­mer umsonst. Vorsicht!«

»Du meinst, die Sache da oben war getürkt? Ein wenig kühn, der Gedanke, das muss ich sagen. Ich dachte, ihr beide wart miteinan­der befreundet?«

»Wart? Ich ver­stehe nicht, inwiefern sich das geän­dert haben soll. Ich vertei­dige sein Recht, zu tun und zu lassen, was er will, das ist alles.«

Der Wirt hatte bere­its mehrfach die Däm­merung durchmessen und nahte erneut. Dies­mal beugte er sich, eine sil­bern blink­ende Platte in Hän­den, mit Gebär­den, die über­all zueinan­der passten und Ruhe und Zuver­sicht ausstrahlten, in die Hel­ligkeit der Kapelle oder Nis­che (pro­saisch gesprochen) hinein, die durch den Tisch und die um ihn ver­sam­melte Runde fast vol­lkom­men aus­ge­füllt wurde.

»Wenn ihr mich fragt, mir kommt dieser Blick bekannt vor.« Mit der Gabel wies Bern­hard auf das regungs­los blick­ende Fis­chauge. Fach­män­nisch ent­grätete Dieter den Leib, das Auge sagte ihm nichts.

Ste­fan griff zu. »Das Auge des Teufels. Jeder von uns hat es gese­hen. Jeder auf seine Weise…«

»Du meinst den Reusch-​Krater? Ich bin mir nicht sicher, dass alle ihn gese­hen haben.«

Bern­hard lächelte. »Helichry­sum newii. Der Lohn des Tapferen.« Mit listiger Geste wandte er sich an Ste­fan. »Heute darfst du es uns verraten.«

»Sag mal, ich bin ja nicht blind«, blinzte Werner, »was hatte eigentlich das Mono­gramm INR auf der Hose zu bedeuten, die dieser arme Teufel partout nicht haben wollte?«

Ste­fan errötete sanft. »Ach das… das kann ich dir sagen… das war Latein. In Nomine Reb­man­nii. Der Gedanke ist mir schon beim ersten Mal gekom­men. Die Hose war übri­gens gut. Die hätte man nur flicken brauchen.«

»Naja, es ging schon ans Eingemachte. Aber erk­lär doch mal den Zusam­men­hang. Unser Wolf­gang hier ver­steht kein Latein.«

»Das kann ich gut ver­ste­hen. Lupus in fab­ula… Jetzt im Ernst, Wolf­gang –« Ste­fan kicherte und neigte das Haupt.

»Hal­tet ihr mich eigentlich für einen Trot­tel?« Wolf­gangs Stimme bebte, ver­riet aber Interesse.

»Lieber Wolf­gang, sieh doch: die Sach’ mit de Kapp’ auf dem Kibo war ja gut gedacht, aber wo bleibt der Gipfel? Siehst du, ger­ade das will ich dir erk­lären. Auf den Gipfel kommt näm­lich keiner mit ä Kapp’. Da droben ist Schluss mit der Masker­ade. Wer dort ankommt, der ist nackt – hier drin­nen jeden­falls. Und jetzt, jetzt kommt Reb­mann ins Spiel. Ohne ihn nämlich –«

»Die Stelle kenn’ ich«, mis­chte sich Bern­hard ein, »Wenn ein Staubkorn, in eine Gewit­ter­front ver­weht, einen Wolken­bruch aus­löst, dann kann ein einziger Tropfen, in das Mit­tel­ländis­che Meer stürzend, auf Suma­tra eine Über­schwem­mung… Nein, das ist Unsinn.«

»Du ver­wech­selst da etwas. Es heißt: Alles, was ihr dem ger­ing­sten meiner Brüder…«

»Auch falsch. Nur wer den Split­ter im Auge des Nächsten…«

»Das stammt von Reb­mann? Schlaues Kerlchen. Ich dachte immer…«

»Soll ich dir was ver­raten«, giftete Wolf­gang, in zornige Mor­gen­röte getaucht, zu Bern­hard hinüber, der ihm schräg gegenüber­saß und erstaunt die Brauen zusam­men­zog, »soll ich dir was ver­raten? Der führt uns doch alle nur an der Nase herum. Da kannst du lange warten, bis der etwas ver­rät. Der ver­rät sich sowieso nie…«

Die anderen, durch die Stimm­lage gewarnt, hörten erst gar nicht hin.

»Du ver­rätst hier nie­man­den, Fre­und­chen«, wis­perte der Wirt an seinem Ohr und drückte ihm das Knie gegen den Schenkel. Gle­ich­mütig räumte er den Tisch ab. »Die Karte, Sig­nori? Un caffé?«

»Mit­stre­iter! Fre­unde!« Ste­fan pochte an die Tis­chkante und drückte die Brust her­aus. »Ich habe euch eine Eröff­nung zu machen: Wisst ihr, was ich zum näch­sten Früh­jahr plane?« Er nahm die Servi­ette, fal­tete sie mit einem ele­gan­ten Wurf zusam­men und –

»Nein!… Aber bitte, es ist dein Entschluss. Eigentlich wollen wir’s nicht wis­sen. Wenn du es sagen willst, bitte, lass dich nicht aufhal­ten. Du erlaubst, dass ich mich für ein paar Minuten ent­ferne?« Werner erhob sich, ver­har­rte aber hin­ter der Stuh­llehne im Dämmerlicht.

»Ich kann es mir denken.« Rührung sprach aus Dieters Stimme. Die anderen merk­ten, dass er inner­lich hin­ter den Fre­und zurück­trat. Dunkel-​feierlich streifte ihn Ste­fans Blick.

»Ich gehe auf den Kibo.«

»Warum?«

»Das Gefühl der Freiheit…«

»Nein!!!!«

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