1.

Wenn die Geister Kurt Rebmanns, Hans Meyers und Joyce Carnaways sich vereinigt hätten, um gemeinsam den heutigen Aufstieg ins Werk zu setzen, sie hätten sicherlich ein sonderbares Trio unter der kalten Sonne dieses erschreckend frischen Morgens abgegeben – obwohl vermutlich kein sonderbareres als die vom mittlerweile nicht mehr ganz so real wirkenden, nichtsdestoweniger unentwegt in seine Lektüre vertieften Leser aus gleichem Anlass zum ersten und einzigen Mal mit einem ironischen Lächeln bedachten sechs, zu denen man die drei ernst, nahezu streng blickenden Führer ebenso hinzuzählen muss wie die eine Stunde später aufbrechenden Träger.

Sie sammeln sich am Fuß eines Steinhaufens, aus dem ein verwitterter Wegweiser ragt: »Kibo – Lower Route«. Stefan hat den größten Brocken erklommen und setzt eine gütige und feierliche Miene auf.

»Ich habe mich mit Casper beredet«, verkündet er urbi et orbi, ein wenig verhalten gleichwohl, »das Beste wird sein, wir bilden zwei Gruppen. Die eine geht voraus, um die attraktiveren Plätze für die Nacht zu belegen – wir werden dort zwar nicht schlafen, aber für die Ruhe vor der letzten Anstrengung ist es so ganz angenehm –, die andere folgt pole pole, so dass alle mitkommen. Das ist besonders wichtig, da wir nicht wissen, wie es Dieter ergehen wird.«

»Mir geht es prächtig.«

»Das kann sich ändern.« Werner, frisch rasiert und bei blendender Laune, strotzt vor Tatendrang. »Ich gehe mit der ersten Gruppe.«

»Ich auch.« Edward.

»Dann sind wir drei. Das genügt.« Stefan klettert vom Steinhaufen herab. Casper, sein Schatten, stellt sich neben ihn. Ein suchender Blick gilt den Stöcken. Der Führer scheint zufrieden.

Allerdings verursacht Edward eine kurze Verzögerung. Er ist verschnupft – auch im Schlafsack hat ihn die Kälte heimgesucht –, und als er sich schneuzt, fließt Blut. Nicht viel, aber genug, um zu allerlei Verrenkungen Anlass zu geben, denen die anderen mit gemischten Gefühlen beiwohnen.

Aufbruch.

2.

Nur den unbedarfteren Gemütern kommt es so vor, als böte die Lower Route den unbeschwerteren Anstieg. Bei näherer Prüfung erweist sich der sanfte Schwung der Landschaft als eine Waschbrettformation, die in vielen kleinen Anläufen die Energie absorbiert, die das spektakuläre Emporstreben der Upper Route im ersten Drittel zügig verbraucht.

Tatsächlich bedarf es schon einer moralischen Trübung des Blicks, um zu verkennen, dass in Gipfelnähe die kleinen Unterschiede ihre Wirkung verlieren. Ob man rasch aufsteigt, um sich den scheinhaften Genuss einer ausgedehnten Panoramawanderung in großer Höhe zu erschließen, oder ob man lieber den Gesetzmäßigkeiten der Parabelform folgt und wachsende Höhe mit zunehmender Steilheit verbindet, hat mehr mit unbestimmten Neigungen als mit handfesten Vorteilen zu tun. Jedenfalls verwandelt der geringe Sauerstoffanteil der Luft auch die scheinbar mühelose Höhenwanderung in eine ebenso wahr– wie wahnhaft beklemmende Angelegenheit.

Auch darf man nicht übersehen, dass sich die beiden Strecken in der Endphase vereinigen. Quereinsteigern erwächst so der Vorteil, die Annäherung an die überirdische Festung über den Sattel noch zu einem Zeitpunkt mit einem Neuigkeitswert auszustatten, zu dem dieser den Frühaufsteigern längst abhanden gekommen und vollkommen unzugänglich geworden ist. Die Rolle des alten Hasen birgt Tücken, deren nicht geringste in einer zur Schau getragenen Gleichmut liegt, die angesichts einer unvermutet näherrückenden Schwierigkeit leicht in Schwäche umschlägt, während der später Hinzugekommene, noch nicht Verwöhnte, in ihr nichts zu erkennen vermag, was ihm ungewohnt vorkäme und zu größeren Beschwerden Anlass gäbe. Dennoch wird er sich zu Recht nicht für den Privilegierten halten. Wer eher da war, behält alles in allem die besseren Karten. Er verfügt über den erfahrenen Gestus, was immer das heißt, und über den abschätzigen Blick, der dem Berg gegenüber wenig, jedoch in den Augen dessen, der ihn auf sich und den Dingen ruhen fühlt, umso mehr bedeutet.

Naturgemäß blieben den beiden Gruppen derlei Überlegungen verschlossen. Aus welchen Gründen auch immer: sei es, dass es zu spät, sei es, dass es zu früh dafür war. Beruhigt überließ sich Bernhard dem Trott, als die vier Köpfe der ersten Gruppe nach und nach jenseits des nächsten Kammes verschwanden. Wolfgang marschierte schweigsam, gesenkten Blicks, und Dieter schien keine Schwierigkeiten zu machen, aber das konnte sich, wie gesagt, ja noch ändern.

Das in Inseln und Streifen rostbraun verfärbte Gewächs, das die sanft gewellten, vom harten Licht der Morgensonne ausgeschnittenen Hänge bedeckt, erinnert Bernhard an seine gestrige Vermutung. So flüchtig sie aus seinem noch traumverhafteten, mit ein wenig kaltem Wasser mühsam in den neuen Tag hineingestoßenen Gemüt auftaucht, so sicher nistet sie sich dort ein, um nicht mehr zu weichen.

In den Erdspalten des Reusch-​Kraters, denen ununterbrochen Gas entströmt, wächst eine Flechte, deren Verwandte sich in den abweisenden Regionen der Subantarktis finden: Helichrysum newii. Auf dieses nicht übermäßig aufregende Detail war Bernhard bei seinen Reisevorbereitungen gestoßen, und es hatte sich ihm mit der Hartnäckigkeit eingeprägt, mit der das Nichtsnutzige das Gedächtnis seit eh und je besetzt. Er hatte sogar eine Abbildung dieser kümmerlichen Lebensform betrachtet – Farbe stumpfgrün, mit einem Stich ins Grauweiße hinein, Form unscheinbar, Größe unauffällig.

Gut konnte er sich vorstellen, wie diese Information Stefan elektrisierte. An der einsamsten Stelle jener befremdlichen Gipfelwelt, dort, wo der Koloß am spürbarsten seinen Anspruch bekräftigt, zu erneuter Tätigkeit zu erwachen, wenn es an der Zeit ist, verwandelt sich noch das erbärmlichste Stückchen Leben ganz von allein in ein unwiderstehliches Objekt des Begehrens. Und hat er nicht recht? Ein Zeichen, ein sichtbares Zeichen nach Hause tragen, das nicht zerrinnt wie der Kiboschnee, den Rebmanns Suchtrupp vergebens in die Tiefe zu transportieren unternahm, befriedigte eine ganze Reihe von Bedürfnissen, unter denen das, zu beweisen, wohin man vorgedrungen war, in intellektueller Hinsicht vielleicht einen der hinteren, aber dafür gesicherten Plätze einnahm, weil es etwas vom Sinn der Expeditionen bewahrte, auf denen sich der wissenschaftliche Mensch die Erde erschlossen hat.

Der erste, seinerzeit in den Labors der Welt mit Spannung erwartete Brocken Mondgestein hatte auch keine andere Aufgabe zu erfüllen. Im Gegenteil, da es zu jener Zeit als »weitgehend ausgeschlossen« galt, dass sich dort oben Spuren organischer Daseinsformen finden lassen würden – eine Hypothese, die man in dieser Schroffheit wiederum zu revidieren lernte –, wusste man von Beginn an, so wie man in diesen Kreisen »weiß«, dass man weniger in der Hand halten würde als Stefan hier, der sich des Werts seiner vielleicht nicht gerade saftstrotzenden Trophäe bewusst sein durfte.

Leben in Extremen: Misstrauisch bedachte Bernhard seine geschundenen Füße mit Blicken, denen das verkrustete und verstaubte Leder der Bergschuhe vorzeitig Einhalt gebot.

Von Wolfgangs Geheimnis ahnt er nichts.

3.

Edwards Nasenbluten war gestillt und vergessen. Dafür belästigte ihn eine belegte Stelle am Gaumen, deren verzichtbarer Reiz sich gleichmütig allen Sensationen der Höhe und des Morgens zum Trotz im Gehen erhielt. Manchmal schien sich der Belag zu verflüssigen, gab sich eine längliche, Fühler in den vorderen Rachenraum ausstreckende Gestalt, die von einem zum anderen Augenblick wieder verschwand. Diese Polymorphie des Gebildes, die für Momente ein völliges Verschwinden einschloss, weckte sein Misstrauen, weil sie ihn in einem ständigen Zweifel hielt, ob er nicht einer psychophysischen Gaukelei erlag.

Es hätte ihn nicht gewundert. Sie hätte nur die Erlebnisse der Nacht fortgesetzt – mit anderen Mitteln, aber wer weiß –, wenn man jene aus allerlei seelischen Unbekömmlichkeiten gewebten Regungen ohne Richtungssinn überhaupt als Erlebnisse bezeichnen durfte. Auch die Morgenluft vermochte sie nicht vollständig zu zerstreuen; als leichter Schleier wehten sie hinter ihm drein. Erst die von innen und außen einsetzende Wärme würde sie vertreiben.

4.

Wenn er es recht bedenkt, ist auch Stefan an diesem Morgen nicht ganz frisch. Allerdings kostet es ihn Überwindung, das Ereignis der letzten Nacht zu bedenken, und ob er es recht zu bedenken imstande sei, dagegen erhebt eine dunkle Instanz in ihm schwere Bedenken.

Hat es ihn geschwächt? Er weiß es nicht, und so, wie er ausschreitet, würde er die Frage im Augenblick eher verneinen. Aber er weiß aus Erfahrung, wie wenig ein solches momentanes Befinden über die Fähigkeit aussagt, eine Aufgabe wie die heutige zu bewältigen. Man wird es sehen, mehr lässt sich gegenwärtig nicht sagen.

Hat er etwas gesagt? Sicher ist er sich nicht, rasch sieht er sich um. Werner, der zehn Schritte hinter ihm seine Bahn zieht, zerrt am Reißverschluss. Ihm scheint bereits warm zu werden.

Der Gute. Oder besser: der Erstaunliche. Nein, diese Zähigkeit hätte er von ihm nicht erwartet. Freundschaftlich hätte er gefeixt, wäre es anders gekommen, und selbstverständlich war er darauf vorbereitet, irgendwann Schadensbegrenzung zu betreiben und Samariterdienste zu leisten. Es hätte gutgetan, weil es den anderen gezwungen hätte, die Maske der Agilität zu lüften und den Hilfsbedürftigen zum Vorschein kommen zu lassen, der auch in ihm stecken musste, weil er in jedem steckte.

Heute muss er die Hoffnung wohl aufgeben. Er kann nur wünschen, dass die Wolke, in der er steckt – Stephen in a cloud, Stephen in a cloud summt ein inneres Stimmchen –, zwar der einen oder anderen sublimen Regung entgegenkommt, aber nicht allzu machtvoll den Organismus verheert. Das Gefühl, überlegen zu sein, ist ihm, jedenfalls fürs erste, vergangen.

Vielleicht hat ja auch das sein Gutes.

Ein Tragriemen am Rucksack hat sich gelockert, nicht viel, aber genug, um für eine störende Asymmetrie zu sorgen.

Soll er –? Später.

Immer wieder gab es in seinem Leben Zeiten, in denen er unter dem Vergrößerungsglas einer gut entwickelten Neugier im Gewebe seiner Eigenschaften den dünnen Faden zu entdecken unternommen hatte, dessen Vorhandensein das Ganze erst gerechtfertigt hätte – den Demutsfaden. Das Scheitern dieser Versuche hätte ihn nicht weiter beunruhigt, hätte es nicht eine ihm unerklärliche Lücke in seiner Selbstdeutung hinterlassen. Sollte sich ausgerechnet heute die Lücke schließen, nichts könnte die Unerforschlichkeit der Wege, die einer wie er gehen muss, anschaulicher dokumentieren.

Es ist die Wendung der Dinge, die ihn verblüfft. Da auch Casper sich in diesem Augenblick umdreht, vermutlich, weil er soeben einen Aussichtsplatz oder einen verborgenen, aber deshalb nicht weniger realen Haltepunkt innerhalb seines privaten Orientierungssystems erreicht hat, weiß er sich nichts Besseres, als den Sack von der Schulter zu nehmen, um auf der Stelle den Riemen zu prüfen, der sich so unvermutet als Merkposten in sein Gesichtsfeld geschoben und bereits sachte begonnen hat, den Horizont zu verengen. Wer mit sich im Reinen sein will, darf sich nicht scheuen, jeder Kleinigkeit in Gedanken, Worten und Werken ihr volles Gewicht beizulegen. Und das ist, mit Verlaub, einigermaßen gedankenlos dahergesagt, denn da niemand das wahre Gewicht der Dinge kennt, hätten wir, jedenfalls von Zeit zu Zeit, die Pflicht, das, was wir unsere Welt nennen, in jeder Kleinigkeit zu erkennen und ihr das Gewicht beizumessen, das man, in Ermangelung eines besseren Ausdrucks, das Gewicht der Welt nennen könnte.

Die kleinen Dinge sind die großen – in Wahrheit natürlich, worin denn sonst. Dass diese nur durch Reifung zugängliche Einsicht die volle Paradoxie des Bergsteigens umschließt, sollte jede handgreifliche Auslegung von vornherein als Verblendung brandmarken. Denn am Berg, das weiß der Dümmste, geschieht nichts, nur weil es sich gerade so ergibt. Der Dümmste, soviel steht fest, hat am Berg die Nase vorn. Da ihm die Äußerung von Intelligenz erlassen ist, kann er sich darauf beschränken, zu sagen: »Das alles macht Sinn.« Damit nicht zufrieden, wird er hinzusetzen: »Alles hängt miteinander zusammen.« Stefan sieht ihn dahinziehen, die Nase im Wind, den Stock fest in der Hand, und Neid steigt in ihm auf.

Nun war die Wendung, die das Abenteuer gestern abend für ihn genommen hat, mit Händen zu greifen gewesen. Insofern wäre es ungerecht, so zu tun, als habe sich geradezu Unbegreifliches ereignet. Und doch war es unbegreiflich, erstens, weil es geschah, zweitens, weil es so geschah, wie es geschah, und drittens, weil es so, wie es geschah, eine Botschaft an ihn enthielt, die zu entschlüsseln einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte, obwohl er jetzt schon weiß – falls diese Schwaden, die sein Gehirn durchziehen, so etwas wie Wissen enthalten –, dass sie nichts Gutes ankündigt.

Aber das ist eine Frage der Perspektive. Alles, was verstört, arbeitet dem Heil vor. Zwar kann er sich nicht erinnern, über Impotenz am Berg Einschlägiges gelesen zu haben. Dies wäre also seine Erfahrung. Er würde nicht so weit gehen, zu sagen, es sei allein seine Erfahrung, das wäre doch zu bitter und eher unwahrscheinlich. Ihn verlangt nicht nach negativer Erwählung. Ein wenig Wahl war schließlich dabei und sie schmeichelte ihm gewaltig, auch wenn sie seine Männlichkeit schließlich und endlich auf eine eher bittere Weise markierte. Auch heute noch wiegt ihn die Unbekannte, schaukelt sich in dem besonnten Stumpfgrün der Hänge, auf denen hier und da der Rost vergangener Brände liegt. Sie hat ihn gewählt wie die Landschaft, in die er sich nun ein weiteres Mal hineinbegibt: groß, offen, ohne zu fragen, ein bisschen rücksichtslos wie alles Elementare.

5.

Offen gestanden, hätte sie angesichts seines Versagens nicht die Hände vors Gesicht geschlagen, die Sache hätte ihn wenig berührt. Was ihn verstört hat, war ihr Erschrecken – denn das, nicht etwa Enttäuschung (eine kindliche Regung angesichts der Höhe, in der ihrer beider Drama spielte) glaubte er aus ihrem Verhalten zu lesen, auch wenn sich heute Zweifel regen. Solche Zweifel sind gesund, sie schaffen Raum, und sie kommen gewöhnlich zu spät.

Von dem erstarrten Körper tasteten seine Gedanken hinüber zu ihrem vor Tagesanbruch zu Tal gekarrten Gefährten.

Das holprige, auf einem Rad über Stock und Stein springende Gefährt, die muskulösen Träger, einer hinten, einer vorn, die den wie tot Daliegenden ein ums andere Mal in die richtige Lage zurückschieben, sich mit dem Oberarm den Schweiß von der Stirn wischen und dabei einen Palaver unterhalten, der anfang– und endlos ist wie der Weg, wie die Sonne, die über die Hügel heraufkommt, wie die Luft, wie der Schweiß, wie das Gestrüpp, wie die Savanne, zwischen deren Rändern und den darüberliegenden Wolken feine Dunstschleier weben, aus alledem sprach eine Stimme zu ihm, lautlos und vernehmlich, ohne Worte, ohne Grammatik, ohne Verstand. Diese Stimme hatte ihm nichts zu sagen, obwohl sie mit einer Dringlichkeit fortsprach, die ihn verwirrte und ihrerseits eine zweite Reihe begann, so dass zwei Stimmen ihn bedrängten, bis mit einem Mal damit Schluss war, weil ihm aufging, dass dieses flächige Raunen, dieses Fließen und Quellen und Verebben sein Problem darstellte, sein Gipfelproblem.

Er besaß keine Schärfe.

Am liebsten hätte er die Unbekannte von der Pritsche gestoßen. Hätte er es nur getan! Stattdessen lag er stocksteif wie sie auf den Brettern und sah zu, wie die Dinge sich flächig im Hirn verteilten und langsam in Rauch aufgingen. Darüber war er wohl eingepennt, und was er heute um sich herum wahrnimmt – den Führer, der ihnen seit dem kurzen Halt in einiger Entfernung folgt, als wolle er auf diese Weise andeuten, dass die Wahl der Aufstiegsgeschwindigkeit nun allein ihre Angelegenheit geworden sei, die beiden Gefährten, die in gutem Abstand folgen, wobei Edward zu trödeln scheint, vor ihm die immer neu sich hebenden Bodenwellen –, es reiht sich mühelos ein, so dass die Frage, ob er wache oder träume, höchstens durch einen Mückenstich entschieden werden könnte, der hier oben nicht vorkommt.

6.

Alle haben etwas gemerkt, mit Ausnahme Werners vielleicht, in dessen Gesundheitsschlaf nur ein Knarren und Knarzen und Rascheln drang. Mühelos setzte sein Traumbewusstsein die Geräuschfolge in kitschige Genrebildchen um.

Auf einem Elefanten brach Elsa Melstroem durch das Gehölz, triumphal, nackt natürlich, ihr Blick funkelte, fächerartig spreizte sie gegen ihn die Fingernägel. Um den erhobenen rechten Arm ringelte sich eine Schlange. Im brechenden Unterholz rannten Ratten aufgescheucht hin und her und taten, was stets getan werden muss, um die Brut in Sicherheit zu bringen.

Arme Ratten! Der Elefantenrüssel peitscht den Boden, Wurzeln reißen, schon splittert die Veranda des einsamen Blockhauses, schon wankt die Vorwand, vielsagend blaut der See von draußen herein, hoch schwingt der Rüssel, Stoßzähne blitzen, da gleitet die unsichtbare Hand hinter dem grünen Revers hervor – Sachen geschehen im Traum! – und zieht sachte das Ungetüm am Schwanz hinter den Horizont zurück, der bei dieser Gelegenheit eine Delle erhält, derjenigen nicht unähnlich, mit der sich das letzte Entweichen von Gas aus einem Ballon ankündigt.

7.

Edward, der einzige, der Bescheid weiß, weiß nichts. Da ihm bekannt ist, wie sehr Geräusche im Dunkeln die Phantasie in die Irre lenken, lehnt er es ab, dem Gehörten irgendeine Bedeutung beizulegen. Er findet, die beiden seien äußerst diskret vorgegangen, falls sie es wirklich miteinander getrieben hätten. Falls nicht, so erweckt die Beredtheit der Schlafsäcke und Anoraks eher Vorbehalte gegen diese Art, das Lager zu teilen. Angesichts der durchdringenden Kälte hätte er nichts dagegen gehabt, die Sache selbst zu probieren. Schade nur, dass er durch seinen ungestümen Griff das scheue Wesen vertrieben hatte.

8.

Bernhard hielt die Geräusche für eindeutig.

Ein dummer Zufall, genauer gesagt, eine Asynchronie der Geschehnisse hatte dafür gesorgt, dass ihm eine entscheidende Information fehlte, da er sowohl das Herein– als auch das Hinaushuschen der Elfin verschlafen hatte. Vor seinem inneren Auge entrollte sich eine »closed-room«-Affäre. Ein Rätsel ist Unerschlossenes: Wo war die Spur?

Zweckmäßig wäre der Rückgriff aufs Ausschlussverfahren.

Wolfgang mit Werner: sinnlose Paarung.

Wolfgang mit Dieter: unwahrscheinlich.

Wolfgang mit Edward: interessant, aber unmöglich.

Werner und Dieter: möglich, aber durch Medikamente belastet.

Auf beiden Seiten.

Edward und Dieter: pervers.

Bleiben Edward und Werner. Die zwei stecken ohnehin, metaphorisch gesprochen, unter einer Decke. Andererseits stumpft allzu lange Vertrautheit ab. Aber was weiß er schon über die beiden. Zuwenig, um sich nicht an der Nase herumführen zu lassen.

Der Schnelle und der Versponnene. Klassische Paarung.

Dann vielleicht doch lieber Wolfgang mit Dieter. Ohnmacht und Ungestüm. Ein Hauch von Notzucht umweht seine Nase, strenge Dünstung. Ihre Hand, Marquise.

Dieter mit Edward: da allerdings versagt seine Phantasie. Auch sie ist endlich. Er steht zu seiner Beschränktheit.

Im Vorübergehen köpft er eine Distel… Ein knäbisches Verhalten, wie er sich eingesteht, es könnte die letzte am Weg gewesen sein. Vermutlich steht sie unter Naturschutz.

Stefan lässt er aus dem Spiel. Eine Tiara zieht man nicht ohne Not in den Schmutz.

9.

»N-​ein, ich höre nicht auf.« Unter dem Dach der Schirmmütze ganz auf Weltscheu getrimmt, gäbe das struppig hervorstehende Haar nicht andere Auskunft, gelingt es Dieter, Wolfgang gerade so lange zu täuschen, wie dieser es schafft, ihm ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken: ein schwieriges, rasch abgebrochenes Unterfangen. In unterschiedlichen Idiosynkrasien verfangen, glauben beide dem anderen kein Wort. »Eine Leiche auf Abruf«, textet Wolfgangs wenig wortmächtiges Selbst, und: »Er sollte sich lieber vorsehen.« Der andere ist ihm ein Rätsel und womöglich eine Gefahr für sie alle.

10.

Seit die Köpfe der ersten Gruppe jenseits der Kuppen verschwunden und nicht mehr aufgetaucht sind, fühlt Dieter sich ungebundener. Keine Einflüsterung hindert ihn länger daran, seinem Rhythmus zu folgen. Ein brennender Schmerz zwischen den Rippen begleitet ihn, die Achseln kleben, er vermeint den Schweiß zu riechen, üblen, kriechenden Schweiß, der das Selbstbewusstsein beeinträchtigt, aber das ist nicht wichtig, verglichen mit dem Druck, der seine Gehirnhälften aufbläht und gegen die Stirn presst.

Diese Schwäche. Aber sie ist jetzt leichter zu ertragen, sie ist weit geworden, eine flächig verteilte Bürde, die er stückweise längs des Weges aufliest und hinter sich lässt wie die Perlen eines Rosenkranzes.

Seltsames Bild. Der ausgetretene Pfad zwischen den Büschen, im kahlen Gelände, sofern überhaupt, durch einen hellen Ockerton kenntlich, kann es nicht angeregt haben.

Über alle Kämme und Kuppen hinweg hebt er den Blick, höher, noch höher, gezwungen fast, zu der mächtigen Schwärze und den unregelmäßig darübergebreiteten Laken, deren unteres Drittel ein schmutziger grauer Schatten trübt, den von Westen her aufquellende Wolken der Gipfelflanke auflegen.

Er muss hinauf. Dass ihm ein Tag fehlt, aus seinem Gedächtnis gelöscht, die Reste in Tücher wie die dort oben eingehüllt, es wiegt leicht, es wiegt nichts angesichts eines Entschlusses, der wie ein gekrümmter Tiger auf den richtigen Augenblick lauert. Die Karte hat er im Kopf, mit jedem Schritt faltet sie sich mehr vor ihm auf, und da ihm das Gefühl der Stärke gründlich abhanden gekommen ist, hat sein Plan sich nunmehr in eine ausgeklügelte List verwandelt, die er Schritt für Schritt ins Werk setzt, während Wolfgang und Bernhard, die Ahnungslosen, nicht begreifen können, woher seine Zuversicht ihre Reserven bezieht.

11.

Über geschwärztem Gebüsch, Felstrümmern, gelockert und krumm in den Himmel ragend (Überbleibseln eines unbekannten Raubtiergebisses): rot übersprenkelte Stauden, im Gegenlicht glühend.

12.

Last Water. Ein stilles Rinnsal, von einem gebogenen Stück Blech begehrlichen Händen entgegengehoben. Casper beugt sich darüber und winkt und nickt ihnen aufmunternd zu. Stefan lässt den Rucksack zu Boden gleiten und tritt auf die Seite. Werner bückt sich, netzt das Gesicht. Edward nähert sich, eher versonnen, bleibt stehen, geht in die Hocke, setzt sich auf einen Stein, streckt die Beine aus und schlägt sie übereinander. »Last water«, bekräftigt Casper und füllt seine Kanne. Keiner trinkt.

13.

Werner fällt zurück. Auf einer Klippe zieht Edward vorbei, nicht ohne zu fragen, ob alles »in Ordnung« sei. Werner, den Blick sinnend zu Boden gesenkt, hebt die Hand: abwehrend und gelassen. Edward kennt die Geste. Beruhigt nimmt er sich vor, zu Stefan vorzustoßen, der den nächsten Felsenkamm überstiegen hat und, nur noch bis zum Gürtel sichtbar, im vierten Haus steht. Ein wenig wundert ihn die Leichtigkeit, mit der er sich gegenwärtig bewegt, geschmeidig fast, verglichen mit den Holprigkeiten des Morgens. Beinahe senkrecht steht die Sonne, der Wind hat aufgefrischt, die Wolken über dem Krater wechseln von Minute zu Minute. Manchmal zieht eine über den Hang hinweg, dann fröstelt ihn in der Jacke.

Diese Leichtigkeit hat etwas Unnatürliches. Nein, das stimmt nicht. Sie ist Teil seiner Natur, aber ein schmaler: Man tritt schnell über Ränder, wenn man sich in ihr bewegt. Woher er das weiß? Es ist mehr eine Ahnung, der Anflug einer Bestürzung, die ihn noch nicht erreicht hat und mildernde Boten vorausschickt. Auch das Prickeln ist wieder da, feiner, verwobener, schwer einzuschätzen.

Alles an ihm ist Bejahung. Er kann nicht sagen, dass dieses Ja aus organischen Vorräten stammt, eher aus einem Überschwang des Willens, vom Körper leise grollend zugestanden. Aber auch diese Deutung trifft nicht, da sie einen Gegensatz aufstellt, der so nicht existiert. Gewiss, augenblicklich ist er überzeugt, mit dem geringsten Kraftaufwand seine Energien hierhin und dorthin lenken zu können, aber gleichzeitig weiß er, dass er sich damit zum Besten hält, weil er über keine oder nur geringe überschüssige Kräfte verfügt. Die Empfindung, leicht zu sein, ist daher trügerisch oder, weil die Freiheit, die sie suggeriert, die Probe aufs Exempel nicht bestehen würde, allenfalls das Anzeichen einer geistigen Beweglichkeit ohne Folgen. Und selbst diese Folgerung will gut überlegt sein, obwohl gerade darin eine Schwierigkeit zu liegen scheint, da die übergroße Versatilität (welch ein Wort!) des Geistes die ruhige Überlegung nicht wenig behindert. So fällt es ihm leicht, an nichts Bestimmtes zu denken, aber dies auf eine das Glück der Kühnheit mit dem der Versonnenheit verschmelzende Weise, die ohnegleichen ist.

14.

Nicht ohne Grund hat sich Werner zurückgenommen. Er ist »gut eingestellt« wie ein Rennpferd oder ein Marathonläufer oder doch eher wie ein Verhandlungsführer oder ein Vertreter, soll sagen, ein Mensch, der einen Abschluss erreichen möchte und entschlossen ist, über das Gewirr von Wegen, die dorthin führen, mit Geschick und Verschlagenheit zu verfügen. Vielleicht ist dieses Bild auch falsch. Ganz sicher ist es falsch: denn der Widerstand, auf den er gefasst ist, und den, wann immer er auf ihn trifft, zu umgehen er bereit ist, dieser Widerstand kommt ja nicht von außen, sondern von innen, was immer das heißen könnte.

Was immer das heißen könnte: Da der Gedanke, das Befinden einzelner Organe zu überwachen, offenkundig Unsinn ist, und Werner absolut nicht weiß, aus welcher Richtung er die Attacke erwarten soll – vielleicht wird sie sich bloß mental zur Kenntnis bringen –, unternimmt er es, eine Aufmerksamkeit in sich herzustellen, die gleichmäßig in alle Richtungen ausgreift. Das gelingt nicht so einfach, da schon die Rede von »Richtungen« in diesem Fall eine Metapher ist, und keine sehr glücklich gewählte.

Dieses »reine« Innen besitzt kein Oben und Unten, kein Rechts und Links, kein Vorne und Hinten. Das ist bedauerlich, denn kein noch so vorläufiger Versuch, sich in einem Raum zurechtzufinden, kann auf dergleichen Vorstellungen verzichten.

Vor allem: wo immer er es zu fassen beginnt, wirkt es bedrohlich. Eigentlich führt auch der Ausdruck »es fassen« in die Irre. Denn was er, in seinem Inneren fahndend, zu fassen bekommt, das weicht zurück, es löst sich auf in Drücke, in Zuckungen, in lange weiche Übergänge, in raffinierte Vertauschungen, und ähnelt verteufelt dem Gegner in einem Fangspiel, der immer neue Tische, Stühle, einstürzende Kartontürme und herumstehende Rasenmäher zwischen sich und den Verfolger zu bringen versteht. Genauso verbreitet das Innere, wann immer man ihm ängstlich auf den Leib zu rücken versucht, Angst: der Pulsschlag erhöht sich, der Blick, der gerade noch klar und entspannt auf den Dingen ruhte, trübt ein, sucht nach Widerlagern, hat schon begonnen sich zu verwandeln. Was als Aufmerksamkeit begann, endet als Misstrauen: das ist der Weg nach innen, der Weg ins Nirgendwo.

An diesem Punkt angelangt, empfiehlt es sich, zu pausieren. Das Kunststück besteht darin, sich vom Warten darauf, dass etwas geschieht, zu lösen, sich von dem, was geschehen könnte – und, dies nebenher, ununterbrochen geschieht –, abzuwenden, wie ein Schläfer, dem das Bewusstsein der Gefahr abhanden gekommen ist, wie ein Geschäftsmann, der mitten im Zusammenbruch der Familienfirma ein Techtelmechtel beginnt, wie ein Kind, das im Angesicht des Entsetzlichen zu spielen beginnt. Diese Fähigkeit abzulassen ist ein Geheimnis, unter den listenreichen Vorkehrungen unserer Natur vielleicht das ernsteste.

Und es gelingt. Schwer zu sagen wie, aber er spürt, dass etwas, das außer sich geraten war, in seine Grenzen zurückkehrt: ein Punkt nur, ein dunkler, sich schwankend verdichtender Punkt, ein Korn fast und fast schon ein Blinzeln, ein Augenaufschlag. »Ich bin wieder da«, heißt das, »was stehst du hier herum? Gehen wir!«

15.

Last Water II. Dieter, im Geröll liegend, den Kopf auf die Jacke gebettet, eine Hand als Sonnenschutz über Stirn und Augen. Bernhard und Wolfgang, auf ihre Stöcke gestützt, beugen die Rücken. Aufrecht, leicht, ein klein wenig unbeteiligt, dabei freundlich und offen blickend, unverkennbar »Begleitpersonal«, stehen Melchior und Athanasios um sie herum.

Bernhard und Wolfgang hegen denselben Gedanken. Wie lange wird er wohl durchhalten? Wortlos entzweit sie dieses mutmaßende »wohl«.

Wolfgang, ganz mitfühlende Besorgnis, kann den Augenblick kaum erwarten, in dem die Entscheidung fällt. Umkehren oder Weitergehen? Noch ist alles offen, doch im Grunde seines Herzens weiß er, dass er es nicht über sich bringen wird, den Vater des Unternehmens ins Dunkel einer ungewissen Betreuung zu stoßen. Er wird also mit ihm zurückgehen, und dass er es weiß, obwohl noch alle Optionen offenstehen, macht ihn ruhig und nervös zugleich wie eine Fliege, die den Unmut dessen fühlt, den sie belästigt.

Bernhard hingegen verhält sich ruhig, zu ruhig vielleicht, viel zu ruhig, um korrekt zu sein, als dass nicht hier und da ein aufsteigendes Befremden über sich selbst die Klarheit seines Bewusstseins trübte. Auch er rechnet nicht ernsthaft damit, dass Dieter den Gipfel erreicht, und so, wie er da liegt, scheint auch die Hütte in unermesslicher Ferne zu entschwinden. Was tun? Er nimmt an, dass die Führer Bescheid wissen und zum geeigneten Zeitpunkt das Richtige veranlassen werden.

Er wird also weitergehen. Wird er? Aufmerksam mustert er den Liegenden. Bedarf er des Mitgefühls? Seine Miene verrät nichts. Sie ist nicht offen und nicht geschlossen, weder einladend noch abweisend. Man sieht das Gesicht eines Menschen, das nichts preisgibt, was man nicht wüsste. Und das ist entschieden wenig.

Zum ersten Mal seit dem Morgen haben die Führer das Schweigen gebrochen. Über die Köpfe der Bergsteiger hinweg geht ihr Gespräch gleich dem Zischeln einer Windhose unten, in der Ebene.

»Er wird es nicht schaffen.«

»Natürlich nicht.«

»Bringen wir ihn nach unten?«

»Nein.«

»Glaubst du, es wird noch einmal besser?«

»Eher schlechter.«

»Dann schaffen wir ihn weg.«

»Das werden wir schön bleibenlassen.«

»Ich weiß, warum du das sagst. Er hat Medikamente genommen.«

»Und wenn schon. Das nützt ihm auch nichts.«

»Im Augenblick schon.«

»Er ist in Gefahr.«

»Dann bringen wir ihn weg.«

»Siehst du Gefahr?«

»Ich sehe nichts.«

»Wenn wir nichts sehen, können wir auch nichts tun.«

»Er hat Medikamente genommen.«

»Das weiß ich auch.«

»Hätte er keine genommen, wüssten wir schon, was los ist.«

»Wir bringen ihn in Sicherheit.«

»Will er denn?«

»Auf keinen Fall. Der will nach oben, das sieht man.«

»Na also.«

»Du meinst, er macht Scherereien?«

»So oder so.«

»Dann schaffen wir ihn hoch.«

»Schaffen wir ihn hoch.«

16.

Die Aufgabe, die sie in den nächsten Stunden erwartet, hat zwei Gesichter. Einerseits gilt es, im steten Aufstieg der Gruppe der Lava Hills näherzukommen, deren Ensemble man erst aus der Tiefe bewundert, deren Spitzen – melancholisch ragende Steinhaufen – dann aber, je höher man kommt, eine nach der anderen hinter einem zurückbleiben, bis man zwischen der dritten und der vierten hindurch zum Sattel und damit zur Upper Route vorstößt, ungefähr dort, wo der Weg – wenn man die seit längerem nur noch mit Steinmännchen markierte Strecke »Weg« nennen möchte – nun erneut anzusteigen beginnt und der Fuß des Kraters zum ersten Mal nah und wirklich erscheint: ein Wechsel in der Wahrnehmung, der sich so plötzlich und übermächtig vollzieht, dass man ihn auch als Eintritt des Wanderers in die Unwirklichkeit des Bildes bezeichnen könnte, ohne dem Realismus der Beschreibung damit Abbruch zu tun.

Schwerer ist das andere Gesicht zu beschreiben, auch wenn es sich auf ebenso nachdrückliche Weise bemerkbar macht. Schon länger vermisst der Leser, unwirklich oder nicht, ein sinnliches Element: Gerüche. Gibt es einen Gipfelgeruch? Wenn es ihn gäbe – wenn, wie gesagt –, dann müsste er kalt und leer sein, ein Geruch unterhalb jener Schwelle, von der an wir einen Geruch überhaupt wahrzunehmen bereit sind. Diese Unterschreitung aber würde sofort eine andere Wahrnehmung auf den Plan rufen, eine, die durch die Abwesenheit der üblichen Reize angeregt und gewissermaßen hervorgekitzelt wird. Eine gesteigerte Wahrnehmung also? O nein. Eher eine, die zur Selbstherrlichkeit neigt und das, was fehlt, aus eigenen Beständen – denn jede Wahrnehmung zehrt von einer angeeigneten Fülle –, aus eigenen Beständen also ergänzt.

Wenn es einen Gipfelgeruch gibt – und niemand zweifelt daran, dass es ihn gibt –, so verdankt er der kargen Landschaft nur wenig. Einen Bestandteil allerdings stellt der Berg: den eigentümlichen Duft, der von besonnten, durch den extremen Wechsel der Tag– und Nachttemperaturen aufgebrochenen Steinen ausgeht und inmitten der Hochwüste Wirkungen entfaltet, die in der Ebene ihresgleichen suchen.

Es ist gefährlich, diesem sachte schwankenden, Gesicht und Gehör unbeeindruckt lassenden Teppich Beachtung zu schenken, vor allem, wenn es auf eine ganz bestimmte Weise geschieht: der Wanderer »hält inne«, der reiche Duft schmeichelt ihm, es verlangt ihn nach mehr, er atmet tief, die Brust weitet sich, und in die Beglückung hinein meldet sich eine kleine, verwischte dumpfe Empfindung nahe dem Zwerchfell oder auch dem Brustbein – hohe Zeit, abzubrechen und den Weg mit verringerter Aufmerksamkeit fortzusetzen.

Zu spät. Ein perfide veranlagter Fälscher hat einen genauen Abguss der Lungenfront angefertigt und ihn so sinnreich unter den Rippen befestigt, dass er dem Atemholen jedesmal aufs neue Einhalt gebietet, bevor das Organ seinen vorgeschriebenen Umfang erreicht. So hallt der dumpfe Schlag an eine stets unerwartete Barriere in der Brust und, verzögert, in den sich rasch eintrübenden Gehirnwindungen des überrumpelten Genießers wider.

17.

Stefan fürchtet den Sauerstoffmangel nicht. Darin liegt seine Stärke. Aber genausowenig kann er das Fluten der Symptome verhindern, dieses Kommen und Gehen von Aufmerksamkeiten, aus deren Zusammensinken ununterbrochen weitere, scheinbar neue hervorgehen, solche, die sich unversehens als alte Bekannte entpuppen, bevor sie weiterwandern, darunter der Schläfensturz, eine eigentümliche, durch die Unterversorgung bestimmter Gehirnzellen stimulierte Sprung– und Fallbewegung, die in ein unwillkürliches Stirnrunzeln ausläuft und von einem imaginären Zurückfluten unterhalb der Schädeldecke gefolgt wird.

Gern würde er einen Ory im Gelände entdecken, aber die Flächen sind leergefegt. Wirklich? Ihm scheint, einen Moment lang habe er einen Umriss wahrgenommen, dünn gegen die Wolkenkulisse dort oben, vielleicht ein Teil von ihr, unzweifelhaft Teil seiner schweifenden Seele, und die Symptome treten zurück, murmelnd verlieren sie sich in den hinteren Gründen, jeder Halbgedanke, der sie berührt, ballt sie zusammen, ruft sie zurück. Nicht daran rühren! Es geht, o o, doch, es geht, und da es geht, geht es weiter, geht es dahin.

Es geht dahin. Das Köstlichste daran ist, das enge Gehäuse des Selbst wie eine leere Limonenschale hinter sich liegenzulassen, der Sonne, dem Wind, dem achtlosen Tritt eines Nachfolgenden zu überliefern, ein trockenes, braunes, rasch zerbrechendes und zerbröselndes Stück Landschaft, und draußen zu leben, im Sonnenglast, im Windmeer, im stolzen, von lässiger Eleganz zeugenden Sprung eines Ory, in den Stufen und Wellen des roten und schwarzen Kibo. Wäre die Welt beseelt, so wäre das, was ich bin, ihre Seele: so findet, in einer Bewegung, die der heiseren Melancholie katholischer Ratschen ebenso knapp entronnen ist wie der energischen Munterkeit, mit der ein frisch zum Gefühl erwachter Knöchel den Takt eines Pop Songs auf die Armlehne eines Bürostuhls klopft, nun aber, zu schrankenlosem Gefühl erwacht, sich kaum zu erinnern vermag, der Lockruf des Alls Eingang in die pulsierenden Kammern eines geschwächten Wesens, das seine Reserven mobilisiert.

Dieses Gefühl, das ganz flach sein möchte, »sich wegdenken«, »sich wegatmen« möchte, um ganz da zu sein, beruht natürlich auf Illusion, aber was beruht nicht auf Illusion in dieser Region, in welcher der Körper die Nahrungsaufnahme zu verweigern beginnt? Immerhin erkennt es das auch, da es möchte, nicht möchte, sein möchte, also keinen Wimpernschlag lang aufhört, zu erwarten und zu entwerfen. Und ebensowenig wie ihm das Denken oder das Atmen einfach vergehen, vergeht ihm die Lust und die Unlust der Erwartung. Nur dass in diesem Fall das scheinbar bloß um einen Hauch – in Wirklichkeit um die volle Differenz der möglichen und der unmöglichen Welt – verfehlte Einssein, von der Sohle des Schreitenden in den rückwärtigen Raum geschleudert, ihn wie ein gleichermaßen unmittelbar Bevorstehendes und Zurückliegendes umzittert.

Die sonndurchflutete, von nichtssagenden Kräften bewegte Seele erkennt diesen Zustand als einen der ihren, sie erkennt ihn schon von fern und nimmt es deshalb nicht so genau mit ihm, so dass, was auf der einen Ebene als Illusion erscheint, auf der anderen als wirklichere Wirklichkeit sich Bahn bricht und alle Nebengedanken verscheucht, soweit das eben gelingt. So kommt es, dass sie sich abseits sammeln und ununterscheidbar werden von jenem Chor vermummter Gestalten, aus dem gelegentlich ein Schmerz herüberzüngelt und die Szene wie ein Wetterleuchten erhellt.

18.

Es ist Zeit zu tanzen. Er hebt das linke, er hebt das rechte Bein, wie um sich zu vergewissern, dass die wuchtigen Bergschuhe ihn nicht behindern, und es gelingt überraschend leicht; das Gewicht der Schuhe mischt in die Zaghaftigkeit des Beginnens eine Süße, eine leichte Schwermut. Kastagnetten schwirren – oder rauschen Gefieder? –, dort vorn, gerade vor ihm, schlägt ein Flügelpaar, ein Flügelpärchen:

Gelb glänzt das Bäuchlein auf, harrt in der Luft, der lange zarte gebogene Schnabel vibriert. Wie ein Schwimmer, der sich in Rückenlage hinauswirft, steht es in der Luft, rudert zurück, steht erneut.

Und es durchzittert ihn: das Gefühl der Freiheit. Gehorsam hebt er die Füße, unsagbar der Schritt, er wirft die Arme. Er wirft sie nicht wirklich, er wirft sie im Gefühl, oder besser, das Gefühl wirft sie für ihn, es wirft sie ins Freie, es wirft sie weit.

Nectariniidae. Regenwald-​Zöglinge. Besonderheit: die doppelröhrige Saugzunge.

19.

»Ach Glück«, bemerkt Werner wegwerfend, »das ist auch so…« Er findet das Wort nicht.

Edward und er sind wieder vereint, haben Stefans versonnen-​verkniffenes Lächeln überholt und plaudern gelassen.

Plaudern? Gelassen? Es vergeht Zeit, viel Zeit jedesmal, ehe so ein Wort gebildet wird und die Lippen passiert. Genug für den anderen, das vorher gefallene Wort zu vergessen, Gelegenheit für die Gedanken, weiter zu ziehen, fern von dem Platz, an dem der letzte Austausch stattfand.

Der Zug der Gedanken ist ungeheuer. Unabsehbar, ein Ameisenzug, Körper an Körper, Fühler an Hinterbein. Stockt eines, sogleich drängen die nächsten an ihm vorbei. Rastlos, blicklos, wortlos. Vorwärts. Keine Entfernung wird ihnen schwierig. Sie sind schon da, im Handumdrehen, sie waren schon da, sie sind schon vorbei.

20.

In der rostigen Landschaft, weit vor ihnen, wächst ein Punkt, verdoppelt sich, drängt in die Höhe und Breite: zwei Steine, mannshoch, übermannshoch, zwei Findlinge im Geröll, verwaiste Haltestelle abseits der Fahrpläne, ein Ziel, ein Zwischenstop.

21.

Sie haben die Steine hinter sich gelassen, sie sind gestiegen, marschiert, gestiegen. Als sie beinahe die Sattelhöhe der Lava Hills erreicht haben, von der aus endlich ihre Blicke ungehindert zum Kratersockelhinüberschweifen, zum Fuß des Gipfels, schält sich mit der Plötzlichkeit des Unvermuteten eine vertraute Gestalt aus dem Geröll: Tom, Götterspeise, Befahrer der Meere.

Vermummt und wackelig stolpert er ihnen entgegen. Erkennen verzerrt sein Gesicht zur freudigen Maske. Welch ein Gesicht!

»Warst du oben, Junge?«

Leichtes Nicken.

»War’s schwer?«

Und wie.

»Bist du heil?«

Der Mund ein Strich.

Ein Schlussstrich. Holpert weiter, ein Strich. Ab-​, abwärts.

22.

Sie bleiben beisammen.

So viel Vorlauf, um da zu sein, denkt Edward, wer weiß, ob ich ein zweites Mal hier herauf kommen werde.

Er denkt es nicht wirklich, es ist kein Einfall, der aufblitzt, eher eine Fläche, die sich ausbreitet und deren Schattierung wechselt.

Hierhin und dorthin.

Wahrscheinlich werde ich zu bequem sein, um den Weg noch einmal zu gehen.

Dieses eine Mal muss also genug sein.

Das ist alles sehr nah hier.

Aber diese Nähe macht müde.

Wenn man doch wegsehen könnte, irgendwohin.

23.

So viel Vorlauf, um da zu sein. Aber: bin ich jetzt da?

Ein wenig, vielleicht, ich müsste nur erst den bereits angefangenen Schritt ausführen, um das Bild zu schließen.

Hebt sich nicht schon die Ferse des anderen Fußes, während der erste sich senkt?

24.

Ich bin also angekommen: in einem Landstrich, den man durchzieht.

25.

Das Rad rollt aus sich selbst. Welches Rad? Nein, sprich es nicht aus. Was immer du sagtest, es wäre falsch. Zwar ist die Gefahr, dass du sprichst, nicht sehr groß; der Weg zu den Lippen ist so weit. Wessen Lippen? Das wechselt. Wie die Haut spannt. Das Rad rollt. Es wäre nicht schlecht, ein wenig zurückzubleiben. Einer trabt hinterdrein: wider Willen. Wäre ich zwei, so verstünde ich das. Aber da ist doch nur einer. Einer, der vorwärtsdrängt, einer, der zurückfällt. So sieht es aus.

So sieht es aus. Fragt sich für wen. Für den dritten, der auch keiner ist?

26.

Zusammen mit Casper hat Edward sich ein wenig von Werner und Stefan entfernt. Es kommt auch nicht mehr darauf an. Langsam arbeiten sie sich an die Felsvorsprünge und Geröllhalden heran, in denen der Fuß sich auf den ausschwingenden Sattel stemmt. Je steiler es wird, desto selbstverlorener, mit hängenden Köpfen, bewegen sie sich vorwärts. Wenn das Zusammentreffen mit Tom sie verbunden hat, so hat der Berg das Band mit leichter Hand wieder gelöst.

Es ist aber nicht wichtig. Auch der Berg ist nicht wichtig. So nah am Krater gibt es den Krater nicht mehr. Sein Bild ist verschwunden. Der täuschende Gott, dem die geborgte Majestät der Linienführung sich verdankte, hat sie ohne weiteres gelöscht. An die Stelle der Punkte, aus denen es sich zusammensetzte, sind machtvolle Hinderungsgründe getreten, die man umgehen oder besiegen muss.

Edward empfindet sie nicht als feindlich. Das Steigen ist ihm vertraut; hier findet er sich zurecht. Vielleicht hat der Führer etwas davon bemerkt, vielleicht hat er selbst die Führung an sich gezogen, ohne es zu merken, jedenfalls steigen sie einträchtig nebeneinander; wortlos.

Nur einmal, als er, mehr aus Gewohnheit oder um dem Körper unauffällig Gelegenheit zu geben, sich aufzurichten, sich umdreht und nach den anderen sieht, überfällt ihn das flutende Leben auf den Pfeilern und Fialen des Gegengipfels über der lichten Tiefe, in dessen Mitte er jählings die Rosette erkennt.

27.

Das morgendliche Nasenbluten hatte er vergessen. Ab und zu wurde er daran erinnert, dass seine Atemwege heute nicht gänzlich frei waren – eine Lappalie, nicht der Rede wert in der Ebene, hier jedoch, wo jedes Detail mit nimmermüdem Argwohn bedacht wird, ein Anlass für eine winzige Sorge, eine Besorgtheit am Rande, fast wieder dem Verdacht ausgesetzt, sich lächerlich zu machen, wenn man sie sich anmerken ließe.

Jetzt, zwischen den Felsen, fühlt er sich völlig unbeschwert. Überhaupt fühlt er wenig, und er vermisst nichts. Die Wolken, die ihm während des langen Anstiegs vor Augen standen, haben sich zusammen mit der Silhouette des Kibo in Nichts aufgelöst. An geschützten Stellen wärmt die noch immer im Zenith stehende Sonne beträchtlich. Die Schutzcreme, die wie eine zerfallende Maske auf dem Gesicht liegt, schafft im schneidenden Wind auf der Haut heiße und kalte Zonen.

Er spürt seine Muskeln. Mit der Leichtigkeit ist auch die Schwere vergangen. Jede Stufe im Fels, die erklommen, jede Steigung im Geröll, die überwunden werden muss, spannt ihn neu und überzieht die nahe und nächste Umgebung mit einer Art festlicher Erwartung.

28.

Er hat die pockennarbige Felsnase umklettert und tritt auf eine kleine Plattform hinaus. Grat reiht sich an Grat. Zu weit hinauf, um real, zu weit hinab, um unantastbar zu erscheinen.

Der Führer, schon weiter, wartet geduldig im Hintergrund. Edward muss zurück. Der Hang ist nur drüben passierbar.

Langsam hebt er den Blick. Caspers Stiefel, gepflegt wie eh und je, vom Staub gerötet, dreht sich knirschend.

Etwas dreht sich mit. Das Unnennbare, jenes Klümpchen Schleim, mit Missmut bedacht und schließlich vergessen, es löst sich – unerklärlich, blitzartig, zeit– und raumentfallen – und verschwindet in den Tiefen des Speisetrakts. Sein Verschwinden ruft eine namenlose Verwunderung hervor, die sich reflexhaft Bahn bricht: Edward schluckt und –

– kann es nicht fassen. Er schluckt ein zweites, ein drittes Mal. Erwartet, dass die Schluckbewegung sich in seinem Inneren fortsetzt und ihre naturgegebene Bestimmung erreicht.

Aber es geschieht nicht.

Es geschieht etwas anderes.

Der Magen, bisher unbeteiligt, unerreichbar für die vom Willen gesteuerte Kontraktion, regt sich, bewegt sich von unten her, aus eigenem Antrieb, und der Erfolg der Revolte erschüttert das Subjekt in den Grundfesten.

Edward muss, er müsste sich festhalten, schon wächst neben ihm aus dem Fels der Führer, mit fester Hand und offenem Blick, in welchem sich ein Ring aus Besorgnis bildet.

Vom Brechreiz gebeutelt, wünscht Edward vor allem eines: keine Bewegung. Schon das leiseste Schwanken verzehnfacht sich auf dem kurzen Weg ins Innere.

Über angedachte Innereien gebeugt, buchstabiert er die Nachricht vom Scheitern.

Sein Gipfelgang endet hier. Tabula rasa. Ehrgeiz? No.

Und seltsam leicht fällt es, das bisher Undenkbare zu denken. Es ergibt sich im Handumdrehen. Wo eben noch undurchdringlicher Fels stand und gebieterisch hinaufwies, öffnen sich flüchtig, fliehsüchtig Schneisen auf Wiesen oder dergleichen, nun, er könnte, wenn auch das nicht bereits zuviel Bewegung enthielte, schwören, jene hellen Flecken, die vor seinen Augen hüpfen, seien nichts weiter als tanzende Schmetterlinge.

29.

Nein, keineswegs, wiegelt Casper ab, keineswegs sei dies das gefürchtete Aus. »Das wird schon wieder.« Nur weiter, weiter. Nun gut, eine kurze Rast hält er für annehmbar, aber keinesfalls dürfe sie länger ausfallen, als einer braucht, um wieder zu Atem zu kommen.

»Pumpen«, hatte der Schweizer geraten, sollte es oben schwierig werden, pumpen, und Edward pumpt gehorsam: er hebt die angewinkelten Arme und senkt sie, einmal, zweimal, dann springt er mitten aus der Bewegung heraus wie der Kassierer aus einem in Fahrt gekommenen Kinderkarussell, denn während der Brechreiz nachlässt oder es ihm nur so vorkommt, explodiert sein Gehirn.

30.

Und er geht weiter, folgsam, ungläubig, von einem Rest Neugier getrieben, nimmt noch eine Steigung und eine zweite, dritte, und hell, kräftig, langgestreckt, ein aus lateinischen Lettern gefügtes Wort inmitten einer Aufschüttung wirr durcheinandergeworfener Runen, schiebt sich die Hütte in sein Blickfeld, ein flacher Steinbau mit engen, hochliegenden, wie vergittert gegen die Sonne gekehrten Fenstern.

31.

Noch sind die Träger nicht da, aber sie werden bald eintreffen, und die Führer drängen Werner, Stefan und Edward in das eisige Gemäuer hinein mit seinen durch halboffene Türen sichtbaren Mannschaftsräumen, seinen muffigen Stockbetten und seinem roh verputzten und überkritzelten Gemäuer, auf dessen Oberfläche Licht und Schatten unnachgiebig die Schwerter kreuzen, hinein in eine gähnende Leere, die etwas Beleidigendes enthält, die rohe Zumutung von Hast: so werfen sie ihre Rucksäcke auf Bettstellen, die ihnen dem Recht der Erstgekommenen zu entsprechen scheinen, und in diese etwas verlegen vollzogene Handlung hinein platzen die nächsten Ankömmlinge und nun die Träger, die mangels sprachlicher Feinsteuerung weitere Schlafplätze für sie requirieren.

32.

Erst im Freien kommt Edward wieder zu sich. Nicht etwa, dass die Lähmung wiche, die ihn dort drinnen befallen hat, das nicht, eher gewinnt sie den Spielraum, den sie braucht, um sich seiner ganz und gar zu bemächtigen, nachdem sie aufgrund der schauerlichen Nötigung, entschieden zu wirken (und des nicht minder schauerlichen Hütteninneren, das diese Nötigung zwingend machte, etwa wie ein künstlich angeheiztes Stimmengewirr einen zwingt, auch die dazu ungeeignetsten Worte zu schreien), in sich zusammengedrängt und geradezu versteinert auftrat.

Nun also bekommt sie freies Spiel. Noch haben die anderen nichts bemerkt, und er scheut davor zurück, ihnen ins Gesicht zu sagen, dass er nicht mehr dabei sein wird, wenn es heute nacht losgeht, er scheut sich überhaupt, etwas zu sagen, falls man die Unfähigkeit, zusammenhängende Worte zu formen, als eine Art Scheu verstehen darf. Auch wüsste er gar nicht, was er zu sagen hätte, sollte es ihm wider Erwarten gelingen, in Sätzen zu sprechen, denn diese Gewissheit, nicht mehr dabei zu sein, bezieht sich auf keine Zukunft, nurmehr auf die so unerwartet aufdringliche Gegenwart, aus der er sich auf keine Weise herauszudenken vermag, so dass die Überlegung, was diese Gewissheit in bezug auf das mitternächtliche Vorhaben, um dessenwillen sie heraufgekommen sind, überhaupt bedeuten könne, genauso im Spurlosen endet wie das Schlucken vorhin, mit dem alles begann.

33.

Die zweite Gruppe steht immer noch aus. »Muss koronar-​mäßig weiter betreut werden«: So hießen die letzten Worte, die Edward mit Dieters Person verbindet. Die Apothekerin hat sie gesprochen, zweideutig wie das Lächeln, das dabei um ihre Lippen spielte. (Welche andere Äußerungsform wäre ihr auch zu diesem Zeitpunkt offengestanden als dieses reine Spiel der Möglichkeiten, das wie absichtslos zwischen zwei Hautfalten tritt?)

Der Berg blättert die Menschen auf wie Zwiebeln, er ruiniert alle Geheimnisse, vor allem ihr letztes, das wie das vorletzte nichts enthält, was besonders persönlich wäre, außer dem Element, dem die anderen ihre ach so individuelle Krümmung verdanken, der Berg blättert sie auf, und was da bei Edward an die Oberfläche kommt, das ist eine große Unentschiedenheit, die sich als Besserwissen zu tarnen gelernt hat, aber in diesen Augenblicken zur Aphasie gerinnt. Gedankenversunken – wie geschieht das eigentlich: in Gedanken versinken? – trabt er den anderen, die eine sacht ansteigende Felsplatte als Liegeplatz ausgespäht haben, hinterdrein und streckt sich an ihrer Seite aus. Große große Sonne, es ist nichts geschehen, noch bleibt Zeit, mancherlei Zeit, in der alle befremdlichen Reizungen eintrocknen können wie ein Klümpchen Speichel, ein Stück Rotz, ein bisschen Auswurf, ein marginales Gerinnsel…

Er hebt den Kopf. Kraft kostet ihn das. Vor allem im Schulterbereich scheint der Körper mit dem Stein bereits verklebt zu sein. Der zurückflutende Kopfschmerz bringt eine eigene Syntax in Anschlag, in der, neben anderem, die Konditionalsätze radikal getilgt sind, aber dafür das Stocken, die retrograde Bewegung, die Inversion, das Festhalten um fast jeden Preis und das plötzliche Fallenlassen in den Rang allgemeiner und gesicherter Ausdrucksmittel erhoben werden.

»Es ist vorbei«, sagt er leise zu Werner hinüber, und, auf dessen fragendes Aufschauen hin, »ich bin draußen.«

»Bleib liegen«, bemerkt Werner ruhig, »ich bring’ dir eine Cola.« Er ist auf und davon, ehe Edward sich äußern kann.

Auf dem wärmenden Stein findet er Ruhe.

34.

Die mit einem nervösen Zucken einhergehende Vernünftigkeit des Menschen, der fragt »Was kann ich hoffen?« und damit seinem Gegenüber die Antworten »Alles oder nichts!« oder »Je nachdem!« bereits in den Mund legt, stößt dort, wo sie selbst die Antwort zu geben sich entschließt, auf unvermutete Schwierigkeiten. »Kann ich hoffen, diesem Glücksgefühl, der Lust dieses Augenblicks ein weiteres Mal zu begegnen?« Die Frage ist unmittelbar zu verneinen. Doch halt: sie ist es nur deshalb, weil der Finger auf diesem Augenblick, nicht aber auf der Lust, die er vermittelt, ruht. Ließe sich eine vom Augenblick, der sie vermittelt, ablösbare Lust denken, so wäre sie auch wiederholbar, und Techniker der Lust wissen um diese Wiederholbarkeit und die fast vollständige Anonymität allen Lustgefühls. Die Lust selbst besteht eigensinnig auf dem einmaligen Augenblick, sie zaubert ihn gewissermaßen hervor. Und diese magische Einmaligkeit erlebt man gleichermaßen als unwiederbringlich und unvergänglich. Das Bedürfnis, darin ein Versprechen zu finden, das in einer irgendwie anders gearteten Zukunft eingelöst werden müsste, ist zwar menschlich verständlich, aber auch nichts weiter als dies, es verdankt sich bereits der Empfindung des »Vorbei«, die nicht viel Umstände macht, wenn es gilt, im Gefühlshaushalt Ordnung zu schaffen.

Edwards negative Lust kennt kein Vorbei, und der Wunsch, die Zukunft zu erobern oder in ihr wiederzukehren, bleibt ihr fremd. Im Gegenteil, die vage Vorstellung, dass es »genug« sei, und eine matte Abwehr des in ihr beschlossenen Übermaßes scheinen zu ihren festen Bestandteilen zu gehören, falls man einem solchen Zustand der Auflösung überhaupt irgendeine Art von Festigkeit zugestehen möchte.

Und dennoch empfindet er Lust. Er zieht sie aus der Empfindung des nachlassenden, des jetzt beinahe abwesenden Schmerzes. Vor allem zieht er sie aus einem Nicht-​mehr, das sich nicht auf eine gehabte Lust, sondern auf ihr Vorgefühl richtet. Beinahe wäre er in der kommenden Nacht dort oben gestanden. Etwas ist zwischen ihn und diese Erwartung getreten: etwas Feindseliges, gewiss, aber an Entschiedenheit ihm so unendlich überlegen, dass mit seinem Dazwischentreten jene Erwartung sich sogleich als lächerlich und im Grunde unannehmbar enthüllt hat. Sollte er dankbar sein für diese Enthüllung? Wer weiß, vielleicht. Aber darum handelt es sich im Augenblick nicht. Dem Wegdämmern entspricht eine plötzliche Sorglosigkeit, deren Quelle zu sprudeln begann, als das vor ihm liegende Ziel – wo denn sonst sollte er es lokalisieren? – in Schall und Rauch versank.

In Schall und Rauch. Er könnte auch sagen: in Blitz und Donner. Oder: in Nacht und Nebel, obwohl ihm das letztlich weniger angemessen vorkäme. Da er weit davon entfernt ist, irgendetwas zu sagen, beschäftigen ihn die Alternativen nur obenhin, wenn auch mit einer gewissen Hartnäckigkeit. Sie erinnern ihn daran, dass er sich in einer prekären Lage befindet und es sich möglicherweise lohnt, Bestimmungen akkurat zu fassen, während ihm partout nicht gelingen will, sich aus dem Gestrüpp zweitklassiger Ideenverbindungen zu befreien, in das der Dämmerzustand ihn weiter und weiter hineinlockt.

Die geöffnete, ein wenig rauchende Colaflasche, die im Sand neben ihm steht, hat er vergessen.

35.

Nichts hätte ihn bewogen, sich auf die Füße zurückzubegeben und sich so erneut dem Tumult auszusetzen, den Kopfschmerz und Brechreiz ungeachtet der liegend verstrichenen Zeit in alter Regsamkeit unterhalten, hätte nicht Casper ihn energisch dazu aufgefordert und mit ungewöhnlich harschen Worten ins Haus verwiesen. So rollt er den Schlafsack aus, und da ihm kalt wird in dem öden Gemäuer, pellt er seinen Oberkörper aus vielerlei Hüllen, um ihn zu frottieren und von Grund auf in Wollzeug zu stecken.

Vielleicht hätte er es nicht tun sollen, aber die Windeseile, in der ein fürsorglicher Gedanke sich in einen Fehler und dieser sich in ein Vergehen gegen die eigene Person verwandeln kann, überrascht hin und wieder auch den ausgebufftesten Charakter. Casper jedenfalls, der ihn nicht aus den Augen gelassen hat, ist auch dieses Mal bereits wieder bei ihm, ergreift seine unendlich schlaffe Hand, führt sie hier in einen Hemdsärmel, dort in eine Pulloveröffnung und eine zweite hinein, wickelt die Windjacke um ihn, nötigt den stürmisch und übergangslos vom Schüttelfrost Gepeinigten in den Schlafsack und türmt Decken und weitere Schlafsäcke auf ihn, die er unverzüglich von den Nachbargestellen zusammenrafft.

Diesmal bringt das Liegen keine Erleichterung.

36.

Als erstes entdeckt er, dass die Kälte ihm unter alle Hüllen folgt, als sei sie gewillt, zwischen ihnen beiden nichts Störendes zuzulassen. Da sie von innen kommt (was kommt nicht von innen in diesen Tagen?), scheint sie ein Recht darauf zu besitzen, und sein Schlottern – »am ganzen Körper«: ja wo denn sonst? – erweist sich als eine einzige unentwegte Bejahung, als eine Rede, die bei nichts weniger ertappt werden will als bei Widerworten, welche überdies zwecklos wären. Was ihn beunruhigt und ihm angesichts seiner rückhaltlosen Zustimmung beinahe unfair erscheint, ist der Umstand, dass es den nach wie vor virulenten Brechreiz, dem nachzugeben er sich noch nicht überwunden hat, ebenso wie die Kopfschmerzen bis an die Grenze des Erträglichen, also ins Unsägliche steigert.

Unerträglich ist dies alles und überdies besorgniserregend. Denn wenn er sich auch sagen muss, dass im Augenblick nichts zu machen sei, so hält er den Hohn, der in dieser Feststellung liegt, für den Eröffnungszug einer Siegerlaune, die nicht mit Drohungen gegen Leib und Leben geizt. Die überlegene, willig anerkannte Macht, gegen die sich aufzulehnen ihm gleich zu Anfang zwecklos erschien, möchte sich nicht damit zufrieden geben, dass sie einen Jünger gefunden hat, sie will ihn ganz, sie will das Opfer. Im Gedanken daran wirkt es im nachhinein wie ein Akt unfassbaren Leichtsinns, willig, mit gleichsam gesenktem Haupt dort unten weitergegangen zu sein, und sich damit nahezu vertrauensvoll dem Ungeheuer in die Hände überliefert zu haben.

37.

Wenn er den Kopf hebt – nicht sehr, nur um eine Andeutung –, dann kann er zwischen den Stäben des Hochbetts hindurch auf die Gefährten blicken, die, von seiner Gegenwart nicht weiter geniert, ihre Unterhaltung bestreiten, ein hölzern Ding, an dem jeder ein bisschen zupft, so dass es das bemalte Köpfchen in seine Richtung dreht, ohne dass die wie meist zu fest an die Plattform geschraubten Räder sich dabei bewegten. Er ruht wohlverwahrt in einer Schublade, an deren Front – dem Fußende – man begütigenderweise eine Scheibe eingefügt hat. Durchlässiger als Glas, besitzt sie die Eigenschaft, den einen Raum in unterschiedliche Welten zu zerlegen. So nimmt er das Schicksal, sich an einem anderen Ort zu befinden, gelassen, wenn auch bebend hin. Übrigens ist er bemerkt worden. Zwischen zwei con brio geäußerten Überzeugungen hat sich Werner aus dem Stand heruntergebeugt, um ihn zu betrachten und in hoch und ein wenig schwimmend artikulierter Rede sein Befinden zu erkunden. Aufmerksam sieht die Runde zu ihm herüber. Edwards Antwort erschöpft sich in einem reflexhaften Öffnen und Schließen der Lippen. Möglicherweise findet auch ein Grunzton unbeabsichtigt dabei den Weg ins Offene. Jedenfalls gehen die anderen nicht weiter darauf ein. Einer holt sogar einen Satz Karten aus der Tasche, so dass er nun, was ihm ohnedies schwerfällt und eher lästig ist, die geneigten Haarschöpfe murmelnder Spieler hin– und herschwanken sieht.

Es hat ihn beruhigt, dass auch Dieter dabei ist, und er hat sogar geglaubt, den Ausdruck eines besonderen Mitgefühls über sein Gesicht huschen zu sehen, obwohl er sich da irren kann. Ausführlicher beschäftigt ihn die Lücke, die zwischen seinem schmerzlichen Verdämmern und dem Wiederaufschlagen der Augen liegt. Er weiß, er hat sich mit einer Kraft, deren er sich bis dahin nicht bewusst war, gegen den Sturz gestemmt. Die Angst, nicht mehr aufzuwachen, leckte bläulich im Zentrum des plötzlichen Wirbels, mit dem die kleingedrehte Bewusstseinsflamme zusammensackte und – ist das wahr? – erlosch. Über dieses Erlöschen würde er später gern mehr erfahren, vor allem, da er es jetzt alles in allem als eine Erleichterung empfindet, obwohl sie sich vielleicht eher aus der Tatsache erklären lässt, dass er ja wieder aufgewacht ist, und dies an gleicher Stelle, gewissermaßen noch bandagiert von der Angst, die erst nach und nach von ihm abfällt und der Erleichterung, da zu sein, ein wachsendes Mitspracherecht einräumt.

Ja, er fühlt sich dankbar und ein klein wenig ergriffen darüber, dass Dieter es bis hierher geschafft hat und, wenn auch eher teilnahmslos, vor ihm auf einem Stuhl sitzt. Eigenartig ist es schon, und wüsste er um die Bedeutung des Wortes »bitter«, die ihm augenblicklich entfallen ist, dann würde er vermutlich nicht zögern, einen winzigen Teil seiner Empfindung damit zu bezeichnen. Merkwürdig auch, dass Wort und Sache so auseinanderdriften. Er könnte dafür weitere Beispiele anführen, wie die Episode mit der Colaflasche, an die er sich jetzt deutlich erinnert. Aber wenn er darüber nachdenkt, so scheint ihm hier doch eher das erlösende Wort überhaupt zu fehlen, und die Drift bezieht sich auf andere Dinge, wie vielleicht das Schicksal der Kohlensäure, die als Rauch in der blauen Luft verweht, träge, sehr träge, aber er weiß, es wäre vergebliche Mühe, nach ihr zu haschen.

38.

Es wird Zeit, sich zu verabschieden. Er spürt es wohl, obwohl er es gern ein wenig hinausschieben würde. Die Strahlen der Sonne fallen lang und schräg durch die Fenster, aber in die untere Region, in der Edward ausgestreckt liegt, reichen sie nicht mehr.

Wieder ist es Werner, der sich zu seinem Fenster hinunterbeugt und ihn aufmunternd anblinkt.

»Mach dir keine Sorgen. Mehr als zwei Stunden sind wir nicht weg. Heut nacht bist du dann dabei. Versprochen.«

Sie wollen hinauf zur Meyer-​Höhle. Das Ritual des Berges verlangt es so.

39.

Eigentlich hätte er nicht gedacht, dass es so einfach ist, auf den Berg zu gehen, und dabei die allersimpelsten Vorsichtsmaßregeln außer acht zu lassen, mit denen verglichen das Verbot, bei Rot mit geschlossenen Ampeln eine vierspurige Pupille zu durchqueren, wie der Versuch erschiene, eine Gasmaske bei einer Fledermaus anzuschwärzen – mit welcher Begründung auch immer, denn diese Leere, die als gähnend nicht in Betracht kommt, entpuppt sich bei anderer Gelegenheit als ein risikoloser Pausenfüller. Kein Problem! In dieser Nacht, in der keine Katze unterwegs ist, die nicht grau wäre aus Furcht vor Eigentumsdelikten und ihre winzigrote Zunge rigoros zusammengerollt hinter den Zähnen verbärge, hätte er darauf gefasst sein sollen, dass auch die Höhle, von bengalischem Feuer illuminiert, einen schneidigen Anblick bietet, der durch das Summen eines Schwarms festlich gekleideter Hornissen nicht ganz vertilgt werden kann, im Gegenteil: die zwei Schläfer auf dunkler Schwelle, angetan mit Kapuzen und schwere Eispickel in den erschlafften Händen, sie seufzen im Traum und rollen sich näher heran an das Feuer, das in ihnen brennt und nunmehr lichterloh aus ihnen herausschlägt. Lässig tritt er hinzu und gibt einem von ihnen einen Stoß, ganz als ob er niese, und er wendet und rollt hinaus und zuckelt gemächlich über die Felsen hinunter, so dass von dem Poltern der andere ohne weiteres etwa erwachen könnte, hielte ihn zu dieser Stunde nicht ein Unhold mit Namen Ngobo gefangen, der jedermann, der ihn träumt, riesige Hände und Füße verleiht, aus denen Wasser tropft und tropft, bis alles aufgeleckt ist wie beim richtigen Tischleindeckdich, das blau und modrig aus Melchiors Brusttasche quillt, obwohl sein Gesicht im Augenblick vom Mondschatten verdeckt ist, denn aufwärts gehts, aufwärts.

Wenn dem so ist, dann muss er sich aber doch sehr wundern über das schwarze Futteral, das auf ihm lastet, schlimm wie der Berg und schlimmer, denn genaugenommen kniet doch der Berg vor ihm nieder. »Hinauf« heißt das, zwischen die nickenden Höcker, und husch husch Abschiednehmen. Es fehlt aber die Zeit, die er bräuchte, um sich den Mund zu wischen und um Hilfe zu schreien, was, wenn es gelänge, das Dunkel einfach zum Einsturz brächte.

– Nacht, hohe Amphore, ich fürchte nur, dass dieses Ticket weiter nicht gilt.

– Fürchten Sie nichts, lösen Sie nach.

Aber wo sind die Freunde? Das geht sicher aus sich heraus und in sich hinein, nur elend geht’s nimmer besser. Einfach ist nichts. Stefan zum Beispiel, er steigt schweigend, knirschte er mit den Zähnen, so wäre es der Stein oder die Schwäche. Werner kommt gleich dahinter, aber Dieter, o o, von seinen Lippen löst sich ein Notschrei: »Elsa, Elsa«, praticamente inaudibile pfeifen die Obertöne, der dümmste Hund verstände die Anspielung. Elsa erscheint in der Glorie, schneidend zerteilt sie die Menschheit, sicher, mit ruhiger Hand, denn sie ist eine Torte, und Dieter fällt. Als wäre ein Hieb vor ihm niedergefahren. Fährt sich durch das Gesicht, eine blutige Fläche, und fällt auf den Rücken. Stürzte in die Tiefe, wenn sie nicht vorgewarnt wäre und sich verweigerte. So zerschlägt ihn der Schotter dort, wo er immer am empfindlichsten war, ohne es zu wissen.

40.

Auf dem Gletscher, weiß-​blau aus der Nacht herausgetrennt, sind sie alle wieder – ja was denn? Sind sie alle wieder –? Nein, wer das glaubte. Aber die Fakten zählen, und sie, sie sind doch unübersehbar: dort, mit gekrümmtem Rücken, den Dolch im Gesäß, das ist ja Dieter, und der ihm zu Füßen sitzt, die Beine baumeln lässt und immer ein wenig nach den Schnürsenkeln schielt, wer anders wäre er als Bernhard, der Akkurate, in dessen Zügen ein Schmerz aufscheint, den Edward jetzt nicht entziffern muss, denn viel viel mehr Gäste sind zu begrüßen: neben den in bescheidener Anmut auftrumpfenden Fürsten der Chagga, Casper, Melchior und, na, sagen wir Nasios oder Nassjuss sind auch, und das ist weit mehr als jemals zu erwarten stand, die Träger heraufgekommen, festlich in ihren heruntergekommenen Bermudidas, denen hier und da ein Knopf fehlt oder ein Bändel vielleicht. Sie sitzen in einem weiten, leicht eingetrübten Halbkreis, eben hat Bibelstunde begonnen, und Wolfgang, unser großmächtiger Wolfgang, stolziert mit zitternden Bartenden, in denen grünschillernde Eisklümpchen frisch vergangene Eskapaden zum Klirren bringen, vor ihnen auf und ab, bis der Dings da ist, der Augen-​, der Augen-​, der Augenblick: da ein Schleifgeräusch Stefan vorneweg läuft und er in den beleuchteten Halbkreis tritt, leicht schwitzend unter seiner steifgefrorenen Mütze, denn der Sack, den er da heranschleppt, ein strahlend blauer Plastikmüllsack, ist, wie es scheint, randvoll mit Geschenken.

Die Führer der Chagga treten vor: das wird lustig, denn als sie sich mit ausgestreckten Armen zum Sack niederbeugen, schwänzelt Wolfgang, der zur Seite gegangen ist und rasch im Rucksack gewühlt hat (es ist Zeit, das Geheimnis ans Licht zu holen), zurück in die Runde, er reckt die Arme empor, und auf dem haarumflatterten Kopf, angespritzt von den Strahlen der blutrot über dem Mawenzi heraufsteigenden Sonne, blitzt und wirbelt die Narrenkappe – die Führer also, sie greifen mit der Gelassenheit von Hütern vorzeitlicher Instinkte in den Sack, und alles, was sie aus ihm ans kalt und grausam hervorbrechende Tageslicht zerren: Pullover, abgelatschte Turnschuhe, durchgesessene Jeans, ausgewaschene Bermudas, wandert rasch und unauffällig in die Hände ihrer ruhig im Kreis hockenden Klienten, unter denen jetzt aber ein junger Mann aufspringt und unter aufrührerischen Reden die ihm zugewiesene Hose hochhält, in deren Schritt ein gewaltiges Loch klafft.

Werner fehlt. Aber gefehlt! An die blauschimmernde Wand gelehnt, hat er sich für eine Romanze entschieden, die ihresgleichen sucht. Gerne würde Edward ihm stecken, wie aufrichtig leid ihm das alles hier tut, denn er fühlt mit brennender Scham, es ist seine Schuld, seine, seine… aber ach, dafür fehlen ihm die Worte und wohl auch, nur das übersieht er nicht so genau, der Verstand. So vernimmt er zwar mit offenem Mund, doch bloß mit halbem Ohr, was Werner, der knisternden Blicks diese unendlich dürftige Erhebung anstarrt, die sie seit Wochen im Kopf haben, wenn sie »Der Gipfel« sagen, vor sich hinmurmelt, die Arme verschränkt, die Mütze mit den Ohrenschonern tief ins Gesicht gezogen –

»– mit Stöcken, das Ganze… auf Taubenfüßen, Liebes, auf Taubenfüßen… der Teppich des Lebens wäre anders gestrickt, hättest du gelegentlich ein wenig mehr Zurückhaltung an den Tag… das Strömende… ein bisschen Sauerstoff ins Gehirn geblasen… alles wäre gut geworden, alles… diese Eruptionen, erschütternd, musste es immer die Welt, drunter sei nichts zu machen, es sei denn du, es sei, du –«

»Frage sie doch einfach«, mischt sich Edward jetzt ungefragt ein und nimmt dabei in Kauf, keines Blickes gewürdigt zu werden, »ob sie nicht vielleicht Unsere liebe Frau van Tongeren ist, damit wir sie mit Rosen zuschütten können. – Und falls nicht« – er hebt seine Stimme ein wenig, sie besitzt einen Metallgriff, mit dem er sie hier– und dahin bugsieren kann –, »und sollten diese strahlenden Gletscher hier, diese traurigen Schichtungen aus unzähligen Niederschlägen, darunter allzuviele K.o.’s, als eine Art Mausoleum erdacht worden sein, zur Erinnerung an ihre ein wenig lächerlich wirkenden Ausbrüche, so sagen wir ihr, ganz unverbindlich, eine Jahrhundertschmelze voraus, die sich gewaschen hat.«

41.

Warum denkt er dabei so angelegentlich an Elsa, Elsa und ihren Staff, an ihr energisches Händchen, das nichts anbrennen lässt und langsam durch das fad gewordene Haar streicht, welches soeben in eisiger Höhe unbeirrt seinen Weg nach Nairobi nimmt? Ehrlich gesagt, er hat nicht die geringste Ahnung. Africa is great. Aber wie es so geht, wenn das Herz einen Sprung macht: da oben im Azur sitzen ja auch die Freunde, lachen und prosten einander zu. Und es wird wohl das Koma sein, das mit dem Donnern der Düsentriebwerke Einzug in seine Gehirnzellen hält, fast als handle es sich um einen winzigen, jahrzehntelang gefrorenen Splitter der Explosion eines Gassenhauers in der New York Carnegie Hall.

Please let me explain
Again let explain
I could say well oh well
I even say wunderbar