1.

Wenn die Geis­ter Kurt Reb­manns, Hans Mey­ers und Joyce Car­n­aways sich vere­inigt hät­ten, um gemein­sam den heuti­gen Auf­stieg ins Werk zu set­zen, sie hät­ten sicher­lich ein son­der­bares Trio unter der kalten Sonne dieses erschreck­end frischen Mor­gens abgegeben – obwohl ver­mut­lich kein son­der­bar­eres als die vom mit­tler­weile nicht mehr ganz so real wirk­enden, nichts­destoweniger unen­twegt in seine Lek­türe ver­tieften Leser aus gle­ichem Anlass zum ersten und einzi­gen Mal mit einem iro­nis­chen Lächeln bedachten sechs, zu denen man die drei ernst, nahezu streng blick­enden Führer ebenso hinzuzählen muss wie die eine Stunde später auf­brechen­den Träger.

Sie sam­meln sich am Fuß eines Stein­haufens, aus dem ein ver­wit­terter Weg­weiser ragt: »Kibo – Lower Route«. Ste­fan hat den größten Brocken erk­lom­men und setzt eine gütige und feier­liche Miene auf.

»Ich habe mich mit Casper bere­det«, verkün­det er urbi et orbi, ein wenig ver­hal­ten gle­ich­wohl, »das Beste wird sein, wir bilden zwei Grup­pen. Die eine geht voraus, um die attrak­tiv­eren Plätze für die Nacht zu bele­gen – wir wer­den dort zwar nicht schlafen, aber für die Ruhe vor der let­zten Anstren­gung ist es so ganz angenehm –, die andere folgt pole pole, so dass alle mitkom­men. Das ist beson­ders wichtig, da wir nicht wis­sen, wie es Dieter erge­hen wird.«

»Mir geht es prächtig.«

»Das kann sich ändern.« Werner, frisch rasiert und bei blenden­der Laune, strotzt vor Taten­drang. »Ich gehe mit der ersten Gruppe.«

»Ich auch.« Edward.

»Dann sind wir drei. Das genügt.« Ste­fan klet­tert vom Stein­haufen herab. Casper, sein Schat­ten, stellt sich neben ihn. Ein suchen­der Blick gilt den Stöcken. Der Führer scheint zufrieden.

Allerd­ings verur­sacht Edward eine kurze Verzögerung. Er ist ver­schnupft – auch im Schlaf­sack hat ihn die Kälte heimge­sucht –, und als er sich schneuzt, fließt Blut. Nicht viel, aber genug, um zu aller­lei Ver­renkun­gen Anlass zu geben, denen die anderen mit gemis­chten Gefühlen beiwohnen.

Auf­bruch.

2.

Nur den unbe­darfteren Gemütern kommt es so vor, als böte die Lower Route den unbeschw­ert­eren Anstieg. Bei näherer Prü­fung erweist sich der san­fte Schwung der Land­schaft als eine Waschbret­tfor­ma­tion, die in vie­len kleinen Anläufen die Energie absorbiert, die das spek­takuläre Emporstreben der Upper Route im ersten Drit­tel zügig verbraucht.

Tat­säch­lich bedarf es schon einer moralis­chen Trübung des Blicks, um zu verken­nen, dass in Gipfel­nähe die kleinen Unter­schiede ihre Wirkung ver­lieren. Ob man rasch auf­steigt, um sich den schein­haften Genuss einer aus­gedehn­ten Panora­mawan­derung in großer Höhe zu erschließen, oder ob man lieber den Geset­zmäßigkeiten der Para­belform folgt und wach­sende Höhe mit zunehmender Steil­heit verbindet, hat mehr mit unbes­timmten Nei­gun­gen als mit hand­festen Vorteilen zu tun. Jeden­falls ver­wan­delt der geringe Sauer­stof­fan­teil der Luft auch die schein­bar müh­elose Höhen­wan­derung in eine ebenso wahr– wie wahn­haft bek­lem­mende Angelegenheit.

Auch darf man nicht überse­hen, dass sich die bei­den Strecken in der End­phase vere­ini­gen. Quere­in­steigern erwächst so der Vorteil, die Annäherung an die überirdis­che Fes­tung über den Sat­tel noch zu einem Zeit­punkt mit einem Neuigkeitswert auszus­tat­ten, zu dem dieser den Frühauf­steigern längst abhan­den gekom­men und vol­lkom­men unzugänglich gewor­den ist. Die Rolle des alten Hasen birgt Tücken, deren nicht ger­ing­ste in einer zur Schau getra­ge­nen Gle­ich­mut liegt, die angesichts einer unver­mutet näher­rück­enden Schwierigkeit leicht in Schwäche umschlägt, während der später Hinzugekommene, noch nicht Ver­wöh­nte, in ihr nichts zu erken­nen ver­mag, was ihm unge­wohnt vorkäme und zu größeren Beschw­er­den Anlass gäbe. Den­noch wird er sich zu Recht nicht für den Priv­i­legierten hal­ten. Wer eher da war, behält alles in allem die besseren Karten. Er ver­fügt über den erfahre­nen Ges­tus, was immer das heißt, und über den abschätzi­gen Blick, der dem Berg gegenüber wenig, jedoch in den Augen dessen, der ihn auf sich und den Din­gen ruhen fühlt, umso mehr bedeutet.

Naturgemäß blieben den bei­den Grup­pen der­lei Über­legun­gen ver­schlossen. Aus welchen Grün­den auch immer: sei es, dass es zu spät, sei es, dass es zu früh dafür war. Beruhigt über­ließ sich Bern­hard dem Trott, als die vier Köpfe der ersten Gruppe nach und nach jen­seits des näch­sten Kammes ver­schwan­den. Wolf­gang marschierte schweigsam, gesenk­ten Blicks, und Dieter schien keine Schwierigkeiten zu machen, aber das kon­nte sich, wie gesagt, ja noch ändern.

Das in Inseln und Streifen ros­t­braun ver­färbte Gewächs, das die sanft gewell­ten, vom harten Licht der Mor­gen­sonne aus­geschnit­te­nen Hänge bedeckt, erin­nert Bern­hard an seine gestrige Ver­mu­tung. So flüchtig sie aus seinem noch traumver­hafteten, mit ein wenig kaltem Wasser müh­sam in den neuen Tag hineingestoße­nen Gemüt auf­taucht, so sicher nis­tet sie sich dort ein, um nicht mehr zu weichen.

In den Erdspal­ten des Reusch-​Kraters, denen unun­ter­brochen Gas entströmt, wächst eine Flechte, deren Ver­wandte sich in den abweisenden Regio­nen der Sub­an­tark­tis finden: Helichry­sum newii. Auf dieses nicht über­mäßig aufre­gende Detail war Bern­hard bei seinen Rei­sevor­bere­itun­gen gestoßen, und es hatte sich ihm mit der Hart­näck­igkeit eingeprägt, mit der das Nicht­snutzige das Gedächt­nis seit eh und je besetzt. Er hatte sogar eine Abbil­dung dieser küm­mer­lichen Lebens­form betra­chtet – Farbe stumpf­grün, mit einem Stich ins Grauweiße hinein, Form unschein­bar, Größe unauffällig.

Gut kon­nte er sich vorstellen, wie diese Infor­ma­tion Ste­fan elek­trisierte. An der ein­sam­sten Stelle jener befremdlichen Gipfel­welt, dort, wo der Koloß am spür­barsten seinen Anspruch bekräftigt, zu erneuter Tätigkeit zu erwachen, wenn es an der Zeit ist, ver­wan­delt sich noch das erbärm­lich­ste Stückchen Leben ganz von allein in ein unwider­stehliches Objekt des Begehrens. Und hat er nicht recht? Ein Zeichen, ein sicht­bares Zeichen nach Hause tra­gen, das nicht zer­rinnt wie der Kiboschnee, den Reb­manns Suchtrupp vergebens in die Tiefe zu trans­portieren unter­nahm, befriedigte eine ganze Reihe von Bedürfnis­sen, unter denen das, zu beweisen, wohin man vorge­drun­gen war, in intellek­tueller Hin­sicht vielle­icht einen der hin­teren, aber dafür gesicherten Plätze ein­nahm, weil es etwas vom Sinn der Expe­di­tio­nen bewahrte, auf denen sich der wis­senschaftliche Men­sch die Erde erschlossen hat.

Der erste, sein­erzeit in den Labors der Welt mit Span­nung erwartete Brocken Mondgestein hatte auch keine andere Auf­gabe zu erfüllen. Im Gegen­teil, da es zu jener Zeit als »weit­ge­hend aus­geschlossen« galt, dass sich dort oben Spuren organ­is­cher Daseins­for­men finden lassen wür­den – eine Hypothese, die man in dieser Schroffheit wiederum zu rev­i­dieren lernte –, wusste man von Beginn an, so wie man in diesen Kreisen »weiß«, dass man weniger in der Hand hal­ten würde als Ste­fan hier, der sich des Werts seiner vielle­icht nicht ger­ade saft­strotzen­den Trophäe bewusst sein durfte.

Leben in Extremen: Mis­strauisch bedachte Bern­hard seine geschun­de­nen Füße mit Blicken, denen das verkrustete und ver­staubte Leder der Bergschuhe vorzeitig Ein­halt gebot.

Von Wolf­gangs Geheim­nis ahnt er nichts.

3.

Edwards Nasen­bluten war gestillt und vergessen. Dafür belästigte ihn eine belegte Stelle am Gau­men, deren verzicht­barer Reiz sich gle­ich­mütig allen Sen­sa­tio­nen der Höhe und des Mor­gens zum Trotz im Gehen erhielt. Manch­mal schien sich der Belag zu ver­flüs­si­gen, gab sich eine längliche, Füh­ler in den vorderen Rachen­raum ausstreck­ende Gestalt, die von einem zum anderen Augen­blick wieder ver­schwand. Diese Poly­mor­phie des Gebildes, die für Momente ein völ­liges Ver­schwinden ein­schloss, weckte sein Mis­strauen, weil sie ihn in einem ständi­gen Zweifel hielt, ob er nicht einer psy­choph­ysis­chen Gaukelei erlag.

Es hätte ihn nicht gewun­dert. Sie hätte nur die Erleb­nisse der Nacht fort­ge­setzt – mit anderen Mit­teln, aber wer weiß –, wenn man jene aus aller­lei seel­is­chen Unbekömm­lichkeiten gewebten Regun­gen ohne Rich­tungssinn über­haupt als Erleb­nisse beze­ich­nen durfte. Auch die Mor­gen­luft ver­mochte sie nicht voll­ständig zu zer­streuen; als leichter Schleier wehten sie hin­ter ihm drein. Erst die von innen und außen ein­set­zende Wärme würde sie vertreiben.

4.

Wenn er es recht bedenkt, ist auch Ste­fan an diesem Mor­gen nicht ganz frisch. Allerd­ings kostet es ihn Über­win­dung, das Ereig­nis der let­zten Nacht zu bedenken, und ob er es recht zu bedenken imstande sei, dage­gen erhebt eine dun­kle Instanz in ihm schwere Bedenken.

Hat es ihn geschwächt? Er weiß es nicht, und so, wie er auss­chre­itet, würde er die Frage im Augen­blick eher verneinen. Aber er weiß aus Erfahrung, wie wenig ein solches momen­tanes Befinden über die Fähigkeit aus­sagt, eine Auf­gabe wie die heutige zu bewälti­gen. Man wird es sehen, mehr lässt sich gegen­wär­tig nicht sagen.

Hat er etwas gesagt? Sicher ist er sich nicht, rasch sieht er sich um. Werner, der zehn Schritte hin­ter ihm seine Bahn zieht, zerrt am Reißver­schluss. Ihm scheint bere­its warm zu werden.

Der Gute. Oder besser: der Erstaunliche. Nein, diese Zähigkeit hätte er von ihm nicht erwartet. Fre­und­schaftlich hätte er gefeixt, wäre es anders gekom­men, und selb­stver­ständlich war er darauf vor­bere­itet, irgend­wann Schadens­be­gren­zung zu betreiben und Samari­ter­di­en­ste zu leis­ten. Es hätte gut­ge­tan, weil es den anderen gezwun­gen hätte, die Maske der Agilität zu lüften und den Hil­fs­bedürfti­gen zum Vorschein kom­men zu lassen, der auch in ihm stecken musste, weil er in jedem steckte.

Heute muss er die Hoff­nung wohl aufgeben. Er kann nur wün­schen, dass die Wolke, in der er steckt – Stephen in a cloud, Stephen in a cloud summt ein inneres Stimm­chen –, zwar der einen oder anderen sub­li­men Regung ent­ge­genkommt, aber nicht allzu machtvoll den Organ­is­mus ver­heert. Das Gefühl, über­legen zu sein, ist ihm, jeden­falls fürs erste, vergangen.

Vielle­icht hat ja auch das sein Gutes.

Ein Tra­griemen am Ruck­sack hat sich gelock­ert, nicht viel, aber genug, um für eine störende Asym­me­trie zu sorgen.

Soll er –? Später.

Immer wieder gab es in seinem Leben Zeiten, in denen er unter dem Ver­größerungs­glas einer gut entwick­el­ten Neugier im Gewebe seiner Eigen­schaften den dün­nen Faden zu ent­decken unter­nom­men hatte, dessen Vorhan­den­sein das Ganze erst gerecht­fer­tigt hätte – den Demutsfaden. Das Scheit­ern dieser Ver­suche hätte ihn nicht weiter beun­ruhigt, hätte es nicht eine ihm unerk­lär­liche Lücke in seiner Selb­st­deu­tung hin­ter­lassen. Sollte sich aus­gerech­net heute die Lücke schließen, nichts kön­nte die Uner­forschlichkeit der Wege, die einer wie er gehen muss, anschaulicher dokumentieren.

Es ist die Wen­dung der Dinge, die ihn verblüfft. Da auch Casper sich in diesem Augen­blick umdreht, ver­mut­lich, weil er soeben einen Aus­sicht­splatz oder einen ver­bor­ge­nen, aber deshalb nicht weniger realen Hal­tepunkt inner­halb seines pri­vaten Ori­en­tierungssys­tems erre­icht hat, weiß er sich nichts Besseres, als den Sack von der Schul­ter zu nehmen, um auf der Stelle den Riemen zu prüfen, der sich so unver­mutet als Merk­posten in sein Gesichts­feld geschoben und bere­its sachte begonnen hat, den Hor­i­zont zu veren­gen. Wer mit sich im Reinen sein will, darf sich nicht scheuen, jeder Kleinigkeit in Gedanken, Worten und Werken ihr volles Gewicht beizule­gen. Und das ist, mit Ver­laub, einiger­maßen gedanken­los daherge­sagt, denn da nie­mand das wahre Gewicht der Dinge kennt, hät­ten wir, jeden­falls von Zeit zu Zeit, die Pflicht, das, was wir unsere Welt nen­nen, in jeder Kleinigkeit zu erken­nen und ihr das Gewicht beizumessen, das man, in Erman­gelung eines besseren Aus­drucks, das Gewicht der Welt nen­nen könnte.

Die kleinen Dinge sind die großen – in Wahrheit natür­lich, worin denn sonst. Dass diese nur durch Rei­fung zugängliche Ein­sicht die volle Para­doxie des Berg­steigens umschließt, sollte jede hand­grei­fliche Ausle­gung von vorn­herein als Verblendung brand­marken. Denn am Berg, das weiß der Dümm­ste, geschieht nichts, nur weil es sich ger­ade so ergibt. Der Dümm­ste, soviel steht fest, hat am Berg die Nase vorn. Da ihm die Äußerung von Intel­li­genz erlassen ist, kann er sich darauf beschränken, zu sagen: »Das alles macht Sinn.« Damit nicht zufrieden, wird er hinzuset­zen: »Alles hängt miteinan­der zusam­men.« Ste­fan sieht ihn dahinziehen, die Nase im Wind, den Stock fest in der Hand, und Neid steigt in ihm auf.

Nun war die Wen­dung, die das Aben­teuer gestern abend für ihn genom­men hat, mit Hän­den zu greifen gewe­sen. Insofern wäre es ungerecht, so zu tun, als habe sich ger­adezu Unbe­grei­fliches ereignet. Und doch war es unbe­grei­flich, erstens, weil es geschah, zweit­ens, weil es so geschah, wie es geschah, und drit­tens, weil es so, wie es geschah, eine Botschaft an ihn enthielt, die zu entschlüs­seln einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte, obwohl er jetzt schon weiß – falls diese Schwaden, die sein Gehirn durchziehen, so etwas wie Wis­sen enthal­ten –, dass sie nichts Gutes ankündigt.

Aber das ist eine Frage der Per­spek­tive. Alles, was ver­stört, arbeitet dem Heil vor. Zwar kann er sich nicht erin­nern, über Impotenz am Berg Ein­schlägiges gele­sen zu haben. Dies wäre also seine Erfahrung. Er würde nicht so weit gehen, zu sagen, es sei allein seine Erfahrung, das wäre doch zu bit­ter und eher unwahrschein­lich. Ihn ver­langt nicht nach neg­a­tiver Erwäh­lung. Ein wenig Wahl war schließlich dabei und sie schme­ichelte ihm gewaltig, auch wenn sie seine Männlichkeit schließlich und endlich auf eine eher bit­tere Weise markierte. Auch heute noch wiegt ihn die Unbekan­nte, schaukelt sich in dem beson­nten Stumpf­grün der Hänge, auf denen hier und da der Rost ver­gan­gener Brände liegt. Sie hat ihn gewählt wie die Land­schaft, in die er sich nun ein weit­eres Mal hinein­be­g­ibt: groß, offen, ohne zu fra­gen, ein biss­chen rück­sicht­s­los wie alles Elementare.

5.

Offen ges­tanden, hätte sie angesichts seines Ver­sagens nicht die Hände vors Gesicht geschla­gen, die Sache hätte ihn wenig berührt. Was ihn ver­stört hat, war ihr Erschrecken – denn das, nicht etwa Ent­täuschung (eine kindliche Regung angesichts der Höhe, in der ihrer bei­der Drama spielte) glaubte er aus ihrem Ver­hal­ten zu lesen, auch wenn sich heute Zweifel regen. Solche Zweifel sind gesund, sie schaf­fen Raum, und sie kom­men gewöhn­lich zu spät.

Von dem erstar­rten Kör­per tasteten seine Gedanken hinüber zu ihrem vor Tage­san­bruch zu Tal gekar­rten Gefährten.

Das hol­prige, auf einem Rad über Stock und Stein sprin­gende Gefährt, die muskulösen Träger, einer hin­ten, einer vorn, die den wie tot Daliegen­den ein ums andere Mal in die richtige Lage zurückschieben, sich mit dem Ober­arm den Schweiß von der Stirn wis­chen und dabei einen Palaver unter­hal­ten, der anfang– und end­los ist wie der Weg, wie die Sonne, die über die Hügel her­aufkommt, wie die Luft, wie der Schweiß, wie das Gestrüpp, wie die Savanne, zwis­chen deren Rän­dern und den darüber­liegen­den Wolken feine Dun­stschleier weben, aus alle­dem sprach eine Stimme zu ihm, laut­los und vernehm­lich, ohne Worte, ohne Gram­matik, ohne Ver­stand. Diese Stimme hatte ihm nichts zu sagen, obwohl sie mit einer Dringlichkeit fort­sprach, die ihn ver­wirrte und ihrer­seits eine zweite Reihe begann, so dass zwei Stim­men ihn bedrängten, bis mit einem Mal damit Schluss war, weil ihm aufging, dass dieses flächige Raunen, dieses Fließen und Quellen und Verebben sein Prob­lem darstellte, sein Gipfelproblem.

Er besaß keine Schärfe.

Am lieb­sten hätte er die Unbekan­nte von der Pritsche gestoßen. Hätte er es nur getan! Stattdessen lag er stock­steif wie sie auf den Bret­tern und sah zu, wie die Dinge sich flächig im Hirn verteil­ten und langsam in Rauch aufgin­gen. Darüber war er wohl eingepennt, und was er heute um sich herum wahrn­immt – den Führer, der ihnen seit dem kurzen Halt in einiger Ent­fer­nung folgt, als wolle er auf diese Weise andeuten, dass die Wahl der Auf­stiegs­geschwindigkeit nun allein ihre Angele­gen­heit gewor­den sei, die bei­den Gefährten, die in gutem Abstand fol­gen, wobei Edward zu trödeln scheint, vor ihm die immer neu sich heben­den Boden­wellen –, es reiht sich müh­e­los ein, so dass die Frage, ob er wache oder träume, höch­stens durch einen Mück­en­stich entsch­ieden wer­den kön­nte, der hier oben nicht vorkommt.

6.

Alle haben etwas gemerkt, mit Aus­nahme Wern­ers vielle­icht, in dessen Gesund­heitss­chlaf nur ein Knar­ren und Knarzen und Rascheln drang. Müh­e­los set­zte sein Traum­be­wusst­sein die Geräuschfolge in kitschige Gen­re­bild­chen um.

Auf einem Ele­fan­ten brach Elsa Mel­stroem durch das Gehölz, tri­umphal, nackt natür­lich, ihr Blick funkelte, fächer­ar­tig spreizte sie gegen ihn die Fin­gernägel. Um den erhobe­nen rechten Arm ringelte sich eine Schlange. Im brechen­den Unter­holz ran­nten Rat­ten aufgescheucht hin und her und taten, was stets getan wer­den muss, um die Brut in Sicher­heit zu bringen.

Arme Rat­ten! Der Ele­fan­ten­rüs­sel peitscht den Boden, Wurzeln reißen, schon split­tert die Veranda des ein­samen Block­hauses, schon wankt die Vor­wand, viel­sagend blaut der See von draußen herein, hoch schwingt der Rüs­sel, Stoßzähne blitzen, da gleitet die unsicht­bare Hand hin­ter dem grü­nen Revers her­vor – Sachen geschehen im Traum! – und zieht sachte das Ungetüm am Schwanz hin­ter den Hor­i­zont zurück, der bei dieser Gele­gen­heit eine Delle erhält, der­jeni­gen nicht unähn­lich, mit der sich das let­zte Entwe­ichen von Gas aus einem Bal­lon ankündigt.

7.

Edward, der einzige, der Bescheid weiß, weiß nichts. Da ihm bekannt ist, wie sehr Geräusche im Dunkeln die Phan­tasie in die Irre lenken, lehnt er es ab, dem Gehörten irgen­deine Bedeu­tung beizule­gen. Er findet, die bei­den seien äußerst diskret vorge­gan­gen, falls sie es wirk­lich miteinan­der getrieben hät­ten. Falls nicht, so erweckt die Beredtheit der Schlaf­säcke und Anoraks eher Vor­be­halte gegen diese Art, das Lager zu teilen. Angesichts der durch­drin­gen­den Kälte hätte er nichts dage­gen gehabt, die Sache selbst zu pro­bieren. Schade nur, dass er durch seinen ungestü­men Griff das scheue Wesen ver­trieben hatte.

8.

Bern­hard hielt die Geräusche für eindeutig.

Ein dum­mer Zufall, genauer gesagt, eine Asyn­chronie der Geschehnisse hatte dafür gesorgt, dass ihm eine entschei­dende Infor­ma­tion fehlte, da er sowohl das Herein– als auch das Hin­aushuschen der Elfin ver­schlafen hatte. Vor seinem inneren Auge entrollte sich eine »closed-room«-Affäre. Ein Rät­sel ist Uner­schlossenes: Wo war die Spur?

Zweck­mäßig wäre der Rück­griff aufs Ausschlussverfahren.

Wolf­gang mit Werner: sinnlose Paarung.

Wolf­gang mit Dieter: unwahrscheinlich.

Wolf­gang mit Edward: inter­es­sant, aber unmöglich.

Werner und Dieter: möglich, aber durch Medika­mente belastet.

Auf bei­den Seiten.

Edward und Dieter: pervers.

Bleiben Edward und Werner. Die zwei stecken ohne­hin, metapho­risch gesprochen, unter einer Decke. Ander­er­seits stumpft allzu lange Ver­trautheit ab. Aber was weiß er schon über die bei­den. Zuwenig, um sich nicht an der Nase herum­führen zu lassen.

Der Schnelle und der Ver­sponnene. Klas­sis­che Paarung.

Dann vielle­icht doch lieber Wolf­gang mit Dieter. Ohn­macht und Ungestüm. Ein Hauch von Notzucht umweht seine Nase, strenge Dün­stung. Ihre Hand, Mar­quise.

Dieter mit Edward: da allerd­ings ver­sagt seine Phan­tasie. Auch sie ist endlich. Er steht zu seiner Beschränktheit.

Im Vorüberge­hen köpft er eine Dis­tel… Ein knäbis­ches Ver­hal­ten, wie er sich eingesteht, es kön­nte die let­zte am Weg gewe­sen sein. Ver­mut­lich steht sie unter Naturschutz.

Ste­fan lässt er aus dem Spiel. Eine Tiara zieht man nicht ohne Not in den Schmutz.

9.

»N-​ein, ich höre nicht auf.« Unter dem Dach der Schir­m­mütze ganz auf Weltscheu getrimmt, gäbe das strup­pig her­vorste­hende Haar nicht andere Auskunft, gelingt es Dieter, Wolf­gang ger­ade so lange zu täuschen, wie dieser es schafft, ihm ungeteilte Aufmerk­samkeit zu schenken: ein schwieriges, rasch abge­broch­enes Unter­fan­gen. In unter­schiedlichen Idiosynkrasien ver­fan­gen, glauben beide dem anderen kein Wort. »Eine Leiche auf Abruf«, tex­tet Wolf­gangs wenig wort­mächtiges Selbst, und: »Er sollte sich lieber vorse­hen.« Der andere ist ihm ein Rät­sel und wom­öglich eine Gefahr für sie alle.

10.

Seit die Köpfe der ersten Gruppe jen­seits der Kup­pen ver­schwun­den und nicht mehr aufge­taucht sind, fühlt Dieter sich unge­bun­dener. Keine Ein­flüsterung hin­dert ihn länger daran, seinem Rhyth­mus zu fol­gen. Ein bren­nen­der Schmerz zwis­chen den Rip­pen begleitet ihn, die Achseln kleben, er ver­meint den Schweiß zu riechen, üblen, kriechen­den Schweiß, der das Selb­st­be­wusst­sein beein­trächtigt, aber das ist nicht wichtig, ver­glichen mit dem Druck, der seine Gehirn­hälften auf­bläht und gegen die Stirn presst.

Diese Schwäche. Aber sie ist jetzt leichter zu ertra­gen, sie ist weit gewor­den, eine flächig verteilte Bürde, die er stück­weise längs des Weges aufli­est und hin­ter sich lässt wie die Perlen eines Rosenkranzes.

Selt­sames Bild. Der aus­ge­tretene Pfad zwis­chen den Büschen, im kahlen Gelände, sofern über­haupt, durch einen hellen Ock­er­ton ken­ntlich, kann es nicht angeregt haben.

Über alle Kämme und Kup­pen hin­weg hebt er den Blick, höher, noch höher, gezwun­gen fast, zu der mächti­gen Schwärze und den unregelmäßig darüberge­bre­it­eten Laken, deren unteres Drit­tel ein schmutziger grauer Schat­ten trübt, den von Westen her aufquel­lende Wolken der Gipfelflanke auflegen.

Er muss hin­auf. Dass ihm ein Tag fehlt, aus seinem Gedächt­nis gelöscht, die Reste in Tücher wie die dort oben einge­hüllt, es wiegt leicht, es wiegt nichts angesichts eines Entschlusses, der wie ein gekrümmter Tiger auf den richti­gen Augen­blick lauert. Die Karte hat er im Kopf, mit jedem Schritt fal­tet sie sich mehr vor ihm auf, und da ihm das Gefühl der Stärke gründlich abhan­den gekom­men ist, hat sein Plan sich nun­mehr in eine aus­gek­lügelte List ver­wan­delt, die er Schritt für Schritt ins Werk setzt, während Wolf­gang und Bern­hard, die Ahnungslosen, nicht begreifen kön­nen, woher seine Zuver­sicht ihre Reser­ven bezieht.

11.

Über geschwärztem Gebüsch, Fel­strüm­mern, gelock­ert und krumm in den Him­mel ragend (Überbleib­seln eines unbekan­nten Raubtierge­bisses): rot über­sprenkelte Stau­den, im Gegen­licht glühend.

12.

Last Water. Ein stilles Rinnsal, von einem gebo­ge­nen Stück Blech begehrlichen Hän­den ent­ge­genge­hoben. Casper beugt sich darüber und winkt und nickt ihnen auf­munternd zu. Ste­fan lässt den Ruck­sack zu Boden gleiten und tritt auf die Seite. Werner bückt sich, netzt das Gesicht. Edward nähert sich, eher ver­son­nen, bleibt ste­hen, geht in die Hocke, setzt sich auf einen Stein, streckt die Beine aus und schlägt sie übere­inan­der. »Last water«, bekräftigt Casper und füllt seine Kanne. Keiner trinkt.

13.

Werner fällt zurück. Auf einer Klippe zieht Edward vor­bei, nicht ohne zu fra­gen, ob alles »in Ord­nung« sei. Werner, den Blick sin­nend zu Boden gesenkt, hebt die Hand: abwehrend und gelassen. Edward kennt die Geste. Beruhigt nimmt er sich vor, zu Ste­fan vorzus­toßen, der den näch­sten Felsenkamm über­stiegen hat und, nur noch bis zum Gür­tel sicht­bar, im vierten Haus steht. Ein wenig wun­dert ihn die Leichtigkeit, mit der er sich gegen­wär­tig bewegt, geschmei­dig fast, ver­glichen mit den Hol­prigkeiten des Mor­gens. Beinahe senkrecht steht die Sonne, der Wind hat aufge­frischt, die Wolken über dem Krater wech­seln von Minute zu Minute. Manch­mal zieht eine über den Hang hin­weg, dann fröstelt ihn in der Jacke.

Diese Leichtigkeit hat etwas Unnatür­liches. Nein, das stimmt nicht. Sie ist Teil seiner Natur, aber ein schmaler: Man tritt schnell über Rän­der, wenn man sich in ihr bewegt. Woher er das weiß? Es ist mehr eine Ahnung, der Anflug einer Bestürzung, die ihn noch nicht erre­icht hat und mildernde Boten vorauss­chickt. Auch das Prick­eln ist wieder da, feiner, ver­wobener, schwer einzuschätzen.

Alles an ihm ist Bejahung. Er kann nicht sagen, dass dieses Ja aus organ­is­chen Vor­räten stammt, eher aus einem Über­schwang des Wil­lens, vom Kör­per leise grol­lend zuge­s­tanden. Aber auch diese Deu­tung trifft nicht, da sie einen Gegen­satz auf­stellt, der so nicht existiert. Gewiss, augen­blick­lich ist er überzeugt, mit dem ger­ing­sten Kraftaufwand seine Energien hier­hin und dor­thin lenken zu kön­nen, aber gle­ichzeitig weiß er, dass er sich damit zum Besten hält, weil er über keine oder nur geringe über­schüs­sige Kräfte ver­fügt. Die Empfind­ung, leicht zu sein, ist daher trügerisch oder, weil die Frei­heit, die sie sug­geriert, die Probe aufs Exem­pel nicht beste­hen würde, allen­falls das Anze­ichen einer geisti­gen Beweglichkeit ohne Fol­gen. Und selbst diese Fol­gerung will gut über­legt sein, obwohl ger­ade darin eine Schwierigkeit zu liegen scheint, da die über­große Ver­sa­til­ität (welch ein Wort!) des Geistes die ruhige Über­legung nicht wenig behin­dert. So fällt es ihm leicht, an nichts Bes­timmtes zu denken, aber dies auf eine das Glück der Kühn­heit mit dem der Ver­son­nen­heit ver­schmelzende Weise, die ohne­gle­ichen ist.

14.

Nicht ohne Grund hat sich Werner zurückgenom­men. Er ist »gut eingestellt« wie ein Ren­npferd oder ein Marathon­läufer oder doch eher wie ein Ver­hand­lungs­führer oder ein Vertreter, soll sagen, ein Men­sch, der einen Abschluss erre­ichen möchte und entschlossen ist, über das Gewirr von Wegen, die dor­thin führen, mit Geschick und Ver­schla­gen­heit zu ver­fü­gen. Vielle­icht ist dieses Bild auch falsch. Ganz sicher ist es falsch: denn der Wider­stand, auf den er gefasst ist, und den, wann immer er auf ihn trifft, zu umge­hen er bereit ist, dieser Wider­stand kommt ja nicht von außen, son­dern von innen, was immer das heißen könnte.

Was immer das heißen kön­nte: Da der Gedanke, das Befinden einzel­ner Organe zu überwachen, offenkundig Unsinn ist, und Werner abso­lut nicht weiß, aus welcher Rich­tung er die Attacke erwarten soll – vielle­icht wird sie sich bloß men­tal zur Ken­nt­nis brin­gen –, untern­immt er es, eine Aufmerk­samkeit in sich herzustellen, die gle­ich­mäßig in alle Rich­tun­gen aus­greift. Das gelingt nicht so ein­fach, da schon die Rede von »Rich­tun­gen« in diesem Fall eine Meta­pher ist, und keine sehr glück­lich gewählte.

Dieses »reine« Innen besitzt kein Oben und Unten, kein Rechts und Links, kein Vorne und Hin­ten. Das ist bedauer­lich, denn kein noch so vor­läu­figer Ver­such, sich in einem Raum zurechtzufinden, kann auf der­gle­ichen Vorstel­lun­gen verzichten.

Vor allem: wo immer er es zu fassen beginnt, wirkt es bedrohlich. Eigentlich führt auch der Aus­druck »es fassen« in die Irre. Denn was er, in seinem Inneren fah­n­dend, zu fassen bekommt, das weicht zurück, es löst sich auf in Drücke, in Zuck­un­gen, in lange weiche Übergänge, in raf­finierte Ver­tauschun­gen, und ähnelt ver­teufelt dem Geg­ner in einem Fangspiel, der immer neue Tis­che, Stühle, ein­stürzende Kar­ton­türme und herum­ste­hende Rasen­mäher zwis­chen sich und den Ver­fol­ger zu brin­gen ver­steht. Genauso ver­bre­itet das Innere, wann immer man ihm ängstlich auf den Leib zu rücken ver­sucht, Angst: der Pulss­chlag erhöht sich, der Blick, der ger­ade noch klar und entspannt auf den Din­gen ruhte, trübt ein, sucht nach Wider­lagern, hat schon begonnen sich zu ver­wan­deln. Was als Aufmerk­samkeit begann, endet als Mis­strauen: das ist der Weg nach innen, der Weg ins Nirgendwo.

An diesem Punkt ange­langt, emp­fiehlt es sich, zu pausieren. Das Kun­st­stück besteht darin, sich vom Warten darauf, dass etwas geschieht, zu lösen, sich von dem, was geschehen kön­nte – und, dies neben­her, unun­ter­brochen geschieht –, abzuwen­den, wie ein Schläfer, dem das Bewusst­sein der Gefahr abhan­den gekom­men ist, wie ein Geschäfts­mann, der mit­ten im Zusam­men­bruch der Fam­i­lien­firma ein Techtelmech­tel beginnt, wie ein Kind, das im Angesicht des Entset­zlichen zu spie­len beginnt. Diese Fähigkeit abzu­lassen ist ein Geheim­nis, unter den lis­ten­re­ichen Vorkehrun­gen unserer Natur vielle­icht das ernsteste.

Und es gelingt. Schwer zu sagen wie, aber er spürt, dass etwas, das außer sich ger­aten war, in seine Gren­zen zurück­kehrt: ein Punkt nur, ein dun­kler, sich schwank­end verdich­t­en­der Punkt, ein Korn fast und fast schon ein Blinzeln, ein Auge­nauf­schlag. »Ich bin wieder da«, heißt das, »was stehst du hier herum? Gehen wir!«

15.

Last Water II. Dieter, im Geröll liegend, den Kopf auf die Jacke gebet­tet, eine Hand als Son­nen­schutz über Stirn und Augen. Bern­hard und Wolf­gang, auf ihre Stöcke gestützt, beu­gen die Rücken. Aufrecht, leicht, ein klein wenig unbeteiligt, dabei fre­undlich und offen blick­end, unverkennbar »Begleit­per­sonal«, ste­hen Mel­chior und Athana­sios um sie herum.

Bern­hard und Wolf­gang hegen densel­ben Gedanken. Wie lange wird er wohl durch­hal­ten? Wort­los entzweit sie dieses mut­maßende »wohl«.

Wolf­gang, ganz mit­füh­lende Besorg­nis, kann den Augen­blick kaum erwarten, in dem die Entschei­dung fällt. Umkehren oder Weit­erge­hen? Noch ist alles offen, doch im Grunde seines Herzens weiß er, dass er es nicht über sich brin­gen wird, den Vater des Unternehmens ins Dunkel einer ungewis­sen Betreu­ung zu stoßen. Er wird also mit ihm zurück­ge­hen, und dass er es weiß, obwohl noch alle Optio­nen offen­ste­hen, macht ihn ruhig und nervös zugle­ich wie eine Fliege, die den Unmut dessen fühlt, den sie belästigt.

Bern­hard hinge­gen ver­hält sich ruhig, zu ruhig vielle­icht, viel zu ruhig, um kor­rekt zu sein, als dass nicht hier und da ein auf­steigen­des Befrem­den über sich selbst die Klarheit seines Bewusst­seins trübte. Auch er rech­net nicht ern­sthaft damit, dass Dieter den Gipfel erre­icht, und so, wie er da liegt, scheint auch die Hütte in uner­messlicher Ferne zu entschwinden. Was tun? Er nimmt an, dass die Führer Bescheid wis­sen und zum geeigneten Zeit­punkt das Richtige ver­an­lassen werden.

Er wird also weit­erge­hen. Wird er? Aufmerk­sam mustert er den Liegen­den. Bedarf er des Mit­ge­fühls? Seine Miene ver­rät nichts. Sie ist nicht offen und nicht geschlossen, weder ein­ladend noch abweisend. Man sieht das Gesicht eines Men­schen, das nichts preis­gibt, was man nicht wüsste. Und das ist entsch­ieden wenig.

Zum ersten Mal seit dem Mor­gen haben die Führer das Schweigen gebrochen. Über die Köpfe der Berg­steiger hin­weg geht ihr Gespräch gle­ich dem Zis­cheln einer Wind­hose unten, in der Ebene.

»Er wird es nicht schaffen.«

»Natür­lich nicht.«

»Brin­gen wir ihn nach unten?«

»Nein.«

»Glaubst du, es wird noch ein­mal besser?«

»Eher schlechter.«

»Dann schaf­fen wir ihn weg.«

»Das wer­den wir schön bleibenlassen.«

»Ich weiß, warum du das sagst. Er hat Medika­mente genommen.«

»Und wenn schon. Das nützt ihm auch nichts.«

»Im Augen­blick schon.«

»Er ist in Gefahr.«

»Dann brin­gen wir ihn weg.«

»Siehst du Gefahr?«

»Ich sehe nichts.«

»Wenn wir nichts sehen, kön­nen wir auch nichts tun.«

»Er hat Medika­mente genommen.«

»Das weiß ich auch.«

»Hätte er keine genom­men, wüssten wir schon, was los ist.«

»Wir brin­gen ihn in Sicherheit.«

»Will er denn?«

»Auf keinen Fall. Der will nach oben, das sieht man.«

»Na also.«

»Du meinst, er macht Scherereien?«

»So oder so.«

»Dann schaf­fen wir ihn hoch.«

»Schaf­fen wir ihn hoch.«

16.

Die Auf­gabe, die sie in den näch­sten Stun­den erwartet, hat zwei Gesichter. Ein­er­seits gilt es, im steten Auf­stieg der Gruppe der Lava Hills näherzukom­men, deren Ensem­ble man erst aus der Tiefe bewun­dert, deren Spitzen – melan­cholisch ragende Stein­haufen – dann aber, je höher man kommt, eine nach der anderen hin­ter einem zurück­bleiben, bis man zwis­chen der drit­ten und der vierten hin­durch zum Sat­tel und damit zur Upper Route vorstößt, unge­fähr dort, wo der Weg – wenn man die seit län­gerem nur noch mit Stein­män­nchen markierte Strecke »Weg« nen­nen möchte – nun erneut anzusteigen beginnt und der Fuß des Kraters zum ersten Mal nah und wirk­lich erscheint: ein Wech­sel in der Wahrnehmung, der sich so plöt­zlich und über­mächtig vol­lzieht, dass man ihn auch als Ein­tritt des Wan­der­ers in die Unwirk­lichkeit des Bildes beze­ich­nen kön­nte, ohne dem Real­is­mus der Beschrei­bung damit Abbruch zu tun.

Schw­erer ist das andere Gesicht zu beschreiben, auch wenn es sich auf ebenso nach­drück­liche Weise bemerk­bar macht. Schon länger ver­misst der Leser, unwirk­lich oder nicht, ein sinnliches Ele­ment: Gerüche. Gibt es einen Gipfel­geruch? Wenn es ihn gäbe – wenn, wie gesagt –, dann müsste er kalt und leer sein, ein Geruch unter­halb jener Schwelle, von der an wir einen Geruch über­haupt wahrzunehmen bereit sind. Diese Unter­schre­itung aber würde sofort eine andere Wahrnehmung auf den Plan rufen, eine, die durch die Abwe­sen­heit der üblichen Reize angeregt und gewis­ser­maßen her­vorgek­itzelt wird. Eine gesteigerte Wahrnehmung also? O nein. Eher eine, die zur Selb­s­ther­rlichkeit neigt und das, was fehlt, aus eige­nen Bestän­den – denn jede Wahrnehmung zehrt von einer angeeigneten Fülle –, aus eige­nen Bestän­den also ergänzt.

Wenn es einen Gipfel­geruch gibt – und nie­mand zweifelt daran, dass es ihn gibt –, so ver­dankt er der kar­gen Land­schaft nur wenig. Einen Bestandteil allerd­ings stellt der Berg: den eigen­tüm­lichen Duft, der von beson­nten, durch den extremen Wech­sel der Tag– und Nacht­tem­per­a­turen aufge­broch­enen Steinen aus­geht und inmit­ten der Hochwüste Wirkun­gen ent­fal­tet, die in der Ebene ihres­gle­ichen suchen.

Es ist gefährlich, diesem sachte schwank­enden, Gesicht und Gehör unbeein­druckt lassenden Tep­pich Beach­tung zu schenken, vor allem, wenn es auf eine ganz bes­timmte Weise geschieht: der Wan­derer »hält inne«, der reiche Duft schme­ichelt ihm, es ver­langt ihn nach mehr, er atmet tief, die Brust weitet sich, und in die Beglück­ung hinein meldet sich eine kleine, ver­wis­chte dumpfe Empfind­ung nahe dem Zwer­ch­fell oder auch dem Brust­bein – hohe Zeit, abzubrechen und den Weg mit ver­ringerter Aufmerk­samkeit fortzusetzen.

Zu spät. Ein per­fide ver­an­lagter Fälscher hat einen genauen Abguss der Lun­gen­front ange­fer­tigt und ihn so sin­nre­ich unter den Rip­pen befes­tigt, dass er dem Atem­holen jedes­mal aufs neue Ein­halt gebi­etet, bevor das Organ seinen vorgeschriebe­nen Umfang erre­icht. So hallt der dumpfe Schlag an eine stets uner­wartete Bar­riere in der Brust und, verzögert, in den sich rasch ein­trüben­den Gehirn­win­dun­gen des über­rumpel­ten Genießers wider.

17.

Ste­fan fürchtet den Sauer­stoff­man­gel nicht. Darin liegt seine Stärke. Aber genau­sowenig kann er das Fluten der Symp­tome ver­hin­dern, dieses Kom­men und Gehen von Aufmerk­samkeiten, aus deren Zusam­mensinken unun­ter­brochen weit­ere, schein­bar neue her­vorge­hen, solche, die sich unverse­hens als alte Bekan­nte ent­pup­pen, bevor sie weit­er­wan­dern, darunter der Schläfen­sturz, eine eigen­tüm­liche, durch die Unter­ver­sorgung bes­timmter Gehirnzellen stim­ulierte Sprung– und Fall­be­we­gung, die in ein unwillkür­liches Stirn­run­zeln aus­läuft und von einem imag­inären Zurück­fluten unter­halb der Schädeldecke gefolgt wird.

Gern würde er einen Ory im Gelände ent­decken, aber die Flächen sind leerge­fegt. Wirk­lich? Ihm scheint, einen Moment lang habe er einen Umriss wahrgenom­men, dünn gegen die Wolkenkulisse dort oben, vielle­icht ein Teil von ihr, unzweifel­haft Teil seiner schweifenden Seele, und die Symp­tome treten zurück, murmelnd ver­lieren sie sich in den hin­teren Grün­den, jeder Hal­bgedanke, der sie berührt, ballt sie zusam­men, ruft sie zurück. Nicht daran rühren! Es geht, o o, doch, es geht, und da es geht, geht es weiter, geht es dahin.

Es geht dahin. Das Köstlich­ste daran ist, das enge Gehäuse des Selbst wie eine leere Limo­nen­schale hin­ter sich liegen­zu­lassen, der Sonne, dem Wind, dem acht­losen Tritt eines Nach­fol­gen­den zu über­liefern, ein trock­enes, braunes, rasch zer­brechen­des und zer­brösel­ndes Stück Land­schaft, und draußen zu leben, im Son­nenglast, im Windmeer, im stolzen, von läs­siger Ele­ganz zeu­gen­den Sprung eines Ory, in den Stufen und Wellen des roten und schwarzen Kibo. Wäre die Welt beseelt, so wäre das, was ich bin, ihre Seele: so findet, in einer Bewe­gung, die der heis­eren Melan­cholie katholis­cher Ratschen ebenso knapp entron­nen ist wie der ener­gis­chen Munterkeit, mit der ein frisch zum Gefühl erwachter Knöchel den Takt eines Pop Songs auf die Arm­lehne eines Büros­tuhls klopft, nun aber, zu schranken­losem Gefühl erwacht, sich kaum zu erin­nern ver­mag, der Lock­ruf des Alls Ein­gang in die pulsieren­den Kam­mern eines geschwächten Wesens, das seine Reser­ven mobilisiert.

Dieses Gefühl, das ganz flach sein möchte, »sich weg­denken«, »sich wegat­men« möchte, um ganz da zu sein, beruht natür­lich auf Illu­sion, aber was beruht nicht auf Illu­sion in dieser Region, in welcher der Kör­per die Nahrungsauf­nahme zu ver­weigern beginnt? Immer­hin erkennt es das auch, da es möchte, nicht möchte, sein möchte, also keinen Wim­pern­schlag lang aufhört, zu erwarten und zu entwer­fen. Und eben­sowenig wie ihm das Denken oder das Atmen ein­fach verge­hen, vergeht ihm die Lust und die Unlust der Erwartung. Nur dass in diesem Fall das schein­bar bloß um einen Hauch – in Wirk­lichkeit um die volle Dif­ferenz der möglichen und der unmöglichen Welt – ver­fehlte Eins­sein, von der Sohle des Schre­i­t­en­den in den rück­wär­ti­gen Raum geschleud­ert, ihn wie ein gle­icher­maßen unmit­tel­bar Bevorste­hen­des und Zurück­liegen­des umzittert.

Die son­ndurch­flutete, von nichtssagen­den Kräften bewegte Seele erkennt diesen Zus­tand als einen der ihren, sie erkennt ihn schon von fern und nimmt es deshalb nicht so genau mit ihm, so dass, was auf der einen Ebene als Illu­sion erscheint, auf der anderen als wirk­lichere Wirk­lichkeit sich Bahn bricht und alle Nebengedanken ver­scheucht, soweit das eben gelingt. So kommt es, dass sie sich abseits sam­meln und unun­ter­schei­d­bar wer­den von jenem Chor ver­mummter Gestal­ten, aus dem gele­gentlich ein Schmerz herüberzün­gelt und die Szene wie ein Wet­ter­leuchten erhellt.

18.

Es ist Zeit zu tanzen. Er hebt das linke, er hebt das rechte Bein, wie um sich zu vergewis­sern, dass die wuchti­gen Bergschuhe ihn nicht behin­dern, und es gelingt über­raschend leicht; das Gewicht der Schuhe mis­cht in die Zaghaftigkeit des Begin­nens eine Süße, eine leichte Schw­er­mut. Kastag­netten schwirren – oder rauschen Gefieder? –, dort vorn, ger­ade vor ihm, schlägt ein Flügel­paar, ein Flügelpärchen:

Gelb glänzt das Bäuch­lein auf, harrt in der Luft, der lange zarte gebo­gene Schn­abel vib­ri­ert. Wie ein Schwim­mer, der sich in Rück­en­lage hin­auswirft, steht es in der Luft, rud­ert zurück, steht erneut.

Und es durchzit­tert ihn: das Gefühl der Frei­heit. Gehor­sam hebt er die Füße, unsag­bar der Schritt, er wirft die Arme. Er wirft sie nicht wirk­lich, er wirft sie im Gefühl, oder besser, das Gefühl wirft sie für ihn, es wirft sie ins Freie, es wirft sie weit.

Nec­tarini­idae. Regenwald-​Zöglinge. Beson­der­heit: die dop­pel­röhrige Saugzunge.

19.

»Ach Glück«, bemerkt Werner weg­w­er­fend, »das ist auch so…« Er findet das Wort nicht.

Edward und er sind wieder vere­int, haben Ste­fans versonnen-​verkniffenes Lächeln über­holt und plaud­ern gelassen.

Plaud­ern? Gelassen? Es vergeht Zeit, viel Zeit jedes­mal, ehe so ein Wort gebildet wird und die Lip­pen passiert. Genug für den anderen, das vorher gefal­l­ene Wort zu vergessen, Gele­gen­heit für die Gedanken, weiter zu ziehen, fern von dem Platz, an dem der let­zte Aus­tausch stattfand.

Der Zug der Gedanken ist unge­heuer. Unab­se­hbar, ein Ameisen­zug, Kör­per an Kör­per, Füh­ler an Hin­ter­bein. Stockt eines, sogle­ich drän­gen die näch­sten an ihm vor­bei. Rast­los, blick­los, wort­los. Vor­wärts. Keine Ent­fer­nung wird ihnen schwierig. Sie sind schon da, im Han­dum­drehen, sie waren schon da, sie sind schon vorbei.

20.

In der ros­ti­gen Land­schaft, weit vor ihnen, wächst ein Punkt, ver­dop­pelt sich, drängt in die Höhe und Bre­ite: zwei Steine, mannshoch, über­mannshoch, zwei Fin­d­linge im Geröll, ver­waiste Hal­testelle abseits der Fahrpläne, ein Ziel, ein Zwischenstop.

21.

Sie haben die Steine hin­ter sich gelassen, sie sind gestiegen, marschiert, gestiegen. Als sie beinahe die Sat­tel­höhe der Lava Hills erre­icht haben, von der aus endlich ihre Blicke unge­hin­dert zum Krater­sock­el­hinüber­schweifen, zum Fuß des Gipfels, schält sich mit der Plöt­zlichkeit des Unver­muteten eine ver­traute Gestalt aus dem Geröll: Tom, Göt­ter­speise, Befahrer der Meere.

Ver­mummt und wack­e­lig stolpert er ihnen ent­ge­gen. Erken­nen verz­errt sein Gesicht zur freudi­gen Maske. Welch ein Gesicht!

»Warst du oben, Junge?«

Leichtes Nicken.

»War’s schwer?«

Und wie.

»Bist du heil?«

Der Mund ein Strich.

Ein Schlussstrich. Holpert weiter, ein Strich. Ab-​, abwärts.

22.

Sie bleiben beisammen.

So viel Vor­lauf, um da zu sein, denkt Edward, wer weiß, ob ich ein zweites Mal hier her­auf kom­men werde.

Er denkt es nicht wirk­lich, es ist kein Ein­fall, der auf­blitzt, eher eine Fläche, die sich aus­bre­itet und deren Schat­tierung wechselt.

Hier­hin und dorthin.

Wahrschein­lich werde ich zu bequem sein, um den Weg noch ein­mal zu gehen.

Dieses eine Mal muss also genug sein.

Das ist alles sehr nah hier.

Aber diese Nähe macht müde.

Wenn man doch wegse­hen kön­nte, irgendwohin.

23.

So viel Vor­lauf, um da zu sein. Aber: bin ich jetzt da?

Ein wenig, vielle­icht, ich müsste nur erst den bere­its ange­fan­genen Schritt aus­führen, um das Bild zu schließen.

Hebt sich nicht schon die Ferse des anderen Fußes, während der erste sich senkt?

24.

Ich bin also angekom­men: in einem Land­strich, den man durchzieht.

25.

Das Rad rollt aus sich selbst. Welches Rad? Nein, sprich es nicht aus. Was immer du sagtest, es wäre falsch. Zwar ist die Gefahr, dass du sprichst, nicht sehr groß; der Weg zu den Lip­pen ist so weit. Wessen Lip­pen? Das wech­selt. Wie die Haut spannt. Das Rad rollt. Es wäre nicht schlecht, ein wenig zurück­zubleiben. Einer trabt hin­ter­drein: wider Willen. Wäre ich zwei, so ver­stünde ich das. Aber da ist doch nur einer. Einer, der vor­wärts­drängt, einer, der zurück­fällt. So sieht es aus.

So sieht es aus. Fragt sich für wen. Für den drit­ten, der auch keiner ist?

26.

Zusam­men mit Casper hat Edward sich ein wenig von Werner und Ste­fan ent­fernt. Es kommt auch nicht mehr darauf an. Langsam arbeiten sie sich an die Felsvor­sprünge und Geröll­halden heran, in denen der Fuß sich auf den auss­chwin­gen­den Sat­tel stemmt. Je steiler es wird, desto selb­stver­lorener, mit hän­gen­den Köpfen, bewe­gen sie sich vor­wärts. Wenn das Zusam­men­tr­e­f­fen mit Tom sie ver­bun­den hat, so hat der Berg das Band mit leichter Hand wieder gelöst.

Es ist aber nicht wichtig. Auch der Berg ist nicht wichtig. So nah am Krater gibt es den Krater nicht mehr. Sein Bild ist ver­schwun­den. Der täuschende Gott, dem die geborgte Majestät der Lin­ien­führung sich ver­dankte, hat sie ohne weit­eres gelöscht. An die Stelle der Punkte, aus denen es sich zusam­menset­zte, sind machtvolle Hin­derungs­gründe getreten, die man umge­hen oder besiegen muss.

Edward empfindet sie nicht als feindlich. Das Steigen ist ihm ver­traut; hier findet er sich zurecht. Vielle­icht hat der Führer etwas davon bemerkt, vielle­icht hat er selbst die Führung an sich gezo­gen, ohne es zu merken, jeden­falls steigen sie ein­trächtig nebeneinan­der; wortlos.

Nur ein­mal, als er, mehr aus Gewohn­heit oder um dem Kör­per unauf­fäl­lig Gele­gen­heit zu geben, sich aufzurichten, sich umdreht und nach den anderen sieht, über­fällt ihn das flu­tende Leben auf den Pfeil­ern und Fialen des Gegengipfels über der lichten Tiefe, in dessen Mitte er jäh­lings die Rosette erkennt.

27.

Das mor­gendliche Nasen­bluten hatte er vergessen. Ab und zu wurde er daran erin­nert, dass seine Atemwege heute nicht gän­zlich frei waren – eine Lap­palie, nicht der Rede wert in der Ebene, hier jedoch, wo jedes Detail mit nim­mer­mü­dem Arg­wohn bedacht wird, ein Anlass für eine winzige Sorge, eine Besorgth­eit am Rande, fast wieder dem Ver­dacht aus­ge­setzt, sich lächer­lich zu machen, wenn man sie sich anmerken ließe.

Jetzt, zwis­chen den Felsen, fühlt er sich völ­lig unbeschw­ert. Über­haupt fühlt er wenig, und er ver­misst nichts. Die Wolken, die ihm während des lan­gen Anstiegs vor Augen standen, haben sich zusam­men mit der Sil­hou­ette des Kibo in Nichts aufgelöst. An geschützten Stellen wärmt die noch immer im Zenith ste­hende Sonne beträchtlich. Die Schutzcreme, die wie eine zer­fal­l­ende Maske auf dem Gesicht liegt, schafft im schnei­den­den Wind auf der Haut heiße und kalte Zonen.

Er spürt seine Muskeln. Mit der Leichtigkeit ist auch die Schwere ver­gan­gen. Jede Stufe im Fels, die erk­lom­men, jede Stei­gung im Geröll, die über­wun­den wer­den muss, spannt ihn neu und überzieht die nahe und näch­ste Umge­bung mit einer Art fes­tlicher Erwartung.

28.

Er hat die pocken­nar­bige Fel­snase umk­let­tert und tritt auf eine kleine Plat­tform hin­aus. Grat reiht sich an Grat. Zu weit hin­auf, um real, zu weit hinab, um unan­tast­bar zu erscheinen.

Der Führer, schon weiter, wartet geduldig im Hin­ter­grund. Edward muss zurück. Der Hang ist nur drüben passierbar.

Langsam hebt er den Blick. Caspers Stiefel, gepflegt wie eh und je, vom Staub gerötet, dreht sich knirschend.

Etwas dreht sich mit. Das Unnennbare, jenes Klüm­pchen Schleim, mit Miss­mut bedacht und schließlich vergessen, es löst sich – unerk­lär­lich, blitzar­tig, zeit– und rau­ment­fallen – und ver­schwindet in den Tiefen des Speise­trakts. Sein Ver­schwinden ruft eine namen­lose Ver­wun­derung her­vor, die sich reflex­haft Bahn bricht: Edward schluckt und –

– kann es nicht fassen. Er schluckt ein zweites, ein drittes Mal. Erwartet, dass die Schluck­be­we­gung sich in seinem Inneren fort­setzt und ihre naturgegebene Bes­tim­mung erreicht.

Aber es geschieht nicht.

Es geschieht etwas anderes.

Der Magen, bisher unbeteiligt, unerr­e­ich­bar für die vom Willen ges­teuerte Kon­trak­tion, regt sich, bewegt sich von unten her, aus eigenem Antrieb, und der Erfolg der Revolte erschüt­tert das Sub­jekt in den Grundfesten.

Edward muss, er müsste sich fes­thal­ten, schon wächst neben ihm aus dem Fels der Führer, mit fes­ter Hand und offenem Blick, in welchem sich ein Ring aus Besorg­nis bildet.

Vom Brechreiz gebeutelt, wün­scht Edward vor allem eines: keine Bewe­gung. Schon das leis­este Schwanken verzehn­facht sich auf dem kurzen Weg ins Innere.

Über angedachte Innereien gebeugt, buch­sta­biert er die Nachricht vom Scheitern.

Sein Gipfel­gang endet hier. Tab­ula rasa. Ehrgeiz? No.

Und selt­sam leicht fällt es, das bisher Undenkbare zu denken. Es ergibt sich im Han­dum­drehen. Wo eben noch undurch­dringlicher Fels stand und gebi­eter­isch hin­aufwies, öff­nen sich flüchtig, fliehsüchtig Schneisen auf Wiesen oder der­gle­ichen, nun, er kön­nte, wenn auch das nicht bere­its zuviel Bewe­gung enthielte, schwören, jene hellen Flecken, die vor seinen Augen hüpfen, seien nichts weiter als tanzende Schmetterlinge.

29.

Nein, keineswegs, wiegelt Casper ab, keineswegs sei dies das gefürchtete Aus. »Das wird schon wieder.« Nur weiter, weiter. Nun gut, eine kurze Rast hält er für annehm­bar, aber keines­falls dürfe sie länger aus­fallen, als einer braucht, um wieder zu Atem zu kommen.

»Pumpen«, hatte der Schweizer ger­aten, sollte es oben schwierig wer­den, pumpen, und Edward pumpt gehor­sam: er hebt die angewinkel­ten Arme und senkt sie, ein­mal, zweimal, dann springt er mit­ten aus der Bewe­gung her­aus wie der Kassierer aus einem in Fahrt gekomme­nen Kinderkarus­sell, denn während der Brechreiz nach­lässt oder es ihm nur so vorkommt, explodiert sein Gehirn.

30.

Und er geht weiter, fol­gsam, ungläu­big, von einem Rest Neugier getrieben, nimmt noch eine Stei­gung und eine zweite, dritte, und hell, kräftig, langgestreckt, ein aus lateinis­chen Let­tern gefügtes Wort inmit­ten einer Auf­schüt­tung wirr durcheinan­derge­wor­fener Runen, schiebt sich die Hütte in sein Blick­feld, ein flacher Stein­bau mit engen, hochliegen­den, wie ver­git­tert gegen die Sonne gekehrten Fenstern.

31.

Noch sind die Träger nicht da, aber sie wer­den bald ein­tr­e­f­fen, und die Führer drän­gen Werner, Ste­fan und Edward in das eisige Gemäuer hinein mit seinen durch hal­bof­fene Türen sicht­baren Mannschaft­sräu­men, seinen muf­fi­gen Stock­bet­ten und seinem roh ver­putzten und überkritzel­ten Gemäuer, auf dessen Ober­fläche Licht und Schat­ten unnachgiebig die Schw­erter kreuzen, hinein in eine gäh­nende Leere, die etwas Belei­di­gen­des enthält, die rohe Zumu­tung von Hast: so wer­fen sie ihre Ruck­säcke auf Bettstellen, die ihnen dem Recht der Erst­gekomme­nen zu entsprechen scheinen, und in diese etwas ver­legen vol­l­zo­gene Hand­lung hinein platzen die näch­sten Ankömm­linge und nun die Träger, die man­gels sprach­licher Fein­s­teuerung weit­ere Schlaf­plätze für sie requirieren.

32.

Erst im Freien kommt Edward wieder zu sich. Nicht etwa, dass die Läh­mung wiche, die ihn dort drin­nen befallen hat, das nicht, eher gewinnt sie den Spiel­raum, den sie braucht, um sich seiner ganz und gar zu bemächti­gen, nach­dem sie auf­grund der schauer­lichen Nöti­gung, entsch­ieden zu wirken (und des nicht min­der schauer­lichen Hüt­tenin­neren, das diese Nöti­gung zwin­gend machte, etwa wie ein kün­stlich ange­heiztes Stim­mengewirr einen zwingt, auch die dazu ungeeignet­sten Worte zu schreien), in sich zusam­menge­drängt und ger­adezu ver­stein­ert auftrat.

Nun also bekommt sie freies Spiel. Noch haben die anderen nichts bemerkt, und er scheut davor zurück, ihnen ins Gesicht zu sagen, dass er nicht mehr dabei sein wird, wenn es heute nacht los­geht, er scheut sich über­haupt, etwas zu sagen, falls man die Unfähigkeit, zusam­men­hän­gende Worte zu for­men, als eine Art Scheu ver­ste­hen darf. Auch wüsste er gar nicht, was er zu sagen hätte, sollte es ihm wider Erwarten gelin­gen, in Sätzen zu sprechen, denn diese Gewis­sheit, nicht mehr dabei zu sein, bezieht sich auf keine Zukunft, nurmehr auf die so uner­wartet auf­dringliche Gegen­wart, aus der er sich auf keine Weise her­auszu­denken ver­mag, so dass die Über­legung, was diese Gewis­sheit in bezug auf das mit­ternächtliche Vorhaben, um dessen­willen sie her­aufgekom­men sind, über­haupt bedeuten könne, genauso im Spur­losen endet wie das Schlucken vorhin, mit dem alles begann.

33.

Die zweite Gruppe steht immer noch aus. »Muss koronar-​mäßig weiter betreut wer­den«: So hießen die let­zten Worte, die Edward mit Dieters Per­son verbindet. Die Apothek­erin hat sie gesprochen, zwei­deutig wie das Lächeln, das dabei um ihre Lip­pen spielte. (Welche andere Äußerungs­form wäre ihr auch zu diesem Zeit­punkt offenge­s­tanden als dieses reine Spiel der Möglichkeiten, das wie absicht­s­los zwis­chen zwei Haut­fal­ten tritt?)

Der Berg blät­tert die Men­schen auf wie Zwiebeln, er ruiniert alle Geheimnisse, vor allem ihr let­ztes, das wie das vor­let­zte nichts enthält, was beson­ders per­sön­lich wäre, außer dem Ele­ment, dem die anderen ihre ach so indi­vidu­elle Krüm­mung ver­danken, der Berg blät­tert sie auf, und was da bei Edward an die Ober­fläche kommt, das ist eine große Unentsch­ieden­heit, die sich als Besser­wis­sen zu tar­nen gel­ernt hat, aber in diesen Augen­blicken zur Aphasie gerinnt. Gedanken­ver­sunken – wie geschieht das eigentlich: in Gedanken versinken? – trabt er den anderen, die eine sacht ansteigende Fel­splatte als Liege­platz aus­ge­späht haben, hin­ter­drein und streckt sich an ihrer Seite aus. Große große Sonne, es ist nichts geschehen, noch bleibt Zeit, mancher­lei Zeit, in der alle befremdlichen Reizun­gen ein­trock­nen kön­nen wie ein Klüm­pchen Spe­ichel, ein Stück Rotz, ein biss­chen Auswurf, ein mar­ginales Gerinnsel…

Er hebt den Kopf. Kraft kostet ihn das. Vor allem im Schul­ter­bere­ich scheint der Kör­per mit dem Stein bere­its verklebt zu sein. Der zurück­flu­tende Kopf­schmerz bringt eine eigene Syn­tax in Anschlag, in der, neben anderem, die Kon­di­tion­al­sätze radikal getilgt sind, aber dafür das Stocken, die ret­ro­grade Bewe­gung, die Inver­sion, das Fes­thal­ten um fast jeden Preis und das plöt­zliche Fal­l­en­lassen in den Rang all­ge­meiner und gesicherter Aus­drucksmit­tel erhoben werden.

»Es ist vor­bei«, sagt er leise zu Werner hinüber, und, auf dessen fra­gen­des Auf­schauen hin, »ich bin draußen.«

»Bleib liegen«, bemerkt Werner ruhig, »ich bring’ dir eine Cola.« Er ist auf und davon, ehe Edward sich äußern kann.

Auf dem wär­menden Stein findet er Ruhe.

34.

Die mit einem nervösen Zucken ein­herge­hende Vernün­ftigkeit des Men­schen, der fragt »Was kann ich hof­fen?« und damit seinem Gegenüber die Antworten »Alles oder nichts!« oder »Je nach­dem!« bere­its in den Mund legt, stößt dort, wo sie selbst die Antwort zu geben sich entschließt, auf unver­mutete Schwierigkeiten. »Kann ich hof­fen, diesem Glücks­ge­fühl, der Lust dieses Augen­blicks ein weit­eres Mal zu begeg­nen?« Die Frage ist unmit­tel­bar zu verneinen. Doch halt: sie ist es nur deshalb, weil der Fin­ger auf diesem Augen­blick, nicht aber auf der Lust, die er ver­mit­telt, ruht. Ließe sich eine vom Augen­blick, der sie ver­mit­telt, ablös­bare Lust denken, so wäre sie auch wieder­hol­bar, und Tech­niker der Lust wis­sen um diese Wieder­hol­barkeit und die fast voll­ständige Anonymität allen Lust­ge­fühls. Die Lust selbst besteht eigensin­nig auf dem ein­ma­li­gen Augen­blick, sie zaubert ihn gewis­ser­maßen her­vor. Und diese magis­che Ein­ma­ligkeit erlebt man gle­icher­maßen als unwieder­bringlich und unvergänglich. Das Bedürf­nis, darin ein Ver­sprechen zu finden, das in einer irgend­wie anders geart­eten Zukunft ein­gelöst wer­den müsste, ist zwar men­schlich ver­ständlich, aber auch nichts weiter als dies, es ver­dankt sich bere­its der Empfind­ung des »Vor­bei«, die nicht viel Umstände macht, wenn es gilt, im Gefühlshaushalt Ord­nung zu schaffen.

Edwards neg­a­tive Lust kennt kein Vor­bei, und der Wun­sch, die Zukunft zu erobern oder in ihr wiederzukehren, bleibt ihr fremd. Im Gegen­teil, die vage Vorstel­lung, dass es »genug« sei, und eine matte Abwehr des in ihr beschlosse­nen Über­maßes scheinen zu ihren fes­ten Bestandteilen zu gehören, falls man einem solchen Zus­tand der Auflö­sung über­haupt irgen­deine Art von Fes­tigkeit zugeste­hen möchte.

Und den­noch empfindet er Lust. Er zieht sie aus der Empfind­ung des nach­lassenden, des jetzt beinahe abwe­senden Schmerzes. Vor allem zieht er sie aus einem Nicht-​mehr, das sich nicht auf eine gehabte Lust, son­dern auf ihr Vorge­fühl richtet. Beinahe wäre er in der kom­menden Nacht dort oben ges­tanden. Etwas ist zwis­chen ihn und diese Erwartung getreten: etwas Feind­seliges, gewiss, aber an Entsch­ieden­heit ihm so unendlich über­legen, dass mit seinem Dazwis­chen­treten jene Erwartung sich sogle­ich als lächer­lich und im Grunde unan­nehm­bar enthüllt hat. Sollte er dankbar sein für diese Enthül­lung? Wer weiß, vielle­icht. Aber darum han­delt es sich im Augen­blick nicht. Dem Wegdäm­mern entspricht eine plöt­zliche Sor­glosigkeit, deren Quelle zu sprudeln begann, als das vor ihm liegende Ziel – wo denn sonst sollte er es lokalisieren? – in Schall und Rauch versank.

In Schall und Rauch. Er kön­nte auch sagen: in Blitz und Don­ner. Oder: in Nacht und Nebel, obwohl ihm das let­ztlich weniger angemessen vorkäme. Da er weit davon ent­fernt ist, irgen­det­was zu sagen, beschäfti­gen ihn die Alter­na­tiven nur oben­hin, wenn auch mit einer gewis­sen Hart­näck­igkeit. Sie erin­nern ihn daran, dass er sich in einer prekären Lage befindet und es sich möglicher­weise lohnt, Bes­tim­mungen akku­rat zu fassen, während ihm partout nicht gelin­gen will, sich aus dem Gestrüpp zweitk­las­siger Ideen­verbindun­gen zu befreien, in das der Däm­merzu­s­tand ihn weiter und weiter hineinlockt.

Die geöffnete, ein wenig rauchende Colaflasche, die im Sand neben ihm steht, hat er vergessen.

35.

Nichts hätte ihn bewogen, sich auf die Füße zurück­zubegeben und sich so erneut dem Tumult auszuset­zen, den Kopf­schmerz und Brechreiz ungeachtet der liegend ver­strich­enen Zeit in alter Regsamkeit unter­hal­ten, hätte nicht Casper ihn ener­gisch dazu aufge­fordert und mit ungewöhn­lich harschen Worten ins Haus ver­wiesen. So rollt er den Schlaf­sack aus, und da ihm kalt wird in dem öden Gemäuer, pellt er seinen Oberkör­per aus viel­er­lei Hüllen, um ihn zu frot­tieren und von Grund auf in Wol­lzeug zu stecken.

Vielle­icht hätte er es nicht tun sollen, aber die Winde­seile, in der ein für­sor­glicher Gedanke sich in einen Fehler und dieser sich in ein Verge­hen gegen die eigene Per­son ver­wan­deln kann, über­rascht hin und wieder auch den aus­ge­bufftesten Charak­ter. Casper jeden­falls, der ihn nicht aus den Augen gelassen hat, ist auch dieses Mal bere­its wieder bei ihm, ergreift seine unendlich schlaffe Hand, führt sie hier in einen Hemd­särmel, dort in eine Pulloveröff­nung und eine zweite hinein, wick­elt die Wind­jacke um ihn, nötigt den stür­misch und über­gangs­los vom Schüt­tel­frost Gepeinigten in den Schlaf­sack und türmt Decken und weit­ere Schlaf­säcke auf ihn, die er unverzüglich von den Nach­bargestellen zusammenrafft.

Dies­mal bringt das Liegen keine Erleichterung.

36.

Als erstes ent­deckt er, dass die Kälte ihm unter alle Hüllen folgt, als sei sie gewillt, zwis­chen ihnen bei­den nichts Stören­des zuzu­lassen. Da sie von innen kommt (was kommt nicht von innen in diesen Tagen?), scheint sie ein Recht darauf zu besitzen, und sein Schlot­tern – »am ganzen Kör­per«: ja wo denn sonst? – erweist sich als eine einzige unen­twegte Bejahung, als eine Rede, die bei nichts weniger ertappt wer­den will als bei Wider­worten, welche überdies zweck­los wären. Was ihn beun­ruhigt und ihm angesichts seiner rück­halt­losen Zus­tim­mung beinahe unfair erscheint, ist der Umstand, dass es den nach wie vor vir­u­len­ten Brechreiz, dem nachzugeben er sich noch nicht über­wun­den hat, ebenso wie die Kopf­schmerzen bis an die Grenze des Erträglichen, also ins Unsägliche steigert.

Unerträglich ist dies alles und überdies besorgnis­er­re­gend. Denn wenn er sich auch sagen muss, dass im Augen­blick nichts zu machen sei, so hält er den Hohn, der in dieser Fest­stel­lung liegt, für den Eröff­nungszug einer Siegerlaune, die nicht mit Dro­hun­gen gegen Leib und Leben geizt. Die über­legene, willig anerkan­nte Macht, gegen die sich aufzulehnen ihm gle­ich zu Anfang zweck­los erschien, möchte sich nicht damit zufrieden geben, dass sie einen Jünger gefun­den hat, sie will ihn ganz, sie will das Opfer. Im Gedanken daran wirkt es im nach­hinein wie ein Akt unfass­baren Leichtsinns, willig, mit gle­ich­sam gesenk­tem Haupt dort unten weit­erge­gan­gen zu sein, und sich damit nahezu ver­trauensvoll dem Unge­heuer in die Hände über­liefert zu haben.

37.

Wenn er den Kopf hebt – nicht sehr, nur um eine Andeu­tung –, dann kann er zwis­chen den Stäben des Hochbetts hin­durch auf die Gefährten blicken, die, von seiner Gegen­wart nicht weiter geniert, ihre Unter­hal­tung bestre­iten, ein hölz­ern Ding, an dem jeder ein biss­chen zupft, so dass es das bemalte Köpfchen in seine Rich­tung dreht, ohne dass die wie meist zu fest an die Plat­tform geschraubten Räder sich dabei bewegten. Er ruht wohlver­wahrt in einer Schublade, an deren Front – dem Fußende – man begüti­gen­der­weise eine Scheibe einge­fügt hat. Durch­läs­siger als Glas, besitzt sie die Eigen­schaft, den einen Raum in unter­schiedliche Wel­ten zu zer­legen. So nimmt er das Schick­sal, sich an einem anderen Ort zu befinden, gelassen, wenn auch bebend hin. Übri­gens ist er bemerkt wor­den. Zwis­chen zwei con brio geäußerten Überzeu­gun­gen hat sich Werner aus dem Stand herun­terge­beugt, um ihn zu betra­chten und in hoch und ein wenig schwim­mend artikulierter Rede sein Befinden zu erkun­den. Aufmerk­sam sieht die Runde zu ihm herüber. Edwards Antwort erschöpft sich in einem reflex­haften Öff­nen und Schließen der Lip­pen. Möglicher­weise findet auch ein Grun­z­ton unbe­ab­sichtigt dabei den Weg ins Offene. Jeden­falls gehen die anderen nicht weiter darauf ein. Einer holt sogar einen Satz Karten aus der Tasche, so dass er nun, was ihm ohnedies schw­er­fällt und eher lästig ist, die geneigten Haarschöpfe murmel­nder Spieler hin– und her­schwanken sieht.

Es hat ihn beruhigt, dass auch Dieter dabei ist, und er hat sogar geglaubt, den Aus­druck eines beson­deren Mit­ge­fühls über sein Gesicht huschen zu sehen, obwohl er sich da irren kann. Aus­führlicher beschäftigt ihn die Lücke, die zwis­chen seinem schmer­zlichen Verdäm­mern und dem Wieder­auf­schla­gen der Augen liegt. Er weiß, er hat sich mit einer Kraft, deren er sich bis dahin nicht bewusst war, gegen den Sturz gestemmt. Die Angst, nicht mehr aufzuwachen, leckte bläulich im Zen­trum des plöt­zlichen Wirbels, mit dem die kleinge­drehte Bewusst­seins­flamme zusam­men­sackte und – ist das wahr? – erlosch. Über dieses Erlöschen würde er später gern mehr erfahren, vor allem, da er es jetzt alles in allem als eine Erle­ichterung empfindet, obwohl sie sich vielle­icht eher aus der Tat­sache erk­lären lässt, dass er ja wieder aufgewacht ist, und dies an gle­icher Stelle, gewis­ser­maßen noch ban­dagiert von der Angst, die erst nach und nach von ihm abfällt und der Erle­ichterung, da zu sein, ein wach­sendes Mit­spracherecht einräumt.

Ja, er fühlt sich dankbar und ein klein wenig ergrif­fen darüber, dass Dieter es bis hier­her geschafft hat und, wenn auch eher teil­nahm­s­los, vor ihm auf einem Stuhl sitzt. Eige­nar­tig ist es schon, und wüsste er um die Bedeu­tung des Wortes »bit­ter«, die ihm augen­blick­lich ent­fallen ist, dann würde er ver­mut­lich nicht zögern, einen winzi­gen Teil seiner Empfind­ung damit zu beze­ich­nen. Merk­würdig auch, dass Wort und Sache so auseinan­der­driften. Er kön­nte dafür weit­ere Beispiele anführen, wie die Episode mit der Colaflasche, an die er sich jetzt deut­lich erin­nert. Aber wenn er darüber nach­denkt, so scheint ihm hier doch eher das erlösende Wort über­haupt zu fehlen, und die Drift bezieht sich auf andere Dinge, wie vielle­icht das Schick­sal der Kohlen­säure, die als Rauch in der blauen Luft ver­weht, träge, sehr träge, aber er weiß, es wäre verge­bliche Mühe, nach ihr zu haschen.

38.

Es wird Zeit, sich zu ver­ab­schieden. Er spürt es wohl, obwohl er es gern ein wenig hin­auss­chieben würde. Die Strahlen der Sonne fallen lang und schräg durch die Fen­ster, aber in die untere Region, in der Edward aus­gestreckt liegt, reichen sie nicht mehr.

Wieder ist es Werner, der sich zu seinem Fen­ster hin­un­ter­beugt und ihn auf­munternd anblinkt.

»Mach dir keine Sor­gen. Mehr als zwei Stun­den sind wir nicht weg. Heut nacht bist du dann dabei. Versprochen.«

Sie wollen hin­auf zur Meyer-​Höhle. Das Rit­ual des Berges ver­langt es so.

39.

Eigentlich hätte er nicht gedacht, dass es so ein­fach ist, auf den Berg zu gehen, und dabei die aller­sim­pel­sten Vor­sichts­maßregeln außer acht zu lassen, mit denen ver­glichen das Ver­bot, bei Rot mit geschlosse­nen Ampeln eine vier­spurige Pupille zu durch­queren, wie der Ver­such erschiene, eine Gas­maske bei einer Fle­d­er­maus anzuschwärzen – mit welcher Begrün­dung auch immer, denn diese Leere, die als gäh­nend nicht in Betra­cht kommt, ent­puppt sich bei anderer Gele­gen­heit als ein risikoloser Pausen­füller. Kein Prob­lem! In dieser Nacht, in der keine Katze unter­wegs ist, die nicht grau wäre aus Furcht vor Eigen­tums­de­lik­ten und ihre winzi­grote Zunge rig­oros zusam­mengerollt hin­ter den Zäh­nen ver­bärge, hätte er darauf gefasst sein sollen, dass auch die Höhle, von ben­galis­chem Feuer illu­miniert, einen schnei­di­gen Anblick bietet, der durch das Sum­men eines Schwarms fes­tlich gek­lei­de­ter Hor­nissen nicht ganz ver­tilgt wer­den kann, im Gegen­teil: die zwei Schläfer auf dun­kler Schwelle, ange­tan mit Kapuzen und schwere Eispickel in den erschlafften Hän­den, sie seufzen im Traum und rollen sich näher heran an das Feuer, das in ihnen brennt und nun­mehr lichter­loh aus ihnen her­auss­chlägt. Läs­sig tritt er hinzu und gibt einem von ihnen einen Stoß, ganz als ob er niese, und er wen­det und rollt hin­aus und zuck­elt gemäch­lich über die Felsen hin­unter, so dass von dem Poltern der andere ohne weit­eres etwa erwachen kön­nte, hielte ihn zu dieser Stunde nicht ein Unhold mit Namen Ngobo gefan­gen, der jed­er­mann, der ihn träumt, riesige Hände und Füße ver­leiht, aus denen Wasser tropft und tropft, bis alles aufg­eleckt ist wie beim richti­gen Tis­chlein­deck­dich, das blau und mod­rig aus Mel­chiors Brust­tasche quillt, obwohl sein Gesicht im Augen­blick vom Mond­schat­ten verdeckt ist, denn aufwärts gehts, aufwärts.

Wenn dem so ist, dann muss er sich aber doch sehr wun­dern über das schwarze Fut­teral, das auf ihm lastet, schlimm wie der Berg und schlim­mer, denn genaugenom­men kniet doch der Berg vor ihm nieder. »Hin­auf« heißt das, zwis­chen die nick­enden Höcker, und husch husch Abschied­nehmen. Es fehlt aber die Zeit, die er bräuchte, um sich den Mund zu wis­chen und um Hilfe zu schreien, was, wenn es gelänge, das Dunkel ein­fach zum Ein­sturz brächte.

– Nacht, hohe Amphore, ich fürchte nur, dass dieses Ticket weiter nicht gilt.

– Fürchten Sie nichts, lösen Sie nach.

Aber wo sind die Fre­unde? Das geht sicher aus sich her­aus und in sich hinein, nur elend geht’s nim­mer besser. Ein­fach ist nichts. Ste­fan zum Beispiel, er steigt schweigend, knirschte er mit den Zäh­nen, so wäre es der Stein oder die Schwäche. Werner kommt gle­ich dahin­ter, aber Dieter, o o, von seinen Lip­pen löst sich ein Notschrei: »Elsa, Elsa«, prati­ca­mente inaudi­bile pfeifen die Obertöne, der dümm­ste Hund ver­stände die Anspielung. Elsa erscheint in der Glo­rie, schnei­dend zerteilt sie die Men­schheit, sicher, mit ruhiger Hand, denn sie ist eine Torte, und Dieter fällt. Als wäre ein Hieb vor ihm niederge­fahren. Fährt sich durch das Gesicht, eine blutige Fläche, und fällt auf den Rücken. Stürzte in die Tiefe, wenn sie nicht vorge­warnt wäre und sich ver­weigerte. So zer­schlägt ihn der Schot­ter dort, wo er immer am empfind­lich­sten war, ohne es zu wissen.

40.

Auf dem Gletscher, weiß-​blau aus der Nacht her­aus­ge­trennt, sind sie alle wieder – ja was denn? Sind sie alle wieder –? Nein, wer das glaubte. Aber die Fak­ten zählen, und sie, sie sind doch unüberse­hbar: dort, mit gekrümmtem Rücken, den Dolch im Gesäß, das ist ja Dieter, und der ihm zu Füßen sitzt, die Beine baumeln lässt und immer ein wenig nach den Schnürsenkeln schielt, wer anders wäre er als Bern­hard, der Akku­rate, in dessen Zügen ein Schmerz auf­scheint, den Edward jetzt nicht entz­if­fern muss, denn viel viel mehr Gäste sind zu begrüßen: neben den in beschei­dener Anmut auftrumpfenden Fürsten der Chagga, Casper, Mel­chior und, na, sagen wir Nasios oder Nassjuss sind auch, und das ist weit mehr als jemals zu erwarten stand, die Träger her­aufgekom­men, fes­tlich in ihren herun­tergekomme­nen Bermu­di­das, denen hier und da ein Knopf fehlt oder ein Bän­del vielle­icht. Sie sitzen in einem weiten, leicht eingetrübten Hal­bkreis, eben hat Bibel­stunde begonnen, und Wolf­gang, unser großmächtiger Wolf­gang, stolziert mit zit­tern­den Bar­tenden, in denen grün­schillernde Eisklüm­pchen frisch ver­gan­gene Eska­paden zum Klir­ren brin­gen, vor ihnen auf und ab, bis der Dings da ist, der Augen-​, der Augen-​, der Augen­blick: da ein Schleifgeräusch Ste­fan vorneweg läuft und er in den beleuchteten Hal­bkreis tritt, leicht schwitzend unter seiner steifge­frore­nen Mütze, denn der Sack, den er da her­an­schleppt, ein strahlend blauer Plas­tik­müll­sack, ist, wie es scheint, rand­voll mit Geschenken.

Die Führer der Chagga treten vor: das wird lustig, denn als sie sich mit aus­gestreck­ten Armen zum Sack nieder­beu­gen, schwänzelt Wolf­gang, der zur Seite gegan­gen ist und rasch im Ruck­sack gewühlt hat (es ist Zeit, das Geheim­nis ans Licht zu holen), zurück in die Runde, er reckt die Arme empor, und auf dem haarum­flat­terten Kopf, ange­spritzt von den Strahlen der blutrot über dem Mawenzi her­auf­steigen­den Sonne, blitzt und wirbelt die Nar­renkappe – die Führer also, sie greifen mit der Gelassen­heit von Hütern vorzeitlicher Instinkte in den Sack, und alles, was sie aus ihm ans kalt und grausam her­vor­brechende Tages­licht zer­ren: Pullover, abge­latschte Turn­schuhe, durchge­sessene Jeans, aus­ge­wasch­ene Bermu­das, wan­dert rasch und unauf­fäl­lig in die Hände ihrer ruhig im Kreis hock­enden Klien­ten, unter denen jetzt aber ein junger Mann auf­springt und unter aufrührerischen Reden die ihm zugewiesene Hose hochhält, in deren Schritt ein gewaltiges Loch klafft.

Werner fehlt. Aber gefehlt! An die blauschim­mernde Wand gelehnt, hat er sich für eine Romanze entsch­ieden, die ihres­gle­ichen sucht. Gerne würde Edward ihm stecken, wie aufrichtig leid ihm das alles hier tut, denn er fühlt mit bren­nen­der Scham, es ist seine Schuld, seine, seine… aber ach, dafür fehlen ihm die Worte und wohl auch, nur das über­sieht er nicht so genau, der Ver­stand. So vern­immt er zwar mit offenem Mund, doch bloß mit halbem Ohr, was Werner, der knis­tern­den Blicks diese unendlich dürftige Erhe­bung anstarrt, die sie seit Wochen im Kopf haben, wenn sie »Der Gipfel« sagen, vor sich hin­murmelt, die Arme ver­schränkt, die Mütze mit den Ohren­schon­ern tief ins Gesicht gezogen –

»– mit Stöcken, das Ganze… auf Tauben­füßen, Liebes, auf Tauben­füßen… der Tep­pich des Lebens wäre anders gestrickt, hättest du gele­gentlich ein wenig mehr Zurück­hal­tung an den Tag… das Strö­mende… ein biss­chen Sauer­stoff ins Gehirn geblasen… alles wäre gut gewor­den, alles… diese Erup­tio­nen, erschüt­ternd, musste es immer die Welt, drunter sei nichts zu machen, es sei denn du, es sei, du –«

»Frage sie doch ein­fach«, mis­cht sich Edward jetzt unge­fragt ein und nimmt dabei in Kauf, keines Blickes gewürdigt zu wer­den, »ob sie nicht vielle­icht Unsere liebe Frau van Ton­geren ist, damit wir sie mit Rosen zuschüt­ten kön­nen. – Und falls nicht« – er hebt seine Stimme ein wenig, sie besitzt einen Met­all­griff, mit dem er sie hier– und dahin bugsieren kann –, »und soll­ten diese strahlen­den Gletscher hier, diese trau­ri­gen Schich­tun­gen aus unzäh­li­gen Nieder­schlä­gen, darunter allzu­viele K.o.’s, als eine Art Mau­soleum erdacht wor­den sein, zur Erin­nerung an ihre ein wenig lächer­lich wirk­enden Aus­brüche, so sagen wir ihr, ganz unverbindlich, eine Jahrhun­dertschmelze voraus, die sich gewaschen hat.«

41.

Warum denkt er dabei so angele­gentlich an Elsa, Elsa und ihren Staff, an ihr ener­gis­ches Händ­chen, das nichts anbren­nen lässt und langsam durch das fad gewor­dene Haar stre­icht, welches soeben in eisiger Höhe unbeirrt seinen Weg nach Nairobi nimmt? Ehrlich gesagt, er hat nicht die ger­ing­ste Ahnung. Africa is great. Aber wie es so geht, wenn das Herz einen Sprung macht: da oben im Azur sitzen ja auch die Fre­unde, lachen und prosten einan­der zu. Und es wird wohl das Koma sein, das mit dem Don­nern der Düsen­trieb­w­erke Einzug in seine Gehirnzellen hält, fast als han­dle es sich um einen winzi­gen, jahrzehn­te­lang gefrore­nen Split­ter der Explo­sion eines Gassen­hauers in der New York Carnegie Hall.

Please let me explain
Again let explain
I could say well oh well
I even say wunderbar

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