1.

Nicht allein Edward emp­fand den Tage­san­bruch als ungele­gen. Erschrocken stemmte sich Ste­fan empor, als die Tür kreis­chend auf­flog und Licht Licht Licht den Ver­schlag flutete. Die Abdeck­un­gen der Nacht waren ebenso ver­schwun­den wie der Fieberkranke mit­samt seiner Beglei­t­erin. Man hätte sie für einen Spuk hal­ten mögen, wäre nicht der Blechteller noch unge­spült auf dem Fen­ster­brett ges­tanden, den sich die Elfin vor ihrer Flucht von Ste­fan erbeten hatte. Fer­tig behost und gestiefelt, klap­perte Werner mit Becher und Zahn­bürste, kramte hier, kramte dort, leerte, offen­bar erfol­g­los, den Inhalt seines Ruck­sacks auf den Boden und rief mit heller, aus­geschlafener Stimme – wobei er sich, den Ruck­sack in der einen Hand, die andere Hand im Ruck­sack hal­tend, mit einer hal­ben Drehung dem Audi­to­rium zuwandte, ohne es ger­adezu anzuse­hen –: »Kann mir jemand sein After­shave leihen?«

»Sein After­shave!« höh­nte Ste­fan. »Er will sein After­shave. Dre­itausendachthun­dert Meter über dem Meer­esspiegel wün­scht unser Wern­er­herz sein After­shave. Es ver­langt ihn nach einer Mor­gen­toi­lette. Andere Leute ziehen den Hosen­gurt enger, aber er rasiert sich! Mach die Tür zu! Wahrschein­lich brauchst du noch einen Spiegel.«

»Wäre nicht schlecht«, kam die Stimme glock­en­rein vom Ein­gang zurück, »ich muss meinen ver­legt haben. Kann mir einer aushelfen?«

»Lass sprießen«, mäßigte sich Ste­fan. »Hier oben gel­ten andere Regeln.«

»Das würde euch so gefallen, ihr Schweine.«

»Oho.«

»Ich stelle fest, dass ich das einzige zivil­isierte Wesen hier im Umkreis bin. Kann das jemand zu Pro­tokoll nehmen? Ich hätte es gerne fest­ge­hal­ten. Für alle Fälle. Man kann nie wissen.«

Hart schlug die Tür ins Holz.

Nach­den­klich bewegte Edward die Zehen. Bern­hards Ratschlag fol­gend, hatte er die Bergsocken bisher unter allen Umstän­den anbe­hal­ten. Es waren gute Socken, anschmiegsam und kältefest.

2.

Den stein­er­nen Trog, flach aus­ge­meißelt, füllt im unteren Teil, dort, wo nor­maler­weise das Wasser über den Rand tritt und in wun­der­lichen Kaskaden den Weg in die Tiefe antritt, eine Eis­platte. Edward bal­anciert auf einem schwank­enden Stein, schraubt den Deckel seiner Zah­n­pas­tatube auf, lässt aus dem wider Erwarten funk­tion­ieren­den Hahn ein wenig Wasser über die Zahn­bürste rin­nen und kommt mit einem älteren Berg­steiger ins Gespräch, der soeben den Ruck­sack abstellt, rasch den Oberkör­per ent­blößt, mit der Gier des Entwöh­n­ten die dem Hahn ent­fal­l­en­den Tropfen in der hohlen Hand sam­melt und sie in kurzen Abstän­den gegen die behaarte Brust klatscht.

»Where did you come from so early in the morning?«

»Obe bin i gsi.«

»Da – oben?« Vage weist Edwards Hand in Rich­tung Kibo.

»Äbbe. Sid dihr öppe au scho obe gsi?«

»Noch nicht«, ver­sichert Edward – ver­trauenswürdig, wie er meint. »Wir gehen mor­gen hoch. War’s sehr anstrengend?«

»Läng­wilig isch’s nid gsi.«

»Hat­ten Sie Atemprobleme?«

»S’ Prob­lem? I? Da obe? Mer darf halt net wölle juf­fle. I ha da kes Problem.«

3.

Plöt­zlich mutig gewor­den, legt Edward erst die Jacke, dann, schon zaghafter, das Hemd ab, der­weil der Bergfre­und, auf ein Felsstück gestützt, gemäch­lich erst den linken, dann den rechten Schuh öffnet und neu zu binden beginnt.

»Eis begryff i nid. Also d’ Mön­sche chömme vo wit her und gä uuf, wenns am Gillman’s Point stönd. Das söt­tet dihr nid mache. Druf abe chunt ja erscht dr Gletscher. Das isch eine Augen­weide. Mer wan­deret grad wi an nere Grotte.«

Spricht’s und trollt sich hüttenwärts.

4.

Bern­hard und Wolf­gang hock­ten bere­its am Früh­stück­stisch, auf dem Mel­chior das von gestern her ver­traute blaue Deckchen aus­rollte, die Fransen zurechtschob, hier und da angeschla­gene und braun gefleckte Teller und Tassen hin­ter dem gekrümmten Han­drücken her­vorza­uberte, selt­sam gebo­genes Alu­mini­umbesteck an die noch leeren Plätze legte –

– sie hock­ten und blinzel­ten, als die anderen, die Köpfe unter dem schräg emporstreben­den Gebälk einziehend, das den Auf­gang zum Dachbo­den trug, ans Fen­ster traten, einen Blick auf die geschlossene Wolk­endecke war­fen, die hun­dert­fün­fzig Meter unter ihnen flutete, sich auf den Stühlen ausstreck­ten und sie müde witzelnd auszufra­gen began­nen, wie sie denn dort oben die Nacht ver­bracht hät­ten, wobei sie ebenso vage wie beden­kliche Blicke zur Holzdecke emporsandten.

Mit ver­schränk­ten Armen und undurch­dringlicher Miene lehnt Athana­sios im Hin­ter­grund. Mel­chior hinge­gen, ange­tan mit Pudelmütze und Küchen­schürze, zeigt sich aus­ge­sprochen aufgeräumt und red­selig. Hin und her schwappt die Rede. Beson­ders Ste­fan ist auf immer neue Kost­proben erpicht und lüpft den Deckel ein ums andere Mal.

»Ganz im Ernst«, sagt er plöt­zlich (vor­sicht­shal­ber sagt er es in seiner eige­nen Sprache, die aber Mel­chior, wie sich nun her­ausstellt, ganz gut ver­steht), »du hast uns jetzt zwei Tage lang beobachtet: Wer­den wir’s alle schaffen?«

Edward über­legt, ob »fru­gal« als ein angemessener Aus­druck für ihr Früh­stück durchge­hen kön­nte, das aus einer schwarzge­bran­nten Scheibe Toast, einem Spiegelei und üppig darübergestreutem Salz besteht, nebst großen Men­gen Flüs­sigkeit, die Casper aus zwei Ther­moskan­nen nachgießt. Die eine enthält heißes Wasser, die andere heißen Tee. Bei den zwei mür­rischen Gestal­ten unbes­timmter Herkunft am Nach­bar­tisch wal­tet größere Kargheit. Auch fehlt das blaue Tis­chtuch, das Mel­chior per­sön­lich verwahrt.

Für einen Augen­blick kann man meinen, er habe die so unver­mutet an ihn herange­tra­gene Frage nicht ver­standen. Ver­son­nen richtet er den Blick auf den Tisch, dann mit einer gewis­sen Scheu auf die Gesichter der Runde, lässt ihn ein zweites Mal zu Dieter hinüber­gleiten, der, die Lider nur halb geöffnet, unter der drück­enden Last des Trep­pen­balkens unge­sprächig auf seinem Sitz kauert, holt ihn wie ein Jo-​jo zu sich zurück und – bleibt stumm.

Bleibt stumm.

Gemessen, pole pole, wen­det Wolf­gang, der an der Stirn­seite prä­si­diert, das gedun­sene Haupt. Aus dem Wolken­meer heben sich flau­mar­tig leicht, minuten­lang glei­t­end in liebloser Bläue und in spi­ralige Fäden zer­rin­nend, unsag­bar zarte Gebilde. Einer wie er, der Kopf­schmerz nur als einen unan­genehmen, aber moralisch zuge­s­tande­nen Zus­tand nach durchzechter Nacht kennt, lei­det dop­pelt unter dem Druck, der von den Schläfen aufwärts zieht und in Augen­blicken gesteigerter Drangsal schein­bar neu­trale Schwaden – Zonen verdün­nten Schmerzes – gegen Stirn und Schläfen pulsieren lässt, welche sich als­bald als neue tück­ische Quäl­geis­ter ent­pup­pen. Längst hat er seine Dosis Aspirin intus, aber die Ent­las­tung, die sie ver­sprach, war eben­sowenig einge­treten wie die dumpf erhoffte Erle­ichterung nach dem Ende der Nacht, während der fortwährend klo­bige, ihres Tritts nur noch sehr begrenzt sichere Gestal­ten über ihn hin­wegstiegen, um sich in irgen­deinem Winkel raschelnd, ächzend und murmelnd von der Wirk­lichkeit zu ver­ab­schieden: Berg­steiger, die den Abstieg vom Gipfel aus irgen­deinem Grunde bei Tage nicht mehr geschafft hat­ten. Gegen Mor­gen hat er sie liegen sehen, stumm und bewe­gungs­los, und ihr Ausse­hen hat ihm nicht gefallen. Vergebens ver­sucht er den Gedanken daran zu ver­scheuchen, aber jede schmerzhafte Woge, die durch sein Gehirn rollt, erschafft ihren Anblick neu.

Fast ent­ginge ihm Mel­chiors Stimme, die sanft, mit einem kleinen schalkhaften Unter­ton, Antwort gibt: »You will come to top. All of you will come to top. You are a great team.«

5.

Der Kopf­schmerz ist der Antipode des Traums. Wie dieser dem Schlaf, so ist jener dem Wach­be­wusst­sein ver­schwis­tert. Wie der Schlaf durch den Traum im Bewusst­sein Kon­turen gewinnt, so gewinnt das Wach­be­wusst­sein durch den Kopf­schmerz Iden­tität. Wer durch die kleine Hölle gegan­gen ist, der hat gel­ernt, »Ich« zu sagen. Im Traum fällt let­zteres schwer, »ich« ist in allen Din­gen. Und wie vom Traum nur die Erin­nerung zeugt, so bezeugt den Kopf­schmerz die Erwartung der Wiederkehr: Es gibt keine Erin­nerung an ihn. Oder vielmehr nur die ver­wor­rene Erin­nerung, wie wir sie an Träume bewahren, die wir vergaßen.

Kopf­schmerz ist kein Gefühl, was dann? Eine Kör­perempfind­ung? Das schon eher, aber da ist eine Schwierigkeit: er lässt sich nicht lokalisieren. Zwar kennt er wie andere Empfind­un­gen ein Oben und Unten, ein Links und Rechts, ein Vorn und Hin­ten, und jeder halb­wegs Kundige glaubt etwas Bedeut­sames mitzuteilen, wenn er das Wort »Schläfe« in seine Beschrei­bungsver­suche ein­fließen lässt. Aber diese Lokalisierun­gen sind imag­inär, sie lassen sich nicht mit der zere­bralen Anatomie ver­mit­teln, es sei denn im Scherz.

Träume machen beredt, Kopf­schmerzen stumm. Vor allem, wenn es sich um »selt­same« Träume han­delt, nimmt das Bedürf­nis, sie zu erzählen, als han­dle es sich um Geschichten, schnell über­hand. Dage­gen führt jeder Ver­such, einen Kopf­schmerz zu beschreiben, in die Irre. Allein der Entschluss zu sprechen bringt die Ent­las­tung, die ger­ade das ver­schwinden lässt, was beschrieben wer­den sollte. Als­bald blüht die Phan­tasie. Da zeigen sich Gedanken umwölkt, durch­furcht »der Schmerz« fächer­ar­tig die Stirn­par­tie, schon öff­nen sich unter dumpfem Pochen und Häm­mern die unteren Ver­liese und es entschlüpfen ihnen hand­ver­lesen eige­nar­tige Kumpane: hier der Fach­mann fürs Grobe, der jeden aufkeimenden Gedanken mit einer stechen­den Salve aus dem Hin­ter­halt zu Fall bringt, dort der leise­treter­ische Ver­fälscher, der jede san­ftere Regung mit Nadel­stichen in den großen Käfig der Bit­terkeit hineinzwingt, in dem das ver­lorene Ich und das ent­täuschende Du unter dem Beifall hämis­cher Dämo­nen den Tango tanzen, dazwis­chen jede Menge frag­men­tarischer Täter, die aus der Anonymität her­aus­blitzen, stechen, drücken, trom­meln, schnei­den, kreis­chen, krick­eln, zün­geln, zwän­gen, zwicken, zwacken, zack­ern, zecken, kriechen, knis­tern, wum­mern, wabern, wip­pen, dröh­nen, träufeln, trom­meln, trompe­ten, bohren, pochen, flat­tern, fluten, pulsieren und kreiselnd nieder­sinken: so viele Täter, so viel Tat, doch alles für nichts, da dichte Schwaden die Bühne ver­hüllen und allen­falls ein Bein hier, eine Hand dort hervorblitzt.

Bei alle­dem han­delt es sich, wie gesagt, bloß um ein virtuelles Spek­takel; die Sub­stanz bleibt unschein­bar und eignet sich für keine auss­chweifende Dra­maturgie. Und den­noch weiß jeder, den es angeht, Bescheid, wenn es heißt, »in Wern­ers Gehirn zog sich etwas zusam­men«, »Bern­hard, der bisher von der­lei Anwand­lun­gen ver­schont geblieben war, spürte ein mäßiges Ziehen in der linken Hirn­hälfte, und ger­ade jetzt, als er sich bückt, um seine zu Boden gefal­l­ene Kappe aufzuheben, ver­setzt ihn ein dröh­nen­der Pauken­schlag in den anderen Zus­tand, den er seit län­gerem erwartet, aber nun, da er von ihm kostet wie von der zu Recht ver­bote­nen Frucht des Paradieses, noch nicht recht wahrhaben will«, »ein waa­grechter Blitz fegte durch das Gewölk, das nur hin und wieder ein flüchtiger Gedanke erhellte. Pras­selnd brach sich das rol­lende Unheil an den eis­er­nen Git­ter­stäben, zwis­chen denen er sich eingepfer­cht fühlte, zorn­bebend, denn er wusste, dass nur der Entschluss zur Umkehr ihm Erle­ichterung brin­gen würde…«

Wolf­gang allerd­ings ist weit davon ent­fernt, sich einem Zor­ne­saus­bruch zu über­lassen. Kopf­schmerzgeübte wis­sen – oder glauben zu wis­sen –, dass sie nicht aufgeben dür­fen, wenn es sie anfällt, und neigen dazu, in ihren ein­mal gefassten Entschlüssen unter Druck zu ver­stein­ern. Neulinge wie Wolf­gang hinge­gen ver­suchen, die Sit­u­a­tion durch Abw­er­fen von Bal­last – zum Beispiel dem Entschluss durchzuhal­ten, auch wenn die Luft dün­ner wird – in den Griff zu bekom­men. Würde ihn einer fra­gen – etwa jetzt, da er sich dazu durchgerun­gen hat, seine Scheibe Toast­brot von ihren ver­bran­nten Bestandteilen zu reini­gen, und zu diesem Zweck das Messer hebt –, ob er mit ihm zusam­men absteigen würde, da er es keine Sekunde länger hier oben aushalte, seine Antwort bestünde in einem spöttisch-​überraschten, über­aus altru­is­tisch klin­gen­den »Wenn’s denn sein muss!« Es fragt ihn aber keiner, und so unterbleibt die gute Tat. Allerd­ings – auch diese Geste bleibt unbe­merkt – greift er bei der ersten sich bietenden Gele­gen­heit tief in seinen Ruck­sack hinein, bis er es spürt, sein Geheim­nis, wohlver­wahrt, das er erst auf dem Gipfel her­vorziehen wird.

6.

Die Upper Route, die sie heute erkun­dung­shal­ber bis zum Mawenzi-​Sattel bege­hen wollen, zieht sich von ihrem Nacht­lager aus prak­tisch ohne Umschweife nord­wärts. Anfangs von Senecien gesäumt, die dem Bach­bett fol­gen, steigt sie im ersten Drit­tel kräftig an, bis sie eine Höhe von vier­tausend Metern über Nor­mal Null erre­icht, läuft dann zwis­chen Felsen­brocken hin­durch nor­dost­wärts auf einen Kamm zu, hin­ter dem sie, wiederum stetig ansteigend, sich in einem weiten Bogen neuer­lich nach Nor­den orientiert.

Hat man den Mawenzi-​Sattel erre­icht, so schaut man auf eine kleine Senke, von deren gegenüber­liegen­der Höhe aus das Gelände zum Kibo-​Sattel hin abfällt. Eine Felsen­gruppe zur Linken trägt den Namen East Lava Hill. Alle Blicke zieht jedoch der geborstene Krater des Mawenzi auf sich, dessen über einem schwarz das Gelände in Vorder– und Hin­ter­grund teilen­den Lavarücken thro­nende, vielfältig durch­broch­ene, von steil abfal­l­en­den Geröllfeldern durch­set­zte und umkränzte Kathe­drale defin­i­tiv nicht ergan­gen, son­dern erstiegen wer­den muss.

Ihre erste Rast hal­ten sie auf vier­tausend Metern. Ste­fan lässt es sich nicht nehmen, für eine Auf­nahme zu posieren. Den Hut ins Gesicht gezo­gen, die Beine bre­it­gestellt, hebt er den glattgesch­abten Stein mit der einge­meißel­ten Höhenangabe bis in Gurthöhe – »fotografiert hier denn keiner?« – und lässt ihn umstand­s­los fallen, sobald Bern­hard auf den Aus­löser gedrückt hat. Längs des Weges sieht man die Zebrafelsen, auf die kein Führer hinzuweisen ver­gisst: ein ver­wit­tertes Felsen­band unter einer stark vorkra­gen­den Lage härteren Gesteins, auf­fäl­lig durch seine schwarz-​weiße, in senkrechten Streifen ver­laufende Färbung.

7.

Von den Strecken, die auf den Kibo führen, steigt die südöstliche am gle­ich­mäßig­sten an. Ihr genauer Wider­part ist die Süd­west­strecke, die von Umbwe aus über den Great West Breach den insu­laren Furtwängler-​Gletscher angeht. Hier sind es, wie die Höhen­lin­ien ausweisen, die Steilauf­stiege, die den Erfolg brin­gen oder das Scheit­ern. Merk­würdig ger­adlinig ver­läuft die nördliche Ron­gai Route, die sich zum let­zten Anstieg mit der Südost­strecke vere­inigt. Ganz anders die von Westen kom­mende Shira Route, die sich in ele­gan­ten Schwün­gen an den Gipfel her­an­schme­ichelt. Das Gipfel-​Ensemble, das zwis­chen dem nördlichen und dem südlichen Eis­feld mit Eiskup­pel und Rebmann-​Gletscher so lauschige Fleckchen ausweist wie Bis­marck Tow­ers, Stella Point und Hans Meyer Point – alle drei hin­tere­inan­der längs des Weges aufgereiht, der die Gruppe im Fall der Fälle von Gillman’s Point zum Uhuru Peak führen würde, von dem aus man dann und wann zum eigentlichen Schlund, dem Reusch-​Krater, hinüberblickt, während langsam die östliche Sphinx ins Bild wan­dert – bleibt auch in der Hin­sicht eine Welt für sich, als die ver­schiede­nen »Routes« über­all am Ende vor das­selbe Prob­lem führen: den uner­lässlichen Auf­stieg zum Krater. Hier gle­ichen sich die Bedin­gun­gen, hier schei­den sich die – »Geis­ter« wäre vielle­icht das falsche Wort, ander­er­seits trifft es die Sache, wenn schon nicht genau, so doch über­aus einprägsam.

8.

»All diese Gnaphalien, Artemisien, Heliochry­sen, Rispen­gräschen u.s.w. haben sich mit einem hell­grauen Haarpelz bewehrt, dessen luft­ge­füllte Ober­härchen das Blatt gegen zu starke Erwär­mung und Ver­dun­stung ein­er­seits sowie gegen zu große Benäs­sung und Erkaltung ander­er­seits schir­men und die ver­schiede­nen Arten in der äußeren Erschei­n­ung einan­der sehr ähn­lich machen. Zum Teil ste­hen die Blüten und Blät­ter einer Pflanze in dichte, kugelige Pol­ster gedrängt, um sich gegen­seitig sowohl gegen Frost als auch gegen über­große Tran­spi­ra­tion zu bewahren. Zum Teil kriechen sie flach auf dem Boden dahin, um von der durch die kräftige Inso­la­tion erwärmten Erde den Vorteil zu ziehen, den ihnen die man­gel­nde Luftwärme ver­sagt. Neben Gelb ist Vio­lett die Lieblings­farbe der Blüten. Aber auch die Blättchen und Sten­gel mehrerer einer größeren Wärme bedürfti­gen Arten haben die vio­lette Anthokyan­farbe, die ja die merk­würdige Eigen­schaft besitzt, das inten­sive Licht der Höhe zu absorbieren und in Wärme umzuwan­deln. Dunkel­grau ist dage­gen die Farbe der weni­gen ani­malis­chen Bewohner des oberen Kil­i­mand­scharo, und durch diesen ‘Melanis­mus’ wird den ein­samen Bergschwal­ben, Stein­schmätzern, Eidech­sen, Käfern, Spin­nen und Immen nicht nur eine größere Sonnen­er­wär­mung zuteil als durch helle Fär­bung, son­dern auch der unent­behrliche Schutz in dem gle­ich dunkel­far­bigen Gestein, auf dem sie leben.«

So kann man es sagen.

9.

Von Anfang an hatte Mel­chior, der einzige Führer, der heute mit ihnen ging – auch Dieter zog die Waa­grechte erneut ihrer Gesellschaft vor –, wach­same Blicke auf die Wolken­for­ma­tio­nen gewor­fen, die ihnen aus der Tiefe her­auf nach­wuch­sen. Vom Mawenzi blühte ein weißer Schleier; hin und wieder löste sich ein Wölkchen und trieb dem östlichen Ozean zu. Klar stand der mit­tlere Grat vor ihnen, der zum Fuß des Mawenzi hinüber­schwang und den Aus­blick auf den Sat­tel versperrte.

Es reiche schon, wenn sie heute den Grat erre­ichten, hatte Casper zum Abschied beteuert. Sollte der eine oder andere schlapp­machen, so böte sich ihnen dort Gele­gen­heit kehrtzu­machen. Tat­säch­lich erster­ben die Gespräche, Nacken senken sich, Schritte ver­lieren sich im Geröll. Abwe­send richtet Edward sich auf, als eine jähe Kälte seinen schweiß­nassen Rücken erschauern lässt. Nebelschwaden wabern neben ihm gegen den Berg. Der Mawenzi ist ver­schwun­den, die Sonne zu einer milchi­gen Scheibe verblasst. Er klemmt den Ruck­sack zwis­chen die Beine und zerrt den Anorak her­aus. Die anderen, in der Marschfolge erstarrt, blick­ten auf Melchior.

10.

Es ist nicht sein Tag. Seit dem Auftritt beim Früh­stück hüllt er sich in Schweigen. Über­rascht hat ihn ihre Frage nicht. Er hört sie seit Jahren. Auch die Antwort hat sich bewährt. Bei dieser Gruppe wird ihm nicht wohl. Män­ner in guter kör­per­licher Ver­fas­sung, soweit er das überblickt. Übri­gens gilt das auch für den kleinen drahti­gen, den sie »Di-​da« nen­nen. Anfangs hatte er immer »Dealer« ver­standen. Aber was scheren ihn die Scherze der Frem­den. Er hat Bill Bor­land und Jimmy Carter ohne Kratzer nach oben gebracht; dass »Di-​da« nicht auf die Beine kommt, macht ihn ein biss­chen rat­los. Der Boxer, der ihm am Ratzel­gletscher k.o. ging, das war auch so ein Fall. Wie hieß der noch? Jor­dan oder so ähn­lich. Gestern hat er es ein­mal gewusst. Das Gedächt­nis lässt nach, sie sagen, das kommt vom Sauerstoffmangel.

Ihn mor­gen zurück­zu­lassen geht gegen den Ehrgeiz. Natür­lich, Sicher­heit hat Vor­rang, das ver­steht sich von selbst. Einen Abgang hat es bei ihm noch nicht gegeben, das wäre schlecht für die Autorität. Aber was heißt schon Autorität. Die Leute suchen den Kitzel. Diese hier haben sich direkt vom Flughafen an den Berg fahren lassen. Ein Wahnsinn. Einer wird dafür büßen. Davon geht er aus. Bloß wer? »Di-​da«? Kein schlechter Kan­di­dat, er wirkt so ver­biestert. Aber er will nach oben. Prak­tisch ist alles eine Sache des Wil­lens. Der Lange, der immer so sin­nig schaut, dass einem die Kopfhaut juckt, der schafft es sicher. War auch schon oben, falls er sein Kaud­er­welsch richtig ver­standen hat. Der Ruhige, der immer die Schuhe putzt, bevor sie auf­brechen, ist wohl am jüng­sten. Viel sagt das auch nicht. Man merkt schon, dass er Schwierigkeiten bekommt. Nur redet er nicht drüber. Er redet sowieso kaum. Obwohl er aussieht, als rede er gern.

Der Krauskopf, der so gern Bier trinkt, den würde er ein zweites Mal mit hin­aufnehmen. Er mag die Leute, das sieht man ihm an, und die Leute mögen ihn. Aber der Berg mag ihn nicht, das spürt er genau. »Let it be«, würde er ihm gern zurufen (o dieses Englisch), wenn er keuchend vorausstapft, »be happy«, »just say om« oder wie das merk­würdige Wort heißt, von dem diese Ruhe aus­geht, »apaise­ment« auf Franzö­sisch, es tut gut, dass er so beschla­gen ist. Der Berg bildet. Er ist schon stolz darauf, seinen Job zu tun. Der Berg ist inter­na­tional. Der Berg ist die Weltkugel. Ohne ihn wäre er bloß eine Made. Hier oben ist er ein freier Mann, einer, der weiß, was zu tun ist. Wie sie ihn anstar­ren. Ein Blick, und sie fan­gen an, sich zu fürchten. Ein wenig zap­peln sollen sie ruhig. Das ist gut fürs Trinkgeld.

11.

Auf dem Sat­tel weht ein schar­fer Wind. Zum Glück unter­stre­ichen einige rundgeschlif­f­ene oder –gemeißelte Fels­brocken die erre­ichte Höhe, groß genug, sich im Wind­schat­ten an sie zu lehnen oder auf dem klein­geriebe­nen Schot­ter auszus­trecken, der sich zwis­chen dem kanti­gen Lavageröll behauptet. Auch Flechten träu­men dort, als soll­ten sie den ein­laden­den Zug des Ortes ver­stärken. Ein paar Träger sitzen und liegen herum, das Gepäck im Gelände ver­streut. Bern­hard, in seine Wind­jacke gehüllt, hat die Ell­bo­gen aufgestützt und schießt ein Bild nach dem anderen; ganze Sal­ven jagt er in die Land­schaft. Die Kam­era mit dem aufgeschraubten Objek­tiv dünkt Edward länger denn je. Werner im kreb­sroten Plas­tikhabit, das blaue Sei­den­tuch und die Son­nen­brille zweck­los am Halse baumelnd, hält sich aufrecht für ein Foto mit der Über­schrift »Rest­los fer­tig«, vergebens. Die Wolken haben sich in die unteren Regio­nen zurück­ge­zo­gen, dort har­ren sie, schwarz und lauernd, der kom­menden Dinge. Gipfe­lab­brecher hop­peln tal­wärts; Blick­kon­takt unerwünscht.

12.

So nah am Mawenzi – dem falschen Gipfel zwar, aber wer wollte hier rechten – stellen sich eher ein­fache Fra­gen. Sie sind tech­nis­cher Natur: Wo ver­läuft der Weg, wieviel Stun­den wäre man unter­wegs, bis man den Fuß erre­icht hätte, gibt es einen gang­baren Weg durch die Geröllfelder, einen, der sich an und hin­ter den Steil­wän­den, den Kegeln und Säu­len­grup­pen ent­langschlän­gelt, wo beginnt die finale Klet­ter­par­tie – Mel­chior lächelt ein wenig nach­sichtig, als seien jene Regio­nen, in denen üblicher­weise nur Jets verkehren, einer höheren Gat­tung vor­be­hal­ten, und als bestehe das Wun­der des Kibo ger­ade darin, ihres­gle­ichen in den Weiten des Uni­ver­sums das einzige der­ar­tige Ange­bot zu machen. Außer­dem, belehrt seine auf Tauben­füßen daherk­om­mende Stimme, sei die Jahreszeit schon zu weit fort­geschrit­ten, als dass man den Auf­stieg wagen könne – der Gipfel sei »closed«.

13.

Ste­fan hat das Fer­n­glas her­aus­ge­holt und auf den Kibo gerichtet. Die weiche Mul­dung des Sat­tels, weit in den Mit­tel­grund hinein von dem Lava­band verdeckt, das hier, vom Mawenzi kom­mend, süd­wärts schwenkt, belässt die Ent­fer­nung im Ungewis­sen. Ein ein­facher, über­aus wirk­samer optis­cher Effekt, geeignet, das langge­zo­gene Trapez des Kraters, über dessen Rän­der die Eiszun­gen lecken, als hechelte er kaum merk­lich in der flir­ren­den Son­nen­luft, ebenso fern wie nah erscheinen zu lassen, »zum Greifen nah« und auf eigen­tüm­liche Weise unberührt, auch wenn das wis­sende Auge im unteren Drit­tel die Hütte auszu­machen glaubt, von der sie zum Gipfel auf­steigen wer­den. Es ist eine feste Hütte, ein Stein­haus, wenn er sich recht erin­nert, und doch kann er sich eines Fröstelns nicht erwehren. Es fiel der Platzre­gen, es kamen Wasser­bäche, es brausten die Winde und stießen an jenes Haus, aber es fiel nicht zusam­men; denn auf Felsen­grund war es gebaut. Jesses, das sitzt. Hinzu kommt, nicht zu vergessen, der Schnee, der selbst noch den morgi­gen Auf­stieg vere­it­eln kön­nte, auch wenn dies zur Stunde kaum glaublich erscheint. Aber was ist schon glaublich. Dass das Haus dem näch­sten Vulka­naus­bruch trotzen kön­nte, hält er für eher unwahrschein­lich. Doch vielle­icht ist das Wort nicht auf szenis­che Dar­bi­etun­gen solchen Aus­maßes gemünzt. Allerd­ings gelingt es ihm gegen­wär­tig über­haupt nicht, sich zu entsin­nen, worauf es gemünzt sein kön­nte. Das mag daran liegen, dass die let­zten Stun­den auch an ihm nicht spur­los vorüberge­gan­gen sind. Den­noch darf er mit sich zufrieden sein. Rät­sel­haft nur, wohin das gestrige Glücks­ge­fühl sich ver­flüchtigt hat. Eigentlich hätte er erwartet, es heute gesteigert wiederzufinden. Daraus dürfte wohl nichts mehr werden.

14.

Hat eins die gros Ebene vber­quert /​in welcher ein iegliches /​Men­sch oder Thier /​ohn’ alle Aus­nahm ver­durst’ /​wan es nicht ler­net /​von seyn Thrän­lein zu trincken /​und mit inen Haus zu hal­ten /​in der ein iegliches /​Men­sch oder Thier /​Hungers vergeht /​das nit ver­mocht /​zu wan­deln Stein’ in Brot /​zu erachten sein Koth /​als ein köstlich Ding /​so hat eins das schw­erst /​allda noch vor sich; das ist: der Kampf mit dem Unthier. Das Unthier machet aber den Ein­druk /​als sey kein Leben inn im. Wann aber eyns an es her­antritt /​so das der Abstand /​weniger dann funf­fzig Fuß sey /​so springet es auff und fletschet die Zän /​als wol­let es in /​ohn Umb­ständ /​zer­reis­sen. Dan tuet man gut daran /​ein Dritt­Teil von seim Arm und Bein /​im zu vber­lassen /​worauf es von eym ablas­set und sich nider­leget. Dan aber steiget man /​ohn sich lang zu bedencken /​vber den Laib hin­weg und findet das Thor /​wol unversert /​etliche Klafter tief /​mit­ten in der Erden.

15.

Sein auf Zahlen, Daten, Fak­ten trainiertes Gedächt­nis hält alles bereit. Er weiß, wie hoch sie sich gegen­wär­tig befinden, wieviel Meter sie absteigen müssten, um den tief­sten Punkt des Sat­tels zu erre­ichen, wo exakt die Aus­läufer von Reb­mann– und Ratzel­gletscher begin­nen und in welcher Höhe sie enden, weil darüber der nackte Fels und die zit­ternde Luft ihr per­verses Spiel spie­len, man kön­nte ihn nach dem durch­schnit­tlichen Kra­ter­durchmesser ebenso fra­gen wie nach seiner größten Erstreck­ung, und keinen Augen­blick würde er zögern, die Vor– und Nachteile der ver­schiede­nen Routen in freier Rede gegeneinan­der abzuwä­gen – voraus­ge­setzt, jemand fragte ihn, was aber nicht der Fall ist. Er ist nicht böse darüber, weil ihm die Absti­nenz der anderen Gele­gen­heit bietet, einem am all­ge­meinen Zeit­man­gel kränkel­nden Hobby zu frö­nen: dem Schweigen.

Er kennt die Nei­gung seiner Mit­men­schen, Leer­stellen im Gedächt­nis und ver­wor­rene oder auch erst im Augen­blick der Mit­teilung sich ver­wirrende Erin­nerungslin­ien durch phan­tastis­che Ein­fälle zu verdecken und zu ergänzen. Angesichts des Wustes auseinan­der­drif­ten­der Infor­ma­tio­nen ste­hen die Chan­cen, damit durchzukom­men, im all­ge­meinen nicht schlecht. Jeden­falls dürften sie erhe­blich höher sein als die, dem neu­tralen, durch kein Geflunker nachgebesserten Wis­sen Gehör zu ver­schaf­fen. Bern­hards ange­borene oder früh erwor­bene Höflichkeit gegenüber den Din­gen ver­wehrt es ihm, an diesem Treiben teilzunehmen – ein unzeit­gemäßer Zug, ver­stärkt und zum förm­lichen Ver­bot erhoben durch einen Beruf, von dem er schon deshalb nicht behaupten kön­nte, er habe ihn gewählt, weil er, bevor er ihn auszuüben begann, nicht gewusst hatte, dass es ihn über­haupt gab. Daran war, für sich genom­men, nichts Ungewöhnliches.

Trotz­dem: hin und wieder beschäftigt ihn der Gedanke, was wohl aus jenem sehr per­sön­lichen Zug gewor­den wäre, hätte er nicht eine Nis­che im wirk­lichen Leben gefun­den. Nicht sel­ten ertappt er sich in den let­zten Jahren dabei, dass er aus einer Laune her­aus Daten zu sam­meln beginnt, ein­fach so, wie es scheint (doch er ist sich unsicher), auf eigene Faust und objek­tiv sinn­los, weil sie weder ihm noch seinen Auf­tragge­bern in irgen­deiner Weise von Nutzen sein wer­den. Gewiss gilt das auch in bezug auf diese Reise, die er per­sön­lich, obwohl viel unter­wegs, als Abwech­slung empfindet und auf die er sich wie üblich durch die Lek­türe von drei unter­schiedlichen Travel Guides vor­bere­itet hat.

Dabei kann er sich dies­mal nicht ent­fernt mit Dieter messen, der nun lei­der diesen unglück­lichen Part zu spie­len gezwun­gen ist, ver­mut­lich nicht ein­mal mit Ste­fan, ihrem Flora– und Fau­naspezial­is­ten, aber eben doch nur auf Freizeit­niveau, man merkt ihm den Man­gel an exak­ter Schu­lung deut­lich an. Zum Beispiel jetzt, da die unbes­timmt kreisende Bewe­gung seines Feld­stech­ers die Suche nach dem Außergewöhn­lichen bezeugt. Kein method­isch ver­fahren­der Beobachter würde sich so ver­hal­ten, es sei denn, er hätte Grund, sich gegenüber den Gefährten zu ver­stellen. Das wäre aber doch eine allzu abar­tige Hypothese, um ern­sthaft in Betra­cht zu kommen.

Allein wer weiß. Ste­fan ist ein Mann der Heim­lichkeiten, eine Schleiereule, wenn man ihn fragt, wen­ngle­ich der Ver­gle­ich etwas plump wirken kön­nte. Einer wie Ste­fan ver­fügt immer über mehrere Gründe, wenn er sich zu etwas entschließt. Dass er ein zweites Mal auf den Gipfel will, muss etwas bedeuten.

Auch wenn sich Bern­hard für einen hält, den das Innen­leben der Mit­men­schen her­zlich gle­ichgültig lässt, so ver­fügt er doch über eine leise Ahnung davon, was jener dort oben vorhaben könnte.

16.

Ist er nicht san­ft­mütig? Ist er nicht barmherzig?

Ist er nicht lauteren Herzens, was immer das heißen mag?

Zwar würde er nicht ger­ade die Backe hin­hal­ten, dafür wären dann andere zuständig, keine Sym­pa­thi­eträger, wenn man ihn fragt, aber er hält sich da heraus.

No prob­lem. Aber so leicht lässt sich eine christliche Erziehung nicht abschüt­teln. »Selig die Armen im Geiste« – mit diesem Spruch, der jede ihrer Ohrfeigen begleit­ete, hat Mut­ter eine feste Ideen­verbindung geschaf­fen. Diese kleinen famil­iären Rit­uale machen das Dasein hell. Damals schon hat er klammheim­lich (unter Trä­nen, wie es sich gehört) begrif­fen, was »Armut im Geiste« bedeutet, näm­lich Frei­heit – jeden­falls dann, wenn er, Ste­fan Dieter Bern­hard, er wird doch wohl noch den eige­nen Namen zusam­men­bekom­men, mit seiner ganz per­sön­lichen Ausle­gung richtig liegt.

Frei sein heißt unter­wegs sein: pas­torales Geschwätz. Frei sein heißt weg sein.

Natür­lich meint er das nicht in irgen­deinem äußer­lichen Sinn, das wäre ja lächer­lich, eher so etwas im Gefühl. Die Mit­men­schen sind schließlich keine Fata Mor­gana. Tat­säch­lich gibt es sie, obwohl dieses merk­würdige »es«, das da gibt, wieder Zweifel wecken kön­nte. Auf jeden Fall stellen sie Ansprüche, die befriedigt sein wollen; am Ende zählen die Ansprüche. Natür­lich fällt auch eine Menge Befriedi­gung für einen sel­ber ab. Na ja. Hm. Aber aber: während man um sie herumwirbelt und ihnen, wenn es an der Zeit ist, auch ein­mal den Arsch wis­cht, muss man inner­lich Abschied nehmen, ein ums andere Mal.

Alles tun, als sei es ein let­ztes Mal.

17.

Ist er san­ft­mütig? Ist er barmherzig?

Jeden­falls ist er davon überzeugt, dass nie­mand Grund hat, sich zu bekla­gen, er nicht und die anderen auch nicht. Er drängt sich keinem auf. Es gibt ihn eben. Und? Ist das ein Fehler? Und wenn, kann man ihn ver­mei­den? Das ist doch lächerlich.

18.

Was bedeutet es, einer Frau im Traum zu begeg­nen?
Frauen­haar ver­scheucht alle Schwierigkeiten.
Mit einer Frau schlafen bringt Glück
Mit einer ver­heirateten Frau schlafen bringt Unglück.
Eine Frau tra­gen bringt Bedräng­nis.
Eine weib­liche Brust ver­heißt ein langes Leben.
Eine tanzende Frau bedeutet Ehe­bruch.
Eine nackte Frau weis­sagt den Tod.
Das sind ja schöne Aussichten.

19.

Apro­pos Aus­sicht: Edward, der stumm und begehrlich ver­sucht, die sich dem Auge mag­netisch aufzwin­gende Hochebene in ein Bild zu fassen, das zugle­ich Sprache und Land­schaft, Syn­tax und Wüste ist, wird durch unver­mutete Schwierigkeiten zurück­ge­wor­fen. Einiger­maßen sicher fühlt sich das Auge durch die spitzbrüstige Abfolge von Lava Hills (deren let­zter durch einen rät­sel­haft dürfti­gen, von Bern­hard mit einem leisen Augen­zwinkern mit­geteil­ten Namen auf­fällt) in den Mit­tel­grund geleitet, unge­fähr dor­thin also, wo von Süden wie von Nor­den her über die Flanken helle, fast weiß schim­mernde Zun­gen, beste­hend aus einer ihm unbekan­nten Sub­stanz, her­au­flecken, die wiederum ein Netz dun­klerer Stege durch­schnei­det: eine Rät­sel­zone, Vor­botin einer Welt, die ihm aus Träu­men geläu­fig, in der Wirk­lichkeit hinge­gen völ­lig unzugänglich erscheint. Unzugänglich zumin­d­est – diese Ein­schränkung sieht er sich nun vorzunehmen genötigt – für den wachen Ver­stand, denn dass er, koste es, was es wolle, in sie ein­drin­gen wird, daran regen sich nur noch leise, wie Sand­wirbel vom Wind aufge­fächerte Zweifel.

20.

Dass Werner sich abseits hält, hat Ursachen, die ihm in unter­schiedlichen Graden bewusst sind. Ein­er­seits hat die Wan­derung durch die nasskalte Nebel­welt sein Kör­perge­fühl weit zurück­ge­wor­fen; der wieder stille Teil­haber sam­melt die Reser­ven, rekog­nosziert das Gelände und ver­sucht zu ergrün­den, welche Absichten dem unver­muteten Aus­bruch der Feind-​seligkeiten und dem ebenso über­raschen­den Rück­zug des Geg­n­ers zugrun­de­la­gen. Ander­er­seits ver­mag er die Befriedi­gung über das Erre­ichte angesichts des nun­mehr in seinen Gesicht­skreis gerück­ten Dop­pel­gipfels nicht unterdrücken.

21

Daneben beschäftigt ihn ein Gedanke, der seinen Auf­stieg schat­ten­haft begleitet hat, ohne sich bisher zu mate­ri­al­isieren. Nun schlägt seine Stunde. Werner spürt es und geht ein paar Schritte ins Gelände, um sich und ihm das Geschäft zu erle­ichtern, vielle­icht auch, um ihn ein wenig zu zer­streuen, wenn er erst ein­mal ins Dasein getreten sein wird, vor allem jedoch, um für die unun­ter­broch­ene Konzen­tra­tion zu sor­gen, die nötig ist, wenn ein Gedanke her­vortreten soll. Zum ersten­mal bemerkt er dankbar die Abwe­sen­heit von Fliegen und ähn­lichem Getier in diesen Höhen. Ein leichtes Ziehen, wie er es schon mehrfach emp­fun­den hat, schärft seine Aufmerk­samkeit, auch wenn es ihr keine bes­timmte Rich­tung vorzuschreiben ver­mag. Das ist auch nicht nötig, denn ein Gedanke erhebt sich nicht aus der Rich­tung, aus der man ihn erwartet, son­dern unverse­hens, aus einem selbst, es sei denn, es han­dle sich um einen Fol­gegedanken, der, da im Inner­sten unfrei, willig seinem Herrn und Meis­ter nach­strebt. Hier strebt nichts, und Werner ist gewillt, diesen Zus­tand zu vertei­di­gen, koste es, was es wolle.

Langsam, sehr allmäh­lich regt sich der Schat­ten, nimmt erste Kon­turen an – es ist, um genau zu sein, die Form des Kon­di­tion­al­satzes, die sich her­aus­bildet: Wenn

Doch so schnell bewegt sich in diesen Höhen nichts, und so kehrt Werner in die kauernde Hal­tung zurück, aus der er ger­ade im Begriff war, sich aufzurichten. Zwis­chen schwär­zlichem Geröll liegt es wie weiße Asche, sein abwe­sender Blick ver­wan­delt es in ein körniges Gewim­mel, rich­tungs­los, ursprungs­los, wenn

Und da geschieht es: Wenn dieses langsame, aber ener­gis­che Vor­rücken sie ebenso… Wie war das Wort?

Keines von denen, die sich jetzt auf­drän­gen, ist das Gemeinte. Das Gemeinte? Etwas treibt los­ge­lassen im Hin­ter­grund, immer wieder trübt sich das Bild, wenn ein Fisch mit schnellem Schwanzschlag das unbe­wegte Auge passiert, doch am Ende genügt ein klarer Moment –

– sicher über das bisher Erre­ichte hin­aus­trägt, dass man eher Vorkehrun­gen tre­f­fen muss…

Vorkehrun­gen tre­f­fen? Woge­gen? Wer soll sich in diesem blinden Spiegel erken­nen? Dieser Gedanke ist kein Gedanke. Gut, dass er das jetzt erkennt. Er steht auf und schüt­telt den Staub aus den Hosen­beinen. Der Wind nimmt ihn mit.

Aber halt. Das Spiel ist noch nicht zu Ende. Im Gegen­teil, ger­ade jetzt, da er mit einem ener­gis­chen Schnitt zur Tage­sor­d­nung zurück­kehren möchte, Edwards Schlap­phut zu einem kurzen Wortwech­sel her­aus­fordert, geschieht das Unauswe­ich­liche. Es krümmt ihn auf sich zurück, die Stein­wüste ver­schwimmt, und wie unter den Hän­den des Masseurs, sobald der Druck­punkt lokalisiert ist und Erle­ichterung sich nach jäh auflodern­dem Schmerz in Wellen Bahn bricht, so bewegt sich der Satz, der­selbe Satz (er ist es!), er bewegt sich…

Wenn dieses langsame, aber ener­gis­che Vor­rücken sie ebenso gewiss über das bisher Erre­ichte hin­aus­trägt, dass man eher Vorkehrun­gen für den Not­fall tre­f­fen muss, wenn alles ganz schnell geht und es darauf ankommt, heil nach unten zu kom­men und nicht, das Erre­ichte zu sichern –

Es ist zuviel. Was da emporsteigt und in Schüben abgeht, dazu bes­timmt, breit zu ver­strö­men, muss in seinen wech­sel­nden Bestandteilen, die aus ganz unter­schiedlichen Tiefen stam­men, an die Ober­fläche gelan­gen, Ober­fläche wer­den, und sei es nur, um abzukühlen und sich dem ruhi­gen Fluss des Gegebe­nen einzufü­gen oder anzuvertrauen.

Es ist der Königs­gedanke, er spürt es. Das Erre­ichte sich­ern – woran sollte ihn das erin­nern? Diese Berg­steiger­meta­phern machen ihn ganz kon­fus. Etwas ist falsch, er weiß es, aber es zeigt sich nicht. Beide wis­sen sie es, sein Wis­sen und er. Was trennt sie? Was hält sie auseinan­der? Das Wis­sen und er. Der Dop­pel­gipfel. Die unver­muteten Aus­brüche. Das umgürtete Ego. Oder doch schon geborsten? Er will es nicht hof­fen. Er oder das Wissen.

Scheit­ert er? Ist die Höhe zuviel für ihn? Büßt er seine Beweglichkeit ein? Das wäre schade, ger­ade jetzt, da alles zum Greifen nahe gerückt ist. Rück­zug! Man wird es erneut versuchen.

Soeben aus der Traumwelt zurück­gekehrt, spricht Ste­fan einen seiner Wahrsätze.

»Ich glaube, Dieter geht mit.«

22.

Wolf­gang kostet die Won­nen des Abstiegs. Müh­sam erst, dann in immer bre­it­erem Fluss bricht die Jubellava sich Bahn, treibt Jubel­bäum­chen in die zit­ternde Nach­mit­tagsluft, schiebt und drängt vere­int mit anderen Jubel­rinnsalen tal­wärts, let­ztere eher ungewisser Herkunft, der nachzu­forschen er kein­er­lei Gele­gen­heit findet, weil er einge­hüllt ist in dieses flu­tende Glück, von dessen Möglichkeit er bisher nicht die leis­este Ahnung hatte.

Nicht dass die Sache aus­ge­s­tanden wäre; so ist es nicht. Jeder Schritt in die Tiefe gibt ihm das Quentchen Lebens­ge­fühl zurück, das sein aufwärts gerichteter Vorgänger ihn gekostet hat. Viele Quentchen sind ihm auf diese Weise abhan­den gekom­men, entsprechend zieht sich die Rücker­oberung in die Länge. Aber der Feind ist besiegt, und wenn er auch noch den größten Teil des eroberten Ter­ri­to­ri­ums besetzt hält, so ver­mis­cht sich doch das Glücks­ge­fühl des Siegers mit der Rührung über jeden genomme­nen Weiler und jeden Dorf­brun­nen, dessen sprudel­nde Wiederkehr die bere­its im Sinken begrif­f­ene Erwartung erneut nach vorne drängt. Was besagt schon das Mor­gen angesichts dieser unwahrschein­lichen Frucht, der Frucht der Umkehr:

– sich gehen lassen, mit dem ruck­haften Knicken des Knies, dem poltern­den Auf­schlag des Bergschuhs, in dem die Zehen den Takt gegen das Leder häm­mern, hier und da auf Geröll ins Rutschen ger­a­tend, dann wieder fes­ten Grund fassend und weiter, tiefer, tiefer, hinein in das Wolkenge­wabere und ‑gehexe, den Braukessel, in dem man den Anorak schließt und die Kapuze über den Kopf zieht, weil es zu nieseln, zu rieseln, zu stürzen beginnt, abwärts, man selbst, der Regen, die Rinnsale, der auf der Brühe treibende Staub, rötlich, mit schwarzen, sich ver­bre­it­ern­den Tupfen, die sich, umkip­pend, in weite nässende Flächen ver­wan­deln, denen man am besten aus dem Weg geht, aber wie aus dem Weg gehen, da es abwärts geht?

Vor­bei an stre­it­baren Fack­ellilien, an ver­flocht­e­nen Flechten, an sta­tionären Springkräutern und munteren Moos­bällchen, die es vorziehen, auf dem ver­wit­terten Boden dahinzurollen, immer auf der Suche nach einer Feucht­stelle oder eine Pfütze, um ihren Wasserbe­darf zu stillen – auch er hat Ste­fans Belehrun­gen aufmerk­sam gelauscht –: da liegen sie, saugen sich voll, gierig oder ein­fach träge nach dem Stress der let­zten Tage, vor­bei, er wird ihnen ein Andenken wid­men, wenn alles vorüber ist, draußen, in der Ebene, nur nicht jetzt, nicht jetzt.

23.

Dieter sitzt auf den Stufen zur Hütte, läs­sig die Wind­jacke überge­hängt, die Riem­chen der Bund­hose lose baumelnd, er sieht ernst aus und sehr sehr ruhig. Ansatzweise hebt er den Kopf, so, als müsse er ihn aus einer Arretierung lösen, und dreht ihn zur Seite. Er hält ihn nicht fest, er lässt ihn pen­deln. Den Blick heftet er auf die Rück­seite der vor ihm ste­hen­den, etwas tiefer gele­ge­nen Hütte. Manch­mal lässt er ihn zu der Apothek­erin aus dem Badis­chen hinüber­schwin­gen, mit der er sich seit einer Stunde angeregt unter­hält. Sie ist neu eingetrof­fen und sich der Risiken, die der Berg bietet, wohl bewusst. Dieter weiß nicht, was er im stillen mehr bewun­dert: ihr frisches Gesicht mit den etwas vorste­hen­den Zäh­nen oder den gut sortierten Arzneivor­rat, den sie bei sich führt. Let­zterer jeden­falls hat ihm ein grin­sendes »great« entris­sen; der Welt­mann ist wieder erwacht.

Als die anderen ein­tr­e­f­fen, lan­gen, unkon­trol­lierten Schritts, der mehr über ihren Aus­flug aus­sagt als die etwas brei­igen Gesichter, ist er mit der eifrigen Nach­barin ger­ade einig gewor­den. Er braucht

(a) ein durch­greifendes Entwässerungsmit­tel, das sie ebenso zufäl­lig wie absicht­s­los bei sich führt,

(b) ein Herz-​Kreislaufpräparat, wie es bei Oper­a­tio­nen zum Ein­satz kommt, um der Herzrhyth­musstörun­gen Herr zu wer­den, die das Entwässerungsmit­tel aller Voraus­sicht nach aus­lösen wird.

Auch dieses Prä­parat, wer hätte daran gezweifelt, findet sich wohlver­wahrt in dem weitverzweigten Taschen­sys­tem, als das sich das Innere ihres Ruck­sacks beim unverzüglich wahrgenomme­nen Ort­ster­min entpuppt.

24.

Bern­hard wirft einen Stein in die wiedererblaute Weite, unge­fähr in die Rich­tung, in der ein Adler über dem näch­st­tief­eren Höhen­zug kreist. Edward beobachtet beide: den fal­l­en­den Stein und den Adler im Aufwind.

»Verzeih, aber man kommt nicht von der Literatur.

Man kommt von der Wis­senschaft und scheit­ert an ihr; dieses Auflodern und Ver­glühen ist die Literatur.«

»Wenn das wahr ist, dann sind die meis­ten nicht weit gekommen.«

»Du meinst, sie haben kaum studiert. Davon rede ich nicht. In Wirk­lichkeit gibt es zwei Lit­er­a­turen. Die zweite kommt vom Zirkus; man sollte das trennen.

»Das geschieht aber selten.«

»Die Ver­wech­slung ernährt ihre Urheber.«

»Du meinst also…«

»Clown oder Renegat. Ter­tium non datur.«

Wenige Meter ent­fernt schnürt die Elfin durchs Gelände.

25.

Unter dem Vor­dach der Gemein­schaft­shütte, umspielt vom Licht der unterge­hen­den Sonne, ruht ein Mann. Er ist noch jung. Er trägt die übliche Berg­steigerk­luft, der Anorak ist ihm von der Schul­ter gerutscht und klemmt zwis­chen Rücken und Lehne; ein Zipfel baumelt eine Hand­breit über dem Bret­ter­bo­den. Die Bohlen sind durch zen­time­ter­bre­ite Spalte voneinan­der ent­fernt, so dass man bequem den fel­si­gen Unter­grund nach ent­fal­l­enen Wert­sachen absuchen kann. Auch dem jun­gen Mann ist etwas ent­fallen, aber da unten sucht er es nicht. Um genau zu sein: er sucht nicht, weder unten noch oben, weder vor noch hin­ter sich, weder außen noch innen. Er sitzt auf der hölz­er­nen Bank, ein Bein lang von sich gestreckt, das andere ange­zo­gen und seitwärts gekippt. Die eine Hand umk­lam­mert ein Glas, ihr Ballen ruht auf der Tis­ch­platte, die andere Hand liegt auf dem Ober­schenkel, weil sie dort zufäl­lig auf einen Wider­stand traf; so wie sie daliegt, kön­nte sie leicht ins Boden­lose fallen.

Lip­pen besitzt der junge Mann nicht; jeden­falls nichts, was diese Beze­ich­nung ver­di­ente. Weiße, von leichten Bart­stop­peln durch­set­zte Haut, die zur Öff­nung hin einen leichten Blaus­tich aufweist, umgibt den Mund. Er ist nicht geschlossen, er ist nicht geöffnet, eben­sowenig wie die Augen, um die tiefe Schat­ten sich winkeln. Die Gestalt erin­nert an eine Krip­pen­figur, von plumper Hand nach­läs­sig abgestellt.

Werner, Ste­fan und Edward gehen vorbei.

Ste­fan, aufmerk­sam wie stets, lenkt ihre Blicke.

Edward wird übel.

»Ich finde, der Mann gehört auf dem schnell­sten Weg in ein Krankenhaus.«

»Nein«, sagt Ste­fan, »der Mann ist glücklich.«

»Du meinst, er war oben?«

»Der war oben.«

26.

Werner und Edward plaud­ern mit dem Führer.

»Wie wird man Führer?«

»O, das ist nicht einfach.«

»Das glaube ich Ihnen.«

»Ich erk­läre es Ihnen gern. Zunächst ein­mal ist man Träger.«

»Wie gedacht.«

»Wie meinen Sie? Also man ist eine ganze Weile Träger. Zwei, drei Jahre, es kön­nen aber auch fünf oder sechs sein. Man trägt alle Arten von Las­ten, bis man sich auskennt. Dann, eines Tages, wird man gefragt, ob man sich vorstellen könne, ein Führer zu werden.«

»Will das nicht jeder?«

»O, nur die Besten wer­den gefragt.«

»Woran erkennt man die Besten?«

»Ach, an diesem und jedem. Man sieht das an den Gesichtern, aber vor allem an der Art, wie sich einer bewegt.«

»Sie hat man ausgewählt?«

»Ich hoffe, bisher hat das nie­mand bedauert.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen. Was geschieht dann?«

»Dann kommt die Ausbildung.«

»Wie? Man wird zum Führer ausgebildet?«

»Selb­stver­ständlich.«

»Wie lange dauert die Ausbildung?«

»Alles in allem ein Jahr.«

»Ist das lang oder kurz?«

»O, man hat zu tun.«

»Was hat man Ihnen beigebracht?«

»O, erst ein­mal die Strecken.«

»Das dachte ich mir. Was sonst?«

»Den Umgang mit den Kun­den. Führer sein ist ein sehr ver­ant­wor­tungsvoller Beruf. Ich habe gel­ernt, wie man eine Unter­hal­tung führt. Ich weiß, wann ich zu reden und wann ich zu schweigen habe.«

»Wis­sen die Kun­den das auch?«

»Wie bitte?«

»Worüber ler­nen Sie sich zu unterhalten?«

»Ich kenne alle Tiere und Pflanzen, denen man am Berg begeg­nen kann. Die Kun­den schätzen das.«

»Haben Sie medi­zinis­che Kenntnisse?«

»Ach, Sie meinen die Todes­fälle? Ja, darin sind wir ausgebildet.«

»Passiert denn viel?«

»Nein nein, da kann ich Sie beruhi­gen. Nicht mehr als vier– oder fünf­mal im Jahr. Das ist normal.«

»Sie meinen Todesfälle?«

»O sicher. Nichts Ernsthaftes.«

»Und wenn das Jahr um ist, dann sind Sie ein Führer?«

»Dann kommt die Prüfung.«

»Sie sind ein geprüfter Führer?«

»Jeder Führer ist geprüft.«

»Fallen denn welche durch?«

»Das kommt vor. Aber es ist sehr sehr schlecht für sie.«

»Warum? Müssen sie dann noch ein Jahr büffeln?«

»Nein. Sie haben ihre Chance ver­tan und bleiben Träger.«

»Es gibt keinen zweiten Anlauf?«

»Niemals.«

»Aber warum?«

»Das ist so.«

»Finden Sie das in Ordnung?«

»Ich finde es schwierig. Wenn Sie erlauben, würde ich mich jetzt gern zurückziehen.«

»O, gehen Sie ruhig.«

»Ich danke Ihnen. Au revoir.«

»Das war Französisch.«

»Es tut mir leid. Wür­den Sie mich entschuldigen?«

»Aber mit Vergnü­gen. Arrivederci.«

»Danke sehr, danke sehr.«

27.

»Es gibt nur zwei Arten, wie einer dort oben abkratzen kann«, knur­rte Ste­fan mit weg­w­er­fender Gebärde, »Lun­genem­bolie oder Höhenkrankheit. Heute habe ich gehört, der let­zte soll von einem Felsen gefallen sein. Das wäre dann die dritte Möglichkeit.« Spuckte übers Gelän­der und ver­schwand in der Dunkelheit.

28.

Halb im Schat­ten ver­steckt, hock­ten zwei Träger auf dem Boden und star­rten in ein nicht vorhan­denes Kam­in­feuer. Dann und wann huschte der Wider­schein einer aufzün­gel­nden Flamme – ein Scheit mochte zusam­menge­brochen sein und ein neues Epizen­trum geschaf­fen haben – über eins der Gesichter, ein Strahl vielle­icht aus der Ver­gan­gen­heit, vielle­icht aus der Zukunft. Edward, dem vor der Nacht graute, lud sie zum Bier ein. Einer der bei­den erbot sich, ein paar Flaschen zu holen.

Über den Köpfen hing das Bild des großen Staats­manns; der schwarze Rah­men kratzte am Gebälk.

»Bad guy«, sagte Edward, um irgen­det­was zu sagen, und deutete mit dem Dau­men nach oben.

»That is true«, strahlte der Jün­gere. »He’s a bad guy. You know him?«

»Nein. Was macht er falsch?«

»Nichts. Er gehört zum falschen Stamm. So we have a problem.«

»Schlimm?«

»Sehr schlimm.«

»Wie lange geht ihr schon auf den Berg?«

Der Ältere ließ ein paar schlechte Zähne sehen. »Ich vierzehn, er sieben.«

»Jahre?«

»Jahre.«

»Würdet ihr nicht auch mal ver­reisen wollen?«

»Ver­reisen?«

»Vielle­icht nach Amerika? Vielle­icht nach England?«

»We don’t like Eng­lish. You come?«

Edward ver­sucht sich zu erin­nern. Das Auge des Jun­gen blitzt.

»That’s good. Very very good. Want you write an invi­ta­tion? Now? It’s very easy. I help you.«

Dämpfen. Erst ein­mal dämpfen.

»Pah«, begütigt der Alte. »das ist schlimm hier. Die hal­ten uns wie die Schweine.«

Edward dankt ihm im stillen.

Als er wenig später sein Lager auf­sucht, fasst er an etwas in sich Zusam­men­gelegtes, Weiches. Von der Berührung aufgeschreckt, huscht es elfinnen­haft an ihm vor­bei und bet­tet sich, wie zu bemerken er nicht umhinkommt, auf Ste­fans Lager.

29.

Wie auf einer Reise, wenn dein Schiff vor Anker gegan­gen ist und du an Land gehst, um frisches Wasser zu bekom­men, du vielle­icht einen kleinen Krebs oder eine Zwiebel am Wegrand aufli­est, deine Aufmerk­samkeit dabei aber stets auf das Schiff gerichtet bleibt, und du dich häu­fig umdrehst, aus Angst, die Schiff­s­glocke könne läuten – und, wenn sie läutet, du all diese Dinge aufgeben musst, wenn du nicht wie Vieh gebun­den an Bord gewor­fen wer­den willst –, so geht es auch im Leben: falls dir, anstelle von Krebs oder Zwiebel, Frau und Kind gegeben wor­den sind, so spricht nichts dage­gen: aber sobald die Schiff­s­glocke läutet, lass alles fahren und begib dich aufs Schiff, ohne einen Blick zurück zu werfen.

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