1.

Ste­fan: Nein, das kann man so nicht sagen.

Edward: Natür­lich kann man das so nicht sagen. Aber wenn man es nun ein­mal ver­such­sweise so aus­drücken wollte, dann wäre die Angst, die er den anderen vor­spielt, ein Abgrund an Lust.

Wolf­gang: Aus­geschlossen. Der spielt nicht.

Ste­fan: Da wäre ich nicht so sicher. Er spielt mit vollem Einsatz –

Edward: – also doch sozusagen unter Ein­satz seines Lebens…

Bern­hard: Ach, ein Hasardeur? Sach bloß. Das wäre ja Num­mer zwei.

Wolf­gang: Hört hört. Er hatte schon einen.

Ste­fan: Wie war der erste?

Werner: Tata.

Bern­hard: Nimm dich zusam­men. Angenehm, wirk­lich angenehm.

Ste­fan: Sprich dich aus.

Werner: Das stand zu befürchten.

Ste­fan: Fürchte dich ruhig.

Bern­hard: Ich kann’s auch lassen.

Wolf­gang: Jetzt nicht mehr. Her­aus mit der Sprache. Wir wollen alles wissen.

Werner: Siehst du? Da liegt der Fehler.

Ste­fan: Schön, dass du’s zugibst. Aber nun, lieber Bern­hard, fahr bitte fort im Schmelz deiner Rüde… Rede. Was war dran an dem Mann?

Bern­hard (nach ganz ganz langem Nach­denken): Das ist schwer zu sagen.

Werner: Davon gehen wir aus.

Bern­hard: Ver­sprich dir nicht zu viel.

Werner: Keine Versprecher!

Bern­hard (bedächtig): Vom rein men­schlichen Stand­punkt betra­chtet ein­er­seits sowohl… ander­er­seits… als dann auch wieder nicht.

Ste­fan (eras­moid: Ja was haben wir denn da? Deine-​Rede-​sei-​ja-​ja-​nein-​nein. Sprich, Sprecher, was spricht dein Gewissen?

Bern­hard: Mein Gewis­sen spricht lauter.

Werner: Stell’s leiser. Zur Sache!

Bern­hard: Also, wenn ihr mich drängt. (Fuchtelt furcht­bar.) Aber den Abgang, den hat er vergeigt –

Werner: Ach. Hatte er einen?

Edward: Einen großen wahrschein­lich. Du hörst doch: vergeigt.

Werner: Wieso, er hat sich doch ger­ade beklagt.

Ste­fan: Könnt ihr den Mann nicht ausre­den lassen?

Werner: The­men­wech­sel!

Edward: Aber ja doch. Was wären wir ohne. Immer bei der Sache. Immer bei der­sel­ben. Nicht auszu­denken. Nicht auszuhal­ten. Nicht zu hal­ten! Nicht halt­bar! Schauder­haft! Übri­gens für beide Seiten.
Geschüt­telt, ach! von unbekan­nten Fiebern,
Zit­ternd vor spitzen eisi­gen Frost-​Pfeilen,

Wolf­gang: Worum geht’s?

Edward: Wir sind noch im Zweifel. Agamem­non, hier wedelt einer mit seinem Leben, um uns etwas vorzumachen…

Werner ( schießt aus der Hüfte): Das gibt es nicht. Erst­mal macht er sich sel­ber was vor.

Wolf­gang (heftig): Logo. Der hat es nötig, nicht wir. Spielsche sin’ das, Bodenz-​Spielsche. Nix anneres. Ganz trau­ri­jer Bibikram.

Bern­hard (betrof­fen): Das ver­stehe ich jetzt nicht.

Werner: Pass auf, ich erklär’s dir.

Bern­hard: Aber er hat doch Fieber.

Werner: Und wie!
Gebt heisse Hände!
Gebt Herzens-​Kohlenbecken!

Ste­fan: Das sehe ich auch so. Äußer­lich fib­ri­ert er, innen zwackt ihn die Kälte.

Wolf­gang: Ach du dickes Ei.

Bern­hard: Da regt sich des Geschäfts­manns schar­fer Arg­wohn: Was springt eigentlich dabei raus?

Ste­fan: Steck’s weg.

Wolf­gang: Wieder so ein unsit­tlicher Antrag.

Edward: Egal. Gebt Herzens-​Kohle.

Bern­hard: Kenn’ ich die Firma?

Werner: Vielle­icht aus der Glotze.

Ste­fan: Sachte, die Herrschaften. Wir sind noch nicht am Ziel. Das Eichentliche kommt noch.

Werner (würde­voll: Ganz locker bleiben. Wir sind schon da. Immer hinein ins Unbekan­nte. Sauft ruhig weiter!

2.

Ste­fan trübt ein. Sein Geist schwebt. Aha.

No prob­lem. Auf und zu klap­pen die Lider, auf und zu. Auf und zu. Auf –

Ich bin der Paraklet.

Der Satz, sehen wir es mal so, der hat schon einen Beigeschmack von Häme.

Häme? Wieso? Aber –?

Der Geschmack geht nicht weg.

Welcher Geschmack? Kenne ich ihn?

Nimm und lies. Nimm doch endlich. Nimm! Endlich.

Na ich weiß nicht. Eine unan­genehme Kälte geht von den Seiten aus, die er da auf­schlägt. Zugegeben: wahl­los. Aber da liegt sie vor ihm, fast nackt: Die tödliche Ironie. Sein Herz zuckt.

Sieh mal an. Sieh genau hin. Quatsch. Als ob man ihn dazu auf­fordern müsste.

Wun­der­bar diese Gra­zie: cum sale, cum salu­tate. Kürzel: C. S., The Chris­t­ian Sol­dier, Sek­tion Auslese. Keine Bewe­gung. Nein? Aber: wie erre­gend das alles. Der Duft! Nicht ohne Charme, möchte man anfü­gen. Fügen wir es an. Nichts ver­ständlicher, als dass Men­schen an Ironiebe­fall ster­ben. Von außen oder von innen. Teils-​teils: geht auch. Men­schen. Auf­fal­l­end zarte Blu­men­we­sen, denen man am besten erst mal schützend den Arm um die Schul­tern legt. Zauberhaft.

Casper zum Beispiel. Oder doch Athanasios –?

3.

Die Frak­tur des Krapf­schen Schmök­ers, Neu­druck 1994, sprenkelt die auf­fäl­lige Erschei­n­ung Japhez, des Brun­nen­bohrers, Emblem »Bur­nus und Hacke«. Er ist nicht allein. Er weiß sich umstellt. Umstellt?

Sieh einer an.

Her­vor­tritt eilig der dreifältige Cham: lächelnd Cham der Läch­ler, mit gebo­genem Mund­winkel Cham der Spöt­ter, und dann: Cham der Kämpfer, Black War­rior, auf Schild und Kalaschnikow gestützt, rel­a­tiv fin­ster blickend.

Die Frage lautet natür­lich: Welcher ist der rechte? Ste­fan weiß Bescheid, er hebt den Fin­ger: Wer als let­zter übrigbleibt.

Set­zen.

4.

Eins ist sicher.

All diese Stan­leys, Liv­ing­stones, Reb­manns, Krapfs, Müllers, Heuglins, Maltzahns, Barths, Bar­tels, Mostrichts, Leberechts, Immer­rechts – spuck’s endlich aus! –: sie alle, alle, sie waren –

– der Paraklet.

5.

Aber das muss man doch glatt hin­auss­chreien, selb­stver­ständlich, kein Men­sch kann da an sich hal­ten, wo bleibt der Schriftsteller?

Es ist Zeit, wisch ab die Träne Steff, hebe das Auge, höher, ein wenig noch, wenn ich bit­ten darf –:

Und wirk­lich sieht er alles, ganz wie im Kintopp.

Gib zu, auch dies ist ein Teil deiner Psyche.

Die Psy­che erschauert, und die Hand­flächen… gut gut.

Wald­brände lodern. Die Wasser­stelle versinkt. Der Schat­ten des Bösen, län­derver­dunkelnd, erschlägt Kontinente.

Steff, jetzt nimm dich zusam­men. Du wirst Zeug­nis able­gen müssen, also schau dir alles genau an. Eis gibt es später. Auch Kon­fekt, meinetwe­gen. Kuschel dich zusam­men, dann siehst du besser. Was dort so kos­misch glüht, wird dann wohl das Auge sein. Das Auge des Allochtho­nen. Elek­tro­n­is­cher Hum­bug, bes­timmt brandge­fährlich. Vorteil: schläft nie. Zieht Infor­ma­tio­nen sozusagen am laufenden Band, aber das wäre ein eher ver­al­tetes Bild. Steff, was du hier siehst, ist prak­tisch der Daten­strom Hieß gele­gentlich anders, ich weiß, egal. Stream of con­scious­ness? Ganz daneben. Was wirk­lich vorgeht, das fil­tern am Ende ein paar gesicht­slose Ses­sel­furzer her­aus – sehr richtig! müsste öfter gesagt wer­den! –, Leute wie du und ich, aber das ist nicht zu ver­gle­ichen. Ein­mal im Dienst, hantieren sie mit Stratege­men von Aus­maßen, die ihnen pri­vat völ­lig abge­hen. Schau schau: elastis­che, steil aufra­gende und tief hin­un­ter­re­ichende Füh­ler spie­len in alle Rich­tun­gen der Rose, behäbig knüpft das Böse sein Netz, immer dichter, glänzen­der, unz­er­reißbarer. Ist die Men­schheit zu retten?

Am besten erst mal, keine Frage,
bekämpfen wir die Virenplage.

Aber nichts unter der Sonne währet ewig, spricht der Prediger.Und so bemerkt man denn, wenn der grässliche Höhep­unkt naht, nichts weiter als… Es lebe die Notdurft.

6.

Im Büßerge­wand des Nichts-​als naht die Stunde. Naht? Ewiges Heute an der Naht­stelle zweier Wel­ten, ewiges Wir, Scher­ben­gericht. Was spricht schon dage­gen, das Undenkbare zu denken? »Denker des Undenkbaren«: ein Titel, unaus­denkbar. Wer den ver­liehe, die Kan­di­daten wür­den sich die Hacken abtreten. Denken? Ach was. Erken­nen! Wirk­lichkeit! Der klas­sis­che Dreis­chritt. Magis­che Ves­per. Wir wer­den das Kind schon schaukeln. Kind, Kind, lauern­der Ein­fall, du sollst deine Chance bekom­men. Vielle­icht sehen kom­mende Gen­er­a­tio­nen in uns den Mes­sias. Warum nicht vor­greifen? Das Undenkbare andenken… es beginnt im Gefühl, genauer gesagt, in der Magen­grube, strahlt dann weiter aus. Komisch, wie? So wenig – ach nichts, gar nichts strahlt von uns aus. Aber wäre das nicht schon ein Zeichen? Klein? Groß? Wer setzt solche Zeichen überhaupt?

Kein’ Schim­mer.

7.

Die Schlieren, von den auf– und abhüpfenden Licht­punk­ten der Schwärze einge­fügt – noch immer ist es, der Uhrzeit nach, früher Abend, so dass sie als Anzeige der Nacht weit­er­hin aus­fällt –, ver­wirren sich in Edwards Gehirn: zu geschwächt, um sie zu klaren Kon­turen zu zwin­gen, erbost ihn das wabernde Gewirr auf dem Gang zur Hütte, der mehr einem Krax­eln zwis­chen den im Schutz der Dunkel­heit mächtig aufgeschosse­nen Lavabrocken gle­icht. Dass sich hin­ter den Stirn­lam­pen kein­er­lei Stirn, geschweige denn irgen­dein Kopf zu erken­nen gibt, ver­stört ihn weniger, trägt aber zur Anspan­nung bei. Sein Gefühl sagt ihm, er sei draußen – an der »frischen Luft«, wie man zuhause sagt. Aber ebenso ist er drin­nen: eingewick­elt in diese schwarze Kutte, die seinen Kör­per wegschließt und seine unklaren irrlichtern­den Gedanken wie eine allzu nahe Pro­jek­tions­fläche schmerzhaft widerspiegelt.

8.

Der Fleiß entsteht auf zwei ganz ver­schiedene Arten. Und? Wo bleibt die dritte? Denun­ziant! – Reb­mann jeden­falls – damit findet Ste­fan, der einen Augen­blick zur Seite getreten ist, um sein Wasser abzuschla­gen, zu der Hoff­nung zurück, die ihn seit dem ersten Gipfelbe­such in jenen heim­lichen Stun­den beflügelt, in denen er sich den Men­schheits­fra­gen näher fühlt –, Reb­mann hatte, wenn schon kein Zeichen gesetzt, so doch einen Wink gegeben: eine uner­füllt durch die Zeiten vagabundierende Ver­heißung geht von ihm aus. Daran muss man anknüpfen.

9.

Tot liegt die Hütte, tot und verschlossen.

Dem anfänglich leisen, später kraftvollen Klopfen antwortet erst nichts, dann ein schar­ren­des, zwei– oder dreimal ganz nah klin­gen­des, dann wieder sich ent­fer­nen­des Geräusch. Es dauert eine Weile, bis das im Inneren licht­los tätige Elfen­we­sen die Matratzen weg­geräumt hat, mit denen es Tür und Stirn­wand gegen die beißende Kälte abzu­dichten ver­suchte. Der ein­drin­gende Schein der Stirn­lam­pen huscht über die Halbtoten, die daliegen, als habe der Vor­gang der Ver­pup­pung bere­its einge­setzt und werde in weni­gen Stun­den erste sicht­bare Resul­tate zeitigen.

Die säch­sis­chen Gospel­sän­gerin­nen sind gegan­gen, nicht ohne in olfak­torischer Hin­sicht ganze Arbeit geleis­tet zu haben. Der Krankengeruch hat im Innern der Hütte eine zweite errichtet, nicht weniger sta­bil als die erste, mit beweglichen Höh­lun­gen für die abgekämpften Kör­per, die hier­hin und dor­thin tap­pen, in erfin­gerten Ruck­säcken wühlen, bret­tharte Matratzen zurechtsch­ieben, mit vor­sichtigem Nach­druck in den Reißver­schlüssen der Schlaf­säcke ver­hak­ten Berg­steiger­socken zur Hilfe kom­men, durch ein, zwei mächtige Atem­stöße bekun­den, dass sie eine vor­erst befriedi­gende Aus­gangslage für die Nachtruhe gefun­den haben. Schon mis­chen sich erste knar­rende Schnar­ch­laute in das vom Gehör zu bewälti­gende Pensum.

Werner, der an der Schwelle innehielt, um den anderen den Vor­tritt zu lassen, fühlt den Rücken seiner Hand sachte berührt und im näch­sten Moment von zwei Fin­gern umspannt. Mit san­ftem Druck lenken sie ihn zurück ins Freie. »Ich weiß noch nicht ein­mal, wo die Klos sind«, flüstert die Stimme an seinem Ohr, während Anorak an Anorak sch­abt, »kön­nen Sie mich hinbringen?«

»Schal­ten Sie die Stirn­lampe ein. Ich führe sie.« Geblendet nimmt er die Lampe aus der unschlüs­sig in der Bewe­gung ver­har­ren­den Hand und senkt, sich vor­tas­tend, das elastis­che Hal­te­band über einen glat­ten Schei­tel, bis er inmit­ten der Haarflut den zwei­deuti­gen Wider­stand der Ohrmuscheln spürt. »Hier geht’s lang.«

Rasch merkt er, es reicht nicht voranzuge­hen, da sie sich zwis­chen den Felsen immer aufs neue ver­steigt. Die Toi­let­ten, zwei schräg gegeneinan­der geneigte Bret­ter­bu­den, liegen inmit­ten der Hüt­ten auf einem freien Platz, tagsüber nur wenige Schritte ent­fernt, doch die Dunkel­heit und die man­gel­nde Ortsken­nt­nis seiner Beglei­t­erin lassen die Ent­fer­nun­gen wachsen.

Er über­legt, ob er ihr nicht den Arm bieten soll. Im sel­ben Augen­blick knickt er auf dem tück­ischen Unter­grund weg und wirft, um das Gle­ichgewicht nicht zu ver­lieren, eine Hand blind in die Luft, der­weil die andere, weniger beauf­sichtigte, instink­tiv die Nähe des Bodens sucht. Die ex nihilo ein­set­zende Ver­renkung gibt seinen Gedanken eine neue Rich­tung. »Wir soll­ten mehr nach links gehen, hier ger­aten wir ins Gelände«, äußert er in einem umsichti­gen Ton­fall, den er sonst für Kun­den bere­i­thält, deren Aufmerk­samkeit ihm durch ein Ange­bot der Konkur­renz allzusehr abge­lenkt scheint. Der nach rechts abgedriftete, in ein­samer Höhe vib­ri­erende Leucht­turm zeich­net eine hek­tis­che Kurve an die nächtliche Schiefertafel. Unaufhalt­sam rast der bat­teriege­speiste Strahl heran und wirft tausend Funken in Wern­ers müdes, nahezu wehrloses Gesicht. Mit gesenk­tem Kopf geht er gegen die Quelle des Übels vor, klaubt den Nachtmahr von seinem Stein und wird – ziem­lich wahl­los, wie es ihm vorkommt – von zwei Armen gepackt, die nun nicht mehr loslassen: so humpeln sie beide, ein aus Rascheln und Licht zusam­menge­flick­tes Dop­pel­we­sen, schweigend in die Senke hinab.

10.

Nein, da hinein gehe sie nicht, wieder­holte sie nun schon ein zweites Mal und kurz entschlossen –

– während er sich anschickt, aufkeimen­dem Unmut Zugang zu seinem Arse­nal allzeit bere­iter Schar­fzüngigkeiten zu gewähren, löscht sie kurz entschlossen und bere­its in stür­mis­cher Abwärts­be­we­gung das Licht ihrer Stirnlampe.

Werner, dem der Anblick der Bret­ter­bude einen Anflug von Übelkeit bere­it­ete, fühlt die Augen der Nacht dutzend­fach auf ihre Gruppe gerichtet: aufrecht er, warm durchrieselt in seinem erbar­mungs­los raschel­nden Anorak, zu seinen Füßen, auf dem ble­ichen Kack­stein hock­end, die Unbekan­nte, beide nur einen kurzen Stein­wurf ent­fernt von drei, vier Hüt­ten, zwis­chen deren Bret­tern fin­ger­bre­ite Ritzen der flu­ten­den Bewe­gung der Luft und des Raumes Ein­lass in jegliches Innere gewähren. Hört er nicht den stoßweisen Atem der Liegen­den? Vielle­icht, vielle­icht nicht. Vielle­icht hal­ten sie jetzt alle ger­ade den Atem an, um zu ergrün­den, was da draußen vorgeht.

Langsam, die vor ihm liegen­den Fels­brocken mit dem Gehör ertas­tend, ent­fernt er sich in die vol­lkommene Schwärze hinein, an welcher der Anprall der Sinne ein pras­sel­ndes Feuer­w­erk entzün­det. Die Lampe hat er aus­geschal­tet, ob aus Diskre­tion oder aus Furcht, ist ihm in diesem Augen­blick nicht gegenwärtig.

Er merkt am Zurück­we­ichen der Felsen, dass er den Weg erre­icht hat, der sich zwis­chen den Hüt­ten hin­durch berg­wärts schlän­gelt. Am lieb­sten würde er sich hin­set­zen, doch ein unbes­timmter Impuls hält ihn davon ab. Er weiß, dass die schmal­giebe­li­gen Berg­steiger­fut­terale jetzt hin­ter ihm liegen, und wenn er genau hin– oder doch eher in sich hinein­sieht, dann kann er, ganz schwach, rechts vor sich die bre­it­ere Sil­hou­ette einer der barack­e­nar­ti­gen Hüt­ten erken­nen, in denen die Guides und Porters die Nacht verbringen.

Er nimmt sie wahr, weil er überzeugt ist, sie vor sich zu haben. Und wirk­lich, sie schiebt sich vor einen Nachthim­mel, dessen Anblick der Aufruhr der Sinne ihm bisher ver­bor­gen hat. Nun erkennt er auch, langsam den Blick hebend, den Grund der Fin­ster­nis, die auf ihnen lastet. Der Hang mit seinen zwis­chen Fels­brocken ver­streuten Hüt­ten liegt im über­mächtig sich auftür­menden Schat­ten des Berges, der mit seiner Spitze ger­adewegs ins nördliche Zen­trum des Ster­nen­him­mels vorstößt, eine Zone, in der sich der eisige Wel­traum und von fern erah­nte Gletscher­bizarrerien ein feuriges, wen­ngle­ich nicht ganz reelles Stelldichein geben.

Er spürt, es ist Zeit. Ihn fröstelt. Wer wärmt mich, wer liebt mich noch? Hier draußen dürften die Chan­cen jeden­falls gegen Null tendieren. Gebt heisse Hände! Gütiger Him­mel, wenn das immer so ein­fach wäre. In seinem zutiefst aufgeräumten Inneren macht sich eine Regung bemerk­bar, die er sich selbst gegenüber als Schauder, einem anderen gegenüber als einen Anflug von Unbe­ha­gen beze­ich­nen würde – voraus­ge­setzt immer, eine der Parteien käme in die Sit­u­a­tion, ihn danach zu fra­gen. Da er es ablehnt, mit sich allein zu sein und Selb­st­ge­spräche zu führen, lässt er die Dif­ferenz auf sich beruhen. Sie scheint ihm nicht wesentlich zu sein. Immer­hin ist ihm die Regung geläu­fig, er kennt sie seit Jahren und manch­mal kann er den Ein­druck nicht abschüt­teln, dass sie Fortschritte macht, dass sie heute run­der, sozusagen geschlif­f­ener auf der Bühne erscheint als noch vor weni­gen Jahren.

Hat sie nicht recht? Es ist die Kälte, die ihm zu schaf­fen macht. Nicht diejenige, gegen die ihn sein Anorak einiger­maßen zuver­läs­sig abdichtet, obwohl er sich, wie er so dasteht, im Schat­ten der Sterne und wenige Meter vom Rand der Welt ent­fernt, hin und wieder eines kurzen Bebens nicht erwehren kann. Es ist eine abstrakte Kälte, gewis­ser­maßen selb­st­fab­riziert, ein Gedanke, nicht mehr, ein wiederkehren­der Ein­fall, einer, der Zeit hat, der lange Peri­o­den ver­stre­ichen lässt, ohne Laut zu geben. Physikalis­che Formeln lang­weilen ihn – wahrschein­lich ein von der Schulzeit her­rühren­der Defekt. Für ihn ist das Weltall vor allem eines: von über­all­her andrän­gende, gefährlich in sich ver­har­rende, unter Aus­nützung jeder Gele­gen­heit her­vorstürzende und abso­lut tödliche Kälte. Ein Aperçu, nichts weiter, das er manch­mal in Gesprächen zum besten gibt (nicht so gespreizt wie Edward vorhin, der stets übertreibt) und dessen Wirkung sich mit der­sel­ben Zuver­läs­sigkeit ein­stellt wie der kernige Stun­den­schlag der von der Groß­mut­ter väter­lich­er­seits ererbten Standuhr.

Hier oben, mit sich allein und gegen jede Form von Selb­st­ge­spräch aller­gisch, ist er sich seiner Sache nicht mehr so sicher. Jene da drüben im Dunkeln hock­ende Gestalt zum Beispiel, er weiß es instink­tiv, erwiese sich als ganz und gar immun gegen den Vorschlag, die Welt aus diesem Gesichtswinkel zu betra­chten. Ihr Blick, starr auf den zum Patien­ten verküm­merten Gefährten gerichtet, würde durch ihn hin­durchge­hen wie durch einen leichten Stoff, der just for fun den nack­ten Zus­tand der Dinge ver­schleiert. Nicht, dass er ihr ein Intel­li­gen­zprob­lem unter­stellen möchte, davon ist er weit ent­fernt – schließlich hat er noch keine drei Sätze mit ihr gewech­selt –, nein, der Gedanke würde gar nicht an sie her­ankom­men. Sie würde ihn abwehren wie eine lästig sur­rende Fliege, und keine Macht der Welt würde sie bere­den kön­nen, ihn als ihren anzunehmen.

Warum auch? Ander­er­seits: warum nicht? Ein Gedanke kann ein­schla­gen wie ein Blitz, er kann abtropfen, ohne mehr als die Empfind­ung zu hin­ter­lassen, nass gewor­den zu sein, er kann aber auch ein­sick­ern, still und beständig, außer­halb des Gesichts­feldes, das unsere ständige Aufmerk­samkeit erheis­cht, so dass sich erst nach Monaten oder vielle­icht Jahren über­schla­gen lässt, was er angerichtet hat. Dieser hier scheint, soweit Werner das überblickt, harm­los zu sein, er rollt hier­hin und dahin, fast eine Queck­sil­berkugel, und sieht einem rund und funkelnd ins Gesicht.

Aber da liegt schon der Irrtum. Wer sagt ihm denn, dass diese Kugel in Zeiten, in denen man sie nicht sieht, harm­los in einer Ver­tiefung seines Gedächt­nisses ruht, um im geeigneten Augen­blick wieder aufzus­prin­gen und dor­thin zu rollen, wo sie sieht und gese­hen wird? Wer sagt, dass sie sich in den Zeiten der Ruhe nicht in winzige, aber hochge­fährliche Par­tikel zerteilt, in denen er die wahren Ein­drin­glinge erken­nen müsste, wenn er ein Organ dafür besäße?

Du höh­nisch Auge, das mich aus Dun­klem anblickt: So hat er sich das nicht vorgestellt, so nicht. Wenn es aber so wäre, dann wäre ja dieser sim­ple Gedanke eine Waffe gewe­sen, die er ziel­los – ganz sicher ziel­los? – auf seine Umge­bung gerichtet hätte, unbeküm­mert um die Frage, wem er das Gift injizierte. Schlim­mer, er hätte es sich selbst zuge­führt, ohne es zu wollen oder auch nur zu bemerken. Schließlich ist die Bedro­hung, von der er spricht, ganz und gar abstrakt, sie existiert über­haupt nicht außer­halb irgendwelcher The­o­rien, jeden­falls dann, wenn man die Hand­voll Raum­fahrer bei­seit­elässt, die mit ihr Erfahrun­gen sam­meln durften.

Ger­ade die sind ver­mut­lich am besten gegen sie geschützt: Sie wis­sen, welche Vorkehrun­gen getrof­fen wer­den müssen, bevor es zum Kon­takt kom­men darf, um ihn zu überleben.

Nein, diese Kälte existiert nur in seinem Denken. Sie ist Gedanke, Nichts-​als-​Fähigkeit, wiederzukehren, sich einzufressen, sich an ihm, der ihn denkt, zu mästen und in Augen­blicken wie diesem den Boden unter den Füßen… Aber was ist das bloß für ein Geschwätz? Er schüt­telt sich, der Anorak rauscht, ein Krächzen entringt… nein danke, draußen, im Dunkeln, antwortet, verblüf­fend syn­chron, ein Geräusch, das gehört zu haben sein höfliches Ohr sich einen Augen­blick weigert.

11.

Ein Blitz, eine Erup­tion, vielle­icht ein Erbrechen: Ha! schon viel zu nahe! Und wenn schon. Nur ein Gedanke. Was würde geschehen, wenn er ihn eines Tages leer anträfe? Würde er dann von ihm aus­ge­füllt werden?

– Vom Schei­tel bis zur Sohle?

– Vom Hirn bis zu den Hoden?

Ein einziger Gedanke, Nichts-​als-​Gedanke, der die Augen auf­schlägt, in ihm, durch ihn, an seiner statt. Was wird er sehen? Zweifel­los dies: Nacht, Schwärze, darin tanzend der gleißende Mück­en­schwarm. (Na endlich, fast zu lang hat es schon gedauert. Die pro­gres­sive Zer­rüt­tung, deretwe­gen sie hier her­aufgekom­men sind, sie beginnt zu wirken. Heute mit­tag hat er sie erst­mals gespürt, als er beim Steigen daneben­trat und es in ihm auf­schoss: »Mich – willst du? Mich?« Warum dann weiter? Denn weiter geht es, auch jetzt, er weiß.)

Leer, wie er sich fühlt, unendlich leer (o diese Befriedi­gung!), nussknack­er­haft bereit, die Kälte zu denken, die jetzt nicht mehr schlangen­gle­ich kriecht, son­dern wie ein zweiter Schat­ten auf ihm liegt – ihre Bere­itschaft, mit der Phan­tasie mitzuge­hen, ist so unendlich wie die Leere, die sie erbrütet –, ein Schat­ten von etwas, eine Ferne, eine Abwe­sen­heit, die ihn milde durch­strömt und oben­drein wärmt, – bricht es aus ihm, bricht, her­aus, der innere Kerl rüt­telt an seinen Git­tern, lacht, und wirk­lich sieht man jetzt hier und da hin­ter Türen und Ritzen die ersten Taschen­lam­pen angehen.

12.

Auch die fremde Frau hat ein Innen­leben. Im Augen­blick wäre ihr lieber, sie hätte keines. Während sie den Slip über die anges­pan­nten Gesäß­muskeln zieht, sich langsam aufrichtet, die Jeans unter dem Anorak ord­net, hakt sie den Begleiter, dessen abso­lut blödsin­niges Gelächter da vorne ger­ade das schwarze Nichts in einen mit­telmäßig belebten Dorf­platz ver­wan­delt, resig­niert als einen der wichtigtuerischen Idioten ab, von denen ihr auf dieser Reise schon allzu viele begeg­net sind. Flüchtig huscht sein Bild, wie sie es vom Nach­mit­tag her ver­wahrt, durch ihre Vorstel­lung, dann gibt sie sich einen Ruck und knipst die Stirn­lampe an.

13.

Ger­ade erst war Edward in seinem Schlaf­sack zur Ruhe gekom­men, als sie ihm bere­its unerträglich vorkam. Er span­nte das glatte, aber nicht unan­genehme Mate­r­ial mit den Ell­bo­gen, bis er das Zugstück des Reißver­schlusses zwis­chen den Fin­gern hielt und ihn langsam, ein wenig unbe­holfen, aufziehen kon­nte. Er hob seine Füße mit den Berg­steiger­socken aus der schlaf­fen Kuhle. War es nicht ein bedächtiges Stre­icheln, mit dem sie sich von ihnen ver­ab­schiedete und in sich zusammensackte?

Er schwang die Beine über den Pritschen­rand. Inner­lich fluchte er über das Knacken und Rascheln, das seine behut­same Aufer­ste­hung begleit­ete. Weggeschlossen wider alle Leben­sre­gung kam er sich auf dem Lager vor, dessen Bre­ite ger­ade aus­re­ichte, um auf der einen Seite das Gefühl kün­stlicher Been­gung, auf der anderen den Ein­druck nicht unge­fährlicher Tiefe zu ver­mit­teln, die sich ins Boden­lose ver­lor, sobald er die Augen schloss.

Im Dunkeln zu sitzen erschien ihm angenehm. Er umk­lam­merte den Lat­ten­rost, drückte die Arme durch und span­nte den Rücken. Die Brust ein wenig hohl, wün­schte er das Ende der Nacht oder ihren Anfang her­bei, ohne sich über den Unter­schied Rechen­schaft abzulegen.

14.

Es hätte auch keinen Zweck, denn der Weg ins Innere ist ihm versperrt. Der flu­tende Gedanken­re­ich­tum, auf den er ein Anrecht zu besitzen glaubt, staute sich an einer Grenze, die näher ins Auge zu fassen ihm die Fin­ster­nis ver­bot. Nicht jene durch­drin­gende Fin­ster­nis, die es nicht zuließ, dass er auch nur den Schat­ten­riss der eige­nen Hand wahrnahm, sie nicht, wohl aber eine, die unter­der­hand den Ver­dacht zur Gewis­sheit machte, dass er hier fehl am Platz sei. Wie jemand, der einen Raum durch eine Drehtür zu betreten im Begriff ist und noch in der Bewe­gung den Irrtum erkennt, so wartet er darauf, dass der Schwung, der ihn hier­her­ge­tra­gen hat, ihn bei gehöriger Pas­siv­ität weiter– und in men­schlichere Lagen zurück­be­fördern werde.

Als die Hüt­ten­tür aufk­lappt und jene bei­den Gestal­ten ein­lässt, die sich im Augen­blick des Ein­tretens der Stirn­lam­pen entledi­gen, ihren Strahl den kurzen Weg zu den Kojen zurück­le­gen lassen und dann geräusch­los kap­pen, fühlt er sich beinahe ertappt. Das stumme Ein­ver­ständ­nis, das er zwis­chen ihnen zu spüren glaubt – würde ihn jemand fra­gen, warum, so müsste er wohl passen –, das Motiv der Heimkehr, wen­ngle­ich nur für eine Nacht, das in ihrer Art, sich zu bewe­gen, die Plätze aufzusuchen und sogar zu schweigen mitschwingt, dies alles enthält, als Spurenele­ment, einen Vor­wurf an ihn. Keine Frage, auch er ist inner­lich angekom­men, aber auf eine Weise, die ihn bedrückt. Er ist nicht im Rhyth­mus und das bedeutet, angesichts dessen, was noch vor ihnen liegt, nichts Gutes.

15.

Er holt die Taschen­lampe her­aus und sieht auf die Uhr. Der Abend ist noch nicht weit fort­geschrit­ten. Unten wäre es an der Zeit, die Servi­ette auf den Tisch zu wer­fen, sich zurück­zulehnen und die Worte spazieren­zuführen. Er zwingt sich, auf die Atemzüge der anderen zu achten. Er hat her­aus­ge­fun­den, dass immer nur einer von ihnen durch kräftige Atemzüge und das oblig­ate Blasen zu Pro­tokoll gibt, dass er die Schwelle des Schlafs passiert hat. Die anderen sind kaum zu hören. Offen­bar lauschen auch sie auf diese Stimme aus dem Jen­seits, die nichts kundg­ibt, aber in ihrer ruhen­den Insolenz eine nicht zu unter­schätzende Offen­barung darstellt.

Er bildet sich ein, während der ganzen Zeit hät­ten die Patien­ten nicht einen Laut von sich gegeben. Es ist ein zweifel­haftes Unter­fan­gen, die Herkunft der Geräusche im Dunkeln unter­schei­den zu wollen. Umso befremdlicher erscheint ihm die Gewis­sheit, die ihn in dieser Rich­tung beseelt. Wann immer er an die bei­den denkt, sieht er die bis an die Nasen­spitzen herange­zo­ge­nen Schlaf­säcke mit den darüberge­bre­it­eten Jacken und spürt den star­ren, ent­glei­t­en­den Blick. Der Blick erlaubt keinen Laut, er gehört dem Schweigen. Wo die bei­den sich aufhal­ten, gibt es nichts zu ver­han­deln oder durch wirk­liche oder einge­bildete Schnar­chtöne zu bekräfti­gen. Strenggenom­men hal­ten sie sich nir­gendwo auf. Die Aufmerk­samkeit, von der ihr Blick berichtet – gesam­melt, ohne ablenk­ende Momente, nicht ein­mal ansatzweise geschwächt oder unter­brochen durch das Bedürf­nis, einen Scherz zu machen oder sich zu räus­pern –, ist verteilt, sie gilt dem Fluss eines Geschehens, das sich dem Betra­chter ver­birgt. Aber mehr noch ist sie dieser Fluss, an seiner Ober­fläche gelöst und von seinem Dahin­treiben ununterscheidbar.

16.

Er war ein wenig zurück­ge­sunken; mit einem Ruck richtet er sich auf. Ein neuer Schnar­cher ist in den Ring gestiegen. Sehn­süchtig erwartet von der Runde der Schweigen­den, befeuert von einer schwer zu bezäh­menden Ungeduld, nimmt er den ungle­ichen Kampf mit der im Dunkeln lauern­den Macht auf. Ein kurzer dop­pel­ter Anriss, fast eine Synkope, ein Largo, das in ein steil abstürzen­des For­tis­simo mün­det, dann die vib­ri­erende Stille, in welcher der unsicht­bare Klangkör­per, der sich keiner der Edward wohlver­trauten Per­so­nen zuord­nen lässt, seinen let­zten Trumpf ausspielt, die reine Gegen­wart: Geschöpf der Nacht, der Fin­ster­nis entströmter Titan, erschaf­fen, um sich im Kampf gegen den schweigsamen Dämon zu ver­aus­gaben und zu erschöpfen. Der schwächere Vorgänger ist ver­s­tummt, schla­gar­tig, als habe er sogle­ich die Nut­zlosigkeit seines Tuns begrif­fen, so dass kein Nebengeräusch die Dar­bi­etung beein­trächtigt, in der es gewiss um Leben und Tod geht. Jeden­falls ist das der Ein­druck Edwards, der nur hier und da einen bergge­härteten Schenkel lüpft, wenn die hölz­erne Kante ins Fleisch zu schnei­den beginnt.

17.

Wie immer jene dun­kle Macht im Innern beschaf­fen sein mag, ihre wirk­sam­ste Man­i­fes­ta­tion ist die aus dem Takt ger­atene, Schleifen bildende Zeit, die sie mit san­fter, aber aus dem Grund wirk­samer und jeden wil­lentlichen Wider­stand abschnüren­der Gewalt in die Hor­i­zon­tale drückt. Eine Zeit, die nicht vergeht, bekommt etwas Wider­sin­niges: »die Minuten schle­ichen dahin«, mit gesenk­tem Kopf wahrschein­lich, da sie vom Kranken­lager der großen Mut­ter kom­men. Deut­lich bemerkt Edward ihre Schei­tel, es sind reizende Köpfchen dabei, Zöpfe sogar. Gern sähe er die Gesichtchen, aber das ist unmöglich. Bloß Ohrmuscheln ahnt er ab und an. Und wirk­lich sind sie nur für das Gehör. Sie scheinen aus ihm her­auszuwach­sen: Wucherun­gen des Hörver­mö­gens. Auf grotesken, schwank­enden und inter­mit­tieren­den Bah­nen bemächti­gen sie sich des umgeben­den Raumes. Manch­mal wan­dert eine an seiner Wange vor­bei, sie streift ihn fast, er wün­scht sich, von ihr gebis­sen zu wer­den – nicht wild, nicht schmerzhaft, nur wirk­lich, doch ger­ade das ist offenkundig nicht zu erlan­gen. Es gibt Augen­blicke, da scheinen alle mit einem Mal gegen ihn vorzu­drin­gen: Was soll er machen? Offen­bar nichts, denn diese Augen­blicke entste­hen, um zu verge­hen, sie sind schon vor­bei, ehe das Gehirn sie auszuw­erten beginnt, Wim­pern­schläge, zu denen die Zeit nur die Tusche beis­teuert, mit deren Hilfe sie sich als feine schwarze Striche in seine Wahrnehmung einsenken.

18.

Erlahmt der Titan? Ein friedlicher, in seinen Maßen unbe­deu­ten­der Men­sch hat zwis­chen zwei Träu­men einer ein­fachen Kör­perempfind­ung nachgegeben und sich auf die Seite gerollt: Schon versinkt der machtvolle, Abgründe beiläu­fig über­querende Helfer, der den Gigan­ten her­aus­ge­fordert hat und auf dem besten Wege schien, ihn zu besiegen, in jenem Spalt zwis­chen den Zeiten, aus dem er unver­mit­telt, ein zweiter Dschinni, her­aufgestiegen war.

Was ist passiert?

Das von Blitzen durch­furchte hell-​dunkle Panikwe­sen stellt keine Fra­gen. Es tritt an die Stelle des Fragers, es ver­tritt ihn in jenem Zus­tand, in dem der Men­sch hil­f­los wie ein Neuge­borenes unter dem Ansturm des Lichts zusam­men­zuckt, das einer ohne Vor­war­nung über ihn auss­chüt­tet, und sei es dadurch, dass er sich entzieht.

19.

Hören: geheimnisvolle Regung des Lebens, Zuck­ung eher, ein schmerzhafter Krampf, dem das lösende Zurück­gleiten in die Stille folgt. Wieviel Unfug auch immer darüber geschrieben wurde, der reale Leser lässt es sich nicht nehmen, über diesen Brun­nen gebeugt dem Raunen zu fol­gen, das ohne Anfang und Ende und fol­glich auch ohne Mitte ist. Ohne Zweifel geht die Fahrt abwärts, und nie­mand weiß, ob dort, wo er auf­schlägt, ihn die Schlacke eines erlosch­enen Vulkans oder eine Blu­men­wiese erwartet.

Den­noch scheint es ihm sehr die Frage, ob das, was einer hört, weil er es nicht lassen kann, wirk­lich die Stimme des Seins genannt zu wer­den ver­di­ent. Schließlich ist, was er hört, nur der Wurm­fort­satz seines Hörens, und hörte er nichts, so bliebe er end­los im Zweifel, ob er wirk­lich nichts oder nicht eher nicht hörte. Ein Nichthören­der aber wüsste mit dieser Dif­ferenz nichts anz­u­fan­gen, sie liegt im Hören­den, der nur als Hörer sich zum Nichthörer qual­i­fiziert. Der Schluss, den der Leser aus dieser Sach­lage zieht, klingt so ein­fach wie angemessen: Nur wer hört, kann nicht hören. Wer nichts hört, weil er taub ist, mag zwar an seinem Gehör zweifeln, aber nicht daran, dass Hör­bares existiert. Also ist auch er ein Hören­der, ein zukün­ftig Hören­der, der nur darauf wartet, dass ihm die Welt Laut gibt. Wir, die wir Hörende sind – der reale Leser liebt solche Floskeln, die ihn dunkel mit den Enden der Welt verknüpfen, zwei links, zwei rechts –, erschaf­fen in aller Unschuld den Kon­ti­nent des Uner­hörten, dessen, was aus allem Hören her­aus­fällt und es von allen Seiten bedrängt, bis es, zaghaft gewor­den, zugibt, dass nichts weiter an ihm sei als der physikalis­che Trick, ungeeignet, die Tiefe der Welt zu ermessen, aber aus­re­ichend, immer­hin, um die Routen der Heringe rund um den Globus zu kartieren – was nicht ger­ade wenig ist.

20.

Edward jeden­falls, dem Fra­genkön­nen und Fra­gen­wollen zurück­ge­won­nen, fragt sich, ob es nicht doch besser sei, dem Wink der Stille zu fol­gen und erneut in den Schlaf­sack zu kriechen. Nach einigem Ham­peln und Stram­peln gelingt ihm dies fast ohne Mühe, und nach­dem er einen weit­eren Anfall von Bek­lem­mung eher resig­niert zur Ken­nt­nis genom­men als aktiv aus­gelebt hat, übern­immt er, unwis­send natür­lich und unbe­wusst, den augen­blick­lich vakan­ten Part des Schnarchers.

Einer für alle, alle für einen.

21.

Die schwarz lack­ierten Fin­gernägel Frau Mel­stroems gleiten über Zahlenkolon­nen. Das leise Knis­tern ver­rät den Marschtritt der Ameisen, die unter den Strahlen einer fer­nen, aber –enthält dieser Gedanke nicht eine unge­heure Lästerung? – auf geheimnisvolle Weise erre­ich­bar scheinen­den Sonne auf leicht gewell­ten, gegeneinan­der und übere­inan­der geschobe­nen Ebe­nen dahinziehen. Im Innern der Sonne brechen aus einer unentz­if­fer­baren, aber ohne Zweifel das Absolute beze­ich­nen­den Hiero­glyphe tödliche Strahlen. Von der durch­scheinen­den Außen­haut zurückgedämmt, schaf­fen sie jene Kugel aus reinem Licht, deren wun­der­bare, schreck­liche, alles durch­drin­gende Kraft, die selbst vor den Schat­ten­zo­nen, in denen das Böse lauert, nicht Halt macht, ihre Schritte lenkt und ihre Gedanken davor bewahrt, das Andere zu denken, das sich in ihnen dem Licht ent­ge­gen­stemmt und von einem Licht jen­seits des Lichts fabelt, dessen man nur im Aufruhr teil­haftig wird.

22.

Elsa Mel­stroem, gewöhnt, ihre knap­pen Befehle mit einem leisen, fraulichen Lachen zu unter­legen – denn auch sie weiß, dass der Aufruhr, den sie seit Jahren unter­hält, sich jed­erzeit gegen sie richten kann und im Fall des Falles sie den Hor­den, die sie mit dem san­ften Druck ihrer Fin­gerkuppe dirigiert, wehr­los aus­geliefert wäre –, Elsa Mel­stroem, äußer­lich straff und gefasst, empfindet den frem­den Blick, der sich in ihr auf­schlägt. Sie kann nicht behaupten, dass sie ihn nicht erwartet hätte, aber jetzt, da es geschieht, über­rascht und ver­wirrt es sie ein wenig. Zwar ist sie daran gewöhnt, die Dinge mit den Augen anderer zu sehen – wie sonst hätte sie all die Jahre hin­durch erfol­gre­ich in ver­mintem Gelände operieren kön­nen –, aber dieses Wesen, sie fühlt es, kommt nicht, um zu erobern oder erobert zu wer­den. Wäre sie imstande, um diese Stunde noch klar zu denken, so würde sie meinen, es sei gekom­men, um an ihr teilzuhaben – oder, noch besser: teilzusein.

23.

Edward, seines wachen Selbst ledig, findet es lustig, Elsas Fin­gerkup­pen hier­hin und dahin zu set­zen und das Knis­tern des Papiers ein ums andere Mal zu provozieren. Es ist eine magere Lust, bereit, sich auf den ger­ing­sten Wider­stand hin zurück­zuziehen und jenes Etwas, das nicht länger »ich«, son­dern nur noch »ah« zu sagen ver­mag, in seiner zugi­gen Bilder­w­erk­statt allein zu lassen. Aber noch spielt sie mit. Elsa, das reizt ihn, wäre bereit, wiederzukehren. Da liegt der Unter­schied: schal ist, was schon das Mal des Ver­schwindens trägt. Mehr wer­den im Ver­schwinden, sich feiern, als Dro­hung oder Ver­heißung einer neb­ulösen Wiederkehr: da liegt der Trick.

24.

Es reizt ihn zum Lachen, und in der Ferne zieht das Gelächter wie ein Früh­lings­ge­wit­ter vor­bei. Er weiß nichts von den Röchel­lauten, die aus der Kehle des Schläfers drin­gen, der seinen Namen trägt. Wie locker und sor­g­los er Elsa sein darf, Elsa spie­len darf (er will auch in diesem Zus­tand genau sein). Beson­ders im Ober­arm, knapp über dem Ell­bo­gen, ist die Empfind­ung mächtig.

25.

Pflicht, sagt Elsa Mel­stroem mit dieser leicht anger­auhten, durch den Pre­mier Cru refem­i­nisierten Stimme, Pflicht ist ein zwin­gen­des, zur Tat drän­gen­des Gefühl. (Wie gut, meldet sich das dun­klere Etwas, dass wir das so aus­drücken kön­nen, so, so – drän­gend eben und ein klein wenig von fern­her zupack­end…) Der Denk­ende denkt aber nur, und hier hört aller Spass auf, auf­grund von zwei Voraus­set­zun­gen: er hält alles für gewor­den und alles Gewor­dene für disku­tier­bar. (Eigentlich besagt es ja ein und das­selbe, aber das wollen wir im Augen­blick nicht disku­tieren. Eigentlich bekräftigt es auch nur die gängige Ver­wech­slung von logis­cher und empirischer Her­leitung, aber auch das wollen wir im Augen­blick nicht…) Der leicht anger­auhte Pre­mier Cru jeden­falls sieht den Denk­enden aller Pflichten ledig, ver­ant­wor­tungs­frei und –los, und damit bere­its ein wenig unver­ant­wortlich. Dann aber (Elsa Mel­stroem hebt den Blick unter den schw­eren Brauen, wobei das Kinn nach unten gleitet und jene Run­dung preis­gibt, die jeden Ver­such, hier Anker zu wer­fen, von vorn­herein zum Scheit­ern ver­dammt), dann aber (Elsa Mel­stroem bedarf der stren­gen Miene nicht mehr, ein bübis­cher Zug huscht über ihre Wan­gen), dann aber kön­nte man sagen (und ernst und feier­lich sagt sie es und gibt ein wenig die Aller­leirauh), dass der Denk­ende auch kein­er­lei Pflicht zur Wahrheit… Ver­steht ihr, Fre­unde? Nein? Daran tut ihr recht, denn hier beginnt das Frag­würdige. Nicht denken, nein, tren-​nen, das Frag-​würdige er-​finden (selt­sames Stakkato der Nacht, das solche Worthüpfer her­vor­bringt): wo diese Bedeu­tung­sumkehr gelingt, da sind wir obe­nauf. Übri­gens sind wir Geschäft­sleute. Das hier ist unser Geschäft, vielle­icht unser bestes. (Let­zteres sagt sie nicht mehr, aber das Etwas, das wie ein Schat­ten über ihrem pochen­den Herzen liegt, hat schon beschlossen, sich seinen Teil abzuschnei­den, koste es, was es wolle.)

26.

Gäbe es eine Beun­ruhi­gung durch ent­fer­nte Träume, Frau Mel­stroem schliefe heute nacht anders.

So bleibt es Edward vor­be­hal­ten, sich auf der harten Pritsche herumzuw­er­fen und dem Pfeifen des aufk­om­menden Windes, der durch alle Ritzen fegt, den eige­nen Lock­ruf beizumengen.

Schlaftrunken absolviert er sein Standard-​Programm, den Traum vom Traum im Traum und vom dop­pel­bödi­gen Wachen.

Das ist doch wirres Zeug, grü­belt er, inwendig aufgerichtet, nicht der Mühe wert, dass man die Hand dafür aufhebt:

– dass die Mas­chine des Denkens nicht mehr recht arbeitet, wenn einer sich beim Akt des Erken­nens wirk­lich unverpflichtet fühlen könnte?

– dass man nicht analysieren könne, worauf man sich verpflichtet weiß? Dass man sich erst entpflichten müsse, um die Pflicht zu analysieren?

– dass man sich der Worte enthal­ten müsse, um Sprache zu analysieren?

– dass man sich des Enthal­tens enthal­ten müsse, um die Enthal­tung zu analysieren?

– dass man sich der Analyse enthal­ten müsse, um zu analysieren? Dass man sich des Denkens enthal­ten müsse, um Denken zu denken?

Denkbar wäre es vielle­icht. Ein wenig lang­weilig auf die Dauer. Aber wer spricht von Dauer.

27.

So in Klarheit gebadet wie jetzt sah er sich selten –

da sich das Faun­s­gesicht mit den müden Augen über ihn beugt, die eis­graue Lock­en­pracht schüt­telt und zum Gegen­schlag ausholt: »Wahrheit sagten Sie eben? Schau an. Da haben Sie noch etwas, das uns Nach­denkern abgeht. Ein Wärzelchen, nehme ich an? In Essig baden, das hilft. Sie sind eine schöne Frau: Lachen Sie es weg. Fiat tris­ti­tia, wie die ver­rot­teten Lateiner sin­gen. Die Sprache der Engel. Im Ernst: ich halte es für einen Defekt, einen eher sel­te­nen übri­gens. Schön, schön. Gut ver­steckt, nicht angeeckt. Nur zu gern würde ich es ein­mal aus der Nähe besichtigen.«

Er sagt es streng und gemessen, mit gefurchter Stirn.

Klipp-​klapp: er erteilt das Zeichen des Wis­sens, das Auf und Nieder der Bril­len­bügel, dem der Reibegriff an die schwer gewor­de­nen Lider folgt.

Schlur­fend ent­fernt er sich zwis­chen Felsbrocken.

28.

Von Avi­gnon kom­mend, trifft Francesco P. am Abend des 24. April in dem ver­winkel­ten Bergnest ein. »Also hat sich’s zuge­tra­gen im Jahre des Herrn 1336.« Ohne Übereilung beg­ibt er sich mit seinem Begleiter – dem Bruder, wie sich gle­ich her­ausstellen wird – in den einzi­gen Gasthof am Ort, speist bedächtig und sparsam und geht früh zu Bett. Der Bruder bleibt bis nach Mit­ter­nacht in der Wirtsstube sitzen. Er schnackt mit dem Wirt, trinkt nicht zu knapp und albert mit den Mäg­den herum, bis die Wirtin sie durch ein ener­gis­ches Zis­chen aus dem Raum weist. Auf dem gefurchten Gesicht der Wirtin erglühen je nach dem Grad der Erre­gung kleinere und größere Flecken. Erregt scheint sie immer zu sein. Anders der Wirt, ein schmächtiger Mann mit ruhi­gen Gesicht­szü­gen, sichtlich gewohnt, die Dinge und Gespräche ihren unver­mei­dlichen Gang gehen zu lassen und allen­falls dann und wann ver­ste­hend einzu­greifen. Im Lauf des Abends macht der junge P. geheimnisvolle Andeu­tun­gen, aus denen nie­mand klug wer­den kann, über den Zweck der Reise, die ihn und seinen Bruder herge­führt hat. Neben­bei erfährt man, der Bruder sei ein wichtiger Mann mit (für sein Alter) außergewöhn­lichen Beziehun­gen. Auch dies ergibt sich – wie manches andere – aus dif­fusen, beiläu­fig ins Gespräch gestreuten Bemerkun­gen, welche die am Tisch sitzen­den Bauern mit fast unmerk­lichem Nicken quit­tieren. Die Devo­tion der Wirt­sleute steigt beträchtlich.

Am näch­sten Tag bleibt Francesco unsicht­bar. Gegen Abend lässt er sich eine Karaffe Wein aufs Zim­mer brin­gen. Der Bruder hat den Gasthof in den frühen Mor­gen­stun­den ver­lassen und kehrt am Nach­mit­tag mit schw­erem Gepäck zurück. Danach ver­schwindet auch er, nie­mand weiß, wohin.

29.

Deut­lich kann man das Schnar­chen der Wirt­sleute unter­schei­den, die Hunde bewe­gen beiläu­fig ihre Schwänze im Halb­schlaf. Sachte sachte schle­ichen die bei­den Gäste den Flur ent­lang und aufat­mend ziehen sie die leise wim­mernde Tür ins Schloss. Rechter­hand liegen die Ställe; Francesco unter­drückt den augen­blick­lich erwachten Wun­sch, nach den Pfer­den zu sehen. Über den Feldern hin­ter den benach­barten Häusern glim­men erste Spuren der Däm­merung. Die feuchte Nachtluft bemächtigt sich der Lun­gen. Bei­der­seits der Tür erheben sich laut­los zwei Diener mit bre­iten Taschen über den Schul­tern. Dann und wann wirft einer arg­wöh­nis­che Blicke auf den sich undeut­lich im Nebel abze­ich­nen­den Gebirgszug. Die Gruppe über­quert den Hof. Vor dem Tor schließt ein Rudel Hunde zu ihnen auf. Sie drän­gen sich neben– und gegeneinan­der, ihr Keuchen und Knur­ren übertönt die Nacht­geräusche. Einer, auf­fäl­lig durch seine Größe, hält sich abseits. In Schat­ten ver­bor­gen, stößt er halb­melodis­che Klage­laute aus. Dann wieder kommt er auf Armes­länge an die Män­ner heran, prüft ein­dringlich ihre Gesichter. Francesco bemerkt es mit Unbe­ha­gen. Ein­mal, als er sich gedanken­los zur Seite wen­det, prallt er mit dem Gesicht fast gegen die Schnauze des Tieres, das bewe­gungs­los auf dem sich neben ihnen hinziehen­den Gemäuer kauert. Der bre­ite Kopf, die schwammig-​knochigen Züge, die schar­lachrote Narbe neben der Schnauze (wohl eine Brand­narbe) und die wäss­ri­gen, in kalter Anklage star­ren­den Augen rühren an eine Erin­nerung, die nicht deut­lich wird. Einen pein­vollen Augen­blick lang packt Francesco der Arg­wohn, seine Pläne seien durch­schaut, man habe von langer Hand Vorkehrun­gen getrof­fen, sie zu durchkreuzen. Das Fell des Hun­des, soweit im Mondlicht erkennbar, ist schmutziggelb. Auch sieht es so aus, als mieden ihn seine schwarzglänzen­den Genossen.

30.

Sie haben die let­zten Häuser des Dor­fes erre­icht. Zügig bewe­gen sie sich ins offene Feld hin­aus. Die Hunde fallen zurück. Fern sieht man die jagen­den Schemen zwis­chen den Häusern. Pack, denkt Francesco, und mustert den Nacken des Mannes, der vor ihm geht. Pack, murmelt er. Eine Weile geis­tert das Wort in seinem halb­wachen Gehirn, bevor es durch einen Seit­e­naus­gang entwe­icht. Er schwingt den Knoten­stock und probt den fed­ern­den Gang. Die gemäch­lich auss­chre­i­t­ende Kolonne bringt er damit in Bedräng­nis. Rasch gibt er auf. Stattdessen heftet er seinen Blick auf die Füße des Vor­der­manns. Die per­spek­tivis­che Verkürzung, die jeder Schritt, jedes Aufheben des linken, dann wieder des rechten Fußes mit sich bringt, lässt ihn schwindeln. Nicht stark, aber stark genug, dass ihn das, was unmit­tel­bar vor seinen Augen geschieht, immer unwahrschein­licher dünkt. Das Wesen, das da auss­chre­itet – kaum mehr als ein Schat­ten –, ver­liert bei jeder Bewe­gung sein Gle­ichgewicht und erbeutet es wieder in ruhi­gen, fließen­den Übergän­gen, ohne von so über­raschen­den Fun­den (jeder eines lan­gen Nach­denkens würdig) viel Aufhebens zu machen. Eine sen­ti­men­tale Regung ergreift ihn, als er daran denkt, dass sein ihm durch göt­tliche Gnade zugewen­de­ter Bruder da vor ihm ausschreitet –

»Der Führer sagt, es kann Schnee geben«, schreit der, sich umdrehend, und poltert weiter.

Schnee, warum Schnee, das ist gegen die Abmachung. Ein­spruch. Aber matt! Schon ver­mag er nicht mehr so recht, sich zu fol­gen. Er gle­icht einem Hand­schuh, eben noch passend, glatt bis an die Gelenke, und jetzt bere­its zum Hemm­nis gewor­den, aus dem eine Hand sich zu schälen beginnt, die in dem plöt­zlichen Drang nach Frei­heit noch nicht viel mit sich anz­u­fan­gen weiß.

31.

Wessen Hand es auch sei, die sich da regt und schüt­telt und zu gleiten beginnt – sie entwick­elt ein Selbst, ein ges­paltenes Bewusst­sein, das seine Abkömm­linge zurück­sendet in die soeben noch bergende Hülle, die nun aber, in Fet­zen ver­weht, kein­er­lei Aufen­thalt mehr ver­spricht. Dieses Bewusst­sein quillt und wabert, ohne Kon­tur zu gewin­nen, es steigt aus eben noch selb­stver­ständlichen und jetzt nur noch Wirrwarr bezeu­gen­den Reden – jeden­falls hält es an diesem vielle­icht täuschen­den Ein­druck fest, der sich nicht der Sache, son­dern ihrem Entwe­ichen ver­dankt –: eine brodel­nde Masse, in deren Innerem sich die Ver­hal­tung andeutet, der erste reelle Gedanke, schwer, schwer, beinahe zu träge, um für voll genom­men zu wer­den, doch schon bereit, die Last der Welt zu schul­tern. »Wo bin ich?«

Schwer zu sagen. Der Wind jeden­falls heult, als wisse er mehr davon – Herr des Gelän­des, vom Him­mel hoch (eine Dummheit, epis­te­mol­o­gisch gese­hen, aber dem sich aus seinen embry­onalen Ver­wick­lun­gen schälen­den Bewusst­sein der näch­ste Gedanke), aus leeren Höhen herab– und aufen­thalt­s­los weiter hin­ab­stürzend, ein rüt­tel­ndes noth­ing and all (Tom! Tom!), Raum, Zeit, Getöse. Vor allem let­zteres. (Tom!)

32.

Der Riegel ist nicht leicht zu öff­nen. Unbes­timmt bleibt, in welche Rich­tung man die Kraft ein­set­zen und wie man sie dosieren müsste, wollte man das Geräusch auf ein Min­i­mum reduzieren. Let­zteres weniger, um den Schlaf der anderen nicht zu unter­brechen, als vielmehr, um ihrem anges­pan­nten Schweigen keinen allzu­großen Brocken hinzuw­er­fen, auf den, die Backen gebläht, es sich stürzen kön­nte, um ihn mit äußer­ster Gier zu ver­schlin­gen. Aus dem gle­ichen Grund möchte er auch nicht zur Taschen­lampe greifen. Kein Licht! Der Riegel gibt nach, die Tür knarrt in ihren sturm– und regengeprüften Gelenken, ein­mal und, zurück­fed­ernd, ein weit­eres Mal, doch das bleibt ver­nach­läs­sig­bar, ver­glichen mit dem grässlichen Gäh­nen, das er ihr entreißt, als er sie jetzt ein, zwei, drei Spalt­breit öffnet, um hinauszuschlüpfen.

33.

Schnee! Abschüs­sige weiße, pail­lierte Fläche, die Fels­brocken schwarz gesock­elt, bestäubt die Hüt­ten, milch­blaues Licht, schimm­rig hin­un­ter­glei­t­end zum Rand der Welt, dor­thin, wo, ein let­zter erahn­barer Weg­weiser, der morsche Abtritt hängt.

Licht.

Edward, eingewick­elt und traum­fest, kauert nieder, greift zu, um zu begreifen. Vor­sichtig, zögernd schiebt er die Hände vor­wärts, bis sie die mit dem Lin­eal gezo­gene Linie berühren, jen­seits derer schla­gar­tig das Mirakel beginnt. Schlangen gle­ich winden sich die Fin­ger hin­aus, frem­dar­tig, weiß, von dem aus einer bläulichen Tin­k­tur gewonnenen Schleier leicht versehrt, der als zarter Sprühre­gen über den Din­gen liegt. Es kostet ihn Mühe, die bewegten Glieder als seine anzuerken­nen, ihren Ver­renkun­gen Impulse zuzuord­nen, die er – sehr sehr am Rande, mit einer kleinen Verzögerung – in seinem Kör­per ortet.

34.

Traum auch dies: sie wollen nicht sehen. Vergebens bemüht sich Edward, rück­wärts an den Türp­fos­ten gelehnt, den Genossen den Schritt ins Freie schmack­haft zu machen, vergebens rühmt er ins dumpfe Hüt­ten­dunkel hinein, wun­der­lich berührt von der zwit­tri­gen Sit­u­a­tion, die Aus­sicht auf überzuck­erte Weiten unter der leuch­t­end blauen Scheibe des Voll­monds, vergebens lockt er sie mit dem banalen Glück, für ein paar Minuten der ver­fluchten Hor­i­zon­talen staunend ein Schnip­pchen zu schla­gen – das einzige Staunen, das ihm ent­ge­gen­schlägt (denn natür­lich hat keiner geschlafen), gilt dem ungewöhn­lichen Aktivis­mus, den er um diese Nachtzeit ent­fal­tet, und der nur eine Erk­lärung zulässt, die als­bald in prak­tis­che Ratschläge umschlägt. So trollt er sich, eine ihm aus der unheimeli­gen Höh­lung zuge­wor­fene Pack­ung »Hakle feucht« zwis­chen den Fin­gern, in das Weiße hinein (Regt sich…? Nein, defin­i­tiv nein!), noch immer von der unirdis­chen Erschei­n­ung verza­ubert und ihr hörig bis zu den freiliegen­den, frei vib­ri­eren­den Enden seines Gefühls – auch wenn er nichts weiter vern­immt als das Röhren des Windes –, und ist froh, in dem glitschi­gen, schwarzen Gemäuer einen halb­wegs gefüll­ten Wassereimer vorzufinden, dessen Inhalt er über den undeut­lich wahrgenomme­nen Beton­bo­den schwappt, unge­fähr in die Rich­tung, in der an unsag­barer Stelle ein Loch klafft.

35.

Mes­si­as­satt sucht Ste­fan den Fre­und. Er findet sein Auge auf gäh­nen­der Höhe, ver­lassen liegt es wie das Auge eines ges­tran­de­ten Wals. Er öffnet das Lid – es geht wider Erwarten leicht von­stat­ten –, tritt durch die Pupille und sieht sich um. Der Raum, in dem er sich nun befindet, ist leer. Es ist ein heller Raum, das milchige Rund der Pupille lässt aus­re­ichend Licht ein. Er ist nicht ganz regelmäßig gebaut, die Wände buchten hier und da aus, so dass er auf den ersten Blick klein und über­sichtlich, auf den zweiten und drit­ten unbes­timmt groß und unüber­sichtlich erscheint. Ste­fan sucht nach Zeichen, die auf eine kür­zliche Anwe­sen­heit des Bewohn­ers schließen lassen. Die Wände sind glatt und bilder­los. Er tastet sie ab, ein Nagel kön­nte die Botschaft enthal­ten. Verge­bliche Suche!

Aber wer weiß. Die Wände dehnen sich unter seinen Hän­den, sie weichen zurück und führen in Kav­er­nen hinein, ent­fal­ten Aus­buch­tun­gen, die sich in Gänge ver­wan­deln, sobald sein immer­reges Fin­ger­spiel ihnen näherkommt. Auch nimmt das durch die Pupille ein­fal­l­ende Licht gefährlich ab. Nach kurzer Unruhe bemerkt Ste­fan, dass die Wände selbst ein wenig Hel­ligkeit abson­dern – nicht viel, aber aus­re­ichend, um die Suche in Ruhe fortzusetzen.

Aber was sucht er denn? Der Fre­und ist nicht da, er ist aus­ge­gan­gen, ein Pfiff kann ihn davon überzeu­gen. Doch er weiß, das wäre zu bil­lig. Er fühlt sich entspannt. Seinetwe­gen kann die Suche stun­den­lang dauern, er hat keine Eile.

Vielle­icht ist der, den er sucht, ein anderer. Immer ist der, den man sucht, ein anderer. Immer ist ein anderer der, den man sucht. Immer ist der, den man sucht, der andere… Wer redet diesen Quatsch über­haupt? Ist er etwa in diesem elastis­chen Labyrinth nicht allein? Riefe er jetzt, vielle­icht träten andere aus den Wän­den her­aus und auf ihn zu. Aber nein, er kann nicht rufen, er kön­nte nicht, selbst wenn er wollte. Gewiss wäre es inter­es­sant, dafür Gründe zu finden, nur im Augen­blick darf er sich damit nicht befassen. Er darf nicht, denn das würde seiner Auf­gabe wider­sprechen. Nichts kommt dieser Auf­gabe gle­ich. Sie erschlüge ihn, ver­sagte er jetzt. Es ist das Herz, sagt man, das dann über­hand­nimmt. Es erschlägt dich von innen.

36.

Niemals wird er den anderen ver­raten, dass er in dieser Nacht der Her­rin des Summit-​Hotels begeg­net, an das er vom ersten Auf­stieg her ein sen­ti­men­tales Andenken bewahrt. Entsch­ieden frischer wirkte sie damals. So atmet er erle­ichtert auf, als sie duf­tend, mit glo­r­re­ich gebauschtem Haar – der Besuch in Nairobi kann nur wenige Tage zurück­liegen oder im Hilda Hair Salon sind inzwis­chen mod­erne Zeiten ange­brochen –, aus der an dieser Stelle etwas höck­ri­gen Wand tritt und ihm die Hand mit jener müden Gra­zie reicht, die er mehr als alles andere in der Welt bewundert.

»Ach Elsa«, flötet er, seine Ver­wun­derung dämpfend, »ich hätte es mir ja denken kön­nen, dass ich dich hier antr­e­f­fen würde. Dort unten ist dein Zuhause nicht, nur die Not, nur die Not hält dich dort gefangen…«

»Aber geh«, ertönt ihre melodis­che Stimme, und ihm ist, als schlän­gele sie sich ihm über Wolken ent­ge­gen, »da täuschst du dich gewaltig. Keine Not hält mich gefan­gen, nur ein klein wenig vielle­icht das Mitleid. Das Mitleid, du weißt, ist eine Welt­macht, man muss sich ihr beu­gen. Aber genauso muss man auch wis­sen, wie man sich ihr entzieht. Am besten, man ver­sucht es durch Tüchtigkeit. Fleiß, sagt man, regiert die Welt. Kein Wort ist wahr davon. Durch Tüchtigkeit macht man sich unregier­bar. Die Tüchti­gen sind immer schon auf und davon. Aber das sage ich nur dir, Schatzerl –«

Und sie greift ihm ins Haar, mit ihren schlanken, prachtvollen Hän­den, aus denen die schwarzen Fin­gernägel wie Cruise mis­siles her­ausstechen, die sie jed­erzeit ausklinken kann. Ihre Brust atmet, er möchte sich anschmiegen, nur will es ihm nicht gelin­gen. Alles bleibt, wie es ist.

37.

Alles bleibt, wie es ist.

Ist es das, was sie sagen wollte?

Ist sie ihm deswe­gen nachgegangen?

Oder ist er ihr deswe­gen nachgegangen?

Ist das hier eine Rätselstunde?

38.

Er: Ich bin gekom­men, um dir zu sagen, dass es zwis­chen uns aus ist.

Sie: Ich bin da, um dir zu sagen, dass du dir den Weg sparen konntest.

Er: Ich weiß nicht, wie du das meinst, aber von meiner Seite hast du nichts zu befürchten.

Sie: Ich weiß, es ist aus zwis­chen uns, aus und vorbei.

Er: Ich höre mit Befriedi­gung, dass du es so ansiehst.

Sie: Bleib mir mit deiner Befriedi­gung vom Leib, oder ich vergesse mich.

Er: Ich gebe zu, vor­mals hat dein Leib eine gewisse Anziehung auf mich aus­geübt. Jetzt erregt er mir eher fast Widerwillen.

Sie: Und wider Willen steigst du mir nach, du Schwein.

Er: Wenn du willst, wälze ich mich vor dir auf dem Boden.

Sie: Der Boden würde sich öff­nen und dich verschlingen.

Er: Deine Metaphorik war schon ein­mal besser.

Sie: Es gab eine Zeit, da glaubte ich, du seiest mehr als eine Meta­pher. Heute frage ich mich, ob du mehr bist als die Krüm­mung des Frageze­ichens am Ende der Frage, die einer wie du aufwirft.

Er: Ich hätte es wis­sen müssen.

Sie: Du hättest es wis­sen kön­nen.

Er: Du hättest es sagen müssen.

Sie: Warum? Damit du es gegen mich verwendest?

Er: Das hast du auch so erreicht.

Sie: Du wagst mir das zu sagen?

Er: Warum nicht? Reden wir!

Sie: Wann habe ich diese Stimme das let­zte Mal gehört? Es muss lange her sein. Schon damals klang sie ver­let­zend, aber ich wollte davon nichts wis­sen. Ich muss wohl jung gewe­sen sein. Heute bin ich schroff: du kön­ntest dich an mir schnei­den. Also streng’ dich an und sei reizend zu mir. Ich kön­nte dir sehr weh tun: stärker, als du es bei mir ver­mocht­est. Ander­er­seits lohnt es sich nicht. Das biss­chen Leben, das an dir war, habe ich mir genom­men. Schau mich an, so hast du’s. Quäl’ dich nur auf deinen Gipfel, da ist auch nur Eis. Und wenn schon – ich war vor dir dort. Also geh. Geh –.

0
0
0
s2smodern