1.

Würde man Edward später – zu einem Zeit­punkt, der deut­lich hin­ter dem Hor­i­zont lag, so weit ent­fernt, dass er sich für überzeugt hält, er werde ihn nie erre­ichen – danach fra­gen, wie ihm jetzt zumute ist, als die kleine Ansamm­lung rauchen­der Hüt­ten über dem Steil­hang auf­taucht, den ein unmit­tel­bar unter ihren Füßen in der Tiefe riesel­nder Bach ins steinige Gelände gefräst hat, so würde er ver­mut­lich antworten, dass dieser Anblick unver­mit­telt durch ein Gefühl der Gegen­wart ein­nimmt, das ihm zwar hier und da bere­its untergekom­men ist, aber niemals mit ver­gle­ich­barer Gewalt. Wie er da, ohne in seinem Trott innezuhal­ten, den höck­eri­gen Ser­pen­ti­nen fol­gend, äußer­lich absteigt, während alles in ihm den Auf­schwung probt, ähnelt er einem mit dem Kör­per ans nächtliche Lager gefes­sel­ten Magier, der sich in den Lüften vor seinen Ver­fol­gern sicher wähnt, während sie ihm in Wahrheit hart auf den Fersen sind.

Unten am Wasser wer­den Ruck­säcke geschwenkt. Geschäftigkeit bre­itet sich aus. Die Führer scheinen angesteckt zu sein, nicken und lächeln und holen zu weiten Erk­lärun­gen aus, sobald man sich nur ent­fernt an sie wendet.

Am Fuß einer Senecie hat Werner einen Bam­busstab in die feuchte Erde ger­ammt; er wis­cht sich den Schweiß von der Stirn, das pastell­blaue Sei­den­tuch, mit dem er den Kopf gegen die Sonne zu schützen glaubt, ist acht­los in den Nacken geschoben. Casper posiert vor Geröll, ganz Standbein-​Spielbein, aber so geschickt, dass auch das Schild mit der Höhenangabe unauf­dringlich aufs Bild kommt.

Dieter und Bern­hard sind noch nicht eingetrof­fen. Es fällt keinem auf.

Zauber­haft leicht vol­lzieht sich der Auf­stieg. Schritt um Schritt gelingt das Zusam­men­spiel der dicken Sohlen und des fed­ern­den Unter­grun­des. An jeder Biegung des zwis­chen star­rem Gestrüpp kaum markierten Weges schlägt der Puls hart und glock­en­hell, ein wenig friz­zante, das Auge gerät durch den über­gangslosen Wech­sel von Nah– und Fern­sicht in die Rolle eines apportieren­den Pudels, der sein Her­rchen zu Trä­nen reizt. Weit unten formt sich die Prozes­sion der Senecien, dun­kler Gesellen, man spürt ihren wuchti­gen Tritt.

2.

Lange ist Werner nicht wohl gewor­den; die Schwüle des Regen­waldes stellte seinen Organ­is­mus vor eine schwierige Auf­gabe. Heute geht es besser, er schwenkt seine Stöcke – als einziger von allen benützt er deren zwei – wie ein Ski­fahrer; neben dem zunehmend schw­er­fäl­li­gen Schritt Wolf­gangs, der pole pole zurück­fällt, bekommt seiner etwas Wirbel­ndes. Gelänge es ihm, zu dem angestrengt abwe­senden Aus­druck seines Gesichts aufzuschließen, er würde ver­mut­lich lachen; so lässt er ihn ziehen. Heute ist sein Tag, er ist da, er greift aus, ohne dass es ihm vorkommt, als müsse er sich ver­aus­gaben. Nicht dass er sich vorstellt, der Berg hätte auf ihn warten müssen – vor solchen Eska­paden des Gemüts ist er gefeit –, nicht dass er einen fes­tlichen Emp­fang erwartet hätte, nein, aber dies hier tut ihm gut, er merkt es, und er ist damit alles in allem zufrieden.

Er will nicht wollen, er will es nicht.

3.

Auf den let­zten Metern zur Hütte packt Edward der Über­mut. Leicht, wie er sich fühlt, springt er über die let­zten Fels­brocken hin­auf – nein, spränge, wenn ihn nicht im Auf­sprung eine Mat­tigkeit nieder­drückte, von deren Vorhan­den­sein er bisher nichts wusste. Sacht, wie ertappt, drückt er sich durch die geöffnete Tür, stellt den Ruck­sack ab und legt sich auf eine der unteren Pritschen, um ein wenig auszu­ruhen und den Effekt zu ver­dauen, der so unver­mutet über ihn gekom­men ist. Rasch überzieht sich sein Bewusst­sein mit einem Fir­nis, der seine Umge­bung ein­tränkt, als träume er sie. Im Halb­dunkel der fen­ster­losen Hütte erin­nern die roh gez­im­merten Balken an den Werkzeugschup­pen, in den er sich als Kind an eisi­gen Win­terta­gen zurück­zog, um einer zweifachen Kälte auszuwe­ichen. Die Tür wird aufgestoßen, Ste­fan und Werner tram­peln herein, wech­seln Worte, ohne sich um ihn zu küm­mern. Die Pritschen, zweistöckig, ziehen den Raum um sie zu; nur die Tür­seite bleibt frei. Ste­fan lässt eine Bier­dose zis­chen und geht hin­aus, Werner folgt ihm. Nehmt mich mit, möchte Edward rufen, gle­ichzeitig über­fällt ihn ein Glücksgefühl.

4.

Cham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters, und er teilte es seinen bei­den Brüdern draußen mit.

Sem und Japhet aber nah­men einen Über­wurf, legten ihn auf ihre Schul­tern, gin­gen rück­wärts hinein und bedeck­ten die Blöße ihres Vaters.

Ihr Gesicht war rück­wärts gerichtet, so dass sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen.

5.

Er weiß nicht, ob er geschlafen hat, lehnt die Vorstel­lung instink­tiv ab, auch wenn er nicht sagen kön­nte, auf welche Weise dann wohl Dieter in den Raum gelangt ist, der nun vom Sum­men einer Kranken­stube erfüllt scheint, obwohl der Patient ein eis­ernes, um nicht zu sagen abgewen­detes Schweigen bewahrt und außer dem Rascheln, das sein Anorak an dem über ihn gezo­ge­nen Schlaf­sack verur­sacht, nur ein gele­gentliches schar­fes Blasen hören lässt.

Sie haben ihn gebracht. Ste­fan und Werner sind noch ein­mal zurück­ge­gan­gen, nach­dem Wolf­gang mit der Botschaft ein­traf, er habe ihn draußen in einem Zus­tand akuter Schwäche zurück­lassen müssen. Sein Gesicht, ble­ich, mit vorste­hen­den Äderchen an den Schläfen, ruht leicht ange­hoben auf dem bauschi­gen, durch einen untergeschobe­nen Pullover fül­liger gewor­de­nen Kopfteil des Schlaf­sacks. Eigensin­nig, als müssten sie einer geheimnisvollen Pflicht nachkom­men, blicken die Augen ins Leere. Die Kin­npar­tie, auf der sich in diesen zwei Tagen die Andeu­tung eines Knebel­bartes gebildet hat, beherrscht das Bild. Fast wün­schte man einen wuchti­gen Schnau­zer hinzu, doch das wäre wohl des Guten zuviel. Auch so sind die Male der Vergeis­ti­gung unüberse­hbar – einer Vergeis­ti­gung, deren her­vorstechen­des Merk­mal der Eigensinn ist.

Edward ver­steht es wohl. Ohne sie wäre dieser Mann nicht hier. Ohne ihn wiederum – dies gehört mit zu den Din­gen, die sich manch­mal auf­drän­gen, wen­ngle­ich sie besser im Hin­ter­grund blieben –, ohne ihn wären auch sie nicht hier. Das ver­leiht dem Ruhen­den oder vielmehr reg­los Aus­gestreck­ten eine Macht, über deren Auswirkun­gen Edward sich noch unschlüs­sig ist. Ein­er­seits spürt er, dass alle gefährdet sind, wenn dieser eine es ist. Ander­er­seits kann er sich nicht ver­heim­lichen, dass ein Körnchen Schaden­freude in ihm keimt.

Schon beun­ruhigt ihn die klein­liche Regung. Seine Lage­beurteilung ist keineswegs ein­deutig. Wenn dieser scheit­ert, dann scheit­ern sie alle. Etwas Unver­trautes hat sich in ihrer Physis ein­genis­tet und einen Verkehr mit ihren Orga­nen begonnen, der leicht in einen all­ge­meinen Auf­s­tand ein­mün­den kön­nte – den Vorgeschmack hat er noch auf der Zunge. Unwirk­lich ist das, es erin­nert ihn an den Mag­net­berg, an dem alles, was ihm zu nahe kommt, am Ende zer­schellt. Etwas löst sich, er müsste es fes­thal­ten, festzur­ren am besten, doch wohin er sich wen­det, es scheint ihm der­selbe Aufruhr im Gange.

6.

»Was ist das: Aufstieg?«

»Wer so fragt, ist schon gescheit­ert. Du willst hof­fentlich keine Antwort.«

»Hast du eine auf Lager?«

»Wenn ich das wüsste, ich wäre schon weiter.«

»In der Tat, mein Lieber.«

»Du bist gemein.«

»Das war die erste Bedingung.«

»Und die zweite?«

»Sag bloß, du kennst sie nicht.«

»Aus deinem Munde will ich sie hören –«

»Warum?«

»Warum? Vielle­icht weil ich sehen möchte, wie du dich windest.«

»Nicht die Spur. Ich frage mich auch, ob es dir guttäte.«

»Was?«

»Na das. Wis­sen, wie’s geht.«

»Ach das. Das weiß doch jeder.«

»Auch gut. Wir wer­den sehen.«

»Wir wer­den sehen! Natür­lich wer­den wir sehen! Warum wären wir sonst hier?«

»Du willst den Gipfel?«

»Das kön­nte dir so passen. Ich bin nicht hier, um mich zu beweisen. Ich muss mich nicht beweisen. Wenn du es musst, dann tu’s.«

»Wenn ich’s müsste, wäre ich nicht hier.«

»Das kann jeder behaupten.«

»Soll ich vielle­icht schwören?«

»Du soll­test es lassen. Bei was woll­test du denn schwören? Beim Schein deiner Schreibtis­chlampe? Bei Caspers Goldzahn? Bei Frau Mel­stroems Fin­gernägeln am Ende?«

»Das wäre immer­hin ein Gedanke.«

»Wie jeder andere? Ein Gedanke zuviel.«

»Legen wir ihn beiseite.«

»Abgemacht.«

Die Sprache der Ver­mei­dung um beinahe jeden Preis. Edward und Werner beherrschen sie nach Belieben.

7.

Schon am Vortag – Wolf­gang und Bern­hard stapften weit voraus, Dieter stand im karsti­gen Gelände und machte Auf­nah­men von der Eis­re­gion, die sich mit so uner­bit­tlicher Präzi­sion über ihren Köpfen geöffnet hatte – hatte Ste­fan sie während des Auf­stiegs bei­seit­egenom­men und ihnen, sehr ver­hal­ten, zu ver­ste­hen gegeben, was sie heute erwartete: der schön­st­gele­gene Abtritt der Welt, soweit er in dieser Sache mitre­den kon­nte. Sehr ver­hal­ten, da sich die Sache nicht völ­lig rund mit­teilen ließ, ein sper­riges Stück guter Erziehung hatte sich daran fest­ge­hakt, aber doch so, dass Werner und Edward hell­hörig wur­den, als er sie auf­forderte, mitzukom­men, ein paar Schritte nur, hun­dert vielle­icht oder hun­dert­fün­fzig, sie soll­ten es nicht bereuen.

So heben sie ihre schw­eren Füße jen­seits der barack­enähn­lichen schwär­zlichen Hüt­ten, vor denen die Träger sich lachend und schwatzend um ein paar offene Feuer­stellen verteilen, über Lavagestein, aus dem gele­gentlich eine Dis­tel her­vor­bricht, feurig und ver­loren auch sie, über lose Fels­brocken, deren Gewicht ihnen schier uner­messlich vorkommt, über Rinnsale hier und da, in die sich der das Lager mit­samt seinen san­itären Ein­rich­tun­gen durch­querende Bach verzweigt, über dies und das, was ihnen in einem anderen Zus­tand höchst bemerkenswert erschienen wäre, jetzt und hier jedoch mit einer Hand­be­we­gung weggewis­cht wird, die gewöhn­lich dazu dient, das Gesicht vor Spin­ngewebe zu schützen. Edward erstarrt, als aus einem Dis­tel­ge­flecht, das ihm mannshoch ent­ge­gen­wächst, ein Insekt sich löst und in einer etwas unsteten Bewe­gung auf ihn zuhält. Er würde es für eine Hum­mel hal­ten, erschiene es ihm nicht um ein Vielfaches größer, ein Hub­schrauber eher denn ein Insekt, eines jener gefährlichen Spielzeuge, aus denen jed­erzeit, von ferne gelenkt, ein winziges, gle­ich­wohl tödliches Pro­jek­til her­vor­brechen kann. Aus dem Augen­winkel bemerkt er, dass sich Werner und Ste­fan ent­fer­nen, doch zieht er es vor, unbe­wegt zu ver­har­ren, bis die zwer­gen­hafte Kampf­mas­chine nur noch als winziger, wahrschein­lich von nie­man­dem sonst wahrzunehmender Punkt seine gestörte Empfänglichkeit reizt.

8.

Der jähe Absturz am Ende des Geröllfeldes.

Werner lehnt sich gegen das Gelän­der, das aus lan­gen, dün­nen Stützbalken her­auswächst und sich um die ver­wit­terte Bude herumzieht, die ihren Boden – ein prüfender Blick ins Innere hat das bestätigt – über dem Abgrund öffnet. Verblüfft durch die Nachgiebigkeit des morschen Mate­ri­als, dessen von sil­brigem Glanz über­zo­gene Schwärze eine ganz und gar irreale Solid­ität vor­gaukelt, ver­lagert er das Gewicht zurück auf die eige­nen Füße.

Gern hätte er die Stöcke zur Hand, um sich abzustützen. Besorgt, er kön­nte sie auf diesen weni­gen Metern als über­flüs­sig oder sogar lästig empfinden, hat er sie bei der Hütte zurückgelassen.

Was er, ganz Auge, zu seinen Füßen sich aus­bre­iten sieht, steht in kein­er­lei Ver­hält­nis zu irgen­deinem durch den men­schlichen Kör­per vorgegebe­nen Maß. Rechter­hand fasst ein dun­kles, bere­its im Schat­ten liegen­des, schroff aufra­gen­des und von einem Flim­mern an seinen Rän­dern aufgelöstes Gebirgs­band den Hor­i­zont ein, welcher zur Linken mit einer Vehe­menz zurück­we­icht, die dem Betra­chter eine the­o­retis­che Anstren­gung abnötigt: unüberse­hbar nimmt in ihr die Krüm­mung der Erdober­fläche Gestalt an. Der Begriff »Land­schaft« trifft den Anblick nur zum ger­ing­sten Teil. Eher drängt sich die bib­lis­che Wen­dung von der »Her­rlichkeit der Welt« auf, die er nach einem scheuen Seit­en­blick auf den beseligt die Weite atmenden Neben­mann ger­ade noch verschluckt.

Trauliche Tugendträumer der Tropen
träufeln tröstliche Trä­nen ins Tal.

9.

Beson­ders hat es ihm eine Kette von Vulkankegeln ange­tan, deren ger­ade, quer durch die maßlose Ebene wie mit dem Lin­eal gezo­gene Linie weit unter ihnen, aber doch in rel­a­tiver Nach­barschaft endet, so dass der let­zte, von unregelmäßi­gen Zacken gesäumte Krater wie die Spitze eines Pfeils zwar nicht auf sie, aber auf einen Punkt zu zeigen scheint, von dem aus sie bequem, wen­ngle­ich mit einem gewalti­gen Kraftaufwand in die Luft zu spren­gen wären.

Angenom­men, jene gedachte Linie zwis­chen den Erup­tion­sh­er­den wäre nur das Gegen­stück zu einer unterirdisch ver­laufenden Zünd­schnur, welche draußen, unter­halb des Hor­i­zonts, bere­its Feuer gefan­gen hätte und nun in einer leicht zu berech­nen­den Bewe­gung einen dieser durch die Ele­ganz seiner Form das geometrische Bedürf­nis des Betra­chters befriedi­gen­den Maulwurf­shügel nach dem anderen in ein grol­len­des Ungetüm ver­wan­delte, aus dessen Schlund sich nach mächti­gen Explo­sio­nen eine glut­flüs­sige Fontäne erhöbe: Wäre man weit­er­hin der unbeteiligte Beobachter, der von einem maß­los überdi­men­sion­ierten Fes­tungs­bau herab das prächtige Schaus­piel einer ihren peri­odis­chen Bewe­gun­gen ver­fal­l­enen Natur ver­fol­gte, ohne in dem touris­tis­chen Gefühl der Sicher­heit irre zu wer­den, das sich durch keinen Flugzeu­gab­sturz und keine Ter­ror­welle im Kern betrof­fen weiß? Das ger­ade während dieser Minuten prachtvoll auf­schim­mernde Band des Kibo im Rücken beruhigt und beun­ruhigt zugle­ich. Worauf wäre schließlich Ver­lass, wenn nicht auf solche halb und halb erlosch­enen, jeder eige­nen Regung sich augen­blick­lich enthal­tenden For­ma­tio­nen, von denen aus man in die brodel­nden Töpfe der Natur hin­ab­blickt wie in eine unvor­den­kliche Ver­gan­gen­heit und eine eben­solche Zukunft, welche beide die Spanne des eige­nen Lebens zwar rah­men, aber in keinem dringlicheren Sinn in Betra­cht kom­men als die Lebens­be­din­gun­gen auf dem Sir­ius oder auf einem von der Astronomie nur um einer winzi­gen dif­fusen Abwe­ichung inner­halb bes­timmter Zahlen­rei­hen willen pos­tulierten Objekt weit draußen in einem namen­losen Sys­tem an einem ent­fer­n­ten Ende der Milchstraße?

10.

Wohin zurück?

Von jeder Reise, soviel ist gewiss, trägt er ein Stäubchen Unsicher­heit nach Hause.

Nicht dass ihn etwas ern­sthaft in Unruhe ver­set­zte – das wäre ein wenig zu hoch gegrif­fen. Aber seine geschärfte Aufmerk­samkeit lässt ihn wie beiläu­fig auch dort inzwis­chen die Zeichen buch­sta­bieren, mit denen sich eine niemals erlöschende Tätigkeit dem Weltwinkel eingeschrieben hat, der lange Zeit für ihn nichts weiter war als das Gehege des Wirk­lichen, an dessen Rän­dern eine selt­sam unfer­tige Welt einem Drang nach Verän­derung nach­gab, dessen sicht­bare Anze­ichen in Geysiren, Mag­mas­trö­men, mächti­gen Erschüt­terun­gen der Erd­kruste bestanden – eine Welt, in der Men­schen eine flüchtige, von jäh auf­schießen­den Gewal­torgien über­schat­tete und bedro­hte Exis­tenz führten.

Dass die Erde ein in mancher Hin­sicht belan­gloser Teil des Kos­mos sei, zusam­menge­hal­ten von unvorstell­baren Kräften und in steter brodel­nder Umgestal­tung begrif­fen, einem Schick­sal fol­gend, das sie dem Alterung­sprozess der Nach­bar­plan­eten und ihres kleinen Zen­tralge­stirns ohne Wenn und Aber ebenso ein­ver­leibt wie dem des Uni­ver­sums im ganzen und damit dem unaufhalt­samen Ablauf eines Pro­gramms, an dessen Anfang der Sturz aus einem unbeschreib­baren Davor, an dessen Ende das Entwe­ichen in ein eben­sowenig zu fix­ieren­des Danach steht, in dem zusam­men mit dem Raum auch die Zeit ver­sick­ert –: diese befremdliche und durch keine Erfahrung auszu­lo­tende Hypothese kann nur dadurch angeeignet wer­den, dass man sie als eine Scholle im Eis­meer betra­chtet, auf die man sich fest mit bei­den Beinen stellt, um nicht den Halt zu ver­lieren. Zu Beginn wirkt die frostige, von Graten und Knirschzo­nen durch­zo­gene Plat­tform inmit­ten der umgeben­den Schwärze, die als uner­gründlich gilt, obwohl sie hier und da gesprenkelt erscheint, unendlich aus­dauernd und sta­bil, die Phan­tasie entwirft bere­its Sied­lun­gen im Gelände. Nach und nach ändert sich das, es hat sich schon geän­dert, sobald der Blick bereit ist, Verän­derun­gen zu reg­istri­eren: der dumpfe Wellen­schlag, her­vorgerufen und ver­stärkt durch Hohlräume in den unteren Stock­w­erken, der unaufhalt­same Schmelzprozess an den Säu­men haben sich bere­its tief ins Bewusst­sein gegraben, wenn der erste Panikseufzer die Nacht unwider­ru­flich in zwei Hälften zerschneidet.

11.

Die Nacht: Ste­fan sieht ihr Kap­il­large­flecht – das, aus der Nähe betra­chtet, in eine Unzahl von Schat­tenin­seln und ‑bän­dern zer­fällt – sich über die Land­schaft ver­bre­iten, ver­bre­it­ern, verdichten, hier und da die ersten Höhen erre­ichen, die Luft verdüstern –

Er sieht es und sieht es nicht, weil eine beson­nte Erin­nerung, mit ihren Fan­gar­men spie­lend und hier und da ins Ungewisse und beinahe Unsicht­bare hinein­tauchend, darüber­liegt und eine zweite Sicht­barkeit, eine Fast­sicht­barkeit der dop­pel­ten Rän­der und der ver­wis­chten Pro­file erzeugt. Unbe­friedi­gend, aber mit einer ver­lore­nen Befriedi­gung auf hin­ter­gründige Weise sich aus­tauschend, füllt sie das Innere der gegen­wär­ti­gen Empfind­ung aus, als funk­tion­iere sie wie eine jener Schneekugeln, in denen man es nach Belieben über winzige Land­schaften schneien lassen kann.

Nach Belieben: denn eigentlich genügt es, tief durchzu­at­men und sich zu sagen »ich bin hier«, um über das Glück wie über ein Gut zu gebi­eten, das man beliebig hier­hin und dor­thin dirigiert.

Ander­er­seits gelingt es ihm nicht, es zu fix­ieren. Sagen wir (und damit sei es gesagt): wie ein von Kinder­hand ges­teuertes Rinden­schif­fchen sich immer wieder in dem schwachen Strudel ver­liert, der es vom Fahrtziel trennt, einer winzi­gen, aus ein paar Kiesel­steinen zusam­mengeschobe­nen Mole, so ver­franzt sich sein Glück zwis­chen die Zeiten ins Fabel­land des Noch-​nicht und Nicht-​mehr, von dem die Maulwürfe träumen.

Damals, er weiß es wohl, war es die Zukunft, die min­dernd seinem Glücks­ge­fühl beilag, fast, als lege der Absender (gab es einen?) Wert darauf, dass es sich erst beim näch­sten Kon­takt ohne Rück­stände in »Befinden« umset­zte. Der ange­botene Glücksstoff war alles andere als rein, er enthielt als Klüm­pchen notierte Zusätze, die, unab­hängig von ihrer Zusam­menset­zung, das Gefühl der durch Ober­fläche ver­siegel­ten und sich entziehen­den Tiefe wieder­her­stell­ten, an dem die immerwache Ent­täuschung sich müh­e­los aufrichtete.

Auf beinah teu­flis­che Weise antwortet dem dama­li­gen Noch-​nicht das gegen­wär­tige Nicht-​mehr mit dem pok­ern­den Hin­weis, dass der anfänglich als Erfolg getarnte Mis­ser­folg sich ja nicht ein­fach durch einen zweiten Anlauf ungeschehen machen lasse. Dazu bedürfte es schon der Kon­sti­tu­tion einer Rechen­mas­chine, dieser Par­o­die auf die gläu­bige Psy­che, die den erst– wie den zweitbesten Text, den man ihr »ein­gibt«, gle­ich­mütig dem vorhan­de­nen Inven­tar ein­ver­leibt und sich somit dauer­haft im Zus­tand guten Glaubens befindet, was ihr Anwen­der auch zu schätzen weiß, solange nicht ein »böser« Virus seine Kreise stört.

Da steht er, gefoppt und gefoltert von seinem wider­spen­sti­gen Glück, und weiß sich nicht zu fassen, ein Punkt, nicht mehr, in der Land­schaft, nicht wahrnehm­bar für einen Bewohner der Ebene, deren trau­ma­tis­che Tiefe er seinem Höhen­rausch zusetzt, ver­gle­ich­bar einem geübten Träumer, der noch das Erwachen in seinen Traum hineinzuziehen gedenkt.

12.

Der Leser kennt seine Land­sleute. Es über­rascht ihn daher kein biss­chen, sie bei anbrechen­der Dunkel­heit bere­its wieder beim Bier vorzufinden – bis auf den einen, der in der Hütte drüben nach wie vor unbe­weglich ins Leere starrt. Inmit­ten einer eisi­gen Tropf­stein­höhle, ange­blinzelt von einer fünfzehn-​Watt-​Birne, ist an lan­gen, klo­bi­gen Holztis­chen aller­lei Per­sonal aus Ali Baba und die vierzig Räu­ber zu besichti­gen: bunt­lack­ierte Pup­pen, ausstaffiert mit Kostü­men der Sai­son, mit täuschend echten Stop­pel­bärten und Holz­wolle hin­ter den Ohren, die in von der Zeitlupe dik­tierten Span­nen sparsam verebbende Bewe­gun­gen vor einem nir­gends zu erblick­enden Pub­likum aus­führen, sofern man es nicht in der Hand­voll Guides real­isiert sieht, die sich abseits hal­ten und gele­gentlich beim Reden die Hand senkrecht in Schläfen­höhe heben, als sei ihr Gespräch ein einziges Mit-​sich-​Feilschen der ebenso über­jährig wie unüber­sichtlich gewor­de­nen Erfahrung um den richti­gen Weg.

Übri­gens gehören sie nicht zu ihrer Gruppe. Athana­sios und Mel­chior, von Caspers strenger Hand dirigiert, treten stets nur her­vor, wenn der Dienst es erfordert, danach ver­schluckt sie die Nacht.

13.

Mit seg­nen­der Hand führt Ste­fan sein Glas an die Lip­pen. Ein Tropfen­paar, etwas ver­setzt, perlt, als gelte es, neue Kund­schaft zu locken. Im grell­roten Anorak, bereit zum Absprung in die Alle­gorie, lauert Werner. Gle­ich müsste das dritte Sta­dium ihn in einen fliehen­den Leop­ar­den ver­wan­deln. Nebe­nan tauschen Wolf­gang und Bern­hard sparsame Bemerkun­gen aus. Let­zterer, gut ver­wahrt unter der bergen­den Hülle einer sil­bri­gen, bauschi­gen Wind­jacke, löf­felt einen Rest der Suppe, die Athana­sios’ routiniert-​geschmeidiges Muskel­spiel vor dem Abtauchen auf den Tisch geza­ubert hat. Wolf­gang, daran gewöhnt, die anderen um einen Kopf zu über­ra­gen, wis­cht sich eine Schaum­flocke aus dem Mundwinkel.

Fehlt also nur der Ton: das hohle, von schwirren­den Obertö­nen durch­set­zte, durch täuschende Inter­feren­zen auf Monot­o­nie getrimmte Geräusch, wie man es an einem solchen Ort erwartet. Nicht dass die durch mil­lio­nen­fache tierische Laute gebroch­ene Stille herrschte, von denen nur eine Ahnung in diese Höhe steigt (das nun nicht!), aber der kle­brige Film dämpft die Klänge ebenso wie die Bewegungen.

Das Ohr, äußer­lich unterbeschäftigt, ent­fal­tet ein beachtliches Eigen­leben. Der Umstand, dass es mit den anderen Kör­per­or­ga­nen in einem steten Aus­tausch steht, hält es in Unruhe und gebiert ein grund­los scheinen­des, durch vage Ein­sprengsel von Ich-​Gefühl ebenso aufge­lock­ertes wie fest­gezur­rtes Ostinato.

Was der Leser hört, was er wirk­lich hört, weil es wie Chorge­sang aus den Tiefen seines eige­nen Kör­pers quillt, auf einem Vor­sprung dieses oder jenes Organs wie auf einem Absatz oder einer Plat­tform im Meer schein­bar zur Ruhe kommt, sich sam­melt und ausstrahlt und unaufhalt­sam in neue, noch uner­schlossene Höhen steigt, ist der Gesang der Leiber, ein Walge­sang, vom Echolot des emsig an seinen Geräten hantieren­den Ich aus dem ozeanis­chen Klangtep­pich her­aus­ge­filtert und mit ebenso passenden wie möglicher­weise unpassenden Auf­schriften verse­hen wie »Ruhe vor dem Sturm«, »es wird sich zeigen«, »Kurs hal­ten«, »wir wer­den es schaf­fen«, »was soll schon passieren«, »kein Risiko einge­hen«, »jeder auf seine Art«, »ich will es wissen«.

Pole pole füllt sich ihr Gedärm mit dem braunen Gebräu, dessen Zweck darin besteht, riesige stur­müber­flo­gene Regio­nen des Bewusst­seins in ein Schwemm­land zu ver­wan­deln, aus dem hier und da ein umgestürzter und einge­sunkener Baum sein zer­broch­enes Ast­werk gen Him­mel reckt. Daneben böte sich das frei drehende Rad eines halb auf dem Dach ruhen­den, halb an die Trüm­mer eines Gemäuers gelehn­ten Fahrzeugs als Blick­fang an, wenn die all­ge­meine Ver­wüs­tung eine der­ar­tige Aufmerk­samkeit erlaubte.

14.

Tom ist wieder da. Gle­ich mor­gen will er hin­auf, ganz hin­auf, wie er betont, dann hinüber nach San­si­bar, wo die väter­liche Yacht mit der Fre­undin an Bord auf ihn wartet. Zwei Jahre hat er in Südafrika zuge­bracht, jetzt möchte er nach Europa zurück, das Studium abschließen und sehen, was wird. Seine Augen funkeln, die Härchen auf seinen ent­blößten Unter­ar­men krüm­men sich gle­ich Span­n­fed­ern, der blaue, von schwarzen und grauen Fährten durch­zo­gene Pullover nimmt Teil an dem ruhi­gen Aufruhr, in dem eine Kraft sich mit­teilt, die es gewohnt ist, frei zu ver­fü­gen, und deshalb für jede Ver­schwen­dung bere­it­steht, der sich ihr Träger verweigert.

Das wäre doch etwas, denkt Edward, der neben ihm lüm­melt. Er kön­nte mir von einer seiner Reisen eine Murmel schicken, in deren far­bigen Schlieren, wenn man sich lange genug in sie verzückt, ein Gür­tel stran­dumglänzter Inseln hin­ter dem anderen auf­taucht und in Wellen vorüber­rauscht. Sollte es Dame Welt ein­fallen, zu einer ihrer Gartenge­sellschaften zu laden, wird sie diesen braunge­bran­nten, von weich fal­l­en­dem Blondhaar wie von Strahlen bekränzten Burschen nicht aus­lassen. Auch Ste­fan deponiert ein kleines Säckchen des Wohlwol­lens, das sein kreisender Blick in den Raum versendet, in unmit­tel­barer Nähe des Gipfel­stürm­ers. Die ent­fer­n­ter kauernde, mit ihrem Gefährten mag­netisch zusam­mengeschlossene Tis­chnach­barin kann sich einer leichten Unruhe nicht erwehren, die dann und wann ins Fal­tengewirr ihres Train­ingsanzugs eine neue Linie legt. Ein-​, zweimal dreht sie den Kopf, streift die Kapuze an Schläfe und Wange zurück und schickt einen abwe­senden Blick über ihn hin.

15.

»Komm, lass die armen Englän­der aus dem Spiel«, protestiert Werner, zwar nicht so prompt, wie man es von ihm gewöhnt ist, aber mit einem feinen Nach­druck, der daran erin­nert, dass er Überzeu­gun­gen besitzt, von denen er nur ungern abse­hen möchte. »Das war ein Fran­zose, ich weiß nicht, wo du deine Augen gelassen hast.«

»Dafür sah er aber sehr britisch aus«, mis­cht Wolf­gang sich ein. Ein Glim­men in Ste­fans Augen­paar dankt ihm.

Edward hakt nach. »Selb­stver­ständlich zwei­fle ich nicht daran, dass ein Fran­zose, der sich in diesen Weltwinkel verirrt, auch über die Fähigkeit ver­fügt, sich des Englis­chen zu bedi­enen. Umgekehrt wäre es vielle­icht etwas ungewöhn­lich, aber nicht undenkbar. Trotz­dem musst du zugeben, dass deine Hypothese etwas Kün­stliches hat.«

»Über­haupt nicht. Ich habe damit über­haupt keine Schwierigkeiten. Ich erlaube mir nur, anzumerken, dass ich an diesem Tisch von Ras­sis­ten umgeben bin. Aber das ist ja nichts Ungewöhnliches.«

»Aber hör mal!« Wolf­gangs Stimme zit­tert vor Empörung. »Um eines mal klarzustellen: wir reden hier nicht über Ossis.«

»Das wäre auch nicht zu empfehlen.« Milde bohrt sich Ste­fans Stimme in ihr Bewusst­sein. »Schließlich sitzen sie uns sozusagen im Nacken.«

»Was ja nichts Schlimmes ist, immer­hin haben wir sie dazu ermuntert. Ander­er­seits frage ich mich, ob wir das mit der Für­sorge nicht übertreiben. Ich bin dafür, dass jeder selbst seine Gren­zen erkennt.«

»Und respek­tiert…«

»Und respek­tiert!«

Man sieht: noch immer bewegt sie jener rot­gesichtige Berg­steiger, der seinen Führer nach der vergesse­nen Wasser­flasche schickte.

16.

Vom Rand der Welt in die Hütte zurück­gekehrt, hatte die Gruppe insofern eine Über­raschung erwartet, als ein schüchternes Klopfen, auf das hin sie die schwere Holztür öffneten, eine gän­zlich neue Sit­u­a­tion schuf. Sie kon­nten die Bitte der jun­gen Frau nicht gut abschla­gen, die da mit panisch unruhi­gen, halb unter­drück­ten Bewe­gun­gen vor ihnen stand und fragte, ob sie ihren über­raschend erkrank­ten Fre­und aufnehmen kön­nten, für eine Nacht nur, ver­steht sich –.

Der Guide, der lächelnd und hal­babge­wandt den Platz an ihrer Seite ein­nahm, als habe er einen Kon­trakt mit der ger­ade unge­hemmt her­ab­stürzen­den Dunkel­heit geschlossen, zuckte kaum mit den Augen­brauen, als Werner ihrem körni­gen, im Augen­blick zu einem Halbflüstern abge­senk­ten Idiom, das sich gut mit den hek­tis­chen Flecken auf dem beinahe grün erscheinen­den Teint vertrug, das ihm eigene Stakkato gle­ich einem aus Strom­stößen zusam­menge­set­zten und sich im Sekun­den­bruchteil aus dun­klen Kräften des heimis­chen Berg­baus erneuern­den Schild entgegenreckte.

Ste­fans Ein­greifen ret­tete die Sit­u­a­tion, möglicher­weise auch den noch außer­halb des Gesicht­skreises ver­har­ren­den Patien­ten. Mit einer kleinen, weichen, jede Rede als unhalt­bares Geschwätz ent­tar­nen­den Bewe­gung räumte er den Weg ins Innere der Schlafhöhle frei –: eine Bewe­gung, die ihren Anfang wie ihre Vol­len­dung in dem Blick fand, der die halbe Per­son bis zu den Fin­ger­spitzen und hin­unter zu den Kup­pen ihrer ver­schmierten Bergschuhe in einen leichten, aber unz­er­reißbaren Kokon einspann. Diese Schuhe, die selt­sam prompt aus dem geble­ichten Röhricht der Hosen­beine her­vorquollen, tru­gen die Far­ben der weit­eren Land­schaft offen­bar nur zu Tar­nungszwecken. Zumin­d­est fehlte ihnen der rötliche Staub, der das untere Drit­tel der sich inzwis­chen im Tür­rah­men stauen­den Her­ren puderte.

17.

Nicht vorausse­hen kon­nten sie, welche Fol­gen sie mit der Ein­ladung für sich selbst heraufbeschworen.

Dass zwei von ihnen im Haupt­ge­bäude nächti­gen mussten, lag in der Natur der Sache. Bern­hard und Wolf­gang erk­lärten sich ohne Mur­ren dazu bereit. Die Sache gewann ein drama­tis­cheres Ausse­hen, als die junge Frau ihren ähn­lich wie Dieter apathisch ins Leere star­ren­den Begleiter sich selbst über­ließ und kurz darauf mit Begleitung wiederkehrte.

Edward, der ebenso wie Werner und Ste­fan sich auf einer der oberen Pritschen aus­gestreckt hatte – in voller Mon­tur, denn die Kälte kroch aus allen Winkeln –, wälzte sich halb erschrocken, halb ver­wun­dert herum, als mit dem ange­hen­den elek­trischen Licht ein Schwall von Wörtern den Raum erfüllte, deren kör­per­liche Entsprechung in Gestalt zweier fül­liger weib­licher Rück­an­sichten zugänglich wurde. Der Aus­blick ließ es geboten erscheinen, die Augen vor­sichtig wieder zu schließen und den unter ihm aus­ge­bre­it­eten Schlaf­sack näher an die Schul­tern her­anzuziehen. Übri­gens nahm keine der Damen auch nur andeu­tungsweise von ihm Notiz.

Offen­bar hatte der Patient Fieber, hohes Fieber, wenn man dem unver­hält­nis­mäßig auf­tra­gen­den Stim­mengewirr zeitweise fol­gte und es zu dem auf­blitzen­den Ther­mome­ter in Beziehung set­zte, das von Hand zu Hand wan­derte und am Ende unbeachtet auf Dieters schlaf­fer Hülle liegen­blieb. Es schien Edward aber, als habe er etwas ganz anderes in diesen bis zur physis­chen Qual des Betra­chters aufgeris­se­nen Augen gese­hen. Ihr Blick, ober­fläch­lich dem Dieters ähnelnd, wich Edwards Blicken nicht aus, er forderte sie ger­adezu her­aus und ließ sie den­noch unbeantwortet.

Kein Zweifel, der Mann nahm ihn wahr, er wandte sich ihm sogar in den engen Gren­zen einer welt­fer­nen Neugier zu. Sie waren Fig­uren eines grässlichen Traums, der nicht verge­hen wollte und dessen Ende abzuwarten eine Instanz in jenem Kör­per beschlossen hatte, ohne die Zus­tim­mung irgen­deiner Neben­be­hörde einzu­holen oder sie auch nur um Auskün­fte zu bit­ten. Dieser durch­trainierte hochgewach­sene Mann stand unter Schock. Da, wenn man den Reden der Fre­undin glaubte, ihm nichts zugestoßen war als der Berg selbst, an dessen Hän­gen sie ein paar Tage abseits der Routen herumge­zo­gen waren und hier und dort im Zelt genächtigt hat­ten, musste wohl oder übel der Berg den Schock aus­gelöst haben, das vagabundierende Unbekan­nte, das sich in unmit­tel­barer Nähe ebenso ver­lor wie in der weit­eren Ferne, um unver­mutet aus dem eige­nen Kör­per vorzus­toßen. Africa is great,dachte Edward, wen­ngle­ich es kein Denken war, eher ein inneres Murmeln.

18.

Und sie waren geflo­hen – feige, resig­niert, belustigt –, geflo­hen unter dem Trom­melfeuer einer ihre Gegen­wart ignori­eren­den, alles durch­drin­gen­den Munterkeit, deren Mit­tel ihnen aufs beste ver­traut und deren Resul­tate ihnen geläu­fig waren, deren Durch­führung sie sich hinge­gen nicht gewach­sen erwiesen –

– die Luft erfüllt von koket­tieren­der Angst vor Schlangen­bis­sen, von Ele­fan­tenge­dröhn und Affengeschäker, von Geiern, Hyä­nen und faul im Schlamm lungern­den Löwen­weibern, von Zebras, Giraf­fen, Warzen­schweinen, vergesse­nen Zah­n­pas­tatuben, von Gazellen und Impalas (»sag ich doch«), prachtvollen, obgle­ich unzu­ver­läs­si­gen Kell­nern (»also vorgestern der…«), ver­bran­nten Toastscheiben und der Weite des Lan­des, ganz ganz her­rlich, aber nicht unge­fährlich, »nojah«…! Atmende Erde, atmender Him­mel (»bei uns nicht«), Vielfalt, Ein­falt, natür­lich die Armut dann schon, also wirk­lich, »schon schlimm«, »muss schon sagen«, »Zustände, auch im San­itären«, »prim­i­tiv aber stolz« – und noch dazu, jeden­falls solange man es richtig anstellte und sich nicht übers Ohr hauen ließ, ganz ganz bil­lig… nein… da kon­nte man jetzt wirk­lich nichts sagen… – während­dessen sie unen­twegt wusel­ten, tremolierten, tir­ilierten, in die Dunkel­heit hin­auss­chwätzten und ‑schäk­erten, die alles zudeckte und sich gewiss ihr Teil dabei dachte –

– sie sind geflo­hen, und manch­mal erin­nert ein flaues Gefühl in der Magen­grube sie an den größeren Teil der Nacht, der noch bevorsteht. Leise Verzwei­flung schweißt sie zusam­men, ein biss­chen fühlen sie sich wie Aus­brecher, auch wenn sie den Gedanken weit von sich wiesen, würde einer ihn aus Verse­hen laut wer­den lassen.

19.

Wer gle­icht dem Herrn, unserm Gott,
der in der Höhe thront,
der in die Tiefe schaut im Him­mel und auf Erden?
Er erhebt aus dem Staub den Gerin­gen,
erhöht aus dem Schmutz den Armen,
um ihn neben Fürsten zu set­zen,
neben die Fürsten seines Volkes.

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