1.

»No water! Nein nein, just done!« wehrten drei Hände, verge­blich gegen das ein­strö­mende Früh­licht gereckt, syn­chron Athana­sios’ stür­mis­ches Ansin­nen ab, die mit­ge­führten Flaschen mit abgekochtem Wasser aufzufüllen.

Ver­wun­dert betra­chtete Edward ein vom Hochlager her­ab­baumel­ndes, marschfer­tig bek­lei­detes und beschuhtes Bein­paar, dem mit einem Ruck der nackte Oberkör­per fol­gte: Werner, eingeschlafen unter der leise pen­del­nden Dro­hung seines am Längs­balken hän­gen­den Ruck­sacks, war aus Alb­träu­men hochge­fahren und stürmte nun hin­aus zur Morgentoilette.

Toms Koje lag still und verlassen.

Ste­fan und Edward blinzel­ten sich aus ihren Schlaf­säcken zu und angel­ten nach leichtem Schuhwerk.

Erneut fliegt die Tür auf und gibt den Blick auf die stäm­mige und biegsame, im Licht vib­ri­erende Gestalt Caspers frei. Seine funkel­nde blaue Schir­m­mütze entwirft im Verein mit den blauen Bet­t­laken je nach Blick­winkel magis­che Dreiecke, Sech­secke und Quadrate.

Er drängt zur Eile. Heute haben sie die läng­ste Etappe vor sich und die Zeit ist knapp.

Edward seufzt und rollt sich aus dem Schlaf­sack; Ste­fan steckt die Sport­latschen zurück und greift zu den Bergschuhen, auf denen trophäen­gle­ich rötlicher Staub schimmert.

2.

Nach­läs­sig rasiert, eine Schleppe aus Hüt­ten­mief und After­shave hin­ter sich herziehend, den Magen mit Suppe, Ei und zwei Scheiben Weißbrot vage auf Dankbarkeit ges­timmt, trot­ten sie eine halbe Stunde später hin­ter den bei­den Führern in den Wald hinein, steigen acht­los am Krater vor­bei und wen­den sich, von dichtem Gesträuch umschlossen, dem steil­eren Stück zu.

Waren sie bisher nord­wärts gegan­gen, so schwenken sie jetzt nach Nord­westen. Vor ihnen hebt sich das Gelände in kraftvollen Wellen zwei Buck­eln ent­ge­gen, Kifinika und Podocar­pus Hill, beide ober­halb der Dre­itausender­grenze, die sie bald erre­icht haben wer­den. Fast hät­ten sie den ersten Wellenkamm genom­men, ohne es richtig wahrzunehmen.

»Da«, lächelt Casper, lüpft seine Schir­m­mütze und reckt den Finger.

»Ah!«

Über der Süd­flanke des Podocar­pus hebt sich ein bre­ites, auf einer Seite jäh abfal­l­en­des Band ins Blaue, weiß, fern, schmal, nah, riesig – der Gipfelgletscher.

Ste­fan wis­cht sich den Schweiß von der Stirn und greift nach dem Fer­n­glas. Ein zärtliches Ein­ver­ständ­nis herrscht zwis­chen ihm und dem Kibo. Als einziger aus der Gruppe war er schon oben und will, warum auch immer, noch ein­mal hinauf.

»Weshalb?« fragten die anderen, als sie bei Gesùzusam­men­saßen, und er fal­tete die Servi­ette, schloss die Augen halb und antwortete mit einer Stimme, die samten aus anderen Räu­men herüberk­lang: »Das Gefühl der Frei­heit.« – »Ver­stehe«, bemerkte Werner in die Stille hinein, knapp, wie selb­stver­ständlich, ein wenig mit­füh­lend auch, und fügte dann hinzu: »Natür­lich ver­stehe ich nichts, aber akzep­tiert, das ist deine Erfahrung, ich denke, jeder von uns wird seine machen, und das ist ja dann auch in Ord­nung.« Danach wurde es richtig still.

Die Zärtlichkeit hat er auf die Bergführer über­tra­gen. Auch jetzt steht er wieder mit ihnen zusam­men. Caspers Schir­m­mütze funkelt in der Sonne, baumelnd fährt der Zeiger von Mel­chiors marineblauer Wollmütze auf und nieder.

Nur Dieter geht dazwis­chen. Auf Caspers Schul­ter gestützt, bringt er seinen Arm gegen das gleißende Ziel in Stel­lung: »Da oben wer­den wir ste­hen. Das kann uns keiner mehr nehmen.«

Ste­fan schickt einen wis­senden Blick seitwärts, ver­lässt die Gruppe und versinkt in die Betra­ch­tung einer blühen­den Staude, die aussieht, als keime auf ihr eine Schar blass­rosa Schmetterlinge.

Er ver­schmäht jede Kopf­be­deck­ung. Manch­mal, findet Edward, der ihm mit Blicken folgt, glänzt seine weiß über­flockte Schädelkup­pel wie eine Tiara.

3.

Die Feuer­walze hat eine weiß­graue Leere zurück­ge­lassen, aus der schwarzen Bart­stop­peln gle­ich die dür­ren Stan­gen her­ausste­hen, die von der ein­sti­gen Veg­e­ta­tion Zeug­nis able­gen. Hier und da wird der Weg von hohen, schat­ten­den Bäu­men einge­fasst, die der Zer­störung ent­gan­gen sind.

Es herrscht Betrieb.

In unregelmäßi­gen Abstän­den wer­den sie von Trägertrupps über­holt, die ihrem eige­nen Rhyth­mus fol­gen. Andere kom­men ihnen von oben ent­ge­gen, an ihren Fersen vere­inzelte Berg­touris­ten, Abbrecher offenbar.

Leicht kann man die Führer aus­machen; wie Könige bewe­gen sie sich zwis­chen den Trägern.

Ste­fan begafft die Chagga. Er kann sich kaum sattse­hen. Aus den Klam­ot­ten, die sie auf ihren geschmei­di­gen Leibern tra­gen – glitzernde Radler­ho­sen unter wat­tierten Anoraks, aus­fasernde Sac­cos zu adidas-​Hosen mit bre­iten Ral­lyestreifen, braun­schwarze Unter­hem­den, Bermu­das, Pluder­ho­sen, senkel­lose Turn­schuhe, San­dalen, Bade­latschen, hier und da an den Füßen der Bergführer ein Paar aufge­motzte Bergschuhe mit high­tec–Emble­men –, haben sich die Touris­ten davongestohlen; so geis­tern sie end­los mit.

»Aben­teuer­lich« findet er diesen Anblick und weist die anderen mit einem Kopfnicken auf beson­ders »aben­teuer­liche« Kom­bi­na­tio­nen hin.

Die bei Casper erfragten Namen der Träger ste­hen der Garder­obe nicht nach: Gabriel Moshy, Walt Macha, Zacharia Nyaki, Dante-​Ottone Kileo, Zara Tussa.

Auf den Köpfen bal­ancieren sie Taschen, Plas­tik­säcke, Leinenkof­fer, Palet­ten mit Bier und Säften, durch Kun­st­folie zusam­menge­hal­tene Bat­te­rien von Wasser– und Colaflaschen oder schwank­ende offene Wasserkanis­ter, deren ver­schüt­teter Inhalt hier und da die Steine am Wegrand netzt. Als ein Porter, dessen Pudelmütze nur das Gesicht freilässt, im Vorübereilen das Haupt zu sehr beugt, erken­nen sie freudig: das war der Eiermann.

4.

Die Führer sind priv­i­legiert. Sie tra­gen nicht – allen­falls die eigene Aus­rüs­tung oder, gele­gentlich, den Ruck­sack eines Klien­ten. Pres­tigeein­brüche inbe­grif­fen. So, als ein schwitzend zur Gruppe auf­schließen­der Englän­der ent­deckt, dass er die Wasser­flasche vergessen hat, und kurz­er­hand seinen Guide zurückschickt, um sie zu holen, während er sel­ber den Weg mit der Flasche des Gebeutel­ten in der Faust fort­setzt – Kolo­nial­her­ren­bräuche, wie Wolf­gang findet, der darüber fast aus­fäl­lig wird.

5.

Wolf­gang ist glück­lich. Meis­tens wech­selt er sich mit Ste­fan in der Spitze ab, grüßt links, grüßt rechts sein gemäch­liches »Dschambo«, auf das die Guides und Porters mit einem Augen­zwinkern und einem geflüsterten »Hi« antworten, ohne ihren Her­den­tritt zu ver­langsamen. Seine wuchtige Figur verdeckt die undeut­lich im Gelände auf­scheinende Wegspur und alle fol­gen ihm.

Neben ihm treten die Führer zur Seite, knüpfen am Wegrand Gespräche mit ihres­gle­ichen an, lassen sich zurück­fallen und geben auf jede erden­kliche Weise zu erken­nen, dass es auf sie nicht ankommt, solange er vorausmarschiert.

Sein Gesicht glänzt pur­purn, Schweißtropfen net­zen den Ansatz seines einst dun­klen, jetzt grau gefärbten Kraushaars, kullern über die gewölbte Stirn und ver­schwinden hin­ter den eck­i­gen Gläsern der Son­nen­brille, ver­sick­ern als Rinnsale in seinem Schnauzbart und wer­den von schmatzen­den Lip­pen einge­so­gen; die Wasser­flasche, jed­erzeit griff­bereit, ragt aus einer Seit­en­tasche des Ruck­sacks her­aus. Bei jeder Mahlzeit kramt er aus viel­er­lei und vielgestalti­gen Fäch­ern eine erstaunliche Menge an Müsli– und Schoko­riegeln her­vor, die er gut­mütig lachend zum all­ge­meinen Verzehr freigibt.

Da wäre keiner, der sich verweigert.

6.

Er hat eine anstren­gende Ses­sion hin­ter sich; die Sitzun­gen, Nach­mit­tagssitzun­gen, Abend­sitzun­gen, Nacht­sitzun­gen, Prä­sid­i­umssitzun­gen, Pub­likumssitzun­gen, Umzüge, Umtrünke, Anfahrten, Heim­fahrten, Alko­holkon­trollen, die Büt­tenred­ner und Bein­schwingerin­nen, das Tschingderassa, Gehopse, Gelächter, Gegröle, das Fuchteln und Hän­de­schüt­teln und die Aus­nüchterungspillen danach haben den Wun­sch in ihm erstarken lassen, sich zu entziehen. Und so bewegt er sich in der klaren Luft, als streife er jeden Augen­blick ein frisches Hemd über; guttural.

7.

Selb­st­gewiss wie nur einer,
lotrecht in den Säulen, wohl aufge­führt,
mit gesteiftem Gebälk,
stark wie ein Hengst, gut­mütig, hochmütig, reizbar,
dem Geheim­nis gepaart.

8.

Apro­pos Geheim­nis: Was er wohlver­bor­gen in den Tiefen seines Ruck­sacks mit sich führt, reicht aus, um dieser Tour mehr zu ver­lei­hen als einen Sinn. Zwar hat er wie die anderen das Blatt bei Gesù unterze­ich­net. Aber was er da sig­niert hat, berührt ihn nicht: es ver­fügt nicht über die Kraft der Ver­führung. Außer­dem ist er glück­lich ver­heiratet und in der Hin­sicht zu kein­er­lei Späßen aufgelegt. Auch der Karneval dient let­zten Endes dem Fortkom­men. Fast immer ergibt sich dabei das eine oder andere Geschäft. Diese Medi­en­fritzen hier sind auch nicht zu ver­achten; mag die Zukunft zeigen, wozu der Berg gut ist.

9.

Auch wenn Dieter sich im Hin­ter­grund hält – in ihm pocht die Her­aus­forderung vielle­icht stärker als in allen anderen. Den Berg zu bezwin­gen ist er aufge­brochen, nach­dem er den Vor­satz vor über einem Jahr gefasst und schrit­tweise in die Tat umge­setzt hat. Er ist der Arrangeur des Auf­bruchs, er hat die Kon­takte hergestellt, die Gruppe ins Leben gerufen, das Tre­f­fen bei Gesù arrang­iert – auch, neben­bei, die ominöse Abmachung aufge­setzt –, ganz zuletzt für den Flug noch einen kleinen Swa­he­likurs zu Papier gebracht, und immer wieder, Stück für Stück, die Ver­hält­nisse vor Ort zu ergrün­den ver­sucht: Wo liegen die Tücken, wo die Gefahren des Unternehmens, was kann man tun, um ihnen zuvorzukom­men? Sein Beruf hat ihn gelehrt, riskante Pro­jekte aus­findig zu machen und dann die Risiken Zug um Zug auszumerzen; bald sollte er begreifen, dass dies­mal die beste Strate­gie darin lag, Glück zu haben, ein­fach so… der Geg­ner schien unter einer Tarnkappe ver­bor­gen, als deren sicht­bares Pen­dant sich pünk­tlich – er wusste davon, bevor er es zu sehen bekom­men bekam – jeden Mit­tag um den Gipfel eine Dun­st­glocke zusammenzieht.

Es ging darum, das Glück mit­tels einer klin­isch zu nen­nen­den Oper­a­tion her­auszu­fordern. Gab man dem Kör­per Gele­gen­heit, sich auf die fall­weise erre­ichte Höhe einzustellen, so schwand die Her­aus­forderung wie das Kibo-​Eis an der Sonne. Daher lautete die Auf­gabe, durch einen straf­fen Zeit­plan die Anpas­sung zu ver­hin­dern. Das Alarm­sys­tem des Organ­is­mus musste durch die Schnel­ligkeit des Auf­stiegs überlis­tet wer­den. Damit diese Rech­nung aufge­hen kann – so lernte er –, ist es wiederum nötig, langsam zu gehen – »pole pole« in der Sprache der Ein­heimis­chen –, langsam, ohne Zeit zu ver­schenken. Wenn dies gelang, stand der Gipfel offen, »no prob­lem«, wie die Bergführer sagten, die einem scharf ins Gesicht sahen, als zeich­neten sich dort bere­its die Spuren des kom­menden Desasters ab.

Wie auch immer – es durfte nichts geschehen, was sie aus dem Tritt brächte. Nichts durfte geschehen: weder im spek­takulären noch im unspek­takulären Sinn. Man musste sich in die Ereignis­losigkeit begeben, um um… in jenes Gleiten zu ger­aten, das einen fort­trägt, ohne nach Innen und Außen zu fragen.

Die Ereignis­losigkeit ist das Fest, und es endet mit der Enthaup­tung des Gigan­ten, dem prachtvollen Stre­ich, der den Götzen in die Nichtigkeit zurück­stößt, aus der er eines ver­fluchten Tages her­vorgekrochen ist, man weiß nicht, wann und warum.

Ah ja, ins Nichts mit ihm! Nun ja, ein wenig pathetisch gedacht vielle­icht, irgend­wie unheim­lich auch, aber zweifel­los, es ist was dran, es ist was dran.

»Habari za watoto?«

Streng sieht er Mel­chior, der höflich und aufmerk­sam neben ihm läuft, ins Gesicht. Der Guide stutzt, dann kommt das Erken­nen. »My chil­dren? Oh thanks! They’re o.k.«

10.

Links zieht Werner an ihnen vor­bei: »Alles im Griff?«

»Unbe­d­ingt. – Kiasi gani?«

Mel­chiors Züge verdüstern sich.

»How many?« drängt der Fremde.

»Oh«, sagt der Ein­heimis­che mit weg­w­er­fender Gebärde, »five or six.«

Der Fremde, unsicher, rat­los: »Hours? Today?«

»Hours, oh yes. Many hours. No problem.«

11.

Kein Prob­lem. Woher denn auch? Langlauf, Ten­nis, Rad… ein kräftiges Train­ing­spro­gramm hat er zuhause abge­spult, in Saunen geschwitzt, in stern­klaren Nächten sich einen abge­froren. Ein biss­chen eng ist es gewor­den, zugegeben, im Büro ging es zeitweise heftig zur Sache. Er hat getan, was er kon­nte. Es wird schon reichen. Aber sicher.

Seit Wochen nimmt er jetzt Aspirin, tagaus, tagein. Heute mor­gen erst hat er mit­bekom­men, wie Werner beiläu­fig eine Brausetablette in seine Feld­flasche rollen ließ. Der also auch.

Die anderen hat er zwar im Ver­dacht, weiß aber nichts Genaues.

Der Tip kam von Ste­fan. Sie haben das Thema nicht weiter ver­tieft. Aber er nimmt doch an, dass einer wie Ste­fan tut, was getan wer­den muss. Auch wenn er hier und da etwas läs­sig auftritt, im Kern, dessen ist Dieter sich sicher, im Kern ver­fügt Ste­fan über die San­ft­mut einer Stahlfeder. Sein Charme besitzt etwas Umwerfendes.

O ja, gut kann er sich erin­nern. Ste­fans Botanisieren hat ihn entset­zlich gefuchst, solange er nicht mithal­ten kon­nte. Wie manches andere hat sich auch das im Lauf der Jahre erledigt. Heute kann es geschehen, dass er sich ohne mit der Wim­per zu zucken über eine Losung beugt, sie einge­hend beäugt und beschnüf­felt, anschließend die Brille abn­immt und aus der hohlen Hand einen lateinis­chen Aus­druck schöpft, oder dass er sich genießerisch über eine »extrem sel­tene« Sch­neck­e­nart der Karibik aus­lässt – Strom­bus goliath aus der Gat­tung der Fechter­sch­necken, komis­cher Name, übri­gens ein begehrtes Samm­ler­ob­jekt, woher hat er das nur? –, ein­fach so, aus dem Handge­lenk, denn nach wie vor ist es nicht sein Bier. (Ein Schluck aus der Flasche, jetzt? – Aah.)

Auf alle Fälle wird er dranbleiben.

12.

Alles nimmt er ihm ab. Aber diese Frei­heit­snum­mer… das war schon etwas dick aufgetragen.

Nein. Der will nicht nach oben, um frei zu sein. Einer wie Ste­fan macht sich höch­stens frei, um nach oben zu kom­men. Ein­mal, zweimal, warum nicht auch drei– oder vier­mal? So einer will oben ste­hen, koste es, was es wolle: Gipfel­tourist, umbuhlt, Luxu­s­geschöpf, geschröpfter Voyeur, Routineekel –

Mer täte nix unmägliches verlange.

Und da ist noch etwas. Immer ist da noch etwas, aber dies hier, lose, regt sich wie ein Verdacht.

Dein Fre­und ein Frömm­ler: Kön­nte das wahr sein?

Darüber darf man doch nicht schweigen, darüber muss man reden.

Soll er es ein­mal ansprechen, beim drit­ten oder vierten, vielle­icht auch fün­ften oder sech­sten Viertele, wie es sich für ein solches Thema gehört? Naja, vielle­icht nicht.

Fre­und­schaft beruht auf Respekt.

Ander­er­seits: etwas wie Andacht strahlt von ihm aus.

Sowas geht über.

Ob er da vorne jetzt auch den Griff nach dem Herzen spürt, die leichte Irri­ta­tion, die nicht weggeht, seit sie die dre­itausend unter sich gelassen haben?

Müßige Fra­gen.

13.

Motiviert sein

– Sie waren oben?

– Aber sicher.

– Der Weg ist das Ziel?

– Für alle, die es nicht schaf­fen: ja! Denken Sie an die Kli­ma­zo­nen – dafür muss einer doch sonst um den hal­ben Erd­ball reisen. Tro­pis­cher Regen­wald, Hochland­wüste, ewiges Eis – alles in fünf Tagen. Ist das nichts? Abso­lut… nun ja: phan­tastisch. Nur über eins soll­ten Sie sich klar sein – Sie müssen kämpfen. Je höher Sie kom­men, desto heftiger müssen Sie kämpfen. Ihr Kör­per mag diesen Auf­stieg über­haupt nicht, kein Kör­per mag diesen Auf­stieg. Um die vier­tausend setzt der Kopf­schmerz ein, der Sie nicht mehr loslässt. Übel, übel, speiü­bel, sagen wir es ruhig, aber auch da müssen Sie durch. Was meinen Sie? Leute, die unbe­hel­ligt nach oben kom­men? Ganz recht, die gibt es. Aber, unter uns, machen Sie sich nichts vor: Zu denen gehören Sie nicht. Warum? Warum soll­ten Sie. Übri­gens ist die Rech­nung ein­fach. Jeder geht an seine Gren­zen. Wer weit­ergeht, riskiert das Leben. Klingt gefährlich, äh? Genau. Sie steigen ja leicht, ganz locker. Sie haben keine Prob­leme, Sie nicht, woher denn – keine tech­nis­chen Prob­leme, wohlge­merkt, keine Steil­wände und der­gle­ichen, ein Schritt gibt den näch­sten. Aber… ein Schritt zuviel, und Sie sind weg vom Fen­ster. Manche ster­ben natür­lich. – Als wir auf der let­zten Hütte ein­liefen, reich­lich benom­men, um ehrlich zu sein, lagen da schon zwei junge Frauen auf diesen Pritschen, zwei Kranken­schwest­ern, wie wir hörten, die hal­luzinierten gewaltig.

– Was passierte mit ihnen?

– Es hieß, sie wür­den auf Kar­ren nach unten geschafft.

– Klingt, als woll­ten Sie abraten.

– Naja, nicht übertreiben. Wer sich vernün­ftig ver­hält, Sie wis­sen schon… Auf dem Gipfel sind sowieso alle Quälereien vergessen. Da oben denkt man nicht mehr, dafür reicht der Sauer­stoff nicht, man ist glücklich.

– Was ist das für ein Gefühl?

– Ach sehen Sie, das… das…

– Sie waren zu sechst. Haben es alle geschafft?

– Wie kom­men Sie denn darauf?

14.

Was, zum Teufel, treibt dieser Edward da?

Noch hat­ten sie das Ende der Brand­zone nicht erre­icht. Im lock­eren Schat­ten einer Bau­min­sel, durch die der Weg sich aufwärts schwang, entledigten die Träger sich ihrer Las­ten. Die Gruppe, darauf bedacht, keine Zeit zu ver­lieren, beschloss eine kurze Rast.

Edward macht die Ver­stop­fung zu schaf­fen. Er späht hinaus.

Sanft run­det sich der Hügel, versinkt in einer Mulde, steigt als verkohltes Leichen­feld wieder ins Blick­feld. Aus­ge­ble­ichtes, weich fal­l­en­des Gras ver­birgt den Boden, hier und da melden sich grüne Spitzen.

Die Gruppe, abge­lenkt durch ein Rep­til, steht abseits.

Vor­sichtig biegt Edward einen Strunk zur Seite. Tas­tend setzt er den Fuß auf ein trock­enes Gras­büschel, dessen weiße Blät­ter sich laut­los wie Sicheln um seine Schuhe schließen. Beherzt schre­itet er aus.

15.

Der schwäbis­che Mis­sionar Reb­mann ent­deckte den Gipfel am Mor­gen des elften Mai des Jahres 1848, obwohl dieser doch seit Men­schenge­denken dort aufragte und von keinem der um ihn ver­streut leben­den Stämme der Hin­weis über­liefert ist, man habe ihn eines Tages nicht am gewohn­ten Ort gesichtet. Seinem Tage­buch ver­traut der Gottes­mann an, er habe ihn mit einer auf­fal­l­end weißen Wolke bedeckt zu sehen geglaubt. Zu sehen geglaubt. Sein Führer, schreibt er, habe das Weiße, das er sah, schlechtweg Kälte genannt; ihm, Klaus Reb­mann, sei aber ebenso klar als gewiss gewor­den, dass das nichts anderes sein könne als Schnee, »welchen Namen ich meinen Leuten sogle­ich nan­nte und die Sache zu erk­lären suchte; sie woll­ten mir aber nicht recht glauben.«

Nun ja. Hätte ihm jemand voraus­ge­sagt, seine nächtlichen Kritzeleien wür­den im fer­nen Europa einen gelehrten Sturm ent­fachen – schließlich kon­nte die Vorstel­lung, es möchte am Äqua­tor Schnee geben, nur einem kranken Hirn entsprun­gen sein –, wer weiß, er hätte sich vielle­icht in vor­eilen­dem Gehor­sam geübt und sich aller Hypothe­sen über die selt­same Lufter­schei­n­ung enthal­ten. Grund dazu hatte er: Speku­la­tio­nen über seinen Geis­teszu­s­tand – und den des Amts­brud­ers, der die Sache später bestätigte – kon­nten alles in allem dem Mis­sion­s­geschäft nicht von Nutzen sein.

So gewann der Leser. Er erhielt einen ungeschmink­ten Bericht über das, was der Ent­decker sah: eine weiße Wolke, die sich bei aber­ma­ligem Hin­se­hen als Schnee zu erken­nen gab. Nicht dass der geistliche Herr beim zweiten Auf­blicken etwas anderes gese­hen hätte – Ste­fan, über dem noch unver­dauten Lek­türeein­druck grü­belnd, entsch­ied sich für die Annahme, der Aus­druck »weiße Wolke« sei nur pro­phy­lak­tisch zu ver­ste­hen, als sich­ernde Maß­nahme gegen den Miss­stand, eine Sache unbe­nannt zu lassen, solange sie der Ver­stand noch nicht aus­re­ichend analysiert hat. Erstaunlich war nicht der Anblick der weißen Wolke, son­dern das, was fast unmit­tel­bar auf ihn fol­gte: das zweifels­freie Erblicken des Schnees, das durch aller­lei nachgeschobene Über­legun­gen nur gefes­tigt, aber nicht wirk­lich begrün­det wurde.

16.

Rasch stellt er fest, dass die Bau­min­sel ihn eben­sowenig den Blicken der Begleiter entzieht wie die toten Stau­den, die er instink­tiv im Gelände angepeilt hatte und umrun­dete. Das Gras wächst länger hier draußen. Begüti­gend legen sich seine Büschel auf den durch­scheinen­den, pocken­nar­bigen Fels.

Beim vor­sichti­gen Ein­drin­gen zeigt sich: Das Geäst ist sper­riger als ver­mutet. Schwarze Wisch– und Sch­ab­muster bedecken Hose und Hemd. Der Tep­pich schluckt jedes Geräusch. Nur das Kratzen und Knacken der trock­e­nen Zweige ist hör­bar. Edward wirft scheue Blicke um sich. Streifen um Streifen versinkt die Bau­min­sel jen­seits der Kuppe.

Beiläu­fig schätzt er die Dis­tanzen. Ein Graben, vielle­icht zwanzig Meter ent­fernt, nicht ein­se­hbar, durch­schnei­det das Gelände. Nach und nach – unbe­grei­flicher Zwang! – ori­en­tiert er sich zu ihm hin.

Drüben, jen­seits des Grabens, steigt der Hang rasch über seine Höhe hin­aus. Was kommt dahin­ter? Er hätte es gern gewusst. Doch die Rinne, deren Rän­der sein Blick­feld nach oben und unten begren­zen, ist, das fühlt er, terra infirma. Das Gesträuch scheint dort dichter zu ste­hen, stärker ver­filzt und nur müh­sam durchquerbar.

Auf seiner Seite wirkt das Gelände offener, es steigt kaum merk­lich an – sind das dort nicht die Spitzen der Bau­min­sel? –, doch nur für kurze Zeit, dann neigt es sich, fällt ab, ohne Ein­blicke in die Struk­tur des Hügels zu gewähren.

17.

Ein wenig bedauert es Ste­fan, dass er nicht in die Pose Reb­manns schlüpfen und den eige­nen, mehr oder weniger trainierten Weltsinn entschei­den lassen kann, was es mit jener strahlen­den Weiße auf sich hat. Wäre er gut? Oder würde er sich vor der Nach­welt blamieren?

Reb­mann jeden­falls hatte allen Anlass, gut zu sein. Schließlich kam er nicht ohne Grund. Als Lehrer und Hirt besaß er die Pflicht zu ein­fachen, glat­ten, klaren und, soweit es um nach­prüf­bare Dinge ging, lei­dlich richti­gen Urteilen.

Vor allem: Keine Gespen­ster! Ein von Geis­tern gere­inigtes Land stellte die tab­ula rasadar, die der Botschaft von dem gle­icher­maßen unendlich fer­nen und unendlich nahen Gott als harte, aber plane Unter­lage zu dienen ver­mochte. Da traf es sich gut, dass der einge­borene Führer vor Beginn der Expe­di­tion bere­its ein paar Leute hin­aufgeschickt hatte. Eine ordentliche Ent­deck­ung bedurfte gewisser Vorkehrun­gen. Der Führer wusste zu berichten, statt des erhofften Sil­bers sei in den mit­ge­führten Behäl­tern am Ende nur Wasser gewe­sen. Allerd­ings hät­ten die Geis­ter sie mit Beulen an den Füßen und ähn­lichen Übeln trak­tiert. Einer der Leute sei beinahe gestor­ben. Aber der Tri­umph des Europäers ließ sich durch solche Nebe­num­stände nicht aufhalten.

Was, so grü­belt Ste­fan, hätte der »Mann Gottes« darum gegeben, in Erfahrung zu brin­gen, wie sich seine prak­tis­che Überzeu­gungsar­beit mit der Inter­pre­ta­tion seines Tuns durch die Wegge­fährten kreuzte? Ver­mut­lich eben­sowenig wie jener fabel­hafte Wel­tum­segler, der sich unbeschadet seiner christlichen Seele auf Hawaii als Gott dek­lin­ieren ließ, ohne ein Quentchen Arg­wohn an den Gedanken zu ver­schwen­den, das schme­ichel­hafte Rit­ual könne dem so Geehrten einen tödlichen Abgang bescheren.

Reb­mann erblindet und kommt mit dem Leben davon. Andere haben weniger Glück.

18.

Die Getränke sind ver­staut, die Träger bere­its auf dem Pfad, Casper und Mel­chior wech­seln fra­gende Blicke, Ste­fan, der mit einer weichen Bewe­gung das Fer­n­glas aus der Tasche befreit und an die Augen gesetzt hat, lässt es sinken. Nie­mand zu sehen. Achselzucken.

19.

Über­gangs­los, obgle­ich im Unter­grund vor­bere­itet, die Empfind­ung der Fremde: von Unwäg­barkeiten umgeben, vom eige­nen Auf­bruch über­holt. Edward führe nicht erschrock­ener zusam­men, höbe sich Stück für Stück der Schädel eines Ele­fan­ten schlenkernd über den Rand des Grabens, als in diesem Moment, da die Luft ihm ein tiefes Schweigen zuträgt, das eben­sogut Angriff wie Gle­ichgültigkeit sig­nal­isiert. Noch immer nimmt ihm der Hügel jede weit­ere Aussicht.

Unstet läuft sein Blick den engen, von unglaublicher Bläue über­wölbten Hor­i­zont ab, bis er wie von unge­fähr auf das Stück Erde vor seinen Füßen fällt, auf diesen Dschun­gel en minia­ture, erlosch­enes Blat­twerk, das seine Füße deckt.

Wo er steht, hat er offen­bar nichts zu befürchten. Es fällt schwer, das zu wis­sen, und den­noch einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Die Land­schaft, ober­fläch­lich gelassen, ober­fläch­lich bereit, ihn gewähren zu lassen, hat sich ver­wan­delt. Er spürt ihre anges­pan­nten Muskeln, den geduck­ten, lauern­den Gang, ihr abwartendes Bei­seiteste­hen, manch­mal, einen Wim­pern­schlag lang, flim­mert ein gel­bliches Fell vor seinen Augen.

Er über­schlägt seine Chan­cen. Sie ste­hen nicht gut. Einem Angriff hätte er nichts entgegenzusetzen.

Was gäbe er darum, jetzt langsam ein Messer aus dem Stiefelschaft zu holen, es prüfend gegen die Sonne zu hal­ten und mit dem Nagel­rücken über die Klinge zu fahren –

Was gäbe er…? Nichts, wie er sich wider­strebend und ein wenig erle­ichtert eingesteht, da es ihn allen­falls um das biss­chen Ver­stand brächte, das sich augen­blick­lich in ihm zu regen beginnt.

Es ist der Moment, in dem Ste­fan, dessen Blicke angestrengt über die Kuppe wan­dern, erneut das Fer­n­glas hebt. Drüben, jen­seits der Senke, hat sein weit­sichtiges Auge zwei reglose Punkte erspäht. Er möchte schwören, dass sie eben noch nicht vorhan­den waren. Was er dort, steck­nadel­groß, unter­schei­det, verän­dert seinen Kör­per­aus­druck um eine Nuance. »Hyä­nen«, bemerkt er trocken, und reicht das Glas, ohne den Kopf zu wen­den, an Dieter weiter, der unauf­fäl­lig neben ihn getreten ist.

20.

Zu Reb­manns Zeit raffte die Malaria zusam­men mit anderem Ungemach im Schnitt ein Drit­tel aller Afrikareisenden dahin.

»Afrikareisende«: so hießen die Leute, denen das Kun­st­stück gelang, anderthalb oder zwei Jahre auf diesem Erdteil durchzuhal­ten. Rascher ließ sich der »Schand­con­ti­nent« ohne­hin nicht bewälti­gen. Gebildete Leute alles in allem, ein paar Stu­di­en­ab­brecher darunter, teure Tote. »Was ist uns Afrika nicht alles als Ersatz dafür schuldig?«Kolonialisten-O-Ton. Gute Frage übri­gens, bis heute unbeant­wortet. Noch der Erst­besteiger des Kibo, den seine Stammes­brüder nicht min­der aus­gek­lügelt feiern soll­ten als zwei­hun­dert Jahre zuvor die poly­ne­sis­chen »Einge­bore­nen« einen Gast mit bürg­er­lichem Namen James C., ver­tut zwei Jahre im Lande, ehe der dritte Ver­such ihn auf die eisige Spitze ver­schlägt. Eine enorme Ver­schwen­dung von Zeit und Ressourcen, ver­glichen mit dem lean climb­ing, wie man es heute praktiziert.

Mit Blind­heit geschla­gen: die Bekehrer, Ent­decker, Gipfel­stürmer und Eroberer der let­zten weißen Flecken in den Karten des weißen Mannes.

Und doch… vielle­icht wurde weder vorher noch nach­her die Erde mit einem so unbe­fan­genen Blick in Besitz genom­men. Mancher­lei blitzt in ihm auf. Mochten sie sich her­aus­nehmen, was sie woll­ten, es war legitim: »Der Erwerb von Land ist in Ostafrika sehr leicht. Für ein paar Flinten besorgt man sich ein Papier mit eini­gen Negerkreuzen.« So notierte es Bis­marck, dem das sus­pekt blieb. Sie ver­traten das Heute. Mit ihnen kam das Wis­sen und natür­lich kam die Tech­nik. Sie besaßen die barsche Fre­undlichkeit, die Schöp­fung von dem unerk­lär­lichen Fluch der Indolenz befreien zu wollen, der auf weiten Land­strichen lastete.

Diese Her­ren in ihrem grotesken Tropen-​Outfit waren Erwecker. Was ihr Zauber­stab berührte, sollte von Stund’ an ticken: bis die span­nungs­los gewor­dene Feder oder ein gäh­nen­der Gott in seiner abgründi­gen Güte dem rast­losen Lauf ein Ende setzte.

Jeder… jeder von ihnen hätte die Worte aussprechen dür­fen, die ein paar Jahre später ein Stuben­hocker in den Zusam­men­bruch der europäis­chen Vorkriegswelt warf: »Ich bin der Paraklet.«

21.

Seufzend, einem qualvollen Traum entrin­nend, richtet sich Ste­fan an der Gestalt Caspers aus, der auf einem Stein posiert und seinen vor­bei­de­fil­ieren­den Schäfchen der Reihe nach mit blink­en­dem Goldzahn mut­spendend zulächelt. Just als ihre Blicke sich tre­f­fen, lässt Mel­chior eine Bemerkung fallen. Sie klingt spitz, fremd, kühl, beiläu­fig, bei­seit­ege­sprochen, Ste­fan ver­möchte nicht zu sagen, weshalb er sich ver­letzt fühlt. Im Mit­tel­grund, der näch­sten Kuppe zu, markiert Athana­sios eine Stelle im Gelände, dunkel, schweigend, mit ver­schränk­ten Armen und reglosem Gesicht, als lausche er auf die Stim­men der Elemente.

Schwarze, rasch zur Sache kom­mende Wolken quellen über die Kuppe.

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