Aus dem Ohnmachtsbezirk

1.
Man äußert sich über das Heilige nicht, es sei denn, man glaubt sich darüber hinaus. Das steht jedem frei. Wie jeder Glaube ist auch dieser ein Unglaube: ein Ringen um Sicherheiten, die nicht gegeben sind, die nicht gegeben sein können, wenn es in ihm fortgehen soll. Und fortgehen muss es. Das Irgendwo ist ein besserer Aufenthaltsort als jeder, der in Betracht kommt. Das Heilige weist in seine Richtung, aber es kommt nicht mit.

2.
Jede Äußerung über das Heilige legt eine Spur, es führt in die Höhle der innersten Überzeugungen. Man sucht diese Höhle selten auf, ein Schleier liegt über der Gegend, der einen vertreibt. Auch weiß man kaum zu sagen, wie es in ihr ausssieht. Dennoch: wer etwas daraus benötigt, findet es auf einen Griff. Das riecht nach Routine. In Routine fixiert – so entstehen Bilder von Heiligen, die das Volk mit frommem Hohn kommentiert. Wer ist das Volk? Alles, was Distanz hält.

3.
Das Heilige, wie die gotischen Chöre, ist zweischalig: das Äußere birgt ein Inneres, das den Blick nach außen verzaubert – durch Verstellung. Die Verstellung ist aus dem Heiligen ebenso wenig fortzudenken wie der Zweifel aus der Verzückung. Abwesenheit hilft. Deshalb ist Ohnmacht die erste Regel im Orden der Heiligen: sie gibt die Kraft, die alle Widerstände niederzwingt. Alle? O ja, samt und sonders. Der Widerstand, der nicht zu brechen ist, widerstrebt nicht dem Heiligen, sondern schaltet es aus.

4.
Niemand gibt, was ihm heilig ist, preis. Er wagt ja kaum, es anzufassen. Das Heilige ist das, was man gern in Ruhe lässt. Merkwürdig, dass das Ruhende aufregt, sobald man sich in seine Nähe begibt. Das Tier, das stutzt, merkt etwas, erst durch die Flucht senkt es sich ein und verschwindet. Etwas geht unter die Haut, aber es lässt sich dort nicht reproduzieren, es löst sich in Erregung, an deren Ende die Scham steht. Oder der Stolz: Seht her auf mich, ich bin sein Träger. Etwas ist in mich gefahren, nun gebe ich keine Ruhe. Der Mensch ist ein seltsamer Heiliger.

5.
Ich würde mein Leben dafür hingeben: das ist die Formel des Heiligen, die niemand realisiert. Eher würde ich mein Leben für nichts dahingeben als für das da. Schließlich will ich es um jeden Preis besitzen – das ist der Sinn der Formel. Was soll mir der Eintritt in einen Zustand ohne Besitz? Recht bedacht, würde ich ja kaum dafür bezahlen. Der bloße Anblick, die bloße Vorstellung reißt mich hin und versetzt mich in jenen Zustand tiefer Befriedigung, für den der Mystiker sein Leben hingäbe, weil er sich schon auf der ersten Sprosse der anderen Leiter wähnt. Man schaffe mir einen Mystiker: mit ihm zusammen wäre ich bereit, sein Leben hinzugeben.

6.
Selig ist, wer sich in den Schutz des Heiligen begibt und in ihm lebt. Das kann sich als nützlich erweisen und muss doch gekonnt sein. Eine Schauspielerin, die das darzustellen unternimmt, tut gut daran, sich, soweit es geht, zu verhüllen. Sie hat etwas zu verbergen und glaubt sich darin der Person nahe, die sie mimt. Aber diese Nähe ist Ferne. Die Kraft, die das Schauspielen kostet, steht zwischen ihr und der anderen. Sie will Person sein, die andere steht ihr dabei im Weg. Sie muss beiseite gebracht werden, das ist das alte Spiel.

7.
Besitzt das Heilige einen Ausgang? Wo kommt jemand hin, der sich auf diesem Gelände herumtreibt? Die Frage ist falsch gestellt oder sie stellt sich nicht, das macht ihren Charme aus. Also: Wie kommt einer aus dieser Sache heraus? Gestärkt? Geschwächt? Mit einem amputierten Arm oder Bein? Mit einer Prothese? Mit dem Wort ›Lüge‹ zwischen den Lippen? Oder im Herzen? Mit dem Glanz des Irrsinns in den Augen? Bereit, zu betrügen? Oder schweigsam, ein Kamel an Geduld, das durch jedes Nadelöhr passt? Niemand weiß das so recht. Mancher stellt sich vor, das Heilige hat keinen Ausgang, es ist ein pulsierendes Labyrinth.