Offener Brief an Suit­bert Oberreiter

1.

Unter den Lin­ien, welche die schöne Lei­den­schaft in die men­schliche Seele zeich­net, besitzt für mich eine seit jeher einen bedin­gungs­los anderen Reiz – die der lit­er­arischen Emphase. Die intel­li­gente Emo­tion, die durch ihr Aus­drucksmit­tel darauf fest­gelegt ist, Mime­sis und Moral, die Ver­nunft und den Ver­rat an ihr zu artikulieren, zu insze­nieren, in jenes Tauschver­hält­nis zu set­zen, in dem sich bei­des aneinan­der bere­ichert und steigert, richtet sich von Haus aus weniger an die Intel­li­gen­ten, die Klu­gen, die Beschei­d­wisser, vielmehr an diejeni­gen, die nicht ganz zu Hause sind ›in der gedeuteten Welt‹, wie das ein Lyriker ein­mal aus­ge­drückt hat, sie ist insofern auch, jeden­falls für mich, wesentlich lyrisch, wobei mir bewusst ist, dass ich mit dem Wort ›wesentlich‹ bere­its etliche Abwehrreflexe mobilisiere.

2.

Warum auch nicht? Ich halte wenig vom Roman, der kaum mehr als eine Per­ver­sion zwis­chen zwei Buchdeck­eln darstellt, die durch die Durch­schnittsphan­tasie des Ver­fassers auf ein erträgliches Maß gebracht wird, ich halte daher auch wenig von dem, was der Markt die lit­er­arische Pro­duk­tion eines Jahres oder Jahrzehnts nennt, wobei es mich nicht son­der­lich anficht, dass die Lit­er­atur­wis­senschaften diese Ter­mi­nolo­gie inzwis­chen ›eins zu eins‹ über­nom­men haben. Daher habe ich mit einem gewis­sen Inter­esse, auch Erstaunen Ihre Fest­stel­lung gele­sen, seit Ende der achtziger Jahre gehe der Aus­lands­ger­man­is­tik der motivierende Stoff aus, weil »eine rege lit­er­arische Pro­duk­tion in deutschsprachi­gen Län­dern in den achtziger Jahren ein­fach abge­brochen ist und sei­ther kein­er­lei Nach­fol­gerin gefun­den hat, die man ihr etwa als ›eben­bür­tig‹ (ich ver­wende hier absichtlich diese alt­modis­che Vok­a­bel) zur Seite stellen kön­nte.«1

3.

Je länger ich darüber nach­denke, desto mehr bis­lang eher vere­inzelt gebliebene Ein­drücke schließen sich an Ihre Fest­stel­lung an. Sie ger­aten durch sie ›in ein eigenes Licht‹, das vielle­icht keiner Erleuch­tung entstammt, aber Sachver­halte beschreib­bar macht, für die im all­ge­meinen nur ein schmales Reper­toire an Benen­nun­gen bleibt. Geläu­fig ist die Form der Klage über die zurück­ge­gan­gene lit­er­arische Lese­fähigkeit des poten­tiellen Pub­likums in dem von Ihnen genan­nten Zeitraum – Ihre stu­den­tis­che Klien­tel unter­schei­det sich da, wie Sie auch andeuten, nicht grund­sät­zlich von der hiesi­gen, wenn man die sicher sig­nifikan­ten Prob­leme des Fremd­spracher­werbs ein­mal bei­seite lässt. Lese­fähigkeit, Lese­bere­itschaft, Lesewil­len – das sind so Wörter, mit denen man gern die Bere­itschaft des Pub­likums umreißt, sich ›lit­er­arisch zu bilden‹, gle­ichzeitig aber auch die sig­nifikante Verteilung von Leis­tun­gen und Fehlleis­tun­gen, mit denen Deutschlehrer und Lit­er­atur­pro­fes­soren bei ihren Stu­den­ten zu rech­nen haben. Dass hier etwas ›zurück­ge­gan­gen‹ ist, lässt sich am ehesten durch die Verkauf­szahlen der Ver­lage bele­gen, die allerd­ings gle­ichzeitig die unsich­er­sten Indika­toren darstellen, denn sollte es so sein, wie Sie andeuten, sollte also das, was die Ver­lage gegen­wär­tig verkaufen oder nicht verkaufen, mit dem, was sie vor zwanzig Jahren im Ange­bot hat­ten, nur mehr in einem ganz äußer­lichen Sinn zu tun haben, und dies im Hin­blick auf das, was nach Maßstäben der Qual­ität und der Gel­tung ›lit­er­arisch‹ genannt zu wer­den ver­di­ent, dann wären die Zahlen in der Tat ziem­lich gle­ichgültig, die von den Ver­la­gen auf den Tisch gelegt werden.

4.

Sie wären es auch im Hin­blick auf die durch prak­tisch keine Sta­tis­tiken zu unter­mauern­den Erfahrun­gen der Päd­a­gogen und Lit­er­atur­wis­senschaftler, die eher in den Bere­ich der ›gefühlten Ver­ar­mung‹ des Bil­dung­shor­i­zonts der nachwach­senden Gen­er­a­tio­nen gehören und zwangsläu­fig mit Erfahrun­gen des eige­nen Älter­w­er­dens und des Verdäm­merns der Hor­i­zonte, in denen man selbst seine Prä­gun­gen empf­ing, inter­ferieren. Zweifel­los hat sich seit Ende der achtziger Jahre in der Welt nicht nur ein Wahrnehmungs– und Lek­türe­wan­del vol­l­zo­gen, son­dern ein Wech­sel der poli­tis­chen und kul­turellen Leitvorstel­lun­gen: Was zu Zeiten der Sys­temkonkur­renz auf bei­den Seiten des Zauns als Emblem des Rin­gens um den richti­gen Men­schheitsweg tri­umphal oder erbit­tert hochge­hal­ten wurde, fiel bin­nen kurzem unter die Rubrik ›alter Plun­der‹ und wurde entsorgt – soll heißen, ihm wurde buch­stäblich die tägliche Zuwen­dung und Sorge ent­zo­gen, unter der es lange Zeit wach­sen und gedei­hen kon­nte. Die ›struk­turelle Bar­barei‹ der Kon­sumge­sellschaft, ihre notorische Bil­dungs­feind­schaft bekam ihre Stunde, darüber beste­hen kaum Dif­feren­zen. Dass diese Stunde anhält, ist bere­its wieder eine andere Angele­gen­heit und hat vielle­icht weniger mit ’89 zu tun als das vielz­i­tierte Ende der Intellek­tuellen, die zwar die lit­er­arische Pro­duk­tion der siebziger und achtziger Jahre dominiert – und infil­tri­ert – hat­ten, aber keineswegs für die Lit­er­atur in toto ver­ant­wortlich zeich­nen, auch wenn eine gewisse Intellek­tu­al­ität Schreiben­den wie Lesern nur gut tut.

5.

Daran jeden­falls scheint es, wenn ich Sie richtig ver­standen habe, der Pro­duk­tion der let­zten zwanzig Jahre zu fehlen. Zu fehlen scheint ihr vor allem jene spez­i­fisch lit­er­arische Intel­li­genz, die aus dem Lesen kommt und das lange Gedächt­nis des geschriebe­nen Wortes zur Grund­lage hat. Das mag ver­wun­dern, wenn man daran denkt, dass mit dem Durch­schnittsalter der Bevölkerung auch das der promi­nen­ten Autoren kon­tinuier­lich gestiegen ist. Die alten Hasen des Betriebs schla­gen ihre Haken wie eh und je, seit eini­gen Jahren muss sich das Pub­likum mit so uner­freulichen Fra­gen befassen, ob nicht die alten Käm­pen selbst mit dem Odium fataler Lebensläufe und bar­barischer Reflexe behaftet sind. Das Pub­likum ist lust­los involviert, was man ihm gut nach­se­hen kann. Besser sind die Bücher der Greisen­schrift­steller, die im Leben alles abgeräumt haben, jeden­falls nicht, nur die Pro­pa­gan­dam­aschi­nen sind besser auf sie einges­timmt. Wenn es also einen kollek­tiven kul­turellen Ausstieg aus dem Wort geben sollte, so wäre er nicht den nachwach­senden Autoren und ihrem spez­i­fis­chen Pub­likum anzu­las­ten, son­dern der gesamten Pro­duk­tion. Sozi­olo­gen kann das nicht über­raschen, sie glauben zu wis­sen, dass die gesellschaftlichen Para­me­ter stärker zu Buche schla­gen als indi­vidu­elle Dis­po­si­tio­nen und ›gewach­sene‹ Iden­titäten. Wer immer diese Vertreter einer fer­ngerück­ten Zeit heute sein mögen, sie sind nicht die, als die sie ein­mal ihre Kar­ri­eren began­nen und von den Medien empor­ge­tra­gen wur­den. Ihre von der Ver­lagswer­bung und ihren Hand­langern in den Feuil­letons dekretierte Sprach­macht ist kindisch gewor­den, aber kaum jemand ist so tol­lkühn, es auszus­prechen. Kindisch gewor­den ist auch ein Großteil ihrer Gedanken, die einem denk­enden Men­schen nichts mit­teilen, was er nicht bere­its im voraus als abge­tan und abge­s­tanden empfindet.

6.

Dieser Teil unserer Lit­er­atur ist nicht jung und gedächt­nis­los, son­dern über­lebt und gemüt­skalt, von falschen Sor­gen umgetrieben, von einer falschen Sprache getra­gen, von falschem Beifall müh­sam über Wasser gehal­ten. Was den jün­geren angeht, so muss man die gnaden­losen Selek­tion­s­mech­a­nis­men bedenken, die diese Auswahl bes­tim­men, den Pastiche-​Charakter einer Lit­er­atur ins­ge­samt, die ihre Muster importiert statt gener­iert und über die inter­na­tionalen Ver­flech­tun­gen der Ver­lage auch gle­ich vom passenden Per­sonal fer­ti­gen, über­set­zen und vari­ieren lässt. Dieser Markt existiert nicht erst seit gestern, er ist aber ebenso in den Sog der soge­nan­nten Glob­al­isierung ger­aten wie andere Märkte und er ent­behrt seines Wider­lagers, der Intellek­tuellen, die sicht­bar, in aller Öffentlichkeit, Kor­rek­turen am Urteil der Leserin und des Lesers anbrin­gen, dieses her­rlichen Pärchens, das man sich gern mit ver­schränk­ten Glied­maßen nebeneinan­der am Ufer der Isar ruhend oder einen ein­samen Forst in fer­nen Ferien­lan­den durch­schre­i­t­end vorstellen möchte. Lei­der haben diese Intellek­tuellen, solange es sie gab, das heißt, solange sich die Öffentlichkeit von ihnen etwas sagen ließ, dem Idol der Selb­stab­schaf­fung durch Ver­wirk­lichung ihrer Ziele geopfert – ver­ständlich daher, dass eine Gesellschaft, die sich am Ziel angekom­men glaubte, sich ihrer im Hau­ruck­ver­fahren entledigte. So viele falsche Prog­nosen, so viel heuch­lerische Attitüde, so viel Loy­al­ität am falschen Ort woll­ten abges­traft sein – es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Lei­der ist es mit dem Ide­olo­giefrei­heit­spos­tu­lat der neuen Gesellschaft nicht weit her und das Ver­lan­gen, die Welt und nicht bloß den Kon­toauszug aus­gelegt zu bekom­men, regt sich unter der Decke der Anstel­ligkeit und einer täp­pis­chen Skep­sis. Solange jede neue Hatz das Vakuum halb­wegs füllt, das hier geblieben ist, solange eine Öffentlichkeit in Rührung schwimmt, weil auch die Super­re­ichen etwas für das Weltk­lima zu tun ver­sprechen, solange bleibt das gebroch­ene Herz der Mod­erne dort, wohin es ger­aten ist: in der Rumpelka­m­mer. Man hat sie als Pro­jekt missver­standen – ein Fehler mit Folgen.

7.

Kri­tiker sind nicht von Haus aus Intellek­tuelle, Lit­er­aturkri­tiker schon gar nicht. Intellek­tuelle soll­ten Kri­tiker sein, in der Schale der Lit­er­aturkri­tik, in welcher auch immer. Das öffentliche Wächter­amt, das ide­aliter denen zuwächst, die etwas zu sagen haben, ist nicht so disponi­bel, wie die Funk­tion­al­is­ten unter ihnen selb­stkri­tisch ver­fügten. Selb­stkri­tik, die zur Selb­stab­schaf­fung tendiert, erweist sich spätestens dann als fatale Ten­denz, wenn der Kredit aufge­braucht ist und eine neue Gen­er­a­tion sie beim Wort nimmt. Diese Erfahrung macht auch eine Lit­er­atur­wis­senschaft, die sich nach dem Willen der Planer glück­lich schätzen darf, die Aus­bil­dung von Sekundär­tu­gen­den bei Büroangestell­ten tatkräftig und zielführend zu unter­stützen. Schließlich wird sie zum Säure­bad einer Lit­er­atur, die leicht aufliegen will und nichts weiter zu sein gedenkt als eine lange Abbitte für Schillers Das Leben ist der Güter höch­stes nicht – ein ebenso richtiger wie, richtig ver­standen, triv­ialer Gedanke, ohne den Intellek­tu­al­ität nichts ist. Solange man den Autoren zuflüstern möchte: »So lebt doch!«, solange ist nichts ver­loren und nichts gewon­nen, denn es ist nichts geschehen. Immer­hin hätte die Wis­senschaft, auch die von der Lit­er­atur, die Möglichkeit, der Mod­en­schau wenig­stens in Gedanken ihren Platz anzuweisen und, auf der Grund­lage reifer Analy­sen, Urteile zu fällen und Lek­türen auszuweisen, die hin­ter­las­sungs­fähig statt durch­set­zungs­fähig genannt wer­den dürften. Ob wir sie im Inter­net tre­f­fen oder auf dem Sofa – wen scherts?

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