Zweiter Brief an Suit­bert Ober­re­iter

Die Dichter und Denker lässt man jetzt wohl ein wenig warten.
Suit­bert Oberreiter

1.

Beim Wieder­lesen der Schriften Cio­rans, nach­denk­end über das Wun­der, dass es sie gibt, dass es sie in dieser Voll­ständigkeit gibt, dass sie ent­standen sind und man sie gegen ein kleines Ent­gelt kaufen und lesen kann, stellt sich, unver­mutet, diese Empfind­ung ein: was wäre, wenn dieser Autor heute schriebe, wenn er hierzu­lande schriebe, von alle­dem les­bar? Was davon käme jemals an den Tag? (Damit meine ich nicht jene frühe Ver­strick­ung, gegen die, nach Adornos ein­schlägigem Wort, ein Lebenswerk ein­steht.) Schon die lausige Über­set­zung weckt Arg­wohn, doch sie entstammt einer anderen Zeit, einer anderen Ges­timmtheit, man sollte sie ruhen lassen. Stattdessen sollte man das lit­er­arische Ver­fahren ins Auge fassen, die Art, wie der Autor sich freis­tellt, die Art von The­sen, mit denen er sich herum­schlägt, über­haupt die Weisen, auf die er sich herum­schlägt, das leicht Nachzu­machende und das Unnachahm­liche daran, die Unart, wörtlich und sogar per­sön­lich zu nehmen, was für die Azu­bis des akademis­chen Sys­tems nur kul­turelles Gewäsch darstellt: Worte, Worte, nichts als Worte, nicht wahr? Eine kleine Schreib-​Enthemmung, nicht wahr, ein Sich-​Gehenlassen in Worten, ver­mut­lich der tran­skul­turellen Sit­u­a­tion geschuldet, man müsste über Sozial­i­sa­tio­nen nach­denken, falls man dazu aufge­fordert würde, anson­sten… besser schweigen. Ein­mal nach­den­klich gewor­den, kön­nte man andere Namen auf­führen, ganz andere, ich bleibe bei diesem, in dessen Woh­nung ich ein­mal ein– und aus­ging, und bin mir ganz sicher, dass ihn diese Mauer aus Schweigen umstünde, aus Ver­legen­heit, wenn man so will, einer Ver­legen­heit, die rasch weg will, die bere­its auf die Uhr schielt, die ihre Ter­mine hat. Die kanon­is­chen Texte unserer Kul­tur wären, wür­den sie heute geschrieben, nicht vorhan­den. Die sie zu Gesicht bekä­men, wür­den ungerührt darüber hin­wegse­hen, und die anderen wür­den ohne­hin nichts mit­bekom­men. Das ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, und jeder, den es angeht, ist darüber verständigt.

2.

Es gibt für diese Sit­u­a­tion ein Bild, Sie ken­nen es, es ist das Floß der Medusa und stammt von Géri­cault, der es 1819 beim Pariser Salon ein­re­ichte, ein Bild der Trost­losigkeit und der Hoff­nung am Hor­i­zont für ein paar Über­lebende, während der Betra­chter, der immer klüger ist, hin­ter ihren Rücken die zer­störerische Woge her­an­na­hen sieht. Die Fre­gatte Medusa, 1816 auf Grund gelaufen, war unter­wegs nach dem Sene­gal, ein Sand­korn inner­halb jenes Sturms, der damals Koloni­sa­tion und heute Glob­al­isierung heißt, der damals von Europa aus­ging und heute Europa ins Gesicht bläst – ein zerk­lüftetes und gle­ichzeitig weit­ge­hend glatt geschmirgeltes Gesicht, das an nichts und nie­man­den erin­nert außer, in seinen besten Momenten, an etwas, das nicht existiert. Was Géri­cault diskret ver­schweigt, ist der Kan­ni­bal­is­mus an Bord des Floßes, das die für eine Ret­tung nicht vorge­se­henen Schiff­brüchi­gen aufnehmen musste. Das alles hat, als Bild der Zivil­i­sa­tion und der unver­mei­dlichen con­di­tion humaine, unsere Dichter und Musiker tief bewegt und beschäftigt, vor allem let­zteres, man kann den Kap­i­tal­is­mus, den Neolib­er­al­is­mus, das Schick­sal heutiger Kon­ti­nente und morgiger Wel­ten hinein­packen und Europa sollte sich dabei nicht bekla­gen, nicht wirk­lich bekla­gen. Nicht dass es auf der sicheren Seite säße, aber es hat gel­ernt, sich seinen Teil der Vor­räte zu sich­ern und wüsste sich seiner Haut zu wehren – vielle­icht, vielle­icht auch nicht. Selt­sam, dass einen das Schick­sal der Welt so kalt lässt, sobald man das Bild betra­chtet. Es ist ein Anspruch hineingeschrieben, den die Bewohner des Floßes vielle­icht am Anfang noch besaßen, den sie aber Stück für Stück aufzugeben genötigt waren.

3.

Dieser Anspruch, es möge der Dampfer am Hor­i­zont auf­tauchen, der die Lage bere­inigt und für sichere Ver­hält­nisse sorgt, unter denen das Leben weiter seinen Gang gehen kann, heißt für den Einzel­nen, es gebe ein, vielle­icht nur beschei­denes, Über­leben in der Kul­tur, wenn schon in keinem Jen­seits, in das die Per­son sich unter Zurück­las­sung jeglicher Ration ein­schif­fen kön­nte. Der Kan­ni­bal­is­mus tötet diesen Anspruch, er ist das fin­stere Geheim­nis, das die Hoff­nung mit einem Schlag zum Ein­sturz bringt, weil es keine offene Zukunft mehr gibt. Diese per­vers gewor­de­nen Gebilde­ten, die um ihres Fortkom­mens willen den Über­leben­skon­trakt zer­reißen, sind nicht ohne Hoff­nung, aber sie hat sich wun­der­sam ver­wan­delt, sie hat sich wun­der­sam ver­mehrt, die Fleis­chvor­räte sind ins schier Uner­messliche gestiegen, die Hoff­nung, auf Kosten seiner Mit­men­schen weit­erzukom­men, ist alles in allem nicht schlecht, voraus­ge­setzt, man hütet sich und legt das Messer nicht weg. Der Dampfer am Hor­i­zont? Ein Phan­tasma, aber ein bedrohliches, denn in ihm rech­net die Ver­gan­gen­heit mit der Gegen­wart ab. Wer begrif­fen hat, für den läuft das Leben wie geschmiert, wir wer­den die überkip­pen­den Wellen schon meis­tern. Die ganze öffentliche Rhetorik hat sich dieser Sicht ver­schrieben, die pri­vate läuft ihr, wie immer, teils voraus, teils hin­ter­her, das kann nie­man­den wun­dern. Ein Tal­ent? Her damit, fördern wir es zugrunde, wer wird da pin­gelig sein. Es soll ja diese Leute geben, die sich selbst zur Strecke brin­gen, die inner­lich schon ganz wund sind vom Nach­denken, das wäre dann leichte Beute. Auf geht’s. Das Los ziehen, aufteilen, bei den Messern sitzen, davon will keiner, der es ver­steht, je wieder lassen. Es gibt kein Danach.

4.

Der kleine Schritt von der Begabung zum Tal­ent, lieber Herr Ober­re­iter, hat die Lit­er­atur – wir reden hier nur von ihr, von nichts anderem, bewahre – Kopf und Kra­gen gekostet, und solange lauter Tal­en­tierte in der Gegend herum­laufen und Verträge abschließen, vor denen Groß­mut­ter stets gewarnt hat, wird man dort, wo sie hinge­hören, nichts finden. Wer ein­mal ein paar von ihnen aus der Nähe beobachten durfte, der weiß, warum das Tal­ent­sein das Begabt­sein so unendlich aussticht. Es findet sich zurecht, es findet sich immer zurecht, es findet auch nichts Beson­deres daran und wun­dert sich nur, dass diese sehr schwieri­gen Dinge, von denen es reden hört, sich in der Praxis so leicht anlassen. Das muss wohl daran liegen, dass es selbst etwas sehr sehr Kost­bares ist. Es tut also recht daran, sich auf Kosten anderer zu mästen. Wer gel­ten lässt, sagt Cio­ran, gibt einen tief­sitzen­den Defekt zu erken­nen, es wirkt beun­ruhi­gend, ihn in seiner Nähe zu wis­sen, besser wäre es, ihn rechtzeitig zu schlachten, bevor er von selbst ver­fault. Wer den Mit­men­schen gel­ten lässt, der lässt am Ende auch die falsche Frage gel­ten, die Frage, vor der inner­lich alle ein wenig erble­ichen. Bleiben Sie ruhig, ich meine nicht die ewige Frage des Gekreuzigten, die sie als Freib­rief wohlver­wahrt im Gepäck mit sich führen, ich meine auch nicht das kindliche Warum, das sich im Englis­chen so vortr­e­f­flich aufs Flen­nen reimt, dass diese Tat­sache allein die Dom­i­nanz dieser Sprache world­wide rech­fer­tigte. Gestellt hat sie ein­mal ein Kom­mili­tone von mir, zu einer Zeit, die so weit zurück­liegt, dass eine eventuell darin zum Vorschein gekommene Belei­di­gung mit großer Wahrschein­lichkeit keinen Leben­den mehr träfe: »Wenn all diese Idioten« – er unter­strich das Wort durch eine unbes­timmt wedel­nde Gebärde – »mit einem Schlag nicht mehr wären, was würde dann aus dem Feuil­leton?« Wir Heuti­gen ken­nen die Antwort: Es wäre ihm gle­ich, nein, es ist ihm gle­ich, aber es schert sich nicht drum. Schließlich hat es den Film. Und auch der ist – was geht, geht – egal.

5.

Man kann sich natür­lich fra­gen, ob Export­na­tio­nen, die ihren ökonomis­chen Sta­tus und ihren men­talen Zusam­men­halt in Zif­fern des inter­na­tionalen Ware­naus­tauschs auszu­drücken gel­ernt haben, für die Pro­duk­tion kul­tureller Güter über­haupt gün­stige Stan­dortbe­din­gun­gen bieten. Die man da warten lässt, wer­den es vielle­icht gar nicht merken außer den­jeni­gen, die vielle­icht schon ein wenig länger warten. Mit dem Warten ist es auch nicht getan. Solche Prozesse, Sie wis­sen es, lassen sich nur sehr schwer umkehren und kurzfristig ist da in der Regel nichts zu machen. Kul­tur hat viel mit Selb­stschätzung zu tun, mit der Bere­itschaft, Regun­gen ernst zu nehmen, die sich im inter­na­tionalen Verkehr leicht ver­laufen oder groteske For­men annehmen, das heißt, erst in zweiter oder drit­ter Linie an Maßstäben des inter­na­tionalen Erfolgs, über­haupt des Erfolgs, gemessen wer­den möchten. Erfolg ist in kul­turellen Din­gen eine ver­gröbernde Kat­e­gorie, vom Erfol­gszwang, unter den sich jemand stellt, nicht zu reden. In diesen Din­gen ist Erfolg etwas, das hinzutritt, das nicht erzwun­gen wer­den kann und nicht erzwun­gen, ja nicht ein­mal gewollt wer­den darf und oft genug den Bedin­gun­gen Hohn spricht, unter denen etwas entsteht. Den­noch lieben die Men­schen den Erfolg, sie lieben ihn so, dass sie sich von einem bes­timmten Zeit­punkt ihres Lebens an uner­bit­tlich in sich selbst ver­hed­dern, falls er aus­bleibt, und entweder das Leben selbst oder das, um dessen willen sie ange­treten sind, irrepara­blen Schaden nimmt. Von diesen Schä­den müsste man reden, wollte man von den Gen­er­a­tio­nen reden, die heute, ginge es nach der Poli­tik und dem Feuil­leton, die ›Welt­gel­tung der Kul­tur dieses Lan­des sich­ern‹ sollen, um den Auf­trags­büch­ern ihrer Geld– und Pres­tigege­ber gerecht zu wer­den. Man müsste, wenn man wollte… Will man es wirklich?

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