1.

Am Ende des zwanzig­sten Jahrhun­derts rang­iert Jorge Luis Borges (18991986) neben Goethe, Joyce, Kafka als ein Stern erster Ord­nung, der die Ham­suns und Beck­etts seiner Zeit hin­ter sich gelassen hat. Die Frage, warum das so ist, erhellt einen denkwürdi­gen Sachver­halt. Borges’ Erzäh­lun­gen – die Gedichte sind otra cosa – benöti­gen keine lit­er­arische Szene, um ihre Wirkung zu ent­fal­ten. Ihnen genü­gen die Exis­tenz von Lit­er­atursem­inaren und das ABC des hermeneutisch geregel­ten Lesens, das dort gelehrt wird, Bedin­gun­gen also, die sich über­all auf dem Erd­ball auf bürokratis­chem Wege her­stellen lassen und allerorts längst vorhan­den sind. Die Borges-​Konjunktur prof­i­tiert von der Voraus­set­zungsar­mut einer Insti­tu­tion, die sich mancher­lei Geis­ter dien­st­bar gemacht hat. Nichts erscheint dauerhafter.

Warum er und nicht ein anderer – irgen­dein anderer? Anhalt­spunkte sind rasch aufgezählt: der biographis­che Kitzel, der von der Gestalt des langjähri­gen blinden Direk­tors der Nation­al­bib­lio­thek in Buenos Aires aus­geht, der leg­endäre Ruhm seiner frühen Jahre, der sich mit dem his­panoamerikanis­chen Auf­bruch in der Lit­er­atur verbindet, nicht zu vergessen die unver­wech­sel­bare Machart der Texte und ihre beruhi­gende Kürze. Daneben finden sich Gründe, die dem Betrieb schme­icheln. Dieser Schrift­steller ist ein Ana­choret des Bib­lio­thek­swe­sens und der lit­er­arischen Recherche. Nie­mand hat so nach­drück­lich auf seine und anderer Leute Lese­früchte gesetzt wie er, nie­mand so selb­stver­ständlich die ver­schiede­nen For­men der Lek­türe schreibend aufge­grif­fen, mit ihnen seinen Scherz getrieben, sie ins Märchen­hafte entrückt und durch mancher­lei meta­ph­ysis­che Para­dox­ien und mys­tis­che Fig­uren, mit rascher oder stock­ender Hand­be­we­gung präsen­tiert und wieder zer­streut, über die wis­senschaftlich erlaubte Rede hin­aus­ge­hoben. Die Grandezza des alten Mannes ver­schränkt sich auf wun­der­same Weise mit der Mor­bidezza eines paus­bäckig betriebe­nen akademis­chen Dekonstruktivismus.

Es gibt viel Abwehr in der Bewun­derung, die diesem Autor zus­trömt. Borges who? Eine verzeih­liche, eine irgend­wann unver­mei­dliche Frage. Eine überdies, auf die es keine Antwort geben dürfte. Niet­zsches Kunst der Ober­fläche, hier ist sie weit über jeden Augen­schein gediehen. Natür­lich weiß das Borges auch. Der Schüler, den Paracel­sus zurück­weist, tut gut daran, zu gehen; Paracel­sus, der hin­ter seinem Rücken die Rose aus der Asche zurück­gewinnt, ist einer, der es nicht lassen kann. Ihm reicht ein Schuß Unsicher­heit, eine kleine Schwäche des Intellekts, um den Hokus­pokus in Gang zu set­zen. Was der andere erleben darf, ist die ver­bale Vor­bere­itung des Unerk­lär­lichen: ein wenig umständlich, ein wenig altertüm­lich, ein wenig unver­ständlich, aber aus Büch­ern ver­traut, auf denen der Staub der Jahrhun­derte und der Bann aufgek­lärter Rechthaberei liegen. Nie­mand soll den Meis­ter fes­tle­gen. Besser, als Schar­la­tan zu gel­ten denn als Magier zur falschen Zeit.

2.

Ver­sucht man, den Punkt zu bes­tim­men, an dem die in diesem Band ver­sam­melten Erzäh­lun­gen Die Rose des Paracel­sus und Blaue Tiger zusam­men­tr­e­f­fen, so stößt man rasch auf das Wech­sel­spiel zwis­chen einer Suche und einer Ent­deck­ung. Der Leben­straum der Nach­folge, der den Schüler in die Studier­stube des Paracel­sus ger­aten läßt, und die Fah­n­dung nach dem blauen Tiger, die den Logikpro­fes­sor in die indis­che Prov­inz ent­führt, enden mit einer vorherse­hbaren Ent­täuschung und einem über­raschen­den Fund. Was immer sie suchten, es wird ihnen ver­weigert. Der gesunde Men­schen­ver­stand ist gehal­ten, ihnen zu sagen, daß Gaukel­bilder sie gefoppt haben. Den­noch gewin­nen sie: der Schüler seinen Ver­stand, der Pro­fes­sor eine Wirk­lichkeit, die über jeden Ver­stand geht. Beide erfahren die Trost­losigkeit des Wun­ders in prak­tis­cher wie in meta­ph­ysis­cher Hin­sicht. Was den Schüler zurechtrückt, ver­stört den Lehrer.

Beide Erzäh­lun­gen leben in Erwartung der abschließen­den Geste. Daß nichts weiter geschehen wird, liegt früh auf der Hand. Ein Häufchen Asche, eine Hand­voll Scheiben – die Frage ist, wie sich einer aus der Affäre zieht, dem das Mys­terium des All-​Einen auf der Seele lastet. Der Schüler hat seine Zeit noch vor sich. Der Auf­schub, um den er bit­tet, ist für einen wie Paracel­sus tödlich. Denn dieser hat keine Zeit. Allein mit sich selbst, das heißt, dem Leser, muß er umstand­s­los das Wun­der voll­brin­gen, das die Dazwis­chenkunft des Schülers her­aus­ge­fordert und unmöglich gemacht hat. Die wieder­er­standene Rose des Paracel­sus ist das Signet seiner papiere­nen Exis­tenz. Der Pro­fes­sor hinge­gen hat Zeit; nur nicht genug. Die Zeit drängt, sie mün­det in eine Bedräng­nis, die sogar die Frist des Vergessens im voraus bemißt. Dem wach­senden Elend begeg­net der blinde Bet­tler, der das Prob­lem entsorgt. Die Hand, die dem Meeres­grund gle­icht, nimmt als Almosen an, was anders schwer zu beseit­i­gen und noch schw­erer zu tra­gen wäre – den fabel­haften Rand der Dinge.

Der Schrift­steller als gefoppter Magier, der weiß, daß seine Kün­ste gegen die Macht der Inter­pre­ta­tion nicht ankom­men, als blinder Bet­tler, der im Mor­gen­dunst zergeht, nach­dem er das Elend der Ratio als Gabe in Emp­fang genom­men und also zu dem seinen gemacht hat – das sind Bilder, die unsere Aufmerk­samkeit nicht über­mäßig erre­gen, weil die Infor­ma­tion, die sie enthal­ten, wei­thin die Gehirne in Beschlag nimmt. Zweck­los ist es deswe­gen nicht, sie hin und wieder mit Aufmerk­samkeit zu bedenken. Auch was Gemein­platz ist, mußte ein­mal erobert wer­den. Das zweifel­hafte Glück des einzel­nen, mit seinen Fund­stücken in das Tages­geschäft der Weltausle­gung einge­gan­gen und also untergegan­gen zu sein, hält dem Unglück die Waage, jene Wege wirk­lich gegan­gen zu sein und dabei Rän­der gestreift zu haben, von denen die Nachk­om­menden nichts wis­sen. Das Unglück ist ein Zwit­ter, zusam­menge­setzt aus dem, was sich unter keinen Umstän­den löst, und dem, was die Ver­hält­nisse mit sich fort­nehmen. Zum Glück nehmen sie nicht alles – und nicht auf ein­mal –, was in den Schriften zu holen ist. Die Geduld des Lesers besteht darin, zu warten, bis sich neue Deu­tun­gen einstellen.

Borges ist einer, auf den zu warten sich gehört.

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