1.

Keine Kunst ohne Wirkung. Was immer die Kunst ohne Wirkung wäre – vielle­icht etwas sehr Respek­ta­bles oder sogar Kost­bares –, sie wäre jeden­falls nicht mehr Kunst, das heißt, sicht­bar gemachtes Kön­nen, das auf den Betra­chter ansteck­end wirkt: so ein Kön­ner möchte ich auch sein, ein Kön­nen­der, ein Kön­nen­wol­len­der, ein Ver­mö­gen­der, jeden­falls keiner, der angesichts einer solchen Leis­tung nicht in Betra­cht kommt. Angesichts des Wortes ›Leis­tung‹ zuckt schon der eine oder andere zusam­men. Muss denn ein solcher Aufwand sein, um in Betra­cht zu kom­men? Welche Welt­sicht ver­mit­telt die Kunst, wenn der Einzelne nur gilt, wenn er Aufwand treibt?

Ich betra­chte die Bilder meines Fre­un­des Wal­ter Rüth, ich betra­chte sie nicht zum ersten Mal, und es ist mir, erneut nicht zum ersten Mal, als stecke dahin­ter ein Plan. Welcher Plan? Sie wirken, als wären sie ansteck­end, als müsste man jeden Gegen­stand so aus seiner Umge­bung her­aus­reißen oder doch her­aus­reißen kön­nen, um ihn in dieser Inten­sität, die man ihm nie zuge­traut hätte, erstrahlen (oder, denn Rüth ist ein Meis­ter der Ver­hal­tenheit: erglim­men) zu lassen. Nichts anderes meint schließlich die Beze­ich­nung »grab_​art«, geschrieben mit einem Unter­strich zwis­chen den bei­den Teil­wörtern, denn damit mag alles gemeint sein, nur nicht die Kunst der Grabbeigabe. Diskret deutet der Unter­strich auf die dig­i­tale Sphäre, der die Ban­nungskün­ste dieses Kün­stlers sich mehr und mehr zugeneigt haben, jeden­falls, wenn man aufs Tech­nis­che sieht.

Auf den Betra­chter wirken diese Bilder hochgr­a­dig ansteck­end. Ihm ist, als müsse er sich vor etwas an, nein, in ihnen hüten. Allerd­ings fühlt er sich mit dieser Auf­gabe nicht allein gelassen. Wie beim mikroskopis­chen Blick auf eine Zel­lkul­tur im Labor, wie bei den Bildern, die das Wel­traumte­leskop von kos­mis­chen Ereignis­sen ver­mit­telt, nimmt er auch hier die tech­nis­che Dis­tanz als etwas Beruhi­gen­des wahr: so real dies alles erscheint, so irreal erscheint es auch, und so irreal die davon aus­ge­hende Bedro­hung erscheint, so real erscheint die ban­nende, sprich: isolierende Kraft des Mediums.

2.

Wie das? Ist hier nicht alles schön, fast idyl­lisch anzuschauen? Ist die Idylle, also das traumhaft Selb­st­bes­timmte, nicht das Elix­ier dieser Bilder? Ander­er­seits: wenn die Gegen­stände selbst hier ihren Auftritt haben, genauer, das Gegen­ständliche der Gegen­stände, das sich selbst Über­lassene oder Über­ant­wortete an ihnen, warum fällt es dann so schwer, sie zu iden­ti­fizieren? Und wenn schon in eini­gen Serien das Iden­ti­fizieren müh­e­los gelingt, warum säen ger­ade sie dann wieder diesen merk­würdi­gen Zweifel, aus welchem Stoff dies alles beste­hen mag? In der Kunst ist, wie alle zu wis­sen glauben, das Gegen­ständliche gle­ichbe­deu­tend mit dem Stof­flichen, mit dem, was man anfassen, was man berühren zu kön­nen glaubt, wobei diese Illu­sion sich im Näherkom­men oder im Moment der Berührung ver­flüchtigt. Die Gegen­stände auf diesen Bildern hinge­gen sehen nir­gends aus, als könne man sie berühren. Zwis­chen ihnen und uns bre­itet sich unwider­stehlich das Medium aus, durch das hin­durch den Betra­chter eine gegen­ständliche Anmu­tung streift. Sie erscheinen ihm als nicht wirk­lich, er weiß zwar irgendwo im Hin­terkopf, dass es sie gibt, dass es im Focus der unver­mei­dlichen Kam­era dieses Etwas gab, aber so, wie sie sich dem Menschen-​Auge jetzt dar­bi­eten, bieten sie keinen Wider­stand, geben sie sich ganz und gar auf­bere­itet, ohne indes durch den Prozess der Auf­bere­itung gän­zlich zum Ver­schwinden gebracht wor­den zu sein.

Wenn hier Ansteck­ung herrscht, dann ist der Gegen­stand ihr erstes Opfer.

3.

An der Serie 13 x 13 ist das Ver­fahren mustergültig zu beobachten. Hier blieb vom Objekt kaum mehr als die materielle Anmu­tung zurück, das Met­allis­che, Fed­ernde, Biegsame, das man ebenso für etwas Pflan­zliches oder auch rein Graphis­ches hal­ten kön­nte, falls man es nicht vorzieht, in all diesen Fig­uren eine bloße Alle­gorie der Bewe­gung zu finden, das Tänz­erische, wie es den Men­schen aus den Natur­din­gen ent­ge­gen­tritt, die sich nicht unter das Joch einer ihnen von außen aufer­legten Funk­tion beugen.

Rüths Bilder strahlen, gle­ichgültig, was man sonst über sie aus­sagen kann, Ele­ganz aus – Ele­ganz und Per­fek­tion. Das liegt nicht zuletzt am Kon­trast zwis­chen den meist weiß gehal­te­nen, abstrak­ten Bild­flächen, in welche die Objekte gesetzt sind, und den Objek­ten selbst, die dadurch etwas Klin­is­ches, um nicht zu sagen Asep­tis­ches bekom­men. Solche Flächen darf man nicht mit tra­di­tionellen Hin­ter­grün­den ver­wech­seln. Die Bild­fläche ver­mit­telt Tiefe, aber sie selbst besitzt keine. In einem gewis­sen Sinn ist sie gar nicht vorhan­den. Sie ist der sicht­bar gewor­dene Zeige-​Akt. Aber das ist nicht alles. Sie ist so etwas wie der Tanz­bo­den der Dinge. Es fällt auf, wie leicht die Motive dieser Kunst ins Sphärische hinüber­gleiten. Damit geben sie dem Ver­ste­hen eine Rich­tung vor.

Wenn für die erschließende Intel­li­genz die Welt oder das »Weltall« etwas Dynamisch-​Stoffliches ist, dann besteht die Reflex­ion darauf, dass es eine Folie gibt, auf der das Uni­ver­sum ›in Erschei­n­ung tritt‹. Tra­di­tionell nennt man diese Folie das Nichts. Aber das ist auch nur ein Wort, geben wir ihr ein anderes. In der physikalis­chen Vorstel­lung einer irre­duz­i­blen Viel­heit der Wel­ten taucht die Idee einer nicht-​existenten Ein­heit auf, die über­all dort, wo Wel­ten existieren, mit von der Par­tie ist, etwa so, wie die Math­e­matik bei jeder math­e­ma­tis­chen Oper­a­tion eben­falls mit von der Par­tie ist. Mit der abstrak­ten Bild­fläche oder dem im Bild sicht­bar gewor­de­nen Zeige-​Akt mis­cht sich etwas in die Wahrnehmung ein, das der gewöhn­lichen, objek­t­ge­bun­de­nen Beach­tung ent­geht, aber ebenso dem auf Kunst, auf Ais­the­sis, also sinnliche Auf­fas­sung gerichteten Blick. Es ist nichts, aber es meint nicht nichts. Flap­sig ließe sich sagen, es meint über­haupt nichts, es schei­det nicht nach Mein und Dein, nach Gemeint und nicht Gemeint. Es ist nur in allem Gemein­ten inbe­grif­fen. So ließe sich das vielle­icht aus­drücken. Es ist inbe­grif­fen, aber es drängt nicht ins Bild.

4.

Die Welt ist ansteck­end: ja vielle­icht. Uns, die wir uns in ihr bewe­gen, ist das nicht so bewusst, jeden­falls nicht in jedem Augen­blick. Und das ist vielle­icht gut so. Aber ihr Druck, ihr Sog, das Ziehen und Mit­ge­zo­gen­wer­den ist immer spür­bar, es ist immer gegen­wär­tig und es bedarf nur einer kleinen Wahrnehmungsko­r­rek­tur, um im Gegenwär­ti­gen das Widerwär­tige zu – streifen, nicht zu erhal­ten, da es seine eige­nen, immer auch gegen­wär­ti­gen Regio­nen besitzt. Gäbe es einen Plan des Kün­stlers – ich kehre zum Aus­gangsver­dacht zurück –, dann kön­nte er darin beste­hen, sich dem Gegen­wär­ti­gen soweit zu näh­ern, dass es von sich aus ein wenig zurück­we­icht und damit ver­suchs– und näherungsweise Platz macht für die Möglichkeit anderer Gegen­warten, also für das, was in aller Gegen­wart mit­be­grif­fen sein sollte.

Dann wäre die fortschre­i­t­ende Abstrak­tion, die allmäh­liche, aber nicht kon­tinuier­liche Ent­fer­nung von den benennbaren Din­gen, die sich an den Serien hier im Raum dur­chaus kon­sta­tieren ließe, nur kon­se­quent. Die Kunst ist, wie die Gegen­stände, dem Raum ver­haftet. Sie ist selbst Gegen­stand unter Gegen­stän­den. Die Enträum­lichung findet nur in der Vorstel­lung statt. Man muss also die Gefahr der Ansteck­ung sicht­bar machen, nicht das ansteck­ende Objekt. Aber es gibt eine Grenze. Erst wer bere­its infiziert ist, ermisst die wahre Dimen­sion der Gefahr. Und er ist an nichts so bren­nend inter­essiert wie am Objekt.

Walter Rüth zeigt grab_art. Ausstellung Düsseldorf (Ballhaus im  Nordpark, 20. bis 28. Mai 2012). 
Vier Projekte: Hylegramme, Helden der Arbeit, Simply Cuts, 13 x 13

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