Wo das Lebensgefühl des Einzelnen wie des Kollektivs schwer greifbar bleibt, da verfügt die Literatur über Möglichkeiten, das scheinbar Unaussprechliche, das darin besteht, dass es noch nichts bedeutet, in Redeformen zu fassen, die unverantwortlich scheinen – und in der Vielzahl von Fällen wohl auch wirklich sind –, aber durch Drastik, Witz, Hohn und Verunglimpfung hindurch Sachverhalte zur Sprache bringen, die zu komplex oder zu einfach oder auch beides sind, um im geregelten Gedankenaustausch behandelt zu werden. Eher ›sieht‹ man sich ›vor Gericht wieder‹ – ein Mittel, das im öffentlichen Raum bekanntlich nicht so selten in Anspruch genommen wird, wie empfindsame liberale Gemüter es sich wünschen würden. Ein Wort wie ›Diskriminierung‹, das eine Vielzahl möglicher Sachverhalte deckt, kann zur Definition eines Straftatbestandes deshalb herangezogen werden, weil es das Interesse des Staates am ruhigen Mit– und Nebeneinander der Bevölkerungsgruppen und –teile unmittelbar zum Ausdruck bringt: Unruhestifter ist, wer dort unterscheidet, wo aus übergeordneten Gründen nicht unterschieden werden soll. Über eine halbwegs gesicherte Heimstatt verfügt die Sprache der Verletzung und Verunglimpfung einzig an den Polen öffentlicher Kommunikation, im abgeschirmten Raum des vom Bevölkerungsgros ignorierten Theaters und im mediengestützten Gebrüll der Arenen – urbanen Institutionen, in denen es auch im Zeichen des Kommerzes gelingt, »politische Räume frei zu halten und zu fördern« (Giorgio Agamben). Legt sich der Mehltau einer undurchdringlichen Korrektheit auf die öffentlichen Debatten, in denen die Zukunft der Menschen und Kollektive weitgehend aufs individuelle Ein– und Auskommen zusammenschnurrt, so ergötzt sich am oberen und am unteren Ende der kulturellen Skala ein ausgewähltes Publikum an unverhofften Durchblicken. In dieser Welt geben kinderlose Zicken, faselnde Greise, pöbelnde Jugendliche, ›Ego Shooter‹-Geschädigte und ausgetrickste oder identitätsstarke Zugewanderte, an deren Aura keine dreifache Einbürgerung etwas ändert, einen befremdlichen Ton vor, der als Ton einer Wirklichkeit verstanden wird, die halb da und halb im Kommen ist. Lächerlichste aller Figuren: der Reformer, der verachtete ›Gutmensch‹, der vom Bürger im Menschen schwadroniert und seine Abzockereien mit dem Projekt Moderne rechtfertigt. Zu seinen Visionen will man so wenig zurück wie zum rheinischen Kapitalismus: es wäre ›zu einfach‹. Es wäre das zweifach Durchgestrichene, die doppelte Negation.

Ein Klima: nicht mehr, nicht weniger. In ihm erscheint die ›Bevölkerungsfrage‹ wie eine Fata Morgana oder ein Feuerwerk am nächtlichen Himmel, dem sich die kulturell erregbaren Bevölkerungsteile, das Sektglas in der Hand, mit einem ›Ah‹ zuwenden, um es gleich wieder zu vergessen, während Wissenschaft auf Projektstellen setzt und die Stillen im Lande ihre Barschaft zählen oder auf Ausreise sinnen. Man ›hat‹ jetzt die Bevölkerungsfrage, das ist bekannt, es gibt Kassandren, es gibt Leugner, auch das ist bekannt, man hatte solche ›Fragen‹ schon früher, sie wird sich entweder von allein beantworten oder gar nicht. Es wird schon nicht so schwer sein, das Karussell der Geburten wieder in Gang zu bringen, ohne die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte aufs Spiel zu setzen, widmen wir uns den Errungenschaften! Es gibt aber keine Errungenschaften, die nicht angesichts ihres historischen Telos zu Makulatur würden. Es gibt nur den langsamen, leidenschaftslosen, Umstände machenden und keine Umwege scheuenden Weg der Analyse dessen, was geschehen ist, um mit ihrer Hilfe die mehr oder weniger vage, mehr oder weniger fassbare Dimension zu bestimmen, in der sich das, was in naher Zukunft in diesem und anderen Ländern auf der Tagesordnung steht, bewegen oder, wie manche in gewollter Einfalt sagen, ›abspielen‹ wird. Absurd wäre es, wenn der für die Akteure so unerwartete Einsturz des sowjetischen Systems und seine Folgen für das überlebende Weltsystem einem Fatalismus die Türen geöffnet hätten, der Kontinuität für eine Frage ökonomischen Wachstums hält und Identität für eine der Blumen des Bösen. Dass Kontinuität und Identität zusammengehören und in einer fundierten Theorie der Welt, in der wir leben (werden), angemessen artikuliert werden sollten, wäre selbst dann wahr, wenn es sich nur um einen soziologischen Gemeinplatz handelte. Die geläufige Rede vom kulturellen Gedächtnis, eine der wenigen neueren Erfindungen der Geisteswissenschaften, die von der Politik dankbar aufgegriffen wurde, um die öffentlichen Plätze und Terminkalender zu möblieren, bezieht sich aber auf mehr: die ästhetische, ethische und soziale Adressierbarkeit eines Menschen ist darin ebenso mitgedacht wie sein Herkommen und spezifischer Lebensernst, seine in kollektiven Wahrnehmungs-​, Denk– und Glaubensformen präfabrizierte ›Weise zu sein‹. Auf mehr bezieht sich auch die lebendige Sorge um das ›Gemeinwesen‹, die das mündige und politikbereite Individuum jenseits der hedonistischen Ausprägung des Unglaubens an das Bestehende voraussetzt. Auf mehr bezieht sich schließlich ein Theorietypus, dem es weniger um die Applikation von System– und Alteritätsbegriffen als um die Erforschung dessen geht, was unter Bezeichnungen wie ›Veränderung‹, ›Wandel‹, ›Alteration‹ in unterschiedlichen Theoriemilieus unterschiedlich gefasst und noch unterschiedlicher interpretiert wird, obwohl es zweifellos im ›Bewusstsein‹ der Menschen zusammenkommt und die spezifischen Parameter bereitstellt, unter denen sie ihre Wirklichkeit und Wirklichkeit im allgemeinen thematisieren.