Dass über­haupt sich ein Miss­be­ha­gen bre­it­machen kon­nte, das nicht ohne Rück­stände vom Tages­geschäft absorbiert wird, hat sicher auch mit den ›neuen Real­itäten‹ zu tun, die in der öffentlichen Wahrnehmung seit den Ereignis­sen des 11. Sep­tem­ber 2001 einen so bre­iten Raum beanspruchen. Nicht aus­geschlossen wer­den darf, dass der vorherge­sagte und ehe­dem eher belächelte ›clash of civ­i­liza­tions‹ durch den Gang der Dinge in die Posi­tion einer unwider­stehlichen Inter­pre­ta­tion gerückt ist, der man an ser­iösen Orten eifrig wider­spricht, während sie in praxi die eher reflexar­tig vorgenomme­nen Ein­schätzun­gen von Per­so­nen regiert, die gel­ernt haben, das eine zu sagen und das andere zu denken. Das wäre zwar nicht der Fall einer sich selbst erfül­len­den Prophezeiung, wohl aber einer ges­pal­te­nen, von Hoff­nun­gen und Sor­gen auseinan­der divi­dierten Wirk­lichkeits­beschrei­bung, in der das Gefühl der Befrem­dung, der Fremd­heit dessen, ›was wirk­lich vorgeht‹, die ver­trauten Para­me­ter über­wiegt. Eine ähn­liche Wirkung kön­nte von den let­zten Büch­ern der Jour­nal­istin Ori­ana Fal­laci aus­ge­hen, der ein ital­ienis­ches Gericht, das ahnungs­los zu nen­nen ver­mut­lich den Kern der Sache ver­fehlt, Gele­gen­heit gegeben hat, sich als »Ket­zerin« im Spek­trum der öffentlichen Mei­n­ung Europas ein Mil­lio­nen­pub­likum zu ertrotzen. Fal­lacis tremolierende War­nung vor der schle­ichen­den »Land­nahme« durch islamisch geprägte Bevölkerung­steile macht es europäis­chen Kri­tik­ern durch eine enthemmte Sprache und hanebüch­ene his­torische Kon­struk­tio­nen leicht, den Dau­men zu senken. Anzunehmen, dass deshalb unge­hört ver­hallt, was eine nicht durch rechte Gesin­nun­gen auf­fäl­lig gewor­dene ehe­ma­lige Iden­ti­fika­tions­figur der Frauen­be­we­gung hier her­auss­chreit, zeugt von beträchtlicher Igno­ranz oder aktiver Bewusstseinsverdopplung.

Das Schreien der Fal­laci, selbst ambiva­lent, durch­bricht die Ambivalen­zen der Kul­tur, es erzeugt das weghörende Zuhören von Leuten, die in Zukunft darauf beste­hen wer­den, ›nichts gewusst zu haben‹. Nicht der Westen hat – so der Kern ihrer Rede –, in puncto Nachkom­men ein Prob­lem, son­dern die Masse der Ein­wan­derer, deren Fortpflanzungsrate sich von der west­lichen sig­nifikant unter­schei­det. Selt­samer­weise liegt sie ger­ade damit im Haupt­strom öffentlich geführter Debat­ten, in denen seit langem die man­gel­nde Inte­gra­tion von Ein­wan­der­ern, beson­ders aus dem Nahen Osten, beklagt wird – eine Rede­figur, die damit schließt, dass ›ab jetzt‹ mehr für die Inte­gra­tion getan wer­den müsse, falls man die Prob­leme noch ›in den Griff‹ bekom­men wolle. An dieser Stelle wirft Fal­laci das Gewicht der wel­ter­fahre­nen Jour­nal­istin in die Wagschale, die ›weiß, wovon sie redet‹, wenn sie die europäis­che Intellek­tuellen– und Poli­tik­erkaste der Arro­ganz und der Dummheit bezichtigt: der Arro­ganz, weil sie jeden Per­so­n­enkreis, der sich inner­halb ihres medial und insti­tu­tionell abgesicherten Wirkungsraums befindet, nur als kolonisierte oder noch zu kolonisierende, als ›aufgek­lärte‹ oder ›gesicht­slose‹ oder ›ver­führte‹ Masse zu konzip­ieren bereit ist, der Dummheit, weil sie der Inte­gra­tionskraft des eige­nen Sys­tems allen Ern­stes zutraut, auf Dauer jede Art von kul­tureller Dif­ferenz und sogar Feind­schaft, wen­ngle­ich unter gele­gentlichen Ver­dau­ungss­chmerzen, zu inko­r­pori­eren. Fal­laci rührt damit an die Glaubens­grund­la­gen eines Lib­er­al­is­mus ohne Feinde, der Kämpfe und Kämpfer erst dann ern­stzunehmen bereit ist, wenn sie sich auf dem Boden des eige­nen Sys­tems gegenüber­ste­hen. Den USA käme in diesem Sys­tem die Rolle des watch dogs zu, der die nicht Inte­gra­tionswilli­gen an den Gren­zen des west­lichen Uni­ver­sums ver­bellt und den man gele­gentlich zu schel­ten hat, wenn man in seinem Maul die Reste einer Briefträger­hose findet.

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