Befremdlich wirkt die Ergeben­heit, mit der die öffentliche Debatte das Jahr 2050 (in dem die Prog­nosen aus gutem Grund enden) als Ziel­marke einer homo­ge­nen Entwick­lung hin­nimmt – den Zeit­punkt, zu dem die Reste der soge­nan­nten ›geburten­starken Jahrgänge‹ ihr bib­lis­ches Leben­salter erre­icht bzw. weit­ge­hend gelebt haben wer­den (9,1 bzw. 9,9 Mio Achtzigjährige und älter). Das Dreieck aus ›Über­al­terung‹, ›Übervölkerung‹ und ›Über­frem­dung‹, in dem die Poli­tik sich langfristig zu ori­en­tieren beginnt, tritt so vielle­icht über­pro­por­tional in Erschei­n­ung. Spätere Ziel­marken ließen wom­öglich andere Größen in den Vorder­grund treten. Wenn heute über Zuwan­derungszahlen, Renten­quoten und Sozial­staatsver­sprechen, über den schle­ichen­den Kol­laps des Schul­sys­tems und die man­gel­nde Inte­gra­tions­bere­itschaft von Aus­län­dern gere­det wird, dann steht die Frage auf der Tage­sor­d­nung, welche Bevölkerungs­größe und –zusam­menset­zung für die Aufrechter­hal­tung des Pros­per­itätsver­sprechens als ›opti­mal‹ gel­ten darf. ›Unre­al­is­tisch‹ ist eine Bevölkerungszu­nahme auf 299 Mil­lio­nen (oder ein krasser Rück­gang) allein deshalb, weil ›das nie­mand will‹, weil es ›keine Option darstellt‹, weil ›die Fol­gekosten zu hoch wären‹, weil ›das nicht mehr das Land wäre, von dem wir reden‹. Vor allem das let­zte Argu­ment ver­di­ent Aufmerk­samkeit: es bringt den Fak­tor Iden­tität respek­tive ›Selb­ster­hal­tung‹ ins Spiel und nährt den Ver­dacht, dass die Entschei­dung tat­säch­lich immer schon gefallen ist. Opti­mal wäre dem­nach, wenn sich am Bevölkerungs­stand nicht allzu viel änderte. Die Option für eine bes­timmte Bevölkerungscharak­ter­is­tik drückt den Grad des Ein­ver­ständ­nisses aus, den eine Gesellschaft sich selbst gegenüber bekun­det. Sie spiegelt aber auch Fak­toren wie ›Volk­snähe‹ oder ›-ferne‹, ›Reißbrett­men­tal­ität‹ oder ›Scheu‹ vor dem Beste­hen­den wider.

Wenn, wie im gegen­wär­ti­gen Fall, die Zusam­menset­zung und damit der Charak­ter der Gesellschaft so beschaf­fen sind, dass sie auf keine Weise kon­serviert wer­den kön­nen, liegt die Frage nahe, welche stillschweigende Option der ver­gan­genen Jahrzehnte diesen Zus­tand hat ein­treten lassen. Naiv wäre es, zu glauben, die Besorg­nis angesichts der in anderen Erdteilen sich vol­lziehen­den Bevölkerung­sex­plo­sion käme als ern­sthafter Kan­di­dat dafür in Betra­cht. Schwer fällt sicher auch die Annahme, ›man‹ habe sich ein­fach nichts dabei gedacht. Das mag im Einzelfall zutr­e­f­fen, doch der erstaunliche Wider­stand, dem die Bevölkerungs­diskus­sion noch immer in bes­timmten Alters– und Gesin­nungs­grup­pen begeg­net, besagt anderes. Wahr ist, dass der in den Insti­tu­tio­nen der Öffentlichkeit sich vol­lziehende Gen­er­a­tionswech­sel das Thema in den let­zten Jahren (teil-)enttabuisiert hat. Das Scheinar­gu­ment, die Debatte komme dreißig Jahre zu spät, demon­stri­ert, dass auch diejeni­gen, die sie noch immer nicht wollen, sich dieser impliziten Dimen­sion der eige­nen The­men völ­lig bewusst sind. Nachvol­lziehbar ist ihre Hal­tung schon: die gegen­wär­tige Bevölkerungscharak­ter­is­tik lässt sich als das Ergeb­nis von über Jahrzehnte sta­bil gebliebe­nen Ein­stel­lun­gen, Lebensweisen und ein­mal getrof­fe­nen Entschei­dun­gen ver­ste­hen, die heute erneut ›auf den Prüf­s­tand‹ ger­aten. Diskus­sion­s­ab­wehr hat, wie ander­norts, die Auf­gabe, eigene, oft lange zurück­liegende Lebensentschei­dun­gen vor Kri­tik zu schützen und zu ver­hin­dern, dass die öffentliche Mei­n­ung ›in diesen Din­gen‹ kippt.

Das ist men­schlich ver­ständlich, doch rührt es nur insofern an den Kern der Sache, als es die ›stillschweigende Option‹ her­auszuar­beiten hilft, die sich nicht im geäußerten Mei­n­ungsspek­trum findet, aber zu ihm hinzugedacht wer­den muss, will man nicht der para­doxen Auf­fas­sung nachgeben, eine auf Selb­st­beobach­tung und Kri­tik gestellte Gesellschaft habe ›nichts gese­hen‹ – ein Argu­ment, dessen zweideutig-​eindeutige Bewandt­nis einst aus älterem Anlass ins all­ge­meine Bewusst­sein gehoben wurde. Es sticht vor allem deshalb nicht, weil auf den öffentlichen Prob­lem­feldern das Bevölkerungs­thema immer anwe­send war — gle­ichgültig, ob es sich um medi­zinis­che und psy­chother­a­peutis­che Hil­fen für unge­wollt kinder­lose Paare, um die in den ›reichen Län­dern‹ zu beobach­t­ende Adop­tion­spraxis, um staatliche ›Wurf­prämien‹, um Fam­i­lien– und Aus­bil­dung­shil­fen, um den öffentlichen Pranger für kinder­lose Dop­pelver­di­ener und Sin­gles, um die schauer­lichen Rit­uale der Asy­lanten– und Aus­län­derdiskus­sion, das siegre­ich scheit­ernde Multikulti-​Modell, das Abtrei­bungspar­a­digma oder das ›humane‹, nicht bloß der Sta­tis­tik zuliebe hin­aus­geschobene Ster­ben der Alten han­delt. All diese The­men und poli­tis­chen bzw. pri­vaten Entschei­dungs­felder waren und sind selb­stver­ständliche Bestandteile öffentlicher Debat­ten und Stoff für kollek­tive Erre­gun­gen. In ihnen ist die ›stillschweigende Option‹ fast zum Greifen vorhan­den, sie wird aber auch von ihnen verdeckt.

0
0
0
s2smodern