Wer die Kälte nicht mag, die von einem solchen Szenario aus­geht, ver­fügt über mehrere Möglichkeiten: er kann sich indig­niert von ihm abwen­den, er kann über politisch-​administrative Reg­u­lar­ien nach­denken und er kann sich in die Mys­te­rien der Repro­duk­tion und Migra­tion ver­tiefen, die ihn aus den Sta­tis­tiken anblicken. Ver­al­tete Bevölkerung­sprog­nosen haben auch etwas Erheit­ern­des. Angesichts der in ihnen kon­den­sierten kollek­tiven Zukun­ft­säng­ste genießt man den Sta­tus des Entronnenen oder dessen, der zuver­läs­sig weiß, dass alles doch ganz anders gekom­men ist. An dieser Zuver­läs­sigkeit Zweifel zu streuen, kann ange­bracht sein, wenn die Fak­ten mehrdeutig bleiben. Den Siegeszug der Pille begleit­ete der Alb­traum der glob­alen Bevölkerung­sex­plo­sion, die bin­nen kurzem die Vor­räte dieser Erde weggezehrt haben und unvorstell­bare Hunger-​, Elends– und Gewal­texzesse mit sich brin­gen würde. Angesichts der unge­wohn­ten sex­uellen Frei­heit beruhigte er das religiös impräg­nierte Gewis­sen, das den Ein­griff in die Schöp­fung als frev­el­haft emp­fand. Er legte die Ver­ant­wor­tung für die Schöp­fung, für ›unseren blauen Plan­eten‹ in die Hand jedes Einzel­nen und eröffnete damit dem ›ver­ant­wortlich denk­enden Men­schen‹ einen neuen Spiel­raum. So real der Anstieg der Welt­bevölkerung, so irreal war die Vorstel­lung, durch die eigene Zeu­gungsmoral den Prozess zu stop­pen oder umzukehren – ein Fall jener ›Hyper­moral‹, von der damals kon­ser­v­a­tive Haude­gen schrieben.

Angesichts der triv­ialen Erken­nt­nis, dass Welt­prob­leme sich nach Regio­nen dif­feren­zieren und einen nicht daran hin­dern soll­ten, die eige­nen Ver­hält­nisse zu bedenken, meldet sich das häus­liche Gewis­sen in For­men zu Wort, denen sich eine gewisse Komik nicht absprechen lässt. Während viele nach wie vor die Alten von mor­gen als neue Ressource betra­chten, die man nur angemessen erschließen müsse, um wie gewohnt für Wach­s­tum und Wohl­stand zu sor­gen, und Finanzmin­is­ter die erhofften Einsparun­gen im Bil­dungssek­tor ver­pla­nen, erin­nern sich andere Pub­likum­slieblinge an men­schliche Ursi­t­u­a­tio­nen und set­zen auf Über­leben­skonzepte, in denen der Zusam­men­bruch der heuti­gen Gesellschaft bere­its als ›unaufhalt­sam‹ vor­weggenom­men wird. Ander­er­seits ist sich die Bevölkerungswis­senschaft ihrer Instru­mente wie der Ver­lässlichkeit ihrer Aus­sagen ziem­lich sicher. Auf die komis­che Seite gehört vielle­icht auch das aktuelle UN-​Szenario, nach dem jährlich 3,4 Mil­lio­nen Men­schen nach Deutsch­land ein­wan­dern müssten, um die heutige sup­port rate, das Ver­hält­nis von arbei­t­en­der und zu ver­sor­gen­der Bevölkerung, zu erhal­ten – das ergäbe im Jahr 2050 eine Bevölkerung von 299 Mil­lio­nen bei einem Migran­tenan­teil von 80 Prozent. Zahlen­spiele wie dieses sollen die Tat­sache erläutern helfen, dass, Zuwan­derung hin oder her, die Verän­derung der Alter­sre­la­tion durch den Anstieg der all­ge­meinen Lebenser­wartung in den ›entwick­el­ten‹ Gesellschaften ›gegeben‹ sei. Doch es existieren keine Tat­sachen in der Zukunft. Auch die Entschei­dun­gen, die sie her­beiführen wer­den, sind noch unbekannt und besten­falls in Umris­sen erahn­bar. Gut möglich also, dass sich im Jahr 2050 besagte Mil­lio­nen im Lande aufhal­ten wer­den, ebenso gut möglich, dass die Altenheim-​Vision der berühmten Vari­ante eins des Sta­tis­tis­chen Bun­de­samts (67 Mio, davon 25 Mio über Sechzigjährige) ›eins zu eins‹ umge­setzt wird – möglich, wen­ngle­ich wenig wahrschein­lich. Selbst im let­zteren Fall wird voraus­ge­setzt, dass das Land als Ein­wan­derungs­land attrak­tiv bleibt – was ver­mutet wer­den, aber eben­sowenig den Sta­tus eines gesicherten Wis­sens beanspruchen darf. Es sollte nicht schw­er­fallen, Gründe für eine Massen­flucht aus dem Altenheim zu ersin­nen. Eine Klien­tel, die dem Gedanken an Ein­bürgerung skep­tisch bis gle­ichgültig gegenüber­steht, kann auch weit­erziehen, wenn die Bilanz der Ein­wan­derungs– oder Bleibegründe neg­a­tiv aus­fällt, und sie kann sich darin ohne weit­eres mit einer anderen tre­f­fen, für die auch dieses ›Herkun­ft­s­land‹ schon jetzt einen Haut­gout besitzt, wie ihn Herkun­ft­slän­der nun ein­mal haben. Das alles ist denkbar, es existiert als Trend mit– und nebeneinan­der im Zeichen des Lib­er­al­is­mus, der sein plan­e­tarisches Pros­per­itätsver­sprechen weder dosieren noch zurück­nehmen kann, weil er nicht als Akteur in Erschei­n­ung tritt, son­dern als dieses Versprechen.

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