Wenn die ›Beziehung‹ soziales Kap­i­tal ver­spricht oder ›darstellt‹, dann sollte die Frage nach der deformieren­den Gewalt, die dem Begriff als einem gesellschaftlichen Uni­ver­sale innewohnt, nicht nur den Min­i­mal­is­mus als den Mech­a­nis­mus des Unsicht­bar­ma­chens der zen­tralen Aspekte der Fortpflanzung, der Weit­er­gabe famil­iärer und kul­tureller Infor­ma­tio­nen im als ›eigen‹ wahrgenomme­nen Nah­bere­ich umfassen, son­dern auch den Begriff des sozialen Kap­i­tals, wie er in dieser Anwen­dung erscheint. Dass der sim­ple Gedanke der Beziehung (Rela­tion) zweier Gesellschafts­glieder ein Erwerb­sver­hält­nis impliziert, gehört nicht von vorn­herein zur Sache, es reflek­tiert die dritte Seite im Spiel. Die Annahme, dass einige Beziehun­gen sozial wertvoller sind als andere, ver­schiebt das sex­uelle Spiel in den Bere­ich von Ein­fluss, Kar­riere und Macht. Das wollen viele, den­noch fällt der Begriff der ›Geschlechter­beziehung‹ in ein abwe­ichen­des Reg­is­ter. Hier geht es primär um die biol­o­gis­che und kul­turelle Matrix, der die Einzelper­son nicht entkommt und die durch Gesin­nun­gen und Lebensentschei­dun­gen weder mod­i­fiziert noch aufge­hoben wer­den kann. Die Formel ›eine Beziehung haben‹ fällt in den Bere­ich zweideutig-​eindeutiger und damit sex­uell kon­notierter Rede. Sie der herkömm­lichen Man­nig­faltigkeit von Aus­drücken für sämtliche Spielarten der Teil­habe am Geschlechter­ver­hält­nis zu sub­sti­tu­ieren, erscheint ver­heißungsvoll im Zusam­men­hang mit öffentlicher Urteilsab­sti­nenz und dem Rück­zug gesellschaftlicher Autoritäten aus einem als intim aus­ge­gren­zten und ten­den­ziell sank­tions­frei erk­lärten Raum indi­vidu­eller ›Ent­fal­tung‹. Vielle­icht hat es diesen Moment in der Geschichte der west­lichen Gesellschaften ein­mal gegeben. Plau­si­bler erscheint es, die Deu­tung dem schon erwäh­n­ten rückwärts-​vorwärtsgewandten Mantra zuzurechnen.

Das seine Lebens­form frei wäh­lende Indi­viduum gerät von zwei Seiten unter Druck: durch die in gewis­sen Aspek­ten unaus­ge­sprochen bleiben­den, aber wirk­samen Wün­sche des ›Part­ners‹ oder der ›Part­nerin‹ und durch die ökonomisch-​rechtliche Sit­u­a­tion, die sich nach einer gewis­sen Über­gangsphase auf die neuen Gegeben­heiten der Wahl ein­stellt, sobald sie sta­tis­tisch rel­e­vant wer­den. Die Umfor­mung der Rechtsver­hält­nisse unter Rubriken wie Gle­ich­be­hand­lung, Tren­nung, Ver­sorgung, Eltern– und Kindesrechte läuft in ihrer Gesamtheit zwangsläu­fig auf eine effiziente staatliche Bewirtschaf­tung der ›neuen‹ Lebens­for­men und damit auf einen Verge­sellschaf­tungss­chub hin­aus, in dem die ›Fam­i­lie‹ zwar weit­er­hin mit materiellen Zuwen­dun­gen seit­ens des Staates rech­nen kann, aber als gesellschaftliche Größe sui generis aus der öffentlichen Wahrnehmung ver­schwindet. Selb­stver­ständlich wird weit­er­hin für sie gewor­ben, doch schon die Art, in der dies geschieht, zeigt an, dass ihre Glanzzeit vorüber ist und attrak­ti­vere Ange­bote den Markt beherrschen. Die admin­is­tra­tive Mod­erne folgt der ›gefühlten‹ nach: die Unsicht­bar­ma­chung der Bedin­gun­gen, unter denen Men­schen Kinder in die Welt set­zen, und die Ver­rechtlichung des Kinder­habens (mit allen teils realen, teils einge­bilde­ten Vorteilen für die jun­gen Men­schen) wirken in die gle­iche Richtung.

Dass eine kon­se­quent das ›Pro­jekt Mod­erne‹ ver­fol­gende Gesellschaft, die sich ihrer Herkunft kaum anders als in Abwehr und Abscheu erin­nert, hier größere Hür­den als andere auf­baut, die ein entspan­nteres Ver­hält­nis zum Herkom­men pfle­gen, wirkt plau­si­bel. Dum­mer­weise bleibt in ihr die durchgestrich­ene Ver­gan­gen­heit zweifach präsent: als bere­its voraus­ge­gan­gene Schwächung der rel­a­tiven Autonomie famil­iärer Struk­turen während der faschis­tis­chen Peri­ode und als durchgestrich­ene, soll heißen als Dauerdis­put zweier zum Irre­al­isieren neigen­der Frak­tio­nen inner­halb der Gesellschaft, der die kon­tro­ver­sen Posi­tio­nen über lange Zeiträume kon­serviert. Hinzu treten weit­ere, nicht min­der wirk­same Fak­toren. Heute hegt man kaum noch Zweifel darüber, dass viele der in den sechziger und siebziger Jahren als ›patri­ar­chalisch‹ wahrgenomme­nen und bekämpften Eigen­tüm­lichkeiten der Nachkriegs­fam­i­lie als pathol­o­gis­che Kriegs­fol­gen zu bew­erten sind und eher einer psy­chother­a­peutis­chen Behand­lung bedurft hät­ten. Die Iden­ti­fika­tion der Jün­geren zunächst mit den Siegern, dann mit den Opfern des nation­al­sozial­is­tis­chen Gewal­tregimes, das im väter­lichen Reg­i­ment ein schat­ten­haftes Nach­leben zu führen schien, gehört zur Dele­git­i­ma­tion­s­geschichte des famil­iären Herkom­mens. Der Auszug einer Gen­er­a­tion aus einer als unerträglich emp­fun­de­nen oder inter­pretierten Zwangsver­anstal­tung ›Fam­i­lie‹ vol­l­zog sich unter Voraus­set­zun­gen, die aus dem Abstand mehrerer Jahrzehnte zu guten Teilen als falsch oder schief ange­se­hen wer­den kön­nen. Auch die zunächst selb­stver­ständliche, später gesellschaftlich missliebige und schließlich weit­ge­hend aus dem all­ge­meinen Bewusst­sein ent­fer­nte Tat­sache, dass die Mehrheit der Ange­höri­gen der Kriegsgeneration(en) das Ende des Zweiten Weltkriegs primär als Nieder­lage und erst sekundär – und in gerin­gerem Maße – als Befreiung wahrgenom­men hatte, kon­nte zur Diskred­i­tierung des Fam­i­lien­mod­ells beitra­gen, weil sie zu den Aus­lösern der ›Sprachlosigkeit‹ zwis­chen den Gen­er­a­tio­nen gehörte und die Attrak­tiv­ität dieser Form des Zusam­men­lebens minderte.

Sicher ist, dass einige sig­nifikante Unter­schiede der demographis­chen Entwick­lung in den ökonomisch und gesellschaft­spoli­tisch weit­ge­hend kon­gru­enten wes­teu­ropäis­chen Gesellschaften den durch Nation­al­sozial­is­mus, Faschis­mus, Krieg und Niederlage/​Befreiung vorgegebe­nen Bruch­lin­ien fol­gen. In den neuen Bun­deslän­dern, den mit­tel– und osteu­ropäis­chen Staaten und Rus­s­land hat der Unter­gang des sow­jetis­chen Sys­tems eine demographis­che Sit­u­a­tion entste­hen lassen, die analoge Züge trägt und allein anhand der ökonomis­chen Daten wohl eben­falls nicht schlüs­sig zu beurteilen ist. Auch hier ver­langt das psy­chol­o­gis­che Drama der erlit­te­nen Nieder­lage führen­der Schichten und ihrer unter­schiedlichen Inter­pre­ta­tion im Namen der Frei­heit, wie es sich in der Abfolge vieler Wahlergeb­nisse spiegelt, nach Aufmerk­samkeit. Die Wer­tentschei­dun­gen und Ver­hal­tenspa­ra­me­ter der Kon­sum– und Freizeit­ge­sellschaft allein erlauben jeden­falls keine sicheren, schon gar keine hin­re­ichen­den Erk­lärun­gen außer dem Hin­weis auf eine mit all­ge­meinem Wohlleben, Alterssicher­heit und ›aktiv gestal­teter‹ Freizeit ein­herge­hende Ten­denz zu gerin­geren Kinderzahlen. Die weltweit gültige Formel verdeckt die äußerst unter­schiedlichen Inter­pre­ta­tio­nen, die Gesellschaften bere­it­stellen, wenn es darum geht, ökonomis­che und kul­turelle Trends zu inko­r­pori­eren. Diese Inter­pre­ta­tio­nen, die tief in das Insti­tu­tio­nen– und Hand­lungs­ge­füge hinein­wirken, in dem sie ver­ankert sein müssen, um wirk­sam wer­den zu kön­nen, gehören zu den kul­turellen Fak­ten, die eine Gesellschaft pro­duziert und deren Eige­nart man nur eingeschränkt zur Ken­nt­nis nimmt, solange man sie auss­chließlich an Effizien­z­pa­ra­me­tern misst.

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