1.

Das Ver­schwinden des östlichen ›Blocks‹ von der ide­ol­o­gis­chen Land­karte hat – in West und Ost – eine Reihe von Phan­tom­schmerzen gezeit­igt, deren zufrieden­stel­lende Diag­nose noch aussteht. Zwar fehlte es nicht an ehrgeizigen Ver­suchen, aber es fügte sich, dass sie alle mehr oder min­der unre­flek­tiert in die der Poli­tik und dem Wirtschaft­sleben abgel­ern­ten Formeln von der ›Unsicher­heit‹ oder ›Ungewis­sheit‹ kom­mender Entwick­lun­gen mün­de­ten, selbst die sein­erzeit auf ganz andere Prob­lem­stände gemünzte Habermas-​Vokabel von der ›Neuen Unüber­sichtlichkeit‹ kam hier und da schüchtern zu neuen Ehren. Das mochte, um an eine Wen­dung Kants zu erin­nern, in der Praxis hinge­hen, doch in der The­o­rie schuf die sich in solchen Floskeln bekun­dende Aus­liefer­ung an einen kom­menden Zeit­geist eine Oppor­tunis­mus­vari­ante, die man, eine Lieblings­vok­a­bel dieser Jahre auf­greifend, get­rost ›virtuell‹ nen­nen kön­nte. Warum sich den Kopf zer­brechen, wenn alles im Fluss ist und das Passende sich früher oder später schon finden wird? Die intellek­tuelle Selb­st­stornierung kennt aller­lei Quellen und mancher­lei Gründe, auch Abgründe – es scheint, als erlebten manche Heroen des öffentlich ergrif­f­e­nen Wortes schmer­zliche Bewusst­seinsla­gen noch ein­mal, allerd­ings nicht, wie zu ihrer Zeit, einges­pannt zwis­chen Hof­fen und Ban­gen, son­dern im Licht des Ver­dachts, dass mit dem beschädigten Hof­fen auch das Ban­gen nicht mehr das alte sein dürfe. Wer prof­i­tiert, sind die Eiferer und die Spöt­ter: Feind­schaft sta­bil­isiert, Loy­al­ität, zumal verdeckte, nicht minder.

Gute Zeiten für Enthül­lungsspezial­is­ten, die es nicht lassen kön­nen, von jeder öffentlich zur Schau getra­ge­nen Gesin­nung auf sin­istre Beweg­gründe zu schließen und inmit­ten ihrer Häme über die durch den Welt­lauf desavouierte Konkur­renz vergessen, dass sie der Claque nichts weiter zu bieten haben als ein kle­briges Spiel – pour rien. Doch unter­stellt, der öffentlich geäußerte Schmerz der ersten und, mehr noch, der zweiten Stunde – soweit er emp­fun­den wurde und nicht nur medial verord­neter Mime­sis entstammte – sei auch noch anderen als unredlichen oder dümm­lichen Grün­den geschuldet gewe­sen, unter­stellt ferner, dieser Schmerz halte unter Leuten, die weniger leicht zufrieden­zustellen sind als das lern­fähige Gros gegenwarts-​süchtiger Sprecher, noch immer an, wen­ngle­ich dumpf und in die Regio­nen einer labyrinthis­chen Sprachlosigkeit ver­bannt, unter­stellt schließlich, es han­dle sich um einen Schmerz beson­derer Art, dem allein durch beglei­t­ende Analyse zu begeg­nen wäre – nicht, um zu heilen, nie­man­dem soll zu nahe getreten wer­den –, so wäre es an der Zeit, sich einer Klasse von Doku­menten zuzuwen­den, die, in den ersten Jahren des Über­gangs ent­standen, sich dem Dik­tat dieses Schmerzes zu ver­danken scheinen: Selb­sten­thül­lun­gen, die heute bere­its wieder undenkbar wären, unter Zeit­druck geschrieben und hastig auf den Markt gewor­fen, Texte, die inzwis­chen den fast unwider­stehlichen Drang wecken, den Man­tel der Scham über sie auszubre­iten. Darunter kost­bare Zeug­nisse, ein Entzücken kün­fti­gen His­torik­ern. Lang kon­servierte Illu­sio­nen kämpfen in ihnen einen kurzen, hefti­gen Kampf mit den sich bilden­den Real­itäten, deren Sieg in jeder Hin­sicht voll­ständig aus­fällt. Die Sprachregelun­gen erscheinen zwar noch intakt, doch sie regeln nichts mehr. Wie soll­ten sie auch? Der Auf­bruch, von dem sie – unwillig – Zeug­nis able­gen, gilt ihnen nicht als Auf­bruch ins Neue, eher als Rück­kehr aus der Zukunft, als ein Zurück­fluten unbot­mäßiger Bevölkerun­gen aus einer vorgeschobe­nen Wartepo­si­tion, in die nie­mand so recht nachrücken wollte – aus men­schlich ver­ständlichen, doch darum in pro­gram­ma­tis­cher Hin­sicht nicht weniger dubiosen Gründen.

2.

Hans Mayer, Jahrgang 1907, in den Real­itäten der bei­den deutschen Nachkriegs-​Staaten ebenso wie in ihren Illu­sio­nen erfahren, hat über sein bewegtes Leben mehrfach Auskunft gegeben: in seinen Erin­nerun­gen ebenso wie in den 1987 veröf­fentlichten Frank­furter Poetik-​Vorlesungen. Wer nach Mate­r­ial über das Ver­hält­nis von Geist und Macht in diesem Jahrhun­dert fah­n­det, kann hier über jedes Bedürf­nis hin­aus fündig wer­den. Mayer weiß zu erzählen und findet Anlässe zuhauf. Gele­gen­heit geben selbst die eige­nen, noch zu Lebzeiten Stal­ins ver­fassten Schriften: »Als ich in Leipzig mein Lehramt antrat, im Okto­ber 1948, drei Jahre nach meiner Heimkehr in die deutsche Fremde, befand man sich, wie wir heute wis­sen, inmit­ten der sieben schlim­men und let­zten Leben­s­jahre des allmächti­gen Mannes. Ich habe Stalin seit meiner Stu­den­ten­zeit, die mit seinem Auf­stieg zur Macht zu sam­men­fiel, von Anfang an tief mis­straut. Man hat später, wie zu erwarten war, in meinen Arbeiten nach dem Stalin­lob gesucht, ohne etwas zu finden.«

Ein kühnes Wort, denn das Suchen und Finden war und ist in diesem Fall ganz unnötig. Es genügt, seine 1957 im Ver­lag Rüt­ten & Loen­ing, Berlin, unter dem Titel Deutsche Lit­er­atur und Weltlit­er­atur her­aus­gegebe­nen Reden und Auf­sätze nachzule­sen. »Um die Wende des Jahres 1905÷06« – so beginnt der hier abge­druckte, 1951 ver­fasste Auf­satz Wis­chnewskis ›Opti­mistis­che Tragödie‹, »führte in Georgien eine Gruppe von Anar­chis­ten und Schülern Peter Kropotkins einen hefti­gen Kampf gegen die rus­sis­che Sozialdemokratie und die Lehren des wis­senschaftlichen Sozial­is­mus von Marx und Engels. Im Juni und Juli 1906 set­zte sich, als Antwort auf die the­o­retis­chen Vor­würfe der Anar­chis­ten, der damals siebe­nundzwanzigjährige J. W. Stalin von neuem mit dem Gegen­satz zwis­chen Anar­chis­mus und Sozial­is­mus auseinan­der. Er ging dabei aus von der Unvere­in­barkeit der bei­den in der The­o­rie wie in der Praxis. ›Wir sind der Auf­fas­sung, dass die Anar­chis­ten richtige Feinde des Marx­is­mus sind. Wir erken­nen also auch an, dass man gegen richtige Feinde einen richti­gen Kampf führen muss.‹ (Stalin, Werke, Band I, S.258). Mit über­legener Wis­senschaftlichkeit und verächtlichem Spott wider­legte er alle anar­chis­tis­chen Entstel­lun­gen und Ver­leum­dun­gen gegen die Lehre von Marx und Engels. Er zeigte, dass der Anar­chis­mus in der Frage der Dialek­tik, des Mate­ri­al­is­mus, in der Frage der Strate­gie und Tak­tik seinen unendlich über­lege­nen Wider­sach­ern nichts ent­ge­gen­zustellen ver­möchte. Stal­ins Ver­haf­tung ver­hin­derte den Abschluss der Auseinandersetzung.«

Der Nachge­borene, der den Drang ver­spürt, der­gle­ichen Erfül­lung­sprosa für blanke Ironie zu hal­ten, wird der Ver­suchung in diesem Fall wider­ste­hen – dazu waren die Zeiten zu ernst und das Gewis­sen des Einzel­nen ein zu kost­bares Ding. So bleibt die Frage, was den Vor­tra­gen­den von 1987 ver­an­lassen kon­nte, schein­bar ohne Not erneut an sie zu rühren: »Nein, am Stalinkult gedachte ich nicht teilzunehmen.« Vielle­icht nicht gän­zlich ohne Not, denn Sätze wie die zitierten, auch wenn sie mehr den Mitläufer als den Scharf­macher ver­raten, waren in Anbe­tra­cht der Zeiten und Umstände keineswegs harm­los. Dafür ist der Auf­trag, dessen sie sich entledi­gen, zu genau umris­sen: immer­hin geht es darum, ide­ol­o­gisch ver­brämten Mord – »gegen die Anar­chis­ten als richtige Feinde einen richti­gen Kampf zu führen … Der anar­chis­tis­che Indi­vid­u­al­ist hat keine Ehrfurcht vor der Welt und dem Leben des Neben­men­schen. Seine Frei­heit ist wöl­fisch … Die soge­nan­nte Frei­heit der Anar­chis­ten ist anti­hu­man: sie schre­itet über Leichen und durch Ver­brechen« – in der Schel­lenkappe der Lit­er­aturkri­tik die let­zten ästhetis­chen Wei­hen zu geben. Warum also die Beteuerung von 1987, nicht zu denen zu zählen, die damals teilgenom­men hat­ten? Die Antwort – wenn man sie als Antwort gel­ten lassen will – findet sich einige Seiten weiter. Dort heißt es: »Nach den ille­galen Gren­zübergän­gen meiner Exilzeit und der rechtswidri­gen Reise von Frank­furt nach Leipzig inmit­ten eines Kalten Krieges mit Kalten Kriegern« – gemeint ist die Über­nahme der Leipziger Pro­fes­sur 1948 – »hatte ich mich selbst als eine Figur der Gren­züber­schre­itung entworfen.«

Figur der Gren­züber­schre­itung‹, im Druck her­vorge­hoben, ist, wie der Autor anmerkt, ein Aus­druck aus Ernst Blochs Prinzip Hoff­nung. Er beze­ich­net dort »die Kun­st­fig­uren einer faustis­chen Heimat­suche«. Blochs ›Kun­st­figur‹ und der Selb­sten­twurf von 1948 sind also miteinan­der iden­tisch. Das mag auf den ersten Blick befrem­den, auf den zweiten anrührend wirken wie manche andere absurde Geste der Ohn­macht gegenüber der allzu innig mit ihrer Durch­set­zung befassten Macht. Offen bleibt, ob der angedeutete Selb­sten­twurf tat­säch­lich in die Zeit fällt, in der ihn der zurück­blick­ende Auto­bi­o­graph ortet. Bei einem Autor, der in seinen Lebens­bericht gele­gentlich das Beken­nt­nis ein­flicht: »Ich selbst hatte mir die Neugier bewahrt, da gab es nichts zu ver­drän­gen«, darf mit dem Hang zur Selb­st­stil­isierung gerech­net werden.

Als nach Jahrzehn­ten der Ver­fe­mung und osten­siven Nich­tach­tung der Ger­man­ist Mayer im Gefolge der ›Wende‹ über Nacht zum gefeierten Idol eines Teils seiner Leipziger Kol­le­gen resp. Nach­fol­ger avancierte, dürfte das bizarre Wech­sel­spiel von Selb­sten­twurf und – nachgere­ichter – Selb­st­deu­tung die Ein­stim­mung nicht unwesentlich erle­ichtert haben. Die Denk­figur des Sich-​Wiedererkennens im anderen war hier mustergültig vorgedacht, wobei dieser andere für die spät­berufe­nen Schüler der ehe­ma­lige, für den späten Ausleger seiner selbst der nach­ma­lige Renegat das Subjekt-​Objekt der Erken­nt­nis bildete. Allerd­ings lässt sich das hochgr­a­dig Zirkuläre der Rede vom ›Selb­sten­twurf‹, ein­ge­lassen in die Deu­tung des eige­nen Leben­sprozesses, kaum überse­hen. Allem Anschein nach han­delt es sich um densel­ben ›Entwurf‹, den Mayer ohne Abstriche noch 1987 von sich präsen­tiert – für­wahr ein hero­is­ches Leben. Man ist geneigt, sich einer dem Autor geläu­fi­gen Vok­a­bel aus dem Partei­jar­gon zu erin­nern: der auf Dis­tanz gebrachten Parteilinie entspricht die Lebenslinie des Abwe­ich­lers, die keine Abwe­ichung duldet. Es ist die Linie der Nicht­teil­nahme, ›Teil­nahme‹ ver­standen als, wie das ver­traute Wort lautet, ›Sich-​Einbringen‹ ins gle­ichgeschal­tete Kollek­tiv: dies durfte – in der Rückschau – nicht geschehen und also nicht geschehen sein.

Woran also war, abge­se­hen vom Stalinkult, nicht teilzunehmen? Mayer gibt Auskunft: »Meine erste Ille­gal­ität, als Außen­seit­er­tum zu ver­ste­hen, bestand darin, dass ich mein sozial­is­tis­ches Denken und Fühlen einzubrin­gen hatte in ein Sys­tem der totalen Gle­ich­schal­tung. Die war für mich aus­geschlossen: vor allem weil ich rasch erkan­nte, dass jeglicher Ver­such einer Pro­pa­gan­daschwätzerei auf dem Uni­ver­sität­skatheder, im Sinne des in Moskau the­ol­o­gisierten Marxismus-​Leninismus, meine Glaub­würdigkeit als akademis­cher Lehrer been­det hätte. Ger­ade dies durfte nicht eintreten.«

Aus dieser ersten Ille­gal­ität geht eine zweite her­vor: »Bere­its vor meiner ersten Vor­lesung, sogar im Augen­blick der pro­jek­tierten The­men­stel­lung für das Kol­leg und Sem­i­nar hatte ich mich als Dis­si­den­ten zu ent­decken. Ich habe nicht lange gebraucht, um dessen inne zu wer­den. Jetzt zeigte es sich, dass ich gut daran getan hatte, beim Leben im Exil die Moskauer Debat­ten über For­mal­is­mus und Real­is­mus, Fortschritt und Dekadenz, Volk­stüm­lichkeit und soge­nan­nten Elit­ismus wenig­stens zu studieren und zu reflek­tieren. Schlecht war ander­er­seits, dass ich all diese Debat­ten, die Stalin seit dem Jahre 1934 als politisch-​polizeiliche Lehrmei­n­ung the­ol­o­gisiert hatte, für ein Refugium von Schein­prob­le­men hielt.«

Unter der Hand ver­längert diese Aus­sage die Hal­tung der ›Nicht­teil­nahme‹, die hart­näckig fest­ge­hal­tene Lebenslinie, in die Ver­gan­gen­heit der Dreißiger und Vierziger Jahre zurück, ins unzweifel­hafte Exil also und damit in die sieben ›guten‹ oder fet­ten Jahre des roten Dik­ta­tors. Auch diese Erin­nerung ist ohne dop­pelte Buch­führung nicht zu haben. Der Auf­satz über Wis­chnewskis Opti­mistis­che Tragödie oder der Vor­trag Deutsche Lit­er­atur und Sow­jetlit­er­atur von 1955 bewe­gen sich im rhetorischen Gerüst jener Debat­ten mit einer Selb­stver­ständlichkeit, die den Ver­fasser, der in ihnen nur ein ›Reser­voir von Schein­prob­le­men‹ gese­hen zu haben vorgibt, durch solche Nachrede ger­ade der ›Glaub­würdigkeit als akademis­cher Lehrer‹ zu berauben droht, mit deren fordern­der Gewalt er die Ille­gal­ität seiner dama­li­gen Exis­tenz – auch – begründet.

Ille­gal­ität‹ ist ein Schlüs­sel­wort dieser Vor­lesun­gen. Zunächst gemünzt auf die gelebte Real­ität der ille­galen Gren­züber­tritte, gewinnt es im Blick auf die Leipziger Lehrtätigkeit eine Bedeu­tung, die an die erprobte Praxis des antibürg­er­lichen und antifaschis­tis­chen Kampfes erin­nert: Der parteilose Dozent ver­steht seine Kathed­er­ak­tiv­ität im sich for­menden sozial­is­tis­chen Staat als verdeckte Tätigkeit, gekennze­ich­net durch den selb­sterteil­ten Auf­trag, das eigene, abwe­ichende ›sozial­is­tis­che Denken und Fühlen‹ in das als fremdbes­timmt erlebte stal­in­is­tisch durch­wirkte Milieu einzuschleusen. Das ist, kein Zweifel, ›Entwurf‹. Es ist, da es sich um einen isolierten – und die Isolierung her­aus­fordern­den – Selbstentwurf han­delt, eine Rol­lenüber­tra­gung, die an der Kon­ti­nu­ität des gelebten Lebens auch um den Preis der Fik­tion fes­thält: Unter unver­gle­ich­lichen Voraus­set­zun­gen wird eine in die Frühzeit der jet­zi­gen Staatspartei zurück­re­ichende Praxis wieder aufgelegt, die sich durch Zeit, Ort und Umstände erledigt hat. Dem Intellek­tuellen genügt es keineswegs, die Rolle des ›Außen­seit­ers‹ anzunehmen – das Wort taucht prompt wieder auf, als es darum geht, die kün­ftige Rolle des in die Bun­desre­pub­lik Gewech­sel­ten zu beschreiben – Ille­gal­ität, als Außen­seit­er­tum zu ver­ste­hen, das enthält zwar nicht ger­ade eine con­tra­dic­tio in adiecto, wohl aber eine den Sprachver­stand des Hör­ers stark stra­pazierende Kon­trak­tion, in welcher der Außen­seiter allen­falls die Außen­seite der Ille­gal­ität zu repräsen­tieren vermag.

3.

Der östliche Auf­bruch stellte und stellt weit­er­hin die Exis­tenz des Intellek­tuellen in Frage, wie man ihn seit beiläu­fig hun­dert Jahren in West– und Mit­teleu­ropa zu ken­nen glaubt. Keineswegs deshalb, weil der Osten einen beson­ders gün­sti­gen Humus für seine Lebens­form bere­it­gestellt hätte – dies wohl eher nicht –, son­dern weil das dort abge­laufene Exper­i­ment durch sämtliche Phasen hin­durch (von der fra­glosen oder kri­tis­chen Sol­i­dar­ität über das ›bren­nende‹ Inter­esse der Sym­pa­thisan­ten und Renegaten bis hin zum achselzuck­enden Zynis­mus der Spätzeit) ihm nicht gle­ichgültig wer­den durfte, unab­hängig von allem wirk­lichen Geschehen: Was unter dem Vorze­ichen der sozial­is­tis­chen Zukun­fts­ge­sellschaft seinen Gang ging, hatte neben dem realen auch stets einen imag­inären Kern, der in der Phrase vom Men­schheit­sex­per­i­ment nicht ohne Süff­isanz zutage­trat. Die Hoff­nun­gen, die sich daran knüpften, die Befürch­tun­gen, die es auf sich zog, sie waren iden­tisch mit den Hoff­nun­gen und Befürch­tun­gen, die sich unmit­tel­bar aus der gewählten Exis­ten­z­form ergaben und nicht ablös­bar vom Erge­hen der einen Men­schheit berufen wer­den durften.

Nachkarten genügt also nicht. Solange die Konkur­renz der Sys­teme die Köpfe beherrschte, war dieser Dreh– und Angelpunkt intellek­tuellen Selb­stver­ständ­nisses kaum zu ver­rücken. Uneingeschränkt galt die Alter­na­tive, die Karl Mannheim der ›sozial freis­chweben­den Intel­li­genz‹ 1929 ins Stamm­buch geschrieben hatte: »ein­mal der weit­ge­hend aus freier Wahl erfol­gende Anschluss an die ver­schieden­sten sich jew­eils bekämpfenden Klassen, und ferner das Sich-​Besinnen auf die eige­nen Wurzeln, das Suchen der eige­nen Mis­sion, prädes­tinierter Anwalt der geisti­gen Inter­essen des Ganzen zu sein.« Dass an die Stelle des Klassenkampfes mit­tler­weile die Konkur­renz der Sys­teme getreten war (in denen der Begriff der Klasse einem ener­gis­chen Schwund an ana­lytis­cher Ern­sthaftigkeit unter­lag), lässt die Diag­nose noch keineswegs ver­al­tet erscheinen. Im Gegen­teil: Wer immer sich als ›prädes­tinierter Anwalt der geisti­gen Inter­essen des Ganzen‹ ver­stand, musste erst ein­mal die Lek­tion beherzi­gen, dass der ›geistige‹ Inter­essen­be­griff im Zeital­ter des gedop­pel­ten Ganzen nur gerettet wer­den kon­nte, falls er bei­den Seiten so weit ent­ge­genkam, dass der Fortschritt der Men­schheit dem angeregt lauschen­den Pub­likum nicht länger als rev­o­lu­tionäres Vorher-​Nachher, son­dern als Simul­tane­reig­nis gemeldet wer­den kon­nte. Das als schock­ierend und beruhi­gend erfahrene ›Zurück­ge­blieben­sein‹ der jew­eils anderen Seite auf unter­schiedlichen Lebens­ge­bi­eten gewann dem Denken der pro­fes­sionellen Intellek­tuellen jene Grenzgänger-​Komponente hinzu, die in der selb­stverord­neten ›Ille­gal­ität‹, dem prak­tizierten Anspruch auf freie Bewe­gung im sym­bol­trächtig geteil­ten Land, zum Lebensen­twurf gerät.

Zwei Jahre nach dem Mauer­bau geht Mayer in den Westen. Die Zeit dazwis­chen fasst er in die Worte: »Meine Zeit ging zu Ende.« Das ist, in ›Ton wie Ter­mi­nolo­gie‹, die ›zuständige‹ Sprache: Dem ›Ille­galen‹ wird der Boden zu heiß. »,Eine Lehrmei­n­ung zuviel‹: diese Über­schrift zu einem Stu­den­te­nar­tikel in der parteiamtlich her­aus­gegebe­nen Leipziger Uni­ver­sität­szeitung drückte den Sachver­halt fast überdeut­lich aus.«

Das Zitat will bedacht sein. Denn ›fast überdeut­lich‹ drückt es die Wiederkehr einer Kon­stel­la­tion aus, die den intellek­tuellen Emi­granten der Naz­izeit, zu denen Mayer gehört und deren Leben in der ‚Fremde‹ (eine seiner Leit­vok­a­beln) er ohne Umschweife als ›Exil‹ tax­iert, höchst geläu­fig war. Doch 1963 gilt: »Es war weder Heimkehr noch irgend ein neues Exil«. Dem Lebensen­twurf der ›pro­gram­mierten‹ Ille­gal­ität, die sich gele­gentlich unter dem prüfenden Blick der Partei zur ›Gegen-​Legalität‹ ent­fal­tete, lässt sich das Ende des Leipziger Zwis­chen­spiels nicht anders ein­fü­gen denn als das Ende eines Auf­trags, von dem es heißt, seine »ursprünglichen Voraus­set­zun­gen« seien nun­mehr »wegge­fallen«: »Juris­tisch gesprochen, es fehlte von nun an die ›Geschäftsgrundlage‹.«

Der­gle­ichen ließ sich auch weniger entsch­ieden berichten. Der Ich-​Erzähler der Erin­nerun­gen zieht die Auskunft vor, er habe noch immer keine Antwort auf seine dama­li­gen Fra­gen gefun­den. Let­ztere, immer­hin, ver­di­enen in die Schul­bücher aufgenom­men zu wer­den, um nicht dem Vergessen anheimz­u­fallen. Denn sie über­liefern eine – keineswegs nur auf die Per­son des Ver­fassers gemünzte – Lek­tion, die ohne das biographis­che Detail allzu unwirk­lich bliebe:

Keine Stimme von oben hatte sich vernehmen lassen. War ich gerettet oder gerichtet? Ich wusste es nicht, als ich im Sep­tem­ber 1963 in einem Tübinger Hotelz­im­mer saß und wieder zum Nach­denken kam… Wie sollte man beze­ich­nen, was ich getan, manche wür­den sagen: was ich began­gen hatte? Eine neue Heimkehr? Vom Osten heim in den Westen. Es fand eine zweite Heimkehr in die Fremde statt. Die fün­fzehn Leipziger Jahre musste man fol­glich als Pro­vi­so­rium ver­ste­hen, als ein Lebensin­ter­mezzo. Als hätte ich bere­its im Okto­ber 1948 die Rück­kehr in den Westen ein­berech­net. Eine Pro­fes­sur fol­glich unter ›auflösender Bedin­gung‹: so viel Juris­terei beherrschte ich immer noch. Aber­mals ein Wider­ruf?
Oder aber: Ich hatte sesshaft wer­den wollen, als ich im Herbst des Jahres 1948 vom Westen nach dem Osten zog: in die Sow­jetis­che Besatzungszone, die man im Westen abschätzig nur als SBZ gle­ich­sam auszus­pucken pflegte. Dann musste ich damals umgekehrt die west­liche Welt mit­samt Radio Frank­furt, Frank­furter Akademie der Arbeit, mit Rezen­sio­nen und Fea­tures bloß als Pro­vi­so­rium emp­fun­den haben: als wider­ru­flich, als Lebensin­ter­mezzo. Sah man es in solcher Weise, wozu ich nach wie vor neigte, dann war die Schlussfol­gerung härter. Keine Heimkehr in eine west­liche Fremde, nach fün­fzehn Jahren, son­dern Ver­lassen einer Heimat. Eine dritte Emi­gra­tion.
Bei welcher es jedoch, ähn­lich wie bei der zweiten Emi­gra­tion von Frank­furt nach Leipzig, nicht mehr um Leib und Leben ging, son­dern um das Aus­brechen aus einem qualvoll gewor­de­nen All­tag. Man hätte auch anders entschei­den, damals in Frank­furt, jetzt in Leipzig bleiben kön­nen. War zweimal falsch entsch­ieden wor­den? … Gerettet war ich nicht…

Die Pas­sage ruft ein­drucksvoll die exis­ten­tiellen Nöte der Naz­iära sowie die Schwierigkeiten des Nachkriegsall­t­ags im geteil­ten Land ins Gedächt­nis. Darüber hin­aus schweift Fausts Gretchen­frage – ›Emi­gra­tion‹ vs. ›Heimkehr‹, ›Pro­vi­so­rium‹ vs. ›Heimat‹ – ins All­ge­meine: ›Emi­gra­tion‹ und ›Heimkehr‹ sind im intellek­tuellen Begriff­shaushalt emi­nent geschicht­sphilosophis­che Begriffe, der Aus­druck ›Pro­vi­so­rium‹ deutet auf jene Wartesaal-​Szenerie, die, in der Emi­gra­tion – und nicht nur in ihr – zur All­t­agser­fahrung geron­nen, dem mod­ernekri­tis­chen Besteck des Jahrhun­dert­be­ginns ihre offe­nen und ver­steck­ten Pointen ver­dankt. ›Pro­vi­so­rium‹, das meint auch die Mod­erne selbst, als Zwis­chen­zeit betra­chtet, als Pause zwis­chen den Zeiten, als eine Gegen­wart, die nicht verge­hen will, obwohl ihre Hin­fäl­ligkeit im Denken pos­tuliert und damit bere­its Zutat zu dieser Wirk­lichkeit, Teil dieser Gegen­wart gewor­den ist. Rück­kehr in die ›Heimat‹ wäre danach Rück­kehr aus der falschen in die richtige Geschichte, aus einer Geschichte irre­versibeld­is­sozi­ierter ›plu­raler Real­itäten‹ mit­samt der darin ange­blich herrschen­den Desin­te­gra­tion des Humanums und der aus ihr abzulei­t­en­den ideologisch-​ökonomisch-​politisch-​militärischen Ent­gleisun­gen in eine andere Geschichte, eine, die auf Wun­sch und Wun­scher­fül­lung abon­niert ist und daher trägt, der­weil erstere, Poes Mael­strom ver­gle­ich­bar (eines der Sinnbilder der Mod­erne!), die Mechanik des Ver­schlin­gens offeriert.

Man muss, jeden­falls in Europa, weit zurück­ge­hen, um Ver­hält­nisse anzutr­e­f­fen, in denen man durch eine ein­fache, wenn auch schwierig zu bew­erk­stel­li­gende Ortsverän­derung von einer Zeitrech­nung in eine andere, aus einem Zeitkon­tin­uum in ein anderes wech­seln kon­nte. Die The­o­retiker der Mod­erne, die mit dem Gegen­satz der geschichtlichen Welt Europas und einer geschicht­slosen, traumhaft verdäm­mern­den Welt prim­i­tiver oder sklero­tis­cher Kul­turen rech­neten, hat­ten der­gle­ichen nicht vorge­se­hen. Hier also hatte die Wirk­lichkeit die The­o­rie hin­ter sich gelassen, ohne dass man abse­hen kon­nte, ob und wie sich das Ver­hält­nis kün­ftig erneut umdrehen ließe. Die Lit­er­aten des West­ens, die in den Zwanziger und Dreißiger Jahren das Vater­land aller Werk­täti­gen bereis­ten, kon­nten sich in der Vorstel­lung wiegen, einen Blick auf die Zukunft ihrer eige­nen Gesellschaften zu wer­fen, falls sie es nicht vor­zo­gen, angesichts dessen, was sie zu sehen beka­men, das kom­mu­nis­tis­che Exper­i­ment als gescheit­ert anzuse­hen und zu den Real­itäten zurück­zukehren. Nicht so der dop­pelt Heimkehrwillige – und dop­pelt Ent­täuschte – in seinem Tübinger Hotelz­im­mer: Seine Ent­deck­ung (wenn man die mit manchen anderen geteilte Erfahrung eine Ent­deck­ung nen­nen darf) besteht darin, dass erst die als ›bürg­er­lich‹ denun­zierte ›Nor­mal­ität‹ des West­ens die Motive des östlichen ›Auf­baus‹ ver­ständlich, erst die ›Real­ität‹ dieses ›Auf­baus‹ die ›Nor­mal­ität‹ des West­ens weniger als Desider­a­tum – dafür hatte schon der Faschis­mus gesorgt – denn als ständi­ges Kor­rek­tiv, als empirische Bedin­gung für die Beweglichkeit des kri­tis­chen Intellekts ver­ständlich wer­den lässt. Nicht Heimat oder Exil, son­dern weder Heimat noch Exil lautet die Parole der Stunde – dem­nach ein fast-​normaler Wech­sel der Wirkungsstätte, allerd­ings einer, von dem zu reden sein wird.

Nichts selb­stver­ständlicher, als dass einer, zumin­d­est dieser eine, im Jahr 1963 seinen Arbeit­splatz von Deutschland-​Ost nach Deutschland-​West ver­legt, zwar nicht mit Bil­li­gung der Behörden-​Ost (insofern han­delt es sich um erneute Ille­gal­ität), aber keineswegs in der Absicht, diese her­auszu­fordern oder in Erwartung west­deutscher Erwartun­gen. Der ›Repub­lik­flüchtling‹ lehnt es ab, als solcher zu gel­ten: aus Grün­den des Selb­sten­twurfs. Unverkennbar auch hier das Motiv der Nicht­teil­nahme: nicht als poli­tis­cher Flüchtling, son­dern im Selb­stauf­trag löscht der Wis­senschaftler seine juris­tis­chen Verbindlichkeiten Ost, um sich weiter west­lich in neue zu begeben. Es hat sich – sozusagen – nichts geän­dert. Oder doch? Die ›Lin­ien‹ von Exil­vernei­n­ung und Nicht­teil­nahme, in unter­schiedlichen Sit­u­a­tio­nen aus­ge­bildet und erprobt, verbinden sich während der näch­sten dreißig Jahre west­deutschen ›Außen­seit­er­tums‹, bis sie, eins gewor­den, die Kun­st­figur H. M. bilden, die uns in den Frank­furter Vor­lesun­gen entgegentritt.

4.

Schw­er­lich lässt sich ein Zugang zu intellek­tuellen Denk– und Vorstel­lungsweisen aus­machen, der keinen auch nur leisen Ver­dacht auf sich zöge, selbst aus intellek­tuellen Ressourcen gespeist zu wer­den. Von der kün­stlichen Ver­dunkelung des ein­fachen Tatbe­standes lebt die gaya scienza der Intellek­tuel­len­schelte. Wie alle For­men rit­ueller Ver­ständi­gung will auch diese, für sich allein genom­men, nicht viel bedeuten; sie deshalb zu unter­lassen hätte schmer­zliche Fol­gen. Das Rit­ual demen­tiert in diesem Fall das Dementi. Intellek­tuelle kri­tisieren Intellek­tuelle und, von Zeit zu Zeit, die Intellek­tuellen. Wür­den sie darauf verzichten, sie hörten rasch auf, zu sein, was sie sein wollen. Da ihr Geschäft die Kri­tik ist, hat die Schelte selb­stle­git­imierende Funk­tion. Auch wenn nie­mand ganz sicher sein kann, dass Intellek­tuelle immer wis­sen, wovon sie reden – wer, wenn nicht sie, wüsste es sonst? Zwar regt sich hier und da ein Arg­wohn, ein fin­sterer Ver­dacht, es möchte ger­ade mit diesem Wis­sen nicht zum Besten ste­hen. Aber solange der Kan­di­dat die öffentliche Rede beherrscht, bleibt der Arg­wohn notwendig kraftlos.

Man weiß gele­gentlich nicht, welcher Ver­dacht die schlim­meren Kon­se­quen­zen ges­tat­tet: der, demzu­folge sie nicht, oder der, demzu­folge sie besser als andere wis­sen, wovon sie reden. Let­zterer Ansicht scheint der Tage­buch­schreiber Vic­tor Klem­perer in einer Notiz aus dem Som­mer 1936 zuzuneigen: »Wenn es ein­mal anders käme und das Schick­sal der Besiegten läge in meiner Hand, so ließe ich alles Volk laufen und sogar etliche von den Führern, die es vielle­icht doch ehrlich gemeint haben kön­nten und nicht wussten, was sie taten. Aber die Intellek­tuellen ließe ich alle aufhän­gen, und die Pro­fes­soren einen Meter höher als die andern; sie müssten an den Lat­er­nen hän­gen bleiben, solange es sich irgend mit der Hygiene vertrüge.« Aber wie der Kon­di­tion­al­satz ins­ge­samt sig­nal­isiert die Rede von ›Lat­er­nen‹ und ›Hygiene‹ hin­re­ichend, dass der Aus­bruch so ernst nicht zu nehmen sei: ein Stück Wartesaal-​Rabulistik inmit­ten des siegre­ichen Nazie­lends. Auch ist von ›den‹ Intellek­tuellen nur in rhetorischer Verkürzung die Rede. Aus­ge­merzt gehören – will man den Ausspruch ste­hen­lassen – die Renegaten, die kar­ri­ere­be­wussten Lügner und Denun­zianten der eige­nen Zunft. Der Abfall vom Geist darf auf Par­don nicht hoffen.

Das Nor­mal­be­wusst­sein – falls es so etwas gibt – ist da weiter: ihm waren und sind ›die‹ Intellek­tuellen Lock­vögel des Irrealen, denen gegenüber jed­erzeit Vor­sicht am Platz ist. Mis­strauen gebührt den von ihnen aus­gerufe­nen Krisen, in Wahrheit kaum mehr als Aus­ge­burten des eige­nen Gehirns, also Phan­tas­men – Pro­duk­ten einer überspan­nten Bewusst­seinslage mit äußerst ger­ing zu ver­an­schla­gen­dem Real­itäts­ge­halt. Aus der Per­spek­tive der ›anderen‹ erscheinen Intellek­tuelle als Hys­teriker der mod­er­nen Welt, als Kassandra-​Typen, deren Mis­ere möglicher­weise darauf beruht, dass sie es ver­säumt haben, einen ordentlichen Beruf zu ergreifen und in ihm angemessen zu reüssieren. Jeder öffentliche Erfolg fällt unmit­tel­bar auf sie zurück. Mehr als Kar­ri­eremöglichkeiten für Pechvögel steht in dieser Welt bil­liger­weise nicht zu erwarten.

Die Sicht hat manches für sich. Auch wenn das Wort ›Krise‹ kurzfristig aus der Mode gekom­men ist, so beze­ich­net es doch ziem­lich exakt die Weise der intellek­tuellen Welt­wahrnehmung. Es ist immer ›weiter, als man glaubt‹, ›fünf vor zwölf‹ (oder wie die Floskeln heißen mögen), wenn Intellek­tuelle die Stimme erheben. Das Tremolo ist die Botschaft. Wer auf sie hört, weiß, dass es an der Zeit ist, die Dinge neu zu ord­nen, bevor das Kon­glom­erat aus falschen Vorstel­lun­gen und verderblichen Gewohn­heiten, das die einzel­nen und die Gesellschaft regiert, am Endealle miteinan­der in den Abgrund reißt. Ein Intellek­tueller ist ein Men­sch, der den Abgrund vor Augen hat – nicht den per­sön­lichen, son­dern den Abgrund aller. In Katas­tro­phen­si­t­u­a­tio­nen, in denen das Geschick des einzel­nen mit dem aller anderen ver­schmilzt und das Unglück sich kollek­tiv vol­lzieht, neigt er zum Ver­s­tum­men. Dann wird er einer von vie­len. Die Dis­tanz zu den Mit­bürg­ern, die ihn in ein unmit­tel­bares Ver­hält­nis zum All­ge­meinen setzt, sie wird ver­nichtet, sobald die Ver­hält­nisse aller all­ge­mein werden.

Eine solche neg­a­tive Charak­ter­is­tik enthält bere­its die Möglichkeit der ›utopis­chen‹ Rede. Sie ist der intellek­tuellen Exis­ten­z­form inhärent. In einer Welt, in der die Ver­hält­nisse aller all­ge­mein gewor­den sind, so dass das pri­vate Unglück endgültig der Ver­gan­gen­heit ange­hört, wird es keine Intellek­tuellen mehr geben. Das klingt vernün­ftig. Das Fak­tum der eige­nen Exis­tenz zeigt dem­nach einen falschen Weltzu­s­tand an: mit der Überzeu­gung kommt das unglück­liche Bewusst­sein glänzend zurecht. Der Intellek­tuelle, der sich der Utopie verpflichtet fühlt, begreift – oder sollte begreifen –, dass er an der Abschaf­fung der Bedin­gun­gen arbeitet, die ihn her­vorge­bracht haben und unter denen er realiter existiert.

Das wäre die naive Lesart. Wer über sie hin­auskom­men möchte, kann nicht umhin, der Meta­pher des ›Abgrunds‹ näherzutreten. Der Intellek­tuelle sieht den Abgrund offen, er bewohnt ihn ›offe­nen Auges‹ – in unsicherer Dis­tanz zu seinen Mit­men­schen, die, beim besten oder schlecht­esten Willen, nicht sehen wollen oder kön­nen, was ihn so erregt. Der Hohn und die Verunglimp­fun­gen, die über ›die Intellek­tuellen‹ aus­gegossen wer­den, seit die Rhetorik der franzö­sis­chen Dreyfus-​Gegner sie aus der Namen­losigkeit her­vorgeza­ubert hat, beziehen einen Großteil ihrer rhetorischen Mit­tel aus diesem Meta­phern­feld. Von der ›Wurzel­losigkeit‹ der ›freis­chweben­den Intel­li­genz‹ Mannheims über ihre fehlende ›Boden­haf­tung‹ bis hin zur ›Grund-​‹ und also ›Ver­ant­wor­tungslosigkeit‹ ihres Tuns: immer sind alle davon überzeugt, fes­ten Grund unter den Füßen zu haben, und entschlossen, keine Hand­breit davon aufzugeben. Und umgekehrt: seit Intellek­tuelle wis­sen, welches Ver­fol­gungspo­ten­tial in den Denun­zi­a­tions­formeln steckt, sind einzelne auch immer wieder bereit, sie zur Selb­stcharak­ter­isierung zu ver­wen­den und dem realen Ver­fol­gten­sta­tus einen imag­inären hinzuzufü­gen – in Erwartung der Umstände, unter denen sich, wie sie meinen, die Gesellschaft ein weit­eres Mal zur Ken­ntlichkeit entstellt. Die Selb­ster­höhung durch Selb­stern­iedri­gung gelingt früh: »Wir, die über alle Punkte der Welt ver­streute Menge, sind der einzige inter­na­tionale halt­lose Kehricht ohne Grund unter den Füßen«, schreibt Mannheim in seinen Hei­del­berger Briefen. Goebbels hätte es kaum besser for­mulieren kön­nen. Mayer kann sich am Ende aufs Zitieren beschränken: »ich, der Repub­lik­flüchtling und Abschaum…«

5.

Die Rede vom ›Abgrund‹ teilt das Schick­sal aller Wen­dun­gen, die dazu bes­timmt sind, neben ihrem möglichen Sachge­halt einen gewis­sen emo­tionalen Kitzel her­vorzu­rufen: Sie wer­den leicht als lächer­lich emp­fun­den. Sollte sich also so etwas wie ein ›vernün­ftiger Sinn‹ mit ihr verbinden, so sollte es möglich sein, ihn in nüchter­nen Worten auszu­drücken. Ger­ade das erweist sich in diesem Fall als nicht ganz ein­fach. So wenig es sensu stricto ›die Intellek­tuellen‹ gibt, so wenig lässt sich für die sie verbindende rudi­men­täre Denk­figur eine alle gle­icher­maßen befriedi­gende Ausle­gung finden. Im ganzen wird man konzedieren müssen, dass der annoncierte ›vernün­ftige Sinn‹ sich nicht anders als in der Ratio­nal­ität der jew­eili­gen Entwürfe selbst erschließt. Die Rede vom Abgrund muss sich in erfahrungs­gesät­tigten und gedanklich verdichteten Vorstel­lun­gen konkretisieren, Vorstel­lun­gen, die sich dazu eignen, den heiklen Punkt im Selb­stver­ständ­nis der anderen zu tre­f­fen, deren Lebens­ge­fühl aus dem tiefen Ein­ver­standen­sein mit den jew­eils eige­nen Inter­essen erwächst. Die Recht­fer­ti­gung des Intellek­tuellen ist die Pointe, ihre Voraus­set­zung jene Ver­flüs­si­gung der Begriffe, die aus der Fähigkeit zur Dis­tanz­nahme in toto und dem Mut zur Nega­tion stammt.

Als André Gide Mitte der Dreißiger Jahre eine Ein­ladung in die Sow­je­tu­nion wahrn­immt, reist er als Sym­pa­thisant – ein pro­gres­siver Schrift­steller im Dienst an der Sache. Was er zu sehen und hören bekommt, ist geeignet, ihn zu ernüchtern. Doch den auf­steigen­den Bedenken fällt es schwer, sich gegen den als ide­ol­o­gisch kor­rekt emp­fun­de­nen und von den Gast­ge­bern erwarteten Aus­druck notorischen Entzück­ens durchzuset­zen. In seinem Bericht muss Gide alle Topoi der intellek­tuellen Selb­stverpflich­tung gegenüber der Men­schheit mobil­isieren, um die Dis­tanz im Denken zurück­zugewin­nen, aus der er den Gang der Dinge im sozial­is­tis­chen Eden als Ent­gleisung einer Utopie zu charak­ter­isieren imstande ist. Nach­den­klich schreibt er in den nachgeschobe­nen Retuschen: »Es gibt keine Partei, die mich so ergreifen kön­nte, ich will sagen: die mich so fes­thal­ten kön­nte, die mich daran hin­dern kön­nte, die Wahrheit höher zu achten als sie selbst, die Partei. Sobald Lüge im Spiel ist, fühle ich mich unwohl; ich sehe meine Rolle darin, die Unwahrhaftigkeit zu denun­zieren. Ich habe mich der Wahrheit verpflichtet; sobald die Partei die Wahrheit aufkündigt, ver­lasse ich die Partei.«

Eben dies wirft er der der kom­mu­nis­tis­chen Partei Frankre­ichs und der sow­jetis­chen Pro­pa­ganda vor: Sie ver­bre­it­eten Lügen über die wirk­liche Lage der Arbeit­erk­lasse in der Sow­je­tu­nion. Der Vor­wurf wird ihm zurück­gegeben, unter anderem von Lion Feucht­wanger, dessen Moskau-​Bericht aus dem Jahre 1937 dann die Arglosigkeit angesichts des real prak­tizierten Ter­rors auf den Gipfel lit­er­arischer Borniertheit treibt. Gide, erläutert er, habe ein verz­er­rtes Bild der sow­jetis­chen Wirk­lichkeit geze­ich­net, weil es ihm nicht gelun­gen sei, sich von seinen bürg­er­lichen Anschau­un­gen zu lösen. Er selbst müht sich redlich. Kon­se­quent ersetzt er bürg­er­liche Vorurteile durch einen Nick­mech­a­nis­mus, der jede aus­greifende Anschau­ung gegen­stand­s­los wer­den lässt. Auch das hat Gründe: der Emi­grant aus Deutsch­land schreibt einen Kat­e­chis­mus für Entrechtete, denen nicht auch noch dieser Glaube genom­men wer­den soll. Brecht, der die Moskauer Schauprozesse aus der Ferne pri­va­tim kom­men­tiert, scheint ähn­lich zu denken.

Gide jeden­falls erk­lärt uner­schrocken den Nonkon­formis­mus zur Grund­lage seiner schrift­stel­lerischen Exis­tenz. Er schreibt: »Ich glaube, dass die Bedeu­tung eines Schrift­stellers von der rev­o­lu­tionären Kraft abhängt, die ihn beseelt, oder genauer – denn ich bin nicht so verblendet, dass ich nur den linken Schrift­stellern kün­st­lerische Qual­ität zuerken­nen möchte – : von seiner Oppo­si­tion­skraft. Dieser Kraft begeg­nen wir eben­sogut bei Bossuet, Chateaubriand oder, heutzu­tage, bei Claudel, wie bei Molière, Voltaire, Vic­tor Hugo und so vie­len anderen. In unserer Gesellschaft ist der große Schrift­steller, der grosse Kün­stler in seinem Wesen antikon­formistisch: Er schwimmt gegen den Strom.«

Der Nonkon­formis­mus, sprich: die Bere­itschaft, sich zu dis­tanzieren, befähigt den Intellek­tuellen, auszusagen, was die kon­forme Rede ver­schweigt, obwohl es allen vor Augen liegt. Ver­hält­nisse, wie Gide sie beschreibt, in denen der Druck der ver­fügten Real­itäten so über­hand­nimmt, dass die nonkon­formistis­che Geis­te­shal­tung erlis­cht, ohne dass sie sich auf­grund der wirk­lichen Ver­hält­nisse erübri­gen würde, sind das ide­ale Objekt intellek­tueller Kri­tik: Hier erre­icht sie ihr Max­i­mum bere­its durch das bloße Aussprechen der­jeni­gen Überzeu­gung, die sie kon­sti­tu­iert. Und wirk­lich gipfeln Gides Vor­würfe an die Adresse des Stal­in­is­mus in der höh­nis­chen Fest­stel­lung: »Das Glück Aller wird nur durch Entselb­stung eines Jeden erre­icht. Das Glück Aller wird nur auf Kosten eines Jeden erre­icht. Um glück­lich zu sein: seid konform!«

Lässt man sich auf Gides Gedanken­gang ein, so liegt die Kom­pe­tenz der Intellek­tuellen nicht so sehr in der Wit­terung für die kom­menden Dinge, für Entwick­lun­gen und Gefahren, die ›in der Luft liegen‹, wie man sagt. Nie­mand sollte sich den Blick dafür ver­stellen, dass in jeder Gesellschaft eine Menge kluger und vorauss­chauen­der Men­schen ihren Geschäften nachge­hen. Intellek­tuelle genießen in der Hin­sicht kein Priv­i­leg. Ger­ade nicht, möchte man hinzufü­gen: ein­drucksvollen Vor­weg­nah­men kün­ftiger Entwick­lun­gen lassen sich erschreck­ende Beispiele von Kurzsichtigkeit, Ver­bohrtheit und phan­tastis­cher Blind­heit gegenüber sich ankündi­gen­den Gefahren selbst bei erstk­las­si­gen Autoren zur Seite stellen. Wie sollte es auch anders sein?

Das Beispiel Gide lässt etwas anderes her­vortreten – die Selb­stverpflich­tung, das Schweigen zu brechen, mit dem die klu­gen Leute ihr Wis­sen und ihre Ahnun­gen in bezug auf das, was vorgeht, zu umhüllen pfle­gen. Sie fällt mit dem Vor­satz ineins, den eige­nen Vorteil im Kon­flik­t­fall hin­tanzustellen, ihn im Ide­al­fall nicht anders als im Vorteil aller zu suchen. Das läuft nicht sel­ten auf die fatale Alter­na­tive von intellek­tuellem oder pri­vatem Ruin hin­aus. Es ist nur men­schlich, wenn das konkrete Sub­jekt sich für ein tak­tis­ches Sowohl-​als-​auch entschei­det. Ver­mut­lich erk­lärt sich so die Sogkraft intellek­tueller Moden, vor der selbst starke Charak­tere kapit­ulieren. Nicht ohne Grund begleitet die Frage ›Wie hält man sich einen Intellek­tuellen?‹ die Kar­riere dieses eigen­tüm­lichen Beruf­s­standes seit seinen Anfän­gen. Denn gebraucht, wirk­lich gebraucht wer­den seine Vertreter von den gesellschaftlichen Kräften zu dem alleini­gen Zweck, den eige­nen Inter­essen den Anstrich des gemeinen Inter­esses zu geben. Und nicht jed­er­mann ist wil­lens, seine Tage in der Abgeschieden­heit Zarathus­tras zu ver­brin­gen. Die Käu­flichkeit des Geistes im wirk­lichen Leben darf aber nicht vergessen machen, dass hier immer die Ware Unschuld gehan­delt wird, sehr im Gegen­satz zur sex­uellen Prostitution.

6.

1991 veröf­fentlicht Mayer ein Buch mit dem sug­ges­tiven Titel Der Turm von Babel. Der Unter­ti­tel skizziert das Pro­gramm: Erin­nerung an eine Deutsche Demokratis­che Repub­lik. Es ist eine Schrift, in der die ver­suchte Recht­fer­ti­gung der Anfänge der DDR und die Analyse der Ursachen ihres Zer­falls sich die Waage hal­ten. Wenig­stens lautet so die erk­lärte Absicht: »Das schlechte Ende«, schreibt er gle­ich zu Beginn, »wider­legt nicht einen – möglicher­weise – guten Anfang.« Das ist, vor dem Hin­ter­grund geschichtlicher Lek­tio­nen, aus denen schon ein­mal zu ler­nen war, dass die am Ende bet­ro­ge­nen Hoff­nun­gen von vorn­herein erschlich­ene waren, sehr die Frage – überdies eine, die Mayer, hin­geris­sen von der Logik des Argu­ments, mit einer nicht gerin­gen Fehlleis­tung beant­wortet: »Nichts ist so verächtlich wie der Mis­ser­folg?« liest der jäh erstaunende Leser da. »An diese frag­würdige Maxime soll­ten sich ger­ade die Deutschen nicht hal­ten, als Besiegte zweier Weltkriege … Dem Cato gefällt die besiegte Sache.«

Ger­ade die Deutschen? In LTI – Notizbuch eines Philolo­gen erwähnt Vic­tor Klem­perer eine Bemerkung des Ger­man­is­ten Wil­helm Scherer, die ihn während der Naz­i­jahre »frap­pierte und in gewis­sem Sinn erlöste«. Und er zitiert: »Maßlosigkeit scheint der Fluch unserer geisti­gen Entwick­lung. Wir fliegen hoch und sinken um so tiefer. Wir gle­ichen jenem Ger­ma­nen, der im Wür­fel­spiel all sein Besitz­tum ver­loren hat und auf den let­zten Wurf seine eigene Frei­heit setzt und auch die ver­liert und sich willig als Sklave verkaufen lässt. So groß – fügt Tac­i­tus, der es erzählt, hinzu – ist selbst in schlechter Sache die ger­man­is­che Hart­näck­igkeit; sie selbst nen­nen es Treue.«

Sie selbst nen­nen es Treue… Treue wozu? Zu den Kriegszie­len zweier Weltkriege? Wovon spricht der Sozial­ist und Ver­fol­gte des NS-​Regimes da? Man muss wohl (oder übel) unter­stellen, er appel­liere nur eben an den ver­ständlichen Wun­sch einer Verlierer-​Nation, endlich ein­mal zur ver­lore­nen Sache ste­hen zu dür­fen. Er mag volk­stüm­lich gedacht sein oder eher antik – angesichts der ide­ol­o­gis­chen Selb­stver­hed­derung wäre es angemessen, den Ein­fall, dessen Kern kein Gedanke, son­dern ein Ressen­ti­ment bildet, auf sich beruhen zu lassen, grün­dete auf ihm nicht die Architek­tur zwar nicht des baby­lonis­chen Bauw­erks, wohl aber des Werks der Erin­nerung, das hier, wie unter­stellt, geleis­tet wurde. Daran sind Zweifel erlaubt: eher erscheint es wie ein aus flüchtig prä­pari­erten Bruch­stücken eines pet­ri­fizierten Gedächt­nisses zusam­menge­fügtes the­atrum memo­riae, dazu bes­timmt, den Irrweg des sozial­is­tis­chen Staates als eine beson­dere Form der Häre­sie zu beschreiben – als Abwe­ichung von jener auto­bi­ographisch gedeuteten Legal­ität, die sich, wie gese­hen, unter den in Leipzig sein­erzeit zu gewär­ti­gen­den Umstän­den als Gegen-​Legalität zu behaupten hatte. Die DDR scheit­ert, so das Fazit, an der unun­ter­drück­baren Kun­st­figur, für die der involvierte Schrift­steller den eige­nen Namen bere­i­thält; sie scheit­ert – in aller Beschei­den­heit wird es angedeutet – weil sie als Lit­er­atur sich als unfähig erwies, die lit­er­arische Figur Hans Mayer zu inte­gri­eren – ein ästhetis­cher Flop.

Inmit­ten der anek­do­tisch ver­bürgten Denkwürdigkeiten, die diese Lesart zutage fördert, nimmt das Gebiss des ersten Kul­tur­min­is­ters der DDR einen Son­der­platz ein. Johannes R. Becher, erfahren wir, »besaß eine wohl nicht beson­ders gute Zah­n­prothese. Die ließ er manch­mal mit der Zunge her­vorschnellen, zum Entset­zen seiner Part­ner. Es gab auch Züge eines bösen Men­schen in ihm.«

Man muss sich vor Augen hal­ten, um welche ›Part­ner‹ es sich dabei han­delt: um Gesprächspart­ner zum einen, zum anderen um Part­ner in der gemein­samen­Sache. Dass diese zwis­chen dem Min­is­ter und seinem Pro­fes­sor nicht strit­tig war, steht außer Frage: »Als Kul­tur­min­is­ter … ist Johannes R. Becher ein Glücks­fall gewe­sen.« Umso beredter wirkt das ›Entset­zen‹ angesichts der vorschnel­len­den Kauprothese: Reak­tion eines Men­schen, der sich soeben noch als ›Part­ner‹ seines Dien­s­therrn begrif­fen hat und der sich plöt­zlich, unver­mit­telt und darum dop­pelt ver­wund­bar, dem hässlichen Anblick der Macht aus­ge­setzt fühlt. »Er kon­nte lei­den machen, um das zu genießen.« – »Wer ihm zu Willen war, hatte es zu büßen: Män­ner wie Frauen.« Deut­licher – und endgültig ich­be­zo­gen: »Er hat ver­sucht, mich zu ver­nichten, in unseren Anfängen.«

Becher ist der tragis­che Held dieses Buches. Er verkör­pert die Dop­pel­gesichtigkeit des Regimes, seine Men­schlichkeit wie seine Bosheit – let­ztere, so der Ver­fasser, nicht zu ver­wech­seln mit Schlechtigkeit und damit Ver­w­er­flichkeit: selb­stver­ständlich, denn es soll nicht ver­wor­fen wer­den. Bei Becher – sieht man von seinem Gebiss ein­mal ab – erscheint die Bosheit der Macht in Gestalt intellek­tueller Bril­lanz, also ästhetisch gerecht­fer­tigt. Und ästhetisch, in Gestalt intellek­tueller Zer­ris­senheit, spricht durch ihn das Exper­i­ment DDR. »Dass Becher noch bis in die Dreißiger Jahre hinein die Sow­je­tu­nion Lenins als konkret gewor­dene Utopie emp­fand, ist nicht zu bezweifeln. Bech­ers Lenin-​Gedicht, das von Friedrich Hebbel die Formel von dem über­nahm, der »an den Schlaf der Welt rührte«, ist ehrlich und ein gutes Gedicht.« Den Kon­tra­punkt liefert die »von Becher im Auf­trag rasch hingeschriebene« – soll heißen: ästhetisch min­der­w­er­tige – Nation­al­hymneder Deutschen Demokratis­chen Repub­lik, deren unüberse­hbar dürftige Machart den geheimen,Unglauben‹ ihres Ver­fassers an das Pro­jekt ver­rate. »Diese Ver­strick­ung der maßlosen Zuver­sicht mit der geheimen Verzwei­flung findet sich nicht allein im Leben und Werk des offiziell gefeierten Nationaldichters der DDR. Die Wider­sprüche bei Johannes R. Becher waren stel­lvertre­tend für alle, die sich am Turm­bau von Babel seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beteiligt hatten.«

Sollte der Befund zutr­e­f­fen – und welchen Grund kön­nte es geben, an der Zuver­läs­sigkeit dieses Gewährs­manns zu zweifeln? –, so wäre damit mehr gefun­den als ein Mosaik­steinchen zum Ver­ständ­nis von Herrschaft­sat­titüde und Macht­miss­brauch inner­halb des geschlosse­nen Sys­tems DDR; auch das Ende dieses Staates stellte sich um eine Pointe reicher dar. Er würde etwa erk­lären helfen, warum pünk­tlich zum Kulis­senwech­sel, bei schon abge­dunkel­ten Schein­wer­fern, von DDR-​Nostalgikern der zweiten Gar­ni­tur plöt­zlich die aus­ge­di­en­ten Parolen des ›anderen Deutsch­land‹ und des ›drit­ten Weges‹ ins Pub­likum geschleud­ert wer­den kon­nten – Zeichen beachtlicher Welt­fremd­heit, nach­dem in Moskau und ander­norts die Entschei­dung über die Zukunft des Sys­tems längst gefallen war und kein­er­lei ›Staatsvolk‹ mehr für die eine wie die andere phan­tastis­che Fahrt bereitstand.

Jedoch schafft das Wort von der ›geheimen Verzwei­flung‹ zunächst Ausle­gungs­fra­gen. Stumme Verzwei­flung bei lau­thals geäußerter Zuver­sicht – nichts wäre ver­ständlicher und aus der Nachkriegssi­t­u­a­tion her­aus begründ­barer gewe­sen. ›Ver­strick­ung‹ jedoch von geheimer Verzwei­flung und maßloser (warum nicht: öffentlich geäußerter?) Zuver­sicht? Warum, neben­bei, heißt es ›ver­strickt‹ und nicht etwa ›verquickt‹, wie der idioma­tisch ›richtige‹ Aus­druck lautete? Dann das dubiose ›stel­lvertre­tend für alle‹: meint es eine Verzwei­flungs- oder doch nur eine Ver­strick­ungsgemein­schaft, let­ztere ver­strickt in eine maßlose Zuver­sicht, die offenkundig nicht die der sie nähren­den Indi­viduen war, dort, wo sie mit sich allein zu Rate gin­gen? Gilt, schließlich, das Wort von der ›Ver­strick­ung‹ der Maßlosigkeit der Zuver­sicht oder dieser selbst? Wer solche Fra­gen als belan­g­los zur Seite schiebt, weiß nicht, worum es geht, er hat, wie das ein­schlägige Wort heißt, nichts begriffen.

Man nehme also die Behaup­tung zum Nen­nwert und unter­stelle eine mit geheimer Verzwei­flung grundierte Hoff­nung oder das offen­bare Geheim­nis einer hof­fenden Verzwei­flung aller am ›Pro­jekt‹ Beteiligten: Worin, so wäre zu fra­gen, bestände in diesem Milieu die Rolle des notorisch Nicht­teil­nehmenden, der Kun­st­figur H. M.? Weiß er sich, als Unbeteiligter, von den ›Wider­sprüchen‹ des Johannes R. Becher frei? Wovon frei? Von Zuver­sicht? Von Verzwei­flung? Oder erschiene er hier, nach erneuter Selb­st­prü­fung, am Ende nicht ganz so unteil­nehmend wie in den vor der ›Wende‹ gehal­te­nen Poetikvorlesungen?

Die Antwort sollte nie­man­dem leicht­fallen. Schließlich geht es um die linke Innenan­sicht dessen, was Julien Benda in Frankre­ich schon früh den ›Ver­rat‹ der clercs, der öffentlichen Vor­denker, nan­nte. Oder auch nicht: Es geht um die Deu­tung, die das Geschehen Jahrzehnte später im Rück­blick auf diesen hoff­nungs­los ver­sande­ten und schließlich still­gelegten Zweig der ›Geschichte‹ einem ent­lockt, der dabeigewe­sen ist und – wen­ngle­ich gele­gentlich an pri­vaten Fron­ten – tapfer mit­ge­fochten hat. Als Otto Grote­wohl Mayer als »eine[n] der Vor­sitzen­den der Vere­ini­gung der Ver­fol­gten des Naziregimes (VVN) zu einem Gespräch über Per­son­al­fra­gen des kul­turellen Lebens nach Berlin bit­tet«, da reagiert dieser, wie es dem ›Amt­sträger‹ ansteht: »Grote­wohl wün­schte das Gespräch, um einen offiziellen Wider­spruch der Naziopfer gegen seine Beru­fungspläne zu ver­mei­den. Bei der wichtig­sten Beru­fung, die dann erfol­gte, hat er richtig gehan­delt. Seine Argu­men­ta­tion hatte mich überzeugt.« Man hätte das gerne aus­führlicher erfahren: Welche Beru­fun­gen standen an, welche Argu­men­ta­tion hatte überzeugt? Der Erzäh­ler hüllt sich in Schweigen; erk­lär­lich, denn er weiß, dass Per­son­a­lia mit Diskre­tion zu behan­deln sind. Ein Amtsin­haber hat sich überzeu­gen lassen, ein Amtsin­haber hat zuges­timmt. Eine Lap­palie? Vielle­icht. Aber die ›Linie‹ setzt sich fort. Etwa in der Episode, der Mayer ein Miniatur­por­trait des ehe­ma­li­gen Buchenwald-​Häftlings und nun­mehr per­sön­lichen Sekretärs Wil­helm Piecks im Parteivor­stand, Wal­ter Bar­tel, vorauss­chickt: »Wil­helm Pieck hatte ihn geholt, Wal­ter Bar­tel liebte seinen Chef. Er kam zu mir nach Leipzig, wohl gegen Ende des Jahres 1948, und fragte an, ob ich bereit sei, im März im Weimarer Nation­althe­ater auf einer Goethe-​Feier der Freien Deutschen Jugend gemein­sam mit Erich Honecker zu sprechen. Ich war Pro­fes­sor der deutschen Lit­er­aturgeschichte an der Uni­ver­sität Leipzig, ein solcher Auf­trag war meines Amtes, es war auch eine Freude, ich sagte zu. Dann hatte Wal­ter Bar­tel noch einen zweiten Vorschlag zu machen. Neben der Mor­gen­ver­anstal­tung im Nation­althe­ater … sollte am Abend oder am näch­sten Abend auch eine große Massenkundge­bung ver­anstal­tet wer­den in der Weimarhalle. Dort sollte Otto Grote­wohl sprechen. Ob ich bereit sei, ihn bei der Vor­bere­itung seiner Rede zu beraten? Auch das war ›meines Amtes‹, und ich sagte zu.«

Aber gewiss, gewiss: wer hätte sich da etwas vorzuw­er­fen? Und doch ist der gepresste Ton einer Selb­strecht­fer­ti­gung kaum zu über­hören, die bei Nebe­num­stän­den ver­weilt, antifaschis­tis­che Rem­i­niszen­zen bemüht, um unver­mutet mit der Beschwörung von Loy­al­itäten zu enden. Etwas (der Leser allein mag es sich zurechtle­gen) ist dem Autor pein­lich bei der Erin­nerung an solche Szenen, die ihn als Beteiligten vor­führen, so wie es ›seines Amtes‹ war. Das ›Amt‹ salviert den Intellek­tuellen wie nur irgen­deinen der ins ›Pro­jekt‹ Ver­strick­ten. Mehr noch, es gibt ihm die Fas­son, die es ihm als Intellek­tuellen erlaubt, sich im nach­hinein aus der Sit­u­a­tion zu ent­fer­nen, als habe sie für ihn nie bestanden.

Zwis­chen dem ›mächti­gen‹ Kul­tur­min­is­ter Becher und dem ›kleinen‹ Leipziger Amtsin­haber besteht in dieser Hin­sicht kein großer Unter­schied. Das ›Amt‹ ver­strickt und salviert in einem. Was ist schon dabei für einen, der sich per­sön­lich nichts vorzuw­er­fen hat? Bech­ers Prothese – eine Skur­ril­ität, darüber hin­aus aber auch ein Sym­bol für das, wovor man sich in acht nehmen muss. Über diese gefährliche Macht medi­tiert Mayer hin und wieder in den Erin­nerun­gen, am lieb­sten im Anschluss an Anekdotisches.

»Brecht fuhr oft durchs Bran­den­burger Tor nach West­ber­lin … Mit Recht ging er davon aus, dass die Kon­trolleure, die sel­ten aus­gewech­selt wur­den, allmäh­lich wis­sen mussten, wer da mor­gens nach Westen fuhr, um am Abend zurück­zukehren. Allein Brecht hatte nicht mit der Sturheit der Wach­haben­den gerech­net, die wohl auch nei­disch waren über den Priv­i­legierten, der zudem nicht ein­mal der Partei ange­hörte. Darum das geläu­fige Spiel einer Kon­trolle, der Brecht die Weigerung ent­ge­genset­zte, in die Tasche zu greifen, um das Papier her­vorzu­holen. Meist musste dann ein ›Höherer‹ geholt wer­den, der den berühmten Kün­stler aus­reisen ließ.« Eine hüb­sche Geschichte. Der berühmte Kün­stler spielt ein wenig Frau Marthe aus Kleists Der zer­brochne Krug. Hüb­scher wäre die Episode allerd­ings, käme nicht noch die Pointe. »Eines Mor­gens jedoch ver­lor der Funk­tionär am Bran­den­burger Tor die Ner­ven: ›Mit ihnen hat man doch immer Scher­ereien.‹ Darauf schien der Dra­matiker gewartet zu haben. Nun reichte es zu einer Beschw­erde beim Min­is­ter­präsi­den­ten Grote­wohl. Es wurde Anweisung gegeben, den Unfug zu unterlassen.«

Als Nation­al­preisträger der DDR ist Brecht Inhaber eines ›roten Ausweises‹. Die Episode spielt also unter Amt­strägern, zu denen der Erzäh­ler rasch auf­schließt: »Natür­lich kann man Brechts Ver­hal­ten als ›elitär‹ beze­ich­nen. Auch eine solche Beurteilung hätte die Spiel­regeln verkannt. Alle Gesellschaftssys­teme nach sow­jetis­chem Vor­bild grün­den sich auf der Ungle­ich­heit zwis­chen den Trägern der Macht, verkör­pert in der herrschen­den kom­mu­nis­tis­chen Partei, mit dem Polit­büro ›an der Spitze‹, wie der rus­sis­che, allen­thal­ben nachüber­set­zte Aus­druck zu lauten hatte, und allen übri­gen sozial­is­tis­chen Unter­ta­nen. Da Ungle­ich­heit wal­tete in der Deutschen Demokratis­chen Repub­lik, und zwar als Zweit­eilung zwis­chen Partei und Volk, all­ge­mein sogar anerkannt als Unterord­nung des Staat­sap­pa­rates unter den Parteiap­pa­rat, und des Parteiap­pa­rates unter den Appa­rat der ›Fre­unde‹, also der Russen, demon­stri­erte Brecht für sich, und damit nicht für sich allein, eine Gegen­hier­ar­chie zur offiziellen. Die Mit­glieder eines Polit­büros mochten kom­men und gehen, sie hat­ten Macht auf Wider­ruf, wie sich stets wieder zeigen sollte. Brecht war, als Bürger dieses Staates, eine Macht ohne Wider­ruf, und das sollte man sich gesagt sein lassen.«

Es wäre gut zu wis­sen, welche ›Gegen­hier­ar­chie‹ hier gemeint sein mag. Etwa die der ›wirk­lich bedeu­ten­den Men­schen‹? Oder nimmt der renom­mierte Kün­stler als ein­facher ›Bürger dieses Staates‹ vielle­icht nur das Recht des ober­sten Sou­veräns in Anspruch, über dem – im übri­gen gut­ge­heiße­nen – ›Gren­zreg­i­ment‹ seines Staates zu ste­hen – mit oder ohne rotem Ausweis? Für wen mochte es dann wohl gelten?

So aus­gelegt, präludiert das Histörchen den Okto­ber­ereignis­sen des Jahres 1989, als das vielz­i­tierte Volk seiner Obrigkeit just diese Erken­nt­nisleis­tung abver­langte: Wir sind das Volk. Vom Volk ist bei Mayer ohne­hin, wen­ngle­ich in fein dosierter Anspielung die Rede, sogar vom einen: ›Die Mit­glieder eines Polit­büros mochten kom­men und gehen‹ erin­nert an den Stalin-​Spuch von den Hitlern, die kom­men und gehen, indessen das deutsche Volk beste­hen­bleibe. Ein sorgsam angepasster, trotzig-​feinsinniger Patri­o­tismus grundiert diese Pas­sage wie manche andere. Wohl deshalb liest man sie im nach­hinein mit anderen Augen. Denn die objek­tive – und ver­mut­lich auch sub­jek­tive – Ironie, mit der 1989 die Parolen der Partei gegen ihren Mach­tanspruch gewen­det wur­den, sucht man in dem Scherz, den sich der berühmte Kün­stler mit der Obrigkeit erlaubt, vergebens. Ein Stück­eschreiber, Sou­verän von eige­nen Gnaden, legt sich im Ver­trauen auf seine ›Unberührbarkeit‹ mit einem kor­rek­ten Gren­z­posten an, dem der allzu devot applaudierende Erzäh­ler prompt ein pri­vates Nei­d­mo­tiv unter­stellt. Geschichten gle­ichen Kalibers zirkulieren über diverse Größen des Nazi–show­busi­ness. Um das erbärm­liche Cliquen­we­sen zu bemerken, das aus ihnen spricht, braucht man sich nur in Erin­nerung zu rufen, wie etwa der späte Sartre mit dem ihm zuge­fal­l­enen Priv­i­leg einer schwer zu durch­brechen­den Immu­nität fer­tig zu wer­den ver­sucht – der Nar­ren­frei­heit des promi­nen­ten Freigeistes. ›Bürg­er­lich‹ ist das, was sich zwis­chen Brecht, Grote­wohl und dem Erzäh­ler abspielt, ohne­hin: das Genie muss gehätschelt wer­den, es ist und bleibt ein großes Kind, der Aus­nah­memen­sch, an dem Verord­nun­gen, die aus­re­ichen, andere ins Unglück zu stürzen, zu bloßem ‚Unfug‹ ver­dampfen. Aber es bleibt eine Bürg­er­lichkeit post mortem. Die Angst, als Banause dazuste­hen, dik­tiert dem soza­l­is­tis­chen Par­venü das Handeln.

All diese Geschichtchen sind läp­pisch und auf­schlussre­ich zugle­ich, intellek­tuelle Köpenick­i­aden, die der Anzeige jenes Unbe­ha­gens in der – ›selb­st­gewirk­ten‹ – Geschichte dienen, das Mayer im nach­hinein als heim­lichen Unglauben der Pro­tag­o­nis­ten an ihr Pro­jekt diag­nos­tiziert. Übri­gens ste­hen sie nicht allein: darf man Goebbels’ Tage­büch­ern ver­trauen, dann blieb der braune Pro­pa­gan­dist und Intellek­tuel­len­fresser von ver­gle­ich­baren Anwand­lun­gen nicht ver­schont. Immer­hin ver­rät er das Rezept, mit dem sich ihnen beikom­men lässt: ›fanatis­che‹ Überzeu­gungsar­beit – und sei’s an sich selbst. Es nimmt nicht wun­der, dass die Erin­nerung dessen, dem diese Real­ität – die, bei aus­re­ichen­den Berührungs­flächen, von ihm zwangsläu­fig als seine ange­se­hen wird – durch den Gang der Ereignisse abhan­den gekom­men ist, jene andere – damals fol­gen­lose – Seite der Erfahrung und des Lebens­ge­fühls her­auskehrt, um an ihr den nicht bornierten, nicht fanatis­chen, nicht ›in Bausch und Bogen‹ zu ver­dammenden Grundzug der Epoche aufzuweisen – nach dem schwer zu wider­legen­den Grund­satz: Wir haben gelebt. Fragt sich, auf wessen Kosten.

7.

Die vielle­icht auf­fäl­lig­ste stilis­tis­che Eigen­heit der Vor­lesun­gen ist der durchge­hende Gebrauch des unbes­timmten Artikels: Erin­nerung an eine Deutsche Demokratis­che Repub­lik. So, als ›eine‹ Deutsche Demokratis­che Repub­lik, bleibt die DDR das Buch hin­durch präsent: wohl nicht als eine DDR unter anderen, sicher aber als auch eine demokratis­che Repub­lik auf deutschem Boden. Eine zweite Bedeu­tung kommt hinzu: Erin­nerung an eine andere DDR, die es auch gab und deren Bild im Unter­gang dieses Gemein­we­sens abhan­den zu kom­men drohe. Das liegt auf der Hand und ist leicht einzuse­hen. Was aber ist von »eine[r] ›Lit­er­atur der DDR‹« zu hal­ten, von der es heißt, dass »ihre kün­ftige Mannschaft« im Okto­ber 1947 »bere­its in voller Trup­pen­stärke« tagen und debat­tieren kon­nte? Oder von fol­gen­dem Satz: »Eine Deutsche Akademie der Kün­ste hieß nun­mehr Akademie der Kün­ste der DDR.« Der Weg von einem solchen Satz zu For­mulierun­gen wie»während eines Zweiten Weltkrieges« oder »vor dem Mikro­fon eines Drit­ten Reiches« erscheint ›irgend­wie‹ kon­se­quent. Doch es ist zweifel­los eine mech­a­nis­che Kon­se­quenz, eine Kon­se­quenz des ver­lorenge­gan­genen Sinns, eine Kon­se­quenz mit Symptomwert.

Zum mech­a­nis­chen Gebrauch des unbes­timmten Artikels vor Beze­ich­nun­gen, auf denen im Zusam­men­hang der Vertei­di­gungsrede ein beson­derer Nach­druck liegt, tritt die erzäh­lerische Manier, wichtige Begeben­heiten – wichtig im Sinn der Ver tei­di­gung – zweimal zu berichten, eine Manier, die dort schär­fere Kon­turen erhält, wo der Bericht das eine Mal eine Mut­maßung, das andere Mal hinge­gen eine Tat­sachen­fest­stel­lung offeriert. So heißt es an einer Stelle, der »schnei­dend scharfe und kri­tis­che Journalist«Rudolf Her­rn­stadt­sei als Chefredak­teur des Neuen Deutsch­land abge­setzt und, »gle­ich­sam zum Hohn, irgendwo in ein Staat­sarchiv, war es nicht Merse­burg?« geschickt wor­den. Gut zwanzig Seiten später liest man: »Her­rn­stadt wurde abge­setzt und nach Merse­burg als Staat­sarchivar ver­bannt.« Auch das umgekehrte Ver­fahren findet statt.

Nimmt man den mech­a­nis­chen Gebrauch des unbes­timmten Artikels und die archais­che Form der Beglaubi­gung eines Vor­gangs oder einer Sen­tenz durch Wieder­hol­ung zusam­men, dann drängt sich unwillkür­lich die Vok­a­bel der ›Abwehr‹ auf. Die Figur der Nicht­teil­nahme – durch einen lap­sus lin­guae inzwis­chen als Nichtver­strick­t­sein zur Ken­ntlichkeit gediehen –, diese Figur geht unter in der zwang­haften Schaustel­lung eines Real­ität­sen­twurfs, in dem Namen wie DDR, Polit­büro, Drittes Reich wie Marken oder Spielka­rten einge­setzt wer­den. Nicht die DDR, wie sie gewe­sen ist, wird vertei­digt, son­dern der Entwurf einer Welt, in der – um das Bild der Spielka­rten wieder aufzunehmen – ein Pik-​As so gut wie ein anderes sticht, solange nie­mand es wagt, sich gegen die Regeln – sprich: Wer­tun­gen – zu verge­hen. Die früh vol­l­zo­gene ›Entschei­dung‹ für die kom­mende Men­schheit ist offen­bar durch keinen Affront mit der Erfahrung aufzuheben. In der Erin­nerung rücken die Akteure und ihre Gehil­fen noch ein­mal zusam­men, nach­dem das Leben sie längst auseinan­der­di­vi­diert hat. Ob das neue, aus der Auflö­sung des erin­nerten Staatswe­sens fließende Wis­sen um seine raî­son d’être oder die eige­nen, zur Darstel­lung nicht zuge­lasse­nen Erin­nerun­gen abgewehrt wer­den – bei­des wirkt uner­he­blich angesichts des lebensweltlich ver­hängten Tabus über die Regeln des intellek­tuellen Spiels, dem es jed­erzeit und über­all Respekt zu ver­schaf­fen gilt – und wie!

»Kurella war ein gebilde­ter Lit­erat und Kom­mu­nist. Er hatte noch mit Lenin disku­tiert.« Nur zu. »Kurella wurde früh Kom­mu­nist. Er hat noch in Moskau mit Lenin disku­tiert. Sein Buch ›Mus­solini ohne Maske‹ aus den zwanziger Jahren habe ich in guter Erin­nerung.« Wer glaubt, ein älterer Weggenosse werde hier mit acht­barem Lob bedacht, muss sich als­bald eines besseren belehren lassen. Der Kul­tur­funk­tionär Alfred Kurella wird im Turm von Babel als Beispiel einer neg­a­tiven Schrift­stellerex­is­tenz vorge­führt. Das schein­bare Lob ver­weist auf das Tremen­dum: ›Er hat noch in Moskau mit Lenin disku­tiert.‹ Ein Mann, der vom Heili­gen berührt wurde, prof­i­tiert davon noch im Gedenken – er ist unberührbar. Dass einer die Wei­hen besaß und fehlen kon­nte, ›Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, /​Und viel zu grauen­voll, als dass man klage«. Der Fall wäre nicht der Rede wert, kön­nte er nicht eine andere Stelle aufk­lären helfen, die, für sich allein, unver­standen bliebe. Mayer berichtet, der Schrift­stellerver­band der DDR habe »mehr und mehr den Ver­band der sow­jetis­chen Kol­le­gen« imi­tiert, denen Hein­rich Böll»als Inter­na­tionaler Präsi­dent des PEN-​Clubs« vorge­wor­fen habe, »sie denun­zierten ihre Mit­glieder, statt sie zu schützen.« Daran schließt sich fol­gende Erläuterung an: »Allein eben dadurch wurde es möglich, dass sich die offiziellen Autoren und Organ­i­sa­tio­nen einer Deutschen Demokratis­chen Repub­lik ihre eige­nen Wider­sacher und Nach­fol­ger her­anziehen mussten. Mit der Dialek­tik war nicht zu spaßen.

Wie bitte? Wie immer man diesen Satz lesen möchte, es fällt schwer, ihn anders als zynisch zu inter­pretieren. Doch der Ver­fasser hat mit Zynis­mus nichts im Sinn. Deut­lich wird das anlässlich einer Ehren­ret­tung des Partei­dichters und ehe­ma­li­gen KZ-​Häftlings Willi Bre­del, die mit den Worten schließt: »Aber das alles kommt im Obersem­i­nar nicht vor. Bewältigte Ver­gan­gen­heit? Mit der Dialek­tik lässt sich nicht spaßen.« In der Wieder­hol­ung entschleiert sich der ominöse Satz, dass mit der Dialek­tik nicht zu spaßen sei, als das, was er ist: als ein unter dem Druck existentiell-​argumentativer Nöte entschlüpfter und auf keine Weise zurück­zu­holen­der Nicht-​Satz voll laten­ter Aggres­siv­ität, Abweisung – jen­seits allen Argu­ments – einer Real­ität, in der es allerd­ings zu den erlaubten Din­gen zählen möchte, sich der Dialek­tik ›zum Spaß‹ zu bedi­enen, in der es sich sogar als moralisch geboten her­ausstellen kön­nte, sie ›in der Real­ität‹ fol­gen­los bleiben zu lassen. Wer will, kann in dem Satz eine bewußte Unter­schre­itung der Stan­dards ratio­naler Rede erblicken und einen die eigene Absur­dität bil­li­gend in Kauf nehmenden Aus­fall gegen die unan­nehm­bareNor­mal­ität des West­ens, von der die Frank­furter Vor­lesun­gen zu berichten wussten.

Die Exil­vernei­n­ung des – nun­mehr auf die ›alte‹ Bun­desre­pub­lik sich beziehen­den – Außen­seit­ers, sie wird nicht gerecht­fer­tigt, sie kann nicht gerecht­fer­tigt wer­den, weil ihre Recht­fer­ti­gung – im Sinne ratio­naler Argu­men­ta­tion – die Anerken­nung einer als klein­bürg­er­lich gebrand­mark­ten und damit von vorn­herein desavouierten Nor­mal­ität voraus­setzt, die, wie der bit­tere Hohn über das Obersem­i­nar ex neg­a­tivo ein­räumt, eine Nor­mal­ität ratio­nalen Argu­men­tierens ein­schließt. Diese Anerken­nung ist aber ger­ade das, was es zu ver­weigern gilt. Das Skan­dalon des Satzes über die Dialek­tik, mit der nicht zu spaßen sei, zeigt, in welcher Rich­tung die Selb­strecht­fer­ti­gung des Außen­seit­ers gesucht wer­den muss: in Rich­tung auf die ›dialek­tisch‹ genan­nte Ver­fer­ti­gung von Wider­sprüchen, in denen sich ange­blich der spez­i­fis­che ›Ernst‹ der Gesellschaft spiegelt, als Autopoiesis des – um es in einen Lieblingsaus­druck des Autors zu fassen – unglück­lichen Bewusstseins.

8.

Nach dem Ende der Sys­teme öffnet das Gedächt­nis seine Archive. Sagen, wie es war – der Impuls dient der Entkräf­tung des the­o­retis­chen Wahns, nach­dem der prak­tis­che sich gruß­los ver­ab­schiedet hat. Von den Arbeiten, die dabei zutage­treten, gilt – vielle­icht in höherem Maß als von denen, die kom­menden Umstürzen das Wort reden –, dass sie eher »Maschi­nen zur Verän­derung des Men­schen« als Büch­ern gle­ichen. Unter ihnen ste­hen Tage­bücher an erster Stelle. Schon ihre quasi-​mechanische Anlage, das Vor­rücken von Tag zu Tag, wirkt als Mit­tel der Entkräf­tung von The­sen und The­o­re­men ebenso wie von Posen und Pon­der­abilien, gle­ichgültig darum, wie der Autor es zum Zeit­punkt der Nieder­schrift meinte. Im Tage­buch, dieser gle­ichgültig­sten Form der Aufze­ich­nung, regener­iert sich das a-​thetische und impon­der­able Wesen des All­t­ags, der bestanden – und über­standen – wer­den muss. Tage­buch­schreiber agieren unter Druck; was sie fes­thal­ten wollen, ent­gleitet ihnen unter der Hand. Tage­bücher sind Exkre­mente. In ihnen resig­niert der Intellekt noch in seinen feurig­sten – und schau­rig­sten – Kapriolen.

Gedanken wie diese drän­gen sich auf, legt man die bei­den – neben Ernst Jüngers unaufhalt­sam wuch­ern­dem Mon­u­men­tal­w­erk – gewichtig­sten Tage­buch­pub­lika­tio­nen der let­zten Jahre nebeneinan­der – Klem­per­ers schon erwäh­nte Aufze­ich­nun­gen aus den Jahren 1933 bis 1945 und die von 1924 bis 1945 reichen­den Goebbels-​Tagebücher. Beide erschienen – aus höchst unter­schiedlichen Grün­den – mit Ver­spä­tung, aber zur rechten Zeit, jeden­falls für Leser, die einen Sinn für Brechun­gen besaßen: die Art und Weise, wie hier Täter und Kom­men­ta­tor, Ver­fol­ger und Ver­fol­gter, Macht und Ohn­macht Blatt für Blatt die jew­eils andere Seite des Tages beschriften, kon­trastierte höchst merk­würdig mit den aktuellen state­ments ent­machteter östlicher Größen und ihrer ver­flosse­nen Wider­sacher vor alles in allem iden­tis­chen Kam­eras. Man kann nur ahnen, was der Erforscher der Lin­gua Ter­tii Imperii wohl für die Ken­nt­nis fol­gen­der Aufze­ich­nung des Min­is­ters vom 30. August 1938 gegeben hätte: »Ich lasse mir den Schrift­steller Wiechert aus dem K.Z. vor­führen und halte ihm eine Philip­pika, die sich gewaschen hat … Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab.« Oder des sach­lich ebenso ein­deuti­gen wie syn­tak­tisch beden­klichen Folge­satzes: »Hin­ter einem neuen Verge­hen steht nur die physis­che Ver­nich­tung. Das wis­sen wir nun beide.« Dass nach dem geisti­gen Abstechen das physis­che kom­men sollte, durfte seit län­gerem als aus­gemacht gel­ten. Dass es hin­ter dem kün­fti­gen ›Verge­hen‹ des Ver­warn­ten steht, als Schat­ten wie als Sub­stanz, erhellt das in den Ges­tus absoluten Ver­fü­gens eingeschlossene Eingeständ­nis der Unzugänglichkeit des ›Part­ners‹ – Ver­fü­gen und Ver­nichten fallen ineins. Immer­hin scheint Klem­perer gewusst zu haben, in welchem Aus­maß das eine wie das andere sich als Stim­mungssache mask­iert. »Nach­mit­tags kommt der Führer. Es [sic!] ist gut in Stim­mung. Scharf gegen die Juden.«

Lässt man – auch wenn es schw­er­fällt – das radikal Böse ein­mal außer acht, das sich in solchen Sätzen ganz unverblümt äußert, dann kann leicht der Ein­druck aufkom­men, es bei diesen Aufze­ich­nun­gen aus dem nation­al­sozial­is­tis­chen Toll­haus tat­säch­lich mit Illus­tra­tio­nen jener religiösen ›Gestalt‹ des Bewusst­seins zu tun zu haben, die Hegel in der Phänom­e­nolo­gie des Geistes das unglück­liche Bewusst­sein nennt. Denn anders als Mayer und andere durch Erfahrung gewitzte Parteigänger des Welt­geistes ihren Lesern weis­machen wollen, stammt der Schmerz, den let­zteres empfindet, keineswegs aus der Ein­sicht in die unge­woll­ten Neben­fol­gen der moralis­chen Aktion. Auf der Stufe des Unglücks, auf der es sich aufhält, ist es bis zur Moral­ität noch weit. Wohl aber heißt es von ihm, es sei »zunächst in dem Ver­hält­nisse zweier Extreme; es steht als das tätige Dies­seits auf einer Seite und ihm gegenüber die pas­sive Wirk­lichkeit; beide in Beziehung aufeinan­der, aber auch beide in das Unwan­del­bare zurück­ge­gan­gen und an sich fes­thal­tend.« Und weiter: »Das Extrem der Wirk­lichkeit wird durch das tätige Extrem aufge­hoben … Die tätige Kraft erscheint als die Macht, worin die Wirk­lichkeit sich auflöst; darum aber ist für dieses Bewusst­sein, welchem das Ansich oder das Wesen ein ihm Anderes ist, diese Macht, als welche es in der Tätigkeit auftritt, das Jen­seits seiner selbst.« Die ange­führten Sätze über die ›Unterre­dung‹ mit Wiechert bekun­den diese ›Ein­stel­lung‹ mit einer Präzi­sion, an der vor allem verblüfft, wie ver­lässlich sie in beinahe beliebi­gen Zusam­men­hän­gen aufs neue in Erschei­n­ung tritt: »Ich ordne das Prob­lem der entarteten Kunst neu. Die verkauf­baren Bilder wer­den an das Aus­land verkauft, die anderen in Schreck­en­sausstel­lun­gen zusam­menge­fasst oder ver­nichtet. Damit ist das auch aus­ge­s­tanden.« Ein Prob­lem lösen, indem man es ›ord­net‹: die unziem­liche Verk­nap­pung, die in diesem Aus­druck liegt, bekun­det unüberse­hbar jene ›Macht, worin die Wirk­lichkeit sich auflöst‹; der Nach­satz (,Damit ist das auch aus­ge­s­tanden‹) zeigt sie zur Genüge als unbe­grif­f­enes ›Jen­seits‹ des zur Aktion entschlosse­nen Bewusst­seins. Selb­stre­dend muss nicht gefragt wer­den, welche ›Ord­nung‹ hier exeku­tiert wird: ›verkaufen‹, ›zusam­men­fassen‹, ›ver­nichten‹, das sind an sich keine beson­ders sub­tilen Vari­anten des Spiels mit der Macht. Die ›Per­son‹, die sich im Kon­formis­mus solcher Mach­tausübung zeigt, wird von Hegel deut­lich genug charak­ter­isiert: »so sehen wir nur eine auf sich und ihr kleines Tun beschränkte und sich bebrü­tende, ebenso unglück­liche als ärm­liche Per­sön­lichkeit.« O-​Ton Goebbels: »Was soll ich noch tuen? Es ist ja alles so unsin­nig gewor­den. Ich finde keinen Ausweg mehr. Wozu auch? Ich will Ruhe und Frieden finden!« – »Jahreswech­sel! Schauder­haft! Man möchte sich am lieb­sten aufhängen.«

Man soll mit allem wuch­ern, denke ich,
Warum nicht mit ver­fall­nem Men­schen­leben?
Es kom­men Fälle, wo mans brauchen kann!

Zu Recht wird das bel­letris­tis­che Nach­leben philosophis­cher Schlag­worte stets von Mis­strauen begleitet. Gle­icher­maßen passend und unpassend, lenken sie die Aufmerk­samkeit in eine bes­timmte Rich­tung und hal­ten sie möglicher­weise von wichtigeren Beobach­tun­gen ab. In diesem Fall stellt sich das Prob­lem jedoch anders. Was, so ist zu fra­gen, lässt jene weni­gen Seiten der Phänom­e­nolo­gie so ver­lock­end erscheinen, dass man immer wieder darauf zurück­greift, sobald es darum geht, bes­timmte Aspekte einer spez­i­fisch mod­er­nen Geis­tesver­fas­sung näher zu bes­tim­men? Denn offenkundig erfährt man wenig oder nichts über die Eige­nart des nation­al­sozial­is­tis­chen Herrschaftssys­tems, wenn man bei einem seiner Repräsen­tan­ten Züge des unglück­lichen Bewusst­seins aufdeckt. Im Gegen­teil: es rückt ihn näher – für manche: beden­klich nahe – an den Typus des Funk­tionärs heran, den uns Mayer zwar nicht im Mit­telpunkt der östlichen Macht, aber in ihrem eng­sten Zirkel anzunehmen nötigt. Zwis­chen der Gebiss-​Pantomime des Johannes R. Becher und der Wiechert-​Notiz des Dr. Goebbels besteht nur ein gradu­eller Unter­schied, der sich in manchen Fällen bis zur Unken­ntlichkeit ver­ringert haben dürfte. Und schließlich offen­bart es eine wiederum nur gradu­elle Dif­ferenz zwis­chen dem Funk­tionär und dem aufgek­lärten, unteil­nehmenden, wiewohl dauer­haft ›ver­strick­ten‹ Intellek­tuellen, für den der Autor, der sich daran erin­nert, wie es wirk­lich war, selbst ein­steht. Das Geheim­nis des inneren Zirkels der rev­o­lu­tionären Macht und der ihr ergebe­nen Geis­ter, von Mayer aus­ge­plaud­ert und ›ent­deckt‹, der ver­bor­gene Unglaube an die eigene Sache, der täglich aufs schärf­ste bekämpft wer­den muss, um im Kampf der Sys­teme – und Kar­ri­eren – standzuhal­ten, dieses Geheim­nis führt tiefer in die Gründe und Abgründe der intellek­tuellen Exis­tenz ein als jede ›Ent­larvung‹ – von welcher inter­essierten Seite auch immer. Denn in diesem Fall gibt es keine Larve, unter der jemand sein wahres Gesicht ver­ber­gen kön­nte, weil das, was als Maske anzuse­hen wäre, erst das Gesicht beze­ich­net. Die angestrengte, genauer: zu unge­meiner Anstren­gung auf­s­tachel­nde Überzeu­gung deutet auf die Ent­las­tung, die in der Überzeu­gung selbst liegt. Da sie aber nicht in sich selbst zu ruhen scheint, son­dern in der Anstren­gung, legt sich der Schluss nahe, es müsse mit dieser Überzeu­gung seine eigene Bewandt­nis haben.

Hegel lässt das unglück­liche Bewusst­sein aus dem Skep­tizis­mus her­vorge­hen. Let­zter sei die »reale Neg­a­tiv­ität« des »freien Selb­st­be­wusst­seins«; in ihm werde der Gedanke zu einem »das Sein der vielfach bes­timmten Welt ver­nich­t­en­den Denken«, das Bewusst­sein hinge­gen »die absolute dialek­tis­che Unruhe«: »Wird ihm die Gle­ich­heit aufgezeigt, so zeigt es die Ungle­ich­heit auf; und indem ihm diese, die es eben aus­ge­sprochen hat, jetzt vorge­hal­ten wird, so geht es zum Aufzeigen der Gle­ich­heit über; sein Gerede ist in der Tat ein Gezänke eigensin­niger Jun­gen, deren einer A sagt, wenn der andere B, und wieder B, wenn der andere A, und die sich durch den Wider­spruch mit sich selbst die Freude erkaufen, miteinan­der im Wider­spruche zu bleiben.« Die Freude schwindet umge­hend, sobald das Bewusst­sein dieses Spiel durch­schaut und ›für sich‹ beide Seiten zu sein beginnt; sie macht dem Unglück Platz, das darin besteht, mit sich im Wider­spruch zu liegen, in sich entzweit zu sein, ohne dem Zwies­palt entkom­men zu kön­nen. Das unglück­liche Bewusst­sein ist also das über sich aufgek­lärte skep­tis­che Bewusst­sein, und wenn dieses angele­gentlich als »bewusst­lose Fase­lei« apos­tro­phiert wird, so kön­nte man jenes mit Fug als die zum Bewusst­sein ihrer selbst gekommene Fase­lei bezeichnen.

Die jedoch, daran lässt Hegel keinen Zweifel, ist als Kampf zu ver­ste­hen, als ein aus­sicht­sloser dazu, da ihr Sieg »vielmehr ein Unter­liegen, das eine erre­icht zu haben vielmehr der Ver­lust des­sel­ben in seinem Gegen­teile« sei. Die Metaphorik von Kampf, Feind, Sieg und Nieder­lage lässt ebenso hell­hörig wer­den wie die der Ver­nich­tung, mit der die Frei­heit des Selb­st­be­wusst­seins ihren Lauf beginnt. Das in sich selbst ver­fein­dete Bewusst­sein – Hegel spricht vom ›Feind in seiner eigen­sten Gestalt‹ – macht eine zweifache Erfahrung: das »Her­vortreten der Einzel­heit am Unwan­del­baren und des Unwan­del­baren an der Einzel­heit« – kein Wun­der, da es nichts weiter zu voll­brin­gen hat als das Werk der Skep­sis am sich unwan­del­bar dünk­enden skep­tis­chen Bewusst­sein. Kurioser­weise insze­niert die skep­tis­che Reflex­ion auf sich einen dop­pel­ten Betrug: schein­bar verzichtet das Bewusst­sein in seinem Unglück auf die »Befriedi­gung seines Selb­st­ge­fühls«, während es doch wirk­liche »Begierde, Arbeit und Genuss«, also reale Befriedi­gung ist, und schein­bar wird es zum pas­siven – hof­fenden und sich in Dankbarkeit ver­lieren­den – Empfänger von Gun­st­be­weisen, die eine abges­pal­tene, ange­blich unendlich fremde Real­ität ihm gele­gentlich schenkt, während es allein durch seine andächtige Ein­stel­lung hin­re­ichend zu erken­nen gibt, in welcher Weise es jene sich vorstellt.

Dies alles spielt in den Vor­bezirken des Wis­sens, im Zirkel von Glaube, Hoff­nung, Skep­sis, in dem sich Intellek­tuelle aus inner­stem Antrieb bewe­gen. Die imag­inäre Zurich­tung des Geg­n­ers, seine Ver­nich­tung im Geiste, aus der er ungerührt wieder ersteht, weil stets eine ›überse­hene‹ Einzel­heit über kurz oder lang einen neuen Waf­fen­gang erzwingt, das über­wälti­gende Erleb­nis der Selb­st­preis­gabe an eine undurch­schaute Macht und der Glauben an die Wiederge­burt aus dem Selb­stzweifel und der Verzwei­flung – darin besteht ohne Zweifel der intellek­tuelle Zyk­lus, und Hegels Hohn über das »gestalt­lose Sausen des Glock­en­geläutes« in einem Denken, das nur eben am Denken hingehe, statt zu begreifen, legt den Fin­ger auf eine Wunde, die jed­erzeit und an den unver­mutet­sten Stellen auf­brechen kann. Unter­sucht man die landläu­fige Bes­tim­mung der Mod­erne als des Zeital­ters der vol­len­de­ten Skep­sis – der vol­len­de­ten wohlge­merkt –, so findet man darin die erste Bes­tim­mung des unglück­lichen Bewusst­seins, die Bes­tim­mung, in der es zu sich findet, in der es sein Selbst findet. Denn dieser Fund gebiert unmit­tel­bar die Überzeu­gung, dass es so – mit dem zer­set­zen­den Mon­e­taris­mus und der Gewis­sheiten aller Art unaufhör­lich zer­streuen­den Tätigkeit ange­blich ›wert­freier‹, obwohl sicht­bar mit den herrschen­den ‚Mächten‹ liierter Wis­senschaft, mit der Neu­tral­isierung überkommener Werte und der tech­nizis­tis­chen Auflö­sung ›vor­mod­erner‹ Lebenswel­ten und ihrer Erset­zung durch die in einer vagen, aber nahen Zukunft ›vol­len­dete‹ Kon­sumge­sellschaft – nicht unbe­grenzt weit­erge­hen kann, zusam­men mit dem umfassenden Ver­dacht, dass es ger­ade so weit­erge­hen wird; ein begrün­de­ter Ver­dacht, denn die Sta­bil­ität der beschriebe­nen Zustände ver­dankt sich der Diag­nose. Solange diese nicht aufgegeben und durch eine andere ersetzt wird, ist das unglück­liche Bewusst­sein ganz bei sich selbst, und das heißt, ganz bei der Sache. Die Lib­er­al­is­muskri­tik, das Hätschelkind rechter wie linker Intel­li­genz, sta­bil­isiert dieses ›Bewusst­sein‹, soweit es dessen eben bedarf, denn sie genügt bei weitem, um jene ›Entschei­dung‹ reifen zu lassen, in der sich ein skep­tis­ches Tun, ein ›auflösender‹, negieren­der Akt – die Selb­st­bezwei­flung der Skep­sis – als pos­i­tiv, als Entschei­dung für etwas darstellen kann. Was gegen den Lib­er­al­is­mus Ver­dacht erregt, ist sein Gel­tenlassen, das sich dem skep­tis­chen Blick als ein Nicht­gel­tenlassen enthüllt, als Bei­seite­set­zen von Gel­tung im Spiel der Kräfte (Mar­cuses ›repres­sive Tol­er­anz‹), als zur öffentlichen Ord­nung aufgerück­ter Negativismus.

Die Entschei­dung für etwas kann aber nach Lage der Dinge nur eine Entschei­dung für eine soziale Gruppe, im eng­sten Fall für eine Clique von Gle­ich­gesin­nten sein, die ihren Zusam­men­halt aus der gemein­samen Ablehnung des ›Beste­hen­den‹ gewinnt und diese Ablehnung mit einer gän­zlich unbes­timmten Ver­ant­wor­tung für das Ganze oder wahlweise ein Ganzes – Klasse, Volk, Dritte Welt, Ökosys­tem, ›Kul­tur‹ etc. – kaschiert, wobei das begren­ztere Ganze das umfassendere, aber lei­der unver­füg­bare Ganze ver­tritt. Diese dop­pelte Ver­ant­wor­tung scheint Mannheim vor Augen ges­tanden zu haben, wenn er die Intel­li­genz auf jene erwäh­n­ten zwei Wege ver­weist, die sich zwangsläu­fig aus ihrer Mit­tel­lage ergeben: den »Anschluss an die ver­schieden­sten sich jew­eils bekämpfenden Klassen«, und das »Sich-​Besinnen auf die eige­nen Wurzeln, das Suchen der eige­nen Mis­sion, prädes­tinierter Anwalt der geisti­gen Inter­essen des Ganzen zu sein«. The way up and the way down sind in diesem Fall ein­mal mehr das­selbe, Seg­mente ein und der­sel­ben Bewe­gung. Voraus­ge­setzt, es han­delt sich im einen wie im anderen Fall um Intellek­tuelle und nicht um Appa­ratschiks. Doch selbst der geballte Wille zur ›Abrech­nung‹ mit dem Intellek­tuel­len­da­sein und zum Mit­machen um (fast) jeden Preis stößt gele­gentlich ins Leere, wie die Beispiele Carl Ein­steins und Got­tfried Benns in den Dreißiger Jahren bezeu­gen: der Anlässe zum Absturz – oder zum sig­nifikant verzögerten ›Sich-​Besinnen‹ – waren und sind mancherlei.

Nicht, dass solche Grup­pen – Parteien, Bewe­gun­gen, ter­ror­is­tis­che Vere­ini­gun­gen – Erfolge erzie­len, dass sie auf das Denken von beträchtlichen Min­der­heiten, auf Gesellschaft und Poli­tik jede Art von Ein­fluss gewin­nen und sie in beson­deren Sit­u­a­tio­nen über­wälti­gen kön­nen, gibt zu denken, son­dern die Kon­se­quenz, die der Beitritt, das Sich-​Anschließen für den einzel­nen bere­i­thält. Die Euphorie, das über­strö­mende Glücks­ge­fühl des Dabeisein-​Dürfens, des Dazuge­hörens, das sich bis zur Bek­lom­men­heit und zur andächti­gen Verehrung der Gemein­schaft und ihrer Vorkämpfer zu steigern ver­mag – die Zeug­nisse sprechen da eine erstaunliche Sprache –, dies alles kann nicht ver­hin­dern, dass der Rück­blick auf das atom­isierte (›bürg­er­liche‹) Indi­viduum, diese Gegen­figur des zur Gemein­schaft Entschlosse­nen, zugle­ich ein Blick auf sich selbst, ein Stück Selb­sterken­nt­nis bleibt, ein Aspekt, der sich als Dankbarkeit und – da keine Euphorie ewig währt – als Zweifel, im beson­deren Fall als Verzwei­flung zurück­meldet. Der Nonkon­formis­mus Gides, geht man ihm lange genug nach, ist das Ein­beken­nt­nis des Unglaubens auf dem Grunde des Glaubens, der Unentsch­ieden­heit in der Entschei­dung, des eingekapsel­ten Ego in aller zur Schau getra­ge­nen Entschlossen­heit – eines Ego, das nach wie vor frei hat, auch wenn es zeitweilig nichts davon wis­sen will.

Was bedeutet es also, wenn Mayer den Grund­kon­flikt des unglück­lichen Bewusst­seins an eine andere Stelle ver­schiebt, so dass die »Ver­all­ge­meinerung, die ihr Objekt in die Sphäre des Abstrak­ten stellt«, wie er, Pless­ner zitierend, schreibt, die ›Mis­an­thropie‹ des rev­o­lu­tionären Bewusst­seins, das nichts dabei findet, über Leichen zu gehen, zum Kern des intellek­tuellen Unglücks stil­isiert wird? Zweifel­los steckt darin ein Stück aus Lei­den des­til­lierter Erfahrung, die durch die Strate­gie der Nicht­teil­nahme weniger kom­pen­siert als vielmehr über­höht und damit erträglich gestal­tet wird: das Gegen­stück des Blicks, der nicht sieht, weil er nicht sehen will, im Bere­ich des Wis­sens, das immer auch – und unab­blend­bar – ein Wis­sen um das, was vorgeht, ein­schließt. Diese Erfahrung setzt eine rev­o­lu­tionär gestal­tete Wirk­lichkeit voraus, und keineswegs nur vom Hören­sagen: der dem ›Exper­i­ment‹ DDR voraus­liegende Stal­in­is­mus der Vorkriegszeit hat zwar seine eige­nen Renegaten her­vorge­bracht, doch die ›Mannschaft‹, die sich 1948 im östlichen Deutsch­land ›in voller Stärke‹ präsen­tiert, um die kul­turelle Gestal­tung der Zukunft in Angriff zu nehmen, empfindet die Schal­heit des Ange­bots kaum; alles scheint Chance und Verheißung.

Die Ver­schiebung des Grund­kon­flikts – sie bedeutet ein­er­seits eine Ver­flachung, eine Bere­itschaft, mit der Gemein­schaft mitzuge­hen und den Preis dafür zu entrichten, die Respek­tierung von Tabu­zo­nen (im Blick auf sich selbst wie auf die von ihr geschaf­fe­nen und also zu ver­ant­wor­tenden Ver­hält­nisse), ander­er­seits seine Ver­schär­fung im Hin­blick auf eine Psy­cholo­gie der Voll­streck­ung, die dem »Herzk­lopfen für das Wohl der Men­schheit« – eine von Mayer zus­tim­mend zitierte Wen­dung Hegels – beige­mengt ist: »Unglück­liches Bewusst­sein bedeutet immer wieder den ungelösten Gegen­satz zwis­chen Human­isierung des Denkens und Füh­lens auf der einen, wach­sender Ent­men­schlichung der gesellschaftlichen Praxis auf der anderen Seite.« Die Praxis stal­in­is­tis­cher Massen­tö­tun­gen ist dabei nur der sicht­barste Aus­druck der phil­an­thropis­chen Men­schen­ver­ach­tung. Man muss genau lesen: nicht etwa ›bedenkt‹ oder ›empfindet‹ das unglück­liche Bewusst­sein den ungelösten Gegen­satz, nein, es ›bedeutet‹ ihn, und zwar ›immer wieder‹ – es repro­duziert sich als dieser Gegen­satz, das heißt, es ver­hin­dert auf dem Wege der Selb­ster­hal­tung, dass er aus der Wirk­lichkeit verschwindet.

Es liegt auf der Hand, dass ein solches Bewusst­sein gegenüber einem zum Menschheits-,Projekt‹ stil­isierten Staat, der sich darin zur Ken­ntlichkeit ver­stand, dass er die Gren­zen der seinen Bürg­ern gewährten Freizügigkeit durch Tötungs­maschi­nen markierte, beson­dere Beziehun­gen unter­hielt und aus Trost­grün­den noch posthum unter­hält – auch und ger­ade nach dem Wech­sel auf die andere Seite. Die Gle­ichzeit­igkeit der Sys­teme und, mehr noch, ihre gemein­same Grenze inner­halb einer Kul­tur, gab Gele­gen­heit, dem in die Nor­mal­ität des West­ens Zurück­gekehrten ger­ade diese DDR als die zeit­genös­sis­che Offen­barung der eige­nen Ten­den­zen erscheinen zu lassen, als Garant der Real­ität des inner­halb der eige­nen Bewusst­seins­gren­zen sym­bol­isch durch­lit­te­nen Kon­flikts. Die DDR als die nicht nur dialek­tisch gedeutete, son­dern sich selbst zu einer keinen Spaß ver­ste­hen­den Dialek­tik der Verän­derung anhal­tende Wirk­lichkeit muss, wiederum inner­halb der in einer wei­thin fix­ierten Sym­bol­welt sich vol­lziehen­den Selb­stent­fal­tung des unglück­lichen Bewusst­seins, als die notwendige Her­aus­forderung jener Nor­mal­ität fungieren, in der die Dialek­tik der Men­schheit­sen­twürfe, nicht zuletzt im Gedenken an die Opfer, mit Absicht stillgestellt wurde. In gewisser Weise gehört die Tren­nung vom Gemein­we­sen DDR, das Exil, das keines sein darf, zur Sache. Denn sie erlaubte es dem noch immer unglück­lichen Bewusst­sein, die eigene Mis­ere als die einer verge­hen­den – klein­bürg­er­lichen – Welt zu erleben, unbeschadet des All­t­ags derer, die die Härten jener anderen Welt weniger als notwendi­gen Tribut an die keinen Spaß verzei­hende Dialek­tik, son­dern als jeder Notwendigkeit bare Bestandteile einer ver­schärften Mis­ere erfuhren. Das ›Pro­jekt DDR‹ wird damit zum Mod­ell­fall einer nicht nur gedeuteten, son­dern von vorn­herein nur in ihren Deu­tun­gen präsen­ten ›Welt‹, ein Bewusst­seinsspuk, der, wie sich zeigte, nach dem Abschied vom sozial­is­tis­chen All­tag viele seiner ehe­ma­li­gen Bewohner nachträglich ein­holte oder einzu­holen drohte.

Doch man lese – und höre – genauer: Die Klage über den ›ungelösten Gegen­satz zwis­chen Human­isierung des Denkens und Füh­lens auf der einen, wach­sender Ent­men­schlichung der gesellschaftlichen Praxis auf der anderen Seite‹ macht an keiner Sys­tem­grenze halt, natür­lich nicht, sie weist zurück auf die mehr oder weniger seit Niet­zsche im Schwange befind­liche Denk­figur vom ›Unbe­ha­gen in der Kul­tur‹, der Freud in den Dreißiger Jahren seinen ana­lytis­chen Bei­s­tand lieh, und damit auf die rousseauis­tis­che Grund­figur aller anthro­pol­o­gisch unter­füt­terten Kul­turkri­tik, die zivil­isatorische Entwick­lung der Men­schheit als zwang­hafte Ent­gleisung, die Gegen­wart als die Kri­sis und die nähere Zukunft als die Lösung – so oder so – des Kul­tur­prob­lems zu präsen­tieren. Das ›macht‹ zweifel­los Sinn, es erzeugt ihn, wie gese­hen, allen­thal­ben, aber es verkehrt ihn am Ende in Unsinn. Denn angenom­men, man hielte die These von den zwei Zeitrech­nun­gen – der Zeit der Dekadenz und des Wartens auf der einen, der gelebten und weiter zu leben­den Wun­schzeit auf der anderen Seite der lange Zeit sicht­baren und heute in die Unzugänglichkeit der Erin­nerung, des Ressen­ti­ments und einer neuen naiven Gläu­bigkeit ver­schobe­nen Gren­zlinie – wider alle Erfahrun­gen des Jahrhun­derts aufrecht, so ginge es ger­ade nicht an, die dif­fer­enten Sys­teme mit dem­sel­ben ana­lytis­chen Besteck zu behan­deln, dessen Ein­satz wenn nicht den Auf­bruch in das Aben­teuer einer zweiten Welt, so zumin­d­est die Entschei­dung für eine der bei­den Seiten ursprünglich motivierte. Angenom­men aber, man hielte die Zwei-​Welten-​These für wider­legt – nicht durch ›abstrakte‹ Argu­mente, son­dern durch die Zeitläufe selbst, durch die Kumu­la­tion von Erfahrun­gen und schließlich durch den wirk­lichen Zer­fall des alter­na­tiven Sys­tems –, so kön­nte ger­ade das unglück­liche Bewusst­sein, sollte noch ein Funken jener anfänglichen Skep­sis in ihm über­lebt haben, nicht umhin, die kul­turkri­tis­chen Axiome aus ihrer priv­i­legierten Posi­tion zu erlösen und der negieren­den Bewe­gung auszuset­zen, als deren sicht– und acht­barer Aus­druck sie so lange ange­se­hen wur­den. Schon allein die Aus­sicht auf eine in unbes­timmte Zukunft fortschre­i­t­ende (De)Humanisierung der Men­schheit dürften sie nicht lange über­leben. Ohne Krisen­punkt keine Umkehr; ohne den Gedanken an Umkehr keine Entschei­dung gegen diese (welche? Die heutige? die ger­ade ver­gan­gene? die ger­ade entste­hende?) Kul­tur, ohne Entschei­dung nur Geschwätz – banales, lang­weiliges Geschwätz, dass dies alles nicht mehr lange so weit­erge­hen könne. O doch: es kann gar nicht anders.

So richtet der Hegelian­is­mus am Ende seine ›Gestalten‹.

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