1.

»Man erkennt«, schreibt Croce in der Ein­leitung zur Geschichte Europas im neun­zehn­ten Jahrhun­dert, »die Über­legen­heit eines philosophis­chen Sys­tems an seiner Fähigkeit, andere Sys­teme zu beherrschen, ihre Teil­wahrheiten in sich aufzunehmen, einzuord­nen, auszu­gle­ichen und das Willkür­liche und Phan­tastis­che an ihnen in logis­che Prob­leme zu ver­wan­deln und aufzulösen. Die Über­legen­heit eines ethis­chen und poli­tis­chen Ideals bewährt sich dementsprechend im Aufnehmen, Läutern, Ver­wirk­lichen, Ver­wen­den und Ver­wan­deln von Wörtern und Forderun­gen aus dem Bere­ich der geg­ner­ischen Ide­ale. Diese hin­wiederum erweisen sich durch ihre Unfähigkeit, ster­ile Ver­schlossen­heit und Schroffheit vor dem Feind als unbrauch­bar.« Über­legen­heit zu the­ma­tisieren ist keine ein­fache Sache: wer sie definiert, kommt nicht umhin, sie zu beanspruchen, denn er setzt die Para­me­ter, an denen man sie erkennt. Jemand wie Croce, der weiß, was Über­legen­heit ist, und keine Scheu trägt, sie als etwas schlechthin Erstrebenswertes zu preisen, bleibt einge­bun­den in das Sys­tem, das er preist: eine offene Flanke und, von kün­fti­gen Entwick­lun­gen her gese­hen, ein möglicher Fehler der Theorie.

Die Über­legen­heit, von der Croce schreibt, bleibt nicht beschränkt auf die Philoso­phie. Es ist die des lib­eralen Sys­tems auf seinen klas­sis­chen Feldern: Wis­senschaft, Ethik, Weltan­schau­ung und Poli­tik. Sie grün­det darin, dass hier alle real vertrete­nen Ideen zuge­lassen sind und sich ihren Platz an der Sonne, sprich: im Sys­tem erkämpfen kön­nen, jeden­falls, solange sie das Sys­tem in seinem Bestand unange­tastet lassen. Es ist, wie sich leicht bemerken lässt, eine Über­legen­heit in der Selb­st­beschrei­bung, wenn nicht qua Selb­st­beschrei­bung, die Croce hier offeriert. Für jeman­den, nen­nen wir ihn den ›Feind‹, dem das lib­erale Sys­tem alle Frei­heiten gibt außer der einen, auf die es ihm ankommt, die Frei­heit, es um der eige­nen Vorstel­lun­gen willen zu zer­stören, sieht die Sache anders aus. Das gilt aber nicht allein für den Feind, son­dern für jeden, der die the­o­retis­che Möglichkeit der Sys­temüber­schre­itung oder –rel­a­tivierung in die Beschrei­bung des Sys­tems aufgenom­men sehen möchte. Demge­genüber gibt sich Croce wissentlich oder unwissentlich naiv: let­ztlich beruht die Über­legen­heit des lib­eralen Sys­tems, folgt man ihm, auf seiner Über­legen­heit. Wer Zweifel an ihr bekun­det, hat das Sys­tem nicht ver­standen, er ist ein the­o­retis­cher Igno­rant und ein prak­tis­cher Defätist – oder der Feind.

Was für die Konkur­renz der Sys­teme gilt, gilt eben­sogut für die im lib­eralen Sys­tem selbst miteinan­der konkur­ri­eren­den Ideen. Entweder man denkt sie sich als lib­eral, das heißt inte­gra­tions– und sys­tem­fähig, oder sie erscheinen als ewige under­dogs, als Ver­lierer eines Sys­tems, das sie auf Vor­rat hält, sie belächelt, ver­lacht, liebt, ver­achtet und mit Bana­nen und Nüssen bewirft, wenn die Wärter ger­ade abwe­send sind, wie dies den Tieren im Zoo zu erge­hen pflegt. Nichts anderes heißt es, »das Willkür­liche und Phan­tastis­che« – sprich: Befremdliche – »an ihnen … zu ver­wan­deln und aufzulösen«.

In den Jahren, in denen der real existierende Sozial­is­mus sich in einem Tempo zer­set­zte, wie dies seine frühen The­o­retiker in ent­ge­genge­set­zter Rich­tung kaum für möglich gehal­ten hat­ten, kon­nten die umstän­de­hal­ber geschärften Augen von West-​Ost-​Reisenden so manche Bizarrerie ent­decken, für die weder vorher noch nach­her ein gesellschaftlicher Bedarf bestand. Ich erin­nere mich an einen thüringis­chen Gren­züber­gang, auf dessen Abfall­be­häl­tern, Tonne für Tonne, unver­hofft der aus bay­erischen Wahlkampf-​Altbeständen stam­mende Aufk­le­ber »Frei­heit statt Sozial­is­mus« prangte. Später fragte man sich, ob darin bere­its die Auf­forderung lag, kün­ftig in gemein­samer gesellschaftlicher Anstren­gung die Frei­heit anstatt, wie bisher, den Sozial­is­mus zu Müll zu ver­ar­beiten und zu entsor­gen. Nicht leicht zu beant­worten auch die sich zwangsläu­fig anschließende Frage, ob dies sei­ther in aus­re­ichen­dem Maße gelun­gen war. Immer­hin lag in der Auf­forderung zum Sys­temwech­sel mit­tels einer Parole, die in grauer bun­desre­pub­likanis­cher Vorzeit zu einer – von vie­len damals für über­zo­gen gehal­te­nen – Grund­satzentschei­dung inner­halb des lib­eralen Sys­tems aufge­fordert hatte. Die Komik wurde nicht dadurch gemildert, dass die der­art ummon­tierte Parole auf eigen­tüm­liche Weise die DDR-​Nachkriegslosung ›Von der Sow­je­tu­nion ler­nen, heißt siegen ler­nen‹ in Blick­rich­tung München wieder­holte. Unter dem Gesicht­punkt innerer Lib­er­al­ität kon­nte sie nur dazu dienen, die ver­loren gegan­gene Über­legen­heit durch eine inten­sive Befra­gung des siegre­ichen Fein­des wieder­herzustellen. Doch lässt sich das schroffe Entweder-​Oder in bei­den Fällen nicht überse­hen. Vom Feind ler­nen heißt gele­gentlich den eige­nen Unter­gang provozieren. Die Über­legen­heit, von der bei Croce die Rede ist, ist immer die Über­legen­heit dessen, der über­lebt. Nach den Unterge­gan­genen kräht kein Hahn.

Auch von Croce ler­nen heißt siegen ler­nen. An der Über­legen­heit des lib­eralen Sys­tems besteht kein Zweifel, da der Zweifel zum Sys­tem gehört, und ohne Zweifel hat es seine Fähigkeit, vom Feind zu ler­nen, von Pearl Har­bor bis Afghanistan immer wieder ein­drucksvoll unter Beweis gestellt. Darin liegt das Dilemma. Irgend­wann richtet sich der lib­erale Zweifel, ja der Zweifel schlechthin gegen die Über­legen­heit selbst, und zwar sowohl gegen den Begriff wie gegen die Sache.

Die Über­legen­heit der Hand­feuer­waffe über Lanze und Säbel hat den Ruin ganzer Kul­turen bewirkt, die in manchen Belan­gen vielle­icht lib­eraler organ­isiert waren als die der Eroberer. Vielle­icht – denn die unter­legene Kul­tur wird im Moment des siegre­ichen Angriffs und ihres Zer­falls zum fin­steren Popanz, zu einer Welt ohne Sonne, Luft und Bewe­gungs­frei­heit, ganz zu schweigen vom heute so schwer wiegen­den Man­gel an Jeans, Fun und Whisky, so dass im nach­hinein schwer zu entschei­den ist, welches Lebens­ge­fühl in ihr herrschte, welcher Grad an äußerem Feinsinn und innerer Frei­heit sich der dem Sieger willkür­lich und phan­tastisch dünk­enden For­men bedi­ente, wie hoch Art und Zahl der wirk­lichen Opfer in Rela­tion zu denen des über­leben­den Sys­tems wohl anzuset­zen sei. Selb­st­beschrei­bung und Selb­stzuschrei­bung gehen im lib­eralen Sys­tem ebenso Hand in Hand wie in anderen auch. Allerd­ings – und darin unter­schei­det es sich vielle­icht wirk­lich grundle­gend von anderen Sys­te­men – kennt es die humane Vor­rat­shal­tung am Anderen, Aus­geschlosse­nen, Gedemütigten, Negierten, Fast-​Ausgerotteten, zu Arbeits– und Ver­such­szwecken Importierten, kurz: Befriede­ten, die let­zterem sogar reale Macht, Ein­fluss und Sub­si­dien ver­schaf­fen kann und wirk­lich ver­schafft, solange es keine Anstal­ten trifft, die Über­legen­heit des Sys­tems auf die Probe zu stellen.

Croce betra­chtete die europäis­che Staaten­welt des neun­zehn­ten Jahrhun­derts als den sicht­baren Aus­druck des lib­eralen Sys­tems, vielle­icht als das lib­erale Sys­tem schlechthin. Die Ver­hält­nisse der Staaten untere­inan­der reflek­tierten die Ver­hält­nisse inner­halb der Staaten. In dieser Auf­fas­sung ist auch die Über­legen­heit Europas über die restliche Welt fest­geschrieben. Dass es let­ztere bere­its zu Cro­ces Zeiten nur noch pro forma behaupten kon­nte, unter Inanspruch­nahme der zu Führungsmächten avancierten Flügelmächte Amerika und Rus­s­land, die sich in der Real­ität nicht lange bit­ten ließen, Europa zu deklassieren, legt einen Hauch von Ironie über seine Aus­führun­gen, der sich durch keine his­torische Besinnlichkeit weg­wis­chen lässt.

Eine der Stern­stun­den – buch­dra­matur­gisch gese­hen die Stern­stunde – des Sys­tems ist Croce zufolge der Krimkrieg mit seinen Auswirkun­gen auf das europäis­che Staaten­sys­tem, sprich: die Wiederge­burt Ital­iens aus dem Geist des lib­eralen Sys­tems. Hier zeigt sich, dass der Kreuz­zug gegen das Böse ein kon­sti­tu­tiver Bestandteil des lib­eralen Sys­tems ist. Es zeigt sich auch, dass der Wahrnehmung jenes gegen­stößi­gen Sys­tems eine wun­der­same Beweglichkeit eignet, die es erlaubt, den Bösen ein­mal in diesem, ein­mal in jenem Lager zu orten.

Cro­ces Aus­führun­gen zu diesem Punkt sind von abgek­lärter Präg­nanz. Der Lib­er­al­is­mus ist kein Ide­al­is­mus. »Der moralis­che Ide­al­is­mus«, schreibt er, »stand, wenn es ihn über­haupt gegeben hat, auf der Gegen­seite: bei dem Zaren Niko­laus, der höchst religiös und ein eifriger Vertei­di­ger des Glaubens war. Er hielt es für eine Schande der Chris­ten­heit, wenn die türkische Herrschaft noch in Europa blieb. Er war ehrlich von der Gerechtigkeit und Heiligkeit seiner Sache und seiner Mis­sion überzeugt und glaubte, zu einem Kreuz­zug aufzubrechen.« Der Zar fasst also die Kreuz­zugsidee noch in ihrem mit­te­lal­ter­lichen, religiös geprägten Sinn – ähn­lich wie islamis­che und christliche Islamis­ten dies heutzu­tage den Strate­gen im Weißen Haus unter­stellen – und exponiert sich durch diese Gesin­nung als der gegebene Repräsen­tant des Bösen. Die ganze Pas­sage ist aus­ge­sprochen süff­isant for­muliert: »Die Türkei«, lesen wir ein paar Zeilen weiter, »die der Zar als erster als ›kranken Mann‹ beze­ich­net hatte, bewies genü­gend Vital­ität, um die Hilfe und das Bünd­nis der Kul­turstaaten zu ver­di­enen. Män­ner wie Cob­den und Bright bemühten sich vergebens, die bekan­nten Bar­bareien der Türken wieder in Erin­nerung zu rufen; man wollte ganz ein­fach nichts davon wis­sen. Und so geschah es auch, wie das schon mehrmals in ver­gan­genen Jahrhun­derten der Fall gewe­sen war, als der Gegen­satz zwis­chen Chris­ten­tum und Islam noch viel lebendi­ger das Bewußt­sein beherrschte. Auch die Fortschrit­tler und Demokraten woll­ten diese Dinge vergessen und ver­gaßen sie tat­säch­lich. Und es blieb ihnen ja auch gar nichts anderes übrig. Auch sie beze­ich­neten diesen Krieg als einen Kreuz­zug, aber im ent­ge­genge­set­zten Sinne als der Zar dies getan hatte. Sie nan­nten ihn einen Kreuz­zug für die Frei­heit und Unab­hängigkeit der Völker. Sie stell­ten das Ziel des Krieges so dar, daß dies die wahrschein­liche Folge sein mußte; sie legten ihr eigenes Ziel in ihn hinein und begün­stigten ihn auf diese Weise.«

Man kön­nte sich fra­gen, ob Croce der Auf­fas­sung war, dass es schon eines christlich-​antiliberalen Gemütes bedurfte, um ›diese Dinge‹, ›die bekan­nten Bar­bareien der Türken‹, nicht zu vergessen. Der Lib­er­al­is­mus beweist hier eine Fähigkeit zur Inte­gra­tion des Gegen­läu­fi­gen, die Staunen, um nicht zu sagen Schwindel erregt: ›diese Dinge‹, die ›bekan­nten Bar­bareien‹ sind auch deshalb in hohem Maße unaussprech­lich, weil sie außer­halb des zivil­isierten Europa geschehen und damit in einer Zone, in der die Europäer selbst nichts weniger als zim­per­lich mit ihren huma­nen Artgenossen umge­hen. Unaussprech­lich ist alles, was nicht in die Selb­st­beschrei­bung des lib­eralen Sys­tems gehört. Der alten Türkei fällt in diesem Sys­tem die Auf­gabe zu, die Bar­barei nach Europa zu tra­gen: sie steht damit eben­sosehr inner­halb wie außer­halb des Sys­tems, weniger weil sie sich diese Auf­gabe aus­ge­sucht hätte, vielmehr, weil der von ihr prak­tizierte Kolo­nial­is­mus im eige­nen Land die Härten des herrschen­den europäis­chen Kolo­nial­sys­tems überblendet. Das ›halb­bar­barische Rus­s­land‹, der tra­di­tionelle zweite Kan­di­dat für diese Auf­gabe, ist zu groß, er ragt zu weit nach Europa hinein und ist ein zu aktiver Mit-​und Gegen­spieler der europäis­chen Mächte, um sie wirk­lich und auf Dauer erfüllen zu kön­nen; dazu bedarf es schon beson­derer Gele­gen­heiten wie etwa des Krimkriegs. Die Türkei kommt hinge­gen als Hand­lungssub­jekt im Konz­ert der Mächte nicht weiter in Betra­cht. Man kommt auf sie bei Bedarf zurück. Die Fest­stel­lung dieses Bedarfs ist eine innereu­ropäis­che Angele­gen­heit, übri­gens bis in die jüng­ste Zeit, was man an gewis­sen Reak­tio­nen auf das französisch-​niederländische Nein zum Ver­fas­sungsver­trag der EU leicht able­sen konnte.

2.

Cro­ces Türken spie­len in der Topogra­phie dessen, was man auch nach ihm das lib­erale Sys­tem nen­nen kön­nte und heute eher pauschal als ›den Westen‹ beze­ich­net, eine beson­dere, möglicher­weise unverzicht­bare Rolle. Sie gehören for­mal gese­hen zum Sys­tem, fallen aber, sobald es um Inhalte geht, aus ihm her­aus. For­mal gese­hen ist die Türkei – und der Unter­schied zwis­chen dem Osman­is­chen Reich und der mod­er­nen Türkei inter­essiert dabei nur am Rande – ein Teil des West­ens, inhaltlich rech­net man sie zum Ori­ent. For­mal wird man nicht müde zu ver­sich­ern, die kul­turelle Dif­ferenz zwis­chen christlich und islamisch geprägter Kul­tur spiele im Umgang mit ihr keine Rolle, in der Sache beteuert man, diese Dif­ferenz sei schlechthin unaufheb­bar und man müsse den Real­itäten ins Auge sehen. Das­selbe Spiel wieder­holt sich unter­halb der staatlichen Ebene. For­mal gese­hen besteht zwis­chen türkischen, kroat­is­chen oder alban­is­chen Migranten in den Län­dern des West­ens kein Unter­schied, inhaltlich betra­chtet gilt die türkische Sub­kul­tur als latente Gefahr für die kul­turelle Iden­tität und, wie neuerd­ings zu erfahren, sogar für die Sicher­heit der Majorität im eige­nen Land.

Wie man weiß, beste­hen zwis­chen Form und Inhalt selt­same Rela­tio­nen. Wer bloß for­mal dazuge­hört, der ver­fügt zwar im Verkehr mit seines­gle­ichen über eine Stimme, aber er kann fast sicher sein – obwohl er die Hoff­nung nie ganz aufgeben wird, es möge sich anders ver­hal­ten –, dass er nicht gehört wird, sobald er sich ihrer in diesem Kreise bedi­ent, obgle­ich ihn alle ganz gut ver­ste­hen. Ist er gewillt, sich Gehör zu ver­schaf­fen, so muss er – wie ver­steckt auch immer – dro­hen: das heißt, er sieht sich gezwun­gen, daran zu erin­nern, dass er auch anders han­deln kön­nte, sollte die for­male Zuge­hörigkeit nicht von den anderen hon­ori­ert wer­den. Nur als poten­ziell fremde Macht kann er sich Zugang erzwin­gen. Damit erin­nert er aber die anderen daran, dass er nicht ihres­gle­ichen sei, das heißt, er bestärkt sie in ihrem Vorurteil und recht­fer­tigt die Hal­tung des Mis­strauens und der informellen Aus­gren­zung, auf die er reagiert.

Nun kann man natür­lich – und das gewählte Beispiel legt den Gedanken nahe –, die Sache umkehren und darauf ver­weisen, dass jede Art des ›Dazuge­hörens‹ inhaltlich ver­mit­telt ist und anders gar nicht gedacht wer­den kann. Der par­tiell Aus­ge­gren­zte ver­fügt nur deshalb über ein Droh­poten­zial, weil die Aus­gren­zen­den ein Inter­esse an seiner for­malen Teil­habe besitzen – das kann im Verkehr der Staaten ökonomis­cher oder sta­bil­ität­spoli­tis­cher oder sogar sicher­heit­spoli­tis­cher Natur sein. Ein Inter­esse aber ist niemals rein for­mal, es ist niemals ›rein‹, es enthält den Erden­rest, den, nach Goethes Faust, zu tra­gen immer ein wenig pein­lich ist, obwohl die Poli­tik das sel­ten so sieht. Der oder das Einbezogen-​Ausgegrenzte kann sich so gese­hen inhaltlich als zuge­hörig betra­chten – mit welchen Kon­se­quen­zen sollte es sonst dro­hen? – und umso schmer­zlicher die for­male Aus­gren­zung in Form einer ver­weigerten Anerken­nung fak­tis­cher Zuge­hörigkeit erfahren.

Das lib­erale Sys­tem scheint seine ›Türken‹ mit einer gewis­sen Zwangsläu­figkeit zu pro­duzieren. Diese gewisse Zwangsläu­figkeit erin­nert an grup­pen­dy­namis­che Prozesse, in denen die Außen­seit­er­po­si­tion immer neu besetzt wird. Mir scheint aber, dass der Fall ein wenig anders liegt und dass hier sowohl hand­lungs­the­o­retis­che als auch kul­tur­spez­i­fis­che Ele­mente ins Spiel kom­men. Um mit ersteren zu begin­nen: so gewiss ›Anerken­nung‹ als anthro­pol­o­gis­che Größe betra­chtet wer­den kann (ungeachtet dessen, dass uns Eth­nolo­gen ver­sichert haben, die Anthro­polo­gie selbst sei eine Strate­gie der Nicht-​Anerkennung), so gewiss ist es alles andere als zwin­gend, Macht auf aus­gek­lügelte Mech­a­nis­men der Anerken­nung zu grün­den – zu grün­den wohlge­merkt, denn dass reale Macht in jedem Fall auf Anerken­nung angewiesen bleibt, ist eher eine Bin­sen­weisheit. Das lib­erale Mod­ell pro­duziert einige logis­che und prak­tis­che Para­dox­ien, zu denen auch Cro­ces ›Türken‹ – gemeint sei die mit beliebi­gen Namen und Namen­strägern zu beset­zende Funk­tion – zu rech­nen sind. So ist nicht zu erzwin­gen (schon der Ver­such, es zu ver­suchen, wäre wider­sin­nig), dass sich die Zus­tim­mung zu bes­timmten Entschei­dun­gen – zu denen bere­its die Wahl her­aus­ge­hobener Entschei­dungsträger gehört – unter den prinzip­iell Entschei­dungs­berechtigten gle­ich­mäßig verteilt. Wer sich abstimmt, muss Fed­ern lassen und kommt sich gele­gentlich gerupft vor, was die ihm abver­langte Zus­tim­mung gradu­ell nicht min­dern darf. Die Tren­nung zwis­chen dem for­malen und dem inhaltlichen Gehör, das eine Partei oder Frak­tion oder Nation in einer gegebe­nen Sit­u­a­tion findet, liegt daher in der Natur der Sache, sie ist im For­mal­is­mus der Entschei­dungs­find­ung bere­its gegeben. Die Para­doxie liegt darin, dass das for­male Gehör das inhaltliche über­wiegt und über­wiegen muss, wenn Entschei­dun­gen fallen sollen, dass es aber in dem Maße, in dem let­zteres über­wiegt, als ein erzwun­ge­nes gel­ten muss. Die Zus­tim­mung zu einer Entschei­dung, die den eige­nen Inter­essen ent­ge­gen­läuft, fällt im Rah­men weiter gesteck­ter oder über­ge­ord­neter Inter­essen, hin­ter denen das Inter­esse an der Aufrechter­hal­tung des sta­tus quo, des Sys­tems, auf­scheint. Die Form, in der sich diese Para­doxie unter­laufen lässt, ist der Kom­pro­miss, in dem die Inter­essen der Beteiligten gegeneinan­der ver­rech­net wer­den. Dass dieses Ver­rech­nen seine prob­lema­tis­che Seite besitzt und sogar beträchtlichen Hass ent­fachen kann, ist aus den Kinderzeiten des Par­la­men­taris­mus bekannt. Der Vor­wurf, mit Inter­essen und, schlim­mer, mit Werten zu schachern, zielt auf den immer einkalkulierten, von denen, die bei­seite ste­hen, leicht als Ver­rat deklar­i­erten Verzicht in der Sache zugun­sten einer anderen Sache – genau darauf zielt schließlich das Ver­rech­nen. Neben die Sache, die man in das poli­tis­che Geschäft, das der Kom­pro­miss darstellt, einzubrin­gen bereit ist, tritt also, und zwar unab­hängig vom guten Willen der Beteiligten, die Sache, in der, aus welchen Grün­den auch immer, kein Kom­pro­miss möglich ist, und hier wird es spannend.

Aus welchen Grün­den auch immer: das hört sich so an, als seien diese Gründe beliebig oder kön­nten es wenig­stens prinzip­iell sein. Das Gegen­teil ist der Fall. For­mal gese­hen steht es jeder Partei frei, jede beliebige Sache auf dem Altar der Anerken­nung zu opfern oder auch nicht, sie sollte es nur nicht ver­suchen. Der Inhalt, der hier neben die Form tritt und sie zur leeren Form wer­den lässt, ist die jew­eilige Kul­tur, die es erlaubt, dass sich der Einzelne um Kopf und Kra­gen redet, sich ruiniert, mit seinen Überzeu­gun­gen Schind­luder treibt und wie die in diesem Fall anzuwen­den­den For­mulierun­gen lauten mögen, aber nur solange genü­gend andere bereit sind, die von ihm ver­rate­nen Motive aufzunehmen und, unbeschadet des immer möglichen Ver­sagens einzel­ner oder auch vieler, weiterzutragen.

Es ist an dieser Stelle nicht nötig, darauf einzuge­hen, welcher Begriff von Kul­tur dieser Rede zugrunde liegt. Es genügt, auf die prima vista uner­schöpfliche Regen­er­a­tions­fähigkeit der Ein­stel­lun­gen, Werthal­tun­gen, Überzeu­gun­gen und Reden­sarten zu ver­weisen, die das prä­gen, was man gemein­hin, also intu­itiv, als Kul­tur eines Lan­des oder einer Him­mel­srich­tung (›der Westen‹, ›der Osten‹ etc.) beze­ich­net. Vor dem Hin­ter­grund solcher Prä­gun­gen – die in sich vielfältig und dif­fer­ent sein kön­nen –, also der ›lebendi­gen Wirk­lichkeit der Kul­tur‹, erscheint die Beliebigkeit der auf dem Altar der Gemein­samkeit zu opfer­n­den Sache als Neg­a­tivis­mus, als ein wirk­liches Negieren dessen, ›wofür es sich zu leben lohnt‹. Dass dies genauso für die andere Seite gilt, tut nichts zur Sache. Es ist die Sache: in ihm liegt der ganze Unter­schied. Eine solche ›Sache‹ besitzt von Haus aus oder sit­u­a­tions­be­d­ingt eine bes­timmte Sym­bo­lik. Beispiel Ökos­teuer (ein Begriff, der ein Konzept zur Opti­mierung des Steuer­sys­tems unter einem bes­timmten Gesicht­spunkt beze­ich­net): solange sie als ›Iden­tität­snach­weis‹ grüner Poli­tik fungiert, fällt es der Gegen­seite leicht, sie als prinzip­iell unzuläs­sige Zusatzs­teuer abzulehnen, während sie die darunter fal­l­en­den realen »steuer­lichen Verän­derun­gen«, anders kat­e­gorisiert, mit gle­icher Vehe­menz in eigener Sache vertreten und fordern kann oder bei Gele­gen­heit fordern kön­nte. Natür­lich ist auch let­ztere nicht gegen Ero­sion gefeit – jen­seits der Sache, für die sie stre­iten, pfle­gen sich Parteien zu regener­ieren und ›nachzule­gen‹, wie der etwas lax gewählte Aus­druck lautet. So geschehen im Fall der Türkei, die als ›mod­erner‹, westlich-​laizistisch ori­en­tierter Staat erfahren muss, wie ihr – in der Wahrnehmung der Europäer – das osman­is­che Erbe aus immer neuen Quellen nach­wächst, auf dass sie dem Sys­tem in ihrer anges­tammten Funk­tion erhal­ten bleibe.

Nicht ver­han­del­bar sind aus begrei­flichen Grün­den die Grund­la­gen des Sys­tems – die Kul­tur der Anerken­nung, aus der die Mech­a­nis­men des Anerken­nens ihren Sinn und ihre Berech­ti­gung erhal­ten. Am ent­ge­genge­set­zten Ende des Spek­trums näh­ern sich die Posi­tio­nen der Nichtver­han­del­barkeit an, je näher sie am Zen­trum der Macht liegen. Macht ist inner­halb des lib­eralen Sys­tems dif­fus, sie bildet hier und dort Zonen höherer Dichte aus, die miteinan­der kor­re­spondieren und auf diese Weise Zen­tren entste­hen lassen, die struk­turi­erend auf das gesamte Sys­tem zurück­wirken. In welchem Maß eine Stimme sich inner­halb des Sys­tems Gel­tung ver­schafft, hängt unmit­tel­bar damit zusam­men, an welcher Stelle sie sich in diesem dynamis­chen Macht­ge­füge erhebt. In einer Gesellschaft for­mal Gle­icher sorgt die ungle­iche Verteilung von Macht – oder Rechten – dafür, dass die Ver­han­del­barkeit von Posi­tio­nen tat­säch­lich vari­iert. Eine Partei, die im Entschei­dungspoker nichts weiter einzubrin­gen hat als ihre Zuge­hörigkeit zum Sys­tem selbst, befindet sich in der para­doxen Sit­u­a­tion, dass dieses let­zte Zugeständ­nis in gewisser Weise immer schon kon­sum­iert ist – die for­male Zuge­hörigkeit, der keine inhaltliche folgt und die als einziger Inhalt nicht ver­han­del­bar erscheint, entzieht ihr das Gehör, das sie als zuge­hörige beanspruchen kann und muss. Eine solche Partei kann, auch – und ger­ade – wenn sie über ein beträchtliches Eigengewicht ver­fügt, leicht in einen cir­cu­lus vitio­sus der Vor­leis­tun­gen hineinger­aten, in der Hoff­nung, die Macht­bal­ance inner­halb des Sys­tems zu ändern oder auch nur bes­timmte Entschei­dun­gen zu erzwin­gen, während sie, von außen betra­chtet – und vielle­icht nicht ein­mal zu ihrem eige­nen Schaden – nur eine Kon­stel­la­tion repro­duzieren hilft, in der ein bes­timmtes kul­turelles Dis­pos­i­tiv immer wieder geeignete Kan­di­daten für neue Unverzicht­barkeiten ihr gegenüber hervorbringt.

3.

Der religiös motivierte Fun­da­men­tal­is­mus lässt sich auf zweier­lei Weise beschreiben: als Rück­fall in vor­lib­erale Ver­hal­tens­muster, als krasser Anachro­nis­mus in einer sich formieren­den Welt­ge­sellschaft, der über kurz oder lang aus­ge­merzt wer­den muss, soll das Sys­tem nicht ern­sthaft Schaden nehmen, oder als Antwort auf den Prozess der Formierung selbst. In diesem Fall hätte die Idee des gegen ihn gerichteten »Kreuz­zugs« als anachro­nis­tisch zu gel­ten und es wäre zu fra­gen, welche Posi­tio­nen der soge­nan­nte ›Fun­da­men­tal­is­mus‹ inner­halb des Stim­men– und Macht­ge­füges der nach west­lichen ›Stan­dards‹ kon­stru­ierten Welt­ge­sellschaft besetzt. Man mag über den Real­itäts­ge­halt der These vom ›Kontin­gen­z­trauma‹ stre­iten, der zufolge in bes­timmten Welt­ge­gen­den aus dem Umstand, dass die Welt­ge­sellschaft nicht aus den eige­nen kul­turellen Prämis­sen her­vorge­gan­gen ist, unüber­windliche Vor­be­halte gegen sie resul­tieren. Abge­se­hen davon wird man in nicht weni­gen Fällen auf das oben beschriebene Schema einer auf den For­mal­is­mus des Mitre­dens beschränk­ten Teil­habe stoßen.

In dieser Hin­sicht repräsen­tieren die Vere­in­ten Natio­nen und ihre Unter­gliederun­gen die klas­sis­che Dif­ferenz zwis­chen denen, die das Sagen, und denen, die etwas zu sagen haben. Auf der anderen Seite richtet sich das fun­da­men­tal­is­tis­che Auf­begehren gegen das Eigen­leben der Organe, mit­tels derer die zu erobern­den (oder eroberten) Staaten an der, gemessen an ihren Statuten, lib­eralen Staatenge­mein­schaft par­tizip­ieren. Die (in der Regel sub­ven­tion­s­gestützte) ›for­male Mit­sprache‹ gerät also von zwei Seiten unter Druck: von Seiten der bes­tim­menden Mächte ebenso wie von Seiten der Kräfte, die diese leere Mit­sprache zu been­den wün­schen, um zu einer sub­stanziellen Poli­tik zurück­zukehren, deren erste und eigentliche Auf­gabe in ihren Augen darin besteht, die Unverzicht­barkeiten der eige­nen Kul­tur nicht nur for­mal einzu­fordern, son­dern leb­bar zu machen.

Der religiös motivierte Fun­da­men­tal­is­mus – dessen Motive man ver­ste­hen kann, ohne ihm Sym­pa­thie ent­ge­gen­zubrin­gen – ver­dankt seine Erfolge einer Welt­lage, die sich von der bei Croce beschriebe­nen in einem Punkt grund­sät­zlich unter­schei­det. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist mit dem Antag­o­nis­mus der Sys­teme auch jene Grau­zone des Welt­geschehens ver­schwun­den, in der die ide­ol­o­gisch unter­repräsen­tierten Habenichtse durch geschick­tes Lavieren zwis­chen den Lagern den Schein einer selb­ständi­gen, dem ewigen Anticham­bri­eren entronnenen Poli­tik erzeu­gen und eine Zeit­lang aufrecht erhal­ten kon­nten. Der Spiel­raum für eine selb­ständige Poli­tik, wie sie die Türkei im neun­zehn­ten Jahrhun­dert und darüber hin­aus noch selb­stver­ständlich betrieb und die ihr – siehe Krimkrieg – von den West­mächten im gegebe­nen Augen­blick sogar hon­ori­ert wer­den kon­nte, hat dem Prinzip des ›Mitre­dens mit­tels Mit­tuns‹ Platz gemacht, das die heutige Welt­szene so unmit­tel­bar beherrscht. Man kön­nte den Fun­da­men­tal­is­mus daher als eine an den Westen gerichtete ›Her­aus­forderung man­gels Her­aus­forderung‹, als Platzhal­ter eines alter­na­tiven Wel­tentwurfs beze­ich­nen, wenn seine realen Auftritte dies nicht als zynisch erscheinen ließen.

Dass die Sehn­sucht nach der großen Alter­na­tive auch aus der west­lichen Welt nicht ver­schwun­den ist, zeigen, neben autopar­o­dis­tis­chen Zügen, manche Aktio­nen der ökonomisch motivierten Glob­al­isierungs­geg­ner. Sie enthüllen die bit­tere Wahrheit eines Sys­tems, das den Einzel­nen – darunter fallen Indi­viduen wie ganze Regio­nen – kein Entrin­nen oder auch nur Bei­seiteste­hen erlaubt und damit einem ele­mentaren men­schlichen Bedürf­nis zuwider­läuft. Das lib­erale Sys­tem selbst hat seine Vorzüge im Kampf ent­fal­tet – ich zitiere Croce: »Merk­würdig, daß manche uns den Lib­er­al­is­mus gerne als einen Propheten ohne Schw­ert malen, wo es doch nicht nur im Begriff der Frei­heit und der Poli­tik, son­dern durch die Tat­sachen gegeben und erwiesen ist, daß für keine andere Idee so viele und heiße Schlachten gewagt, solche Ströme von Blut ver­gossen, so hart­näckig gekämpft und so großherzige Opfer gebracht wur­den« –, und es ist nach wie vor expan­siv (und zwar aus Grün­den, die ebenso im Begriff der Frei­heit wie in der Frei­heit des Begriffs liegen). Die Frage bleibt, wer inner­halb dieses Sys­tems expandiert und auf wessen Kosten.

Croce zufolge ist der Lib­er­al­is­mus, der die Beziehun­gen zwis­chen den Staaten wie zwis­chen den Indi­viduen auf der Grund­lage wech­sel­seit­iger Anerken­nung regelt, eine Reli­gion, und zwar die Reli­gion der Mod­erne. Das kommt den Fun­da­men­tal­is­ten des West­ens ebenso ent­ge­gen wie denen der islamis­chen Welt, weil sie eine der wesentlichen Errun­gen­schaften der europäis­chen Neuzeit, die Tren­nung von Reli­gion und Staat, in einem selt­samen Licht erscheinen lässt. Man kann sich fra­gen, ob let­ztere nicht immer – als Zus­tands­beschrei­bung zweiten Grades – den Charak­ter einer Wirk­lichkeitsver­fälschung besaß, insofern sie einen verblassenden Glauben, das Chris­ten­tum, als Reli­gion festschrieb und den neuen Glauben an das Indi­viduum – als Staat und Per­son – und seine Rechte als etwas anderes fix­ierte, an das zu glauben zwar zu den Pflichten jedes mündi­gen Bürg­ers gehört, das aber von seinem – nun­mehr pri­vaten – Glauben kat­e­go­r­ial voll­ständig unter­schieden sei.

Als Reli­gion betra­chtet lädt der lib­erale Gedanke zu Spie­len ein, die um den Begriff der Mündigkeit kreisen – einen Begriff, der implizit bere­its hin­ter den bish­eri­gen Über­legun­gen stand, insofern das Mitre­den, von dem sie ihren Aus­gang nah­men, die for­male und inhaltliche Mit­sprache, die ›Stimme‹, über die man in einem bes­timmten Kreis, und sei es die ›Welt­ge­mein­schaft‹, ver­fügt, die Iden­tität dessen, der da spricht, auf eine eigen­tüm­liche Weise ver­birgt und enthüllt. Das lib­erale Dogma (um Cro­ces Ter­mi­nolo­gie zu ver­wen­den) ver­langt, dass der Sprechende von seiner Iden­tität absieht, um unter seines­gle­ichen zu verkehren, wer immer sie sein mögen – also in etwa das herzustellen, was Dialek­tiker die Iden­tität des Nichti­den­tis­chen genannt haben. Die Kon­struk­tion des mündi­gen Indi­vidu­ums setzt die Pri­vat­sache voraus, die abge­tren­nte Sache des Einzel­nen, welche die anderen nichts angeht. Darunter fällt, nach klas­sisch lib­eralem Ver­ständ­nis, auch die Reli­gion. Wenn also die Reli­gion des Lib­er­al­is­mus auf Wider­stand stößt – und zwar seit­ens solcher Reli­gio­nen, die den für das Chris­ten­tum gel­tenden Prozess der Selb­st­beschränkung nicht oder nur unter dem Dik­tat eines Kolo­nial­sys­tems durch­laufen haben –, so steht sie vor der Wahl, sich selbst oder ihre Prinzip­ien zu ver­ab­schieden, das heißt, sich als das zu erken­nen zu geben, was sie ist, als iden­tität­sprä­gende Instanz, oder als anonyme Verkehrs­form zwis­chen Chris­ten unter­schiedlicher Kon­fes­sion, Mus­li­men, Bud­dhis­ten, Hin­dus etc. die bes­tim­mende Kraft in Bezug auf die zu ver­han­del­nden Inhalte voll­ständig aufzugeben. Selb­stver­ständlich ver­steht sie sich in der Real­ität weder zur einen noch zur anderen Alter­na­tive. Eine Parole wie die (im Vor­feld des Irak-​Krieges seit­ens der amerikanis­chen Regierung erst lancierte, dann zurück­ge­zo­gene) vom Kreuz­zug gegen das Böse ver­rät den entschlosse­nen Vor­wärts­drang von Buri­dans Esel: die lib­erale Verkündi­gung steckt ebenso darin wie die christliche.

Als iden­tität­sprä­gende Reli­gion fordert der Lib­er­al­is­mus den Glauben an den mündi­gen Men­schen. Nur unter dieser Voraus­set­zung erhält das Gel­tenlassen des Anderen einen vertret­baren Sinn. Mündigkeit: darin liegt das Wis­sen um die Disponi­bil­ität der men­schlichen Dinge, ein­schließlich der erdachten, und damit die Abkehr von For­men der Fröm­migkeit, die dem göt­tlichen Dik­tat in der Seele des Einzel­nen oder den Ver­laut­barun­gen von Amt­strägern ein Übergewicht über das selb­ständig Erdachte ein­räu­men. Wel­tre­li­gio­nen wie das Chris­ten­tum oder der gelehrte Islam haben For­men der Ausle­gung gefun­den, die den Gegen­satz zwis­chen dem göt­tlichen Wort und der Ein­sicht in die Eigenge­set­zlichkeit des Denkens weniger schnei­dend empfinden lassen, aber sie haben den Kon­flikt weder schlichten kön­nen noch schlichten wollen. Beze­ich­nen­der­weise verbindet der Fun­da­men­tal­is­mus christlicher oder islamis­cher Prove­nienz extreme Wort­gläu­bigkeit mit extremem Ausle­gungswillen. Der nicht wahrgenommene Wider­spruch wird nach außen ver­lagert und setzt sich in Hass auf das autonome Denken um. Doch der Wider­spruch ist im lib­eralen Denken selbst vir­u­lent. Die Kon­struk­tion des pri­vaten Men­schen, der in seinen inner­sten Überzeu­gun­gen nicht behel­ligt wer­den darf, bietet zwar Schutz vor Ver­fol­gun­gen, die nicht aus­bleiben, wenn Men­schen mit ihren Überzeu­gun­gen Ernst machen, aber sie verän­dert diese auch, und zwar im Kern. Ins Belieben des Einzel­nen gestellt, also beliebig, erre­ichen sie nur in sel­te­nen Fällen die Kon­se­quenz und Dichte der lib­eralen Überzeu­gun­gen, die ger­ade nicht ins Belieben des Indi­vidu­ums gestellt sind, son­dern überindi­vidu­ell und beis­tim­mung­sheis­chend auftreten und auftreten müssen, wenn sie ihren Sinn nicht unmit­tel­bar ein­büßen sollen. Das ist Nor­mal­ität. Hinge­gen erre­gen jene ›inner­sten‹, iden­titätss­tif­ten­den Überzeu­gun­gen, sobald sie eine ver­gle­ich­bare Dichte und Kon­se­quenz erlan­gen, automa­tisch den Ver­dacht pathol­o­gis­cher oder ver­brecherischer Umtriebe. In seinem Bild des fun­da­men­tal­is­tis­chen Ter­ror­is­ten, das beide Züge enthält, fix­iert das lib­erale Denken seinen selbst erschaf­fe­nen Gegen­pol, und es ist im Grunde nur eine Frage der Zeit und der Gele­gen­heit, dass die logis­che Möglichkeit, die darin zum Aus­druck kommt, von wirk­lichen Per­so­nen und Per­so­n­en­grup­pen ergrif­fen und in Aktion umge­setzt wird.

Nun ist der islamis­che Fun­da­men­tal­is­mus zunächst eine Erschei­n­ung der islamis­chen Welt. Auch nach dem 11. Sep­tem­ber ver­laufen die anti­west­lichen Kampflinien weit­ge­hend ent­lang den von west­lichen Inter­essen gezo­ge­nen Lin­ien inner­halb dieser Welt. Im Westen selbst – und ins­beson­dere in Europa, dem Herkun­ft­skon­ti­nent des lib­eralen Sys­tems – liegen die Dinge anders. Die Gefahr für das Sys­tem, von auf­begehren­den Grup­pen her­aus­ge­fordert zu wer­den, scheint ger­ing zu sein. Aushe­beln lässt es sich am ehesten durch Inanspruch­nahme. Die lib­erale Option, das Recht gle­icher­maßen als instru­mentell und als Gewalt über den Gewal­ten zu betra­chten, enthält eine nicht zu ver­ach­t­ende Ein­ladung, sein Recht zu fordern noch da, wo weder rechtliche Ein­stel­lun­gen noch Recht­statbestände vor­liegen. Das klingt para­dox, ohne es zu sein. Europas ter­ror­is­tis­che Zukunft liegt in der massen­haften Inanspruch­nahme von Recht­sproze­duren ohne ein entsprechen­des Rechts– (und Unrechts)bewusstsein. Wenn das, was als juris­tis­cher ›Reform­prozess‹ den Wech­sel der regieren­den Parteien begleitet und als notwendige Anpas­sung des ›Sys­tems‹ an gewan­delte Denk– und Ver­hal­tens­muster in der Gesellschaft fungiert, im juris­tis­chen All­tag als geheime oder not­dürftig bemän­telte Machter­grei­fung bes­timmter Grup­pen gehan­delt wird, die ihrer­seits Anpas­sung, Enrichez-​nous, Renega­ten­tum und hero­is­chen Wider­stand aus­löst und damit neue Spi­ralen des Nach­denkens und –leg­ens bei Regieren­den wie Regierten in Gang setzt, dann schlägt fern jeder Leg­isla­tive die Stunde derer, die im Bewusst­sein des eige­nen Weges der Welt die Stirn bieten, ohne sich durch etwas anderes als durch Gewalt oder unmit­tel­bare Gewalt­dro­hung kurzfristig darin beir­ren zu lassen.

Ein frühes lit­er­arisches Doku­ment dieses fun­da­men­tal­is­tis­chen Geistes hat im kul­turellen Gedächt­nis Europas einen wie es scheint, unaus­löschlichen Ein­druck hin­ter­lassen. Hein­rich von Kleists Ein­fall, die Idee der Gerechtigkeit in einem pri­vaten Gemüt zu so bes­tim­mender Größe anwach­sen zu lassen, dass sie das reale Rechtssys­tem zu spren­gen droht, berührt deshalb so unmit­tel­bar, weil dem von ihm ersonnenen ter­ror­is­tis­chen Feldzug keine als anachro­nis­tisch emp­fun­dene religiöse Überzeu­gung zugrunde liegt, son­dern eine dem kom­menden lib­eralen Sys­tem inhärente Größe. Inner­halb des lib­eralen Sys­tems wird der Lib­erale selbst zum Ter­ror­is­ten, sobald er seine Überzeu­gun­gen fun­da­men­tal­is­tisch missver­steht. Kleist wusste, was er da schrieb. Das bezeugt das Gespräch zwis­chen Kohlhaas und dem knecht­seli­gen religiösen Refor­ma­tor Luther in Wit­ten­berg, dessen Urteil der Ter­ror­ist sich unter­wirft, ohne es zu ver­ste­hen. Wie sollte er auch, da doch seine Zeit, anders als die des from­men Mannes, noch nicht gekom­men war. Er hätte schon den Dreißigjähri­gen Krieg und den West­fälis­chen Frieden prophezeien müssen. Dann hätte ja, wer weiß, ein beein­druck­ter Luther statt seiner frei­willig den Weg zum Schafott angetreten.

Kohlhaas, nicht Luther, geht als Sieger aus diesem his­torischen Zwiege­spräch her­vor. Das lässt sich in Den Haag ebenso wie in Karl­sruhe oder an jedem Bezirksver­wal­tungs­gericht an einer Vielzahl der dort ver­han­del­ten Fällen able­sen. Das Recht­sempfinden ist die vor­let­zte fun­da­men­tal­is­tis­che Obses­sion Europas. Sie ist soweit Teil des Sys­tems, dass alle die ver­schämten oder unver­schämten Fun­da­men­tal­is­men, die in den Dach– und Gehirnkam­mern der ihm nominell ange­hören­den ›Mit­men­schen‹ – ein Begriff mit Fußan­geln – erson­nen wer­den, sich in einem wun­der­samen his­torischen Kom­pro­miss mit ihm zu vere­ini­gen streben. Wer immer in Europa ›glaubt‹, glaubt vor allem, dass er Recht hat – so sehr dominiert das lib­erale Empfinden seit dem Ende des Kalten Krieges, der RAF und der Brigate rosse das Denken dieses Erdteils, ohne es im Ger­ing­sten von seinen üblichen Nar­reteien abhal­ten zu kön­nen. Was immer im poli­tis­chen Raum als nicht ver­han­del­bar aus­gegeben wird – manch­mal aus ein­sichti­gen, meist aus durch­sichti­gen Grün­den –, findet früher oder später den Weg zu den Gerichten. Dort befindet es sich gut.

Dür­fen Men­schen ihre inner­sten Überzeu­gun­gen aufgeben? Das ist die Gretchen­frage des Lib­er­al­is­mus. Dass seine Feinde sie immer und über­all mit einem mehr oder weniger aufrichti­gen, mehr oder weniger heuch­lerischen ›Nein‹ beant­worten wer­den, ver­steht sich von selbst. Dem lib­eralen Denken selbst kann nicht daran gele­gen sein, sie zu beja­hen. Vielmehr muss es sich darin ein­richten, Überzeu­gung unter Überzeu­gun­gen zu sein, will es nicht selbst zum Instru­ment des Ter­rors und der Lüge verkom­men. Sep­a­ra­tion, Gehirn­wäsche, Demü­ti­gun­gen aller Art, die Denun­zi­a­tion von Men­schen anderer kul­tureller oder religiöser oder nationaler oder eth­nis­cher Herkunft als kün­ftiger Ter­ror­is­ten, die zu töten ins Belieben einer rach­süchti­gen Poli­tik gestellt wird – dies alles wären Auswüchse eines Sys­tems, das sich die Lek­tio­nen seiner Feinde allzu schnell und allzu direkt zu eigen gemacht hat und überdies an einem Über­maß pri­vat fab­rizierter und über eine im Gewirr ihrer Rück­kop­plun­gen medi­atisierten Öffentlichkeit kom­mu­nizierter Phan­tasien leidet.

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