1.

Ein Dozent der Philoso­phie reist im Mai 1941 ins beset­zte Paris. Ein­ge­laden hat ihn die kul­tur­poli­tis­che Abteilung der deutschen Botschaft, das Deutsche Insti­tut. Im Jahr darauf erscheint der Pariser Vor­trag bei Vit­to­rio Kloster­mann unter dem Titel Volk und Geschichte im Denken Herders. Man liest dort, Herder betreffend:

So sieht er (und nimmt darin eine Ein­sicht vor­weg, die uns aus Niet­zsches zweiter unzeit­gemäßer Betra­ch­tung über den »Nutzen und Nachteil der His­to­rie für das Leben« geläu­fig ist): jedes Leben hat einen geschlosse­nen Hor­i­zont, um in dieser »Mäßi­gung des men­schlichen Blickes (die »Füh­llosigkeit, Kälte und Blind­heit« gegen das Ungle­ichar­tige und Fremde der Ver­gan­gen­heit zur Folge hat) mir auf dem Mit­telpunkte Genüge zu geben, der mich trägt.« In einem auf seine Vorurteil­slosigkeit stolzen Jahrhun­dert erkennt Herder die Kraft des Vorurteils, glück­lich zu machen, indem es »Völker in ihrem Mit­telpunkte zusam­men­drängt«. Dabei ver­fällt Herder so wenig in die Selb­stzufrieden­heit des späten His­toris­mus, daß er den Vorzug des weiten Umblicks, den die Stel­lung der eige­nen Gegen­wart, ihr Ort gle­ich­sam auf den fein­sten und höch­sten Ästen und Verzwei­gun­gen des großen Baumes der Men­schheit, mit sich bringt, zwar erkennt, aber mit dem Ernst des an der Geschichte und dem Bild der Gegen­wart belehrten Erziehers auf Konzen­tra­tion der Kräfte der Nation dringt.1

Der Leser braucht eine Weile, um sich im kun­stvoll organ­isierten Zwar-​Aber des let­zten Satzes zurechtzufinden. Das liegt nicht so sehr an der aus­laden­den Syn­tax, deren Verzwei­gun­gen ver­mut­lich mehr oder min­der kun­stvoll den »großen Baum der Men­schheit« zu Gehör brin­gen sollen, als daran, dass hier ein Gedankenglied aus­ges­part bleibt, dessen Unken­nt­nis die ver­ste­hende Lek­türe zum mehr oder weniger mech­a­nis­chen Nachvol­lzug eines frem­den (und befremdlichen) Gedankens degradiert. Dem Ver­fasser scheint das bewusst gewe­sen zu sein, denn Jahrzehnte später fügt er jenes Glied unauf­fäl­lig ein, wobei er die ursprüngliche Aus­sage ersat­z­los tilgt. Im Nach­wort zur Suhrkamp-​Ausgabe von Herders Schrift Auch eine Philoso­phie der Geschichte zur Bil­dung der Men­schheit von 1967, einer durchge­se­henen Fas­sung der Pub­lika­tion von 1942, lautet der Satz dann folgendermaßen:

Dabei ver­fällt Herder so wenig in die Selb­stzufrieden­heit des späteren His­toris­mus, daß er den Vorzug des weiten Umblicks, den die Stel­lung der eige­nen Gegen­wart, ihr Ort gle­ich­sam auf den fein­sten und höch­sten Ästen und Verzwei­gun­gen des großen Baumes der Men­schheit, mit sich bringt, zwar erkennt, aber sich auch die Schwächung nicht ver­birgt, die in solcher Ver­feinerung liegt.2

Mit ein wenig Ironie ließe sich kom­men­tieren: es bleibt – gewis­ser­maßen – ein nobler Zug, dass Herder sich gegenüber dem späteren His­toris­mus den Gedanken nicht ver­birgt, der, wie bekannt, den Grun­de­in­fall seines Büch­leins bildet. Der Ver­dacht liegt allerd­ings nahe, an dieser Stelle tra­chte der Inter­pret selbst etwas zu ver­ber­gen, wohl weil ihm – wiederum gewis­ser­maßen – nach so langer Zeit das Wort vom Erzieher, der »auf Konzen­tra­tion der Kräfte der Nation dringt«, wenn schon nicht anstößig, so doch pein­lich gewor­den ist. Was liegt also näher, den Hauptgedanken der besproch­enen Schrift als Mar­gin­alie nachzu­tra­gen und ihn so ein weit­eres Mal zu ver­fälschen? Denn dass Herder den »Vorzug des weiten Umblicks« nicht als Schwächung, son­dern als trügerischen Schein behan­delt, dessen Entste­hen durch die schwächere Prä­gung der mod­er­nen Indi­vid­u­alcharak­tere begün­stigt wird, bleibt selbst dem his­torisch wenig ver­sierten Leser nicht lange ver­bor­gen. Auch darf man zweifeln, ob es erst des His­toris­mus bedurfte, um an dem Herder­schen Dilemma zu scheit­ern, das aus dem Lehrstück von der unen­trinnbaren Ver­haf­tung des einzel­nen im – wie die Hermeneu­tik es for­mulierte – je eige­nen kul­turellen Kon­text entsteht; der Rel­a­tivis­mus kom­men­tiert sich selbst an jeder Stelle negativ.

Ein klarer Fall von Selb­stzen­sur: die kar­ri­ere­fördernde For­mulierung aus dem Jahre 1941 weicht der unmaßge­blichen Gebärde dessen, der weiß, dass gegen his­torische Entwick­lun­gen kein Kraut gewach­sen und Licht ohne Schat­ten ohne­hin nicht zu haben ist. Das Motiv wäre zu durch­sichtig, als dass es sich lohnte, länger bei ihm zu ver­weilen. Und auch die Frage, wer nachträglich eigentlich vorm Faschismus-​Verdacht geschützt wer­den musste, der streb­same Philoso­phiedozent oder am Ende Herder selbst, hat wiederum ein Men­schenal­ter später ihre Brisanz ver­loren. Was nicht bedeutet, dass man sie gän­zlich ad acta legen sollte: während die hiesige Inter­pre­ten­zunft, wie dies unter Besiegten der Brauch zu sein pflegt, ein neues Herder­bild erar­beit­ete, trug und trägt die Kul­tur­ar­beit der vierziger Jahre west­lich des Rheins und ander­swo noch immer Früchte. Kul­turelle Dif­ferenz wirkt sub­ku­tan, und jene ›Arbeit an der Dif­ferenz‹, der sich der junge Gadamer wie andere seiner Zeitgenossen mit soviel uner­widerter Hingabe wid­mete, wird den Heuti­gen das Leben auch nach der Jahrtausendwende vergällen, wenn die alten Her­ren längst ihren Frieden mit der Welt gemacht und das Zeitliche geseg­net haben wer­den. Nur dass der zwangsläu­fig hin und wieder aufzün­gel­nde Zorn der Nachge­bore­nen nicht mehr Schuldige trifft, son­dern Sündenböcke.

Gadamers Hermeneu­tik – das kleine Beispiel deutet es an – ist nicht nur zeitlich dem Wieder­auf­stieg der west­deutschen Gesellschaft benach­bart. Sie repräsen­tiert den Geist des Wieder­auf­baus, insofern sie in einer total­isieren­den Bewe­gung, deren sub­ku­tane, nichts­destoweniger fak­tengestützte Ver­wandtschaft mit der Kon­struk­tion des ›Deutschen Geistes‹ in der ersten Hälfte des Jahrhun­derts für die Nachge­bore­nen erst allmäh­lich an Sicht­barkeit gewinnt, Steinchen um Steinchen das Gebäude einer philosophisch-​literarischen Über­liefer­ung wieder­erste­hen ließ, die, ›im Kern unbe­trof­fen‹ durch die nation­al­sozial­is­tis­tis­che Vere­innnah­mung, ebenso grund­los unter den Bomben der Alli­ierten pul­verisiert wor­den war wie die mit­te­lal­ter­lichen Kirchen und barocken Res­i­den­zen, welche nach und nach in die seriellen Stadt­bilder zurück­kehren durften, in denen sie nun wie ges­tran­dete Meere­sunge­heuer herum­standen. Im Kern unbe­trof­fen: dies zu erweisen, darin lag von Fall zu Fall die von der hermeneutis­chen Schule geforderte Anstren­gung, die nur dann als gelun­gen ange­se­hen wer­den kon­nte, wenn man sich die Arbeit nicht zu leicht machte. Also musste die fatale Ten­denz der Tra­di­tion so nahe wie nur irgend möglich am Kern lokalisiert wer­den, um desto tri­umphaler als fehler­hafte Ausle­gung, als zu kurz greifende (und die Geschichte des Denkens ›verkürzende‹) Inter­pre­ta­tion in den Orkus der Fehldeu­tun­gen entsorgt zu wer­den – nicht zu lange übri­gens, da man ihrer unverzüglich aufs Neue bedurfte, um einen anderen Über­liefer­ung­s­text auf Kosten seiner Umge­bung zu ret­ten. Der hermeneutis­che Sub­text macht sich über­all bemerk­bar – es ist die tabuisierte vorgängige Ausle­gung, deren sach­liche Fehler­haftigkeit in argu­men­ta­tiv nicht zugänglicher Weise auf das Konto einer anrüchi­gen Gesin­nung gesetzt wird. Der Tri­umph der jew­eils avançiert­eren Ausle­gung ist daher ein Tri­umph über das nachrück­ende Böse, vor dem man zusam­men mit dem aus­gelegten Text die eigene Seele in Sicher­heit bringt. Gewiss auch die Kar­riere: ob einer Dreck am Stecken hat oder nur seine Fußnoten nicht unter Kon­trolle bringt, macht keinen großen Unter­schied, sobald das Sys­tem ein­mal instal­liert und die Dif­fu­sion des Bösen per­fekt ist.

Man ist gut beraten, die oblig­ate Empörung zu zügeln, um zu ermessen, wie sich der Vor­tra­gende 1941, nicht ohne Geschick, seiner kul­tur­poli­tis­chen Auf­gabe im geschla­ge­nen Fein­des­land entledigt. »In der Tat«, merkt er an – und manchem wird er damit ›aus der Seele‹ gesprochen haben –,

mag der Glaube an den Sieg der Ver­nunft und der Bil­ligkeit nicht nur dem lei­den­den Teil der Men­schheit wie ein Trost bei­wohnen, son­dern auch den Helden der Geschichte in ihren harten Plä­nen und Entschlüssen voranleuchten.

Der forcierte Archais­mus lässt einen solchen Satz unan­greif­bar erscheinen, obwohl in ihm die nicht aus­for­mulierte, geschweige denn beant­wortete Frage mitschwingt, ob ein solcher Glaube nicht nur zu den Illu­sio­nen gehört, deren auch der Schlächter bedarf, um seinem Geschäft mit hin­re­ichen­der See­len­ruhe nachzuge­hen. Die Nachkriegs­fas­sung wird an gle­icher Stelle zynisch: »auch die ›Helden‹ der Geschichte«, heißt es da, »wer­den für ihre Pläne und harten Entschlüsse in diesem Glauben ihre Legit­i­ma­tion suchen«. Man spürt, dass dieses Mal von anderen ›Helden‹ die Rede ist, dass also das Per­sonal der Betra­ch­tung, nicht aber der Gedanke gewech­selt hat. Den Unter­schied zwis­chen den Helden der eige­nen und denen der anderen Seite beze­ich­nen ein Anführungsze­ichen und ein Wech­sel der Stil­lage: damit ist die Grenze angegeben, die als Grenze und Grund des Ver­ste­hens von Gadamer in Herders Kul­tur­the­o­rie lokalisiert und hermeneutisch angeschärft wird. Gemeint ist nicht die gemein­same Linie zweier benach­barter Ter­ri­to­rien, son­dern die Linie, die Sieg und Nieder­lage voneinan­der trennt. Sie allein trennt Wel­ten: dem objek­tiven Zynis­mus des Siegers, der sich in der unbeküm­merten Grausamkeit des Despoten äußert, begeg­net der sub­jek­tive Zynis­mus des Ver­lier­ers, der weiß, was er von der Ver­nunft und Bil­ligkeit des Siegers zu hal­ten hat.

Doch nicht ›Sieg‹ oder ›Nieder­lage‹ lautet die Vok­a­bel, in deren Namen der Philosoph um Gehör bit­tet, son­dern ›Über­win­dung‹: »Mit dieser Fest­stel­lung« – gemeint ist Herders Formel von der Glück­seligkeit als »Summe des men­schlichen Geschlechts« in allen seinen Zeitaltern –

über­windet Herder nicht nur die Aufk­lärung, son­dern auch ihr Gegen­spiel, den Rousseauis­mus, nicht nur den Intellek­tu­al­is­mus der »abstrak­ten Schat­ten­bilder«, die einen Fortschritt vortäuschen, son­dern ebenso den Auf­s­tand des Sen­ti­ment: Er wird zum Ent­decker des his­torischen Sinnes.

Tak­tisch betra­chtet, enthält diese Pas­sage einen Appell: man befindet sich, wie es scheint, auf gemein­samem kul­turellem Boden – dem Boden des dialek­tis­chen Besin­nungsauf­satzes –: The­sis Aufk­lärung, Antithe­sis Rousseauis­mus, dann die Auflö­sung des Gegen­satzes in einem über­wöl­ben­den Drit­ten, dem his­torischen Sinn. Wie zufrieden der Ver­fasser mit seiner Lösung ist, ver­rät die tex­ti­den­tis­che Fas­sung von 1967: hier gab es offen­sichtlich nichts zu verän­dern. Wie sollte es auch, wenn die gemein­same Lösung in dem lag, was den deutschen Geist vor allen anderen ausze­ich­nete? Den­noch zwingt die nicht zu überse­hende Dif­ferenz von Sieg und Nieder­lage auch in diesem Kern­bere­ich zu Retuschen. »In jedem Deutschen, auch wenn er es nicht weiß oder will, lebt etwas von Herders Seele«: diesen Satz mochte Gadamer seinen Pariser Zuhör­ern zumuten, nicht jedoch dem heimis­chen Pub­likum von 1967. Im Sieg gibt sich das arteigene Denken exk­lu­siv, in der Nieder­lage wird es die natür­lich­ste Sache der Welt, Gemeingut der Men­schheit. Erhal­ten bleibt die Vorstel­lung, es müsse wohl ein kul­tureller, wenn nicht genetis­cher Defekt im Spiel sein, der ver­hin­dere, dass der his­torische Sinn, ein­mal ent­deckt, sich gle­ich­mäßig über den bewohn­ten Plan­eten verteile.

Einem Emi­granten, der durch ein Verse­hen Zeuge jenes Vor­trags gewor­den wäre, hätte er wohl oder übel wie die Rede eines Wahnsin­ni­gen oder eines Heuch­lers erscheinen müssen. Man kann sich aber fra­gen, welche anderen Optio­nen dem Vor­tra­gen­den, solange er als Teil des Sys­tems agierte, offen ges­tanden wären. Wirk­lich war die mil­itärische Lage, wirk­lich die Kon­stel­la­tion, in der ihm nur die Wahl blieb, die eine oder andere Seite zu repräsen­tieren, die siegre­iche oder die besiegte – denn dass der innere Feind unter den gegebe­nen Umstän­den als besiegt gel­ten musste, stand außer Zweifel –, wirk­lich war vor allem die Unwirk­lichkeit der Sit­u­a­tion, die ein paar Jahrzehnte früher wohl noch als undenkbar oder zumin­d­est als ›spießer­haft‹ gegolten hätte: ein Denken bestand darauf, ein anderes Denken mil­itärisch besiegt zu haben, und schickte sich an, den Besiegten die wahren Ursachen seiner Über­legen­heit aus der Geschichte nachzure­ichen. Noch heute kön­nen wir diese Unwirk­lichkeit nicht ganz nachvol­lziehen, weil der Nazi-​Sieg (nicht der erste in dieser Reihe!) eine Serie von Folge-​Siegen nach sich zog, die bis heute den Sinn für die Komik des Unter­fan­gens nieder­hält – bis hin zum Sieg des ›West­ens‹ über den Marx­is­mus, den das Jahr 1989 für uns symbolisiert.

Die Welt des Siegers ist eine geschlossene Welt. Das gilt, um ein anderes Beispiel zu bemühen, für die Sow­je­tu­nion Stal­ins, die André Gide in den dreißiger Jahren bereiste und unge­nießbar fand, nicht etwa, weil er, wie gehabt, auf Armut und Aus­beu­tung stieß, son­dern weil die Dif­ferenz zwis­chen der siegre­ichen Ide­olo­gie und den von ihr gle­icher­maßen gezeit­igten und verdeck­ten Resul­taten sich ihm als unüber­brück­bar dar­bot. Um die schul­meis­ter­lichen Resul­tate des Gadamer­schen Nach­denkens für unge­nießbar zu hal­ten, wäre es nicht unbe­d­ingt nötig gewe­sen, die Dif­ferenz von The­o­rie und Praxis auf seiten der Sieger zu bemerken oder dem eige­nen Chau­vin­is­mus die Zügel schießen zu lassen. Es hätte aus­gere­icht, die alten Texte wieder zu lesen und sich einiger Grund­sätze geistiger Arbeit zu erin­nern, die, anders als in der siegre­ichen Sow­je­tu­nion, weder in Deutsch­land noch in Frankre­ich offiziell abgeschafft wor­den waren. Allein der Sieg genügt, um das Denken zu kor­rumpieren: wie um diese These explizit zu bestäti­gen, sieht Gadamer sich genötigt, den Stam­m­vater arteige­nen Denkens in dem alles entschei­den­den Punkt zu kor­rigieren: in seinem Ver­hält­nis zum ›Despotismus‹.

Sin­niger­weise ist Gadamer seiner Kri­tik am Vor­denker auch in der Nieder­lage treu geblieben. So liest man in der rev­i­dierten Fas­sung von 1967, Herders Mon­tesquieu geschuldetes Urteil, in der späteren römis­chen Geschichte sei »nur der roheste Despo­tismus am Werke«, sei »eine ver­häng­nisvolle Ein­schätzung Roms, die auf der deutschen Geschichte der let­zten zwei Jahrhun­derte lastet.« Das wirkt selt­sam, weil Herder den Despo­tismus keineswegs despek­tier­lich behan­delt und die römis­che Aggres­sion gegen die lokalen und regionalen Kul­turen des europäisch-​nordafrikanischen Raumes mit dem Hin­weis auf ihre weitre­ichende zivil­isatorische Bedeu­tung vertei­digt. Es muss also etwas mit der Infizierung durch Mon­tesquieu, den Vertreter des kurzfristig unter­wor­fe­nen frem­den Denkens, zu tun haben, wenn von dieser Seite das auf der deutschen Geschichte las­tende Ver­häng­nis ins Spiel kommt. Der Infizierte weiß, dass die Nieder­lage sich einer tief­eren Zeit­spur ver­dankt als der vor­ma­lige Sieg. 194142 hatte es, wen­ngle­ich an anderer Stelle des Vor­trags, geheißen: »Selbst sein« – also Herders – »lebendi­ger Sinn für die nationale Ein­heit seines eige­nen, so vielfältig gegliederten und zerspal­te­nen Volkes war von einer echten Ver­tiefung in die staats­bild­ner­ischen Möglichkeiten des völkischen Gedankens weit ent­fernt.« Der Vor­tra­gende wusste – und weiß – am besten, was daran blanker Nazi-​Jargon war. Es fragt sich aber, welche Funk­tion eine solche Pas­sage in einem Text gewinnt, der, wenig­stens der Ten­denz nach, auf Pros­e­lyten­macherei angelegt ist: der ‚geistige‹ Vertreter der Siegerma­cht reka­pit­uliert den lan­gen, dun­klen Weg, den der völkische Gedanke zurück­le­gen musste, bevor die gegen­wär­tige Sit­u­a­tion ihn auf der Höhe seiner Möglichkeiten zeigt. Die Reka­pit­u­la­tion enthält den Kotau vor denen, die diese Sit­u­a­tion realiter her­beige­führt haben. Der Geist tritt zurück ins Glied – just an der Stelle, an der, wen­ngle­ich nur in dezen­ter Andeu­tung, von der herrschen­den Macht die Rede ist.

Der Vor­gang ist so atemver­schla­gend wie triv­ial. Der Part des akademis­chen Intellek­tuellen endet dort, wo er, dem klas­sis­chen Ver­ständ­nis nach, beginnt: sobald er sein Ver­hält­nis – beziehungsweise das Ver­hält­nis des Geistes – zur Macht bes­timmt. Es kön­nte gut möglich sein, dass all jene, die darin nur Feigheit oder Borniertheit zu sehen ver­mö­gen, sich grundle­gend täuschen, insofern sie die Machtkon­stel­la­tion, der sie die Gele­gen­heit zur eige­nen Rede ver­danken, vorder­gründig aus ihren Über­legun­gen aus­blenden, um sie desto gewisser in ihr zu reka­pit­ulieren. Es ist nicht nötig, dass Macht aggres­siv auftritt und in Sol­daten­stiefeln und Uni­for­men auftrumpft: jede fak­tis­che Kon­stel­la­tion enthält genü­gend Anreize, sich so und nicht anders in Szene zu set­zen, und keiner, der in ihr das Wort führt, sollte sicher sein, dass unter seinen Zuhör­ern nicht auch solche sitzen, denen die Sit­u­a­tion das Wort ver­bi­etet oder abschnürt. Er darf es nicht ein­mal wün­schen: unter seines­gle­ichen zu sein, bedeutet den schlimm­sten anzunehmenden Unfall. Das Erre­gende intellek­tueller Rede besteht darin, den Geg­ner in die unan­nehm­bare Lage zu brin­gen, entweder zu kon­vertieren oder zu replizieren: Entweder gibt man das Spiel ver­loren oder man akzep­tiert die Regel des Spiels und exponiert sich damit exis­ten­ziell. Das mag her­zlich gle­ichgültig sein, solange man bloß Scheinge­fechte aus­trägt, doch schon der Kampf um akademis­che Pfrün­den ver­mag Blessuren zu schla­gen und Exis­ten­zen zu ver­nichten. Der Auftritt des forschen Gelehrten muss in dieser Hin­sicht als Stern­stunde gel­ten; während er den Fuß auf den Nacken des Geg­n­ers stellt, spürt er den keuchen­den Atem der Gruppe in seinem eige­nen und fällt in ihn ein.

2.

Mit einem polemis­chen Unter­ton, der sich der Wan­derung des Aus­drucks durch ver­schiedene intellek­tuelle Milieus ver­dankt, nennt man den Vor­gang, wo immer er sich abspielt, das Opfer des Intellekts. Die Beze­ich­nung weckt den Ver­dacht, es müsse sich um eine Art Betrieb­sun­fall han­deln; der ›Geis­te­sar­beiter‹ ›opfert‹ seinen Intellekt, um sich der Gruppe, der Gemein­schaft oder dem Kollek­tiv gefäl­lig zu erweisen und dafür den Lohn in Form von Zus­tim­mung, Ehren­titeln, Pfrün­den oder einem Anteil an der Macht einzus­tre­ichen. Man meint daher, einen Tadel auszus­prechen, sobald man den Aus­druck ver­wen­det: Macht kor­rumpiert, absolute Macht – die Macht der Gruppe – kor­rumpiert abso­lut. Selt­samer­weise spricht nie­mand vom Opfer des Intellekts, um Vorgänge inner­halb der Gruppe oder des Kollek­tivs zu umschreiben, in denen man sich bewegt und sich auszuze­ich­nen ver­sucht. Die Beze­ich­nung setzt offen­bar Fremd­wahrnehmung, zumin­d­est aber einen zeitlichen Abstand voraus. Den Auss­chlag gibt aber nicht die ver­flossene Zeit, son­dern die inzwis­chen einge­tretene moralis­che Diskred­i­tierung der ehe­ma­li­gen Akteure. Sie erschw­ert es dem Kom­men­ta­tor oder macht es ihm gän­zlich unmöglich, sich, und sei es auch nur im Spiel­raum des Imag­inären, mit einer Gruppe zu iden­ti­fizieren, die doch auf moralisch ver­quere Weise die eigene bleibt. Inner­halb der als intakt wahrgenomme­nen eige­nen Gruppe findet, wie es scheint, das Opfer des Intellekts nicht statt.

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Überzeu­gung die wil­lentliche Fes­tle­gung auf die Grup­pen­per­spek­tive impliziert und sich damit selbst wider­legt. Die Gewis­sheit, in der eige­nen Gruppe in dieser Hin­sicht gut aufge­hoben zu sein, enthält das Opfer des Intellekts. Um dies wahrzunehmen, bedarf es allein der Außensicht.

Angesichts dieses ein­fachen Tatbe­standes erhebt sich der Zweifel, ob das Opfer wirk­lich, wie nor­maler­weise unter­stellt wird, als ver­mei­d­bar und, da ver­mei­d­bar, als unbe­d­ingt zu ver­mei­den ange­se­hen wer­den muss. Denn auch unab­hängig davon, ob wir den Grup­pen­hor­i­zont für den einzel­nen als über­schre­it­bar oder als unüber­schre­it­bar inter­pretieren – eine müßige Frage, da eines das andere eher ein– als auss­chließt –, kön­nen wir nicht a pri­ori darüber befinden, was dem einzel­nen Grup­pen­mit­glied gut oder vertret­bar oder ver­w­er­flich erscheinen darf. Wir kön­nen es nicht und wir wollen es auch gar nicht. Der Aus­druck ›Opfer des Intellekts‹ zielt nicht primär auf die moralis­che Qual­ität der Gruppe und ihres Zusam­men­halts. Er zielt – eine Unter­suchung der ein­schlägi­gen Texte würde es ohne weit­eres zeigen – auf die Per­son, die dieses Opfer voll­bracht hat und nun alle Blicke auf sich gerichtet weiß. Vielle­icht nimmt sie let­zteres auch nur allzu bere­itwillig an oder wün­scht es sogar. Jeden­falls bedarf es der Überzeu­gung, als öffentliche Per­son wahrgenom­men zu wer­den und zu han­deln, um diesem Begriff des Opfers einen nachvol­lziehbaren Sinn abzugewin­nen. Das Opfer des Intellekts ist nicht denkbar ohne die Sicht­barkeit des Intellektuellen.

Diese Sicht­barkeit ist nicht auf die Wahrnehmung der Gruppe beschränkt. Die Figur des Intellek­tuellen ist von außen ein­se­hbar. »Leucht­türme« nan­nte Baude­laire solche Indi­viduen und set­zte sie, zweifel­los in pro­pa­gan­dis­tis­cher Absicht, als Aus­nah­mewe­sen in ein beson­deres Ver­hält­nis zur Men­schheit im all­ge­meinen. Lässt man die vielle­icht allzu kühne Annahme auf sich beruhen, so bleibt der Umstand, dass es im intellek­tuellen Kon­text neben der Bin­nen– auch immer eine Außen­per­spek­tive gibt, die ins Kalkül gezo­gen wer­den muss. Während das ein­fache Grup­pen­mit­glied in der Gruppe ›aufgeht‹, herrscht zwis­chen dem Intellek­tuellen und der Gruppe Dis­tanz. Sie lässt ihn für Außen­ste­hende, also für Mit­glieder anderer Grup­pen­ver­bände, ‚inter­es­sant‹ erscheinen, ganz im Sinn des lateinis­chen inter-​esse. Diese Attrak­tion macht an den Gren­zen der Gruppe nicht halt, son­dern wirkt über sie hin­aus. Umso befremdlicher fällt die Zurück­weisung aus, die der ent­fer­nte Bewun­derer zu erfahren meint, sobald der Gegen­stand des Inter­esses die rit­uelle Eini­gung mit der Gruppe vol­lzieht. Der zum Opfer schre­i­t­ende Intellek­tuelle ent­täuscht die Gäste von jen­seits des Zauns, die sich mehr von ihm erhofften. Die Frage ist, ob sie sich nicht ger­ade darin täuschten, und, falls dies zutrifft, in welchem Sinn sie sich täuschten und aus welchen Gründen.

Besser wäre es in diesem Zusam­men­hang vielle­icht, nicht ›Gruppe‹, son­dern ›Clique‹ zu sagen und damit dem Umstand Rech­nung zu tra­gen, dass Gemein­schaften, in denen die Insti­tu­tion des Intellek­tuellen anzutr­e­f­fen ist, einen Anspruch auf Welt­deu­tung erheben, der sich unmit­tel­bar auf Nach­barschaftsver­hält­nisse bzw. auf das Zusam­men­leben inner­halb kom­plexer Grup­pierun­gen auswirkt. Eine Clique (im Sinne einer ›ver­schwore­nen Gemein­schaft‹) stellt einen per­ma­nen­ten Unruhe­herd dar, weil ihr Zusam­men­halt auf der Nich­tan­erken­nung ‚fremder‹, also extern ver­ankerter Nor­men und daraus hergeleit­eter Ansprüche beruht. Die ›Welt‹, in der die Gruppe operiert, als befinde sie sich auf feindlichem Ter­ri­to­rium, wird von ihr als Ver­fü­gungs­masse wahrgenom­men. In diesem Sinn lässt sich ein Nazi-​Intellektueller ebenso wie ein Beruf­s­rev­o­lu­tionär marx­is­tis­chen Ange­denkens als Ange­höriger einer Clique begreifen. Aus dem gle­ichen Grund kön­nen auch Vertreter einer Groß­macht, die beschlossen hat, die let­zten ›weißen Flecken‹ der Land­karte unter ihre Kon­trolle zu brin­gen, den soge­nan­nten Einge­bore­nen, die man heute im Ver­trauen auf all­ge­mein schwindende Lateinken­nt­nisse als ›indi­gene Völker‹ beze­ich­net, als Clique erscheinen: als bewaffnete Ban­den von Igno­ran­ten, die weder begreifen wollen noch begreifen kön­nen, auf welchen Fun­da­menten die Ord­nung der Welt ruht, als Toll­wütige, die man besten­falls totschlägt, sofern man über eine zure­ichende Bewaffnung verfügt.

Bleiben wir ein wenig bei dieser Vorstel­lung. Die Ver­ständi­gung auf ein solches Vorge­hen setzt voraus, dass man Fach­leute für Fra­gen der Wel­tord­nung kon­sul­tiert, also – jeden­falls in religiös fundierten Gemein­schaften – die Priester, denen damit eine indi­rekte (gele­gentlich auch direkte) Macht über Leben und Tod zuwächst – nicht anders als dem Nazi-​Denker, der den Fremd­bazil­lus Mon­tesquieu als Ursache der anhal­tenden staatlichen Schwäche des eige­nen Volkes diag­nos­tiziert, nicht anders als den spanis­chen Unter­suchungskom­mis­sio­nen des sechzehn­ten Jahrhun­derts, die mit­tels aus­ge­feil­ter Tor­turen dem Forschungsauf­trag ihrer Regierung genügten, her­auszufinden, ob die Bewohner der Neuen Welt eine unsterbliche Seele besäßen, nicht anders auch als ihren indi­an­is­chen Gegen­spiel­ern, die, nicht weniger grausam, ihre Geg­ner ein­gruben, um nachzuse­hen, ob sie wie men­schliche Wesen der Ver­we­sung unter­lä­gen, nicht anders schließlich (sofern man die soziale Kalt­stel­lung in den Kat­a­log der zu ergreifenden Maß­nah­men aufn­immt) als so manchem West-​Journalisten, der bei ehe­ma­li­gen DDR-​Größen ein– und aus­ging, um an ihrer Aussprache oder dem Strick­muster der Häkeldeckchen auf der Vit­rine das Aus­maß ihrer Ver­stock­theit zu diagnostizieren.

Solche Oper­a­tio­nen an den Gren­zen der Welt, welche stets die eigene ist, kön­nen drama­tisch ver­laufen, wenn sie die Anerken­nung und sogar die Apoth­e­ose der anderen Seite ein­schließen. Wie ein wis­senschaftliches Märchen – zu schön, um wahr zu sein, und zu wahr, um nicht der Ausle­gung offen­zuste­hen – liest sich zum Beispiel, was der Anthro­pologe Sahlins über James Cooks Besuch auf Hawaii in den Jahren 177879 schreibt. Danach erschienen Cooks Expe­di­tion­ss­chiffe just zu einer Zeit vor der Hauptin­sel des Kön­i­gre­ichs, als dort das Fest der jährlichen Wiederkunft eines Gottes namens Lono im Gange war. Im Mythos ist Lono der Gott, der – vor Zeiten, ver­steht sich – über das Meer kam, um über die Insel zu herrschen. Während dieser Feier­lichkeiten ruht das Reg­i­ment des einge­sesse­nen, einer anderen mythis­chen Genealo­gie verpflichteten Königs. Man ahnt, was geschehen wird, was geschehen muss, da die mythol­o­gisch gefes­tigte Welt der Hawai­ianer keine andere Deu­tungsmöglichkeit bietet. Cook betritt die Insel als Gott Lono, unwis­send zwar, doch nicht ohne Sinn für die von ihm her­beige­führte Sit­u­a­tion. Let­ztere ist für beide Seiten ungewöhn­lich: auch die Hawai­ianer müssen sich erst mit dem Gedanken einer mehr als sym­bol­is­chen Gegen­wart des Gottes ver­traut machen. Ander­er­seits hat der Ent­deck­ungsreisende selbst bere­its unwissentlich einen Teil der rit­uell geprägten Erwartun­gen durch sein Ver­hal­ten vor der Lan­dung erfüllt. Und nicht nur das: er erweist sich als ver­wöhnt – und aufgek­lärt – genug, um die an ihn herange­tra­gene Rolle anzunehmen, ohne zu wis­sen – oder, falls er etwas ahnt, das Ganze ernst zu nehmen , dass das Rit­ual unter feier­lichen Men­schenopfern mit dem sym­bol­is­chen Tod des Gottes zu enden pflegt, aus dem dies­mal – durch eine Ver­ket­tung unglück­licher Zufälle, wie der Inter­pret her­vorhebt – eine reale Tötung wird.

Bedenkt man den Vor­gang aus einiger Dis­tanz, so erscheint als die vor­dringliche Auf­gabe, vor die das unver­mutete Erscheinen der Frem­den inmit­ten der Feier­lichkeiten die hawai­ian­is­che Priester­schaft stellt, ihre Iden­ti­fika­tion. Ein­er­seits musste die Rolle des Gottes dem Anführer der Frem­den wie auf den Leib geschnei­dert erscheinen. Ander­er­seits kon­nten die Fol­gen der Oper­a­tion sich, nicht zuletzt für den Kult selbst, als weitre­ichend erweisen. Nach­dem das Zer­e­moniell die Auf­frischung durch einen Darsteller aus Fleisch und Blut anstelle des üblichen Göt­ter­bild­nisses offen­sichtlich zuließ und sogar beförderte, scheinen die Kom­p­lika­tio­nen, vom tödlichen Aus­gang abge­se­hen, ger­ing gewe­sen zu sein. Es sieht so aus, als seien Cook und seine Leute eine ide­ale Beset­zung gewe­sen. (Übri­gens waren sie bere­its ein knappes Jahr vorher auf zwei anderen Inseln des Archipels gelandet, ohne durch Göt­tlichkeit auf­fäl­lig gewor­den zu sein; Speku­la­tio­nen über ihre etwas abwe­ichende Men­schen­natur dürften also unter der Insel­bevölkerung im Umlauf gewe­sen sein.)

Nun sind solche Urteile ihrer Natur nach zwei­deutig: ohne Blinzeln und Durch-​die-​Finger-​Sehen lässt sich, jeden­falls in bezug auf den Haupt­punkt, wenig aus­machen. Ver­mut­lich unter­schied sich der Vor­gang nicht grundle­gend von der pein­lichen Selb­st­be­fra­gung des Polit­büros der DDR im Herbst 1989, ob das, was sich draußen auf den Straßen abspielte, die Rev­o­lu­tion war – eine aus west­licher Sicht einiger­maßen selt­same Frage, die bloß den alten, unter aufgek­lärten Zeitgenossen für tot gehal­te­nen Rev­o­lu­tion­s­mythos aufwärmte, aber eben auch eine Frage, deren Beant­wor­tung über Leben und Tod vieler Men­schen entsch­ied. Zum Glück stellte sich her­aus, dass die bürg­er­rechtlich bewegten Intellek­tuellen draußen und die Parteis­trate­gen drin­nen in diesem Fall zum gle­ichen Ergeb­nis kamen, dass also eine strate­gis­che Allianz hielt, die einst zu ganz anderen Zwecken geschmiedet wor­den war. Das Glück der Hawai­ianer, welches das Glück und Unglück des Kapitän Cook umschloss, zeigte sich haupt­säch­lich darin, dass sie sich for­tan aus eigener Deu­tungs­macht als Unter­ta­nen der britis­chen Majestät betra­chten durften und diese Lesart iro­nis­cher­weise gegen den Unwillen der europäis­chen Kolo­nial­macht (die Ver­wick­lun­gen mit den Vere­inigten Staaten scheute) in Szene set­zten, wann immer es ihrem Vorteil dienen kon­nte. Hier hinkt der Ver­gle­ich, da der west­deutsche Staat nicht nur seine Sym­pa­thi­eträger schickte, son­dern zur realen Über­nahme bere­it­stand – unter anhal­tenden intellek­tuellen Schar­mützeln, die sich nicht zuletzt daran entzün­de­ten, ob man die rev­o­lu­tionäre Gretchen­frage in den DDR-​Machtzirkeln nicht doch am Ende zu defätis­tisch behan­delt und damit einem in Wahrheit reak­tionären ›Umschlag‹ – »Wir sind ein Volk« – Vorschub geleis­tet habe.

Die Iden­ti­fika­tion des Uner­warteten als die vornehm­ste Auf­gabe, die Intellek­tuellen inner­halb ihrer Gruppe oder Gemein­schaft zufällt, birgt ein hohes Risiko. Das gilt für das Kollek­tiv, da es das Risiko der ein­mal gefäll­ten Entschei­dung tra­gen muss, es gilt aber auch für den Intellek­tuellen, der durch sein Votum Ein­fluss auf die Entschei­dung nimmt. Beide Risiken hän­gen zusam­men, wie das Märchen von des Kaisers neuen Klei­dern anschaulich macht. Der Kaiser ist nackt: die Botschaft gefährdet den, der sie ausspricht, weil sie all diejeni­gen in Gefahr bringt, die darauf bauen, dass es mit dem kaiser­lichen Ornat schon seine Richtigkeit habe. Am Ende wird sich ihre Wut oder ihre Verzwei­flung gegen jene richten, die sie zum Glauben an des Kaisers neue Klei­der anges­tiftet haben. Soll heißen: da Mach­tat­tribute oder –sym­bole gele­gentlich über Besitz und Ver­lust realer Macht entschei­den, darf denen, die sie lancieren, kein Fehler unterlaufen.

Die Eingliederung des kat­e­go­r­ial noch nicht erfassten Frem­den in den sym­bol­is­chen Kos­mos der Gruppe ist eine Dien­stleis­tung für beide Parteien, deren Asym­me­trie ins Auge springt. Auch wenn der Fremde sich – im gün­sti­gen Fall – als Nutznießer der Oper­a­tion betra­chten darf, bleibt das Ergeb­nis ambiva­lent. Gle­ichgültig, ob der Priester oder Intellek­tuelle aus sub­jek­tiver Ein­stim­mung in den Grup­pene­go­is­mus han­delt oder nicht, die Bedeu­tung seiner Per­son wie seines Tuns bemisst sich an der ihm inner­halb der Gruppe über­tra­ge­nen Auf­gabe. Im Prinzip han­deln die Priester des Lono nicht anders als der Bauchred­ner des Deutschen Geistes. Sobald die Iden­ti­fika­tion des Frem­den sich als Fehlleis­tung ent­puppt – dort, weil der Fremde, hier, weil das Kollek­tiv an der ihm verord­neten Auf­gabe ver­sagt –, bekom­men die Worte plöt­zlich ein anderes Gewicht und es beginnt ein Lavieren, das im einen Fall einem explo­siven Aus­gang – Tod und Apoth­e­ose des Frem­den –, im anderen Fall einem lebenslan­gen, schul­mäßig betriebe­nen Exkul­pa­tion­sprozess – Kon­struk­tion der Unbe­trof­fen­heit des in Wahrheit Gemein­ten durch die Katas­tro­phe – zustrebt.

Worin besteht dann aber, genau gesprochen, das ›Opfer des Intellekts‹? Keineswegs darin, so müssen wir kon­sta­tieren, dass der­jenige, der es vol­lzieht, seinen Intellekt ›weg­wirft‹. Wie jedes andere ist auch dieses Opfer ein sym­bol­is­cher Vol­lzug. Der Priester-​Intellektuelle, dessen Rede durch die Dif­ferenz zur Rede der anderen legit­imiert wird, sei es, dass sie sich als religiöse Rede von der des All­t­ags unter­schei­det, sei es, dass sie als wis­senschaftliche oder frei­denkerische Rede in dop­pel­ter Abgren­zung gegen die nor­male Rede sowie gegen die der Kol­le­gen und Konkur­renten um kleinere oder größere Sin­ndeu­tungsmono­pole ihre Präg­nanz gewinnt, macht ken­ntlich, dass diese Dif­ferenz nicht nur gegeben, son­dern gerecht­fer­tigt ist, weil sie die einzige (und einzi­gar­tige) Möglichkeit zur begrün­de­ten Ein­stim­mung bietet. Was in der All­t­agsrede auf ein­fache Weise erscheint, wird durch die dif­fer­ente Rede her­aus­gear­beitet und zus­tim­mungs­fähig. Im Gewirr der Deu­tun­gen gebi­etet der Denker Ein­halt, indem er die Ansichten der einen oder anderen Partei mit dem Tief­sinnsin­dex des ›zu Recht‹ Gemein­ten ver­sieht. Die Iden­ti­fizierung des Frem­den vol­lzieht sich über die Bekräf­ti­gung von Iden­tität. Das dif­fer­ente Denken enthüllt sich als wesentlich iden­tisch mit dem der Gruppe. Nicht ohne Grund, denn anders bliebe das Fremde das Fremde, das sich dem Wahrnehmungs– und Beurteilungssys­tem der Gruppe aus Grün­den entzieht, die ihr notwendig dunkel bleiben. Ob die Ein­stim­mung offen oder ver­steckt prak­tiziert wird, hängt von Posi­tio­nen und Inter­essen­la­gen ab: Während die offene Ein­stim­mung eine momen­tane Aura öffentlicher Unver­wund­barkeit erzeugt, immu­nisiert die ver­steckte Ein­stim­mung gegen die Ranküne der Kol­le­gen, welche die darin enthal­tene Dro­hung zu würdi­gen wissen.

3.

Die rit­uelle oder akademis­che oder pub­lizis­tis­che Freis­tel­lung des Intellekts ist an einige deut­liche Voraus­set­zun­gen geknüpft. Diese Voraus­set­zun­gen betr­e­f­fen sowohl die Selb­st­stil­isierung der Per­son als auch bes­timmte Aspekte der von ihr zu erwartenden Leistungen.

1. Sicht­barkeit. Um sicht­bar zu sein und Gehör zu finden, genügt es nicht, eine Mei­n­ung zu haben oder sich auf die Rechte des Indi­vidu­ums zu berufen. Schon gar nicht genügt es, besser zu sein, klarer zu denken, informierter zu han­deln etc. als andere. Sicht­bar wer­den heißt, eine gegebene ›Rolle‹ zu übernehmen und in ihr wahr– bzw. angenom­men zu wer­den. Das mag auf den ersten Blick triv­ial erscheinen, aber es hat zur Folge, dass jeder, der den Schritt vol­lzieht, in den Sog kollek­tiver Erwartun­gen und Ent­täuschun­gen gerät, der unweiger­lich jedes ›Sachthema‹ über­formt, weil jed­erzeit der Entzug der Lizenz droht, gehört zu wer­den und darin sein ›Auskom­men‹ zu finden.

2. Schlüs­sigkeit. Gewohnt, bei diesem Stich­wort die interne Schlüs­sigkeit des Gesagten oder Geschriebe­nen zu assozi­ieren, also seine logis­che Stim­migkeit, über­sieht man leicht, dass die Bere­itschaft, etwas Gesagtes als ›schlüs­sig‹ zu akzep­tieren, vor allem von äußeren Fak­toren bes­timmt wird. Schlüs­sig ist, was nachvol­l­zo­gen wer­den kann, weil es an ver­traute Muster anschließt – vorzugsweise an solche, die der Aufnehmende ungern aufgeben würde. Das Pos­tu­lat der ›Anschlussfähigkeit‹ von The­o­rien enthält deshalb ein­er­seits eine Triv­i­al­ität, ander­er­seits eine Kränkung des denk­enden Indi­vidu­ums; eine Triv­i­al­ität, weil Denken so und nicht anders funk­tion­iert, eine Kränkung, weil es das freigestellte Indi­viduum daran erin­nert, dass seine ›intellek­tuelle‹ Selb­ster­mäch­ti­gung von der Gruppe in allen Punk­ten ignori­ert wird. Gle­ichgültig, ob es sich um Schama­nen, Priester oder Intellek­tuelle han­delt: man hört auf sie, solange sie das sagen, was man von ihnen erwartet. Dazu gehört, kein Zweifel, das Über­raschende, das Staunen­erre­gende, in manchen Kul­turen das Orig­inelle. Doch geht die Bere­itschaft, sich in Staunen ver­set­zen, über­raschen, durch Orig­i­nal­ität verblüf­fen zu lassen, nicht über einen prinzip­iell bes­timm­baren Rah­men hin­aus – jen­seits davon erlis­cht das Inter­esse der anderen rapide und für den einzel­nen wird es kritisch.

3. Triftigkeit. Nicht jede ›Lösung‹ eines Prob­lems wird von der Gruppe als Lösung akzep­tiert. Das fällt beson­ders dann auf, wenn etwa der fach­liche Kon­text wenig Raum für Ein­wände lässt: die Rede vom akademis­chen oder lit­er­arischen Elfen­bein­turm vari­iert, auch wenn sich in fried­fer­ti­gen Gesellschaften mit ihr leben lässt, die aggres­siv­eren Vor­würfe intellek­tuellen Schmarotzer­tums und elitärer Dekadenz nur gradu­ell. Let­zten Endes erwartet die Gruppe von ihren Vor­denkern, dass sie Gefährdungspo­ten­tiale abschätzen kön­nen, die das All­t­ags­maß über­schre­iten oder angesichts derer das ver­füg­bare All­t­agswis­sen ver­sagt. Die Geschichte vom Glück und Ende des Kapitän Cook macht das auf drama­tis­che Weise deut­lich: seine unvorherge­se­hene Rück­kehr auf die Insel nach dem Abschluss der cum grano salis ihm gewid­me­ten Feier­lichkeiten ver­wan­delt das heit­ere sym­bol­is­che Reg­i­ment des Gottes Lono in einen realen Angriff auf die beste­hende, gle­ich­falls rit­uell ver­ankerte Herrschaft. Noch drastis­cher tritt der Gesicht­spunkt in der Gadamer-​Rede her­vor, weil er der im Grunde harm­losen Ausle­gung eines entle­ge­nen his­torischen Textes einen wahn­haften Zug ver­leiht. Ger­ade weil der Herder-​Text keinen unmit­tel­baren Bezug zur Gegen­wart besitzt, muss die Aktu­al­isierung gelin­gen, und worin sonst kön­nte sie gelin­gen als in der sach­lich ziem­lich über­flüs­si­gen Affir­ma­tion der aktuellen mil­itärischen Lage? Jede ›intel­li­gen­tere‹ Lösung hätte ein Scheit­ern impliziert, zu dem der Red­ner sich in der gegebe­nen Lage nicht verstand.

Diese drei Kri­te­rien – man sollte sie eher Mech­a­nis­men nen­nen, Mech­a­nis­men der Erge­bung oder des Sich-​Fügens in die Rolle des Priester-​Intellektuellen – koinzi­dieren in dem des Opfers. In der Ausübung des Opfer-​Amtes betäti­gen sich die mod­er­nen Intellek­tuellen als Fort­set­zer und Imi­ta­toren priester­lichen Tuns. Die Erwartung des Götter-​Spruchs in dem einen und des ›erlösenden‹ Ein­falls in dem anderen Fall bewe­gen sich, his­torisch gesprochen, inner­halb gle­icher oder analoger Mytholo­gien – ein Hin­weis, nicht mehr, nicht weniger, auf die Ver­wandtschaft der ein­schlägi­gen Hand­lun­gen oder ›Vorge­hensweisen‹. Die durchgeschnit­tene Kehle, der christliche Hokus­pokus, die Pointe eines Vor­trags, sie alle zie­len auf das Raunen, in dem sich max­i­male Dis­tanz und max­i­male Ein­stim­mung tre­f­fen: Es ist voll­bracht. Sobald das Geschehen diesen Punkt erre­icht hat, wech­selt die Sprache. An die Stelle der an der Dif­ferenz trainierten Sprache des in ›Arbeit­szusam­men­hän­gen‹ ste­hen­den Indi­vidu­ums tritt die Sprache des Kollek­tivs, das von nun an ›im Grunde‹ Bescheid weiß, auch wenn die Gebär­den des Priesters viel­sagend und die Andeu­tun­gen des Vor­tra­gen­den (wie im vor­liegen­den Fall) sparsam bleiben. Es ist nicht nötig, dass der Vor­tra­gende aus­bre­itet, was sich ohne­hin jeder denken kann, es wäre sogar kon­trapro­duk­tiv, weil es seine Autorität in kün­fti­gen Fällen min­dern kön­nte. Er hat getan, was seines Amtes ist; was dann beginnt, ist Sache der anderen.

Angesichts des Opfer­vor­gangs verblasst die Dif­ferenz zwis­chen dem Drang des einzel­nen, sich auszuze­ich­nen, und seiner Angst, als unbot­mäßig ver­stoßen zu wer­den. Die indi­vidu­elle Dis­po­si­tion ist nicht von Belang, sie macht sich allen­falls sub­jek­tiv bemerk­bar wie Schweißaus­brüche oder der­gle­ichen. Allerd­ings – und hier wird die Sache span­nend – kommt sie als Fak­tor ins Spiel, sobald die Iden­ti­fika­tion des Frem­den sich als Fehlschlag erweist und rev­i­diert wer­den muss. Dies – ich deutete es bere­its an – ist der Moment, in dem für den­jeni­gen, der die Iden­ti­fika­tion vol­l­zo­gen oder auch nur öffentlich sicht­bar mitvol­l­zo­gen hat, alles auf dem Spiel steht, im äußer­sten Fall die biol­o­gis­che, im min­deren (der von manchen als härter emp­fun­den wird) die soziale Exis­tenz. Hier sind soge­nan­nte men­schliche Eigen­schaften wie Entschlussfreude und Tatkraft, aber auch intellek­tuell min­dere Fer­tigkeiten wie Schläue, Anpas­sungsver­mö­gen und Ver­stel­lungskunst gefragt, die zu den genan­nten Dis­po­si­tio­nen in einem unmit­tel­baren Ver­hält­nis ste­hen. Kat­e­gorien sind dehn­bar – das bedeutet: Auf ein Neues!

Die Quellen schweigen darüber, ob die Stimme der Lono-​Priester bei Cooks zweiter Lan­dung erneut Gehör erlangte oder ob dies­mal andere Priester und andere Göt­ter das Sagen beka­men. Im ersten Fall dürfte das Ausle­gungspar­a­digma gedehnt, im zweiten ver­lassen wor­den sein. Im Falle Gadamers hinge­gen ist die Quel­len­lage aus­geze­ich­net, auch das Resul­tat ges­tat­tet kaum Zweifel – die Nachkriegskar­riere stellt hier alles in den Schat­ten, was sich der vor­ma­lige Nach­wuch­swis­senschaftler recht­ens träu­men lassen durfte. Man kann die Hermeneu­tik von Wahrheit und Meth­ode mit ihren Schlüs­sel­be­grif­fen wie Hor­i­zontver­schmelzung etc. als den gelun­genen Ver­such beze­ich­nen, ein zur Iden­ti­fizierung des Frem­den inner­halb der eige­nen Kul­tur ersonnenes Ver­ste­hens­mod­ell zu anthro­pol­o­gisieren und damit in einer Weise zu uni­ver­sal­isieren, die der anfänglichen Zielset­zung mehr oder min­der strikt zuwider­läuft. Das Fremde gilt nun nicht mehr als das zu Ent­fer­nende oder wenig­stens auf Dis­tanz zu Hal­tende, son­dern als das ›schon immer‹ ins Vorhan­dene Ein­ge­lagerte und in ihm Anzueignende – ein Trick, ein Vorze­ichen­wech­sel, dessen Funk­tion ebenso offen zutage liegt wie die der Montesquieu-​Stelle im Pariser Vor­trag von 1941.

Auf welche Gefährdung, so lässt sich fra­gen, antwortet die Nachkriegsh­ermeneu­tik? Worin liegt das Schla­gende ihrer Erfind­ung (falls man in ihr eine Erfind­ung und nicht nur eine pro­pa­gan­dis­tisch geschickte Zusam­men­stel­lung älterer Ver­satzstücke sehen möchte)? Im Hin­blick auf das Jahr 1945 und seine Fol­gen für die Verlierer-​Nation drängt sich die Antwort auf, es habe sich – soweit damals möglich – um ein Manöver zur Ret­tung einer Tra­di­tion gehan­delt, die durch das Auf­tauchen der neuen transat­lantis­chen Göt­ter in eine tödliche Krise ger­aten sei. Angesichts aller möglichen men­talen und insti­tu­tionellen Neube­set­zun­gen sollte es nahe­liegen, diese Bemühun­gen auf das Kor­pus der über­liefer­ten Texte zu konzen­tri­eren. So zu argu­men­tieren hätte aber bedeutet, sich öffentlich einer Denk­figur zu bedi­enen, die bere­its vor der Katas­tro­phe am Werk war und in gewisser Weise für die Katas­tro­phe ver­ant­wortlich gemacht wer­den kon­nte. Es musste also etwas hinzukom­men: eine gewisse Ver­schwiegen­heit auf der einen, eine gewisse skrupulöse Red­seligkeit auf der anderen Seite, die das Hei­deg­ger­sche Exis­ten­zial des Ver­ste­hens in den Rang einer an im Grund­satz beliebi­gen Gegen­stän­den trainier­baren und zu einer öffentlichen Kunst des Raunens aus­gestal­teten Über-​Disziplin erhob, deren Siegeszug irgend­wann jeden Ver­such, ohne den Umweg der Geis­terbeschwörung mit den Tex­ten umzuge­hen, zum Scheit­ern verurteilte.

Die kollek­tive Wirk­samkeit ver­bür­gende Pointe der Nachkriegsh­ermeneu­tik liegt darin, dass sie lehrt, das Eigene als ein Fremdes auszuze­ich­nen (als ein inner­halb der gegen­wär­ti­gen Weltkul­tur halb und halb Aus­ges­per­rtes, auf jeden Fall aber seines Eigengewichts Beraubtes) und über die dadurch in Gang geset­zte ›Ver­ste­hensleis­tung‹ für das oper­a­tionale Denken zurück­zugewin­nen. Für dieses Eigene ste­hen die his­torischen Texte, deren ›Aneig­nung‹ – ver­rä­ter­isches Wort – eine Enteig­nung voraus­setzt, über welche der Inter­pret nur indi­rekt, durch die Rich­tung seiner Lek­türen, Auskunft gibt.

Die Fremd­heit lokaler oder nationaler Tra­di­tio­nen in der mod­er­nen Welt ist aber ein Thema, auf das sich Sieger und Ver­lierer, Opfer und Täter, Kolonisierer und (De-)Kolonisierte inner­halb der ›gegen­wär­ti­gen Weltkul­tur‹ gle­icher­maßen eini­gen kön­nen. Es ist ein uni­ver­sales Thema für eine sich uni­ver­sal­isierende Welt. Die Göt­ter lan­den gewöhn­lich nur ein­mal – in der Nor­mandie oder wo auch immer. Danach gilt es, die Gren­zen der Welt neu zu erfinden, indem man über den fest­gezur­rten Macht– und Verkehrsver­hält­nis­sen das Spiel des Eige­nen und des Frem­den als ein men­tales Ereig­nis insze­niert. Dieses Spiel ist an keine bes­timmte Sprache und keine bes­timmte Über­liefer­ung gebun­den. Es kann buch­stäblich jed­erzeit an jeder beliebi­gen Stelle begin­nen. Die Iden­ti­fika­tion des Frem­den ver­schmilzt darin mit der Selbst-​Identifikation: Es gibt immer etwas zu ent­decken, sobald jemand in die Ablagerun­gen älterer Denk– und Verkehrs­for­men ein­dringt und der ebenso fordern­den wie unbes­timmten Ver­mu­tung Raum gibt, dies alles sei in ihm selbst irgend­wie noch vorhan­den. Das ist Schein; da das Selbst einen pro­jek­tiven Charak­ter besitzt, erweist sich jede Iden­ti­fika­tion über tradierte Bestände als kontin­gent, da ferner dem Iden­ti­fika­tions­bedürf­nis kaum Gren­zen gesetzt wer­den kön­nen, pro­duziert es ihn zwangsläu­fig und zwangsläu­fig immer wieder neu. Für Hermeneuten-​Arbeit ist also gesorgt.

Das Thema führt ins Weite, genauer gesprochen, in das weite Mit­telfeld zwis­chen method­ol­o­gis­cher Reflex­ion und Gesin­nungs­bil­dung, in dem die Human­wis­senschaften sich tum­meln; es war meine Absicht, einen Weg dor­thin zu markieren. Ich möchte nicht ohne eine Bemerkung enden, die manchem polemisch vorkom­men dürfte, obwohl sie keineswegs so gemeint ist. Das gele­gentlich rührend anmu­tende Erschließen immer neuer Kul­tur­wel­ten, das mit der Ent­deck­ung ferner Galax­ien in der Astronomie zu wet­teifern scheint – und analoge Ansprüche auf För­der­mit­tel aus öffentlichen oder pri­vaten Quellen begrün­det –, die tri­umphale Ein­hol­ung des vage per­son­al­isierten Frem­den in die kul­tur­wis­senschaftlichen Käfer­samm­lun­gen, dieser ganze von einer weltweiten Interpreten-​Gemeinde insze­nierte Kult der Ver­ständi­gung birgt einen beun­ruhi­gen­den Aspekt. Das iden­ti­fizierte Fremde bleibt, wie gesagt, das Fremde; die Bes­tim­mungen mögen ambiva­lent sein, nicht jedoch ihre Bes­tim­mung. Die Het­ero­gen­ität der Ursprünge ver­bürgt die Diver­genz der Herkom­men und damit die Möglichkeit, Fremd­heit im Sinne einer eigenbe­deut­samen Ander­sheit nach Belieben zu manip­ulieren. Alle Kul­turen ken­nen die Art von Vor­rat­shal­tung, deren Objekte die Griechen ›phar­makoi‹ nan­nten: Per­so­nen, die bei Bedarf dazu bes­timmt waren, geopfert zu wer­den. Die wis­senschaftliche Ver­mehrung des Frem­den ver­mehrt auch die Zahl der ver­füg­baren Opfer. Tol­er­anz ist die Kehr­seite der Intol­er­anz, ihr Wech­sel­spiel bleibt tückisch.

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