1.

Das Gedächt­nis des Lesers, sonst eher regelscheu, besitzt eine Vor­liebe für bes­timmte, meist als unschein­bar gel­tende Erzählde­tails: in ihnen kon­den­siert sich die Kraft der Verge­gen­wär­ti­gung, ohne die eine gehabte Lek­türe nichts weiter meint als eine ver­flossene. In Raabes Odfeld ist es der zeichen­hafte Naturlaut: jenes erste, »rauh, heiser und kla­gend« vor­ge­tra­gene »Krah!«, mit dem sich der schwarze Invalide der Raben­schlacht in der Studier­stube seines Ret­ters bemerk­bar macht. Ein erstes, wohlge­merkt, dem ein zweites, drittes und viertes auf dem Fuß folgt – jedes­mal dann, wenn in dieser unruhi­gen Nacht vom vierten auf den fün­ften Novem­ber 1761 ein Rat oder Unter­schlupf Suchen­der die Zelle des »letzte[n] wirkliche[n] Kollaborator[s] der wirk­lichen Großen Schule von Amelungs­born«, des emer­i­tierten Mag­is­ters Noah Buchius, betritt. Es sind ihrer drei: Wieschen, die Magd, ihr Ver­lobter Schelze, schließlich der spät erkan­nte Lieblingss­chüler Thedel, ein Münch­hausen und so mit einem anderen Erzäh­ler ver­wandt, dessen sprich­wörtlicher Wahrheitssinn im Fort­gang der Erzäh­lung vom braun­schweigis­chen Her­zog ken­ner­haft her­vorge­hoben wer­den wird. Mit Aus­nahme also der Herzens­dame des jun­gen Adli­gen, die in dieser Nacht noch von ihrem franzö­sis­chen Offizier träumt und in mehrfacher Hin­sicht nicht mit von der Par­tie sein wird, die mem­bra disiecta des Klee­blatts, das am fol­gen­den Tag auf dem Schlacht­feld zusam­men­findet und den neuen Noah seinen Namen ein zweites Mal und dies­mal zu Recht erwer­ben lässt.

Der wiederkehrende, klare und dis­tinkte Naturlaut sortiert den Lauf oder den Sturz der – hier durch die Zel­len­tür – ein­tre­tenden Geschehnisse dank der eigen­tüm­lichen Fähigkeit des Raben, die der Erzäh­ler gle­ich beim ersten Auf­blitzen dem »Witz seines Geschlechts« zuschreibt, der Fähigkeit, eine »offene Tür von einer geschlosse­nen« unter­schei­den zu kön­nen (und zwar »sofort«, was nach Lage der Dinge nur heißen kann: ohne nachzu­grü­beln). Es lässt daran denken, dass der Mag­is­ter sich in der umgekehrten Lage befindet, als er vor dem Ein­schlafen daran geht, die – wie es heißt – »Gespen­ster und Gedankenge­spin­ste dieses Tages zu ›ein­fachen und ordentlichen‹ Schlüssen zusam­men­zuziehen und festzuban­nen«. Dass er über dieser Tätigkeit rasch entschlum­mert, gehört zum Thema. Die Lösung des Prob­lems der ent­glei­t­en­den Schlüsse erwartet ihn im Traum, in dem er, mit dem Schn­abel nach rechts und links hack­end, rabenar­tig auch er, die Schlacht über dem Odfeld mitschlägt und so die Schlacht auf dem Odfeld, das his­torisch ver­bürgte Gefecht des fol­gen­den Tages zwis­chen den Trup­pen des Her­zogs von Braun­schweig und denen des Marschalls von Broglio, sich selbst zum wieder­holten Mal prophezeit: Teil­nehmer des »Prodigiums« oder »Por­ten­tums« – merk­würdig bere­its dies –, und Ausleger des »gespen­ster­haften« Vor­gangs dazu. Denn er schlägt sich, daran kann kein Zweifel beste­hen, in einer Schlacht der Geis­ter und deshalb, genau bese­hen, mit den Waf­fen des Geistes, sprich: unter Zugrun­dele­gung der Logik oder Ver­nun­ftlehre, in diesem Fall repräsen­tiert durch die »›Deut­liche und prak­tis­che Ver­nun­ftlehre für Schulen ins­ge­mein‹ und also auch für die wei­land hohe Kloster-​, Wald– und Wildnis-​Schule zu Amelungs­born«.

Die Erfül­lung der Auf­gabe, Ord­nung in die Folge der Gespen­ster und Gespin­ste zu brin­gen, liegt mithin dort, wo Buchius als »einge­fleis­chter, geborener Ireniker« sie wachend niemals ver­mutete, im Kampf der Geis­ter. Daher weiß der Rabe, der Kämpfer und Unheils­bote, so gut Bescheid: er erkennt den Augen­blick. Ander­er­seits wird der Mag­is­ter in diesem Kampf durch die im Traum zur »Walkyria« dena­turi­erte Made­moi­selle Fege­banck (Thedels Herzens­dame) unver­hofft zur Auf­gabe gezwun­gen. Es ist ein Hin­weis, demüti­gend gewiss, auf die Örtlichkeit (nomen est omen: »Fege­banck«), an der er sein Alters­brot verzehrt. Doch dass hin­ter dem Abgang, rein physisch, der am Nachthemd des Schläfers zupfende Rabe steckt, macht die Sache ver­track­ter: Deuter und Bedeuter, Zeichen und Beze­ich­netes ger­aten in einen Ring­tausch, der den Leser schwindeln macht und schwindeln machen soll. Schließlich deutet der Schn­abel des zupfenden Raben nicht min­der auf die Brust des schlafenden Mag­is­ters als der im Traum auf sie ein­hack­ende der Mam­sell. Das Motiv ver­di­ent es, genauer betra­chtet zu wer­den: Der Deuter Buchius ficht mit in der Schlacht, aus der ihm der Rabe zufiel, im Raum des Vorbe­deutens oder der Zeichen­haftigkeit, und zwar nach­dem das Sub­jekt, der Men­sch Buchius, im Gespräch mit dem ängstlich rat­suchen­den Wieschen »zum allerersten­mal«, wie es heißt, »in seinem Leben … gewahr wird, dass auch er auf der Waagschale mitwiege, dass auch er von wirk­licher, angsthaft gefühlter Bedeu­tung für ein anderes Men­schenkind … sein könne«.

»Auch er«: aber warum er? Warum ger­ade er? Und schließlich: in welchem Bedeu­tungs­ge­füge – er?

2.

Iro­nis­cher­weise ist es die man­gel­nde Geis­tes­ge­gen­wart des Mag­is­ters, die ihn sich am fol­gen­den Tag aufs Schlacht­feld verir­ren lässt, die Abwe­sen­heit also der Gabe, durch die sein gefiederter Zel­lengenosse sich so unüber­hör­bar her­vor­tut. Iro­nis­cher­weise, denn an diesem Mor­gen hat der Bote ver­schlafen, bevor er mit seinem »Krieg, Krieg, Krieg!« das von den Anwe­senden längst Begrif­f­ene hin­auskräht, und Buchius zeigt sich im Plün­derungs­getüm­mel völ­lig auf der Höhe der Sit­u­a­tion, bis ihn der Kloster­amt­mann ins Unrecht und ste­hen­den Fußes vor die Tür setzt. »Von irgendwelchem Unrecht« aber, »so ihm im Leben geschah, kam ihm die genauere Empfind­ung erst nach genauerer Überlegung«.

Was sucht ein Gelehrter des achtzehn­ten Jahrhun­derts, ein Stuben­gelehrter wie der emer­i­tierte Mag­is­ter Buchius, im dichten Nebel auf einem Schlacht­feld? Er sucht einen fes­ten Punkt, einen Anhalts– oder Sehep­unkt, mit seinem Kol­le­gen, dem Wolf­fi­aner Chlade­nius, zu reden, von dem aus sich das Schlacht­geschehen vor seinem inneren Auge organ­isiert. Und er findet ihn: in Gestalt eines toten Raben, eines Gefal­l­enen der Raben­schlacht, auf dem er unverse­hens ausgleitet.

Por­ten­tum! Por­ten­tum! So dicht der Nebel sein mochte, der an diesem fün­ften Novem­ber sieben­zehn­hun­dertei­n­und­sechzig die Berge und Täler an der Weser erfüllte – der Mag­is­ter Buchius wußte jetzt wieder ganz genau, wo er stand – zerzaust, zer­schla­gen, atem­los, ein heimat­loser, fre­und­loser alter Schul­meis­ter. Auf seinem Cam­pus Odini, seinem Wodans­felde – auf dem Odfelde stand er, während über den Quad­ha­gen, das böse Gehege her das Kle­in­feuergewehr und der Kanonen­don­ner von Frankre­ich, Großbri­tan­nien und der zu König Fritzen hal­tenden deutschen Völk­er­schaften in die graue Fin­ster­nis hinein knat­terte und krachte…

›Por­ten­tum! Prodigium! Große Far­ren haben mich umgeben, fette Ochsen haben mich umringet; ihren Rachen sper­ren sie auf wider mich wie ein brül­len­der und reißen­der Löwe‹ sagte der Mag­is­ter. ›Ich will’s abwarten, wie alle run­dum es abwarten müssen, was kom­men soll‹, sagte er. ›Wir kön­nen nur erleben, was Du willst, Herr Zebaoth, Herr der Heerscharen!‹

Dem aufmerk­samen Leser kann die Buch­staben­ver­tauschung nicht ent­ge­hen, die das ges­tam­melte »Por-​, Por-​, Prodigium« des Amt­manns am Vor­abend dem Wech­sel vom »Por­ten­tum« zum »Prodigium« unter­legt: das Porten­tum, das Vorauszeigende, enthält in sich das Proten­tum, das Sich-​Zeigende: die Ideen­verbindung allein genügt, um die eingeschränkte Wahrnehmung des Mag­is­ters auf eine andere Ebene zu heben, auf die taktisch-​strategische Ebene des Kriegsthe­aters, auf der sich nicht nur die Posi­tion der Gefechtsparteien, son­dern der Zusam­men­hang des großen Kriegs­geschehens lichtet: die Eroberung Kanadas auf deutschem Boden.

Das ist in der Tat, mit dem Aus­druck des Chlade­nius, der »Sehep­unckt des acad­emis­chen Lehrers«, der, durch den Weg­fall von Son­der– oder Par­tiku­lar­in­ter­essen (wenn man von dem Bedürf­nis, mit heiler Haut davonzukom­men, ein­mal absieht) sowie auf­grund einer durch stete Übung erre­ichte Beweglichkeit des Geistes dazu prädes­tiniert erscheint, das Geschehen oder die Geschichte, das, was vor seinen Augen geschieht und was die Zeug­nisse ihm zutra­gen, in ein »his­torisches Sys­tema« zu fassen, soll heißen, more geo­met­rico all­seits zu verknüpfen. More geo­met­rico: also nach der Meth­ode logis­cher Ableitung, in der Form ein­facher und ordentlicher Schlüsse, wie sie auf der Schule zu Amelungs­born einst gelehrt wur­den. Die Skrupu­losität des Mag­is­ters, die sich in entschei­den­den Augen­blicken als man­gel­nde geistige Präsenz bekun­det, ist iden­tisch mit seiner Befähi­gung zum Geschichts­deuter ex insti­tuto. Der akademis­che Lehrer zieht Vorteil daraus, dass er zu spät kommt, nicht für sich, wohl aber für die Geschichte, die es zu erzählen gilt. Dass allerd­ings sein habituelles Zu-​spät-​Kommen ihn in per­sona in das Geschehen hine­in­führt, ist eine Tücke des Erzäh­lers, eine Kom­p­lika­tion, die nur durch den Nebel wieder wettgemacht wird, der dafür sorgt, dass die Pro­tag­o­nis­ten der Schlacht und ihr Chro­nist in spe, oder besser: der Gesin­nung nach, sich wech­sel­weise nicht zu Gesicht bekommen.

Der abge­halfterte Schul­meis­ter Noah Buchius ist ein homme de let­tres, ein Mann der Aufk­lärung: und das heißt, bei seinem Stand und seinen Inter­essen, des Wolf­fi­an­is­mus. Daran ändert nichts, dass seine notge­drun­gen schmale Bib­lio­thek zeit­genös­sis­cher Werke neben Gottscheds Critis­cher Dichtkunst im wesentlichen mit dem Robin­son Cru­soe auskom­men muss – den Cato des erst­ge­nan­nten Autors nicht zu vergessen. Als der zum Aus­rücken entschlossene Schelze ihn bit­tet, die »Welth­is­to­rie … auf den Tisch« zu malen, damit er wisse, wo er zu den Trup­pen des Her­zogs Fer­di­nand stoßen könne, da bedarf es zwis­chen bei­den keiner Erörterung, wie sich wohl die Welth­is­to­rie ins Weser­ber­g­land verir­ren möchte. Das »Sys­tema«, will sagen: der mos geo­met­ri­cus, sorgt dafür, wie der His­toriker Gat­terer aus dem nahen Göt­tin­gen in einer 1767, vier Jahre nach Kriegsende, erscheinen­den Schrift erläutern wird:

Der höch­ste Grad des Prag­ma­tis­chen in der Geschichte wäre die Vorstel­lung des all­ge­meinen Zusam­men­hangs der Dinge in der Welt (Nexus rerum uni­ver­salis). Denn keine Begeben­heit in der Welt ist, so zu sagen, insu­lar­isch. Alles hängt an einan­der, ver­an­laßt einan­der, wird ver­an­laßt, wird gezeugt, und ver­an­laßt und zeugt wieder.1

In diesem Fall, der Eroberung Kanadas auf deutschem Boden, weist eine Sen­tenz des Nico­laus Hierony­mus Gundling aus dem Jahre 1737 die Rich­tung, eines Autors also, dessen Name – immer­hin – sich auf dem Bücher­bord des Mag­is­ters findet: »Auf dem Commercien-​Wesen mit den bey­den Indien roul­liret die gantze Welt.« Die ›gantze Welt‹ ist Mitak­teurin: darunter tut es die Erzäh­lung nicht. Selbst der Hunger des jun­gen Münch­hausen tax­iert die Nahrungsmit­telvor­räte des Weltalls, als seien es die seinen, und mancher Zug der Erzäh­lung liest sich anders, wenn man die geistige Herkunft des Mag­is­ters in Rech­nung stellt. Etwa gle­ich zu Anfang, als der Erzäh­ler den einen oder anderen Leser imag­iniert – »mehr als einer und eine« schreibt er –, »denen es jetzt schon scheint, als ob der His­to­ri­o­graph wieder ein­mal imstande sei, ihnen die gewohnte Unlust zuzu­bere­iten…« Hier ist ohne Zweifel das Gefühl der Lust oder Unlust in aes­theti­cis ange­sprochen, doch der His­to­ri­o­graph weiß, dass just jene Begeben­heiten, welche »das Glück oder Unglück der Völker verän­dern«, das »Eigen­thum der Geschichte« sind, – der Geschichte, die Gat­terer und seine Göt­tinger Mit­stre­iter zu dem Zeit­punkt, zu dem die Erzäh­lung spielt, als die eine Welt­geschichte herzuleiten am Werke sind. Sie sind beileibe nicht allein: »Käme der Durch­lauchtig­ste Herr und Her­zog Fer­di­nand diesen Mor­gen auf meine Stube zu Amelungs­born, so fände er dorten seinen ganzen Feldzugs­plan sauber auf den Tisch gemalet…«, dort näm­lich, wo Knecht Schelze am Vor­abend die Welth­is­to­rie aufgeze­ich­net sehen wollte. So redet Buchius, während er seinen vier Schüt­zlin­gen voraus über das Schlacht­feld tappt. In diesem Zusam­men­hang ver­steht sich »die gewohnte Unlust« als der gemeine Bezug auf das empirische Sub­strat der Geschichte, in der es mehr aufs Unglück als aufs Glück der Indi­viduen hin­aus­läuft, gle­ichgültig, wie das Glück oder Unglück der Völker sich gestaltet.

Was also sucht ein Poly­his­tor und Weltweiser des achtzehn­ten Jahrhun­derts (wenn wir die Samm­ler– und Winkelex­is­tenz des Mag­is­ters ver­such­sweise dafür nehmen) auf einem Schlacht­feld? Die Frage ver­di­ent eine zweite Antwort: sehen wir zu.

3.

Die Fähigkeit, in einem geschlosse­nen Uni­ver­sum »eine offene Tür von einer geschlosse­nen« unter­schei­den zu kön­nen – ein schla­gen­deres Bild für das, worauf es Raabes Erzäh­ler ankommt, ist schwer vorstell­bar. Das macht die Frage dringlich, um welche Art von geschlossenem Uni­ver­sum es sich dabei han­delt. Hier muss ein­mal mehr der alt-​neue Interpreten-​Topos bedacht wer­den, es han­dle sich um ein mythis­ches Uni­ver­sum der Wiederkehr des Gle­ichen, in dem an gle­icher Stelle das alte Unheil stets das neue Unheil gebiert. Das Uni­ver­sum, in dem sich der Mag­is­ter Buchius mit­samt seinen Schüt­zlin­gen fort­be­wegt, ist iden­tisch mit der zwis­chen ererbter Heils– und aufgek­lärter Pro­fangeschichte oszil­lieren­den einen Welt­geschichte. Wenn es in ihr, wie der Erzäh­ler an einer Stelle anzumerken scheint, bloß auf den »Unter­schied in der Zeit­en­folge und im Kostüm« hin­aus­läuft, der die erzählten Geschichten unter­schei­d­bar macht, so ist diese Dif­ferenz nicht zu unter­schla­gen: an ihr expliziert das Erzählen, was es an sich hat.

Das Buch mit dem kuriosen Titel Der wun­der­bare Todes­bote oder Schrift– und Ver­nunfft­mäßige Unter­suchung Was von den Leichen-​Erscheinungen, Sarg-​Zuklopfen, Hunde-​Heulen, Eulen– und Leichhüner-​Schreyen, Lichter-​Sehen und andern Anzei­gun­gen des Todes zu hal­ten, das der Mag­is­ter nach dem sicht­baren Zeichen der Raben­schlacht, dem Prodigium und Por­ten­tum, zu Rate zieht, gehört ersichtlich einem älteren, keineswegs aber aus dem Geist des Jahrhun­derts fal­l­en­den Genre der Geschichtss­chrei­bung an, der »His­to­rie der Prophezeyun­gen«, über die Fran­cis Bacon in seiner Unter­suchung Über die Würde und den Fort­gang der Wis­senschaften aus­führt, ihr Ziel sei die »Auf­stel­lung einer gewißen Lehrart und Erfahrung in Erk­lärung der Prophezeyun­gen, die noch erfül­let wer­den sollen«. Diderot, im Prospekt der Enzyk­lopädie, fasst sich da kürzer: in der »Geschichte der Prophezeiun­gen«, so heißt es bei ihm, gehe »die Erzäh­lung dem Ereig­nis voraus«. Das dürfte ganz die Art von Ironie sein, die das Buch einst dem Mag­is­ter vin­diziert hatte. Doch ein­mal angenom­men, ein Erzäh­ler erhebt den Anspruch, seinen Gegen­stand – das Ereig­nis – ab ovo zu entwick­eln und kein Glied der Kausalkette auszu­lassen, angenom­men also, er ver­hält sich zu ihm wie der His­toriker vom Schlag der Schlözer und Gat­terer zur Welt­geschichte, so trifft der Scherz Diderots verblüf­fend genau die Rela­tion eines solchen Erzäh­lens zu dem Ereig­nis – jedem Ereig­nis –, das es sich erwählt. Mit dem ersten Wort der Erzäh­lung steht die zu erzäh­lende Geschichte im Raum – noch unen­thüllt, doch das ist kein Man­gel, eher ein Über­fluss, da sie bere­its begonnen hat und durch nichts mehr daran gehin­dert wer­den kann, vor dem inneren Auge des Lesers abzurollen, es sei denn, er klappt das Buch vor– und also unzeitig zu. Die Geschichte, heißt das, recht erzählt, folgt aus ihren Prämis­sen: nicht mehr und nicht weniger behaupten die Göt­tinger His­toriker, die dieses Thema ihren Nach­fol­gern im 19. Jahrhun­dert, den Zeitgenossen Raabes, ver­ma­chen. Doch was folgt daraus für die Prämis­sen oder, mit dem Aus­druck des Chlade­nius, der in diesem Punkt vor­sichtiger optiert als die Göt­tinger, ohne sich dem Sog der ratio­nal­is­tis­chen Sys­tem­atik entziehen zu kön­nen, für die »Gele­gen­heit, daraus ein Anschlag, oder That erfolgt, die denn viele Fol­gen nach sich ziehet«, anderes, als dass sie das Kom­mende in sich enthält, um es aus sich zu entlassen?

In seiner ersten Phase also ist alles Erzählte Zeichen, Vorze­ichen, Fin­gerzeig: voraus­ge­setzt, es steht unter dem Dik­tat einer durch das logis­che Grund-​Folge-​Verhältnis hin­re­ichend struk­turi­erten Kausal­ität. Die Entkräf­tung des Wun­der­baren durch die aufgek­lärte Erzäh­lung rückt das Mirakel an den Beginn der Erzäh­lung – als Zeichen des Kom­menden, ohne das von einem Kom­menden, das es zu erzählen gilt, nicht die Rede wäre. Das Prodigium der Raben­schlacht, heißt das, bedeutet nichts – außer dem immer anste­hen­den Unheil, es sei, welches es wolle, und der Möglichkeit, von ihm zu erzählen: mit dieser Auf­fas­sung hält es der Mag­is­ter, den der Amt­mann, befan­gen im Volks­glauben, ein Zeichen wie dieses am Him­mel müsse etwas Bes­timmtes und also Voraus­bes­timmtes bedeuten, um nähere Auskunft angeht. Es ist der vom Him­mel gestürzte Rabe, der, als Teil der Erschei­n­ung, den Mag­is­ter zeich­net, weil diesem das kreatür­liches Mit­ge­fühl ver­bi­etet, ihn seinem Schick­sal zu über­lassen (»daß auch er auf der Waagschale mitwiege…«). Es zeich­net ihn: mythol­o­gisch gesprochen als den Erwählten eines Schick­sals, das nun seinen Lauf nimmt, erzähltech­nisch als den, von dem zu erzählen sein wird, inmit­ten eines Geschehens, das als Geschichte im Sinne jener großen Zusam­men­stöße gedacht wer­den muss, in denen sich die Völker über ihr Glück und Unglück verständigen.

Für die Depoten­zierung des Wun­der­baren durch die Erzäh­lung hält Raabes Para­bel vom Erzählen das Motiv der Zäh­mung bereit: plau­si­bel, weil das befremdliche Angerührt­sein der Pro­tag­o­nis­ten durch etwas, das noch nicht ist, obwohl es bevorsteht (ein Angerührt­sein, das die Span­nung erzeugt, in der die Erzäh­lung den Leser hält), sich im Gang der Hand­lung auflöst in das Bewusst­sein der eige­nen, sich schrit­tweise gestal­tenden Welt. Wie sich am Ende erweist, ist die Ver­wand­lung des Boten in den hüpfenden und krächzen­den, zutraulich gewor­de­nen Zel­lengenossen nur eine Domestika­tion auf Zeit. Die Zeit, die sich das Erzählen nimmt, ist die Zeit der Ver­trautheit mit dem Unglück – und dem in ihm sich real­isieren­den Glück –, von dem das Zeichen kün­det. Nichts macht dies deut­licher als die schle­ichende Über­tra­gung der Attribute des Raben auf den Mag­is­ter bis hin zu jener angst– und wutschnauben­den Rede, in welcher der Amt­mann ihn als den wahren Unglück­sraben des Hauses ver­weist. Dem Leser wird der Geze­ich­nete dadurch nicht fremder. Im Gegen­teil: er ist es, der für eine Weile die Fremd­heit der Welt als Inbe­griff dessen, was geschieht, hin­weg­n­immt. Als eine inner­lich unbeteiligte Made­moi­selle Fege­banck, eingepfer­cht in die bergende Höhle unter dem Odfeld und den sex­uellen Beläs­ti­gun­gen ihres Rit­ters aus­ge­setzt, den Bann bricht, unter dem der Mag­is­ter über seine Schul­meis­terex­is­tenz hin­aus­geschrit­ten ist, da gelingt ihr das mit der ebenso unzarten wie sin­ni­gen Bemerkung: »Ach, was habe ich von Seinem ewigen Sum­sumkrahkrah und anderm Rabengekrächze?« Das allerd­ings ist die Frage. Die Antwort darauf kann nur lauten: nichts, außer dem, was ihr an diesem Ort und zu dieser Zeit so und nicht anders zustößt. Das Porten­tum ist das Proten­tum, das Her­vorge­hende, das in Zeit und Raum Aus­greifende, und die Dif­ferenz zwis­chen dem einen und dem anderen nichts anderes als ein ver­stell­ter Buchstabe.

Der Mag­is­ter Noah Buchius geht aus seiner Geschichte keineswegs bedeu­ten­der oder auch nur bedeu­tend her­vor, son­dern im Wortsinn unbe­deu­tend. Als der Aus­geze­ich­nete des Beginns tritt er am Ende zurück in die unüberse­hbare Folge all derer, die ihre Geschichte gehabt haben, weil sie sich ihr nicht entziehen kon­nten. Dieses Ende will her­beige­führt sein. Das rückt den Erzäh­ler ins Blick­feld: es fragt sich, was er, der den Aus­fall der Mam­sell kom­men­tar­los passieren lässt, über den Hor­i­zont seines Pro­tag­o­nis­ten hin­aus weiß. Fürs erste so manches: die behut­same Par­al­lelführung der Buchius-​Handlung mit den Vorgän­gen auf dem Feld­her­rn­hügel des Her­zogs Fer­di­nand zeigt ihn als den rück­blick­enden His­toriker des Geschehens, den der Schul­meis­ter allen­falls imag­iniert. Doch dies alles wird hin­re­ichend durch den Umstand erk­lärt, dass er später kommt. Sein Wis­sen entspricht dem des Mag­is­ters. Es ist von der gle­ichen Art, mod­i­fiziert allein durch die zeitliche Dis­tanz. Sie beschert dem Nachge­bore­nen nicht nur ein Mehr an Wis­sen, son­dern auch jenes Weniger, das er durch Recherche und Ein­bil­dungskraft aus­gle­ichen muss – er ist nicht dabei gewe­sen. Die durch das Min­der­wis­sen des Erzäh­lers erzeugte Aura umgibt auch die Kun­st­figur des Mag­is­ters. Ohne sie käme die Erzäh­lung über­haupt nicht in Gang, da erst durch sie die Neugier des Leser ihr Objekt erhält. Die Bemerkung der Mam­sell Fege­banck beze­ich­net die Erzählpas­sage, in der dieses auratis­che Mehr aufge­braucht ist und der Mag­is­ter sich »plöt­zlich«, soll heißen: zum ersten Mal an diesem Tag, wieder »ganz als Schul­meis­ter« seinen Schüt­zlin­gen präsen­tiert. Der Erzäh­ler, unbeschadet der Tat­sache, dass er noch die eine oder andere Episode in petto hat – und mit ihm der Leser – weiß, was for­tan von seinem Helden noch zu erwarten ist. Es geht darum, die Geschichte zu einem passenden Abschluss zu bringen.

Auch darin ist die Höh­lenepisode bemerkenswert, dass durch sie die Zeit­d­if­ferenz, die den Erzäh­ler vom Erzählten trennt, auf höchst ver­schlun­gene Weise in das Erzählte ein­tritt. Während sich über den Köpfen der fürs erste Gebor­ge­nen die Welt­geschichte im Schlacht­getüm­mel fortwälzt, besteht ihre Auf­gabe darin, sich die Zeit zu vertreiben. Das Über­leben, so scheint es, hängt davon ab, ob es – par­tiell – gelingt, am mörderischen Geschehen nicht teilzunehmen. Der Über­lebende – oder zum Über­leben, wie der Mag­is­ter, Entschlossene – und der Nachge­borene sitzen in ihrer Ken­nt­nis des Geschehens im sel­ben Boot: ihre nur bed­ingte, im entschei­den­den Augen­blick dezi­dierte Nicht-​Teilnahme, Voraus­set­zung jeder his­torischen Erzäh­lung, setzt ins Herz der Geschichte, gle­ich­sam als das Höhlen-​Geheimnis ihrer Kausal­ität, das Verge­hen der Zeit – für die Pro­tag­o­nis­ten Zeit, sich Geschichten zu erzählen, nicht irgendwelche, son­dern solche, in denen das Wun­der­bare und Merk­würdige seine natür­liche Auflö­sung findet, Geschichten also, wie die Geschichte sie fordert.

Das Ende: wieder daheim in der Zelle, einer wie die anderen auch, nach­dem er eine Weile ein anderer hat sein dür­fen, jetzt – endlich – graut auch dem Mag­is­ter vor dem Raben, der ihn zutraulich am Rock zupft, so dass er ihn, halb wider Willen, durchs offene Fen­ster ent­fliegen lässt. Das Mit­ge­fühl mit dem Neben­we­sen, Triebfeder eines großen Tages, ist für dies­mal erschöpft, aufge­braucht durch den Ein­bruch des mon­strösen Kriegs­geschehens in die eigene Studier­stube. Die Krea­tur aber hat Hunger – noch immer oder schon wieder, wer wagt das zu entscheiden.

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