1.

Was heißt europäis­che Lit­er­aturgeschichte? So gewiss es eine Sache der Lit­er­aturgeschichtss­chrei­bung ist, angemessene Antworten auf diese Frage zu finden, so gewiss ist es nicht allein ihre Sache, das aktuelle Inter­esse zu bes­tim­men, von dem sie, im besten Fall, ihren Aus­gang nimmt. Dies schon deshalb nicht, weil ohne die Mit­sprache – vor­sichtig gesprochen – der Schrift­steller, von eini­gen mehr oder min­der unnützen Klas­si­fika­tio­nen abge­se­hen, wenig zu erwarten steht, was den Ges­tus des Bedenkens ern­sthaft recht­fer­ti­gen kön­nte. Entweder die europäis­che Lit­er­atur existiert in den Köpfen ihrer heuti­gen Vertreter – dann schafft sie sich die Geschichte, über die zu reden ist –, oder sie existiert nur noch in den Bib­lio­theken und den Lesege­wohn­heiten eines bes­timmten Pub­likums, in die der his­torische Abstand als ästhetis­che Valenz einge­gan­gen ist: dann steht die Rede von ihr stets im Begriff, von etwas Abgeschlossenem zu han­deln, das des archäologisch-​ethnographischen Zugriffs harrt wie die Lit­er­a­turen des alten Ägypten oder des Inka-​Reiches.

Nen­nen wir let­zteres die amerikanis­che Sicht: bei klas­sis­chen Bil­dungsautoren wie John Updike oder Octavio Paz erkennt man darin die Strate­gie, die eigene lit­er­arische Herkunft ins Hal­blicht einer großen, aber ver­lore­nen Tra­di­tion zu stellen. In ihrer Essay­is­tik mis­cht sich der Klang der europäis­chen Namen mit nos­tal­gis­chen Erin­nerun­gen an die unterge­gan­genen Metropolen der Zwis­chenkriegszeit. Europa, der ver­sunkene Kon­ti­nent: dieses mit Inbrunst gepflegte Bild findet seine Legit­i­ma­tion ein­mal in der Okku­pa­tion der poli­tis­chen und kul­turellen Gegen­wart durch die rasch alternde Zukun­fts­ge­sellschaft der Vere­inigten Staaten, zum anderen Mal durch einen Grün­dungsmythos, der mit der zweiten, durch die Con­quista über­wältigten Ver­gan­gen­heit des Sub­kon­ti­nents koket­tiert und ihr Motive einer Iden­titätssuche ent­lockt, die der deutschen Lit­er­atur nicht unver­traut sind.

In bei­den Fällen ist Europa – das unterge­gan­gene Europa der eige­nen lit­er­arischen Herkunft – eine Sage, ein Mythos, in dem die Taten und Lei­den der namhaften Pro­tag­o­nis­ten – von Don Qui­jote bis Josef K., von Gón­gora bis T. S. Eliot – einen Motivkreis auss­chreiben, der dann zwang­haft in den eige­nen Pro­duk­tio­nen wiederkehrt, und den man, das alte, aber darum nicht unwirk­same Klis­chee aufwär­mend, die Bürde des Intellekts nen­nen kön­nte – ein­mal seit­en­verkehrt als Bürde des Nich­teu­ropäers, der ein­er­seits die Bar­barei und ander­er­seits die Steril­ität der Alten Welt zu monieren sich angewöhnt hat. Eine andere, vielle­icht dif­feren­ziert­ere Aus­sicht eröffnet die von ost– und mit­teleu­ropäis­chen Autoren seit dem Ende des alten Sys­tems proklamierte ›Rück­kehr‹ ihrer Lit­er­a­turen ›nach Europa‹ – ein Vor­gang, der nicht deshalb weniger ernst genom­men zu wer­den ver­di­ent, weil er sich fürs erste wohl haupt­säch­lich in den Spal­ten der Feuil­letons abspielt. Es fragt sich, welches Europa – die poli­tis­che Dimen­sion bleibe vor­erst aus­ge­blendet – in diesen (von Land zu Land, von Autor zu Autor divergieren­den) Über­legun­gen kur­siert. Die Figur der ›Rück­kehr‹ ist dabei hil­fre­ich. Sie sug­geriert einen zer­ris­se­nen und wieder­herzustel­len­den Zusam­men­hang: der indi­vidu­ellen Arbeit sichert sie gle­ich­sam die Schür­frechte auf dem ver­schüt­teten Ter­rain der eige­nen kul­turellen Ver­gan­gen­heit und zugle­ich den Kom­merz mit den Wes­teu­ropäern, in deren Hän­den Europa – das jeden­falls wird unter­stellt – nach wie vor als gängige Währung fungiert.

Wofür steht dieses Europa? Folgt man den Ein­las­sun­gen des pol­nis­chen Romanciers Andrzej Szczy­p­i­orski, so liegt der Gedanke an Ernst Robert Cur­tius ungewöhn­lich nahe: hier stellt die Latinität des West­ens die Kon­ti­nu­ität in der Diskon­ti­nu­ität, das Fer­ment des Wan­dels inmit­ten der Szenerie des Wan­dels bereit, die sich vom späten Mit­te­lal­ter bis in die Mod­erne erstreckt. Ein Schuss pol­nis­chen Katholizis­mus und neuge­wonnener Selb­stab­gren­zung nach Osten mag diese Sicht der Dinge mit der Aura des Erlebten oder Erleb­baren umgeben, die unab­d­ing­bar zum Bewusst­sein kul­tureller Iden­tität gehört. Dabei scheint ›Latinität‹ nicht so sehr bes­timmte Inhalte als vielmehr den Aufriss des kul­turellen Gedächt­nisses und einen damit ver­bun­de­nen kul­turellen Habi­tus zu bedeuten. Es ver­steht sich von selbst, dass dieses Bild unterbes­timmt bleibt, unterbes­timmt schon im Hin­blick auf die Ver­gan­gen­heit des eige­nen Lan­des, ger­adezu rührend aber auch im Hin­blick auf die gegen­wär­tige Lit­er­atur des West­ens, für die dieses Europa erkennbar keinen Ori­en­tierungswert besitzt.

Dieses Europa, denn es scheint – bei aller gebote­nen Vor­sicht des Urteils –, dass die wes­teu­ropäis­che Lit­er­aturszene dem Stich­wort nach wie vor allen­falls den Haut­goût einer sachte ver­rot­ten­den transatlantisch-​globalen West­lichkeit abgewinnt, unter deren Ober­fläche dem einen oder anderen geschichts­be­flis­se­nen Autor Muster einer präkolo­nialen Geis­tesver­fas­sung auf­scheinen mögen, ent­fernt ver­gle­ich­bar den autochtho­nen Tra­di­tio­nen Afrikas oder Amerikas, nur dass in diesem Fall die Koloni­sa­tion der Geis­ter, ihre Unter­w­er­fung unter das uner­bit­tliche und zer­störerische Gesetz der Mod­erne, den durch die eigene Herkunft geset­zten Zwän­gen unter­liegt und mithin das lei­dende Sub­jekt dem Pro­jekt der Dekoloni­sa­tion nach­haltig und ohne Hoff­nung auf ein ent­fer­ntes Gelin­gen entfremdet.

Ganz von selbst stellt sich also dort, wo von einer europäis­chen Lit­er­atur die Rede ist, die Frage nach ihrer Geschichte ein, genauer, nach den zwei Geschichten, deren eine an den Lei­den und den Ver­strick­un­gen einer dem impe­ri­alen Erbe des 19. Jahrhun­derts entsprun­genen jün­geren und jüng­sten Ver­gan­gen­heit – oder, je nach Stan­dort des Inter­pre­ten, an der Vorgeschichte des von diesem Kon­ti­nent aus­ge­gan­genen und aus­ge­hen­den glob­alen Miss­geschicks –, deren andere an der Geschichte der Hoff­nun­gen und Ver­sprechun­gen par­tizip­iert, die, all­ge­mein gesprochen, mit jener ebenso glanzvollen wie gegen­warts­fer­nen Epoche der Aufk­lärung zusam­men­fällt, in der der Prozess der Mod­erne noch greif­bar in der Unschuld des Wer­dens steht oder zu ste­hen scheint. ›Oder‹ deshalb, weil in bei­den Ausle­gun­gen die his­torische Imag­i­na­tion ihr Recht über die Indif­ferenz der Fak­ten behauptet. Beide – der Nach­weis der his­torischen Unschuld wie ihres falschen Scheins – sind in Wahrheit Deu­tungstypen, die der Ein­deutigkeit der Gegen­stände wie der Stereo­typen der Ide­olo­giekri­tik ver­gan­gener Tage keineswegs bedür­fen, die sich vielmehr weit­ge­hend selbst genü­gen, weil sich in ihnen das Prinzip einer kri­tis­chen Geschichtss­chrei­bung in seine ele­mentaren Durch­führungsmodi auseinan­der­legt. Das einzige, dessen sie bedür­fen, ist die Deut­barkeit ihrer Gegen­stände, die Offen­heit der Werke gegenüber jew­eils neuen und dif­fer­enten Deu­tungskat­e­gorien, die ihrer­seits neue und dif­fer­ente Textbe­funde nach sich ziehen. Der Rest ist Arbeit, Interpreten-​Alltag also; ein wenig zynisch ließe sich sagen, dass die prästa­bilierte Lei­dens­bere­itschaft einer repräsen­ta­tiven Lit­er­atenkaste auf der einen und der akademis­che Gle­ich­mut einer eso­ter­ischen Kri­tik der his­torischen Zeug­nisse auf der anderen Seite einan­der wech­sel­seitig attestieren, worum es hier und heute in lit­er­arischen Din­gen geht.

2.

Es gibt die ein­fache Auskunft auf die ein­gangs gestellte Frage. Sie heißt: Europäis­che Lit­er­aturgeschichte ist die Geschichte der europäis­chen Lit­er­a­turen. Die darin mitschwin­gende Prämisse lautet aus­ge­sprochen, dass es sich um Nation­al­lit­er­a­turen han­delt, die durch das Adjek­tiv ›europäisch‹ gebün­delt wer­den. ›Europa‹, das meint – neben der schwank­enden geo­graphis­chen Größe – das Geflecht von Beziehun­gen zwis­chen diesen Lit­er­a­turen, die Fam­i­lien­bande, die es erlauben, sie nach Gemein­samkeiten (und inner­halb dieser nach Dif­feren­zen) der Herkunft und der Entwick­lung – ein Ter­mi­nus, der nicht fehlen darf, wann immer der pro­jek­tive Begriff ›Europa‹ fällt – zu sortieren. Das hat, denkt man an den ausufer­n­den Gebrauch des ein­schlägi­gen Vok­ab­u­lars in der Nachkriegszeit, eine gewis­ser­maßen Schu­man­sche Kom­po­nente, die aus dem Gedanken der ver­gle­ichen­den Lit­er­atur­wis­senschaft gar nicht wegzu­denken ist und oft genug pro­gram­ma­tisch her­vorgekehrt wurde. Bedenkt man die formierende Kraft der Querelle des Anciens et des Mod­ernes für die wes­teu­ropäis­chen Lit­er­a­turen des 17. und, teil­weise, des 18. Jahrhun­derts, so ist man geneigt, die Leis­tung der Kom­para­tis­tik darin zu finden, dass sie die seit den Zeiten des ital­ienis­chen Human­is­mus in den europäis­chen Lit­er­a­turen angelegte ›Querelle‹ des Sin­gu­lar­is­mus und des Uni­ver­sal­is­mus, sprich: der nationalen resp. transna­tionalen Ausle­gung dieser Lit­er­a­turen ans Licht gehoben und, getra­gen vom Präjudiz für Europa – einer poli­tis­chen Wer­tentschei­dung –, in den Sieg let­zterer hat mün­den lassen. Das ist – oder war – gedacht als Aufk­lärung im besten Sinn (das Moment von Pro­pa­ganda eingeschlossen), – mit der zunächst unbe­dachten Kon­se­quenz, dass auf diese Weise der Uni­ver­sal­is­mus zur Quin­tes­senz der ›guten‹ europäis­chen, also der mit gutem Grund ›europäisch‹ zu nen­nen­den Lit­er­atur gemacht wurde, zur Lek­tion, die, sobald sie das Pathos der Nachkriegszeit abstreift, die Geschichte der europäis­chen Lit­er­atur umstand­s­los aufge­hen lässt in Beiträge zur Genese der mod­er­nen Welt, sie mithin wesentlich als Vorgeschichte einer – in den west­lichen Zen­tren – endlich erwach­sen gewor­de­nen Men­schheit reka­pit­uliert. Nichts charak­ter­isiert das sozial– und medi­engeschichtlich angere­icherte hermeneutis­che Geschäft der heuti­gen Lit­er­atur­wis­senschaften mehr als seine weit­ge­hende Indif­ferenz gegen die Ideen– und Form­po­ten­tiale der von ihnen sezierten Lit­er­a­turen, die, wie man stillschweigend voraus­setzt, sich im Prozess der Her­aus­bil­dung unserer intellek­tuellen, im Ern­st­fall nichtlit­er­arischen Verkehrs­for­men aufge­braucht haben. Das ist kein Vor­wurf – wohl aber eine Fest­stel­lung, die ein Prob­lem enthält.

Es ist ein bedenkenswertes Zusam­men­tr­e­f­fen, dass zu einer Zeit, zu der – um den deutschen Aspekt des The­mas ein wenig in den Vorder­grund zu rücken –, zwar nicht die deutsche oder deutschsprachige Lit­er­atur den defin­i­tiven Gle­ichk­lang mit den Lit­er­a­turen Wes­teu­ropas (hier gab und gibt es merk­würdige Son­der­wege), wohl aber die deutsche Lit­er­atur­wis­senschaft den Anschluss an die gängi­gen Nomen­kla­turen des West­ens gefun­den hat, – dass zur gle­ichen Zeit der osteu­ropäis­che Auf­bruch die nationale Dif­ferenz erneut in die lit­er­arischen Debat­ten und damit nolens volens in die lit­er­arhis­torische Begriff­swelt hinein­trägt. Zwar scheinen ger­ade die klügeren dieser Autoren die ›Nor­mal­ität‹ des West­ens für die eigene Befind­lichkeit einzu­fordern, also den Ein­tritt in seine – das Wort sei wieder­holt – gegen die Influenza der Ver­gan­gen­heit immun gewor­dene Erwach­se­nen­welt. Das ist der eine Aspekt des Auf­bruchs, der andere kommt in dem spöt­tis­chen Bon­mot eines tsche­choslowakischen Schrift­stellers zu Wort, selb­stver­ständlich seien Paris und Lon­don europäis­che Metropolen, Prag jedoch sei und bleibe auch in Zukunft ganz und gar tschechisch. ›Prag‹ beze­ich­net in solchen­Vorstel­lun­gen eine Option gegenüber dem Europa, auf dessen Verkehrs­for­men man sich einzu­lassen gedenkt und auf die man – im Fall der tsche­choslowakischen Intel­li­genz spätestens seit 1968 – fast blind ver­traut. Es ist der aus der deutschen Lit­er­atur vor 1933 hin­re­ichend bekan­nte Anspruch auf kul­turelle Ander­sheit, ein Anspruch, der, um es bildlich zu sagen, in den Bomben­nächten des Serenus Zeit­blom aus Thomas Manns Dok­tor Faus­tus pul­verisiert wird, der jedoch wie selb­stver­ständlich den Gedanken der Zuge­hörigkeit zu Europa ein­schließt – ein etwas auf­dringliches Europäer­tum, das in krassem Kon­trast zu der sou­verä­nen Gebärde steht, mit der ein – der Geo­gra­phie nach – osteu­ropäis­cher Schrift­steller des 19. Jahrhun­derts wie Dos­to­jew­ski das Ansin­nen einer rus­sis­chen Zuge­hörigkeit zur europäis­chen Kul­tur in toto zurück­weisen konnte.

Damit ist das Stich­wort für die europäis­che Option der deutschen Lit­er­atur gefallen. Die Geschichte der sich (und zwar nicht erst seit dem l8. Jahrhun­dert) als Nation­al­lit­er­atur in Szene set­zen­den deutschen Lit­er­atur ist eine aus Motiven man­gel­nder Sou­veränität gespeiste Geschichte, einer als kränk­end emp­fun­de­nen, wei­thin imag­inierten Zurück­set­zung, die von poli­tis­chen Motiven ebenso durchtränkt ist wie vom nei­d­vollen Blick auf die ruhig-​unangestrengte Aneig­nung der antik-​mediterranen Über­liefer­ung durch die roman­is­chen Lit­er­a­turen und die elis­a­bethanisch geprägte angel­säch­sis­che Dich­tung. Ihnen gegenüber ver­rät die gräzisierende deutsche Klas­sik eine archäol­o­gis­che Anstren­gung, der der rechthaberische Anspruch auf die richtige Antike gegenüber der kur­renten zugrun­deliegt – eine im Grunde ebenso fol­gen­re­iche und erfol­glose Tour de force wie die Poli­tik des späteren Kaiser­re­ichs im Spiel der europäis­chen Mächte.

Der Ver­gle­ich mag angestrengt wirken, doch er gehört zur Sache. Auch im gegen­wär­ti­gen Fall der mit­tel– oder osteu­ropäis­chen Iden­titätssuche liegt das poli­tis­che Motiv obe­nauf. Der Begriff der Nation ist ein poli­tis­cher Begriff. Das heißt, er ist ohne den Bezug auf eine Poli­tik nicht denkbar, deren Begriff durch ihn entschei­dend mod­i­fiziert wird. Zum kur­renten Begriff der Nation gehört eine Poli­tik, deren Ziele wesentlich auf die Kon­sti­tu­ierung, Erhal­tung und Förderung von Natio­nen und ihren wech­sel­seit­i­gen Verkehr bezo­gen sind. Wenn es legitim ist, die Geschichte der neueren europäis­chen Lit­er­a­turen als eine Geschichte von Nation­al­lit­er­a­turen zu lesen und darin bere­its ihre spez­i­fisch europäis­che Kom­po­nente benannt zu finden, dann folgt daraus auch, dass diese Geschichte durch die bes­timmte Rela­tion zur Her­aus­bil­dung der europäis­chen Natio­nen als poli­tisch han­del­nder Entitäten (nicht unbe­d­ingt Nation­al­staaten nach franzö­sis­chem Muster) und ihrer poli­tis­chen Schick­sale definiert ist: eine nicht unwesentliche Präzisierung, die geeignet ist, den Begriff der poli­tisch gere­inigten ›Kul­tur­na­tion‹ à la Grass als das erscheinen zu lassen, was er ist – eine Fata Mor­gana des guten Wil­lens. Um auf der lit­er­arische Weimar zurück­zukom­men: der Satz Goethes, er wolle die Umwälzun­gen nicht wün­schen, die nötig wären, um in Deutsch­land einen klas­sis­chen Autor her­vorzubrin­gen, blickt nicht nur auf das lit­er­arische Frankre­ich Voltaires, son­dern auch auf das poli­tis­che, und es sind keineswegs nur soziale Umwälzun­gen gemäß dem Büchner-​Motto »Friede den Hüt­ten! Krieg den Palästenl«, die er im Blick hat. Die Geschichte gibt ihm übri­gens recht. Zum Klas­siker avancierte Goethe erst im Zuge der poli­tis­chen Umwälzun­gen, die noch zu erleben ihm so unbe­quem schien, und deren vor­läu­fige Erfül­lung nicht die bürg­er­liche Repub­lik, son­dern der Bis­mar­cksche Nation­al­staat brin­gen sollte.

Wer oder was – den Gedanken weit­erge­spon­nen – ist ein ›Nation­alschrift­steller‹? Der Lieblingsaus­druck des 19. Jahrhun­derts beze­ich­net einen Autor, der die ›Gegen­stände‹ der Nation zu Gegen­stän­den seiner Schrift­stellerei macht – in diesem Sinn ist Grass ohne Zweifel ein Nation­alau­tor – und damit die Nation selbst fortbes­timmt. Das aber ist nur dann möglich, wenn die Voraus­set­zun­gen dazu wirk­lich gegeben sind. Dies ist nicht allein die Frage einer real­is­tis­chen Poli­tik, son­dern eben­sosehr eine Frage der Erwartun­gen diverser Öffentlichkeiten, die mit dem Gedanken der eige­nen Kul­tur die am Ende erfol­gre­iche Abwehr uni­ver­sal­is­tisch legit­imierter Repres­sion verbinden. Solange der Druck der­ar­tiger Erwartun­gen auf den Autoren der östlichen ›Rück­kehr nach Europa‹ lastet, ver­spricht ihr Dia­log mit den west­lichen Kol­le­gen zu einem Dia­log unter Schw­er­höri­gen zu wer­den. Das ist die eine Seite des Prob­lems. Es bedarf wenig Phan­tasie, sich vorzustellen, dass – gewisse Erfolge der West-​Integration dieser Staaten voraus­ge­setzt – es sich (auf der Ebene inter­na­tionaler Autoren­tr­e­f­fen) im Zuge der Ver­west­lichung der Lebensstile über kurz oder lang von selbst erledi­gen wird. Doch es wird – das Wort Adornos gegen Lukács ein­mal anders gewen­det – eine erpresste Ver­söh­nung sein, die da vor sich geht, das Ergeb­nis einer west­lichen Harthörigkeit, die, kon­fron­tiert mit Namen wie Prag oder Krakau, allen­falls Fra­gen der Alt­stadt­sanierung zu disku­tieren bereit ist. Eine Lit­er­aturgeschichtss­chrei­bung – damit wird die andere Seite des Prob­lems berührt –, die sich als Wis­senschaft, sprich: als eine eher auf Dif­feren­zierung und nicht auf Ent­d­if­feren­zierung ihrer Gegen­stände bedachte Tätigkeit begreift, sollte hinge­gen ein­se­hen, dass es nicht ihre Auf­gabe sein kann, sich, und sei es unge­wollt, ohne Not in die Rolle einer Entwick­lung­shelferin zu begeben, deren karges Ver­ständ­nis ihrer Mis­sion darin besteht, dif­fer­ente Kul­turen als ungle­ichzeit­ige und interkul­turelle Konflikte umstand­s­los als Umwege oder Abkürzun­gen auf dem Weg in die glob­ale Mod­erne zu inter­pretieren. Das ist keineswegs nur im Hin­blick auf eine kün­ftige Lit­er­aturgeschichte der Gegen­wart gesagt. Es schließt vielmehr die europäis­che Ver­gan­gen­heit ein, die sich in diesen Gedanken­spie­len ohne­hin als all­ge­gen­wär­tig erweist. Die Lit­er­atur­wis­senschaft – ver­gle­ichend oder nicht – ist aufge­fordert, einen ihr liebge­wor­de­nen Begriff von Europa zu über­denken, der ein osten­sives Nicht­be­greifen enthält.

Mein beschei­dener Vorschlag lautet, in kün­fti­gen Darstel­lun­gen auf den pro­jek­tiven, ohne­hin weit­ge­hend entleerten Begriff von Europa zu verzichten und an seine Stelle einen strikt his­torischen zu set­zen, der die ›Querelle‹ der Nation­al­lit­er­a­turen als Ort – als einen Ort – der Dif­feren­zierung und Kom­plex­ierung der kollek­tiven Imag­i­na­tion begreift. Es ist eines, den Prozess der Zivil­i­sa­tion als anonymes, durch die poli­tis­chen Antag­o­nis­men des Erdteils hin­durch­laufendes Geschehen zu the­ma­tisieren. Ein anderes ist es, die sich an ihren Antag­o­nis­men abar­bei­t­en­den kollek­tiven Imag­i­na­tio­nen als – ein heik­les Wort – Sub­jekte dieses Prozesses in Betra­cht zu ziehen. In einer 1925 in Paris gehal­te­nen Rede vor dem Pen-​Club hat Paul Valéry die Frage gestellt, welches wohldefinierte Inter­esse Schrift­steller wie Fab­rikan­ten oder Wis­senschaftler ein­heitlicher Fachrich­tun­gen auf inter­na­tionalen Tagun­gen zusam­men­führe, da doch »l’art con­siste par con­séquent à dévelop­per ce qui sépare le plus net­te­ment, – le plus cru­elle­ment peut-​être, – un peu­ple d’un autre peu­ple!…«, näm­lich die Sprache ihrer Geburt, und sie »tra­vail­lent nec­es­saire­ment à main­tenir, à for­ti­fier, à per­fec­tion­ner les obsta­cles les plus sen­si­bles, les dif­férences les plus remar­quables et les plus nettes qui iso­lent cette nation de toutes les autres.«

Ohne Zweifel hätte der Autor nach 1945 seine Worte anders – und nach heutiger Auf­fas­sung ›bedachter‹ – gewählt. Den­noch scheint es ein sehr europäis­cher Gedanke zu sein, dem er Aus­druck ver­leiht, einer, der in nuce die Idee einer ungeschriebe­nen Lit­er­aturgeschichte Europas enthält, voraus­ge­setzt, man ver­steht, dass die von ihm beton­ten, durch den Schrift­steller her­auszuar­bei­t­en­den Dif­feren­zen nicht-​exklusiv und vor allem tran­si­tiv sind, Dif­feren­zierun­gen also, anhand derer sich – jeden­falls über einen bes­timmten Zeitraum gese­hen – das Spek­trum der lit­er­arischen Imag­i­na­tion in Europa ent­fal­tet. Die bekan­nte Rilke-​Sentenz »Er war ein Dichter und has­ste das Unge­fähre« wie noch die Rezensen­ten­floskel von der ›Genauigkeit‹ poet­is­cher Rede beze­ich­nen ja keine unerr­e­ich­bare Kor­rek­theit der lit­er­arischen Sprache, son­dern die von Valéry benan­nte Arbeit des Schrift­stellers an der sprach­lichen Dif­ferenz. Dif­feren­zierung aber, das gilt für den Bere­ich sprach­licher Imag­i­na­tion ebenso wie für den wis­senschaftlicher Erken­nt­nis, setzt Kristalli­sa­tionskerne voraus, an denen die Ein­bil­dungskraft ebenso wie das Denken anset­zen müssen, wenn sie nicht gegen­stand­s­los bleiben sollen.

Ein solcher Kristalli­sa­tionskern – und gewiss nicht der unwichtig­ste – ist für den Schrift­steller die Sprache, und zwar die jew­eils eigene, deren Artiku­la­tion­s­möglichkeiten von ihm spielerisch aktiviert wer­den. Europäisch ist die spielbes­tim­mende Konkur­renz der nationalen Hochsprachen vor dem Hin­ter­grund einer kollek­tiv angeeigneten Tra­di­tion, eine Konkur­renz, die davon lebt, das jew­eils erre­ichte Dif­feren­zierungsniveau im anderen Medium nachzu­bilden und zu übertr­e­f­fen. Die Über­tra­gung eines sprach­lichen Sachver­halts in eine andere Sprache schafft zwangsläu­fig neue Sprachver­halte, – Struk­tur­po­ten­tiale, die danach ver­lan­gen, eben­falls in ihrem ganzen Umfang real­isiert zu wer­den. Dieser sprachim­ma­nente Aspekt der lit­er­arischen Pro­duk­tion mag einem flüchti­gen Betra­chter ger­ing erscheinen angesichts der Fülle sprachüber­schre­i­t­en­der The­men, Motive und For­men, die den not­falls auf Über­set­zun­gen zurück­greifenden Leser oder The­atergänger von der realen Ein­heit einer lit­er­arischen Welt überzeu­gen, in der Ham­let und Sokrates sich müh­e­los zum small-​talk über die Deutsche Bun­de­sakte von 1815 zusam­men­zufinden ver­mö­gen. Doch es ist jener anonyme Innenaspekt, der die Gestal­tungsvielfalt erzeugt und ihre Ein­heit ver­bürgt, der, um ein Bild Jean Pauls zu gebrauchen, ver­bor­gene Mech­a­nis­mus, der die Fontä­nen der lit­er­arischen Imag­i­na­tion auf­sperrt. Mit Valéry zu reden: »Les diverses lit­téra­tures sont tombées amoureuses les unes des autres. Et ce mir­a­cle n’est pas d’aujourd’hui. Vir­gile se tendait vers Homère. Et nous, Français, que n’avons-nous aimé? L’Italie sous Ron­sard, l’Espagne sous Corneille, l’Angleterre sous Voltaire, l’Allemagne et le Proche-​Orient par les Roman­tiques, l’Amerique par Baude­laire…, et, de siè­cle en siè­cle, commes des maitresses plus con­stam­ment goûtées, la Grèce et Rome.«

Es ließe sich fra­gen, warum die bish­erige Lit­er­aturgeschichtss­chrei­bung keinen Ver­such vorgelegt hat, der es auch nur ent­fernt mit Rankes Studie über die großen Mächte aufnehmen kön­nte, einem Stück Geschichtss­chrei­bung also, dem es gelingt, das Sys­tem der europäis­chen Mächte als Sys­tem zu entwick­eln und die Bedin­gun­gen zu beschreiben, unter denen die einzel­nen Mächte in dieses Sys­tem ein­treten und in ihm agieren. Es fehlt nicht viel, demge­genüber die ver­gle­ichende Lit­er­aturgeschichte method­isch auf dem Stand der syn­chro­nis­tis­chen Uni­ver­sal­his­to­rie der alten Göt­tinger His­torik­er­schule ver­har­ren zu sehen. Der Grund kön­nte darin zu finden sein, dass sie es bisher ver­fehlt hat, dem Gedanken his­torischer Objek­tiv­ität angemessen nahezutreten, dass sie sich vielmehr noch immer als Partei in jener his­torischen ›Querelle‹ des Sin­gu­lar­is­mus und des Uni­ver­sal­is­mus zu pro­fil­ieren ver­sucht, die sie als rit­uellen Toten­tanz von Exem­pel zu Exem­pel neu insze­niert. Nicht ohne Grund: der fort­dauernde Antag­o­nis­mus einer nach Fäch­ern aufgeschlüs­sel­ten nationalen Lit­er­aturgeschichtss­chrei­bung und einer in einem unbes­timmten Dazwis­chen ange­siedel­ten Diszi­plin ver­stetigt die Ago­nie des Gegen­satzes, in dem sich der Intellekt seit langem auf dem Rück­zug befindet.

3.

Man sage nicht, dass Macht­phan­tasien im Aus­tausch der Kul­turen keine bedenkenswerte Rolle zufalle. Vielle­icht muss man der schlichten Dik­tion des Musik­ers Arnold Schön­berg für die Sen­tenz dankbar sein, durch die Ent­deck­ung der Zwölfton­musik werde »die Vorherrschaft der deutschen Musik für die näch­sten hun­dert Jahre gesichert.« Gewiss gehört der antiquierte Satz, dass, wer die Spielpläne der The­ater füllt, die poli­tis­che Phan­tasie des Pub­likums beherrscht, in den Bere­ich solcher Phan­tasien. Doch nicht der phan­tas­magorische Mach­taspekt der Lit­er­a­turen lässt es reizvoll erscheinen, auf das Ranke-​Modell der europäis­chen Staatengeschichte zurück­zu­greifen, son­dern der ihm implizite Sys­temgedanke. Lit­er­a­turen bes­tim­men sich nicht in bezug auf sich selbst, son­dern in bezug auf andere. Diese anderen aber sind nicht beliebig wählbar, wie das Bild der Mätresse fälschlich sug­geriert. Sie sind – und hier scheint der Seit­en­blick auf die poli­tis­che Land­karte Europas hil­fre­ich – vorgegeben, und ihre Ver­trautheit oder Fremd­heit in einer gegebe­nen Sit­u­a­tion entschei­det darüber, welche Anstöße von ihnen aus­ge­hen kön­nen. Immer aber bes­timmt die Gesamtkon­stel­la­tion, in der sie sich bewe­gen, die Möglichkeiten der einzel­nen Lit­er­a­turen, sich aneinan­der zu pro­fil­ieren. Dabei erscheint es wenig sin­nvoll, inner­halb des Sys­tems eine Stelle zu beset­zen, die bere­its von einer anderen Lit­er­atur ein­genom­men wird, und es erweist sich in der Praxis als aus­geschlossen. Wohl aber wäre es – im gedachten Extrem – als Resul­tat einer Folge von Umbe­set­zun­gen denkbar, in deren Ver­lauf auch die übri­gen Lit­er­a­turen ihre Posi­tio­nen verän­dern. Solche Umbe­set­zun­gen sind jedoch nichts weiter als Weg­marken im Prozess stetiger Dif­feren­zierung, in dem sich Lit­er­atur fortschreibt. Jeder Posi­tion­swech­sel zeugt daher von einem neuen, bis­lang unerr­e­ichten Stand der lit­er­arischen Artiku­la­tion. Salopp gesprochen: keine Lit­er­atur kommt jemals dort an, wo eine andere sich bere­its vor ihr befun­den hat. Den­noch bleibt das Sys­tem intakt kraft der Regel, dass zwar die einzel­nen Dif­feren­zierungss­chritte nicht antizip­ier­bar sind, mögliche Posi­tion­swech­sel hinge­gen begrenzt kalkulier­bar erscheinen, da die Iden­tität der konkur­ri­eren­den Lit­er­a­turen nicht beliebig zur Dis­po­si­tion steht.

4.

Bekan­ntlich tauschen Lit­er­a­turen keine diplo­ma­tis­chen Noten aus und führen keine Kriege gegeneinan­der. Das hin­dert sie nicht daran, sich eines Arse­nals tech­nis­cher Ver­fahren zu ver­sich­ern, mit denen sie sich gegeneinan­der in Szene set­zen. Einige solcher Ver­fahren seien im fol­gen­den skizziert.

1 . Ver­schiebung. Wer das Buch der Madame de Staël De l’Allemagne aufmerk­sam liest, wird, vielle­icht ver­wun­dert, zur Ken­nt­nis nehmen, dass das nach­mals sel­ten aus­ge­lassene intellek­tuelle ›Klis­chee‹ von franzö­sis­cher ›clarté‹ und deutschem ›Irra­tional­is­mus‹ in ihm keine Rolle spielt. Den­noch trägt der dort geze­ich­nete Gegen­satz zwis­chen Frankre­ich und Deutsch­land Züge, die es im nach­hinein erlauben, beide müh­e­los aufeinan­der zu beziehen. Es sind – auf der einen Seite – die des ›old-​fashioned Ger­many of cul­ture and learn­ing‹, dessen Iden­tifika­tion­swert noch Thomas Mann im kali­for­nischen Exil beschäfti­gen wird, der auf sit­tlichem Ernst fußen­den, in prov­inzieller Abgeschieden­heit reifenden deutschen Geistigkeit also, der die des rasch auf­fassenden, sich gesel­lig ver­strö­menden franzö­sis­chen ›Esprit‹ auf der anderen Seite gegenübertreten, – Züge, deren stereo­type Fer­n­wirkun­gen Ger­ard Raulet ger­ade ein weit­eres Mal analysiert hat. Man kennt die Rolle, die Tac­i­tus’ Ger­ma­nia – und damit indi­rekt das Motiv des Sit­ten­spiegels – bei der Abfas­sung des Buches der Madame de Staël gespielt hat. Ander­er­seits war es erst einige Jahrzehnte her, dass in europäis­chen Preiss­chriften der Frage nachge­gan­gen wer­den durfte, ob nicht die Deutschen prinzip­iell zum Esprit unfähig seien – Zweifel schienen ange­bracht. Diese Zweifel richteten sich gegen nichts weniger als gegen die Tauglichkeit der Deutschen zur Teil­nahme am all­ge­meinen Fortschritt der Kün­ste und Wis­senschaften: ein 1814 ganz gewiss obso­letes Thema, das nur insofern nach­wirkt, als die de Staëlsche Dichotomie ohne das durch Rousseau zwis­chen­zeitlich aktu­al­isierte, ursprünglich stois­che Bild des Philosophen, der hin­re­ichend Gründe hat, den gesel­li­gen Tugen­den zu mis­strauen, und der sich genötigt sieht, dieses Mis­strauen gegen besagten Fortschritt der Kün­ste und Wis­senschaften zu richten, ein Gut­teil ihres frankre­ichkri­tis­chen Impulses ein­büßte. Die Ver­schiebung besteht darin, dass ein bisher uni­versell ver­wandter Gegen­satz, der in der Aufk­lärungslit­er­atur längst vor Rousseau seinen fes­ten Platz besitzt, der des Salon­schrift­stellers mit den entsprechen­den Kon­no­ta­tio­nen des ›Welt­manns‹ auf der einen, des sich isolieren­den Moral­is­ten auf der anderen Seite, herange­zo­gen wird, um den Gegen­satz zweier Natio­nen zu beze­ich­nen – nach entsprechen­den Mod­i­fika­tio­nen, ver­steht sich, denen weit­ere fol­gen wer­den, bis das Motiv in bei­den Lit­er­a­turen hin­re­ichend durchgear­beitet ist, um in der Kulisse zu ver­schwinden. Übri­gens – und dies dürfte ein wesentlicher Aspekt sein – nicht zum ersten Mal: ein Jahrhun­dert früher diente der Gegen­satz zur Abgren­zung der höfis­chen Lit­er­atur des abso­lutis­tis­chen Frankre­ichs von der durch den Unab­hängigkeitssinn seiner gen­try getra­ge­nen Eng­lands: aus englis­cher Sicht, ver­steht sich.

2. Umbe­set­zung. Heine, der 1833 den ersten Teil der Roman­tis­chen Schule her­aus­bringt, weiß, was er dem Buch der Madame de Staël ver­dankt. Was er für sich reklamiert, ist die größere Dis­tanz zu und zugle­ich größere Intim­ität mit den Gegen­stän­den, von denen sie spricht. Heine ist es, der den von ihr angedeuteten Gegen­satz auss­chreibt und ineins damit umbe­setzt: die (polemisch gemeinte) Ent­ge­genset­zung von franzö­sis­chem Ratio­nal­is­mus und deutschem Irra­tional­is­mus ist das Ergeb­nis einer Reihe von Bedeu­tungsver­schiebun­gen und ‑anre­icherun­gen, die, jede für sich genom­men, spielerisch, sit­u­a­tiv und punk­tuell wirken, zusam­men jedoch ein sta­biles Geflecht von Bedeu­tun­gen erzeu­gen, in das die herge­brachten Bes­tim­mungen gle­ich­sam einge­woben sind, so dass der Über­gang von ihnen zu den neu hinzugekomme­nen durch ein­fache Ideenas­sozi­a­tion gesichert erscheint.

»Indem ich diese Blät­ter gle­ich­sam als eine Fort­set­zung des Frau v. Staëlschen ›De l’Allemagne‹ ankündige«, schreibt Heine, »muß ich, die Belehrung rüh­mend, die man aus diesem Werke schöpfen kann, den­noch eine gewisse Vor­sicht beim Gebrauche des­sel­ben anempfehlen und es dur­chaus als Koteriebuch beze­ich­nen. Frau v. Staël, glo­r­re­ichen Ange­denkens, hat hier, in der Form eines Buches, gle­ich­sam einen Salon eröffnet, worin sie deutsche Schrift­steller empf­ing, und ihnen Gele­gen­heit gab, sich der franzö­sis­chen zivil­isierten Welt bekannt zu machen; aber in dem Getöse der ver­schieden­sten Stim­men, die aus diesem Buche her­vorschreien, hört man doch immer am vernehm­lich­sten den feinen Diskant des Herrn A. W. Schlegel.«

Der erste Akt der Zurich­tung, der Leser ahnt es bere­its, liegt in der Konzen­tra­tion auf einen Fall, den des Jenaer Lit­er­atur­pap­stes August Wil­helm Schlegel, der, selbst nur das Mund­stück seines Brud­ers Friedrich, durch seine Einflüsterun­gen in jenem Buch etwas zu Wort kom­men lässt, dessen »Wesen ihr« – der Französin – »ganz fremd und unbe­greif­bar ist«, etwas Deutsches eben. Das Tren­nende, wie Valery es nennt, ist damit, gegen den alten Klärungsver­such, neu pos­tuliert, die Her­ausar­beitung darf begin­nen. Wie sie beginnt, dies wird bes­timmt durch ein argu­men­ta­tives Reper­toire, dessen Ele­mente zur Genüge bekannt sind: erstens, das Unbe­grei­fliche hat eine Genese, die es begreiflich macht, und die man ken­nen muss; zweit­ens, die Genese vol­lzieht sich nach dem Muster einer Verir­rung – was ver­ständlich ist, da man ja dem ger­aden Ver­stand des franzö­sis­chen Pub­likums (den nicht zu unter­stellen eine Unschick­lichkeit bege­hen hieße) dieses ihm Unbe­greifliche als Unbe­greifliches begreiflich zu machen gedenkt. Die Schlegel-​Brüder also sind drit­tens Zwerge auf den Schul­tern von Riesen. Das heißt, das, was sie als Kri­tiker kön­nen, haben sie – etwas schema­tisiert – entweder bei Less­ing gel­ernt und hand­haben es ihrer Statur entsprechend schwächer, oder sie kön­nen es, weil es die bei Less­ing getane Denkar­beit voraus­setzt. Eine Schwäche des sein­erzeit keineswegs unbe­greiflichen Less­ing, ein his­torischer Zufall oder ein per­sön­licher Tick (um das Ver­fahren auf die Spitze zu treiben) erweist sich als der wahre Grund einer bedrohlichen Schieflage: »… so stark er (gemeint ist Less­ing) im Verneinen ist, so schwach ist er im Beja­hen, sel­ten kann er ein Grund­prinzip auf­stellen, noch sel­tener ein richtiges. Es fehlt ihm der feste Boden einer Philoso­phie, eines philosophis­chen Sys­tems. Dieses ist nun bei den Her­ren Schlegel in noch viel trost­loserem Grade der Fall.«

Die zunächst nur witzig wirk­ende Vok­a­bel der Trost­losigkeit ent­puppt sich im fol­gen­den Schritt als außeror­dentlich frucht­bar. Schließlich ver­an­lasst das diag­nos­tizierte Übel die Schlegel, den ihnen abge­hen­den Trost bei den Seg­nun­gen der katholis­chen Kirche und der ihr entsprosse­nen Poe­sie zu suchen und zu finden, die sich in den Werken Calderóns man­i­festiert: »… bei jenem fand man die Poe­sie des Mit­te­lal­ters am rein­sten aus­geprägt… Die from­men Komö­dien des kastil­ian­is­chen Pries­ter­dichters, dessen poet­is­chen Blu­men mit Wei­h­wasser besprengt und kirch­lich geräuchert sind, wur­den jetzt nachge­bildet, mit all ihrer heili­gen Grandezza, mit all ihrem saz­er­do­talen Luxus, mit all ihrer gebenedeiten Toll­heit; und in Deutsch­land erblühten nun jene bunt­gläu­bi­gen, när­risch tief­sin­ni­gen Dich­tun­gen, in welchen man sich mys­tisch ver­liebte, wie in der ›Andacht zum Kreuz‹, oder zur Ehre der Mut­ter­gottes schlug, wie im ›Stand­haften Prinzen‹; und Zacharias Werner trieb das Ding so weit wie man es nur treiben kon­nte, ohne von Obrigkeits wegen in ein Nar­ren­haus einges­perrt zu werden.«

Die Genese hat ihr Ziel erre­icht ver­möge einer Abbre­viatur, die mit dem Stich­wort ›Mit­te­lal­ter‹ den Abwehrreflex des zivil­isierten Wes­teu­ropäers und mit dem verdeck­ten Hin­weis auf den poli­tis­chen Katholizis­mus den Abscheu des repub­likanisch gesonnenen Lesers her­vor­ruft. Die Nen­nung des spanis­chen Barock­au­tors Calderón zeigt, keineswegs neben­säch­lich, wie die Karten im Spiel der europäis­chen Lit­er­a­turen gemis­cht sind. Sie gilt, neben der nationalen Dif­ferenz, der Erin­nerung an die höfis­che Dich­tung des Ancien régime und verbindet so das vorge­blich unbe­grei­fliche Neue mit einem – wie es scheint – zur Genüge ver­trauten Alten.

Die zen­trale Meta­pher aber ist die vom »Toll­haus«, die Heine – es ist nur noch ein kleiner Schritt – kurz­er­hand dem »deutschen Par­naß jener Zeit« auf­drückt, um sie sofort zu ver­schär­fen: »Ich glaube aber auch hier habe ich viel zu wenig gesagt. Ein franzö­sis­cher Wahnsinn ist noch lange nicht so wahnsin­nig wie ein deutscher…« In let­zterem verbindet sich – wie Heine zu zeigen bereit ist – das Charak­ter­is­tikum der deutschen Pedan­terie mit dem des furor teu­ton­i­cus, der so in eine zwei­deutige Nähe zum furor poet­i­cus gerät, — also das einer (vor dem Hin­ter­grund der franzö­sis­chen Salons) altdeutsch-​schulmeisterlichen Kul­tur mit dem Human­is­tenetikett frem­dar­tiger – und darum befrem­den­der – teu­tonis­cher Bar­barei. Damit ist der eigentliche Grund für das Nichtver­ste­hen der Madame de Staël genannt: die eth­nis­che Dif­ferenz, die zu erken­nen dem gebilde­ten Fran­zosen nicht mehr abver­langt als einen Akt kul­tureller Erin­nerung, sprich: ein Zurück­ge­hen auf ein Urteil, das durch die in jenem Buch enthal­te­nen Wertschätzun­gen eine so tief­greifende Revi­sion erfahren hatte. Die Verbindung zwis­chen bei­den stellt – und dies dürfte die Pointe des Heine-​Textes sein – das Bild vom Toll­haus her. Jene Abgeson­dertheit der Zustände, von de Staël für die beson­dere Form der deutschen Geistigkeit ver­ant­wortlich gemacht, kor­re­spondiert nicht zufäl­lig dem Motiv der Abson­derung, das in der Meta­pher liegt. Die Deutschen leben – und schreiben –, so die Botschaft, wie es ihrem Zus­tand geistiger Verir­rung entspricht.

Das Beispiel wurde aus­gewählt, um an ihm sin­n­fäl­lig vorzuführen, was man die Arbeit an der Dif­ferenz der Lit­er­a­turen nen­nen kön­nte. Weit gefehlt wäre es, diese Arbeit auf das Aus­feilen von Schlag­worten beschränkt zu sehen. Eher trifft das Gegen­teil zu: die Arbeit an der Dif­ferenz ist geeignet, die Lit­er­atur her­vorzutreiben, die im Schlag­wort als dif­fer­ente erscheint.

3. Mar­gin­al­isierung. Es ist nicht unbekannt, dass jene carte­sian­is­che ›clarté‹, das ange­bliche Signum des franzö­sis­chen Geistes, in der deutschen Schul­philos­phie des 18. Jahrhun­derts eine wesentliche Rolle spielt. Es ist die Klarheit und Dis­tink­theit der Begriffe, die in den Demon­stra­tio­nen der more geo­met­rico operieren­den Wis­senschaften voraus­ge­setzt wer­den muss. Der fol­gen­re­iche Ein­fall des Wolff-​Schülers Baum­garten bestand darin, der The­o­rie der klaren und dis­tink­ten Begriffe und damit der ratio­nalen Wis­senschaft eine The­o­rie der ›ver­wor­re­nen‹ Begriffe und damit eines Bere­ichs zur Seite zu stellen, der – im Ver­ständ­nis des ›carte­sian­is­chen‹ Ratio­nal­is­mus – als nicht the­o­riefähig galt. Dem Ästhetiker Baum­garten – das ver­di­ent fest­ge­hal­ten zu wer­den – geht es nicht um die Ver­drän­gung eines The­o­ri­ety­pus durch einen anderen, es geht ihm darum, ein – im Sinne der­Wolf­fi­aner – uner­schlossenes Feld der Erken­nt­nis neben dem bisher erschlosse­nen zu arrondieren. Wohl aber gibt die Erfind­ung der Ästhetik, begün­stigt durch eine Reihe glänzen­der Funde, der lit­er­arischen Kul­tur in Deutsch­land Gele­gen­heit, sich als ästhetis­che gegenüber den etabliert­eren Lit­er­a­turen Europas, vornehm­lich denen Frankre­ichs und Eng­lands, neu zu entwer­fen. Die Mar­gin­al­isierung der franzö­sis­chen Lit­er­atur, ›der Fran­zosen‹, wie man sich aus­drückt (eine Formel, die, anders als im Fall der ›Schweizer‹, sehr rasch keine einzelne, namhaft zu machende Autoren­gruppe mehr beze­ich­net), besteht darin, dass ihre unbe­stre­it­baren Vor­gaben mit dem stereo­typen Etikett einer ›ein­seit­i­gen‹ Ver­standeskul­tur verse­hen und damit als prinzip­iell über­wun­den ange­se­hen wer­den, nach­dem man selbst die andere Seite der Sache zu seiner eige­nen gemacht und so die erste gle­ich­sam zugeschla­gen hat. Doch dies allein wäre polemisch gesprochen, wollte man den For­mzwang überse­hen, der von dieser Tech­nik der Aus­gren­zung auf die eigene lit­er­arische Pro­duk­tion aus­geht, ein Zwang, der noch in den so west­lich nüchtern wirk­enden Roma­nen eines Fontane zu spüren ist. Mar­gin­al­isierung – im hier vorgeschla­ge­nen Sinn – wäre also das Her­stellen eines For­mzwangs in den ver­schieden­sten Bere­ichen der Lit­er­atur durch Aus­gren­zung, zu der, bei Gele­gen­heit, sich die Expa­tri­ierung gesellt, falls der Zwang oder das selbst aufer­legte Tabu ein­mal ver­sagen sollte. So entste­hen Bücher zwis­chen den Lit­er­a­turen. Ein eigenes Kapi­tel wäre es, zu zeigen, wie die Geschichte mit ihnen umgeht.

4. Ampli­fika­tion. Darunter sei der Vor­gang der Über­tra­gung phys­iog­nomisch gedeuteter Einzelzüge eines Werks oder eines Schrift­stellers auf die Lit­er­atur ver­standen, die es oder ihn her­vorge­bracht hat oder die – wirk­lich oder vorge­blich – von ihnen aus­geht. Es ist das Feld der Unter­stel­lun­gen, Übertrei­bun­gen, vagen Behaup­tun­gen und hand­festen Täuschun­gen, ohne die Lit­er­atur nicht existierte, weil sich in ihnen die ›Intu­ition‹ der Lit­er­aten und ihrer Kri­tiker sowie, nicht zu überse­hen, einer Vielzahl von Inter­pre­ten kundg­ibt. Es gibt Hochzeiten der ampli­fiziren­den lit­er­arischen Gebärde – ich erin­nere an die deutsche Lit­er­atur und Lit­er­aturgeschichtss­chrei­bung zwis­chen Niet­zsche und Dilthey, zwis­chen Benn und Kass­ner – und es gibt Phasen aus­ge­sproch­ener Kri­tik an ihr – man mag die gegen­wär­tige zu ihnen zählen –, aber es scheint keine des wirk­lichen Verzichts zu geben; ver­mut­lich deshalb, weil es sich bei diesem Ver­fahren um die ›objek­tive‹ Stil­isierung einer im Grunde vor­lit­er­arischen Tech­nik han­delt, die aus der Lob– und Schmährede bestens bekannt ist. Wenig­stens let­ztere muss, um zu tre­f­fen, die Wahrheit des bösen Blicks oder, wenn man es auf die Lit­er­atur zurück­biegt, der Satire für sich haben. Vielle­icht hat im Umgang der Lit­er­a­turen untere­inan­der die Satire das let­zte Wort; es würde manches ver­ständlicher machen.

5.

Die Liste der ein­schlägi­gen Ver­fahren ließe sich müh­e­los fort­set­zen. Den­noch lässt es sich nicht ver­hehlen, daß die genan­nten nicht zufäl­lig die ersten Plätze ein­nehmen. Es han­delt sich um lit­er­arische Gegen­stücke zu wei­thin bekan­nten Tech­niken der Iden­tität­sfin­dung und ‑wahrung sozialer Entitäten. Sie for­men gle­ich­sam die aggres­sive Auße­nan­sicht von Lit­er­a­turen, die sich im Stim­mengewirr der von ihnen in Konkur­renz wahr– und ern­stgenomme­nen Lit­er­a­turen zu ›behaupten‹ gedenken. Die europäis­chen Lit­er­a­turen nehmen seit den Zeiten des Human­is­mus aneinan­der Maß. Dass und wie sie es tun, hat mit dem Prozess der Mod­erne mehr zu schaf­fen, als es den Ver­fechtem seiner prinzip­iellen Gle­ich­för­migkeit recht sein kann. Diese Dynamik ist nicht erloschen, wie sich darin zeigt, dass nach wie vor ›nationale‹ lit­er­arische Öffentlichkeiten das Bild der europäis­chen Lit­er­atur prä­gen: vom ersten Auftreten eines Autors über die Selektions-​und Urteilsmech­a­nis­men der ihn etablieren­den Kri­tik bis hin zu seiner Präsen­ta­tion gegenüber einem ›aus­ländis­chen‹ Pub­likum als Autor seines Lan­des. Eine europäis­che Öffentlichkeit als der eine, sich in ide­aler Gle­ichzeit­igkeit öff­nende Raum für den Auftritt des europäis­chen Schrift­stellers existiert nicht. Die kri­tis­che Vok­a­bel vom ›europäis­chen Rang‹ eines Autors ist insofern bemerkenswert, als sie die beson­dere Ebene zu Bewusst­sein bringt, auf der die Lit­er­a­turen Europas miteinan­der kom­mu­nizieren oder zu kom­mu­nizieren vorgeben, eine Ebene, auf der die indi­vidu­elle Ambi­tion des Schrift­stellers und das Bedürf­nis der ihn umschließen­den lit­er­arischen Kul­tur seines Lan­des, den Prozess der wech­sel­weisen Durch­dringung und Neufin­dung der Lit­er­a­turen in Gang zu hal­ten, eine ebenso flüchtige wie ein­drucksvolle Liai­son eingehen.

Was also heißt ›europäis­che Lit­er­aturgeschichte‹? In seiner nach­den­klichen – und gewiss auch par­o­dis­tis­chen – Para­bel über das Aben­teuer der lit­er­arischen Hermeneu­tik, Das Fou­cauld­sche Pen­del, lässt Umberto Eco drei Lek­toren eines Ver­lags für okkulte Lit­er­atur den Roman einer gemeineu­ropäis­chen Ver­schwörung erfinden, die, aus­ge­hend von der Zer­schla­gung des Tem­pleror­dens zu Beginn des 14. Jahrhun­derts, sich wie ein roter Faden durch die frühen Nation­algeschichten Europas zieht und deren durch die Gre­go­ri­an­is­che Kalen­der­reform von 1582 ver­sprengte Glieder sich in den Schriften der englis­chen und deutschen Rosenkreuzer ver­schlüs­selte Botschaften zukom­men lassen. Zweier­lei ist daran bedenkenswert. Erstens die – selb­stver­ständlich fiktive – Entste­hung der mod­er­nen europäis­chen Lit­er­a­turen (wenn man die mys­tisch deko­ri­erten Schriften der gehe­im­bünd­lerischen Frühaufk­lärer als einen Beginn akzep­tiert) aus dem Scheit­ern des »Großen Plans« der Wiederge­burt des »alten Europa«, des Europa vor dem umfassenden Exper­i­ment der Entzweiung, und die iro­nis­che Ausle­gung ihrer Ent­fal­tung als Aus­tausch ins Ungewisse zwis­chen den gegeneinan­der isolierten »Rit­tern« des entschwun­de­nen Ordens. Zweit­ens das Scheit­ern der Inter­pre­ten, deren method­is­ches Wis­sen darum, dass im Gang der ein­mal begonnene Aufk­lärung jede gefasste Idee wieder zer­rieben wird (sie also nur als Erfin­der eines »Romans« vor sich selbst das Gesicht wahren kön­nen), sie nicht daran hin­dert, am Ende in die lebens­ge­fährliche Nähe von Glück­srit­tem und Schar­la­ta­nen zu ger­aten, einem Per­so­n­enkreis, der das Ziel, an dessen Bes­tim­mung die Inter­pre­ta­tion sich abar­beitet, immer schon kennt und pünk­tlich zur Stelle ist, als der all­ge­meine Kon­vent, die Erfül­lung des »Großen Plans«, sich abze­ich­net. Damit ist manches über den Stand und die Motive des hermeneutis­chen Geschäfts gesagt, das sich direk­ter Kri­tik gewiss vehe­ment entzöge.

»›Wenn es den Großen Plan gibt, muss er alles mit ein­beziehen. Entweder er ist global, oder er erk­lärt gar nichts‹«, sagt an einer Stelle der Linksin­tellek­tuelle Belbo mit jenem offen­bar unauf­brauch­baren Eurozen­tris­mus, ohne den, wie es scheint, das ›Geschäft‹ nicht zu betreiben ist. Und Dio­tal­levi, der Kab­bal­ist, antwortet: »›Wir sind dabei, schrit­tweise die Geschichte der Welt zu rekon­stru­ieren… Wir sind dabei, das Buch neu zu schreiben. Das gefällt mir, das gefällt mir!‹«

Der Hermeneut, zwis­chen bei­den ver­mit­telnd, schweigt. Aber er macht mit.

0
0
0
s2smodern