1.

Das Geschriebene entsteht aus dem Ungeschriebe­nen, andern­falls entstünde es nicht, son­dern wäre schon immer da. Was eben noch imma­terieller Gedanke, auf­tauchende For­mulierung, unwirk­licher Drang war, das wird unter dem Kratzen der Feder, dem Klap­pern der Tas­tatur, dem Auf­trag von Farbe auf eine leere Fläche zu etwas, das auf den Schreiber zurück­blickt, als sei er bere­its ver­gan­gen, und dieser weiß, das ist mein Gedanke, meine For­mulierung, mein Satz (er fühlt aus dem Wort den ›Sprung‹ her­aus): selbst wenn es nie­mand je zu Gesicht bekäme, so bliebe noch ich, um an ihm zu ermessen, wer ich bin. Ich, der Schreibende, ich habe etwas preis­gegeben – was und an wen, das, nun ja, wird sich zeigen.

2.

Unter der Ober­fläche des Geschriebe­nen besteht das Ungeschriebene fort. Was ich geschrieben habe, ich kann es ausstre­ichen, kann eine andere Wen­dung an seine Stelle set­zen, ich kann es wen­den – die Worte, die Seiten, die Gedanken, die Aben­teuer, das Schick­sal. ›Ich kann auch anders‹: so lautet das Credo des Autors, sein einziges übri­gens. Das Ungeschriebene hinge­gen bleibt immer das Ungeschriebene – man kön­nte es ›mit sich iden­tisch‹ und ›indif­fer­ent gegen das Geschriebene‹ nen­nen, sofern man es damit nicht zu einem Geschriebe­nen zweiter Ord­nung ver­fälschte. Die Nieder­schrift ver­rät es auf zweier­lei Weise, zum einen an diejeni­gen, die des Lesens kundig sind und dieses Blatt hier irgend­wann zu Gesicht bekom­men, zum anderen aber – und das ist mehr –, als das, was es ist, an das, was es nicht ist, nicht war und niemals sein wird. Das Uni­ver­sum des Geschriebe­nen ist nicht offen für das Ungeschriebene, es existiert nur in sich selbst. Das Geschriebene überdeckt das Ungeschriebene und ver­drängt es – unge­fähr so, wie die glatte oder raue Ober­fläche eines Gegen­standes sein Inneres ver­hüllt, während sie dem Betra­chter sug­geriert, es sei so, ger­ade so, und nicht anders.

3.

Wer schreibt, sieht das naturgemäß anders. Ich kann auch anders – dieser Grund­satz, diese Grund­lage allen Schreibens lässt nicht allein den Zufluss offen, son­dern auch das Gemeinte. Die Bedeu­tung, die ein Satz für den besitzt, der ihn nieder­schrieb, enthält eine Erin­nerung und einen Vor­griff; in der Erin­nerung haftet, was ungeschrieben blieb, der Vor­griff zielt auf die Umschrei­bun­gen, die da kom­men. Dass die Wörter auch weit­er­hin zus­trö­men wer­den – diese Lust und diese Unruhe all derer, die schreiben –, dass sie sich in Geschriebenes zu ver­wan­deln ver­mö­gen, ohne dass das Ungeschriebene deshalb ver­min­dert würde, hebt den Vor­gang des Schreibens in eine Ord­nung der Zeit und damit des Raumes, die nur ganz ent­fernt der­jeni­gen, in der Men­schen sich nor­maler­weise bewe­gen, entspricht. Mit der Sprache ver­flüs­sigt sich auch die Zeit, sie wird eindi­men­sional. Die Gegen­wart der Ver­gan­gen­heit schwindet und mit ihr die der Gegen­wart selbst, beide gleiten in das hinüber, was man nor­maler­weise Antizipa­tion nennt und was nun eine Quasi-​Zeit und einen Quasi-​Raum aus­bildet, aus dem der­jenige unsanft hin­aus­gestoßen wird, dem aus Verse­hen der Stift aus der Hand fällt. In dieser insu­laren Sit­u­a­tion ›ergibt‹ sich das Geschriebene, ein Aus­druck, der sowohl als Jagd– als auch als Rechen­meta­pher seine Richtigkeit besitzt. Wer den Zauber dieser Ver­wand­lung erfahren hat, bleibt ihm ver­haftet, auch wenn die Sit­u­a­tion ver­flacht oder ver­gan­gen ist. Er ver­sucht sie erneut her­beizuz­i­tieren, sobald man ihn mit der Frage nach der Bedeu­tung dessen behel­ligt, was er ein­mal – in welcher Ord­nung der Zeit? – geschrieben hat.

4.

Geis­tesab­we­sen­heit ist das Stigma des Schreiben­den, der einem anwe­senden Pub­likum oder Gegenüber Rede und Antwort ste­hen soll. Wer darin geübt ist, die Welt schreibend zu erschließen, steht außer­halb von Rede und Antwort – auch und vielle­icht ger­ade dann, wenn er sich als gefügig erweist. Seine Rede, schein­bar offen und auskun­fts­bereit, besteht aus einer Abfolge kleiner Insze­nierun­gen, welche sug­gerieren, die erwarteten Auskün­fte stün­den auf eine ver­quere Weise im Raum und es liege allein an seinen Zuhör­ern, sie zu sehen oder auch nicht. Im besten, dem für ihn ent­las­ten­den Fall ver­an­lasst er sie, sich wie angeregte Betra­chter einer unsicht­baren Statue zu ver­hal­ten, deren Sicht­barkeit außer Frage steht: was bloß heißt, dass nichts ger­ade die Lek­türe ersetzt, die dem Ver­fasser ver­wehrt ist.

5.

Gle­ichviel: der Auskunft Gebende ist in seiner Rede eben­sosehr bei der Sache wie bei sich selbst. Sache und Selbst sind im Moment des Schreibens wie des Erin­nerns untrennbar miteinan­der ver­bun­den. Sie sind es nicht im Modus der Selb­st­be­wuss­theit, son­dern der Selb­stver­loren­heit; die Sache scheint an das Selbst, das Selbst an die Sache ver­loren. Bei näherem Hin­se­hen wirkt auch diese Auskunft lau. Die Sache wie das Selbst zeigen sich löchrig, ihre Präsenz ist lück­en­haft und ent­glei­t­end. Deut­lich wird das im entschei­den­den Moment der Nieder­schrift, der das Bei-​der-​Sache– wie das Bei-​sich-​selbst-​Sein unter­bricht, obwohl er doch das Ziel aller Konzen­tra­tion darstellt. In ihm gleitet das Erbrütete hinüber in die mech­a­nisch repro­duzierte Reihe der Wörter und Buch­staben. Kein Schreiben­der, der nicht gern hier und da über den Rand des Her­beigedachten hin­aus­geschrieben hätte. Tat­säch­lich ist dieser Rand von irisieren­der Schärfe: wer seine Aufmerk­samkeit auf ihn richtet, dem schwindet das Erdachte ebenso leicht wie die augen­blick­liche Fähigkeit, Worte zu rei­hen. Das Ungeschriebene zieht sich aus einem Denken zurück, das dem scharf artikulierten Gedanken den Vor­rang vor dem glei­t­en­den Auf­spüren und Ver­w­er­fen von Wen­dun­gen gibt, in dem der Schreibende die Schreib­si­t­u­a­tion per­pe­tu­iert, insofern er ständig neue Rän­der erzeugt und ignori­ert. Es hält sich, so ließe sich for­mulieren, in diesem unmit­tel­bar übergänglichen zweifachen Entwe­ichen der Rän­der, der dynamis­chen Spanne zwis­chen dem noch nicht und nicht mehr ›Geronnenen‹, in der die Nieder­schrift ebenso müh­sam wie spielerisch vorankommt.

6.

Das Ungeschriebene ist nicht dies oder das, nicht diese oder jene Art des Bedeutens, nichts, was sich als Vorgedanke objek­tivieren ließe oder als sym­bol­isierende Instanz anböte. Es ist nicht außer als Dop­pelaspekt eines fortwähren­den Negierens, das nicht als solches, son­dern als Suche nach dem Richti­gen, als per­ma­nente Berich­ti­gung, Ein­gang in das Sit­u­a­tionsver­ständ­nis des Schreiben­den findet: dem richti­gen Gedanken, dem richti­gen Aus­druck eines Gedankens, dem richti­gen Satzfluss und dem richti­gen Wort. Dass es im Ich kann auch anders des Schreiben­den einen unverzicht­baren Förderer findet, der von der Frei­heit des Wil­lens so weit ent­fernt ist, dass das eine möglicher­weise dort beginnt, wo das andere endet, bezeugt seine Hörigkeit gegenüber dem Sub­jekt, die als sub­jek­tive Hörigkeit, soll heißen Gehörhaftigkeit, gegenüber und in jener insu­laren Schreib­si­t­u­a­tion fühlbar wird und als lebens­fordernde Gewalt das Sub­jekt in die Posi­tion eines Opfer­n­den rückt, aus der es sich zwar jed­erzeit lösen kann, doch nicht ohne ein Stück seiner selbst aufzugeben und darüber hin­aus zu leugnen.

7.

Der Hermeneuten-​Antwort auf die Frage, woraus Lit­er­atur entsteht – vari­anten­re­ich, wen­ngle­ich im Kern stets iden­tisch –, liegt die oft und unter­schiedlich geäußerte Überzeu­gung zugrunde, dass die Lit­er­atur aus keinem Ungeschriebe­nen her­vorgeht. Aber damit wird kein Geheim­nis preis­gegeben, eher die Sit­u­a­tion des Schreiben­den, sofern man sie als »primär«, jeden­falls als nicht-​eigen qual­i­fiziert – was nicht ganz stim­men kann, da auch die Ausle­gung­spraxis, wenig­stens in Teilen, eine Schreibe-​Praxis umfasst. Die ›pro­fes­sionelle‹ Dis­tanz der Ausleger zum Schreiben und dem, was geschrieben steht, ver­stellt diesen Aspekt des eige­nen Tuns. Es wirkt daher ganz kon­se­quent, wenn sie ihn auch an den Gegen­stän­den aus­blenden. Der ›geset­zte Buch­stab‹, dieses dem mech­a­nisch her­vorge­brachten Druck­bild abge­se­hene Gaukel­bild, ver­weist stets nur auf seines­gle­ichen. Texte ver­weisen auf Texte, die Ver­weisungszusam­men­hänge kon­sti­tu­ieren den Gegen­stand der Hermeneu­tik, und die Hermeneu­tik ›kon­sti­tu­iert‹ den Text, der nur im weit­eren Sinn dem Buch­staben oder Zeichen, im engeren Sinn der Bedeu­tung der Zeichen, den ›inter­textuellen Bezü­gen‹ geschuldet ist – ein Zirkel, in dem übri­gens die bere­itwillig angenommene Macht der Sprache über das Denken ein­drucksvoll ihren Aus­druck findet.

8.

Im Uni­ver­sum der Texte findet das Ungeschriebene nicht bloß keine Stelle: es findet nicht statt. Allerd­ings – ein zunächst zaghaftes, jedoch bald sich auswach­sendes ›allerd­ings‹ – lässt die hermeneutis­che Praxis, ver­standen als tat­säch­liche Praxis, als geräuschlos-​geschmeidig ausle­gen­der Betrieb, ein Prob­lem offen, das so ein­fach ist, dass viele sich scheuen, es zu benen­nen oder seine Benen­nung auch nur in Erwä­gung zu ziehen. Die Ausle­gung literarisch-​ästhetischer Texte lebt – jeden­falls weit­ge­hend – von dem Geheim­nis, das diese Texte umgibt. Entweder also sind die zum besseren Ver­ständ­nis herange­zo­ge­nen Vorgänger-​Texte so schat­ten– und geheimnis­los, dass das Geheim­nis der ästhetis­chen Pro­duk­tion sich in ihnen von selbst ver­flüchtigt, oder es gleitet in die Vorgängigkeit zurück, aus der ihm Aufk­lärung zuteil wer­den soll. In bei­den Fällen ist es gerecht, von einer optis­chen Täuschung zu sprechen, im ersten Fall durch die per se dun­kle Lit­er­atur, im zweiten Fall durch ihre inter­pre­ta­tive Erhel­lung. Mit anderen Worten: Sub specie des Geheimnisses erzeugt der Auss­chluss des Ungeschriebe­nen eine schale Unendlichkeit, in der die Gle­ichgültigkeit der Ausle­gun­gen die Beliebigkeit der Texte spiegelt. Der Mythos von Sisyphos, darauf kann man sich unter pro­fes­sionellen Deutern rasch eini­gen, ist ein Hermeneuten-​Mythos, sein Inhalt die Sinnsuche als Sinn-​Deutung (auseinan­der geschrieben: der Sinn ergibt sich der Deu­tung, aber er ergibt sich nicht in ihr, son­dern bleibt ihr transzendent).

9.

Fragt man, in Bezug auf was oder woge­gen die Ausle­gun­gen gle­ichgültig bleiben, so ist es wichtig, eine Dif­ferenz zu bedenken. Das Ungeschriebene ist nicht iden­tisch mit dem Gesproch­enen. Der Gedanke, Lit­er­atur könne in dem geläu­fi­gen Sinn, dass jede lit­er­arische Pro­duk­tion auf einer keineswegs unstruk­turi­erten Man­nig­faltigkeit mündlicher Leben­säußerun­gen aufruht und sie reflek­tiert, Mime­sis von Mündlichkeit sein, rührt nicht an das Ungeschriebene, welches dem Schreiben zugrunde liegt, ohne dass es in ihm aufginge. Wenn man mündliche Rede auf­schreibt, bezieht man sich auf sie, das heißt, man trans­formiert sie durch Bewahrung, man trans­fix­iert sie. Das Ungeschriebene hinge­gen bleibt das Ungeschriebene, es ist durch die Rela­tion zum Geschriebe­nen primär bes­timmt. Näher kommt ihm das Wort ›Suche‹, falls damit nicht die Sinnsuche der Inter­pre­ten, son­dern die Such­be­we­gung des Schreiben­den gemeint ist, wie sie der Proustsche Roman­ti­tel fes­thält. Der Aus­druck ›Suche‹ fix­iert den Unter­schied zwis­chen Schreiben und Auf­schreiben – sei es als Dik­tat oder als ›Wieder­spiegelung‹ –, der für das Schreiben kon­sti­tu­tiv ist. Dadurch, dass er alle Aufmerk­samkeit auf das Ziel lenkt, alle­gorisiert und trav­es­tiert er in einem Zug die Grund­be­we­gung des Schreibens. Er alle­gorisiert sie, indem er ihr die Suche nach einem bes­timmten, vorgängig gegebe­nen und inter­pre­ta­tiv zu ermit­tel­nden Ziel unter­legt. Er trav­es­tiert sie, weil die Implan­ta­tion des Ziels in die Schreibbe­we­gung diese dahinge­hend verän­dert, dass sie schon immer am Ziel ist, ohne es eingeste­hen zu dür­fen. Darin besteht die Komödie des Beruf­ss­chrift­stellers, der sich mit der­sel­ben Regelmäßigkeit auf die lit­er­arische Gralssuche beg­ibt, mit der ein Fer­n­fahrer seine Routen abspult, weil es das Konto befiehlt.

10.

Unter den nicht-​hermeneutischen Zugän­gen zur Lit­er­atur steht das Schreiben bekan­ntlich an erster Stelle. Lit­er­atur ruft Lit­er­atur her­vor, die Sit­u­a­tion des Schreiben­den wird durch Schreibende weit­er­ge­tra­gen. In einem stren­gen – und keineswegs angestrengten – Sinn weiß nur der um die Prob­leme des Schreibens, der selbst schreibt. Das schmälert nicht das Ver­di­enst der Philolo­gen und Inter­pre­ten, aber es rückt sie in eine bes­timmte Dis­tanz. Wer schreibt, lässt sich von ihnen die Stich­worte geben, aber er denkt nicht daran, sich ihrer Autorität zu unter­w­er­fen. Auf der anderen Seite wen­det sich die Autorität der Inter­pre­ta­tion immer nur gegen konkur­ri­erende Deu­tun­gen, niemals gegen den zu inter­pretieren­den Text, der die eine, absolute und unverzicht­bare Autorität bleibt, der man sich beugt. Die Autorität der Texte etabliert die Autorität der Deu­tun­gen. Daran ändert sich nichts, wenn Inter­pre­ta­tion­s­texte in die Posi­tion des zu inter­pretieren­den Textes ein­rücken: das Autoritäts­ge­fälle bleibt stets das gle­iche. Allerd­ings – und dies ins Bewusst­sein gehoben zu haben beze­ich­net ein wirk­liches Ver­di­enst der dekon­struk­tivis­tis­chen Schule – ist die Autorität des inter­pretierten Textes eine sup­ponierte: es kostet die Inter­pre­ta­tion nichts, die Mechanik der Bedeu­tun­gen auszustellen und so den Text zu pul­verisieren – dieses Nichts aus Worten bedarf der Inter­pre­ta­tion nicht, um zu wirken, son­dern um zu sein. Die Inter­pre­ta­tion ›bringt her­aus‹, was an dem Text ist, sie stellt es dar, nicht in der Art einer szenis­chen Insze­nierung, son­dern im Sinn der ›Darstel­lung Jesu im Tem­pel‹, der ohne­hin dem Schreiben im christlich grundierten Kon­text eingeprägt ist. Das Geschriebene findet seinen Ort unter den Schrift­gelehrten – nicht seinen wahren, seinen defin­i­tiven Ort, wohl aber den Ort, an dem seine wirk­lichen Pro­por­tio­nen sicht­bar wer­den und die Schei­dung des Pro­fa­nen und des Sakralen greift. Der sakrale Raum der Ausle­gung umschließt die ›rein inten­tion­ierte Gestalt‹, welche die Figur des Autors mit ein­bezieht, der selb­stre­dend nichts begreift, aber staunend das Wun­der der Transsub­stan­ti­a­tion vol­l­zo­gen sieht, das ihm keineswegs so wun­der­bar erscheint, sobald es sich nicht um den eige­nen Text han­delt. Das ist, aus gehöriger Dis­tanz betra­chtet, komisch, aber diese Komik hat es in sich. Die Blendung des Autors in eigener Sache löscht seine Instanz nicht aus, aber sie macht ihn bewe­gung­sun­fähig: der eigene Text ist hier und jetzt nicht der eigene, soll heißen der her­vorge­brachte und weit­er­hin her­vorzubrin­gende, son­dern ein Mit­tel, das ebenso Auskunft über ihn ver­heißt wie über etwas, von dem er nichts weiß, weil es in sein Schreiben in keiner Weise eingeht, es sei denn durch den Gebrauch der Wörter als eines aus vorgängi­gen Fix­ierun­gen stam­menden und in immer neu fix­ierter Gestalt als der sicht– und hör­bare Aspekt des Geschriebe­nen her­vortre­tenden All­ge­meinen. Das All­ge­meine tritt nicht aus dem Ungeschriebe­nen in das Geschriebene über, es tritt als notwendi­ger Aspekt des Schreibens am Geschriebe­nen hervor.

11.

Die Ausle­gung ficht das nicht an, da der ›geset­zte Buch­stab‹ den Bere­ich ihrer Aktiv­itäten beze­ich­net und umreißt; sie bewegt sich ›schon immer‹, um ihre unver­wüstlich­ste Formel zu zitieren, im All­ge­meinen und auf ein All­ge­meines zu, das als gemein­samer Hor­i­zont ihrer Aktiv­itäten die Ver­schmelzung der Einzel-​Sinne in einen syn­thetis­chen Sinnzusam­men­hang ver­heißt. Anders geht es dem Autor, der sich der Wörter bedi­ent, um den Fluss der Gedanken ›lebendig‹, soll heißen, in Gang zu hal­ten, der ihm als ›eigener‹ so wenig bewusst ist, dass die Innigkeit des Her­vor­brin­gens das Selbst als fixe Größe nicht zulässt: nicht weil er sich in ihm den anony­men Bewe­gun­gen oder Gewal­ten seines Inneren (vulgo: Unter­be­wusst­seins) über­lässt, son­dern weil das Spiel der Gedanken den ›Stoff‹ oder das ›Mate­r­ial‹ des Schreibens, die Klänge, Wörter, Sätze weder aus der Posi­tion des sich Aus­sagen­den noch aus der des sich Nachge­hen­den oder Find­en­den gebraucht, sie vielmehr dila­torisch hin– und her­wen­det, um über sie hin­wegzuge­hen. Das Selbst ist dabei nicht mehr als ein Man­tel, eine Schutzvor­rich­tung, die ver­hin­dert, dass das Spiel man­gels Anteil­nahme vorzeitig ver­sandet; Innigkeit und Selbst sind nur um das Min­i­mum der Dif­ferenz von Schreiben und Schreiben­dem unterschieden.

12.

Aber ist Schreiben nicht dies: Selb­stfind­ung im Sinne der Del­phis­chen Formel ›Erkenne dich selbst‹? Und ist der Inter­pret nicht genau dann im Recht, wenn er die Schlinge um das, was da geschrieben steht, zuzieht, um das Selbst des Schreiben­den als eines, das der gle­ichgülti­gen Menge des ›Gemein­ten‹ entsteigt wie Bot­ti­cel­lis Venus dem Meer­schaum, ›in Rela­tion‹ zu set­zen? Wenn die Auf­gabe der Inter­pre­ta­tion im In-​Relation-​Setzen besteht, dem sie durch das Auffinden immer neuer Rela­tio­nen Genüge leis­tet, bedarf sie dann nicht des geheimnisvollen Selbst des Autors, um den Fak­tor ›Beliebigkeit‹ zu kon­trol­lieren? Erst der verortete Sinn macht Sinn, erzeugt jenes wohlige oder schnei­dende Gefühl, ver­standen zu haben; dazu bedarf es der Namen, die als Eigen­na­men die Stig­mata des Konkreten tra­gen, dem dann in Tage­büch­ern und inti­men Berichten ebenso wie in zeit­geschichtlichen Ver­stre­bun­gen nachge­gan­gen wer­den kann.

13.

Das mag so sein, doch die Veror­tung des Sinns ist nichts, was den Schreiben­den – immer im Sinn der Dif­ferenz von Schreiben und Auf­schreiben ver­standen – in irgen­deiner Weise tang­iert. Ganz im Gegen­teil: nichts ver­hin­dert zuver­läs­siger den Fluss der Gedanken, soll heißen, die Bewe­gung des Ungeschriebe­nen, in welcher sich die Sil­ben, die Wörter und Sätze ›bilden‹, wie dies gele­gentlich genannt wird, um den eigen­tüm­lichen Umstand her­vorzuheben, dass sie ein­er­seits ihre genaue Rela­tion erst hic et nunc erhal­ten, ander­er­seits in einer Weise gegenüber der alltäglichen Praxis ihrer Ver­wen­dung ›freigestellt‹ wer­den, dass neben ihrer seman­tis­chen und mimetis­chen Funk­tion an ihnen etwas Drittes ›zum Vorschein‹ kommt oder ›auf­blitzt‹ oder ›sich bemerk­bar macht‹. Ich schlage vor, dieses Dritte sowohl als das Ungeschriebene als auch als das Funk­tion­slose des sprach­lichen Aus­drucks zu begreifen. Beide gehören auf eine ver­schlun­gene Weise zusam­men. Es sei ges­tat­tet, diesen Zusam­men­hang ansatzweise nachzuze­ich­nen und damit das pro­duk­tive Momen­tum in der Schreibe-​Situation des Autors ins Zen­trum der Aufmerk­samkeit zu rücken.

14.

Ein Aus­druck wie ›das Ungeschriebene‹ klingt, als han­dle es sich um eine Abstrak­tion – und zwar, um genau zu sein, um eine Abstrak­tion jen­seits der Gren­zen legit­imer Begriffs­bil­dung, weil das Etwas, das einem Begriff zugrun­deliegen muss, damit er nicht leer oder hohl oder bloß metapho­risch bleibt, in diesem Fall allein durch die Nega­tion her­beiz­itiert wird. Das Geschriebene, das ist die Menge all dessen, was jemals geschrieben wurde. Man kann davon aus­ge­hen, dass es sich dabei um ›etwas‹ han­delt, das niemals in toto zu jeman­des Ken­nt­nis gelangte oder gelan­gen wird. Keiner hat es gese­hen, keiner kön­nte es beschreiben oder hätte ›eine Vorstel­lung‹ davon, nichts­destoweniger han­delt es sich zweifels­frei um etwas Bes­timmtes – darauf kommt es an. Man kön­nte nun das Ungeschriebene als die Menge des noch nicht Geschriebe­nen definieren, doch hätte man sich dann der Gele­gen­heit beraubt, das­jenige, das dem Geschriebe­nen im Schreibprozess voraus­geht und in gewisser Weise in ihm vergeht, ohne als etwas Bes­timmtes ken­ntlich zu wer­den, begrif­flich zu fassen.

15.

Unterzöge der Schreibende sich der Mühe, alle Einge­bun­gen des Schreibprozesses aufzuze­ich­nen, so ließe sich leicht zeigen, dass das Ungeschriebene nichts weiter ist als das Noch-​nicht-​Geschriebene, angere­ichert um seine ver­wor­fe­nen Vari­anten. Es wäre also etwas, das sich zwar quan­ti­ta­tiv, aber nicht qual­i­ta­tiv vom Geschriebe­nen unter­schiede. Aber, so lässt sich dem ent­geg­nen, daran bestand doch von Anfang an nicht der ger­ing­ste Zweifel: besäßen wir diese Aufze­ich­nung, so besäßen wir das Geschriebene, das wir jetzt genauer als das Resul­tat eines Auf­schreibevor­gangs bes­tim­men kön­nten. Jeder aufgeschriebene Satz erledigt darin sozusagen einen Merk­posten, der fer­tige Text ist der voll­ständige. Wer so redet, hat die Dif­ferenz zwis­chen Schreiben und Auf­schreiben, von der diese Über­legun­gen aus­gin­gen, annul­liert; für ihn existiert der schöpferische Vor­gang über­haupt nicht, den man Schreiben nennt.

16.

Man tut gut daran, das Zusam­men­spiel des Geschriebe­nen mit einem Ungeschriebe­nen, das niemals und an keiner Stelle als dieses Bes­timmte, lax for­muliert, in einem Eins-​zu-​eins-​Verhältnis in das Geschriebene eingeht, als den eigentlich schöpferischen Aspekt des Schreibens aufz­u­fassen. Jede weit­ere Bes­tim­mung, die diesen Prozess als einen des Find­ens und Ver­w­er­fens, des Prüfens und Erwäh­lens, von Tabubruch und Zen­sur etc. qual­i­fiziert, ist dieser primären Bes­tim­mung nach­ge­ord­net – was nicht heißen soll, dass sie weniger wichtig wäre. Im Gegen­teil: mit ihrer Hilfe lässt sich über­haupt erst ver­ständlich machen, warum dieser Prozess dort, wo er gelingt, zu etwas führt, das man ›artikulierte schriftliche Rede‹ nen­nen kön­nte, wenn diese Min­i­mal­formel nicht den Ver­dacht der Lächer­lichkeit provozierte. Denn tat­säch­lich erneuert sich in den ›schöpferisch‹ genan­nten Tex­ten das Faszi­nosum der Sprache. Etwas von der Ubiq­ui­tät der Sprache, die sich nor­maler­weise nicht in einzel­nen Sätzen oder Satz­fol­gen, son­dern in der ten­den­ziellen All­bezüglichkeit ihrer het­ero­gen­sten Belege bekun­det, scheint ihnen in beson­derer Weise anzuhaften. Ihre Eigen­schaft, das, was man die Phan­tasie der Leser nennt, in beliebige Rich­tun­gen zu lenken, zu konzen­tri­eren und zu zer­streuen, ist nicht nur nicht an bes­timmte Aus­drucks­fol­gen gebun­den, son­dern setzt sich in und gegen den je spez­i­fis­chen Aus­druck durch, so dass der nicht abzuweisende Ein­druck entsteht, es könne leicht – und zwar mit extremer Leichtigkeit – ein anderer Aus­druck an seine Stelle treten: die Kost­barkeit des notierten Aus­drucks tritt vor dem Hin­ter­grund der gedachten Fülle zutage, der das Notat entstammt oder, besser gesagt, entspringt.

17.

Für dieses Entsprin­gen hat die Lit­er­atur über Jahrhun­derte zwei Meta­phern bere­it­gestellt: die Meta­pher der Jagd – nach der ›Idee‹ bei Gior­dano Bruno, nach dem ›mot juste‹ des Gedichts etwa bei Lorca, nach dem Sprach­bild bei Trakl, Ben­jamin oder Pound –, und die Meta­pher der bild­hauerischen Tätigkeit, der ›Freis­tel­lung‹ der Idee im Mate­r­ial der Sprache durch Reduk­tion, bestens bekannt aus Prousts À la recherche du temps perdu: beide hal­ten das Motiv der über­raschen­den Wen­dung fest, die der schöpferische Prozess bei jedem Schritt und jedem Schlag nehmen kann und wirk­lich nimmt. Für den, der schreibt, ist dies die wahrhaft über­wälti­gende Erfahrung, die das Schreiben für ihn bereithält.

18.

Im Uni­ver­sum der Schrift ist die Zeichen­funk­tion das Gegebene. Schriftze­ichen sind funk­tionale Ein­heiten, deren Mate­ri­al­ität nur so weit in Betra­cht kommt, als sie auch gedeutet wer­den kann. Dass sprach­liche Zeichen funk­tion­s­los sein sollen, klingt verdächtig. Ger­ade das scheint den schöpferischen Schreibprozess auszuze­ich­nen. Die ›Luzid­ität‹ des lit­er­arischen Textes scheint in seiner rel­a­tiven Leere, genauer gesagt: Durch­läs­sigkeit zu beste­hen. Diese Durch­läs­sigkeit ist aber nicht kon­stru­iert, son­dern ver­dankt sich unmit­tel­bar dem Schreibprozess, in dem Wörter, Sätze, Textpar­tikel aller Art auf­tauchen, um niedergeschrieben und durch die Nieder­schrift ver­bun­den zu wer­den. Die Wörter ziehen die Bedeu­tun­gen zu sich heran, ohne sie – und darin liegt die Dif­ferenz – in sich einzu­lassen. »So einen Kerl, sprach der Wirt, habe ich zeit meines Lebens nicht gese­hen.« Dieser Satz – er findet sich in Kleists Anek­dote aus dem let­zten preußis­chen Kriege – ist dop­pelsin­nig, er kann bedeuten: ›So einen Kerl, mit der Aus­nahme des soeben geschilderten, habe ich zeit meines Lebens nicht gese­hen‹, er kann aber ebenso gut bedeuten, was da steht, dann ist die ganze Geschichte – erfun­den. Doch der Dop­pelsinn wird in dieser Schärfe bei der Lek­türe nicht wahrgenom­men, er läuft neben­her, erst die inter­pretierende Ein­stel­lung befördert ihn in die maß– und sin­ngebende Posi­tion. Bei aller hin­ter­sin­ni­gen Funk­tion­al­ität wird der Satz durch das ein­fache Lesen nicht her­aus­ge­fordert. Was in ihm aufleuchtet und kome­ten­haft verlis­cht, ist eine Flam­men­schrift vor schat­ten­haft bewegter Kulisse. Das hat als Meta­pher insofern seine Richtigkeit, als die Schrift im Akt des Schreibens den Hell-​Dunkel-​Kontrast erzeugt, der das Ungeschriebene, als das ungeschrieben gebliebene, in den Raum einer sin­gulären, als Autorschaft ver­stande­nen Erfahrung bannt, während es ohne diesen Ehrgeiz nichts anderes als das Kom­men und Gehen von Gedanken, von Halb– und Viertelgedanken bliebe, aus dem, wie in Poes Mur­ders in the Rue Morgue, irgend­wann eine Anrede her­vorginge. Ohne den Ehrgeiz der Autorschaft gäbe es keine Lit­er­atur; das heißt aber auch, dass der zwin­gende Vor­gang das Auf­schreiben selbst ist, dem gegenüber das Aufgeschriebene – und zwar ger­ade in seinen überzeu­gen­den Exem­plaren – etwas vom Charak­ter des Erhaschten behält: ruhig und in ger­ader Ord­nung aufgereiht, stellt es den Autor vor das ewige Rät­sel, wie ihm ger­ade dies passieren kon­nte. Im ›Passieren‹ steckt die ›Pas­sage‹, das Fährgeld und die Über­fahrt. Die Zeit bringt die Ankunft oder das Scheit­ern, zwei Meta­phern des Angekom­men­seins, die sich insofern unter­schei­den, als die eine daran erin­nert, dass es wie meis­tens im Leben auf den Erfolg ankommt, während die andere auf dem prozes­sualen Gle­ich­mut des Geschehens beharrt, das seine Exponate kassiert.

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