1.

Die Geschichte des Dichters Tubutsch, dem der Anblick zweier im Tin­ten­fass ertrunk­ener Fliegen die Pro­fes­sion ver­lei­det, hat den Gang der Welt weder aufge­hal­ten noch beschle­u­nigt, sie hat nicht verän­dernd in ihn einge­grif­fen und auch nicht zur Verän­derung aufgerufen. Sie ist jedoch, ebenso wie die ihres Ver­fassers, in den Welt­lauf einge­gan­gen, und die Frage, ob das und was daran wichtig sei, mag zwar gram­ma­tisch kor­rekt sein, aber sie stellt dem Fra­gen­den kein gutes Zeug­nis aus. Man kön­nte sie leicht ›sinn­los‹ nen­nen, wäre man nicht durch die leicht­fer­tige und kor­rupte Ver­wen­dung der Vok­a­bel gewitzt und abge­brüht in einem, so dass man gern darauf verzichtet. Wo Dich­tung ist, muss Welt wer­den — diese Losung der expres­sion­is­tis­chen und auf sie fol­gen­den Jahrzehnte hat zu viele Gehirne getrübt und zu viele Schick­sale besiegelt, als dass man ihrer noch in Ehrfurcht gedächte. ›Tubutsch‹ ist die Figur des unwichti­gen Dichters, so wie sein ungle­icher Bruder im Geiste, ›Ubu Roi‹, die Figur des unwichti­gen Herrsch­ers. Beide sind – ›sei­ther‹, wie man sagt – ›in der Welt‹ und auf keine Weise aus ihr zu ent­fer­nen. Das haben ihre Ver­fasser auf sehr unter­schiedliche Weise erfahren.

›Sei­ther‹ ist eine merk­würdige Vok­a­bel, eine Tubutsch-​Vokabel, die daran erin­nert, dass es keineswegs nötig ist, einen ›Umstand‹ immer aufs Neue zu erwäh­nen. »Ich jedoch muss, wenn es mir zu fad wird, ›Ich‹ zu sein, notge­drun­gen ein anderer wer­den.« Das Leben des Herrn Tubutsch besteht aus einer Folge von Glücksmo­menten, denen das ›Glück‹ abhan­den gekom­men ist. Der mimetis­che Drang, der in Lebensläufen wirk­sam wird, hat in den mimetis­chen Exerz­i­tien, in denen Tubutsch ›ein anderer‹ ist, frei. »Gewöhn­lich bin ich Mar­ius und sitz auf den Ruinen von Karthago; manch­mal aber bin ich der Fürst Ech­sen­klumm, unter­halte Beziehun­gen zu einer Opern­sän­gerin…« Der andere dieser Spiele ist angekom­men, er ist auch einer, ger­ade dadurch erregt er den Ehrgeiz des Stiefelknechts, der auch einer sein will. Das sind durch­sichtige Spiele, sie laden ein, auf den Grund zu sehen, den Wun­sch, sich zu unter­schei­den. Tubutsch sieht hier klar: Es ist der Wun­sch, der die Unter­schiede ver­nichtet, er ist der große Gle­ich­macher, das sich selbst mit­nehmende Begehren, das im Begehren der anderen nur den Wider­stand erkennt, den die Wirk­lichkeit der Erfül­lung des eige­nen Wun­sches ent­ge­gensetzt. »So träumt ich vom Ruhm. Er wurde mir nicht zugestellt. Und was blieb, waren Sarkas­men gegen die Glücklicheren.«

Die Welt ist dicht, sie wartet nicht auf den Ein­satz dessen, der sich ›zu Wort meldet‹. Glück­licher ist, wer sich im Neid spiegelt. Darin liegt eine per­spek­tivis­che Ver­tauschung. Der Neid erschafft den Glück­licheren, der immer ein anderer ist, weil er auch ist, weil er ist. Das darf nicht sein, und daher kehrt sich die Denk­figur um. Er ist auch keiner, er ist nicht, darin liegt das Erken­nen. Der Gen­eral vor den Aus­la­gen in Mari­ahilf, die Dohle mit den gebroch­enen Flügeln vor dem Blu­mengeschäft in der Wei­h­burggasse, der Wirt Dominik, der »an seinem Ehrentag sich ent­fernt, um bei einem andern Wirt, also sozusagen bei sich, zu zechen«, die zwei Fliegen Pol­lak sind Bilder des immer­gle­ichen Danach, dessen Davor das Leben auf etwas hin wäre, der Kar­ri­erep­fad für Erster­steiger, denen der kle­in­ste Berg genügt, die kle­in­ste Erhe­bung: »Beschränkt sind die Möglichkeiten, immer aber die großen Worte. Eine Diskrepanz für viele.«

Das Ich wird das Es nicht los, die Welt nicht die Dichter. Die großen Worte sind Sache der Dichter, der mit Ruhm­sucht Geschla­ge­nen. Sie sind aber nicht ihre Sache, sie schla­gen bei ihnen nur an. Die Diskrepanz macht den Unter­schied, von Anfang an. Kein Ruhm ohne Rüh­mer, kein Rüh­mer, der sich nicht seinen Anteil am Ruhm holen wollte. ›Homer‹ wurde die Summe derer, die er Helden nennt. Manche gehen den Weg der Erpres­sung, die meis­ten in die Irre. Der ›Irrsinn‹, an dem sich die Expres­sion­is­ten abar­beiten, hat hier eine nicht unverächtliche Wurzel. Die Ver­ach­tung der ›Tage­spromi­nenz‹ ver­dankt sich dem Neid auf die Jour­nal­is­ten, die Pin­dar nicht ken­nen, aber schneller sind. Es ist aber kein ein­facher Neid, in ihm brodeln der Zorn auf die Leichtigkeit des Ander­s­seins bei den anderen und die Verzwei­flung über die Fad­heit des ›Ich‹, dem es am Wesentlichen man­gelt: an Beach­tung. »Wenn ich mor­gen den mir unbekan­nten Wein­pan­scher und Mimen zur Rechen­schaft ziehen werde für längst vergessene Sachen, so tu ich das aus so was wie Sol­i­dar­ität, kurz, es han­delt sich hier um rein prinzip­ielle Dinge…« Die ›längst vergesse­nen Sachen‹ sind Momente der Nicht­beach­tung, die als Akte der Nich­tach­tung in den seel­is­chen Haushalt dessen einge­hen, der seinem Bei-​sich-​selbst-​Sein den öffentlichen Zus­pruch erzwin­gen möchte. Da darf die Selbstmord-​Drohung nicht fehlen. Sie muss komisch sein, da sie die Unab­hängigkeit des Gemüts zeigen muss, sie muss gefährlich klin­gen, weil ihre Unge­heuer­lichkeit sonst nicht sicht­bar würde, und sie muss lächer­lich wirken, weil sie auf eine Hand­lungsebene ver­weist, die eo ipso lächer­lich ist. »Ich glaub, ich werd es nicht ertra­gen, wenn mich auch noch der Tod mit einer Ent­täuschung abspeist.«

2.

Eines ist der Ruhm, ein anderes der Lebenslauf. Die gle­iche Instanz, die den ersteren ver­weigert, dik­tiert den let­zteren. Der feste Vor­satz, dem Unen­trinnbaren zu entrin­nen, reicht bis zum Tin­ten­fass. Eine Schreibfeder ist keine Mord­waffe, aber sie bedeutet den Tod. So enthält die kurze Schrift Tubutsch den Schrift­steller Ehren­stein, sie ver­folgt ihn bis in den Tod und darüber hin­aus in die Nachrufe und Erin­nerun­gen derer, die ihn ›gekannt‹ haben. Blieb er nicht der Fremde par excel­lence? War nicht das Schweigen das Asyl dieser Fremd­heit seit jeher? Das sind Gedanken über Tubutsch: Gut, dass es ihn gibt. Wer weiß, ob ihn ein anderer so schön erfun­den hätte wie dieser junge Mann aus der Wiener Vorstadt, der bere­its in Berlin lebt, als sein alter ego im Dezem­ber 1911 ›erscheint‹. Knapp drei Jahre später beginnt der Weltkrieg.

1933 bren­nen Ehren­steins Bücher. Der Schrift­steller befasst sich mit dem Juden­prob­lem. 1934 trifft man sich zum 1. Union­skongress der Sow­jetschrift­steller in Moskau. Ehren­stein bereist Rus­s­land. Der Schweiz ist das Schreiben ohne Arbeit­ser­laub­nis sus­pekt, Ehren­stein erhält eine Polizeis­trafe. Europa ist Bar­baropa. Die Welt­stadt Zürich weist ihn aus. Ehren­stein ent­deckt das Mut­ter­recht. Der Dichter erhält ein Notvi­sum der Vere­inigten Staaten von Amerika, sein Bruder stirbt im KZ. Die Not bleibt, das Asyl auch. Die Grabrede hält Kurt Pinthus. Der Schrift­steller ohne Arbeit­ser­laub­nis, der Dichter in New York, der nicht mehr dichtet, der wort­süchtige Men­sch, der in Ein­samkeit endet, sie sind schockar­tige Real­isierun­gen des Tubutsch–The­mas durch eine Instanz, die man nicht mit dem Lit­er­aten ver­wech­seln sollte, den es dazwis­chen gibt und dem sin­niger­weise der Erfolg dieser Schrift den Weg ebnet. Wohin?

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