Wahlgesichter@rs

Wer ein Empfinden für die Flucht der Dinge besitzt und deshalb nah am »Verweile doch« baut, dem verpasst die Gesellschaft gern das Etikett des Konservativen. Dabei wäre es angemessener, ein solches Weltverhältnis ›barock‹ zu nennen. Barock ist der Impuls, allem, was einem ›da draußen‹ entgegentritt, den Stempel des Vergehens, der Vergängnis aufzudrücken, das unausweichliche Memento mori eingeschlossen.

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Es war schon ein seltsamer Moment, der mitansehen ließ, wie eine Gesellschaft, die als politischen Grundaffekt nur die Ungeduld mit dem Bestehenden gutheißt, gleichsam auf Zuruf im äußeren und inneren Lockdown erstarrte – angesichts der Möglichkeit einer Ansteckung, die möglicherweise zu ernsten Symptomen und der, statistisch gesprochen, sehr entfernten Möglichkeit führte, an einem, wie es hieß, weitgehend unerforschten Erreger zu sterben: also auf ein Signal hin, das den barocken Menschen ein Leben lang umgibt.

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Beiläufig gefragt: Wer anderen einen Bären aufbindet – oder ein Dutzend, weil’s gerade billiger kommt –, wem genau erweist der einen Bärendienst? Sich oder seinen Mitstreitern (Frage unter Ge-Bären-den)? Das ist eine Katechismusfrage, interessant deshalb, weil im Fall Baerbock die Selbstschädigung der Sünderin nun einmal die Augen der Mehrheit auf sich zieht. Sicherlich steht die Häme an erster Stelle, aber der Vorgang zeigt, dass der Schaden, den andere, die Partei und letztlich das Land, dadurch erleiden und der doch an erster Stelle zu stehen hätte, nur die Lust an der Hinrichtung steigert. Je mehr Geschädigte, desto größer die Häme – mit jedem zusätzlichen Schaden wächst der Lustgewinn. Der Zynismus der Gesellschaft übersteigt jede persönliche Schlechtigkeit.

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»… bloß deshalb, weil sie eine Frau ist.« Der grundlegende Irrtum besteht in dem Glauben, Feminismus sei Frauensache. Er ist der Irrglaube der Epoche. Von niemandem Gewählte behandeln ›die Frauen‹ als feministische Verschlusssache. Aktivistinnen haben sich ihr Geschlecht unter den Nagel gerissen und geben es nicht mehr her.

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In der offenen Schamgesellschaft wird schamlos totgeschwiegen, was doch in aller Munde ist. Feuchte Frage: Was treibt es da?

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Seilschaften, die zur Macht drängen, wirken im Verborgenen, getarnt unter ›Anliegen‹. Wer »Verschwörungstheorie« ruft, der sorgt sich um die Tarnung. Dabei sind die meisten sogenannten Verschwörungstheorien nichts weiter als Namedropping: Wir wissen, wer dahintersteckt. Ihr dürft rauskommen. So weit ist es in der Regel noch nicht.

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Feminismus II: die Lösung, die zum Problem wurde. Diversität: das Problem, das zum Problemlöser erkoren wurde, ohne es in den Blick zu nehmen.

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Klärender Vorschlag: Feminismus II ist Syndikalismus unter dem Geschlechterbanner. Der Kampf der Geschlechter soll und darf niemals enden. Warum? Weil sonst alles (oder doch das meiste) so wäre, wie es ist. Das darf nicht sein. Selten war Anarchie der Macht so nahe (und so erpicht auf Verbote).

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Öffentliche Macht stammt aus sekundärer Identifikation. Aktivisten repräsentieren die Gruppe nicht, für die sie sich ins Zeug legen. Sie bilden nicht ab, sondern beuten aus. Die Motive des ›Idealismus‹, der sich erbittert für andere ins Zeug legt, sind schon oft untersucht worden: Altruismus im ethischen Wortsinn fand sich darin verzweifelt wenig. Sie stiften false identities, jene allzu klug positionierten Aktivisten, sie erzeugen den Problemdruck, der sie in Machtpositionen aller Art schwemmt, sofern blinder Fanatismus sie nicht ins Abseits befördert.

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Der verdächtige Eifer gewählter Politiker, sobald sie einen Glaubensartikel gefunden haben, mit dem sich der Souverän überfahren lässt: Dabei sollen sie weder glauben noch glauben machen, sondern respektieren. Wer keinen Respekt vor dem Volk hat, der überschreitet die Grenzen seines Mandats, er wird Tyrann oder Fußabtreter. Das zu wissen gehört zum Einmaleins der Demokratie.

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Der Lockdown – psychologisch gesprochen, die auf die Mitmenschen übergewälzte, noch in der Erstarrung geleugnete Todesfurcht – hat den Propagandisten des Bösen Auftrieb gegeben, reizenden Zeitgenossen, die im Nebenmenschen gern den vordem als Ketzer, Parasit, Volks- oder Klassenfeind identifizierten Gefährder entdecken, dessen Ausschluss aus dem gesunden Volkskörper beschlossene Sache ist: nach dem Inklusions- ein Exklusionsrausch ohnegleichen. Der Kollaps infantiler Zukunftsgewissheit hat eine zweite Zukunft aus Reinigungs- und Nötigungsphantasien in Köpfen freigesetzt, denen man bisher nicht zugetraut hätte, ihre Gedanken könnten über die nächste Diätenerhöhung hinausreichen. Diese Köpfe machen jetzt Politik, das heißt, sie ordnen sich überwiegend widerstandslos einer Verordnungsmaschine unter, von der man, ohne paradox zu werden, behaupten kann, dass sie unter Projektionen leidet, darunter nicht wenigen, die von ihr selbst in Auftrag gegeben wurden.

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Zur Demokratie von oben, der huldreich zelebrierten Verabreichungs-Governance, fällt redlichen Demokraten nichts mehr ein. Gerade das scheint gewollt zu sein.

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Der Herbst der Matriarchin: gutes Drehbuch für politische Abgänge, die sich allzu lange hinziehen. Ist die Küche vermodert, halten die Schaben das Land im Griff.

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»Was sagen Sie da gerade? WIR hätten versagt? WIR seien schuld an diesen monströsen Irrläufen? Wir trügen dafür die Verantwortung? Halten Sie inne! WIR? Ich bitte Sie. Wenn es gilt, Verantwortung zu übernehmen, kommt das WIR und sagt: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Da liegt schon der Fehler (oder das moralische Versagen). Das WIR kennt keine Verantwortung, es delegiert sie bloß. Darin liegt seine Aufgabe.«

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»Ich nehme mir das Recht, mich auszunehmen. Ich reklamiere dieses Recht für jeden, der sich gegen die Macht der Desinformation gewehrt hat und weiterhin wehrt. Es sind ihrer viele und jeder trägt einen Namen: eine wie die andere, einer wie der andere. Man findet sie unter den Gesperrten, den Fortgeschwiegenen, Gedemütigten, Denunzierten und Schikanierten. Man findet sie unter Medizinern, Juristen, Pädagogen, Eltern, Politikern (selbst da!), Publizisten (ich meide das Wort Gegenöffentlichkeit, es gibt nur eine Öffentlichkeit und wer sie ignoriert, ist ein Ignorant). Sie bringen für sich und stellvertretend den Mut auf, den andere unter dem WIR zertrampeln. In Zeiten wie diesen heißt Zunge zeigen: Namen nennen.«

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Bisweilen wird Forschung so grotesk, dass sie sich selbst in den Rücken fällt. Dann kommt sie in den Spiegel und von dort in die sozialen Medien, aus denen es, wie bekannt, kein Entrinnen gibt.

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Ideale Projektionsfläche von links bis rechts: rechtschaffener Konservativer, Größe 1,50 bis 1,95 m, der keine Ahnung davon besitzt, was konserviert werden sollte. Einbalsamieren wäre die Lösung, aber dafür ist er in der Regel zu jung.

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»Kopernikus nach 500 Jahren rehabilitiert.« (theology.de) Der Surrealismus der Katholischen Kirche ist der feinste (weil er so wahr ist).

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Die Politik kennt nur etwas, worauf sie sich einigen kann: das ihr Unerklärliche. Die Delta-Variante ist das Nonplusultra einer Politikergeneration, die auszog, das Fürchten zu lehren – ein snapshot unter Computerfreaks, mehr nicht. Die Nonplusultren der Politik unterstehen den Gesetzen der biologischen Selektion. Verstehe das, wer will.

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»Diese Gesellschaft ist krank!« – Na und? Wenn nicht die Kranken regieren, dann die Genesenen, wenn nicht die Genesenen, dann die Geimpften, wenn nicht die Geimpften, dann die Zwei- bis Dreimalgeborenen, die Davongekommenen, die anonymen Alkoholiker und die heimlich Debilen und wenn nicht die – Sie da, junge Frau, kommen Sie mal her, hoch das Kinn, na wird schon werden. In Wirklichkeit, liebe Analytiker-Gemeinde, regiert das Wird-schon-Werden, eine unnötige, überall mitmischende Instanz, bereit, im Knopfloch die letzte Träne erglänzen zu lassen und aus den Mitmenschen das Letzte an Zustimmung herauszupressen. Übrigens nicht nur Zustimmung: Was sich herausquetschen lässt, das wird herausgequetscht. So lautet der erste Lehrsatz der Soziodynamik, dazu kommen ein paar andere, die in ähnliche Richtungen weisen.

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11. Gebot oder 1/1-Regel: Kritisiere deinen Nächsten. Es ist so langweilig, aus dem verkehrten Leben auszusteigen, ohne dass einem die Massen folgen. Denn das will man doch: die Folgsamkeit der Massen. Einfache Regeln wie ›Kümmere dich um deine Kinder!‹, ›Sprich mit deinem Nächsten!‹, ›Erkenne den Suchtcharakter deines Tuns und wirke ihm entgegen!‹ sind dann Anti-Regeln: So einfach geht's nicht. Doch: So einfach geht es (und nur so).

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Zeitmauer nannte Ernst Jünger einst die Wand, zu der heutige Politik mit dem Rücken steht. Soll heißen, die kosmische Zeit, in der bis in den Wechsel der Klimate hinein die Lebensbedingungen auf dem Planeten entstehen und vergehen, den die Menschen den ihren nennen, saugt die genuine Homo-sapiens-Zeit auf – jene Zeitvolumina, in denen die Fortschritte des ›Menschengeschlechts‹ das Maß und den Takt angeben, nach denen Religionen und Reiche entstehen und zerfallen, und es steht zu befürchten, dass just in diesem Naturalisierungsprozess ›der Mensch‹ sich definitiv übernimmt. Der Kosmos ist nicht zu retten, die Naturideologie, die den Menschen in den Dienst an der Erde stellt, überdreht.

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»Sehen Sie«, schrie der Wahnsinnige in der Straßenbahn, »Die Turing-Maschine wurde rechtzeitig erfunden, um die Nazis zu besiegen, der Computer, um die Menschheit vor dem Klimawandel zu bewahren. So einfach geht Technik.« »Zweifellos«, entgegnete ich ihm. »Die Atombombe wurde erfunden, um die Menschheit mores…« »Ich weiß, was Sie sagen wollen«, unterbrach er mich, »Sie glauben nicht an die Vorsehung. Wissen Sie was? Ich auch nicht. Gäbe es keine Computer, wüssten wir nicht, dass die Erde gerade jetzt heiß läuft. Stellen Sie sich vor, man hätte hundert Jahre länger gebraucht. Hundert Jahre zu spät! Ich persönlich glaube an den Computer. Ob Sie es nun glauben oder nicht: Seither zählt für mich jeder Tag.«

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Nachhaltigkeit, was immer gelernte Terrarier erzählen, ist kein Wert an sich. Nachhaltig kann auch Zerstörung sein. Der nachhaltigste Erfolg ist allzu oft der, der kein Gras mehr wachsen lässt. Wer Ressourcenschonung meint, der soll es auch sagen und kein Abrakadabra verbreiten. Die Planer der Prozesse brauchen ein Wort, um sich und anderen zu verdecken, dass ressourcenneutrales Wirtschaften ein feuchter Traum ist. Nachhaltig sind in der Regel der Misserfolg, die Not und der Mangel – das alles lässt sich, bei etwas gutem Willen, leicht herstellen. Erfolg hingegen … jeder Erfolg sieht anders aus und existiert nur aus verdammt wenigen Perspektiven, dennoch ist er das, was nachgeahmt wird. Das Nachhaltigste am Erfolg ist die Täuschung der Nachahmer, die am Ende zu nichts zerrinnt.

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Wer Kulturen den Krieg erklärt, erhält den Krieg der Kulturen. Die Idee, psychisch auffällige Kriminelle zu therapieren, ist ebenso alt wie ihr Erfolg mäßig. Die Idee, Kriminalität, deren Wurzel in kultureller Alterität liegt, wegzutherapieren, leuchtet ebenso ein wie der Versuch, aus Äpfeln durch Wegbeißen Birnen zu gewinnen: an einem bestimmten Punkt der Bemühung sieht (fast) alles so aus, wie man es sich vorstellt.

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Afghanistan: die verschleppte Niederlage. Weltmacht ist, wer seine Niederlagen beliebig fortschleppen kann, Aftermacht, wer sich hinterherschleppt.

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Eine Parole unentwegt zu wiederholen ist der sicherste Weg, sie ihres Sinns zu berauben. Da die meisten Erfolgsformeln unausgesprochene Dummheiten transportieren, mehrt es den allgemeinen Nutzen, wenn die Leute sie nicht mehr hören können. Leider wirken sie erst dann in die Tiefe.

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Die westliche Welt ist mächtig genug, sich selbst zu destabilisieren, bloß zu dem Zweck, sich ›neu zu erfinden‹, wie es dann vielversprechend heißt. Dieser Tick provoziert die Bemühungen ihrer Feinde, den Destabilisierungsprozess zu beschleunigen. Durch sie findet der Westen regelmäßig zur Stabilität zurück.

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Die innere Kolonisation der westlichen Sphäre durch die Mächtigen nennt sich heute, im Zeichen der One-world-Ideologie, Dekolonisation. Gespielt wird das alte Spiel, bloß die Vorzeichen und Akteure wechseln ›nach Gusto‹.

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Wer jetzt ›der Westen‹ sagt, beschwört das Böse (in beiderlei Gestalt). Dabei wäre die spannendere Frage, wie man ein Gerede, dessen Sinn darin besteht, die Urteilslosen (und sich selbst) zu blenden, wieder los wird.

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Wer sich anheischig macht, eine Wissenschaft vom Bösen zu präsentieren, der sollte von allen Seiten studiert werden. Man taxiert Menschen nicht als Infektionsherde, ohne seelischen Schaden zu nehmen.

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Kunst wird von keinem Wir geschaffen, sondern von Einzelnen. WIR können uns nicht entschließen, große Künstler zu sein. Es steht nicht in unserem Belieben.

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Die ideologischen Hitzewellen machen an Landesgrenzen nicht halt. Sie werden, wenn überhaupt, durch Prozeduren heruntergekühlt.

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Maskerados: Menschen, denen es zum Lebensbedürfnis geworden ist, die Maske vorzunehmen (in beiderlei Gestalt).

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Noch einmal (zur inneren Mitschrift): Wer den offenkundigen Betrug nicht sehen will, ist moralisch defekt, wer ihn verteidigt, entweder ein Mitbetrüger oder ein moralischer Kretin.

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Beispiele? Warum soll ich Beispiele geben, wenn das Geschrei, das sich dann erhebt, mit Sicherheit zudeckt, was ich aufdecken möchte?

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Es ist der Traum aller Weltretter, das Böse in Menschengestalt zu neutralisieren, wenn nicht zu eliminieren. Egal, woher sie es nehmen, ihre erste Tat ist die Herstellung von symmetrischer Motivation, sprich Zwillingskonkurrenz. Jeder Dissens ließe sich reparieren, jedes Unrecht sühnen, doch hier gilt: Du oder ich. Gesellschaft, die ihren Namen verdient, beruht auf der stillen Vereinbarung, diesen Knüppel im Sack zu lassen. Wer ihn dennoch herausholt, der ist im strengen Sinn nicht gesellschaftsfähig. Die Frage »Was macht man mit ihm?« ist die schwerste, sie ähnelt dem Rätsel der Sphinx.

 

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