Wahlgesichter@rs

Nato-Impressionen

(1) Man müsste sie aufnehmen können, die vollgestopften Hamsterbacken der Netzbewohner. Einmal die Maschine zum Stillstand bringen, und sei es nur für den Moment, das wäre schon etwas, wenngleich nicht viel. Lesen = nachstopfen: Das ließ sich einst über Suchtleser äußern, doch heute beleidigt man damit Milliarden Mitmenschen, die nichts anderes im Sinn haben, als auf dem Laufenden zu bleiben.

(2) Auf dem Laufenden… Auch dieser Ausdruck veraltet. Die kaleidoskopische, sich fortwährend neu zusammenstückende Fläche, die das von kommerziellen Großmächten vorgefilterte und optisch aufbereitete Internet seinen Benutzern darbietet, erzeugt nicht nur in Momenten der Ratlosigkeit (oder der Panik) den Eindruck eines undurchschau- und unbeherrschbaren Chaos. Damit ähnelt es konventionellen Beschreibungen des Schlachtfeldes. Und wirklich geht, wer ›ins Netz geht‹, an die Front: Er liefert sich einem Getümmel aus, das ihn jeden Augenblick Kopf und Kragen kosten, ihm aber niemals die Empfindung vermitteln kann, das Seine getan oder gar erworben zu haben. Das Seine? Was soll das sein?

(3) Das ›mächtigste Militärbündnis der Welt‹ erweist sich im ersten Konflikt nach dem Kalten Krieg, der seine Präsenz fordert, als gerade stark genug, um die Interessen der eigenen Völker zu schädigen und die Leute in Angst und Schrecken zu versetzen. ›Die Russen in Warschau und Berlin!‹ Frieren, um die Gewinne der Gazprom zu steigern. Das nennt man wohl eine Macht-Demonstration vom Feinsten.

(4) Der Soldat Kujat sagt, die Russen holen sich den Donbass. Der Zivilist V… erklärt: Wir dürfen ihnen keine Atempause gönnen, sonst holen sie mehr. Frage: Wer verrät mehr? (Oder gleich: Wer ist der Verräter?) Apropos: Wenn Putin, angeregt durch die Gedankengänge solcher Herrschaften, sich wirklich anschicken sollte, ›die Welt von Wladiwostok bis Lissabon‹ unter die russische Knute zu zwingen, dann werden sich die Angstbeißer dieser Welt nach ihrer Mitschuld fragen dürfen.

(5) Der blinde Eifer hat schon manchen reingeritten, ehe er sich dessen versah. In den Gehirnen der Kriegseiferer um (fast) jeden Preis ist das russische Weltreich doch quasi bereits vollendet. Die Angst vor den Kosakenstiefeln auf den Straßen von Paris hat schon Napoleon nach Moskau getrieben. Die Realität ist eine hungrige Bestie, sie geht dem Angstgeruch nach.

(6) Die deutsche Außenministerin steht zu Sanktionen, die nichts nützen, aber sicht- und spürbar dem Volk Schaden zufügen, das sie gewählt hat und dessen Interessen sie vertritt, no matter what the German electorate thinks: Selten hat sich der Widerspruch an der Spitze der Republik so unverhohlen geäußert. Cui bono? Das ist nicht schwer zu beantworten. Irgendwo in alledem steckt eine Falle.

(7) In den Medien siegt die Ukraine, in den Bilanzen der Militärs die Russen. Da wäre es doch bequemer, man überließe das Land den Russen und baute die Ukraine als Medienimperium wieder auf, größer, wohlhabender und westlicher, als sie es in der Realität jemals sein könnte. Die Sache hat nur einen Haken: Die Russen produzieren ihre Panzer und Flugzeuge selbst. No market no fun: Die Lektion dieses Krieges ist die älteste überhaupt. Sie hat den Sozialismus besiegt und jetzt besiegt sich der Westen des Alten Kontinents selbst.

(8) Was der Ukrainekrieg wie jeder seiner Vorgänger aufs Neue unter Beweis stellt: Junge Männer (und neuerdings junge Frauen) verwandeln sich umgehend in Schlachtvieh, sobald Geopolitiker den Daumen senken, und in den Medien rührt sich kein Hauch von Protest gegen diese Abart der Menschenverachtung, während man der Bürgerempörung im eigenen Land auf die Finger sieht, als rührten sich in ihr die archaischen Impulse von Brunnenvergiftern und alle kämen um, wehrte man nicht den Anfängen. Chaplin, mit Hitlerbärtchen bewaffnet, die Erdkugel kreisen lassend, ist das vollgültige Symbol aller Politik, die von Gewalt gerade dann nicht lassen kann, wenn es um die Durchsetzung von Interessen geht, die mit den Interessen der ›breiten Massen‹ kollidieren.

(8) In diesem Krieg, soviel ist von Tag zu Tag mehr abzusehen, werden die Nebenwirkungen zu Hauptwirkungen: Man gewinnt nicht das Herzland Eurasiens, indem man Europa mit chronischer Myokarditis beglückt. Wenn nüchterne Beobachter argwöhnen, gerade darauf hätten es die fernen Player abgesehen, dann hat das alle Lehrbücher der Realpolitik auf seiner Seite. In der Politik herrschen Spruch und Widerspruch, beweisen lässt sich am Ende: nicht viel. Europa lässt sich durch keine Null-Russland-Kampagne kurieren, solange noch ein Tropfen Herzblut in ihm zirkuliert.

(10) Seltsame Wochen: die einen sorgen sich vor, die anderen um den Aggressor. Europas Atmosphäre gleicht der einer Krankenstube: Die beiden Patienten, sie leiden nicht nur für sich, sondern an einer ansteckenden Krankheit, vor der sich alle fürchten. Der große Streit darum, ob und aus welchem Labor sie stammt und wer ansteckender ist, der Angreifer oder der Angegriffene, füllt die Seiten der Medien mit einer Wut, deren Ursprung vermutlich an anderer Stelle zu suchen ist. Sechzehn Nationen suchen einen Autor – einen, der ihnen die bittere Medizin Identität verschreibt, ohne die jede Prävention verlorene Liebesmüh’ ist. Warum sechzehn? Weil diesmal auch die Skandinavier gefragt sind. Schließlich geht es um Geostrategie.

(11) In Europa wissen nur die östlichen Neumitglieder, warum sie in der Nato sind. Die anderen sind es aus Bequemlichkeit und neuerdings aus Angst. Niemand weiß, welche Angst größer ist: die vor den Neumitgliedern oder vor dem sich mühsam aus dem Wirtschaftsmiteinander herauswühlenden Feind. Das Ganze erinnert an die bekannte Carl Schmitt-Sentenz: »Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt.« Die eigene Frage … da knirschen bereits die ersten mit den Zähnen, weil sie die Frage nach dem Eigenen nicht zulassen wollen, wohl aber den Feind brauchen, um von den eigenen Zuständen abzulenken. Eine der Einsichten des verlorenen Krieges lautete: Mut vor dem Feind ist allzu oft Feigheit vor den eigenen Leuten. Das sollte plötzlich keine Gültigkeit mehr besitzen? Warum? Weil die eigenen Leute es so wollen?

(12) Plötzlich ist jede geistige Tätigkeit auf die Alternative Front oder Glasperlenspiel geschrumpft, wobei, wie gehabt, das Glasperlenspiel als Buhmann der öffentlichen Meinung herhalten muss, ohne zur Kenntnis genommen zu werden. Der uniformierte Intellekt tut seine Pflicht und wie immer ist gespannte Langeweile, die mit Dreckarbeiten überbrückt werden muss, das tägliche Los des Kriegers. Wer sich davonmacht, weil hier für ihn nichts zu holen ist, gilt als Deserteur und läuft Gefahr, mit just dem Schmutz beworfen zu werden, der ihn nun wirklich nichts angeht.

(13) Schreiben: mit vielen geteilte Einsamkeit.

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9