›Das System zur Kenntlichkeit bringen‹ lautete eine Parole aus umweltbewegten Zeiten. Heute, da die Bewegung gesiegt hat, gelingt es ihr spielend, das alte Versprechen einzulösen. Es ist ihr eigenes System, das da sichtbar wird, und es ist ganz das alte – Gesinnungszirkus, eine autoritäre Agenda, Vetternwirtschaft, versteckte Geldgeber, unmoralische Gewinne und Halbwahrheiten zum Abwinken.

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Die Firma Gutlack & Söhne hat Konkurs angemeldet. Soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Es waren nicht die Lackideen, die ihr ausgingen.

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Die Dürre durch die Nässe retten: So ließe sich die Tendenz eines Artikels in der NZZ verdeutlichen, der zum verregneten Frühling sein ceterum censeo beisteuert: Im übrigen sind wir der Meinung, dass der Niederschlag nicht reicht. Einer neunmalklugen Journaille reicht die Natur nicht mehr, wie sie ist, man sieht, sie hat eine zweite im Kofferraum und pocht darauf, sie endlich herauszuholen.

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Die Gesellschaft … was ist die Gesellschaft? Wenn meine Freunde eingeschüchtert werden, dann weiß ich, was zu tun sei: Weitergehen, als sei nichts geschehen. Wer weitergeht, zeigt bekanntlich, dass nichts und niemand ihn einschüchtern kann. Er ist der Mensch im Regen, der fragt: »What’s the matter?« Nun, niemand wird nach seiner Lungenentzündung fragen, wenn die Zeit gekommen ist. Ihre Ursachen verlieren sich in grauer Vorzeit. Im übrigen: »What’s the matter?«

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Freundschaften, die schweigsam werden, sind Fische, die bezeugen, dass sie auch außerhalb des Wassers gut zurechtkommen.

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Der Fluch eines Landes wie der Ukraine besteht in seiner Geographie: Es liegt dort, wo Krieg sich lohnt. Jedenfalls in den Augen von Leuten, die sich etwas von ihm versprechen. Im Begriff der Geographie bündeln sich Terrain, Entfernungen, Bevölkerung, Wirtschaft, Stand der Waffen- und Transporttechnik mit Mythen der Macht. Diese Mythen sind nicht etwa kraftlos. Jede Macht der Welt fiele ohne sie haltlos in sich zusammen. Der Schlüssel zur Macht ist der Schlüssel zur menschlichen Psyche. Wer ihn nicht besitzt, ist eine Lachnummer, gleichgültig, auf wie vielen Panzern er hockt.

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Die Herzland-Theorie des Herrn Mackinder hat eine Macke: Sie behauptet, den Schlüssel zur Weltherrschaft gefunden zu haben, und sie verheißt sie dem, der ihn erbeutet. Das heißt, sie zieht politische Abenteurer an wie Motten das Licht. Man könnte sie die Idee des Unfriedens schlechthin auf dieser Welt nennen, handelte es sich denn um eine Idee und nicht um eine Neuauflage des Gralsmythos.

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Irgendwann musste das Modell der hinter einem altersschwachen Präsidenten versammelten kollektiven Führung auch die Vormacht des Westens erreichen. Während die White-House-Astrologie ungeahnte Höhen erklimmt, verfällt die reale Macht des Landes und verkümmert seine politische Kultur zur Kleinkunstbühne für Aufgeregtheitsartisten. Und wie immer in Amerikas Geschichte füllt das große Geld unnachsichtig die Lücken.

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Die heutigen Wunderwaffen heißen game changer oder, auf gut Deutsch: ›Gamechanger‹. Politiker, deren Zeit abläuft, holen sie heraus, und Medien, deren Personal nicht dran glauben will, verheizen sie in einem Krieg, der den Friedensschluss per definitionem ausschließt.

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Man kann es auch nüchterner ausdrücken: Souverän ist, wer die Mittel besitzt, einen verlorenen Krieg nach Belieben weiterzuführen, koste es, was es wolle. Unsouverän ist, wer das eigene Volk in Kriegen dezimiert, die nicht zu gewinnen sind.

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Freie Geschlechtswahl, liest man, soll an den Grenzen der Wehrbereitschaft enden. Übersetzt heißt das: Im Verteidigungsfall zählt das Gefühl zu den Drückebergern. Bleibt die Frage, woher die Politik das in Friedenszeiten so genau weiß. Man nennt dergleichen Expertise.

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Im Lügenuniversum dient die Wahrheit als Feindmarkierung. Orte, an denen sie aufblitzt, ziehen das Feuer auf sich.

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›Im Besitz der Wahrheit‹ zu sein ist stets ein Vorwurf gegen andere. Er ist so substanzlos wie das obligate ›Ich meine ja nur‹. Man muss im Besitz der Wahrheit sein, um lügen zu können. Man muss lügen können, um wahrheitsfähig zu sein. Man kann lügen, im Besitz der Wahrheit zu sein. Wer den Vorwurf empfindet, überführt sich selbst der Lüge.

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Eine krasse Lüge überdeckt eine krasse Wahrheit.

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Die Politik auf der Flucht vor den Zahlen probt den Schulddiskurs: Wer ist schuld am Aufkommen der Querdenker? Das freut manche Querdenker. Ihr Lockangebot steht: Wechselt in unser Lager und wir sprechen euch frei von Schuld. Die Schuld, merkt euch das, ist stets die Schuld der anderen.

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Schulderlass ist ein Schmiermittel der Gesellschaft. Nicht jeder weiß, wo exakt man es einfüllt.

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Ein Psychologe schlägt vor: Wir müssen den Regierenden helfen zurückzutreten. Das kommt dem Beten für den (als verworfen gebrandmarkten) Feind schon recht nahe.

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Die wirklich großen Verbrechen sind so konstruiert, dass die Verantwortung entfällt. Wohin sie fällt, bleibt am Ende egal. Das ist der Grund, warum die wirklich großen Verbrecher mit ihnen nie zufrieden sind. Es fehlt etwas: die Anerkennung. Sie wollen geliebt werden für das, was sie taten. Stattdessen werden sie von Leuten geehrt, die keine Wahl haben.

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Das Ende der Diskurse ist dort erreicht, wo die Fakten sprechen. Was niemals aufhört, ist das Geschwätz.

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Wenn alles gesagt ist, zerfällt die Meinungsgesellschaft in zwei Gruppen. Die eine zielt auf die Gurgel, die andere aufs Zwerchfell der Mitwelt.

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Die Aufgeregtheit der Deutschen ist so fortgeschritten, dass sie anderer Leute Kinder für die Ursache ihrer Nachwuchssorgen halten. Wie immer meldet sich auch hier eine Avantgarde: Sie hält Sterblichkeit, soweit es sie selbst betrifft, für ein Produkt ›falscher‹ Einwanderung. Getoppt wird das Ganze durch eine Politik, die sich angekommen glaubt, seit dem Land die Felle davonschwimmen.

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Es fällt soviel leichter, Menschen für etwas verantwortlich zu machen, was sie nicht verursacht haben, als ihnen nachzuweisen, was sie getan haben, dass darin eine Quelle fortwährender Versuchung liegt. Insofern werden ›wir‹, bei wachsendem Aktionskreis der Menschheit, mit tiefgreifenden Störungen des Sonnensystems rechnen müssen, die ganz neue Haus- und Heizungsformen erfordern dürften, abgesehen vom genetischen Umbau des Menschen selbst, der spätestens in der nächsten Generation zwingend ansteht, nachdem die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren laufen. Als nächstes böte, mit ein bisschen Phantasie, die Milchstraße sich als Gefährdungskandidat an und danach wäre endlich kein Halten mehr: Unsere Heimat ist das Universum und es braucht unser aller Schutz.

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Die Religion des Universums, würde sie denn einmal aus der Taufe gehoben, wäre nicht länger mit dem ›Numinosum‹ zufrieden, bei dem jeder Laie auf seine Kosten kommt. Ihr Allerheiligstes ruhte wohlverwahrt in den Publikationen der Astrophysiker, um die sich ein Kranz von Simulationsexperten scharen würde, die mit ihren Schaubildern die Unruhe der Erdbevölkerung auf einem der Politik angemessen dünkenden Level halten. Die Kirche ist bereits da, nur der Hauch des Heiligen fehlt noch, der Geist, der alles durchdringt und die Schlange, seit alters Skepsis genannt, in die tiefste aller beruflichen Höllen verbannt.

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Noch etwas fehlt: politische Tatkraft. Politiker, deren Horizont nicht weiter reicht als bis zum 0,04% Kohlendioxid-Anteil an der Erdatmosphäre, dürften nicht geeignet sein, die im Universum schlummernde Gestaltungsaufgabe zu schultern. Da braucht es andere Kräfte.

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99% Zustimmung zu etwas nicht Definiertem sind für die Wissenschaft eine Blamage. Eine Politik, die sich darauf beruft, blamiert die Wissenschaft und die Wissenschaft sagt: okay, wir wissen ja, wie’s gemeint ist. Wissenschaftler wissen stets, wie’s gemeint ist, wenn der Konsens regiert.

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Schismen, die sich nicht rational auflösen lassen, trocknen aus. Wenn die Informationen aus ihrem Inneren stimmen, ist Klimawissenschaft heute eine ziemlich trockene Angelegenheit.

Nachtbuch / Blog

 

 

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Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
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267 Seiten
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