The sovereign’s two bodies. ›Dies ist mein kostbarer Leib, den ich an euch austeile, das Brot der frühen Schöpfung, auf dass ein jeder gesättigt werde‹. Sparsame, die Rede begleitende, sich stets wiederholende Gesten…: perfekte Präsenz einer jungen Frau, Partnerin der Kamera, die aus ihr die Heilige hervorzaubert, die Herrscherin im verwirrten Gemüt. Zum Verzehr bestimmt, nicht abnehmend im Verzehr. ›Die Erde brennt, wir sind auf gutem Wege.‹ Wem das nicht einleuchtet, der ist schon verworfen. Er wird brennen. Im Fensterrahmen, ›geframed‹, wie es in der Mischsprache dieser Menschen heißt, die Kopräsenz einer Winterlandschaft: Ohne Glaubensprobe führt kein Weg ins Heil. Contra naturam heißt die nicht so geheime Parole. Widerstehet dem Augenschein!

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Analoge Szene, verwandelt, im Bundestag (auch das ein Wort aus dem Register des Heiligen). Der Minister schwört die Abgeordneten gegen die Versuchung ein, dem Abweg der statistischen Übersterblichkeit zu folgen: Nicht einmal dran denken sollen sie dürfen – nach drei Jahren angestrengter Denkabstinenz vermutlich eine leichte Übung. Auch der Minister ist Teil des Souveräns … nicht dessen da draußen, gelegentlich als ›Wahlvolk‹ tituliert, sondern ihrer Heiligkeit, der Macht, welche die Wirklichkeit heilt. Auch der Minister ist ein Bote des unsichtbar die Szene füllenden HERRN. Dieser Herr, den keiner kennt, ist Herrscher der Apparate, in denen sich der faule Zauber vollzieht. Jeder hält ihn in Händen, er ist der wahre Leib, unendlich verwandlungsfähig und kaum zu fassen.

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Die christliche Welt musste diese Technologie hervorbringen, so wie sie ihr ›vor unseren Augen‹ buchstäblich verfällt. Schon dass sie jeden, der einen säkularen Gebrauch von ihr macht, als ›böse‹ brandmarkt, zeigt, dass ein neuer Glaubenssturm auf dem Markt ist – einer von denen, die im Lauf der Jahrhunderte den Kontinent immer wieder durchrasten. Dieser Sturm ist steuerbar. Die neuen Gläubigen sind Wachs in den Händen der Ungläubigen, das heißt des Teils der Menschheit, der bloß den Machtfaktor sieht und kaum begreifen kann, wie man ›so dumm‹ sein kann, unter seinem Bann zu leben. Doch irgendwann wird auch das durch stetes Kneten geschmeidig gehaltene Wachs zum Problem. Am Ende wollen sie Arbeit und Brot und kreuzigen den Boten der leeren Versprechungen. Merke: Auch die nachwachsende Ressource Dummheit ist endlich. Das gehört zu den banalen Geheimnissen sakraler Mathematik.

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Smartphone = Taschenchristentum. Der Mensch in der Simulation findet den simulierten Menschen wirklich. Er findet in ihm die Wirklichkeit. Jemand macht ihm etwas vor und er macht es ihm nach. Dieser Jemand ist ein Niemand. Er ist nicht bloß bar aller Verantwortung, er ist auch bar aller Vernunft. Er ist ein Gefäß, durch das ein anonymer Informationsstrom hindurchfließt. Das meiste davon ist redundant. Redundanz informiert nicht, sie formiert. Der formierte Mensch allerdings hält sich für informiert: Darin besteht der Trick. Es gibt keine Instanz, die das überprüfte, es sei denn, sie wäre lügenhaft. Auch die Lüge ist, technisch betrachtet, Information. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie abhängig macht. Es bedarf immer neuer Lügen, um ein scheinkonsistentes Lügen-Weltbild zu erhalten. Das Recycling der ältesten gehört dazu: Keine Widerlegung kommt gegen die auf Dauer gestellte Wiederholung an.

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Eindimensionaler Kristos und moderner Christophorus. Elementare Eigenschaft des ›Handys‹ – es darf nicht nass werden. Je tiefer die Wasser, desto höher musst du die Botschaften halten. Je ratloser dich die Welt zurücklässt, desto abhängiger bist du vom Spender aller Ratlosigkeit. Ablesen lässt sich das am Schicksal der Kirchen, für die ›Corona‹ den Offenbarungseid brachte: Der stete Informationsstrom spült die letzten Reste sperrigen Glaubens aus ihnen heraus. Was ein Sloterdijk Mondialisierung (›Verweltung‹) des Denkens nennt, findet in der Theologie seine glühendste Anhängerschaft. Kein Wunder, dass dem Planeten der Hitzetod droht. – … Doch wie sie sich auch eilen kann: Die Politik war – und ist schneller. Sie ist das Fass der modernen Danaiden. Wer erinnert sich schon eines antiken Mythos? Das Heilige – uups! – hat kein Gedächtnis. Warum auch, wenn es doch ›die Gegenwart ganz‹ füllt?

 

Notizen für den schweigenden Leser

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