Wahlgesichter@rs

Nun endlich – ich könnte auch ›also‹ schreiben, lehne es aber ab – wurde ich als ›Coronaleugner‹ bezeichnet, nicht von irgendjemandem, sondern von einem meiner ältesten Freunde, der noch dazu, was mich besonders verwirrte, behauptete, Aufzeichnungen darüber zu besitzen. Aufzeichnungen … Ich persönlich besitze keine Aufzeichnungen über meine Freunde, nicht einmal meine Feinde, geschweige denn über mich – etwas muss schief gelaufen sein in diesem Leben, das als meines zu betrachten ich mehr und mehr Abstand nehme.

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Wer anderen eine ›verzerrte Weltsicht‹ vorwirft, muss der Auffassung sein, dass seine Sicht der Dinge ohne Verzerrungen auskommt, jedenfalls im Wesentlichen, das folgt sozusagen analytisch. Und wirklich melden entsprechende Umfragen, dass die Mehrzahl der Menschen mit ihrer Sicht der Dinge zufrieden ist, weil sie sie für angemessen hält. Der Einzelne ist immer Realist, die anderen sind Spinner … so hält es der Mensch der Moderne, der es sich abgeschminkt hat, zum Eremiten zu gehen, um die Wahrheit zu erfahren.

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Wer aus Profession lange Wege geht, um etwas herauszubekommen, sind die Wissenschaftler. Seltsamerweise weiß der Haufe mittlerweile Bescheid, bevor er sich auf den Weg macht, jedenfalls dann, wenn man Projektanträge aufmerksam liest, mit deren Hilfe er sich seine Mittel besorgt. Man kann das verstehen, wenn man begreift, dass auch ein Wissenschaftler primär ein soziales Wesen ist und sein sogenanntes Ethos vor allem eine Einkommensquelle.

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Du entwickelst einen Gedanken, der dich beschäftigt, mit dem du noch keineswegs ›durch‹ bist, und der andere verbringt seine Zuhörzeit damit, darüber nachzudenken, in welchem Kästchen er dich verstauen kann … aber nein, er denkt nicht nach, er lauert aufs Stichwort, das in ihm die entsprechende Assoziationskette auslöst. Er belauert dich, während die Maske der Freundschaft dich dazu animiert weiter zu reden – schließlich fühlst du dich verstanden und der Verstandene möchte seinen Gedanken gern zu Ende bringen… Man macht diese Erfahrung einmal, zweimal, zehnmal, und sie ist immer wieder neu. Du hast dich geöffnet, selber schuld, sieh zu, dass du dich verschließt.

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Du führst ein Vier-Augen-Gespräch, es eskaliert, du brichst ab … hoppla, gerade die Tatsache, dass du abbrichst, steigert die Erregung des anderen zur Weißglut. Soeben war er dabei, seine Superiorität über dich zu behaupten, und jetzt das – unerhört. Also schreibt er dir alles, was die Wut ihm eingibt, was noch gesagt werden sollte, gerade nachdem, nein, weil es abgeschnitten wurde. Er wirft dir sein Schreiben nach, als wolle er dich unwiderruflich markieren. Und was gibt die Wut ihm ein? Endlich kann er dir frank und frei schreiben, was du für einer bist. Das und nichts anderes wollte noch gesagt sein und nun ist es heraus. Er will, dass seine Sätze dir peinlich sind. Gib zu, dass es ihm gelingt. Doch die Peinlichkeit greift auf ihn über, er ist dir peinlich, peinlich der Gedanke, mit so einer Person befreundet zu sein. Bist du es noch?

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Ds Abgang erinnert an einen anderen, weiter zurückliegenden: das Ende deiner Freundschaft mit X. Auch damals dieser politische Schaum vorm Mund, weil du es gewagt hattest, dich vom Mainstream eine Handbreit zu entfernen. Welchem Mainstream? Der letzten Erregung, die damals durchs globale Dorf lief. Auch damals diese blitzartige Eskalation, die dich unvorbereitet traf. Auch damals dieser Impuls, zwischen dir und dem anderen zu vermitteln, ein unmöglicher Impuls, der nur scheitern konnte. Dein Unglaube hat dir diesen Streich gespielt. Du konntest nicht glauben, dass der andere keinen Gedankenspielraum zulassen würde. Zwei Philosophen – jedenfalls dem eigenen Anspruch nach. Zwei geschätzte Gesprächspartner, bis der politische Wahn sie überrannte. Philosophie, die dem nicht standhält, ist keine.

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Dein alter Fehler: eine ›alte Freundschaft‹ wieder aufleben zu lassen. Freundschaft ist ein lebendiges Verhältnis oder … Totenkult. Distanz, welche auch immer, folgt einer Art Energieerhaltungssatz: Schaffst du die räumliche beiseite, tritt eine innere zutage, welche dir neu ist, versuchst du die zeitliche zu überbrücken, dann zieh dich warm an, bevor Vorwürfe auf dich einprasseln, von denen du keine Ahnung hattest. Nein, ihr seid einander nicht fremd geworden: Ihr seid auseinander geraten und keine Macht der Welt ist imstande, den alten Bund neu zu schmieden.

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Eine alte Frau stirbt nach einer ruppigen polizeilichen ›Behandlung‹ – die ermittelnde Behörde kann keinerlei Zusammenhang erkennen. Die Medien des Landes zeigen sich nicht interessiert. Es handelt sich um dieselben Medien, die der Fall George Floyd in wochenlange Erregung versetzte und denen er noch heute ausgiebig Stoff für moralische Betrachtungen liefert. Soll heißen, die USA sind die Bühne und die Europäer, die guten Europäer, sitzen im Halbkreis herum und kommentieren das Geschehen. Währenddessen bleiben die eigenen Schweinereien im Halbdunkel, denn sie sind nicht von Belang. Es ist äußerst bequem, nicht von Belang zu sein, vor allem, wenn man seinen Platz in der Geschichte gefunden hat.

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Diese persönliche Freundschaft – um noch einmal auf sie zurückzukommen – stirbt nicht aus persönlichen Gründen. Sie stirbt, weil der andere angekommen ist und keinen Sinn in deinen Strampeleien zu erkennen vermag. Er fühlt sich gestört und gleichzeitig sagt ihm sein Selbstbild, er müsste der Störer sein, der Hüter der Unruhe, denn sein Status gebiete das. Wäre an der Sache etwas faul, wüsste ich es längst selbst – das alte Thema der Arrivierten, die sich keinen Grund vorstellen können, der es erlaubte, über das von ihnen Erreichte hinaus gelangen zu wollen. Deshalb der plötzliche Schwenk auf Psychologie: ›Mit dir stimmt doch was nicht.‹

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Nebenbei: eine kindisch gewordene Politik hält es mit dem politischen Gegner nicht anders. Deshalb ist die Cancel culture, wie sie gegenwärtig wütet, wesentlich links: Es ist linke Unruhe im Stillstand, die lieber abtreibt als gebiert.

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Die Leute haben eine bedeutsame Art, über einen heißen Tag zu reden, die entfernt an die fünfziger Jahre erinnert: Wir wissen, dass es die Bombe ist. Lasst uns von etwas anderem reden. Soll heißen, in allem, worüber sie reden, lauert die Bombe. Merke: Wer die Bombe in den Herzen der Menschen platziert, der bekommt diese unheimliche Macht über sie, die sich in den Verschwiegenheiten ihrer Rede manifestiert. Sie wissen: Wer diese Obsession nicht teilt, der zählt nicht. Nichts hat den globalen Menschen so verändert wie das Bewusstsein, dass er jederzeit hochgehen kann. Beim Klima ist der Illusionsmechanismus der Weltrettung besonders eindrucksvoll zu studieren – die Leute lästern darüber und sorgen sich insgeheim, die Verantwortlichen könnten ihrem Einspruch Gehör geben. Das Komische: Niemand wird zur Verantwortung gezogen und alle wissen das.

 

 

T - Die Stufen des Kapitols Das Bersten

T. Die Stufen des Kapitols

Ein politischer Roman
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
367 Seiten
ISBN 978-3-944512-28-0

Das Bersten

Erzählung
Manutius Verlag Heidelberg
(Edition Zeno)
267 Seiten
ISBN 978-3-944512-12-9