Den Deutschen fällt es leichter, über ihren Geschichtsverbrechen zu brüten, als die ganze Geschichte zu ertragen. Sie meinen sich damit aus dem Kontinuum der Geschichte herauszukatapultieren, was mentalitätsgeschichtlich sicher ein Stück weit richtig ist. Aber Mentalitätsgeschichte ist nicht alles und die Geschichte geht immer weiter. Über kurz oder lang löst sie jede Blockade.

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Blockaden / Machtverhältnisse: Sie kommen ohne einander nicht aus. Ändern sich Machtverhältnisse schleichend, dann können Blockaden über Gebühr andauern. Es vergeht eine Weile, ehe die Schafe realisieren: Das Gatter steht offen. Und auch dann überwiegen die Warner. Sie glauben zu wissen: Dort draußen ist es kalt und gefährlich.

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Weltmacht, wie jede Macht, hat ihre rüden Seiten. Eine der soft power verpflichtete Halb-Weltmacht hat gelernt, um der eigenen Spielräume willen darüber ›taktvoll‹ hinwegzusehen. Umso erstaunlicher die Tonlage, in die Deutschland seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine gegenüber dem großen Nachbarn im Osten verfallen ist. Fragt man die Leute, so ist alles politische Mimesis. Die Sendeanstalten ahmen die US-amerikanischen Kollegen nach, die ihrerseits Stimmungen und Sprachbilder des Kalten Krieges nachstellen, ohne sie erreichen zu können.

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Eindrücke, die auf Zeugnissen beruhen, sind schwer widerlegbar. Nach getaner Propagandaarbeit schwimmen sie wieder oben. Das missfällt den Technikern der Macht, denn damit haben sie nicht gerechnet. So entsteht der verbotene Augenschein: Die Leute benehmen sich, als würden sie Unrecht tun, wenn sie ihrer Wahrnehmung folgen. Der Sog der Macht ist stark, er erzeugt Büßer des Anti-Gewissens, Helden der Anpassung, aber eben auch Bekenner, die es so ebenfalls nicht gegeben hätte, versuchte niemand, die Wahrheit unter den Tisch zu kehren. Auf diese Weise wird sie von Zeit zu Zeit kostbar und kann nicht oft genug wiederholt werden. Sozial gesehen, ist Wahrheit eine dynamische Größe.

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Die öffentlichen Zeugnisse sagen, dass die USA langfristig auf diesen Konflikt hingearbeitet haben, während Russen und Europäer ihm eher ausweichen wollten. Man kann sie auch anders herum lesen, so wie man alles anders herum lesen kann.

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These (1): Die Ukraine in den Grenzen, welche die Sowjetunion ihr verpasste, hätte jahrhundertelang friedlich in den seichten Gewässern zwischen Russland und seinen westlichen ›Partnern‹ dümpeln können, hätten ›der Westen‹ und seine Zuarbeiter vor Ort nicht eine spektakuläre Reihe von Entwicklungen in Gang gesetzt, die letztlich in den Knall münden mussten.

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These (2): Die Ukraine ist ein ökonomisch, mental, kulturell inhomogener Staat, der früher oder später an seinen inneren Widersprüchen zerbrechen und ›die Russen‹ auf den Plan rufen musste, was wiederum die Nato … und so weiter, nach dem beliebten Märchen Väterchen geht Rüben ziehen. Bleibt immer noch die Frage, an welcher Rübe da gezogen wurde und wird. So wie es aussieht, heißt sie: Du darfst dem Russen keine Macht über dich geben.

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Man kann den Satz, dass ›dem Russen‹ keine Macht zu geben sei – in der Ukraine nicht und anderswo in der Welt auch nicht –, als außenpolitisches Dogma der Vereinigten Staaten bezeichnen. Dafür gibt es eine Reihe von Belegen. Historisch gesehen ist es neueren Datums. Es basiert auf der Überzeugung, mit der Sowjetunion sei auch die Weltmacht Russland dahingegangen. Der Ukraine-Krieg hat, aus westlicher Sicht, die Aufgabe, dieses welthistorische Ergebnis für die nächste Generation sicherzustellen – nachhaltig zu gestalten, wie das im WEF-Jargon heißt.

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Die Frage ist nicht, wofür ein Land wie die Ukraine blutet, sondern warum. Man muss sich seine Elite ansehen, um Bescheid zu wissen. Hat man begriffen, dann kann der Blick reihum wandern: Who’s next?

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Ein Schweizer Physiker hat einen Aufsatz veröffentlicht, in dem die Hypothese durchdekliniert wird, die Sprengung von NordStream 2 sei mit Hilfe einer thermonuklearen Bombe (›Mini-Nuke‹) bewerkstelligt worden. Selbstverständlich antwortet auf eine solch ungeheure Behauptung, von einem Artikel in der Weltwoche abgesehen, nur Schweigen. Lässt man den Gedanken für einen Moment zu, dann enthält der Einsatz einer nuklearen Gefechtsfeldwaffe gegen eine zivile Einrichtung im Frieden eine Vernichtungsdrohung, die vor dem eigenen Verbündeten nicht Halt macht. Was das bedeutet, mag sich niemand ausmalen – verständlicherweise. Da wäre es schon besser, die Hypothese erwiese sich als wenig glaubhaft.

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Seit dem Vertrag von Versailles, dem Menetekel Europas, wird mit Kriegsschuld Geschichte gemacht – mancher wird sagen: fabriziert. Nach dem Grundsatz Der Schuldige wird bestraft fallen seither immer neue Bösewichter für immer neue Bestrafungsaktionen an. Unter Kennern gilt die Zurichtung des Bösen für den ausstehenden Bestrafungsakt seit langem als Filetstück unter den diplomatischen Aktivitäten der einzig legitimen Weltmacht. Der Bestrafungsakt selbst ist, wie bekannt, ein Zweiteiler, bestehend aus: (a) Niederwerfung des Staates; (b) Sanierung des Bankensektors undsoweiter.

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Der Focus, gern für eine welthistorische Sottise gut, zitiert einen ›Ex-US-General‹, der den Deutschen die Friedfertigkeit gegenüber Russland mit der Frage austreiben möchte, ob sie denn auch bereit wären, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern aufzugeben. Der deutsche Leser betrachtet sinnend die Oblast Kaliningrad und schweigt sich aus.

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Das Bedürfnis der Menschen nach dem Bösen ist unersättlich. Sie glauben der Propaganda jeden Bösewicht, sie glauben an Bösewichter. An den Reaktionen auf den jeweils neuesten Kandidaten kann man erkennen, was für eine strukturelle Mehrheit »glauben« bedeutet. Die Skala reicht von naivem Abscheu über Vernichtungsphantasien, einfache Duldung, Ergebung bis hin zur Anbetung des ›Erlösers‹. Im propagandistischen Universum tendiert Zivilreligion zum Satansglauben.

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In Deutschland haben sich so viele Geschichtsmärchen angesammelt, dass mittlerweile fast jedes deutliche Wort der Selbstversiegelung unterliegt. Wer sich die Ohren verstopft, gibt vor, bereits alles zu wissen. Das zumindest ist merkwürdig.

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Es gibt Wörter, dazu bestimmt, dem anderen im Munde herumgedreht zu werden. Man sollte sie Spießwörter nennen.

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In einem ordentlich durchregierten Land sind die Zudecker schneller am Drücker als die Aufdecker. Das führt zu der Kuriosität, dass jedes Politverbrechen in der öffentlichen Wahrnehmung zweimal vorkommt – einmal der einen, dann wieder der anderen Seite angerechnet. Man hofft darauf, dass das Publikum, aus Bequemlichkeit und anderen Gründen, mehrheitlich der Stimme der Macht Gehör gibt. Gerichtsurteile haben sich dabei öfters als hilfreich erwiesen.

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In der Dublettenwelt kommt selbst Juristen der Realitätssinn abhanden. Die spannende Frage lautet: Was geschieht dann? Aktuell lässt sich die Frage am Bhakdi-Prozess ventilieren.

 

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