Die Intel­li­genz, das ist doch nicht der Sachver­stand, der sich von Fall zu Fall zu Wort meldet, das ist vielmehr die Inter­essen­schaft derer, die ihren Intellekt zu Markte tra­gen, begabte Kerlchen, um das Wort eines selbst hin­re­ichend willfähri­gen Zeitgenossen aufzunehmen, Begabungsru­inen, wenn Sie ver­ste­hen, was ich meine…
Antonin Paget

1.

Philoso­phie beginnt nicht, sie bringt zu Ende. Was sie zu Ende bringt, von Fall zu Fall, ist das vor– und umlaufende Gerücht, was es mit dem Denken und der Erken­nt­nis über­haupt wohl auf sich habe. Denn kein Denken ist so method­isch, dass es nicht Ansichten pro­duzierte, die zwar keineswegs zur Sache gehören, aber sie doch in einem gewis­sen Licht erscheinen lassen. In einem gewis­sen Licht oder im Licht der einen oder anderen weltan­schaulichen ›Gewis­sheit‹. Der philosophis­che Ges­tus ist der des Prüfers: schlechte Gründe, schlechte Karten. Das Unglück der Philoso­phie will es, dass nie­mand außer ihr diese Gründe für wesentlich ansieht, ver­ständlicher­weise, da sie die Stelle der ein­fachen Gewis­sheit beset­zen, woran keinem liegt. Was bleibt ihr also anderes übrig, als die Konkur­renz der Ansichten auf eigenem Grund und Boden zu repro­duzieren? Das bedeutet, dass sie mit den guten auch die schlechten Gründe in ihre Regie nimmt. Doch sind es dann noch die der anderen? Umgekehrt: Was bliebe von der Philoso­phie, wenn man ihr die schlechten Gründe weg­nähme? Etwa die guten? Aber keineswegs: Wozu soll­ten sie gut sein?

2.

Kon­struk­tivis­mus und Destruk­tivis­mus: zwei for­male Optio­nen des schul­mäßig betriebe­nen Räson­nements. Zwei Weisen, die freie Konkur­renz der Ansichten zu diszi­plin­ieren. Beide fußen auf ein und dem­sel­ben Gedanken: Ansichten sind teil­bar, sind teils richtig, teils falsch. Man muss sie also verbessern oder ver­schlim­mern. Kon­struk­tive Ver­fahren entstam­men dem Ehrgeiz, die falschen Ansichten als unzure­ichende Fas­sun­gen richtiger Ansichten zu lesen. Kein Sys­tem kommt ohne Ver­trauen in das begren­zte Recht des undiszi­plin­ierten Denkens aus: Am rechten Ort, so der Hin­tergedanke, wird es sich schon fügen. Anders der Destruk­tivis­mus, der die Konkur­renz der Ansichten ver­schärft, bis sich jede selbst wider­spricht – auch er ein For­mal­is­mus, aber ein indifferenter.

3.

Es gibt gute Gründe dafür, Mod­erne als die Epoche der alle ›Bes­timmtheiten‹ auflösenden Reflex­ion zu begreifen. Doch sollte man nicht vergessen – und auch gele­gentlich zugeben –, was es heißt, die destruk­tivis­tis­che Karte zu spie­len. Glaubte man der Sprachregelung der Dekonstruk­tivis­ten, dann bestünde die Auf­gabe darin, die Bestandteile des kon­stru­ieren­den Denkens dem Sys­temzwang abspen­stig zu machen, der sie her­vorge­bracht hat. Das ist schöner Schein. Kaum in Betra­cht gezo­gen, ver­wan­deln sich ›Vor­gaben‹ aller erden­klichen Art in Mythen, deren Ent­larvung zum anges­tammten Geschäft der Kri­tik zählt: Sie findet sie allen­thal­ben. Das hat seinen Grund; schließlich ver­steht sie unter ihnen nichts weiter als alle Entwürfe, die noch nicht die wahrhaft angemessene Form des Dilem­mas gefun­den haben. Destruk­tivis­mus als Strate­gie ist die Schwund­form der Mod­erne, die Nobil­i­tierung des unglück­lichen Bewusst­seins, dessen Karikierung stets zu den Han­dre­ichun­gen der anderen Seite zählte. Nach zwei­hun­dert Jahren geborgten Daseins scheint es hin­re­ichend erkräftigt zu sein, um aus eigenem Anlass zu existieren und dagegenzuhalten.

4.

Der Destruk­tivis­mus lebt von den Zin­sen eines Kap­i­tals, das durch keine noch so waghal­sige Speku­la­tion ange­grif­fen wer­den kann: die Ein­sicht in die Unüber­steig­barkeit des Bewusst­seins in allen Fra­gen der Erken­nt­nis. Es ist eine der leichteren Übun­gen, die Irrläufe nachzuze­ich­nen, die das europäisch geprägte Denken unter­nom­men hat, um dieser Falle zu entkom­men. Die ange­bliche Unhin­terge­hbarkeit der natür­lichen Sprachen – nüchtern bese­hen ein Monopolanspruch der sie aus­beu­ten­den Diszi­plinen –, die ›neu­ronale Struk­tur des Denkens‹ oder evo­lu­tion­ssozi­ol­o­gis­che ›Evi­den­zen‹ eines zweck­mäßig reduzierten Wahrheit­sanspruchs: jedes dieser Lehrstücke gibt ihm Gele­gen­heit, genüsslich darauf zu behar­ren, dass Lehrstücke dieses zweifel­haften Kalibers, in denen der Fortschritt sich seine Gasse bahnt, nur um den Preis kul­turellen Vergessens zu haben sind. Schw­erer fällt es ihm, die Waf­fen der Kri­tik gegen den eben noch geplün­derten Tran­szen­den­tal­is­mus zu richten. Bei Licht bese­hen ficht ihn auch das wenig an: Dass der Gedanke nicht das Gedachte sein kann, dass ›Denken‹ und ›Sein‹ – oder wie die Gegen­satz­paare lauten mögen – nicht nur auf ewig geschieden sind, son­dern die Schei­dung stets nur von einer Seite, der des Denkens, proklamiert wird, ohne sich in der Praxis als durch­führbar zu erweisen – der nicht enden wol­lende Schmerz über dieses Dilemma der Ver­nunft reißt den Destruk­tivis­ten gele­gentlich zu Taten hin, deren er sich bei ruhiger Gemütsver­fas­sung kaum brüsten dürfte, und die ihre einzige Erk­lärung im vater­mor­den­den Elan des erken­nt­nis­the­o­retis­chen Schei­dung­sopfers findet. Die Kinder, man weiß es, sind immer die Leidtragenden.

5.

Auf dem Weg ins Abseit­ige gelin­gen ihm allerd­ings Funde, die geeignet erscheinen, sein Unternehmen auf abse­hbare Dis­tanz zu recht­fer­ti­gen: kecke Ver­sicherun­gen, in denen sich die Ahnungslosigkeit ihrer Urhe­ber mit schrof­fer Gel­tungssucht paart, ohne die im akademis­chen Betrieb genauso wenig an ein Fortkom­men zu denken ist wie ander­swo. Ihr unerr­e­ichtes Vor­bild bleibt das Freud­sche Schema der drei Kränkun­gen, die der Men­schheit von der Wis­senschaft ange­tan wur­den – die kos­mol­o­gis­che, die biol­o­gis­che und die psy­cho­an­a­lytis­che. Selb­stre­dend trifft jew­eils die let­zte den empfind­lich­sten Nerv. Da erstrahlt die Hal­tung des Arztes, der seinem Patien­ten anver­traut, dass er ihm jetzt ganz ganz weh tun müsse, in vollem Licht. Wer nähme nicht gern die Men­schheit in Behand­lung? Die Nuova scienza macht’s möglich, ernennt sie zur Kassen­pa­ti­entin, die im Vorz­im­mer auf bessere Zeiten hofft, während die gedämpften Schreie der ger­ade Behan­del­ten aus dem Neben­raum dringen.

6.

Der Destruk­tivis­mus behauptet – unter welcher ter­mi­nol­o­gis­chen Kappe auch immer –, The­o­rien seien entweder blind oder leer. Was immer dies heißen mag – und es kann alles mögliche heißen –: Man fragt sich, von welchem ›oder‹ dabei die Rede ist. Sollte es ein auss­chließen­des ›entweder-​oder‹ sein, so hieße das, leere The­o­rien kön­nen nicht blind sein und blinde nicht leer. Warum? Wären es sonst keine The­o­rien? Wenn ja, nach welchen Maßstäben? Ferner: welcher Mech­a­nis­mus der The­o­riebil­dung kön­nte zuver­läs­sig ver­hin­dern, dass leere The­o­rien blind sind, und umgekehrt? Oder wäre das ›oder‹ wohl ein ver­steck­tes ›und‹? The­o­rien wären also notwendig blind und leer? Und was hieße das? An dieser Stelle spätestens erhebt sich der Arg­wohn, es könne mit dem Argu­ment am Ende nicht so weit her sein. Vielle­icht han­delt es sich ja um ein nicht auss­chließen­des ›oder‹: The­o­rien sind entweder blind oder leer oder blind und leer; man kön­nte auch sagen: The­o­rien sind endlich.

7.

Denn was bedeuten die Begriffe ›blind‹ und ›leer‹? Beschränkt man sich auf das argu­men­ta­tive Min­i­mum, so sind blind The­o­rien, denen es nicht gelingt, sich zu sich selbst, leer solche, denen es nicht gelingt, sich zu einem ›Draußen‹ in ein begrün­detes Ver­hält­nis zu set­zen. Das wirft die Frage auf, welche Art von Begrün­dung sin­nvoller­weise im einen wie im anderen Fall zu fordern sei. Sieht man von ihr ab, so fällt etwas anderes auf: Das Dilemma, von dem da die Rede ist, soll The­o­rien unter­schied­s­los als The­o­rien tre­f­fen. Voraus­ge­setzt also, der Vor­wurf träfe zu, ohne dass von bes­timmten The­o­ri­etypen dabei die Rede wäre (denen stets auch andere an die Seite gestellt wer­den kön­nten), dann wäre jede The­o­rie notwendig blind und leer. Aber selbst angenom­men, das Argu­ment wäre zwin­gend: Und wenn schon? Es hieße im Ern­st­fall nichts weiter, als dass The­o­rie – jede The­o­rie – sich grund­sät­zlich in zwei Rich­tun­gen the­ma­tisieren lässt, aber nicht zur gle­ichen Zeit und im gle­ichen Kon­text. So zweifelt einer, der gle­ichzeitig in zwei ent­ge­genge­set­zte Rich­tun­gen davon­laufen möchte, an seiner Fähigkeit zu gehen.

8.

The­o­rien sind blind oder leer, oder: Es ist eine Illu­sion zu glauben, man könne in die eine Rich­tung gehen und in der anderen ankom­men. Oder: Die Ein­sicht in das Funk­tion­ieren von Ratio­nal­ität erscheint wenig geeignet, Ver­trauen in ihre wirk­lichkeit­ser­schließende Kraft zu fördern. Reicht diese Fest­stel­lung aus, um das geballte Mis­strauen in die Leis­tun­gen der Ratio zu mobil­isieren, das der ursprüngliche Satz zum Aus­druck bringt? Absurd wirkt er alle­mal, weil er den Leser zwingt, das ›oder‹ durch ein ›und‹ zu erset­zen, um anschließend zu ent­decken, dass es doch nur ein ›oder‹ sein darf, soll er nicht die pos­tulierte Regel ver­let­zen, dass The­o­rie nicht gle­ichzeitig in beide Rich­tun­gen the­ma­tisiert wer­den kann. Dem­nach enthält der Satz die Regel, um sie Lügen zu strafen: Die Wahrheit – wer zweifelte daran – ist nicht danach, sich in ihr einzurichten. Ratio­nal­ität ist Lüge … sagt der Lieb­haber der Wahrheit, welche im Schlagschat­ten der Lüge nistet.

9.

Es ist ein Unter­schied, ob man ein Dilemma ent­deckt oder ob man es appliziert. Im einen Fall beze­ich­net es die Grenze einer The­o­rie, im anderen eine Grenze der The­o­riebil­dung. Das eine Mal ist es Arbeit, das andere Mal Spiel. Ein Spiel allerd­ings, das die Arbeit der anderen ähn­lich unter­bricht wie ehe­dem die Philoso­phie die Praxis der Märch­en­erzäh­ler. An dieser Frage scheit­ern sie alle – was also bedeutet das Lächeln im Gesicht dessen, der sie immer aufs neue stellt?

10.

Die drei Kränkun­gen, welche die ›Kul­tur‹ ihren Trägern zumutet (drei müssen es sein, da erst bei der drit­ten die Wün­schel­rute auss­chlägt) – dieses Schema zielt auf eine Form der Erre­gung, in welcher das Bedürf­nis nach Anerken­nung und ihre Ver­sa­gung zu einem Amal­gam zusam­men­finden, das aufzulösen mehr als Spitzfind­igkeit erfordert. Das Ver­lan­gen des Kul­tur­we­sens, in seinen Rechten anerkannt zu wer­den, worin diese auch beste­hen mögen – jedes in seinen und alle in ihren –, ist von Haus aus gren­zen­los und also jeder Art der Ver­sa­gung schut­z­los aus­geliefert. Wer ein Ver­sa­gungsmo­tiv in die Form einer The­o­rie klei­det und behauptet, den Ausweg aus dem Dilemma zu ken­nen, erweist sich nicht nur als Meis­ter der Sit­u­a­tion, son­dern als Psy­chopom­pos. The­o­rie als Leben­shilfe ist Lethe: Sanft gleitet die Seele dahin, getra­gen von dem Geräusch, in dem sich der Schlaf der Triebe mit dem Tod der Reflex­ion ver­schwis­tert. Das kul­turelle Vergessen braucht solche Lehrmeis­ter, es braucht die Erre­gung, die aus ihren Worten her­vor­lugt wie das Kan­inchen aus dem Ärmel des Zauber­ers, es braucht das Bewusst­sein aufzubrechen. Wohin? Egal. Vor­wärts? Aber sicher.

11.

Wenn es darum geht, Erken­nt­nis in toto zu begreifen, dann besitzt die Reflex­ion schlechte Karten. Sie hat alle Hände damit zu tun, die Übereilun­gen zu rev­i­dieren, die ihr die Biolo­gie nach­weist. Die Biolo­gie ist stets einen Schritt voraus. Weit ent­fernt davon, dem from­men Wun­sch Mate­r­ial zu liefern, es gebe einen Par­al­lelis­mus phys­i­ol­o­gis­cher und tran­szen­den­taler Ein­sichten in die Ver­fahrensweisen des men­schlichen Geistes, gibt sie unbeirrt Antworten auf Fra­gen, welche die Gegen­seite stellt, ohne zu Antworten zu gelan­gen. Dass ihre Antworten die Gegen­seite ›nicht glück­lich‹ machen, da sie einer anderen Argu­men­ta­tion­slogik fol­gen und daher wohl oder übel als besser­wis­serisch zurück­gewiesen wer­den müssen, obwohl in ihnen Befunde for­muliert wer­den, die guten Gewis­sens nicht zurück­gewiesen wer­den kön­nen, steht auf einem anderen Blatt. Die Reflex­ion hat gel­ernt, mit ihnen zu leben – müh­sam und im Grunde unüberzeugt – und also umzuge­hen. Doch es bleibt ein Umgang voller ver­steck­ter Kaute­len und in steter Erwartung, von der Diszi­plin zurück­gerufen zu wer­den. Uns bleibt ein Erden­rest zu tra­gen pein­lich: Die Phys­i­olo­gie, die erfragt, wie das funk­tion­iert, ist kein Ein­wand gegen die Reflex­ion, son­dern fix­iert die Gren­zen, an denen sie Bes­timmtheit erlangt. Was auch ›im Geiste‹ geschehen mag, die Biolo­gie kommt mit.

12.

Wenn Intellek­tuelle bisher gele­gentlich an die Macht oder besser: in ihre Nähe gelangten, dann deshalb, weil sich für einen Augen­blick ein Vakuum aufge­tan hatte, – ein Machtvakuum, angesichts dessen sie sich, wenn man den Zeug­nis­sen glauben darf, eher genötigt glaubten, den Gang der Geschichte ein­mal anders zu bes­tim­men, um nicht (ungewiss, vor wem) das Gesicht zu ver­lieren. Die Frage (für sie) war also nie, wie sie an die Schalthebel gelangten, son­dern (für die anderen) wie man sie so rasch wie möglich wieder von ihnen ent­fer­nte. Das Entset­zen (der anderen) mochte gespielt sein, doch war der Grund der Beun­ruhi­gung stets real, er lag in der unver­hofften Abwe­sen­heit hand­fester Grup­pen­in­ter­essen dort, wo bekan­ntlich im Inter­esse aller gehan­delt wird. Dies (um endgültig ins Präsens zu wech­seln) soll nicht sein, das Gemein­in­ter­esse soll im Handge­menge der Einzelin­ter­essen aus­ge­han­delt, nicht frei ermessen wer­den. Der Abscheu der ›Bürger‹ vor dem Herrschaft­sanspruch der Intellek­tuellen ist eine poli­tis­che Vari­ante des Hor­ror vacui, das dun­kle Gefühl einer seman­tis­chen Katas­tro­phe. Den Intellek­tuellen (wem sonst?) steht es frei, das All­ge­meine zu bes­tim­men, unter der Bedin­gung allerd­ings, dass sie nichts zu bes­tim­men haben. Eine Form des Bes­tim­mens schließt die andere aus, nicht in der The­o­rie, aber in der Praxis, wie man zu sagen pflegt. Man meint in diesem Fall, was man sagt, und sei es, wie gesagt, nur deshalb, weil die eine in der jew­eils anderen mitgedacht, aber nicht enthal­ten ist. Es hat keinen Zweck: hin­ter diesem so defätis­tisch anmu­ten­den Satz ver­birgt sich die Stärke derer, die darauf angewiesen sind, dass man ihnen zuhört. Das All­ge­meine, das sie bewohnen, ist der Stau ungelöster Prob­leme, an dem sich die Gesellschaft erkennt und als Urhe­ber kün­ftiger Prob­lem­lö­sun­gen im voraus zu genießen wün­scht. Es ist das Reser­vat, in dem die Intellek­tuellen, anges­tammte Kopfjäger, den Traum der großen Wild­nis träu­men, während sie ihr dürftiges Well­blech­da­sein fristen.

13.

Intellek­tu­al­ität bedeutet dem­nach zweier­lei: erstens die wirk­liche Teil­habe am Prozess der Bes­tim­mung dessen, was an der Zeit ist – und was zu sagen langsam Zeit wird –, zweit­ens die Inter­pre­ta­tion der Gegen­wart als einer Kom­plex­ion, die unter dem Druck ihrer Prob­leme zer­stiebt. Der eine Aspekt beze­ich­net die Notwendigkeit, der andere die Hin­fäl­ligkeit des Intellek­tu­al­is­mus: Notwendigkeit deshalb, weil alles, was an der Zeit ist, nicht anders denn im Hin­blick auf die Zeit selbst, die wirk­liche Gegen­wart, gedacht wer­den kann, Intellek­tu­al­is­mus also wenig mehr als das Gewär­tig­sein dessen, was an der Zeit ist, in den Sub­jek­ten meint, Hin­fäl­ligkeit, weil die Ausle­gung der Gegen­wart als einer, die an den mit ihr ans Licht getrete­nen Fra­gen zergeht, Gegen­wart und Zukunft nach dem Schema von Frage und Antwort aufeinan­der bezieht und dadurch in eine unglück­liche Konkur­renz zu den kün­fti­gen Wirk­lichkeiten tritt – eine Konkur­renz ohne Gewin­naus­sicht, deren Witz darin liegt, dass der Intellek­tuelle ans Hier und Heute die Fra­gen stellt, welche die Zukunft beant­worten wird, in seinem Sinne natür­lich, darin ist er sich sicher, weil ihm kein anderer zur Ver­fü­gung steht. Eine solche Zukunft aber, träte sie jemals ein, brächte den Intellek­tu­al­is­mus zum Ver­schwinden – aus dem einzi­gen Grund, weil sich sein Frage­po­ten­tial in ihr erschöpfte.

14.

Es ist, logisch gese­hen, diese Antin­o­mie, die den alten Gegen­satz des liberal-​konservativen und des pro­gres­sivis­tis­chen Intellek­tuellen her­vor­bringt und dafür sorgt, dass es in den aktuellen Debat­ten nie ganz um nichts geht, auch wenn die Anlässe nichtig scheinen mögen oder sich nichts wirk­lich bewegt. Die lib­erale Frak­tion, wie man sie mit einem leichten Zögern nen­nen darf, macht die Erhal­tung der eige­nen Geschäfts­grund­lage – und damit im Prinzip den Sta­tus quo – bewusst oder unbe­wusst zum Dreh– und Angelpunkt ihrer Analy­sen: eine Gegen­wart, die sich radikal in Frage stellen lässt, ohne mess­bare Über­reak­tio­nen zu pro­duzieren, kann so verderbt nicht sein; es gilt daher, ihr ins­ge­heim Garantien für eine nicht ganz und gar ander­sar­tige Zukunft zu ent­nehmen. Dem Pro­gres­sivis­mus hinge­gen – Ironie hin, Ironie her – ist die Tat­sache der eige­nen Exis­tenz ein hil­fre­iches Indiz für die Verkehrtheit des Beste­hen­den: erst das Aufge­hen des unglück­lichen Bewusst­seins in der Pos­i­tiv­ität kün­ftiger Weltver­hält­nisse darf den täglich kun­stvoll geschlun­genen Knoten der tat­säch­lichen Wider­sprüche lösen. Der pro­gres­sivis­tis­che Intellek­tuelle tendiert daher, ob er will oder nicht, zur Abschaf­fung der Bedin­gun­gen, denen er sein Dasein schuldet.

15.

Den Ern­st­fall beze­ich­net also eine Sit­u­a­tion, in der der ›klas­sis­che Diskurs‹ dieser bei­den Frak­tio­nen den Kri­te­rien dessen, was an der Zeit ist, nicht mehr genügt. Die Sit­u­a­tion ist nicht nur denkbar, sie ist unwider­ru­flich erre­icht, seit beide Seiten sich davon überzeugt haben, dass jede kün­ftig ern­stzunehmende Frage an die Gegen­wart sich let­ztlich auf das Über­leben der Gat­tung bezieht. Diese Überzeu­gung kommt nicht von unge­fähr, und nur Dummheit möchte sie am lieb­sten den Dum­men über­lassen sehen. Sie beginnt mit der Ent­deck­ung der Frei­heit zur Selb­staus­löschung der Men­schheit im Zeital­ter der Bombe, und sie vol­len­det sich in einem Weltver­ständ­nis, das die Zer­störung der natür­lichen Lebens­grund­la­gen als den Kon­ver­gen­zpunkt der gegen­wär­ti­gen Kul­tur begreift. Angemessen oder nicht: das neue Denken erzeugt eine dop­pelte Ohn­macht der Intellek­tuellen, da beide Optio­nen, die lib­erale wie die pro­gres­sivis­tis­che, stillschweigend voraus­set­zen, dass keineswegs der Bestand der Gat­tung, vielmehr auss­chließlich ihre Bes­tim­mung in Frage steht. Ohne diese Voraus­set­zung sind beide Optio­nen for­mal­is­tisch, das heißt gegen­stand­s­los. Die Folge lautet: der Intellek­tuelle hat sich über­lebt. Er mag dem Han­deln der Poli­tiker sein ceterum censeo nach­schicken oder, Staats– und Welt­bürger wie andere, sich in tätiger Sol­i­dar­ität mit Aktion­s­grup­pen üben: seine Exis­tenz ist schal gewor­den, und er weiß es.

16.

Weiß er es wirk­lich? Eines steht fest: ein Intellek­tu­al­is­mus, der nicht leben und nicht ster­ben kann, ist ein ebenso tück­isches Objekt der Neugier wie sein Pen­dant, die Gesellschaft, die gel­ernt hat, Zukunft als Entsorgung zu fassen. Die quasi-​kloakale Ver­fass­theit der Real­ität zwingt der Macht Erfahrun­gen ab, welche diejeni­gen, die darin geübt sind, ihr das schlechte Gewis­sen vorzus­prechen, des Umgangs mit The­o­rie weit­ge­hend entheben. Zeit also für res­olute, sich im Sinnlichen erfül­lende oder erschöpfende Meta­phern, die der Geruchssphäre entstam­men, besser gesagt entwe­ichen. Meta­phern, die sig­nal­isieren, dass all das, was sich nicht riechen, tas­ten oder schmecken lässt, obwohl es, wie jed­er­mann weiß, in der Luft liegt, keineswegs zu den Tran­szen­den­tal­ien gerech­net wer­den darf, vielmehr auf hand­feste Män­gel unserer Wahrnehmung­sor­gane ver­weist. In diesen Regio­nen führt die Chemie das Wort, sie führt es im Munde derer, denen sie die Stich­worte liefert, und sie führt es so, dass die san­fte Gewalt, die von ihren Formeln aus­geht, das irri­tierende Schaus­piel eines ›herrschafts­freien Diskurses‹ erzeugt, der als erstes die Herrschaft­skri­tik ent­machtet, indem er sie dem freien Spiel der Fak­ten aus­liefert, wie sie täglich neu (und neu gemis­cht) zum Him­mel stinken. Das erzeugt Nach­folge: Greenpeace-​Aktive und Glob­al­isierungs­geg­ner sitzen in puncto geistiger und räum­licher Mobil­ität im gle­ichen Boot. Im Prinzip allerd­ings genügt, um dabeizu­sein, der eherne Grund­satz der Infor­ma­tion­swelt, dass alles, was hier und heute ver­sick­ert (oder ›ver­füllt‹ wird), irgend­wann wieder hochkommt – ein Grund­satz, der, kon­se­quent auf Ver­gan­gen­heit ange­wandt, viele Ver­gan­gen­heiten anstelle der einen erzeugt, als Beschw­erde­fälle, ver­han­del­bar täglich, Brechreiz inklusive.

17.

Es trifft sich, sozusagen, dass die men­schliche Neugier von den flüchti­gen Momenten vor dem Absturz in die Erken­nt­nis lebt, an der Sache (welcher auch immer) kön­nte etwas faul sein. Dass das Nach­denken über die Macht, die anges­tammte Domäne der Intellek­tuellen, in den späten achtziger Jahren kurzfristig wieder in Gang kam, nach­dem es sich bere­its im Gestrüpp der Wün­schbarkeiten ver­loren hatte, ver­dankte es zwei Ereignis­sen, die auf höchst unter­schiedliche Weise vor­führten, dass der Begriff ›Welt­geschichte‹ neben der dok­trinären auch eine prak­tis­che Dimen­sion besitzt. Gor­batschows Per­e­stro­jka und die Rushdie-​Affäre verän­derten die Szenerie insofern, als sie das Denken des Undenkbaren zur Bürg­erpflicht machten. Wo vorher Schweigen geboten war, weil, wie in bezug auf das Demokratiede­fizit des Ostens, die zer­mürbte Hoff­nung alles Nach­denken hatte zer­rin­nen lassen, oder weil jedes in Rich­tung der ›Drit­ten Welt‹ gesproch­ene Urteil als Vorurteil und als spätkolo­nialer Reflex gedeutet wer­den kon­nte, ging es mit einem Mal darum, unzwei­deutige Grund­sätze zu for­mulieren und an ihnen festzuhal­ten, gle­ichgültig, was geschah. In bei­den Fällen han­delte es sich um Schaus­piele, die ihr Pub­likum gle­ichzeitig über– und unter­forderten, in den Details unüberse­hbar und mit ungewis­sem Aus­gang. Nüchtern betra­chtet ging es für west­liche Intellek­tuelle um nichts, außer vielle­icht, dass sie, als ›west­lich‹ vorge­führt, sich ihrer Bedeu­tungslosigkeit vergewis­sern durften. Während die östliche Umgestal­tung ihnen immer­hin erlaubte, sich in einem begriff­s­losen Zus­tand zwis­chen Hof­fen und Ban­gen zu bewe­gen, hatte es die ›Dritte-Welt‹-Attacke auf einen der ihren in scham­loser Offen­heit darauf abge­se­hen, sie zur Bewe­gungslosigkeit zu ver­dammen. Dem Gelin­gen des Gorbatschow-​Experiments ent­ge­gen­zu­fiebern hieß, sich einen Ehren­platz bei der Erschaf­fung der Kri­tik aus dem Geist eines Sys­tems zu sich­ern, das der­gle­ichen nur außer­halb seines Gel­tungs­bere­iches vorge­se­hen hatte. Es kam, wie man weiß, anders, doch der Phan­tasie bleibt unbenom­men, sich auszu­malen, was geschehen wäre, hätte die Erschaf­fung des Intellek­tuellen aus der Retorte, sprich: einer akklamieren­den Klasse, damals wirk­lich stattge­fun­den. Der zur Offen­heit und Tol­er­anz bekehrte Osten hätte eine Funk­tion mit neuem Leben erfüllt, die den Intellek­tuellen des West­ens zuse­hends ent­fällt, aber nur in Analo­gie, der fortbeste­hen­den Dif­ferenz der Sys­teme wegen. Eine Reise in den Osten wäre für sie gle­icher­maßen zu einer Reise in die eigene hero­is­che Ver­gan­gen­heit und in eine krude gesellschaftliche Zukunft gewor­den, bei der sie in mancher Hin­sicht die Rolle der armen Vet­tern über­nom­men hät­ten, die mit Befriedi­gung und Neid kon­sta­tieren, dass ihres­gle­ichen gebraucht wird – in einer anderen Zeitrech­nung, auf einem anderen Plan­eten, unter der­sel­ben Sonne. Vor­eilige hät­ten, des damals noch kaum in Umris­sen sicht­baren, dann alten Antag­o­nis­mus müde, irgend­wann schreiben kön­nen: Die Intellek­tuellen haben den Plan­eten nur ver­schieden inter­pretiert, es kömmt aber darauf an, ihn zu verän­dern. Sie hät­ten recht gehabt, es geschieht ohne­hin täglich.

18.

Ban­gen und Hof­fen: der Reflex, auf einen Kan­di­daten zu set­zen und das ana­lytis­che Ver­mö­gen in der einen Frage zu erschöpfen, ob er durchkommt – dieser Reflex fühlt sich selt­sam gehemmt, sobald er den kalten Blick desjeni­gen auf sich ruhen sieht, der gegen den Sog der Ver­hält­nisse denken gel­ernt hat und sich das höch­ste Gut, die in schwieri­gen Exerz­i­tien erwor­bene Hoff­nungslosigkeit, nicht durch den zufäl­li­gen Gang der Ereignisse zunichte machen lassen möchte. Die Entschlossen­heit, sich durch die Macht nicht blenden zu lassen, selbst dann nicht, wenn sie ihre blendend­sten Ange­bote unter­bre­itet, nötigt Respekt ab, selbst wenn sie mit der Logik nicht immer auf bestem Fuß steht. Warum auch: Nur zu häu­fig ist die Logik ein willfähriges Werkzeug in den Hän­den willfähriger Werkzeuge. Der Dis­si­dent Alexan­der Sinow­jew, der das Scheit­ern der Gorbatschow-​Reform darin beschlossen glaubte, dass die sow­jetis­che Gesellschaft, ger­ade diese, ihren ›objek­tiven Geset­zen‹ folge und daher jeder dirigis­tis­che Ver­such, diese Gesetze in Teil­bere­ichen außer Kraft zu set­zen, notwendi­ger­weise in nicht bedachten Neben­wirkun­gen ver­puffe – er erin­nerte, ›notwendig‹ fast, an einen Mann, der sich (streng wis­senschaftlich) davon überzeugt hatte, dass nicht ein­mal der kleine Fin­ger seinem entsch­ieden­sten Wille gehorchte. Doch daran ist nichts Lächer­liches, im Gegen­teil. Sinow­jew war von der Erfahrung des Scheit­erns bewegt, die sich an jeden gesellschaftlichen Auf­bruch heftet und die um so pointierter aus­fällt, je weiter die Ziele des Auf­bruchs gesteckt waren. Diese Erfahrung war in der Ver­gan­gen­heit zu teuer bezahlt wor­den, um durch neue Wech­sel auf die Zukunft gedeckt wer­den zu kön­nen. Des­til­liert aus den großen Auf­brüchen des Jahrhun­derts, angere­ichert mit dem Wis­sen, dass der Sta­tus quo schon der ver­gan­gene ist, darf sie daran erin­nern, dass die Umwälzung dieser und jener Ver­hält­nisse, so wün­schenswert sie immer sein mag, den­jeni­gen freie Hand gibt, die unter den ein­tre­tenden Umstän­den ›tun, was getan wer­den muss‹. Die Formel ist, wie jed­er­mann weiß, sal­va­torisch, sie kommt später: wer sie hört, erfährt, dass es wieder ein­mal zu spät ist.

19.

Sinow­jew musste erfahren, dass nichts leichter fällt, als Recht zu behal­ten und dabei seinen Kredit zu ver­spie­len. Wirk­lich waren es die Neben­wirkun­gen der Per­e­stro­jka, die das Sys­tem zum Ein­sturz brachten und den Refor­ma­tor unter sich begruben. Doch der grim­mig prog­nos­tizierte Zusam­men­bruch erwies sich als Weg ins Freie – nicht so umstand­s­los bege­hbar, wie es die eupho­rischen, nicht ganz so labyrinthisch, wie es die arg­wöh­nis­chen Parteigänger des Neuen darstell­ten, auf keinen Fall aber mit der finalen Katas­tro­phe gle­ichzuset­zen, die der Verächter des alten Sys­tems in unheiliger Allianz mit seinen bewährten Wider­sach­ern her­auf­beschwor. Mag sein, dass er, gewitzt durch trübe Erfahrun­gen, rechtzeitig nach neuer Kund­schaft Auss­chau hielt, um ihr seine Schreib­di­en­ste anzu­di­enen – den dieses M8al durch den Gang der Geschichte Enterbten. Wahrschein­licher ist, dass der Umbruch ein­fach die Kom­plizen­schaft an den Tag brachte, die den Kri­tiker an das Sys­tem fes­selt, von dem er sich täglich her­aus­ge­fordert sieht. Uner­bit­tlich holte sie den nihilis­tis­chen Satiriker ebenso ein wie den protes­tantis­chen Typus des ver­lore­nen Sohnes – der ver­lore­nen Tochter –, den die Spätzeit der DDR hervorbrachte.

20.

Wer aufmerk­sam die laufenden Kom­mentare ver­fol­gte, mit denen die schreibende Zunft des West­ens den Umbruch im Osten begleit­ete, der kon­nte leicht den Ein­druck gewin­nen, sie sei von den Ereignis­sen auf dem falschen Fuß erwis­cht wor­den und ger­ate von Anlass zu Anlass tiefer ins Gestrüpp unhalt­barer Polemik hinein. Der Man­gel an Real­itätssinn in fast allem, was in den kri­tis­chen Jahren veröf­fentlicht wurde, war mit Hän­den zu greifen. Kom­pen­siert wurde er durch eine Über­härte in den For­mulierun­gen, die ebenso den Drang zum – fast – geschlosse­nen Markt der Mei­n­un­gen bekun­dete wie das Unter­fan­gen, mit­tels durch­sichtiger Oper­a­tio­nen Ansichten zu erzeu­gen. Der poli­tis­che Essay geriet zur Ver­such­sanord­nung, in der anonyme Wahrnehmungs– und Gesin­nungspar­tikel qualvollen Tor­turen unter­wor­fen wur­den, um Resul­tate zu liefern, die sich ver­hök­ern ließen. Der deutsche Intellek­tuelle feierte seine Wiederge­burt als Homo politi­cus, ohne sich durch die Beobach­tung stören zu lassen, dass er unge­niert die Sprüche der Unpoli­tis­chen anschärfte, um ihre innere Absur­dität auszukosten, die der com­mon sense stets not­dürftig zu ver­hüllen ver­steht. Worauf er behar­rte, war die Dif­ferenz. Die eilige Demon­tage des sozial­is­tis­chen Lagers erzeugte in ihm einen mit dem Gefühl der Erle­ichterung unter­legten Brechreiz, der auf eine exis­ten­tielle Not­lage schließen ließ. Die Vision der einen Welt war und ist nicht nach seinem Geschmack. Das folgt aus dem per­sön­lichen Ver­hält­nis, das er zum All­ge­meinen unter­hält. Die Dis­tanz zum Beste­hen­den muss erleb­bar, muss darstell­bar sein. Sie braucht die Sym­bole der anderen, der dif­fer­enten Welt. Wann immer eines fällt, sind die Intellek­tuellen zur Stelle, die es unter Krokodil­strä­nen vor dem Ver­schwinden in Schutz zu nehmen behaupten. Hier ver­schwand eine Welt: Es bedurfte keiner unter­schwelli­gen Sym­pa­thie mit dem Entwurf, der ihr zugrunde lag, oder seinen Exeku­toren, um mit Bek­lem­mung zu kon­sta­tieren, dass dabei nicht eine, son­dern die Dif­ferenz zurückgenom­men wer­den sollte, die ihre Exis­tenz von der ihrer geld­machen­den Mit­men­schen unter­schei­det, auch wenn die Trennlinie längst im Unge­fähren verläuft.

21.

Die soge­nan­nte Rushdie-​Affäre erin­nerte daran, dass der Weltzu­s­tand, in dem schreiben kann, wer an Tabus zu rühren weiß, auf rev­i­dier­baren Entschei­dun­gen beruht. Sie zeigte, dass die zwang– und reflex­haft geübte (weil nur so all­t­ags­fähige) Tol­er­anz auf ihrem eige­nen Ter­rain erfol­gre­ich her­aus­ge­fordert wer­den kann – eine Lek­tion, welche die herge­brachte über­trifft, derzu­folge es keinen Weltzu­s­tand gibt, der nicht sorgfältig nach Zonen min­derer Sicher­heit sortiert wer­den müsste. Die Her­aus­forderung bestand weniger in dem Ein­bruch prak­tizierter Intol­er­anz (Regelver­let­zun­gen gilt es wegzustecken) als darin, dass Tol­er­anz – oder Lib­er­al­ität – als Repres­sion gegen eine sich der Intol­er­anz ver­schreibende Kul­tur denun­ziert, wirk­liche Tol­er­anz dem­nach als Gewähren­lassen fremder In– oder A-​Toleranz im lib­eralen Staat einge­fordert wurde. Leicht einzuse­hen, dass hier das Wörtchen ›wirk­lich‹, wie meist, die let­zte Hülle beze­ich­net, die wegzuziehen dem Betra­chter nicht ziemt, weil in dem, was darunter zum Vorschein käme, der Obszönität ›nack­ter‹ Inter­essen, sich ohne­hin alle gle­ichen, wie jed­er­mann weiß oder zu wis­sen glaubt. Bemerkenswert hinge­gen die Reak­tio­nen derer, die unverse­hens in einem der ihren den Beruf­s­stand in Gefahr ger­aten sahen, – erstaunlich deswe­gen, weil Leute, die hin­sichtlich der zwei­deuti­gen Mech­a­nis­men der Lib­er­al­ität, denen sie ihre Jobs ver­danken, von Berufs wegen kein­er­lei Illu­sio­nen gel­ten zu lassen bereit sind, sich unver­mit­telt zu ihrer Vertei­di­gung aufgerufen sahen – per­plexe Aufk­lärer, von einer frem­den Macht in die Steinzeit zurück­geschreckt, in die eigene, wohlge­merkt, deren Credo lautet: ›Die Frei­heit des Wortes ist unan­tast­bar‹. Nichts ist pein­licher für den Geist, der sich dem Stand der Dinge, das heißt, der Diskus­sion über sie, in ein­trächtiger Zwi­etra­cht ver­bün­det weiß, als mit abgelegten Parolen in fla­granti erwis­cht zu wer­den. Die Kul­tur der Anerken­nung, die sich an der Zeit weiß, und, anders als die Tol­er­anzkul­tur, auf der unein­hol­baren Fremd­heit des Frem­den beharrt, mit dem man zusam­men­zuge­hen wün­scht – diese wei­thin chimärische und gle­ichzeitig wirk­same Kul­tur gerät aus dem Tritt, wenn ihr von anderer Seite die Anerken­nung ver­weigert wird. Wie man sieht, weiß sie sich zu helfen, wenn es denn sein muss. Die Frage, die, wei­thin unbeachtet, auf dem Tisch liegt und dort wohl liegen­bleiben wird, lautet entsprechend: wie steht es um eine Aufk­lärung, die ihre vor­erst let­zte Ambi­tion darin findet, den Uni­ver­sal­is­mus ihrer Anfänge zu wider­rufen, indem sie ihn zum Abziehbild der par­tiku­laren Ver­hält­nisse macht, in denen er unbe­fragt galt, und die daraus fol­gert, ihre Auf­gabe bestehe darin, der deu­ten­den Unter­w­er­fung des Frem­den Gren­zen zu set­zen durch Rit­uale der Anerken­nung, wenn sie sich unverse­hens genötigt sieht, im unver­füg­baren Anderen den Kampf mit dem eige­nen Gestern aufzunehmen und so den Prozess der Selb­sterfind­ung im Umgang mit dem Frem­den zu reka­pit­ulieren? Das Dilemma ist zu offenkundig, als dass es aus­ge­sprochen wer­den müsste: ein guter Anlass für Arien und Rez­i­ta­tive, wie immer in solchen Fällen. Fürs erste hilft man der eige­nen Klientel.

22.

Der Intellek­tuelle ist am Ende; fragt sich, an welchem. Etwas Fik­tion war seiner Erschei­n­ung immer schon beigemis­cht, kein Wun­der also, sollte er zur Gänze als Fik­tion über­leben. Sinow­jews wun­der­licher Ver­dacht, die Glasnost-​Kulturszene sei unter anderem deshalb in die Welt gesetzt wor­den, um die wahre, die Unter­grund­kul­tur der vorherge­gan­genen Jahrzehnte dadurch auszulöschen, dass man ihre Leis­tun­gen, in Staat­slizenz sozusagen, nacherzeugt, war vielle­icht schon absurd, als er pub­liziert wurde, doch der Ein­fall ist stark genug, um ein­mal als Gedanken­ex­per­i­ment, abgelöst von seinem Anlass, durchge­spielt zu wer­den. Ist eine intellek­tuelle Kul­tur denkbar, die eine frühere dadurch zum Ver­schwinden bringt, dass sie ihre Pro­dukte mit denen der anderen deck­ungs­gle­ich macht, abgerech­net die Motive, die jene her­vorge­bracht haben? Wäre also (die Frage weit­er­getrieben) das Erschei­n­ungs­bild einer Kul­tur denkbar, die als solche nicht stat­tfindet? Angenom­men, es wäre denkbar: was, außer den üblichen Posi­tion­skämpfen, fände in ihr statt dessen statt? Das ist die Frage der Fra­gen, und die aus der Ver­gan­gen­heit des Sys­tems genährte Angst, es gehe ein­mal mehr darum, die Namen der Vor­ange­gan­genen aus dem Gedächt­nis der Men­schen zu tilgen, führt nicht zum Kern des Prob­lems: Namen sind Schall und Rauch. Sie für alle Gele­gen­heiten auf Vor­rat zu hal­ten kann ebenso effizient sein wie gelenk­tes Vergessen, wenn es darum geht, das zum Ver­schwinden zu brin­gen, wofür sie standen. Es ist ja (ein altes Thema) nicht ein­mal aus­gemacht, dass der Gegen­wart daran gele­gen sein muss, die alten Graben­ver­läufe nachzuze­ich­nen und die Beweg­gründe der Beteiligten lebendig zu hal­ten: repro­duzier­bar sind Motive nur als Ressen­ti­ments. Was tat­säch­lich stat­tfindet in einer solchen (nach wie vor imag­inierten) Kul­tur, ist Bewe­gung, ein Aktivieren und Desak­tivieren von Optio­nen, die aus der Tiefe des his­torischen Raumes auf­tauchen und einen Moment lang zur Gel­tung kom­men, weil sie der und der Stand der Dinge ins Licht des Vorteils hüllt. Das Wort ›Option‹ zeigt an, dass es in diesem Spiel nicht darum geht, einen Gedanken zu haben, son­dern darum, ihn zu vertreten, soll heißen, ihn denen zuzus­pie­len, die in der Lage sind, Optio­nen wahrzunehmen oder zu ver­w­er­fen. Die mobile Kul­tur hat die Mobil­isierun­gen der Ver­gan­gen­heit hin­ter sich, sie hält sich zur freien Ver­fü­gung, wis­send, dass die von ihr bere­it­gestell­ten Optio­nen keineswegs real­isiert, son­dern allen­falls ver­folgt wer­den kön­nen, bevor andere sie ver­drän­gen. Der Grund dafür ist ein­fach. Er liegt darin, dass Optio­nen Prob­leme ad hoc, nicht fortschre­i­t­end inte­gri­eren, sie also im Fort­gang der Angele­gen­heiten zer­fallen und ersetzt wer­den müssen. Ihre Inte­gra­tionstiefe ist ger­ing, das zwingt sie, in Konkur­renz zu leben: die Dinge lassen sich immer auch anders bün­deln. Wenn Anerken­nung wech­sel­seit­iges Fremd­sein voraus­setzt, dann ist sie hier ver­wirk­licht. Die Option, die keinen Käufer findet, macht anderen Platz. Einer wird kommen.

23.

»Weder aus dem von mir selbst bei Lebzeiten veröf­fentlichten, noch aus dem nach meinem Tod gle­ich wo immer noch vorhan­de­nen Nach­lass darf auf die Dauer des geset­zlichen Urhe­ber­rechtes inner­halb der Gren­zen des öster­re­ichis­chen Staates, wie immer dieser Staat sich kennze­ich­net, etwas in welcher Form immer von mir ver­fasstes Geschriebenes aufge­führt, gedruckt« etc.: der sel­tene Vor­gang, dass ein Schrift­steller (T. Bern­hard) einem Staat, »wie immer dieser …« sich kennze­ich­net, tes­ta­men­tarisch das Recht auf den Genuss (tech­nisch gesprochen) seiner Schriften entzieht, ihn also förm­lich enterbt, ver­rät eine Staat­snähe, ja Staatsin­tim­ität von Serenis­simus­for­mat. Zwar fehlt der großen Enter­bungs­geste die Ein­set­zung des guten Zwecks (›über­lasse meine sämtlichen … Druck– und Auf­führungsrechte vor­be­haltlich … dem Sana­to­rium Wald­hof sowie der Kreb­shilfe e.V. zu gle­ichen Teilen …‹), doch ergibt auch die Zer­streu­ung quasi in alle Winde einen guten Sinn unter der Voraus­set­zung, dass hier einer schon zu Lebzeiten jenen nichts schuldig geblieben ist, denen er posthum die Teil­habe an seinen Werken entzieht, dass also nicht Vergel­tung, son­dern Ver­flüch­ti­gung das Motiv der Ver­fü­gung ist. Nicht von unge­fähr klingt in ihr der Ton­fall eines anderen, kaum weniger kur­renten Textes nach: »Wer Ban­knoten nach­macht oder ver­fälscht oder nachgemachte oder ver­fälschte sich ver­schafft und in Verkehr bringt …« Beide Aus­sagen lassen sich unschwer aufeinan­der beziehen. Das Tes­ta­ment, gele­sen als Kon­trafak­tur, ver­fügt die Auflö­sung einer Gegen­währung: der penible Buch­hal­ter der eige­nen Möglichkeiten darf nicht zulassen, dass seine Noten­presse in die Hände des Gemein­we­sens fällt, dessen Gemein­heit in gle­icher Münze und Blüte um Blüte zurück­zuzahlen er ange­treten ist. Der Tote schuldet der Sipp­schaft (denn um sie han­delt es sich) nichts mehr, damit ent­fällt der Anlass, es ihr weit­er­hin heimzuzahlen, in welcher Form eines ›ver­fassten Geschriebe­nen‹ auch immer. Schließlich ver­langt die Sipp­schaft nur eines, das aber uner­bit­tlich: dass einer wie dieser sich nicht aus­nimmt, dass er bleibt, wer er ist, einer der ihren, und zwar durch und durch. Der­jenige, der es ihr heimzahlt, deutet damit an, dass er so vieles zu geben hätte, unter anderen Kon­di­tio­nen, den seinen näm­lich. Stich­wort ›let­zte Rollen‹: Der Dichter als gekränk­ter Machthaber oder Serenis­simus in der Unterwelt.

24.

Nichts ist kom­pro­mit­tieren­der als die in den öffentlichen Raum gestellte Frage ›Was tun?‹ Wer sie stellt, zieht die eigene Kom­pe­tenz oder die seiner Berater in Zweifel: da draußen ist jemand, der weiß es besser. Wer sich ange­sprochen fühlt, den nötigt sie, eine plöt­zliche Summe aus Beobach­tun­gen zu ziehen, in denen, falls sie etwas tau­gen, Kon– und Diver­gen­zen sich gegen­seitig auf den Plan rufen und einan­der am Ende aus­tari­eren – nicht, weil das der Struk­tur der Wirk­lichkeit entspräche, son­dern weil nur auf diese Weise den Strate­gien des Beobacht­ens keine Gewalt geschieht. Die Erziehung der Intellek­tuellen zur Praxis der täglichen Dinge gle­icht einer Gehirn­wäsche: der entste­hende Zwit­ter mag hier und da brauch­bar sein oder sich brauch­bar vorkom­men, auf jeden Fall ist er über­flüs­sig und, was schw­erer wiegt, über­holt – Ver­stärker eines Geschreis, das jede hör­bare Laut­stärke übertrumpft. Das Wir-​Virus: Marken­ze­ichen des kollek­tiven Schwachsinns oder das Wun­der der Transsub­stan­tial­ität: ›Solange wir nicht, wenn wir wollen, dass…‹, ›wir sind ver­ant­wortlich, wenn…‹: hier vol­lzieht sich die laut­lose, durch Blödigkeit gemilderte Ver­wand­lung des Indi­vidu­ums, des Sprech­ers, um vor­sichtig zu sein, in das Gat­tungssub­jekt: denn dass es die Men­schheit ist, die sich ihrer selbst annehmen muss, steht in jedem Fall außer Frage.

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