Es gehört zu den gern beachteten Zügen Rilkes, dass er seine Epochenkritik als Kritik am Maschinenzeitalter vorträgt, gleichzeitig aber betont, ein Wissen über das in ihm sich ankündigende ›Neue‹ sei noch nicht zu erlangen. Jeder, der das Wissen auf seiner Seite glaubte, konnte hier mühelos die eigenen Einfälle unterbringen. Aber hält man einen Augenblick daran fest, dass ein noch nicht gewonnenes Wissen keines ist, jedoch, stetig ins Auge gefasst, einem jeden Wissen eines um seine Nichtverfügbarkeit beimengt, so sieht man sich sachte genötigt, in dem imaginären Denker, in dem es vorgedacht ist, da es anders nicht gedacht werden kann, die sich nirgends zur Gestalt straffende Figur des Engels zu erkennen. Der imaginäre Denker enthält das zu Denkende, weil er die Zeit enthält.

Mit einem Neigen seiner Stirne weist
er weit von sich was einschränkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende das kreist.

Das Neue ist nicht epochal, es ist das Neue. Aus ihm erneuert sich die Welt, es ist die immer und nie überschrittene Schwelle. Die Unfasslichkeit des Engels ist eins mit der des Ringers, der sich auf keine Weise fassen lässt. Er lockt die Griffe hervor, über die hinaus nichts zu tun bleibt. Der Sieg – ›rein und unerkannt‹, wie es im Gleichnis vom Weinstock heißt – wird fühlbar erst im Tod der Intention, im Es ist vollbracht, das neutestamentlich zu nennen sich von selbst verbietet, da aus ihm nichts hervorgeht, was nicht zum Gegenstand erneuter Klage taugte:

Ach, die Erfüllung stürzt aus dem Versprecher
und ist schon fort: vergossene Natur.

Die Rede vom ›Versprecher‹ ist eindrücklich genug, um den von Freud in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916) hergestellten Zusammenhang zwischen der ›alten Zauberkraft‹ des Wortes und den psychischen Ursachen der verbalen Fehlleistung ins Gedächtnis zu rufen. Die Irritation durch das dichterische Wort – das ein Stück erfüllten Lebens einschließt – erscheint in diesem Licht untrennbar verbunden mit der Irritation durch die Entdeckung, dass das Ich, wie es bei Freud heißt, nicht Herr in seinem eigenen Hause sei. Freud nennt sie eine narzisstische Kränkung und stellt sie in eine Reihe mit der kosmologischen und der biologischen Kränkung, die ihr in der Geschichte der Wissenschaften vorausgehen. Spuren dieser Irritation finden sich bei Rilke allenthalben. Sie setzt Narziss in Arbeit. Was sich ohnehin vollzieht – das individuelle Leben –, muss hinfort geleistet werden.

Doch die Dinge liegen komplizierter. Das Es, das sich im Versprecher gegen das seiner Absichten und Mittel gewisse Ich durchsetzt, repräsentiert die Mechanik der Gefühle. Was soll das heißen? Es – es selbst – agiert. Was im seltenen Glücksmoment an die Oberfläche drängt, benimmt sich, als warte jenseits des Bewusstseins von jeher ein zweites Ich auf seinen Einsatz: ein Meinen quer zum eigenen Meinen, dem dieses im Glücksfall nichts weiter verdankt als – Erfüllung. Dass dies nicht mehr ist als willig (oder unwillig) hingenommene Täuschung, darüber spricht die tödliche Ironie der späten, von Krankheit redenden Verse, die das Freudsche Programm, es solle, wo Es war, Ich werden, in sein Gegenteil verkehren:

Aus der Ferne des
Geschlechtes kommen alte Forderungen:
wie vieles hab ich wider sie errungen,
mit ihrer Kraft .… Das Ich versagt am Es.

Die ererbte Lebenskraft trägt und begrenzt das Zufallsspiel der Emotionen, dem das Ich Sinn unterlegt, um am Ende sein Versagen einzugestehen. ›Das Ich versagt am Es‹, das bedeutet: Was sich gegenüber dem geschwächten Ich durchsetzt, ist einerseits die gut analysierte Mechanik des Lebens, andererseits das Sinnferne, das jeder Analyse spottet. Freud selbst kennt diese Doppelansicht des Unbewussten ganz gut. Doch er blendet sie aus: »der Analytiker lehnt es ab zu sagen, was das Unbewusste ist.« Das mag für die Analyse hinreichen. Der Dichter befindet sich in einer weniger glücklichen Lage. Die von ihm aufgeworfene Frage lautet: Welche Größe begrenzt das Übermaß an Zufall, das jene doppelte Lesart der elementaren Schwäche des seiner selbst bewussten Subjekts offenbart, so dass das, was ihm zufällt, auch zurechenbar erscheint? Die Antwort ist von verblüffender Strenge. Das individuelle In-​der-​Welt-​sein genügt, um den Zufall aufzuwiegen. So jedenfalls sagt es das Bild von Blume und Bach:

Nicht anders, ach, ist unser Hingestelltsein
an der Gefühle stürzendes Gebraus;
meinen sie uns denn? … Doch das In-​der-​Welt-​sein
gleicht diesen Überfluß an Zufall aus.

Wie also steht es um das Lächeln des steinernen Engels am Dom zu Chartres? Worin besteht seine Unwiderstehlichkeit für den Betrachter? Die neunte Elegie gibt eine Antwort. Es scheint nicht widerrufbar. Denn genau das wird dort vom In-​der-​Welt-​sein gesagt.

Ein Mal
jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nichtmehr. Und wir auch
ein Mal. Nie wieder. Aber dieses
ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.

Aussagen sind widerrufbar. Das Dasein, nicht widerrufbar, ist das, woran des Widerrufens kein Ende wird. Jedes vergangene Dasein, als vergangenes apostrophiert, lebt in der Apostrophe auf. Umgekehrt ist das Gefühl der notwendig zweifelnden Auslegung stets voraus. Das gilt auch und gerade dann, wenn der Auslegende davon Abstand nimmt, hinter der ihn forttragenden Emotion den existentiellen Sinn zu wittern, der sein Leben mit Bedeutsamkeit füttert. Das Bewusstsein der Nichtigkeit des Anlasses verschlägt nichts, jeder Anlass ist nichtig, aber er ist es schon gewesen, wenn die Woge der Emotion ihn als Anlass kenntlich macht und ineins zurücktreten lässt. Der lächelnde Engel ist fühlender Engel, weil das Gefühl nicht die Maske des Lächeln behält, sondern nur das Lächeln, das sich bereits in ihm entfaltet.

Warum dann Klage? Warum ›Elegie‹ und nicht ›Gesang‹? Die Klage entspringt der Trauer, jener Art von Bewusstheit, die um die zu schließende Kluft zwischen dem leeren, harrenden, im Trostlosen erfahrenen und die Tröstungen verschmähenden Ich und jenen Zuständen weiß, in denen es sich als keiner Ergänzung bedürftig erfährt, seltenen, kostbaren Zuständen, denen gemeinsam ist, dass sie nicht dauern. Der futurisch-​konjunktivische Einsatz der zehnten Elegie hält dieses Wissen noch in der übersteigenden Rede fest. Nicht anders in den Sonetten an Orpheus. Dort heißt es: Gesang ist Dasein. Das bedeutet: Gesang entspringt in solchen Zuständen, er enthält sie und trägt sie aus. Aber der das sagt, dem Gesang aus allen Poren schlägt, er hält inne, er hält und erhält sich im Bedenken, er bittet um eine Dauer, die sich im Gesang ankündigt und schon verklingt. Der Gesang ist das Versprechen, die Elegie die Bitte, es einzulösen, eine an niemanden gerichtete Bitte – denn der Engel ist niemand. Die Spannung der Elegien – und die Sonette stehen ihnen darin kaum nach – löst sich nicht in Gesang. Sie stellt sich her, indem sie sich löst, sie löst sich und stellt sich aufs neue her, sie schafft ihre Dauer. Rilke respektiert damit – im Gegensatz zu George – eine Grenze, die Baudelaire früh gezogen hat: »Es ist eines der wunderbaren Privilegien der Kunst, dass das Schreckliche, künstlerisch ausgedrückt, Schönheit wird und dass der in Rhythmen und Kadenzen gefasste Schmerz den Geist mit einer stillen Freude erfüllt.«

Das ist noch schlicht gesagt. Das Wissen um die Grenze, wie es sich in den Elegien ausspricht, geht unvergleichlich darüber hinaus. Aber es hält daran fest, dass Bewusstsein ohne Leiden nicht zu haben ist, dass der Geist im Leiden seiner Möglichkeiten innewird, um sie zu ergreifen. So heißt es in Marcel Prousts A la recherche du temps perdu: »Denn, wie wenig Dauer unserem Leben auch beschieden sein mag, so lassen doch nur, während wir leiden, unsere in gewisser Weise von unaufhörlichen, doch unaufhörlich wechselnden Rhythmen bewegten Gedanken wie in einem Sturm bis zu einer bestimmten Höhe, in der wir sie erkennen können, jenen ganzen von Gesetzen beherrschten Komplex aufsteigen, auf den wir sonst, an einem ungünstig gelegenen Fenster postiert, keine Aussicht haben, denn in der Windstille des Glücks ruht er zu unbewegt und in zu großer Tiefe unter uns…«